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Full text of "Schriften zur Kritik und Litteraturgeschichte"

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I. 




öerltn. 

1899. 



"Büxxtht. 




\n bem SSortuort @rid^ ©d^mtbtö äum ätoeiten ©anbe 
biefer ©diriften toax ber Slbfid^t Slu^brud gegeben toorben, bie 
©ammlung nad^ Serna^s' öotäettigem Eingang ntd^t tpetter fort= 
äufü^ren. Snbeffen brangen, atö biefer @ntf(f)Iu]3 funb tpurbe, 
ju ben D^ren ber SRädiftbetl^eUigten mal^nenbe (Stimmen üon 
gteunben unb gad^genoffen, fo l^äufig unb bringenb, bafe fie ntd|t 
überhört tnerben burften. Qumai bie trefflidien SBorte ©auerö (in 
ber "iDeutfdien Sitteraturäeitung üom 15. Sanuar 1898) muj^ten 
ju erneuter emft^after Srtüägung aufforbern, ob nid^t in bem öitbe 
be§ 5*^rfd|er^ JBerna^^, baö biefe Sammlung ber ?Jad^h)eIt über^ 
tiefern foll, nod) toefenttidie Qüq^ ju ergänsen feien, ob feine 
über brei Satirje^nte umfaffenbe 3;t)ätig!eit al§ Sd^riftfteHer fi^ 
in bem SSorl^anbenen genügenb unb gutreffenb barfteßte, ob enblid) 
unter ben an fe^r üerfd^iebenen unb jum S^eil !aum mel^r ^u^ 
gänglid)en ©teilen öerftreuten Strbeiten nid|t nod^ fo mandie ber 
Srneuerung unb (£rt)altung toertl^ feien. 

S)ie Slnttoort auf bie erfte biefer g^ragen ergab fid^ burd^ 
einen SSergleid^ beffen, toa^ bie beiben öänbe barboten, mit 
bem Umfang be§ ©ebieteö, ba^ SBernat)^ forfd^enb unb lel^renb 
erobert unb toie fein anbrer in feiner Qdt bel^errfd^t l^atte : be§ 
ttjeiten ®efamtbereid)e§ ber toefteuropäifd^en ©eifte^gefd^id^te 
tjon ben ^^Un an, ba bie t)omerifd)en ®efänge jur §arfe be§ 
Sl^apfoben ertönten, bi^ ju ben jüngften S^agen, beren Iitterarifcl)e 
^robuction er mit aufmer!f amem , freitidi feiten billigenbem 



— VI — 

S&IidEe bi^ an fein Snbe unabläffig Verfolgte. S)enn obtoo^ 
Söerna^ö fid^ öornel^ni öom ftaubtgen ®etDü^( bcr fämpfenben 
litterarifdien ^arteten fernt)ieU, fo fonnte bod^ fein Xagebud^, 
fonnten feine brieflid^en Sleufeerungen bezeugen, ba^ er it)nen 
feine Xt)ei(nat)me feine^tpegö üerfagte unb ju bem toüften „9iem^ 
branbt aU @rjiet)er" ebenfo Stellung na^m tuie ju ben neueften 
naturaliftifdien SRomanen ber g^ranjofen unb 9iuffen. 

gür bie früheren ^erioben feinet Sebenö boten ftd) öoHenb^ 
in überrafd)enber güHe bie öelege bar, bie betpiefen, mit tpetd^em 
regen Sntereffe er bie ©rfd^einungen feiner 3^^^ öerfotgt l^atte, 
tüie er Don ber SBarte beg toiffenfd^aftlid^ gefd^ulten Sritiferö 
i^nen SSertl^ unb Untt)ertl^ abäumeffen üermod^te. §öd^ft reijDott 
erfd^ien eö, eine ?lnäal^I bebeutfamerer SBer!e jener fedgiger unb 
fiebriger 3al^re, bie nun fd^ön faft njie eine ferne 9Sergangent)eit 
^nter unö liegen, in bem ©eifte eineö ber reifften il^rer 3^^*' 
genoffen fid^ fpiegefn ju fe^en, ju erfennen, toie jene abtoeßenbe 
6pigonenbid)tung öor feinem Urtt)eil beftanb. 

9?icl)t minber angiel^enb finb biejenigen 9tuffä^e, bie fid^ mit 
bem beutfd^en Il^eater berfelben 3^^^ befaffen. Sie jeugen ba* 
t)on, ba]3 öerna^g ben 9?iebergang unfrei S)rama2^ unb unfrer 
SSül^ne ftar erfannte unb bie SBieberl^erfteHung be^ Äunftftite 
ber 2)arfteIIung, bie äufammenftimmenbe SBirfung aller Sl^eile, 
bie SBefämpfung beö üagierenben SSirtuofent^umö, bie §ebung ber 
ted^nifd^en unb geiftigen SBilbung ber ©d^aufpieler a(ö 9JiitteI jur 
SBefferung anfa^. 

SDa^ e§ mögtid^ tt)äre, fold^e Setrad^tungen an 95ernal)§' 
gebrudEte öffentlid^e Steufeerungen ju fnüpfen, fonnte in ben erften 
beiben Söänben l^öd^ften^ ba^ ©d^riftenöeräeid^ni^ Iet)ren, S)er 
übrige Sn^alt bedEte nur einen befd)eibenen Slu^fd^nitt bes^ Äreifeö 
feiner Sl^ätigfeit, bie grofee Qüt ber neueren beutfd^en 2)id^tung, 
über bie nur jtoei ber Stuffä^e in 9?ad|barfelber l^inein reid^ten. 
(S^ fet)Ite jeber Söeteg für bie lebenslange, tiefgrünbenbe SBe- 
fd^äftigung mit ben altftafftfd^en Sitteraturen, jumal mit §omer, 
ber griec^ifrtien unb römifd^en Äomöbie, ^oraj unb ben ©legifern 



— vn — 

unb ©atirücrn, bte leintet tl^m ftel^en; fein 3^"9"^fe fprad^ für 
bQ§ intime SSert)äItni]3 junt ttalienifd^en 6po§ ber SRenaiffance, 
ju ben 9?eulateinern unb 5ßl^itotogen be§ fed^jeönten unb fieb- 
je^nten Sal^rl^unbertö, ju Sl^afefpeare, jur 3)id^tung ber ©panier 
unb ^ortugiefen, unb nur geftreift tourbe ba§ Itaffifd^e S)rama 
ber granjofen, ba^ öerna^^ aU ein t)öd^fteö in feiner Slrt, ber 
geltenben Slitfd^auung jum %xo% mit immer tuad^fenber, särtlid^ 
bemunbernber SReigung umfaßte unb prie§. SSoHenbö jene ©tubien 
auf bem ®ebiete ber neueren unb neueften engtifdien 2)ic^tung, 
bie t)or affem feinem Siebling SBorb^tuortl^ galten, fonnten in 
ben ©d^riften um fo tueniger bofumentarifd^e öeftärtgung finben, 
ba l^ier atteö im SBereid^e innigfter Slneignung, ftilfen 5)urd^' 
benfenö unb ©urd^fü^lenö unb gelegentlid)er münblid^er ober 
brieflirfier Sfeuj^erungen geblieben tuar. 

3)a§ gilt nun aud^ öon einer beträct|t(idE)en 5Ihjal^l ber 
übrigen ^öl^epuncte SBerna^Sfd^er gorfdE)ung. 2)a§ SReifte unb, 
tt)ir muffen e§ leiber fagen, ba§ SBefte, tuaö er an gjeiftigen 
@cf)ä^en auö btn unget)euren t)on il^ni Verarbeiteten SRaffen ge- 
monnen l^atte, i'ft mit it)m ju ®runbe gegangen. 2)aö gett)altige 
®efamtbilb faft alter altern unb neuern Sitteraturen, bag üor 
feinem ®eifte ftanb, bie Sinien, bie er über bie Sal^rtaufenbe 
^intt)eg t)on einer groj^en ©rfd^einung jur anbern fül^rte unb 
burd^ bie er baö tueit Getrennte jur ©inl^eit öerbanb, — er l^at 
fie mit lebenbigem SSorte oft genug greunben unb ©d^ütern ju 
jeirf)nen getoufet, aber niemals l^at er fie mit feftem ®riffel fo 
tüie er, unb öieHeid^t fein anbrer ber ß^itgenoffen, fie erbtidft, 
aufö Rapier ju bannen unb bamit ben ©pätern afe Srbe ju 
erhalten öerfud^t. 

Smmer^in Vermögen toir aber bod|, jumat für bie ©tiafe- 
fpeareftubien, ftattlid)e öetoeife ju erbringen, nidf)t minber für ba§ 
oben berührte Sntereffe am S^^eater unb ber 2)idE)tung ber^cit. 
ßrfütten alfo aud| bie neuen ätoei Söänbe bie 9tufgabe, ba§ 99ilb 
be^ gorfd^erö 99erna^§ ju liefern, feine^loeg^ t)ott!ommen, fo 
greifen fie bod) über bie ©renjen i^rer SSorgänger toeit l)inau§ 



— VIII — 

itnb fönnen tüenigftenö in ber großen Slbl^anblung Ueber ßttate 
unb 9?oten einen annäl^ernben Segriff öon bem Umfang geben, 
ben er mit feinem ©liefe umf))annte. 

3)iefe Slbl^anblung getoälirt jugleid^ bie befte Slnfd^auung Don 
ber ©genart be^ ©d^rif tftellerö, tt)ie fie fid^ am ®d)Iuffe 
feiner 2aufbal|n l^erau^gebilbet l^atte. Sin jüngerer gad)genoffe, 
beffen liebeöoÜe^ SSerftänbnife beö l^eimgegangenen großen fiitterar^ 
l^iftoriferö fidl in aÜen übrigen Runden betöäl^rt, ftellt bie S5e:= 
I|aut)tung auf: „©eine ©d^riftftellerei l^at feine ®efd)id^te ge^ 
l^abt; fein erfteö SBerf ift gerabe fo geartet unb fo reif tt)ie 
fein le^teö." SBäre bem fo, bann bürfte man, um ©ernat)^ 
afe Slutor fennen ju lernen, fid) mit ben bequem jur §anb 
liegenben, felbftänbig t)ublicirten ©d^riften ober ben in ben erften 
beiben ©änben biefer Sammlung entl^altenen SIrbeiten begnügen. 
STber ein 83Iidf auf bie altern Sluffä^e geigt, ba^ ber fonft fo 
grünbtid^e Seurtl^eifer fid^ in biefem ^uncte in einen 3rrtl|um 
befanb, ber aKerbingö burd^ bie bereite berül^rte Unäugänglid^feit 
ber früljen Slrbeiten ©erna^ö^ fel|r entfd)ulbbar toirb. 

3)ie lange 9teil|e öon Äritifen unb ßl^arafteriftifen, bie ber 
erften, in§ fieben ber SBiffenfd^aft mäd^tig eingreifenben @d)rift 
Ueber Äritif unb ©efd^id^te beö ®oett)efd^en S^ejteö t)orau§= 
gingen, betoeift baö öoßauf. §ier fud^te ©ema^ö afe Stage^^ 
fd^riftfteHer gu tt)irfen, freilid^ afe ein Sage^fd^riftfteller, tüxz e^ 
beren nur fel^r toenige gegeben I|at. 9D?it feftem unb fdjneHem 
©lirfe fafete er bie ©rfd^einungen inö 5tuge unb fud)te ber großen 
9D?enge ber gebilbeten fiefer in tpeitöerbreiteten, angefetienen Dr= 
ganen bie ©ebeutung neuer ^id^tungen, großer n)iffenfd^aftlid^er 
^erfönlid^feiten ober l^eröorragenber @d^auf))ieler gum ©ett)ufetfein 
gu bringen. S)em Särmen jener 3Keute, bie bie ©erül^mtljeiten 
beö Xage^ fläffenb begleitet, um beim §ert)ortreten eines anberri 
®egenftanbe§ ber allgemeinen Slufmerffamfeit fogleidi auf bie 
frifc^e gäfirte abjufd^njenfen, — biefem Särmen l^at er nie feine 
Stimme beigemifdjt ; aud^ t)ier galt eS il^m ftetig allein, au§ einer 
gefeftigten fünftlerifd)en unb ftttlidien 9(nfd^auung l^erauS bem,. 



— IX — 

tt)aö er für gut unb red^t crfanttt f)attc, ®e(tung ju. üerfd^affctt^ 
ba§ @d^Ied)tc unb ^liebrige a&cr mit allen Ätäften jornigcr @nt* 
rüftung ober fd^arfer ©atirc abjutoel^ren. 

(£^ Icud^tet au§ biefen erften SIrbciten eine ernftc Sluffaffung 
ber ^fßd^ten be§ Srititerg, eine ®rö§e ber menfd^Iid^en nnb 
toiffenfd^oftlid^en ©eftnnung l^eröor, bie um f o Ijöl^er anjufd^Iagen 
ift, tt)enn man fid) öcrgegentüärtigt, unter tt)eld^en äußeren Um* 
ftönben fie entftanben finb. 

S)a6ei i)at bie leidste 9tnmut^ ber ^orm unter bem ge- 
tt)ic^tigen Snljalt feineött)egö gelitten. (Sie ju erreid)en, beburfte 
e^ für ^tma\)^ nid^t ber 9InnäI|erung an ben Jon, ber feitbem 
jum ©d^abcn ber 3Biffenfd|aft aud^ in il^r SIrbeitögcbict ein* 
gebrungen ift unb ber ben bcljanbelten ©egcnftanb nur a(ö ba^ 
C&ject betrad^tet, auf bem ber SSerfaffer bie ÄriftaÜe feinet 
aSi^eö fid| anfammeln, if)re fdjarfen Tanten blenbenb funfein 
Iä§t. 3m ®egenfa^ ju fold^cm felbftfüd^tigen ©eftreben tritt 
l^ier ber Slutor bcfd£)eiben jurüdf; er fül^It fid^ afe S^ermittler 
ätt)ifd^en bem 3Ber!e, ber ^erfönlid^feit, bie er öorfüljrt, unb bem 
Sefer, bem er bie ©rfcnntnife, bie il|m felbft aufgegangen ift, 
übertiefern toiH; nur toeife er biefe @r!cnntnife il|m iurdt) bie 
Slarl^eit unb ungefud^te @d^önl|eit ber ®t)rad^e, burd^ einen 
lebenbigen, bem gefeüigen ®t\pxaä) abgelaufd^ten 3;on ju er= 
leidstem. 

SRan crfennt, bafe bie njol^Uautenb bal^infliefeenbe 9flebc fid^ 
an bem unöergleid^Iid^en Sbcnmafe jener ^etiobcn gebilbet ^at^ 
in benen ber nur ben Salären nctd^ alte ®oetI|e feinem 3SoI!e 
ba§ fiepte unb §öd^fte, toaö er ju fagen l^atte, mittl^eilte; aud^ 
bie milbe §eiter!eit ber ©eefenrcife, bie ben lefirl^aften ©diriftcn 
be^ oielgeliebten ^id^tcr^ eigen ift, fud^t 93erna^§ nid^t o^ne 
(Srfolg über ben ©ruft beö Snl^altö ju breiten, ©benfo njirb 
man ben ©nftufe beö gröfetcn 3Keifter^ barin erfennen bürfen, 
ba§ er bie fünftlerifd^e Srfd^einung aU natürUd) genjorben, 
organifd^ cnttoidfelt betrad^tet; fie fteHt if)m gemcinfam mit ben 
ücrttjanbten bie 9tbtt)anblungen beö auf^ufinbenben Urtt)t)u§, 



— X — 

bag 5ßrobuct beg innerlid^ toirfenben ©efe^e^ bar. ®o fül^rt 
er allenthalben baö (Sinjclnc jur allgemeinen SBcil^e; er lenft 
ben ©lid be^ fief erg t)on bem gegebenen Dbjeft auf bie ®attung, 
tion bem ©ntftanbenen auf bie Sebingungen be§ Sntftel^enö. 

3m ®egenfa^ ju fetner \p&ttm SBeife fud^t er l^ter nid^t 
burd^ ben 9teid|tf)um be§ S)etaitö, nid^t burdi bie tiefgrünbenbe 
unb nad^ aüen (Seiten au^greifenbe ©rörterung einzelner fragen 
ju tpirfen. SBietmel^r finb e§ gro^e allgemeine ®efid^t^t)uncte, 
bie er fic^ n)ät)(t; er bel^anbelt bie (£rfdt)einungen in il^rer 
3;otaIität unb njeift il^nen il^re Stellung im 9ta]^men ber 
l^iftorifd^en ©nttoidfung an, er ))rüft fie auf äftl^etifd^en SBertl^ 
unb fittlic^e Scbeutung, er fud^t bie Sigcnart, bie fid^ in il^nen 
abft)iegelt, aufäubedfen. 

®erabe je^t, ba bie äftl^etifd^e unb ))f^d^oIogifd|e SRid^tung 
n)ieber gegenüber ber im engern ©inne p]^iIoIogifd£)en ju neuem ^ 
?lnfe]^en gelangt, mag man gern auf bie 3^^9^^ ^^^ ^^ten 
äft^etifirenben ^eriobe äurüdtblidfen, bie mit fd^tpöd^erem 9iüft== 
jeug ä^nlid^e 5ßrobIeme ju benjältigen fud^te tt)ie bie, benen tpir 
un^ nun t)on neuem jutt)enben. @o barf e§ n)o^I ate be- 
red^tigt erfd^einen, biefe altern Slrbeiten aud£) afe 2)ocumente 
äur ©efc^id^te ber Iitterarf)iftorifc^en 3Biffenfd^aft, ate S?or* 
bilber einer im ebelften ©inne ^jo^julären @d^reibtt)eife ju er- 
neuern unb ber ^lad^tpelt ju überliefern. 

®erna^ö felbft l^at inbeffen bie 3laä)tf)^xU ber l^ier 'oox^ 
l^errfc^enben SD^etl^obe ober, beffer gefagt, bie ©efal^r bcö SD?angete 
an ftreng tt)iffenftf)aftUd^er SRet^obe, bie burdi bie äftl^etifd^e ®e* 
l^anblung IitterarI|iftorifd)er ©egenftänbe fieraufbefd^tooren tpirb, 
auf§ Harfte erfannt. ©d^merälid) benjegt rief er au§: „©oK 
benn unfre Sitteraturgefd^id^te fort unb fort ber Summel^jla^ 
eine^ njüften ®ilettanti§mu§ bleiben? 3Bie lange l^at baö ©tubium 
unfrer nationalen Sitteratur unter ber ©d^mad^ gelitten, bafe 
fid^ JU Pflegern bcffelben 3Känner auftüarfen, bie in feinem 
anbern ©ebiete, auf bem eine t)ergebracf)te njiffenfd^aftlid^e 3wö^t 
l^errfd^t, ftd| ungeftraff l^ätten jeigen bürfen! SBer tüoßte eö 



— XI — 

htn äÄeiftern unfrer Kaffifc^cn ^l^ifologte Derargen, tocnn fie 
bie Oeringfd^ägung, bic fold^en Pflegern gebüf)rte, jutpeifen auf 
ba^ ©tubium fefbft übertrugen?'' 

®en SJieiftern ber ttaffifd^cn ^t)tlologte! ®te neuere 
Sitteraturgefd^id^te t)on il^ncn afö gleid^bered^tigten ß^^^Ö ^^^ 
^^Uotogifdien SBxffenfd^aft anerfannt ju feigen, ttjurbe fein 
^auptftrebcn, unb er erfannte, bafe biefeS Qiti nur erreid^t 
tt)erben fonnte, toenn jeber, ber auf biefem gelbe tt)ir!te, ftdö 
bie ftrengften gorberungen p^otogifd^ := l^iftorifd^er gorfc^ung 
gegentoärtig l^ielt. 

hierfür 3Rufter auf aufteilen, liefe Serna^ö fid| in ber 
fpdtern Qtxt t)or allem angelegen fein. 2)ie fubtilen fragen 
ber Sejt:=, ©toff* unb ©ntfte^ung^efd^id^te, bi^ Erörterung bio- 
grapl^ifd^er 6injelf)eiten, bie l^öfiere S!ritif traten in feinen 
Slrbeiten me^r unb mel|r in ben 3Sorbergrunb, bie großen Qn=^ 
fammettliänge n)urben baneben immer toeniger betont. 3)ie Unter* 
fud^ung bettjegte fidt| (angfam öon 5ßunct ju 5ßunct fort. @rft 
toenn ber 3Banberer ba^ ©rbreid^ ber Meinen ^ßarceHe, bie 
unmittelbar öor i^m lag, bi§ auf ba^ ujinjigfie S^eitd^en 
SSobenfrume burdigefiebt unb auf feinen ®et)alt geprüft Iiatte, 
crft wenn aüe 9fleije be§ n)eiten ^orijont^, ber fid^ bem ge* 
übten Sluge beö gernl^xnblidfenben eröffnete, erfd^öpft n)aren, 
fc|te er ben gufe einen ©d^ritt DorttJörtö, um auf ber neu be^ 
tretenen ©dt)oIIe baffelbe 9SerfaI|ren anäun)enben. @r felbft be* 
Ilielt babei immer ba^ ©nbjiel be^ SBegee im 83ett)ufetfein unb 
fteuerte unbeirrt barauf ju; aber ob bie SRel^räa^I ber Sefer 
baju fällig tt)ar? ®r jtoingt fie, fidt| neben if)m in bem 
gleid^en, gemeffenen ß^i^^fe fortjubett)egen unb er Verlangt Don 
i^nen biefelbe Slnbad^t jum S'Ieinen, biefelbe gät)igfeit be^ @id£)' 
tjerfenfen^, be^ gortfpinnen^ ber ®eban!enfäben burd^ toeite 
9iäume, bie er felbft befafe. @§ leud^tet ein, bafe ber ®enufe 
feiner legten ©d^riften baburd) an beflimmte 3Sorbebingungen 
gcfnü)}ft ift, bie fid^ nid|t gerabe f)äufig finben, fo bafe felbft 
mandje gadigen offen nid^t ben rid^tigen ©tanbt)unct ju if)nen 



— XII — 

ju getüinncn öermod^tctt. ©olc^e bcjeidineten benn tpol^l aud^ a(^ 
bie eigenftc, unöerättberlid^e Statut bcö 3Serfaffcr^, toaö fid^ bei 
öoUftänbtgerer Uebetftd^t feinet ©dioffenö alö Srgebnife einer 
langen SntnjidCIung, aU eine 2Irt öon Snteröftil barfteHte. 

3n biefer §infid^t aufKärenb unb berid^tigenb ju njirfen^ 
baö betrad^te id^ afö eine Hauptaufgabe, bie burd) bie §erauö=- 
gäbe beö britten unb vierten ©anbeö erfüllt toerben foH. 

216er freilid^ tt)äre il^r (£rfd£)einen immer nod^ nid^t genügenb 
gered()tfertigt, n)enn fie nur neue S)ocumente jur @r!enntnife ber 
tt)iffenfd^aft(id^en ©ebeutung, ber SntnjidEIung beö gorfc^er^ unb 
®d£)riftfteller^ SSerna^ö enthielten. S)enn fein tt)iffen)d^aftlidt)e^ 
83ud^ foK junädift um beö 5tutorö tpiUen toiditig fein,.folI um 
feine 5ßerfönlid^feit äu beleudt)ten an ba^ Sid^t treten; e^ mag 
fd^tpeigen, n)enn e^ nid^t^ anbreö alg feine eigene ®efd^id|te ju 
erjäl^Ien ^at. SBir Verlangen, • ba^ babuvd) unf re Äenntnife be* 
reid^ert, unfer innerer ©inn angeregt tperbe. 3d^ bin ber Ueber^ 
jeugung, bafe ba§ bei aüen ben l^ier abgebrudtten Sluffägen ^lu' 
trifft, bafe fie aße burd) if)ren ©el^alt bie ©rneuerung öerbienen. 
5tu^ ber totit großem jur S?erfügung fte^enben 3Raffe ftnb fie 
fo au^gen)äf)It tt)orben, bafe aUeö fortblieb, toaö öon SSerna^^ 
anbern)ärtö in äl^nti^em ©inne bel^anbeft tt)orben n)ar, bafe ferner 
t)on ben altern Äritifen unb S^arafteriftüen nur biejenigen 
f)ier erfd)einen, beren ©egenftänbe jegt nod| ein l^öl^ereö SDiafe 
öon Xf)eilnat)me einflößen, bafe enblid) ber Ärei^ litterar^iftori^ 
fdt)er unb ptjilofogifc^er Sntereffen nid^t überfdjritten tourbe. ®eg= 
l^alb finb 5. ®. bie 9teben auf 9tid)arb SBagner unb Subn)ig II.,. 
beren ©rudlegung t)on mandjen ©eiten getpünfdjt ipurbe, fort=- 
geblieben; beibe bebeuten nid)t objeftiüe SBürbllgungen, fonbern 
fie t)ulbigen in eblem 6ntt|ufia^mu^ jn^ei Staturen, in benen fid^ 
für SBerna^ö bie bämonifd)e ©igenart beö @enie§ fid^tbar t)er!ör))erte. 

S)a^ 9Serfat)ren beö Herausgeber^ in SJesug auf ben SBort= 
taut ber 9luffä^e fei nur mit n)enigen SBorten begrünbet. SSerna^S 
Iie§ fid^ in ber 9tegel burd| äußere Stntäffe ^um ©d)reiben an= 
regen: baö ©treben, fid^ felbft mit neuen 6rfdt|einungen auS== 



— XIII — 

tinanberjufe^en, ba^ ®cbürfnife, öerel^rten SKännern bei ge^ 
gebener ®efegenf)eit ju Ijulbigen, furj irgenb ein fubjectiöeg 
50?oment, erregt öom 21ugenblic!, tritt bei ber Wti)x^af)l feiner 
?lrbeiten an bie ©pi^e, burd^tpärmt fie mit einem §and^e 
lebenbigen innern ®efüt)te, ba^ ber tpiffenfti^aftlid^en Erörterung 
ben ©tem^jel ber 5tnf)}rad^e, ber perfönlid^en SOiittl^eilung auf* 
prägt, ©g njöre in Dielen ^Hen unmöglid^, aßentl^alben aber 
unbered^tigt gen)cfen, bie ©puren bicfer ©ntfte^ung^art ju Der* 
mifd^en. 

(Sbenfo mufete ber SSerfud^ung tpibcrftanbcn toerben, ha, n)o 
bie Äenntnife ber Oegenftänbe älterer Slrbeiten injtüifd^en burd^ 
bie gotfd^ung bereichert unb Vertieft morben ift, ettpa burd^ er* 
gänjenbe Slnmerfungen eingreifen ju tpollen. 3iur in ben 
gäHen, too bie ©elegenl^eit ju fleinen ©erid^tigungen fid^ un* 
geätt)ungen barbot, Iiabe id£) fie ftiUfd^lpeigenb Vorgenommen, unb, 
n)ie äu @. 286 biefe^ ©anbe§, auf 9?euere^ l^ingenjiefen, too e^ 
mir ber Silligfeit ju entfpredien fd^ien. Sine 2InjaI|I bon fleinen 
SJermefirungen be^ S^ejte^ unb ber 9lnmer!ungen ift ben Sin* 
trägen beö S?erfaffer^ in feine ^anbejemplare unb 5tbfd^riften 
ber frül^ern S)rudfe entnommen. 

333o bie Don ®erna^^ citirten DueKen fpäter in gereinigter 
©eftatt erfd|ienen finb, j. ®. bie 3Ber!e ©l^afefpeareö unb ber 
bentfd^en Älaffifer, ^abe id^ bie befferen Sefarten, bie ©eiten* 
jal^Ien ber je^t gebräud£)Iid^en Stu^gaben eingefe^t, um bem Sefer 
ba§ 2Iuffinben ber ©elegfteHen ju erleid£)tern. 

35er Steig, ber 9?ad^IaJ3pub(i!ationen in ber 9tegel eigen ift, 
inbem fie einen ®IidE in bie öeröbete SBerfftatt eröffneu, foH and^ 
unfrer Sammlung nid^t ööllig feilten. S^ren ©d|Iufe bilben eine 
^Injal^I t)on uugebrudten ©tüdfen, jum SC^eil urfprüngtid) nirf)t 
für bie Deffentlid^!eit beftimmt, jum Xfjeil fragmeutarifd^ unb 
ol^ne bie le^te geile be^ forgfamen Slutor^. 3)?an toirb, l^offe 
ic^, tro^bem i^re ®rud(egung uid£)t tabeln. 5tm e^eften !önnte 
oielleic^t bie S(btf)ei(ung „(ginjelneg" auf SBiberfpruc^ ftofeen; benn 
€§ (iefee fid^ toof)t barüber ftreiten, ob foId)e ©plitter, bie bem 



— XIV — 

unmittelbaren ©inbrurf ber fiettüre, gelegentlid^en l^tngetüorfenen 
Sleu^crungen entftammen, auf ben ßffentlicfien 3Rarft gel^ören. 

■ 

9Rag ber {(einen Sluötpat)! au§ einer l^unbertfad^ größeren SKenge 
fold^er SBorte ba^ Seben^red^t nid^t abgef prodien lüerben; birgt 
fie borf) fid)er eine 9teit)e Don ®ebanfen, bie if)re anregenbe 
SBir!ung auf bie Sefer nid|t öerfe^Ien tt)erben. 

(£ö bleibt mir fd^Iiefelid^ nocfi bie angenehme 5ßftid|t, benen 
ju banfen, bie fid^ bei ber ^erauögabe biefer Sänbe t)ilfreici| 
ernjiefen ^aben: granjt)onSenbac^,berba§ meifter^afte^ßorträt 
bereittPtHig jur SSerf ügung fteöte, §errn 5ßrofeff or Dr. 333 ü ( f e r 
in Seipjig, ber bie S)urd)fid^t ber auf ©fiafef^jeare bezüglichen 
Sluffä^e freunblidift auf fid| na^m, unb §errn 93ibIiot]^e!ar 
Dr. §oIber in Äarl^rul^e, ber in treuer 3Seref)rung für ben 
Iieimgegangenen 9Serfaffer fämmttic^e Ä!orre!turen reöibirt ^at. 

Sei^Jäig, ben 20. Dctober 1898. 



Jnlialt 



©citc 

SRotrebc V 

I. 3u ®l|Qfef)ieare 

©^afefpearc ein fat^oUfcftcr 3) legtet 3 

StiloIauS S)cUuS* 2lu§0a6c bcr ©ftafefpcareicbcii ^ii^ifc 103 

©^afcfpcarc alg Äenner beS ©alinfinng 127 

3um ©tubium bc« bcutWen unb englifcben Sl^afcfpearc 135 

II. 3ur llaififdien Seit Der Deutidicn Sittcratur 

Ucbct bcn S^aratter ber @mi(ia ®a(otti 187 

3ut Erinnerung an ©ott^olb ßp^raim Seffing 207 

SimmermannS „^ercf", ein 93eifpiel bilettantifc^cr iöüdjafalnif . . 223 

S)ie Sriumoirn in ©oet^eg römifc^en ©legten ^'34 

3u S3urt^arbt§ tlaffif*en ginblingen 241 

©(ftiHerg 9Jlaltefer 251 

&\n alter ^uffa^ Sriebrid? ©«regelS 259 

III. enaralterlftifcn 

3ur ©rinnerung an ^o^ann ®il6elm Soebeü 289 

3u griebri* ©ottUeb 2BeIcfer§ ad?tsigftem ©eburteia^o 300 

U^Ianb als gorftftcr gcrmanifc^cr ©age unb Sic^tuna 304 

Sebc auf ©cteffel • . 329 



I. 



Zn <^gaßefpeare. 



Serna^S, ®d§tiften III. 



Ö^afefpeare ein fat^olifi^er Siebter, 

(|$65.) 

äRart l^at Urfa(^e, einem ?lutot ctfenntlid^ ju fein, her g(ei(^ 
an ber ©d^weHe be§ S9ud^g un§ feine 9tbftd|ten eröffnet unb 
beutKd^ baö,3^^I beseid^net, ba^ er fid^ ju erreidien üorgcnommen. 
35er SBerfaffer be^ öorlicgenben ®uc^ö *) ern^eift unö biefe hanhn^^ 
toertl^eöefäüigfett; gfeid) in ber ©nieitung befennt er imt)erf)o^(en, 
ju tpeld^em 3^^^^ ^^ ^^^ 5^^^^ ergriffen. @r ift erftaunt 
barüber, ba§ ®f)a!eft)care fo t)erfd)iebene unb oft fo fonberbare 
SBeurtl^eilungen erfaf)ren l^at: bie beutfd^e S'ritif jeigt fid^ jtoar 
nic^t fo unöerftänbig, toie bie englifdie; aber aud^ fie f)at ben 
großen Sritcn üerfannt. 2lud^ ®oetI|e unb ©d^iller üermodt|ten 
nic^t^ 6i^ in baö Snnere fetneö SBefen^ öorjubringen ; jener ift, 
toic ^crr 9tio meint, „t)on feinem @taubpun!t eineö natura^ 
liftifd^cn SDiditerg au^" über @f)afefpeare^ 9?aturali§mu§ in 
6!ftafc geratfien." Sdiiüer l^ingegen toarb, „mit größerem SRec^te, 
burd^ SSetounberung be§ 3beali§mu§ @t)a!efpeare^ in Sfftafe 
öerfe^t.'' 3n todä)tm ©inne unferm ®oett)e f)ter ber ©tanb* 
))unct eine^ naturaliftifd^en S)ic^ter§ jugefdirieben tt)irb, bleibt 
un^ üerborgen, unb ebenfo Verborgen finb un^ bie ©teilen in 
©c^itler^ SBerfen unb Briefen, in benen fic^ bie ©fftafe über 
©^afcfpeareö 3bea(igmuö au^fpridt)t. 3n bem 5tuffa^e über 
naiöe unb fentimentalifc^e S)id|tung fteHt ©exilier il^n neben 
ipomer, weil in ben SBerfcn ©eiber bie öoUtommcnfte SSafirl^eit 



^) e^alcfpcatc üon 21. g. Kio. 2lu§ bem granjöfifc^en übctfc^t 

oon Staxl 3^1^* 

1* 



4 3u Slfeafefpcarc 

ber ©arfteHung tierrfd^t, tpeldie burd^ bie fubjeftiöc ®nH)finbung 
bcö Slutorö nicmatö beeinträd^tigt toirb. §(febann erfannte 
©diißer, tt)aö fd^on fieffing erfannt l^atte, bafe ®]^a!ej't)eare, „fo 
t)tel er tt)ir!Iic^ gegen ben Jlriftoteleö fünbtgt, tt)eit beffer mit 
tt)m toürbe au^gefemmcn fein, a(^ bie ganje franjöfifd^e S^ragöbie" 
uttb burd^ iRid^arb III. fül^Ite er ftd^ fe^r lebl^aft an bie gried^ifd^e 
Stragöbie erinnert. (3In ®oet^e 5. 9Rai unb 28. 9?oöember 1797.) 
gaft möd^te e§ fd^einen, al§ l^abe ber SSerfoffer fid^ ju jener 
übereilten 2Ieufeerung burd^ einen mifeöerftanbenen ®a^ in 
®ert)inu§' ©l^afefpeare (4, 321) herleiten laffen. 

9lber mer tt)irb aud^ einen franjöfifd^en STutor fo ftreng 
beim SBort nehmen, tpenn er gelegentüd) einige 93cmer!nngen 
über beutfd^e S)id^ter njagt! Unb man tt)irb biefe (Strenge um 
fo etier ermäßigen, lüenn man ücrnimmt, bafe ber Slutor fid^ 
einen gefäl^rlid^en 5ßoften genjö^It l^at, unb ba§ t)on ben jal^I^ 
reid^en (Segnern, mit benen er in ben Kampf tritt, me^r ate 
einer, nad^ feinem eigenen SIu^brudEe, „Segion l^ei^en !önnte"; 
unfere Strenge foHte alfo tüol^Iöerbientem SRitleib meid^en. 
§err 9Ko l^at fid^ nämlid^ üorgefe^t, ben großen engtifdt)en 
S)id^ter für bie Kattjolüen njieber ju gett)inhen, benen er afö 
gläubiger 3Rcnfd^ unb gläubiger 3)id^ter angef)ört. 3^^^ Iiaben 
bie ©d^riftfteßer unb Sritifer, bie il^m biöf)er i^ren gleife ge^ 
n)ibmet, n)ie in einem geheimen Sinöerftänbnife fid^ bemüht, if)n 
biefer ®enoffenfd|aft ju entjie^en; bie öerfc^iebenen Parteien 
auf bem ©ebiete ber ^Religion unb 5ß^iIofop^ie, rationaliftifdt|e 
5ßroteftanten unb ort^oboje 3Känner ber §od^!ird|e, Sln^änger 
§egefö fottjie 5ßant^eiften unb Slt^eiften Iiaben i^n ber 9fleil|e 
nadt) ju bem irrigen gemad^t; nur bie Sat^olifen l^aben fid§ 
fd)n)eigenb unb unt^ätig öerl^alten ; aber je^t ergebt bie römifd^e 
Sird^e gebieterifd^ if)ren STnfprud^ burd| ben 3Kunb be^ §errn 
9tio unb forbert t)on Segern unb Reiben i^ren getreuen @of)n 
SBilliam ©tjafefpeare jurüdf. 

§err 9tio öer^el^It fid£| nid^t „bie Sütjnl^eit, ober felbft, 
mnn man lüiK, bie ^Sernjegenl^eit feinet Unternef)men§." Slber 



©Öafefpcarc ein fatbolifd^er SDic^tcr 5 

er foöte ttid^t glauben, ba^ er ber erfte fei, ber e^ unternimmt, 
ben ©id^ter beö ^amlet in ben ®d)o^ ber römifd^en Äird^e 
jurüdjufül^ren. S)q er biefem ©egenftanb „ein getpiffenl^afte^ 
unb einbringenbeg ©tubium" getpibmet, ba^ er fogar fdjon „t)or 
mcljr afö einem ^Siertelja^r^unbert" begonnen ^at, fo burfte e§ 
il^m nid^t unbefannt fein, ba§ j. SB. Sl^arleö Söutler ben großen 
SBiQiom an ber ©pi^e ber fat^olifd^en 3)id^ter Snglanbö nennt. 
3Bir tiaben inbejj nid|t im Sinne, benStul^m ju fdjmälern, ber 
^errn 9iio a\i^ feinem Unternehmen ertpadifen möd^te. SSon 
ganjem ^erjen fei il^m unöerfümmert bie (S^re gegönnt, bie 
üReinungen, bie er l^ier Vorträgt, juerft gefaxt unb juerft 
au^gefproc^en ju Ijaben. Unb allerbingg ift er anä) ber erfte, 
ber ju behaupten tt)agt unb ju benjeifen glaubt, nid)t nur, ba^ 
@I|a!efpeare au^ einer fat^olifc^en gamilie ftamme unb felbft ftd^ 
jur römifd)en Äird)e befannt, fonbern bafe er aud| in feinen 
©id^tungen üorne^mlid) ba^in getrad^tet ^obe, biefe Äird£)e, 
toctd^er er mit fo rü^renber Jreue angeljangen, äu feiern unb 
ju erl^eben unb fie an it)ren trium^jtiirenben SBiberfad^ern ju 
räd^en. 3)er 9D?einung 9iio^ jufolge mufete bie innerfte 9?atur 
ber ©]^a!ef)}earefd^en SBerfe unDerftanben bleiben, fo lange man 
in il^rem Url^eber nid^t ben treuen Äat^olifen erfannt ^atte; 
ein SBerftänbni^ biefer SBer!e ioirb je^t erft möglid^, nad)bem 
§err 9fiio il^nen bie feit längerer Qtxt öerftüd^tigte fatf)oUfc^e 
©eele tt)ieber einge^aud£)t l^at. 

SSon njelc^er 2lrt finb nun bie ®rünbe, bie ben 3Serfaffer 
jur Slnna^me feiner 9Reinung beujogen ^aben, unb burd^ tt)eld£)e 
SBenjeife l^offt er un^ t)on ber 3iid|tig!eit biefer 9Keinung ju 
überjeugen ? §at er tt)äf)renb be^ Sßerlaufg feiner f ünf unb^toanäig^^ 
jährigen ©tubien SlRaterialien jur SBiograp^ie ®^afeft)eare^ in 
bie ^ättbe be!ommen, bie üor i^m 9?iemanb auöfinbig gemad^t 
f^at, unb burdi beren ©enu^ung e^ i^m gelingt, bie großen 
Süden in unferer tenntnife öom 2Azn be§ ©id^terg befriebigenb 
auöäufüaen? SBie banfbar n)ürben n)ir für jebe ©ereid)erung 
be§ btogra))]^ifd^en ©toffe^ fein! 3)?an toei^ unb ^at oft genug 



6 3u @l6a!efpeate 

barüber geffagt, au^ tote f^järlid^cn unb trüben Duetten tt)ir baö 
fd^öpfen muffen, toa^ man bie ^togra^jl^ie ®^a!efpeare§ ju nennen 
^jffegt. ©d^on fed^jig big ftebjig 3af)re toaren feit feinem 3;obe 
toerfloffen, afö unter feinen Sanb^Ieuten ber SSSunfrf) rege toarb, 
anä) ettPQg öon ben ßeben^öerl^ältniffen be^ grojäen 3Ranneg ju 
tüiffen, beffen SBerfe um jene 3eit (1685) in einer neuen golio- 
?(u§gabe, ber vierten feit 1623, bem ^ublüum vorgelegt tourben. 
SKan fing an, ju f orfc^en unb ©rfunbigungen einjujiel^en ; aber 
bie äu ft)ät ertoad^te 9?eugier mufete fid^ mit unbebeutenben, l^ier 
unb bort jufammengerafften ®efd^id£)tdt|en begnügen, bie fid^ öiet 
fad^ unter einanber n)iberfprad£)en, unb für bie e^ enttoeber gar 
feine ober nur eine fel^r jtoeifel^afte ®ttü&^x gab. SBenn man 
bie 9?ad^rid^ten betrachtet, bie ettoa um 1680 ber SIntiquar 
Stubre^ jufammenftettte, toenn man l^ört, toa^ bie el^rlid^en 
©tratforber Sürger bem ®d^auft)ie(er ®etterton erjäfilt ^aben, 
toenn man enblid^ lieft, toaö ber mel^r afe adEitjigjäl^rige ©e- 
meinbefd)reiber im 3af)r 1693 bem §ernt 2)otobatt berid£)tete, 
fo bebarf eö aüerbingg feiner fef|r gefd£)ärften Äriti!, um ben 
gefd^id^tlid£)en 3Bertl^ biefer Srabitionen, bie jum Sl^eil fdjon 
burd^ il^re STbgef^madtl^eit if)ren Urfprung öerratfien, auf ba^ 
ridt)tige, ba^ ift, auf ein fe^r befdjeibene^ 3J?a§ äurüdjufül^ren. 
3Ber ben toorl^anbenen ®iogra))I)ien ©l^afef^jeare^ eine neue l^iuju* 
fügt, fottte ba^er toäl^renb feiner 5trbeit immertoäfirenb bie be^ 
fonnten SBorte t)on ©teeöenö^) unb §attam^) im (SJebäd^tnife 
bel^alten. S)enn, in ber X^at, gang fidler fielet für ung in 
®]^a!efpeareg Seben nur bag SBenige, toa^ toir auj^ beutlid^en 
STeufeerungen ber ß^itgenoffen erfatiren, ober toaö burdi gleid^:= 
äeitige 3)ocumcnte beglaubigt toirb. Sine jiemlid^e Stnjal^I e]^e== 
mafe unbefannter 3)ocumente ift toäl^renb ber legten Sal^rje^nte 
anö Sidt)t gefommen ; aber !aum finb toir ber 93ele^rung, bie fie 
ung boten, fro^ getoorben, fo muffen toir aud^ fd^on un^^ 



') 3u ®6a!efpeare8 93. Sonett. 

«) Introduct. to the Lit. of Europe 2, 176. (1843.) 



@l)a!efpeate ein fat^olifc^et S)ic6teT 7 

toeigcriid^ auf fic SSctiid^t Iciften: benn, ba§ biefe (Bä)xx^U 
ftüdc, Ttamentlid^ bicjcnigcn, ttjeld^e ßollier aug Sorb Sßc^mcreö 
^o^^ieren l^eröotjog, gcfdlfd^t finb, ba^ fann nad^ ben Untere 
fud^ungen öon Hamilton unb Sngleb^ ferner Icinem 3^^M 
unterliegen. ®^ ertoedtt fein günftigc^ SBorurtl^cil für bie Iritifd^e 
Sorgfalt, bie iperr SRio feinem ©toffe ttjibmet, ba§ er biefe 
Urfunben, je nad^bem fie feinen Qtotdtn bienen, ber Senu^ung 
toürbigt ober unbenu^t Iä§t. Slu^ einem SBriefe be^ S5id^ter^ 
Daniel an ©ir %i)oma^ Sgerton gel^t l^eröor, ba§ ©tiafefpeare 
fic^ um ba^ ipofamt eineS Master of the Queens Revels be== 
toorben l^abe; in einem anbem mit ben Sud^ftaben §. ®. unter== 
jeid^neten Söriefe, ben man bem ®rafen ©outtiampton jufd^rieb, 
gefd^iel^t ber befonbern ®unft ©rttjöl^nung, mit ttjeld^er ©(ifabetl^ 
unb Äönig 3acob ben S5i(^ter auögejeid^net ; beibe ©riefe bleiben 
t)on §errn Sßio tt)ei§Iid^ unertt)ä]^nt, benn fie tt)ürben freilid^ 
aßen feinen SSermutl^ungen unb SSerfid^erungen gar ju ent* 
fc^eben tüiberfpred^en. dagegen öerfd^mäl^t er e^ nid^t, bag 
ebenfaßg gefölfd^te ©d^riftftüdE öom 9ioöember 1589, in toddE^em 
©l^alefpeare unter ben S^l^eiltiabem be^ 93Iadtfriarg*3;i^eater er^ 
fc^eint, auf ®. 77 afe eine „autl^entifd^e Urfunbe" auf jufül^ren ; 
benn biefe „Urlunbe", in ttjeld^er bie ©d^aufpieler begeugen, ha% 
fie in il^ren ©tüdten niemafe poUtifd^e unb religiöfe SKaterien 
(matters of State and religion) berül^rt t|aben, giebt bem SSer^ 
faffer ©elegenl^eit, fid^ red^t einbringlid) über bie furd^tbaren 
SBebrüdEungen ju äußern, tt)eld)e baö 3;t|eater unter ber unerträg* 
Kd^en iperrfd^aft ber proteftantifd^en Königin ju erbülben l^atte. 
Unb ebenfo ttjenig fann er e^ fid^ in einem anbern gaße öer== 
fagen, öon einer aU uned^t erfannten 9'iotij ®ebraud& ju mad^en: 
er fprid^t @. 243 öon einem „öor Äurjem erft entbedten 
SJocumenf", bem jufolge im Sommer 1602 eine Sluffül^tung 
be§ Dtl^eßo in ®egentt)art ber Königin ftattgefunben l^abe; er 
bcnft fid^ ben S5id^ter bei biefer STuffül^rung betl^eiligt unb 
beutet an, ttjeld^e „öerfd^iebene ©mpfinbungen'' beffen §erj in 
ber 9?af|e ber gefiafeten Königin bett)egen mußten ; jugleid^ fpnd^t 



8 3" ©Ifea^cfpcarc 

er bie finnreid^e SSemiuttiung aug, bie SBerjiPciftuttg DtJ^eßo^ 
muffe auf ba§ ,,rcuerfüllte ^erj" ©lifabetl^^, bie ben 2!ob be^ 
®rafen Sffej betrauerte, einen ©inbrud gemad^t tiaben, „tt)ie 
tienn eine (£gge mit il^ren ©ifenfpi^en barüber t|ingejogen tt)ürbe.'' 
3Bir mfiffcn Söebenfen tragen, biefer SSermutl^ung beijuftimmen; 
benn öon ber S^l^atfad^e, tt)orauf fte ftd^ ftü^t, nämlid^ ber Sluf* 
fütirung be^ S)ramaö in ®egentt)art ber Königin, l^aben tt)ir 
tt)ie gefagt nur burd^ eine gefäffd^te SRotij Äunbe erl^alten. 

SSon einem ©d^riftfteHer, tpeld^er ben ©ebraud^ gefälfd^ter 
S)ocumente für nötl^ig erad^tet, läfet fid^ !aum ertt)arten, ba§ e§ 
it|m gelungen fein ttjerbe, beglaubigte 3;]^atfadE)en unb Urfunben 
t)on unbejtpeifelter Sd^t^eit anö ßid^t ju bringen. S)er 9Ser== 
faffer l^at benn aud^ »äl^renb feiner öieljä^rigen SKütjen bem 
öortianbenen unb fo oft burd^gearbeitcten biograpl^ifd^en ©toff 
nid^t ba^ ©eringfte ^injujufügen öermodEit. @r mu§ ftd^ alfo 
befd^eiben, biefe ttjol^tbefannten !ärglid^en SRaterialien nad^ eigen* 
tpmlid^en @efidE)t§puncten anjuorbnen unb für feine eigentpm- 
lid^en Qto^dt äujuridEften. 

Unter allen 3^wS"^ff^"f ^i^ ^^^ ^^^^ ©l^afefpeare befi^en, 
fonnte bem 3Serfaffer !eineg tüertl^er fein, aU ber Heine au^ 
öier SBörtern befte^enbe @a^, mit ttjeld^em ber Sieöerenb Siid^arb 
(nid^t, tüie §err SRio fd^reibt, S)at)ib) S)at)ie§ feine furje, ]^anb== 
fd^riftlid^ ert|a(tene 9iotij über be^ S)id^terö Seben fd^Iie^t. 
5)iefer ®a^' tüirb benn aud^ auf einer ber legten Seiten beö 
SBud^e^ (@. 300) gleidifam um ba§ «ganje, f o muffelig aufgerid^tete 
®ebäube ju frönen, mit großer SBefriebigung borgebrad^t. 
®er «erfaffer fagt bort (©. 298), ba^ SRid^ttoiffen ber 6on* 
feffion ©l^afefpeareö fei nur ein fünftlid^e^; e§ beftel^e nur für 
biejenigen, tt)eld^e entfdEjIoffen feien, ftd^ ni^t beletjren ju laffen ; 
biefeg 9iid^tn)iffen, ober öielmel^r biefe^ SRid^tglaubentüoIten, ba^ 
@^a!efpeare ber fat^olifc^en Sieligion angetjörte, fei im 17. 3at|r= 
l^unbert unter feinen Sanb^feuten nid^t borl^anben getoefen unb 
man fßune au^ biefer S^t ganj pofitiöe ß^i^gniffe aufrufen 
jur Unterftü^ung ber ©el^auptung, ba§ ©tjafefpeare Äatf)oH! 



©I)a!efpearc ein fatl^oUfc^cr Siebter 9- 

ttjar. aSir bürfen nun nid^t titoa fragen, ob §err 9tio un^ 
einen fatl^olifdien Söeid^töater an bem Sterbebette ©l^afefpeare^ 
jeigen, ob er nad)tt)eifen fann, bafe Sl^afefpeare bie @terbe== 
|a!ramente empfangen tjabe ; eine f old^e ^rage l^at ber SBerf affer 
auf ®. 299 afö „empßrenben |)o^n" abgetoiefen. SBir ent= 
galten un§ alfo biefe^ ,,em))örenben §o^ne§" unb tt)erben um 
fo begieriger, jene anbern „pofitiöen ß^^Ö^^ff^'' tennen ju 
lernen. 5)aö eine berfelben ift nun jene^ ©äfed^en; beftel^enb 
QUO ben öier inJ^altöreictjen SBorten: „He dyed a papist, er 
ftarb ate 5ßapift.'' SBer ift ber Slutor biefe^ ©afee^? 

Sm Satire 1688 ftarb ber SJeöerenb aßiHiam gulman; er 
^atte biogra))]^if d^e Sammlungen angelegt, njeld^e er feinem ^reunbe 
äJid^arb S)at)ie§, Sßector bon @a^)erton, in ®Ioucefterfl^ire, öer- 
mad^te ; S)aüieö t)erme]^rte bie einjelnen Slrtifcl biefer (Soüectaneen 
mit mand^erlei SRoti^en; nad^ feinem "Jobe im Saläre 1708 ge- 
langten biefe Slufäeid^nungen nad^ Djforb, njo fte nod^ je^t in 
ber SBibliottjef be§ ®orpu§=(£^rifti^6oIIege aufbetoal^rt tt)erben. 
Ueber ©l^afefpeare fd^eint gulman nur tt)enig gett)U§t ju l^aben ; 
er nennt feine SSaterftabt, giebt fein ©eburtö* unb Xobeöja^r 
an unb fagt, bafe er auö einem @dE)auft>ieIer ein @d^aufpiel=^ 
bid^ter gett)orben. SKoö S5at)ieö biefen Söemerfungen l^inäufügt, 
ift aud^ gar bürftig. Sr erjä^It ba§ ®efd^idE)td^en öon bem 
SBitbbiebftatjI, ben ©l^afefpeare im 5ßar! be§ @ir S^oma^ Suc^ 
berübt ^aben folf; aber er ift mit ben ^erfonen unb SBerl^ält^^ 
niffcn fo tt)enig befannt, boft er nidE)t einmal ben Saufnamen 
Suc^ö anjugeben tt)ei§. S)at)ie§ berid^tet nun ferner, ba§ 
©l^af efpeare an bief em Suc^ f))äter Siad^e genommen tjabe ; benn 
biefer fei e§, ben er in feinem SJid^ter Slobpate berfpotte; er 
nenne il^n einen großen SKann, unb in Slnfpielung auf feineu 
Jiamen trage er ote SBappen three louses rampant.*) 9iun 
finbet fic^ in feinem @t|a!efpearefdE|en S)rama ein Suftice 

*) S)ic ®otte lauten im Original: But his revenge was so great, 
that he is his Justice Clodpate, and calls him a great man, and that 
in allu)9ion to his name bore three louses rampant for his arms. 



10 3u ©l)atefpcnrc 

ßIob))ate; biefer SRamc bientc in fprid^tpörtlid^em @d^erj jur 
SBejeid^nung eincö albernen, untotffenben SJid^ter^. S)at)ieS tonn 
nur ben Suftice ©l^aßott) im ©inne l^aben, ber in ber erften 
©cene ber „ßuftigen SBeiber öon SBinbfor" im gangen Setüufet* 
fein feiner SBürbe auftritt unb fid^ öornimmt, ben ®ir Sotjn 
galftaff t)or ber @tern!ammer ju öerftagen, tüeil biefer i^m 
,, feine ßeute gef dalagen unb fein 3BiIb getöbtet l^at." ^) 5)iefer 
©tjaHotü inbe§ trögt nid^t, tt)ie S5at)ieg fagt, „three louses" in 
feinem SBappen, fonbern „a dozen white luces" (§ec^te), Die 
bann @ir §ug]^ ©bang in feinem tüalififd^en S)ialeft in „loases*- 
berttranbelt. — 3Kan fielet alfo, ba^ ber ©erid^t be^ guten 2)at)ie^ 
ba, tDO tt)ir it|n controliren f önncn, fid^ nidEft afö äuöerläffig er=* 
njeift; ber SKann l^at ein unbeftimmteö ®erebe get|ört, baS er 
l^ier auf jeidEjnet ; e^ ift f aum möglid^, in f o tt)enige SBorte mel^r 
Ungenauig!eiten äufammenjubrängen. Soüen toxx nun bem, 
ber fidö mit @^a!efpeareö Seben unb S5id^tungen fo unbefannt 
jeigt, (eid^tfinniger SBeife ©tauben fd^en!en, tt)enn er unö, un== 
geföl^r adEitgig Saläre nadEi @t|afefpeare§ Job ^itoa^ erjäl^It, bog 
im tjoßfommenften SBiberf^rudEi fte^t mit 3lttem, toa^ tüir fonft 
über ben SKenfd^en unb S)id^ter mit ©ic^ertjeit tt)iffen, njenn er 
un§ erjöl^It, ba§ ©l^afefpeare „aU ^apift geftorben fei?" 

§err 9Jio glaubt (@. 300), ba§ „biefe Sl^atfad^e jum erften 
SRal angefül^rt njorben fei öon §errn ©impfon" ; im Saläre 1858 
l^at nämlidE) biefer §err ©impfon in ber 3citfdE|rift The Rambler 
über bie, tt)ie e^ in ber Einleitung (©. X) tjeifet, „9ieIigionö= 
eigenfd^aft ^) ©t|a!efpeareg eine Steige öon fe^r intereffanten 



*) Knight, you have beaten my men, killed my deer, and broke 
open my lodge. 

•) SRioS fQuä) ^ai nid&t nur ba§ Unölü(f, eine \d9U69it ©acfec mit 
fc^Icc^ten fflaffcn gu t)crtl)eibigcn; e§ ift auc6 übcrbicS einem fcfclec^ten 
Ueberfe^er in bie ?)änbe flefallcn, ber 5. f&. auf ©. 286 folßenben ©a^ 
bruden läfet: „S)cnn ber ®cfanbtc fpric^t mit innerer öetoegung üon ben 
fieiben ber englifc^en ^atl^olüen, beren ^ugenjeuge unb ä^ettrauenSmann 
er toar." — SBenn ?)err ^arl ^tü auf S. 33 bemerft, ©Riegel l^abc in 



©I)a!cfpcare ein fatl&olifcfecr Siebter 11 

?lrtt!eln" erfctjeinen laffen. S)iefe Slrtifel int 9Serein mit 
Sitigarbö engliftfier ®eftf|id^te l^aben §crrn 9tio, tüie e§ fdieint, 
öontetimlid^ mit ber Seiben^gefd^id^te bcr Äatf)oIifen unter 
Slifabetl^^ ^errfdjaft öertraut gemad^t; er citirt baf)er §errn 
©impfon red[)t oft unb tjat offenbar redE)t öiel üon it|m gelernt. 
3c^ toei^ jebod^ nid^t, ob biefer le^tere Umftanb jenen Slrtifeln 
ju großem Stutjme gereid^t. 5)enn ein Slrtüel, au^ bem §err 
9Jio ettt)a§ lernt, brandet be^l^alb noctj nid^t ein fol^er ju fein, 
ber nnbefannte Xl^atfad^en Vorbringt ober neue 3lnfd^auungen 
enÜpidEelt. 5)enn §err Stio toei^ gar mand^eg nidE)t, toa^ leidEft 
JU njiffen toai, unb tuaö er fogar tt)iffen mufete. SQ3enn er 
alfo glaubt, jene „Xl^atfad^e," nämlid^ ba§ 2)aüie§ ©l^afefpeare 
einen ^apiften nennt, fei juerft üon §errn ©impfon angefül^rt 
tDorben, fo ben^eift er burd^ biefen ®Iauben nur, tna^ freilidE) 
alle Xl^eile feinet SBud^e^ auf baö Ueberjeugenbfte betoeifen, bafe 
feine fünfunbjtoanjigjäl^rigen ©tubien i^n mit ber 2itteratur, bie 
fid^ um ©l^afefpeare unb feine SBerfe in fo großen SKaffen auf^ 
gehäuft, nur in fel^r obcrfIäct|Iid^er SBeife be!annt gemad^t l^aben. 
S)iefe „Sl^atfad^e" ift oft genug angefütirt unb befprod^en tt)orben. 
S)amit §err 9üo erfal^re, burd^ njeld^e ©d^riftfteller er mit 
leidster 9D?üf)e, etje §err ©impfon feine Slrtifel fd^rieb, bie 
Äcnntni^ biefer Xl^atfad^e l^ätte erlangen fönnen, fo tnoEen 
tpir il^n auf einige S8üdE)er öerujeifen, bie fogar toä^renb ber 
3eit feiner ©tubien erfd^ienen finb. Sofepl^ Runter, ber im 
Saläre 1845 bie jtoei JBänbe feiner New Illustrations of the 
Life, Studies and Writings of Shakespeare ^erau^gab, er== 
tpäl^nt auf ©.115 be^ erften SBanbe^ bie bon 3)at)ieö über* 
lieferte 9iad^rid^t unb nennt fie remarkable, if true; 
^aHimeU brudEt in feinem 1848 erfc^ienenen Life of William 
Shakespeare auf ©. 123 forgfältig ben ganjen SeridEft t)on 



Love's Labour's lost eine Stelle auSflelaffen, fo mag er l)iet bie Selel^rung 
empfangen, t>ai Sd^Iegel feine 3cil^ biefer fiuftfpielS überfe^t ()at. %I. meinen 
«uffo^: ®er 6*Ieflel«Siec!'f*e ©^afefpeare. Äöln. 3t0- 14. ©eptbr. 1864. 



12 3u S()afcfpeare 

35at)tc§ ab,') unb eö fällt tf)m burd^au^ mä)t ein, jene bebeutfamen 
öier aSörtd^en am ©d^Iuffe ängftlid^er ober betrügerifd^er SBeife 
toegäutaffen ; enblic^ f)at Sttejanber 5)^ce in ber Siograp^ie, tüeld^e 
ben erften SBanb feiner Sluögabe @f)a!ef^3eare§ bom 3af)re 1857 er== 
öffnet, jeneg gefäl^rlidie ©ä^^en auf®. 111 gonj unerfd^rodfen 
angeführt, nnb feit bem 3al^re 1861 fonnte eö aud^ ber beutfd^e 
2efer feigen unb prüfen, njenn er nur einen SBIidE tl^un tnoüte 
in bie mit erfdEjöpfenber SSoHftänbigfeit ju öortrefflictjer Ueberfid|t 
äufammengeftellten biügrapt|ifd)en 9?adE)rid^ten, njeldEje S)eliu§ bem 
fiebenten Sanbe feineö ©tjafef^^eare einverleibt l^at : tjier fanb er 
es fogar jtüeimal, in ber 17. unb 55. 9iote, abgebrudEt. 

Sene „X^atfod^e" ift alfo burd^auö nic^t öertjeimlid^t 

njorben. Unb toeld^en SBertl^ f)aben unbefangene gotfd^er, für 

njeld^e ein ®efe^ ber Äriti! öor^anben ift, biefer SRotij beigefegt? 

©ben ben, tt)eld)er i^r juiommt. ®ie verbürgt ung nid|tö tt)eiter, 

afe ba^ neben ben mannigfaltigen ®erüdE)ten, n)eld)e über 

@f)a!efpeare, jum Stjeil erft lange nad| feinem 2!obe, in Umlauf 

famen, in genjiffen Greifen aud^ bag ©erüd^t aufgetaudEft toax, 

\>a^ er aU ^apift geftorben fei. Snbe§ fd)eint bie§ @erüd)t, 

feiner geringen ©laubtpürbigfeit tüegen, fid^ nur tvenig verbreitet 

ju tjaben, njeil SJaVieö, fo viel toxx njiffen, ber einjige ift, ber 

cg, gegen baö (Snbe be§ 17. Sa^r^unbertg, nid^t etn^a bem 

lefenben 5ßubUfum öffentKd^ mitt^eilte, fonbem neben ben 

anbern SRotijen gelegentlich aufgeid^nete. — SBenn ein ©erüd^t 

fid) unbefangenen gorfdEfern afe grunblo^ ertveift, fo ftnb biefe 

nic^t Verpflichtet, ben Urfvrung beffelben ju erMären; in biefem 

gaUe jeboct) läfet fic^ tvo^( vermutl^en, n)ie ba^ ®erebe entftanb. 

Unter ben ©tratforber Sürgern !am, ettoa im Söeginn beö 

17. Sal^rtjunbertg, ein ftrenger puritanifdEfer ©inn jur ©eltung. 

SBä^renb frütjer, in ber Sugenbseit ©f)a!efpeare^, bie* ttjanbernben 

©d^aufpielertruppen bort ^äufig i^re gern gefef)enen SSorfteHungen 



') ipicr fmb auc^ bie S^fä^e von S)ar)ie8 butcife ben S)tu(f genau üon 
ber urfprünölic^en SufaeicbnunQ guImanS unterfd^icben. 



©I)a!efpcare ein fatl^olifd^ct ©id^tcr 13 

gaben, ttjurben im Saläre 1602 unb 1612 alle t^eatraltfdien 
Suftbarfeiten öon ber Korporation bei ftfiarfer Strafe tüieberl^olt 
unterfagt. Runter bemerft (1, 105), bo§ unter ben 9iad^fommen 
beg S)id^ter^ felbft mel^rere fold^en ftrengcn religiöfen ©efinnungen 
fi^ juneigten. S)a§ ©t|a!efpeare biefer puritanifd^en Sngl^erjig^^ 
feit abl^olb ttjar, bürfen tt)ir mit ß^^^i^^fi^^ annehmen; er toirb 
c§ aud^, tt)cnn er \\6) baju aufgeforbert fanb, entfd^ieben anö* 
gefprodbcn l^aben, baJ3 jene bi^ jum Säd^erlid^en getriebene @itten=» 
ftrenge tt)eber ber toa^ren 3teIigion, nod^ ber tt)at|ren ©itt=» 
lid^teit förberlic^ fein fßnne, — unb njie leidet mag e^5 ba mandien 
Ueberfrommen in ben Sinn gefommen fein, in i^m einen öerfappten 
Ißapiften ju njittern; „benn in jenen 3;agen gab e§ üiele, bie 
ba glaubten, njer fein 5ßuritaner fei, fei aud^ !ein ^roteftont." ®) 
3Bie ein berartigeö ®erebe entftel^t, tüie f)artnädKg e§ fid^ 
oft erl^ält unb fortpflonjt, bafür lönnen njir in ber ©efd^id^te 
unferer eigenen ©d^riftfteüer ein lel^rreid^e^ SBeifpiel finben. 233ie 
lange l^at man nid)t ßubnjig 2!iedE unb Sluguft aBill^elm ©d^Ieget 
für f)eimlid)e Sat^olifen gel^atten ! 2)ie SBel^auptung, ba§ fie jur 
römifc^en Äird)e übergetreten, ift nid^t etnja ad^tjig Satire waä) il^rem 
Jobe üon einem 9iotiäenf ammler gelegentlid) auf gejeidönet toorben : 
fie ttmrb bei Sebjeiten biefer SJJänner ßffenttid^ au^gefproctjen*). 
Zkd l^ielt eö niemafe ber 3Rül^e toertf), fie ju toiberlegen, 
®d^legel toieö fie erft im 3at|re 1828 in einer öortrefftidien 
©d^rift jurüdE. SBoüte nun ein jufünftiger Sitterar^iftorifer 
einen biefer beiben SKänner, auf bie Sleufeerungen i^rer 3^^*== 
genoffen ^in, ^i^m Statl^olifen mad^en, fo fönnte er für fein 
^erfa^ren njenigften^ me^r fd)einbare ®rünbe t)orbringen, afö 
tüir für un§ anführen fönnten, toenn toir, auf baö 3Bort be^ 
§errn S5at)ie§ l^in, @]^a!efpeare ate ^^apiften fterben liefen. 



') — for in those days there were many who thought, that not 
to be a Poritan was not to be a Protestant. 4)untct 1, 115. 

•) »on %\td ersäht e§ Sofe 1820 («eftäÜQUUö ber ©tolberßifcfccn 
Umtriebe ©. 113 fg.)« ©oßte bocb auc^ ©oet^e in SHom fat^olifcfe 9e= 
toorben fein (%. .?). Sacobi an 3. b. 9Jlüller 3. Oftober 1787). 



14 3u ©Wcfpearc 

S5a§ ©erüd^t, ba^ 3)at)ic^ ber Siadötpett aufbetüal^rt i)at, fantt 
unö alfo nid^t mel^r gelten, afe irgenb eine ber Slnecboten, bie 
man fid^ bor ettt)a 180 Salären öon ©l^afef^^eare ju erjäl^Ien 
begann ; unb tt>ie n)tr bcm 9lutor ber „Lives of the Poets*^ 
(1753) unb fogar bem Dr. So^nfon entfdEfieben unfern ®Iauben 
t)erfagen, toenn fte unö beridE)ten, ba^ ©l^afefpeare feine Sauf- 
ba^n in 2onbon öor ben %f)üxm ber ©dE)aufpieIt|äufer aU ein 
auögejeid^neter ^ferbef)üter begonnen tjabe^®), ebenfo entfd^ieben 
mißtrauen tt)ir bem §errn S)at)ie^, tt)enn er, o^ne un^ irgenb 
eine ®ett)ä^r für feine SBel^auptung ju bieten, ben S)id^ter im 
@dE|o§e ber römifd)en ÄirdEje fein ßeben enben läfet. 

Slber §err 9iio tjat unö „ganj pofitibe B^^fl^iff^" t)orju= 
legen öer^ei^en. SKie, toenn einö öon biefen bie SBorte: he 
dyed a papist beftätigte? — greitid^ geigt eö fid^, ba§ §err 
3Ko nur nod^ über einen 3^"fl^^ ä^ berfügen t|at: eö tüäre 
für i^n atfo rät^Iid^ gen^efen, feine SSer^ei^ung in ettt)aö be* 
f dieibenere SSSorte s« f öff cit. S)ief em einen 3^^9^^ l^ord^en n)ir 
nun mit öerbop^^eüer Slufmerffamfeit. aSSie angeftrengt wix 
inbe§ aud^ auff)ord)en, n)ir fönnen nidEftö öerne^men; benn 
biefer „ganj pofitiüe" B^^fl^ ertpeift fidE) aU negativ bi^ jum 
Sleufeerften: er fogt nämlidE) gar nid^t^. (£r überf)ebt un§ alfo 
audE) ber SKü^e, fein ß^WB^^fe h^ ^^rüfen. 2)iefer fc^tt)eigfame 
3euge ift fein anberer al^ So^n 3Barb, ber üon 1662 bi§ 1679 
SSicar in ©tratforb njar; er l^intertie^ uerfd^iebene, nur ju 
feinem eigenen ®ebrauc^ beftimmte Slufseic^nungen, unter benen 
fidEi aud^ einige ätoifd^en 1661 unb 1663 niebergefdEjriebene 
SRotiäen über Sl^afefpeare befinben. @r erjäl^ft un^ unter 
anberm baö §iftörd^en, ©^afef^^eare l^abe mit ©ra^ton unb 
93en Sonfon ein luftige^ ©elage gehalten; nja^rfd^einlid^ l^abe 
man ju ftarf getrunfen (and itt seems drank too hard), benn 
@t|a!efpeare fei an einem gicber geftorben, njeld^eö er fid^ babei 

^^) S)ic§ ®cf4icbtc6cn foll iBcttcrton uon @ir fflilliam Saocnant er- 
faßten l^aben, ber, roenn man Dem ©cfema^er ^Äubreij trauen barf, ficb gern 
für einen natürlichen ©o()n @l)atefpeare§ tjalten lie^. 



S^afefpeare ein fat^olifd^r S)tcbtet 15 

äugejogen. Wlxi ben SQ3erfen be^ S)id^terö tt>ar ber gute SSicar 
bamafö nod^ ttjcnig öertraut, benn er nottrt ftd^, ba§ er fte 
burd^fefen muffe, bamit er in ber ©ad^e mä)t unlpiffenb fei 
(that I may not be Ignorant in that matter), unb ganj ernft^ 
^Qft fragt er fid^, ob Dr. ipe^Iin aud^ ttjo^l baran tl^ue, in 
feiner Slufjal^Iung ber berül^mten bramatifd^en S5id^ter Snglanb^ 
►S^afef^eare au^julaffen? — 3Barb§ 3;age6ud^ tt)irb in ber 
Sibliot^ef ber Medical Society in Sonbon aufbe^al^rt unb ift 
im Saläre 1839 l^erauögegeben tüorben.'^) 3n biefer SluSgabe 
finben fid^ bie feitbem oft angefül^rten Siotijen; bon einem 
3eugnife über ©fiafefpeareö Äatl^oliciömu^ finbet fid^ aber nid^tsJ, 
offenbar, ttjeil fid^ aud^ in ber §anbfct|rift nid^tg baoon öorfanb. 
?l6cr iperr 9Jio tooHte burd^auö ettoa^ berartige^ finben. ®r 
fagt (@. 300): „Sn biefen SKemoiren" — fo nennt er mit 
einem prunf^afteren 3;itet ' bie Stufjeictinungen SBarb^ — „in 
biefen äKemoiren !ommt jtt)ar eine 6rn)ä^nung beö Xobe^ 
unfere^ S)id^terö öor/' — eg ift ba§ eben angefül^rte ^iftörctjen 
— „aber ol^ne bie geringfte Sfufftärung über bie SJeligion, in 
tDe(d^er er ftarb." — SBir fragen gan j einfad^ : 3Baö foHte benn 
ber gute 3Barb ba „aufflären," toenn ©l^afefpeare unter 
^roteftanten alö 5ßroteftant lebte unb ftarb ? — Slber §err Stio 
fö^rt fort: „S)ag @d^tt)eigen beö SSerfafferö ber 9J?emoiren ober 
biefe SüdEe toat für Diefe Sefer ein ©egenftanb ber SSertounberung, 
unb fie fonnten fid^ bie ©ad^e nidE)t retfjt erflären." SKan fie^t, 
ber SBerfaffer ift ungel^alten barüber, ba^ \f)m ber SSorratl^ 
feiner „gang pofitiöen ß^^fli^^ff^" ^^ f*^ bebeuHic^er SBeife ju== 
fQmmenfd^miljt ; ge^t er in feinem Unmut^ n)0^( gar fo njeit, 
ben Herausgeber beS SlagebudEfö, Dr. ©eüern, einen 9JJann, beffen 
S^renl^aftigfeit ju bejtneifetn toir nidEft bie geringfte UrfadEfe 
^ben, einer ^öc^ft unel^ren^aften UnterfdEflagung jeneö 3^"fl* 
niffeS JU befd^ulbigen ? ^at §err 9Jio benn ettüa baS üermi^te 



") Diary of the Rev. John Ward. Arranged by Charles Sevem, 
M. D. fionbon 1839. 



16 3u ©^afcfpearc 

3euflni§ in SBarbg ^anbfd^rtft mit eigenen Slugen gelefen? 
■^iein, er ^^flegte, tt)ie fid^ aug feinem ©ud^e ergiebt, jum 3tt)ede 
i)er „Unterf ud^ungen , bie er über bie fat^olifd^en S)id^ter 
€nglanb^ feit ber ^Reformation anfteüte" (@. 301), bie l^anb^^ 
jd)riftlid^en ©d^ä^e ber 3lrdE)iüe unb Sibliotl^efen nidEjt ju burdE|== 
muftern; er begnügte fidE), au^ foId)en Cueden ju fdjöpfen, bie 
bequemer am SBege liegen. @r ^at aud^ 333orbö äWanufcri^^tc^ 
nid^t burd^f orfdEjt ; fein ®en)äl^r§mann ift 3. ^^a^ne ßolfier; 
<iber audEi biefer l^at bie SBorte beö ©tratforber 9Sicar^ nidEjt 
etnja felbft gelefen; er l^at nur, ef)e baö SlagebudE) im S)rudfe 
frfd^ienen toar, §errn 9tto ergäl^It, er ^abt öon Dr. ©eöern, 
bem bie ^erou^gabe ber SBorbfd)en 5ßa^3iere aufgetragen ttJorben, 
im ®efpräd)e gel^ört, „biefeg Sagebudt) entf)alte eine entfdjeibenbe 
©teile äur ©eftätigung ber Sßermutl^ung, ba§ @]^a!efpeare in 
"ber !at]^olifct|en SJeligion geftorben fei" (©. 302). Unb ba^ er 
bieg njirflidE) üon Dr. ©eüern getjßrt tjabe, öerfid^crte ßoflier in 
finem ©riefe, ben er furj nad^ ber 35eröffentlic^ung beö Sage^^ 
iud^g an ben burdt) bie tt)at|rgenommene „2üdEe" fetjr überrafdEjten 
^errn 9iio rid^tete. 

@^ liegt unö nid^t ob, ju unterfud^en, toer me^r ®touben 
t)erbiene, Soßier, ber erjä^lt, toa^ if)m Dr. ©eöern über ben Sn- 
tjalt beg 2!agebuc^§ erjätjlt tjat, ober Dr. ©eöern felbft, ber 
bo§ Slagebnd^ f)erauögegeben ; njir tooHen aud^ nid)t auf ba^ 
örgebnife ber fo lebtjaft gepflogenen 3Sert|anbIungen über bie 
@dE|tt|eit ber oon SoHier entbedEten S)ocumente ^intt)eifen; — 
in feinem gaüe ift bieö ©rgebnife geeignet, unfern ®Iauben an 
bie 3w^^^fäffig!eit einer Soüierfd^en SBel^auptung ju ftärfen; 
tüir befc^ränfen unö auf bie unämeifell^aft rid^tige 95emer!ung, 
baJ3 ein ,,ganj pofttiüeö" B^^^Ö^ife/ toelc^e^ notfi SRiemanben bt^ 
fannt genjorben, aud£) für 9?iemanben ejiftirt unb bal^er eine 
^ermutt|ung njeber beftätigen nocfi entfräften fann. SQ3ag aber 
aucfi Dr. . ©eoern bem §errn (Soüier mitgetl^eitt l^oben mag, 
biefe 3Äittt|eiIungen ^oben auf ben le^tern offenbar nic^t ben 
geringften SinbrudE l^eröorgebrad^t unb nid^t bie leifefte ®r* 



@]^a!efpeare ein fat^olifc^et S)i<Jt)ter 17 

inncrung bei il^m jurfidgcIaffeTi. günfunbjtpanäig Saläre finb 
feit ber iperauggabe be^ SSarbfd^en 2^agebud^eö tjerftoffen; 
Soffier ift tpäl^renb biefer ^^xt bem ©tubium ©l^alef^eareg 
ununterbrod^en treu geblieben; er i)at bie 3Ber!e be§ S5id^ter^ 
herausgegeben, er l^at fein Seben befd^rieben, er ^at über i^n 
unb feine QÄt Sntbedungen aller SCrt gentad|t, beren SSertl^ 
freiüd^ ein fel^r jnjeifell^after ift; aber ttJä^renb er aud^ baS 
©eringfügigfte, baö mit bem Seben unb 3;i^un beS S)id^terS in 
SSerbinbung ftel^t ober ju ftel^en fd^eint, oft bis jum Ueberbnt^ 
befprid^t unb erörtert, l^at (SoÜier innerl^alb biefeS langen QeiU 
raumS in feiner feiner Schriften auf jenes öermi^te 3^"S^^6 
^ingebeutet. 3n feiner StuSgabe ©l^afefpeareS öom Saläre 1844 
öeröffentlid^te er eine SBiograpl^ie beS ©id^terS, bie 266 Seiten 
umfaßt; an jnjei ©teÜen (@. 223 unb 250) ertoäl^nt er baS 
t)on Dr. ©eoern l^erauSgegebene 2^agebud^ unb fül^rt bie be* 
fannten SBorte beS ©tratforber SSicarS an, benen er übrigens 
in beiben ^aätn nur toenig ©emid^t beilegt; ba^ er aber in 
bem gebrudEten Xagebud^ eine „2üdEe" üermutl^e ober toal^r* 
genommen l^abe, baüon öertraut §err ßoHier feinen 2efern 
burdEiauS nid^tS. Unb foHte er fid^ felbft jener öor fünf Salären 
em^jfongenen SWittl^eilungen beS Dr, ©eüern bamalS nod^ er- 
innert l^aben, fo mu^ i^m bod^ baS 3^"9"iB SBarbS öon 
tt)eIdE|em fie i^m Äunbe gaben, ganj unb gar toertl^IoS erfdE)ienen 
fein; benn auf @. 143 f^3rict|t er eS fo entfd)ieben tt)ie möglid^ 
ouS, ba§ ©l^afefpeare als '^rotef tont erlogen tt)orben, atS folctjer 
gelebt l^abe unb als fold^er geftorben fei.^^j Unb ttjaS l^dtte aud) 
Soüier öeranlaffen foHen, baran ju ämeifeln? SBie baS Äird^en== 
buc^ bejeugt, ^at ©^afef))eare nebft allen SJfitgliebern feiner 
gamilie in ber proteftantifd^en fiird^e ju ©tratforb bie 3;aufe 
erhalten; er, fein 3Beib, feine S^od^ter unb fein ©d^njiegerfol^n 
^aben in ber proteftantifd^en Äird)e ju ©tratforb i^re @rab== 



^') That his son William was educated, lived, and died a Protestant we 
have no donbt. S)ief clben SBottc roicbert) olt er 1858. in ber groeiten Sluf läge 1,113. 

OeinaijS, ec^riften III. 2 



18 . : 3u ©l&atefpcare 

ftätte gefunben,^^) unb toir befi^en fein Sleftament, ba^ tnentge 
3Bod)en öor feinem 2!obe aufgefegt tüorben, baö er brei SKat 
mit eigener §anb unterfd^rieben l^at. 3n biefem ©d^riftftüde 
einen Setpeig für beö ©idjterö fatf)oIifd^e ©efinnnngen auö* 
finbig ju matfien, ba^ ^at felbft §err 9tto feinen fpäl^enben 
Singen nid^t ängemnt^et : ©^a!efpeareö le^ter 3BiIIe beginnt anf 
gnt proteftantifd^ mit bem Söefenntnife, bafe er ^offe unb fidjer- 
lid^ glaube, burtfi ba^ alleinige SBerbienft 3efu (Stjrifti, feinet 
^eitanbö (through thonelie meritte of Jesus Christe my 
Saviour) be^ endigen ßeben^ t^eil^aftig ju tüerben. — 

S)ie „ganj pofitiöen 3^W9^^fR" <^^f tneld^e §err 3{io 
unfere 9ieugier mit fo öertjeifeungöDoKen SQ3orten gef^^annt tjatte, 
finb alfo öon unö öernommen tnorben. @^ tt)aren i^rer jnjei; 
ba§ eine entbel^rt jeber Beglaubigung unb jeigt fitfi afö burtfi- 
au§ unjuöerläffig, ba^ anbere ift nid^t öortjanben. S)er Sßer* 
faffer felbft fdE)eint eingefe^en ju tjaben, ba^ 3^^9^^ff^ ^^^ f^ 
äUjeifell^after ©efd)affen^eit feiner Behauptung nur eine unfid^ere 
©tü^e bieten fonnten. @r mu^te bal^er anbere, feftere ©tü^en 
l^erbeifdjaffen, bie nid^t beim erften §aud) einer gefunben ^tif 
äufammenbred^en. Slber üon njeld^er ©eite foHten i^m biefe 
©tü^en geliefert njerben, unb auö toeld^em SKaterial foßten fie 
befte^en ? S5ief e§ mttjfel ^at ber SSerfaffer balb gelöft. ©f)af e== 
fpeareö Seben unb S)idE)tungen bieten, nad^ feiner SÄeinung, 
eine fold^e unerfdE)ütterlid)e ©tü^e bar; jeneö mufe nur unbefangen 
bargefteÜt, biefe muffen nur rid^tig gebeutet toerben, fo ergiebt 
fidö an^ i^nen unätneifell^aft, baJ3 toir in ©Ijafefpeare einen ber 



^*) S)a6 bie biet Serfc auf ©^afcfpeare§ ©rabftein (Good frend, 
for Jesus sake forbeare) üom Sid&ter felbft l)etiü()ren, Toirb erft im Sa^rc 
1693 ponSoiubnU crgä^It; ^aüimea, Life of Shakespeare (1848) ©.287, 
bcmetft \et)x ticbtig : It is unnecessary to say that such wretched doggrel 
Verses never could have proceeded from Shakespeare's pen. Sbenfo 
fQQt S)c Duince^, biefe SSerfc feien „equally below bis intellect no less 
than his scholarship,** unb üetmut^et, fic fönntcn moi)l bom grave-digger 
ober parish-clcrk ^errü^^ten. 



©Öafcfpearc ein fatf}oUf(6er Siebter 19 

feurigften unb glöubigften fiat^olüen ju t)eref)ten l^abcn. 9Ba§ 
bie gaitj :poftttt)en 3^i^9^^fl^ ^^^ "^^^ Iciften tüoden, ba^ muJ3 
burd^ inbtrefte, aber um fo unjtücibeutigerc 3^^9"^ff^ geteiftct 
iperbcn. @t|afef^3eare§ fiebert unb S^iditungen inö Äatf)oHfd|e 
geiüiffermalen umjufelen, ift ballet bie eigentlid^e Slufgabe beö 
93ucf)e§. 

S)a^ erfte Kapitel ift überfcf|rieben : S^afefpeare^ 
©täiel^ung. 5)ie Sel^anblung biefeö ©toffe^ nimmt 44 Seiten 
ein. 9Son @^a!efpeare§ ©rjiel^ung njiffen tuir nid^tö; tuir 
fönnen nur bermut^en, ba% er bie öffentlid^e ©djule in ©trat- 
forb befud^te, njefd^e im Saf)re 1553 üon ©btoarb VI. einen 
neuen greibrief erl^alten f)atte unb feitbem The King's new 
school genannt tüurbe. SSa^ toxx über be^ ©id^ter^ ^nb^eit 
unb Sugenb mit 3"^^^föf[igteit aufjagen fönnen, befdEjränft 
ftd^ auf bie ätuei 3;i^atfad^en, ba§ feine @(tern, Sol^n unb 9Jiar^ 
@^a!ef^3eare, i^n in ©tratforb am 26. Slpril 1564 taufen 
liefen, unb ba§ er fidt), njal^rfdEjeinlid^ im ©ejember 1582, mit 
STnne ^atl^atoa^ t»ermät|Ite. SBa^ mrb ber SSerfaffer biefen 
'l^atfad^en auf ben 44 ©citen feinet erften Äa^^itelö l^inju^ 
äufügen ^aben? 

®(eidE) im Slnfang njeift er unö fe^r energifd) auf bie 
„Sl^atfadie'' f|in, bafe ©^afef^^eare „in einer 5<^milie erjogen 
njurbe, tüeld^e bem bamal^ unterbrüdEten 9ieUgion^be!enntniffe 
treu geblieben njar." 

Äann bieö gactum beutlic^ unb bünbig benjiefen njerben, 
fo erl^ält bie SBiograpl^ie ©^afefpeare^ aüerbingö baburdt) einen 
nid^t öeräc^tlid^en ßi^^^^öd^ö. Sluf tüeld^e 3c"S"iff^ ^^^^f^ f^^ 
nun ber Sßerfaffer? 93eruft er fid^ ettpa auf jene§ @tauben§== 
befenntnife, baö umö Sal^r 1770 ber 9J?aurermeifter SKofel^ in 
bem ©parrentoerf be^ ^aufeö fanb, tD^iä)^^ ba§ ©eburt^^aui^ 
bc§ S5id^ter§ fein foK? S)ie^ öon !atf)üafc^er ®tauben^gtut^ 
burct)i)aud^te ©ct)riftftücf l^aben noc^ S^almer^ unb S)ra£e/*) 

**) Senet in feinet Apology for the Believers in the Shakespeare- 
Papers (1797J ©. 1*^8 f gg., biefer in Shakespeai'e and Ms times (1817> 

2* 



20 8u ®^a!efpcare 

tro^ 3RaIonc^ 3Biberf))rud^, für edjt gelten laffcn; aber je^t 
ipagt felbft ein SRio nid^t, für bte^ S)ocument ben ®Iau6en fetner 
Sefer in Slnf^^rudi ju nel^men. (£r begnügt fid| für§ erfte 
bamit, jene ©el^au^tung au§gef))rod^en ju l^aben, nnb erjä^It 
aföbann: „3ot|anneg ©t|a!ef^3eare, ber SSater beö 2)id^ter^, mu§ 
fid^ tpäl^renb ber Qtxt ber erften 3teIigion§tt)irren unter ipein* 
rid^ VIII. unb ©buarb VI. auf irgenb eine STrt bemer!bar ge= 
ntad^t l^aben, benn er ftanb bei feinen SRitbürgern ju ©tratforb 
in ?lnfel^en, unb biefeg Slnfe^en nal^nt immer ju feit ber 
Slegierung t)on 3Karia S^ubor, xodä)tx er ba^ Sürgerred^t in 
biefer @tabt unb eineö ber erften bortigen ®emeinbeamter ju 
öerbanfen l^atte" (@. 2). ©oßte man nid^t nad^ biefen SBorten 
bermutl^en, bie Äßnigin äWaria l^abe ben glaubenseifrigen §anb* 
fd^ul^mad^er in ©tratforb burd^ glönjenbe S8ett>eife il^rer ®unft 
auSgeseid^net unb it|m „eineS ber erften ©emeinbeömter'' öer* 
fdEjafft, JU benen bie Sürger fonft nur burd) bie ©emeinbe felbft 
ertoäl^It tourben? 

S)er eben ongefüf)rte (Sa^ ift nid^t bloS beS^afb anjie^enb, 
tt)eit er fein tpal^reö SBort entf)ält, — biefen eigent^ümlid^en 
SSorjug tf)eilt er mit gar bieten anbern ©ä^en biefeS SBud^eS; 
— er tüirb unS befonberS baburdEi tpid^tig, ba§ er unS einen 
Sinblid in bie 9J?ett|obe eröffnet, ju ttjeld^er ber Slutor fid^ mit 
entfd^iebener SBor(iebe be!ennt. 2)iefe äWetl^obe befielet barin, 
ben Haren unb pröjifen S)aten überaß fo tneit tt)ie mögtid^ auS 
bem aSege ju getien unb ber S)arfteßung eine angenehme Un== 
beftimmt^eit ju ertf)eilen, bie bem SSerfaffer geftattet, jebe er* 
njünfd^te Folgerung au§ feinen eigenen SBorten ju jietjen. 2)er 
S^ronologie ift §err 9iio bot|er nid^t befreunbet; tt>ir l^ingegen 
l^aben aße Urfad)e, unS mit biefer fd)ä^baren SBiffenfdöaft in 
gutem Sßernel^men 5U l^olten. 9?ict|t üf)ne ®runb l^at man fie 

1, 16. 2RaIone battc bicfc (5^onfeffion in feiner 2(u§gabc ©bafefpeare§ bom 
2;a()re 1790 in ßutem ©lauben öeröffentlicfet ; in feinet Inquiry aber (1796) 
fpracfe er bie fefte Uebcrjeugung au§, fie fönne nid&t au§ ber S^mific be§ 
S)idbter§ berftammen. 



©Mcfpeare ein fatl^olifcfecr ©icfetet 21 

„bte Seud^te ber ©efdötd^te" genannt; fic'tt)trb un^ anä) an^ 
ber ©ämnierung l^eranöleud^ten, tpcld^e bcr SScrfaffer geffiffentUd^ 
um feinen ©egenftanb berbteitet. 

S)a§ ber SSater beg S)id^terg fid^ in ben Reiten ^einric^g VIII. 
ober @btt)arb§ VI. irgenbtt)ie l^eröorgetl^an l^abe, ift eine lad^er^ 
lid^e 5Sermutf)ung be§ §errn 9üo. Um ba§^ Sal^r 1551, alfo 
ttfoa t)ier Saläre naä) bem 3;obe §einrid|ö VIII., jog ^ol^n 
©l^afefpeare bon bem 2)orfe ©nitterfielb, tt)o fein SSater 9ttd)arb 
5|?äd|ter be§ tnol^Ifiabenben Siobert Slrben toar, naä) bem brei 
engfifd^e äÄeilen entfernten ©tratforb. Sm 3uli 1553 folgte 
SRaria il^rem Söruber Sbtoarb auf ben 3;^ron; \>ct^ aber gerabe 
Don biefem ß^^^pi^^c* ^^ ©tiafef^^eare^ ?lutorität unter feinen 
SWitbürgern jufel^enbö getoad^fen fei, baöon f)aben tt)ir feine 
Äunbe. %m 17. 3uni 1555 tt)arb er öon 'X^oma^ ©id^e öon 
ärleöcote tt)egen ac^t 5ßfunb berflagt; tttoa gegen ©nbe be^^ 
Sa^reö 1557 l^eiratl^ete er 3Kar^ SIrben unb wir tüiffen, ba§ 
er um biefe 3^^^ ä^^^ Käufer in ©tratforb befa§, einö in 
®reent|ill=©treet, ba§ anbere in §enle^*©treet. Sr n^arb SRitgtieb 
ber Gorporation, unb man übertrug itjm Dom Saläre 1557 an 
Heinere Slemter in ber ©emeinbe; aU aber 3Karia 3;ubor am 
17. 9?ot)ember 1558 ftarb, toar er auf ber ©taffei biefer S^ren 
nod^ nid^t fel^r ^od^ geftiegen: er njar bamate einer ber öier 
Sonftobleg. Qu ben „erften ®emeinbeämtern" gelangte er, nad^= 
bem Slifabetti ben S^firon beftiegen. 3m ©eptember 1561 toarb 
er einer üon ben ©l^amberlain^ in ©tratforb unb blieb jtoei 
Saffre lang auf biefem 5ßoften; am 4. Suti 1565 toäl^fte man 
i^n unter bie üiergel^n Sllbermen, unb enblid^ uom §erbft 1568 
big jum §erbft 1569 befteibete er bie l^öd^fte 3Bürbe, toefc^e in 
ber Oemeinbe ju erlangen toar, nämlid^ bie eineö bigh bailiflf; 
am 5. ©eptember 1571 ttjarb er aföbann nodE) jum chief 
aldennan für ba^ folgenbe Satjr ernannt. Slu^ ber einfad^en 
QufammenfteHung biefet S)aten ergiebt fid^ ungefätjr baö ®egen* 
t^eit k)on bem, tt)aö §err 3Jio feinen 2efern vorgetragen ^ai; 
tooHten tt)it ung bie Don i^m beliebte 2)arfteüung§tr)eife aneignen, 



22 3u ®l)a!cfpeare 

fo fönnten toxx tttoa jagen : unter ber 9?egterung ber fat^olifd^en 
9D?aria öermod^te 3ot)n ©^afefpeare nur untergeorbnete 5lemter 
in fetner ©emetnbe ju erlangen; fobalb aber bte proteftantifd^e 
©Itfabetl^ äur §errfd)aft gefommen, ftieg er rafd^ unb in ununter^ 
brod^ener %olQ^e ju ben I|öd^ften (S^renämtern empor. SBir Der* 
fd^mäl^en eä aber, au§ biefen S)aten irgenb tüeld)e ^^ols^^'wng 
Ijerau^jupreffen. S)a^ Sine jebod^ jagen fie unö auf ha^ be* 
ftimmtefte : 3oI|n ©l^afefpeare I)at fid^ ju jener 3^^* ^^^ feinem 
gaffe öffentlid) jur römifi^en Sird^e befannt. ©lifabet^^ erfte^ 
^Parlament l^atte jeneö t)ie(berufene ®efe^ (act of supremacy) 
erlaffen, bem jufolge jeber SSeamte t)erpf(id^tet ttjar, bie @upre== 
matie ber Königin in äffen fird^Iid^en Slngelegen^eiten burdE) 
einen Sib anjuerfennen ; ber SSater be^ S)id)terö fonnte alfo 
feine SIemter nid^t übernel^men, ol^ne biefen Dom ®efe^ t)or= 
gefd)riebenen (gib ju leiften unb fidf) bamit ber §errfd^aft ber 
fe^erifd^en S!önigin au^ freien ©tüden ju untermerfen. 

DbgleidE) ber SBerfaffer bemnadf) für bie öe^auptung, ba^ 
@^afefpeare§ gamilie bem unterbrüdtten ®fauben jugetl^an ge- 
toefen, audf) nid|t ben @df)atten eineö ©ettjeifeö beigebrarf)t \)at, 
obgleid) bie urfunblid} beglaubigten Xl^atfad^en biefer öeliauptung 
JU toiberfpred^en fd^einen, fo tüirb So^n ©^afefpeare bennoc^ 
auf ben folgenben Seiten beftänbig afö ,,9tecufant" Dorgefü^rt, 
unb mir erhalten ein au^fü^rlid^e^ ©emälbe ber Dualen, ber 
innern unb äußern Sebrängniffe, benen er alö foldjer notl^* 
toenbig preisgegeben toar. 

9Son SSebrängniffen unb ^Verfolgungen, bie 3o!^n @^afe= 
fpeare ju erbulben gehabt, ift unS burd^auS feine 9?ad)rid)t ju* 
gefommen. SIuS einigen erhaltenen 9?otiäen unb Urfunben ^at 
man, unb tt)of|I nid^t mit Unrerf)t, gefd)Ioffen, ba^, tttoa Dom 
Sa^re 1578 an, feine bis ba^in erfreufidien SSermögenSDerl^ätt* 
niffe fid^ toeniger günftig geftaltet ^aben. Sr Derpfänbete ba^ 
^eirat^Sgut feiner grau, SföbtjeS genannt, für oierjig ^unb 
an ©bmunb Sambert; aU im Sanuar 1578 feftgefegt ttjurbe, 
ba'^ jeber Slfberman ju einem beftimmten Qtotd fed)S ©^iffing 



Sfeafcfpeare ein fatöoltfd^cr ©id^tcr 23 

ü6)t 5ßence beitragen foHte, ftraud^te er nur bie ^älfte btefer 
<Sumnte ju entrid^ten; im 9?ot)ember jeneö Salireö ttJurben i^m 
bie tt)öd^entlid)en SIbgaben für bie SIrmen erlaffen, unb am 
6. @e|)tember 1586 t)erIor er bie 3Sürbe eine§ ^Hbetman, tueil 
er, tüie angegeben tnirb, ben ©i^ungen feit langer Qdi nid)t 
beigetnol^nt ^atte. 

S)iefe unb äl^nlid^e Sfiotijen mögen ju ber Slnnal^me leiten, 
ia^ So^n ©^afefpeare in mifeüd)e, für einige Q^it t)\dk\ä)t gar 
in bebrängte SBerl^ältniffe geriet^; fie (äffen jebod^ aud) eine 
anbere 3!)eutung ju, unb in jebem ^aHe tnirb ftd^ ein unbefangener, 
n)a^r^eitöliebenber gorfd^er fofd^er nadt baftelienben 9?otiäen nur 
mit großer SSorfid^t bebienen. SBie man fie inbe§ aud^ beuten 
möge, fo läfet fid^ bod^ feineötoeg^ auö i^nen betneifen, ba^ ber 
ülk ©^afefpeare, ber 1580 ba^ jtt)ei Sö^re Dörfer t)erpf anbete 
^ut St^b^e^ tüieber einlöfen tüoHte, jemafö in ttjirHid^e Slrmutl^ 
gefunfen fei.^**) lieber bie Urfad^e, tneld^e jene unerfreufid^e 9Ser= 
änbening in feinen SBermögenöumftänben ^erbeigefül^rt, miffen 
tmx t)oIIenb§ gar nidE)tö mit SSeftimmt^eit ju fagen. S)a er in 
einer Urfunbe t)om Sa^re 1579 ein yeoman genannt tnirb, fo 
f)at man Dermutliet, er tüerbe fid^ um jene Qdt in lanbtnirt^* 
fd^aftlid^e Unternel^mungen eingelaffen unb, t)om ®Iüd nid^t be= 
günftigt, bebeutenbere SSerlufte erlitten ^aben. 

gür §errn SRio nun ejiftirt l^ier nirgenbö ein 3^^^f^If ^^^^ 
Unfid)ert)eit ; er ift in ber beneiben^tüürbigen Sage, über alle 
biefe S)inge äut)erfid)tIidE) unb entfdieibenb fpred^en ju fönnen. 
@r mei^, i>a% bie ßage So^n ©^afefpeareö eine „erbarmen§== 
tt)ert^e" tüar, ba§ „bie geringen SRittel jum ßeben^unterl^alt, 
toetd^e ber gamilie nod^ geblieben ttJuren, fidf) immer mel^r atö 
unjureid^enb geigten" (@. 6); ja, er tüei§ fogar, ba^ ber gamilie 
ia^ liebe SSrob gefehlt l^at : „einmal trat ber f d)redlid[)e Slugen- 



") am 4. april 1579 roarb 3ol)n ©^afefpeareS Kod&ter %mz be= 
graben; bie SBeftattungSfoften (for the bell and pall) betrugen ac^t $encc, 
eine PcrJ^ältnifemäBiQ fe^r l^ol^c Summe; anbere S3ürger gal^lten nur 
bie taifte. 



24 8u Sl&ofcfpeate 

hM ein (1580), bafe ber »öder ©abier, tt)eld)er für Slbgabe 
beg SBrobe« ntrf)t tpeitiger ate fünf 5ßfunb Sterling ju forbern 
l^atte, nid^tö mcl^r l^erjugeben brol^te, ttjcnn il^m nid^t eine fidlere 
SBürgfd^aft für bie ßöl^Iung ber frül^eren ©d^ulb geiciftet tDürbe." 
— SBie rül^renb ! Slber tüir tooden ben ßefern bod) ratl^en, it)r 
9D?itIeib nid)t ju toerfd^tuenben. Dbgleii^ ^err 9Jio biefe betoeg* 
lidEie ®pifobe cineg t)on il^m erfunbenen ganxilienbrama^ burd^ 
bie beigef e|te Sal^reSjol^t beglaubigt, l^at, f o muffen tuir bodE) ber 
SBal^r^eit gemäfe au^fagen, bafe bie fdE)redEtidE)e ^Begebenheit un== 
rirf)tig bargefteUt unb bie J^injugefügte Sal^re^ja^t falfd^ ift. 
Sluf ba§ fd^merstid^e SBergnfigen, bie ®efd^tüifter be^ 3)id^ter§ 
unb öielleid^t gar il^n fetbft ängftlid^ nadE) SBrob fdE)reien ju 
^ören, auf bieg SSergnügen tpirb §err 9iio tool^t üersid^ten 
muffen, ttjenn er fid^ ber DueUe erinnert, au§ toetd^er feine ©r- 
jä^Iung gefloffen ift. 3)iefe OueHe ift baö t)om 14. 9?ot)ember 
1578 batirte Xeftament beö 85äder§ 9ioger ©abier; unter ben 
©ummen, ttjeld^e er au^fte^en Iiatte (Debtes which are owinge 
unto me Roger Saddeler) jäl^It ber 9D?ann audE) fünf ^funb 
auf, tt)eIdE)e er Don Sbmunb ßambert unb Sornif^e für bie 
©dE)uIb be§ 3Jir. 3ol^n ©^afefpeare ju forbern bered^tigt toar.^®) 
Slug biefer im Sloöember 1578 niebergefi^riebenen 9fiotij fdE)Iiefet 
alfo §err 3?io, bafe bie ©I|afefpearefdE)e gamilie im Sa^re 1580 
fein SBrob gehabt l^abe. 9Kan blide noä) einmal auf bie ein* 
bringlii^e 3)arfteIIung, ttjetd^e ber SSerfaffer t)on biefem SBor* 
gang liefert, unb lerne an biefem einIeudE)tenben Seifpiele bie 
®ett)iffen^aftig!eit fd^ä^en, mit toeld^er er feine Duellen auö* 
beutet. 

SIber au(^ toenn i^n bie Duellen gänjiid) Dertaffen, betoa^rt 
er beim SSortrag feiner ^Behauptungen biefelbe ungeftörte Qvit)ti^ 
fid^t. (£r fie^t nid^t nur bie zerrütteten SBert)äItniffe So^n 
©l^afef^jeareg beutlii^ t)or fid^, er toei^ auä) bie Urfad^e biefer 



'^) Item, of Edmonde Lambarte and . . . Gornishe for the debte 
of Mr. John Shaksper V, ^. 



(Sl^afefpeare ein fat^olifcber S)i(|)ter 25- 

3errüttun9 eben fo beutlid^ anjugcben. ®r fd^ilbert mit grellen 
JJarbeti bie übele Sage berjenigen, toetd^e „mit bcit 3(genten ber 
Staat^getoalt in Serü^rung famen, namentfid^ mit fold^en 
?(genten, tt)eld^e in ber §eimat^ ber il^nen gegenüberftel^enben 
öürger au§ ber 2ai)l ber öon bem atten ®tauben SlbgefaUenen 
genommen ttjaren;" am gefä^rtid^ften unter biefen ttjar eine ge== 
roiffe Äfaffe t)on ÜÄännern ber 3uftij. 333e^e bem 9iecufanten^ 
loeld^er gegen einen 9D?ann biefer Älaffe eine ©d^ulbforberung. 
ober fonft einen recf|tlid^en Slnfprui^ gettenb ju machen ^atte! 
er mufete in biefem Kampfe unterliegen, mie Kar aud^ feia 
SRcc^t fein mod^te. ,,@in SBerluft biefer Slrt," fälirt ber aU^ 
toiffenbe SBerfaffer fort, ,,ein SSerluft biefer 3(rt in SSerbinbung. 
mit ben monattidE)en Steligion^* ©traf gelbem, — ba^ toar bie 
Urfad^e, toetd^e Sodann ©Iiafefpeare mit ben ©einigen in ben 
oben bemerften ©tanb ber 9iot^ brad^te" (©. 15). 

Sn ber %f)at, §err 9tio mufe ben Slefpeft t)or ber SBa^r* 
^eit in ber ©dE)uIe be^ trefflid^en 9iitterö So^n galftaff gelernt 
^aben; l^ätte er fid^ nur etmaö oon bem ®eift unb SBi| feinet 
Scl^rerö angeeignet, fo fönnte man i^n immerl^in für einen 
nic^t untoürbigcn ©d^üler biefe^ erfinbungöreidien äRanne^ 
gelten laffen. S)enn gleidE) toie biefem bie fteifleinenen Äerte in 
beliebiger Slnja^l au§ bem SBoben t)erau^tt)adE)fen, fo quiUen bie 
erforberlid^en 2;^atfa(^en unter ber geber beö §errn 3iio I|er^ 
oor. @r beobad^tet babei ein SSerfa^ren, ttjeld^eö nur bann ju 
bem gemünfdliten ©rfolge leiten fann, ttJenn e^ überall mit jener 
cntfdjloffenen Äü^n^eit angettjanbt tt)irb, bie fid^ nid^t jebermann 
fclbft JU geben oermag: ber aSerfaffer läfet e^ an biefer Äü^n* 
{)eit nid^t festen. Sr fprid)t eine SBe^auptung au^, bie er, ba 
ein Semeiö für fie nid)t auöfinbig ju mad)en ift, freilief) un* 
bettjicfen laffen mufe; furj ^ernad) ift biefe SSel^auptung fd^on 
eine feftfte^enbe X^atfad^e getoorben, bie 9?iemanb anjtoeifeln 
!ann, unb biefe fo ju ©taube gebrad)te S^atfad^e mufe bana 
glcid^ toieber jur ®runblage einer anbern SSel^auptung bienen, 
für bie ebenfalls fein 93ett)eig geliefert tt)irb. Sllle S^iejenigen,. 



26 3" ®I)afefpcarc 

bie fid^ im bürgerüdien ßebew ober im ®e6iet ber ijitteratur mit 
ber (Srfinbuitg Don X^atfad^en abgeben uub fid) in ber Sluö== 
Übung biefer Äunft jur SSoßfommenl^eit erl^eben tooHen, njerben 
getüi^ ein fotdje^ SSerfaljrett il^rer Slufmerffamfeit, Dielfeid^t gar 
ifirer öetounberung toerti) ad^ten. 

Sltfo §err SRio erjä^tt, ba& So^n @^afef|)eare bem 
nnterbrüdten ®Iauben angefangen; er erjä^It ferner, ba^ biefer 
eifrige Satl^olif „alle Opfer an ®elb nnb bie fonftigen Opfer, 
tueld^e baö ©etoiffen um ber Steligion tüiüen forberte, n?enn 
aud| nid^t mit greube, bod^ jebenfaHö mit au^bauernber @tanb= 
^aftigfeit bargebrad^t" (®. 4), bafe biefer bebauern^njürbige 
äRärt^rer enbtid^ in bie fläglid^fte Strmut^ herfallen fei unb ha^ 
irgenb ein 9?ed)tö^anbef, ber fid) allerbing^ gänjHd^ unferer 
^mtbe entjogen I|at, nebft ben monatfid)en 9teIigion^*©traf== 
gelbern i^n in biefe jammervolle Sage bringen mufete.. 3Bir 
njiffen freilid^ nidE)t, ob ber alte @^a!efpeare aud^ nur einen 
^enn^ Don bief en ®elbern beja^It ^at ; aber §err SRio ^at il|n 
nun einmal baju Derurtl^eift unb läfet fie il^n erbarmungslos fo 
lange fortjagten, bis er, n^ie mir ^btn Dernommen ^aben, feinen 
Zubern fein Srob me^r geben fann. S)iefe ©trafgetber finb 
aber aud^ baS Sleufeerfte unb fiepte, tt^aS bie lebljafte, aber nid^t 
eben frud^tbare ©inbilbungSfraft beS SSerfafferS an Dualen für 
ben armen ©Iiafefpeare ju erfinnen Dermag; er Dermeilt balier 
bei i^nen mit einer gen^iffen ßö^rt^^fe^^f ^^^ nad)bem er fie 
juerft auf @. 15 probucirt f)at, bringt er fie nod^ ju brei Der== 
fd^iebenen SJialen bem fiefer nad^brüdtidi in Erinnerung (©. 20, 
22, 42). S)iefe ©trafgelber, bie, n^ie er ©. 42 fagt, ,,immer 
f ortbauerten, " obgleid^ toir nid^t miffen, ba'j^ fie jemafö an^^ 
gefangen ^aben, biefe (Selber gebrandet er ttjie eine SBaffe, mit 
toeldjer er bem fd|on gerührten ßefer ba^ SJiitleib für ben um 
ber SReügion n^iHen fd^mä^Iid^ Verfolgten ©tratforber öürger 
abjuätüingen gebeult. 

Slber ttjenn ber fiefer aud) nod) fo toiflig ift, fid^ ber SRüf}^ 
rung unb bem 5D?itIeib tiinjugeben, enblid) toirb er bod^ un- 



©l)a!efpeQrc ein fotbolifc^cr S)id&tcr 27 

gebulbig fragen: ®tebt e^ irgenb ein S)ocument, irgenb eine 
beglaubigte 5Wad^rid^t, ttjelc^e bie 2lnna^nte redjtfertigt, So^n 
©^afefpeare fei ein ^atl^olif geroefen unb ^abe bentäufolge bie 
gefc£|i(berten Dualen unb 95ebrängniffe erbutbet? — SBir 
anttporten: ©in fold^eö S)ocument, eine fold^e 9?ad^ric^t giebt e^ 
nid^t. SBol^I aber f)at ßoHier in feiner ©iograp^ie ©^afefpeare^ 
@. CXXXIX juerft ein SIctenftücf t)eröffentlid)t, in tt)eld)em 
^err (Simpfon*') unb ber i^m gel^orfam folgenbe §err SRio 
einen unumftöfelid^en öemeiö für ben Äat^olici^muö be^ alten 
©^afefpeare erbtiden. (Sin ©d^riftftefler, bem eö um bie 3Ba^r* 
l^eit unb nid^t um feine 9)?einung ju tf|un tt)äre, l^ätte bie^ 
5)ocument gteid^ ju Slnfang bem Sefer t)or Slugen gelegt unb 
if|m gefagt: SIu^ biefem ©d^riftftücf unb nur auö biefem — 
benn ein anbereö t)on ä^nlid^em Snl^alt ift nid^t t)orl^anben — 
jie^e ic^ bie ^olQ^inn^, bafe 3o^n S^afefpeare fid^ jum fatI|o* 
lifd^en ©tauben befannt l^at. S)er Se)er mod^te bann felbft 
cntfd^eiben, ob biefe ^^^'fl^^^^fl ^"^ ^^^ ferneren ©d^Iüffe, 
bie aug i^r hergeleitet merben, bered)tigt feien ober nid^t. 
Stber n?er toirb aud^ §errn 9tto ein fo gerabeö, e^rlid^eö 9Ser* 
fa{)ren jumutl^en tt)oIIen? Sr ge^t ganj anberö ju SBerfe: er 
öerfünbet unb toieber^olt feine öet)auptung mit immer größerer 
Sntfdf)ieben^eit, gteid^ afö ob i^m bie jalilreid^ften urfunblid^en 
9Jetüeife bafür ju ®ebote ftänben, unb erft auf @. 110 ertoä^nt 
er jeneö ©d^riftftüdt, fo ba^ ber Sefer glauben mvi% e^ 
fei bie^ nur eine^ Don ben t)ielen äl^nlid)en S)ocumenten, bereu 
genauere Sejeidinung unb Stnfül^rung fid^ ber SSerfaffer er= 
[part f)at 

Unb Don toetd^er SSefd^affenl^eit ift nun jeneö S)ocument? 
— 3m 3a^re 1592 ttjarb eine au§ ad|t 3ÄitgIiebern beftel^enbe 
Sommiffion gebilbet, tt)eldf)e bie Slufgabe l^atte, nad^ Sefuiten, 
?ßrieftern unb 9?ecufanten in SJBarloidf^ire ju forfd)en. S)er 
S8erirf)t biefer Sommiffion, an bereu ©pi^e Sir X^omaö Suct) 



") The Rambler, March 1858 S. 177. 



28 3u ©öatefpcarc 

ftaitb, ift uitö erteilten. ^®) 3)ort tuerben aUe foId)c SJecufanten 
mit 9?ameit aufgeführt, toetd^e nid^t, itad^ S^rcr SKajeftät Sßer*' 
orbituitg, moitattid^ bte ^rd^e befud^eit ober il^rer ©d^ulbeit 
l^atber ober toegen Sßter, Slranfl^eit, för|)erltd)er Uitfäl^igfeit au^ 
ber Äird^e tt)eg bleiben; (the names of all sutch recusante» 
as have bene hearetofore presented for not comminge 
monethlie to the churche according to hir Majesties lawes, 
and yet are thonghte to forbeare the church for debtt and 
for feare of processe, or for soom other worse fanltes, or 
for age, sieknes, or impotencye of bodie). 3n ©tratforb 
mad^en bie ©ommiffaire neun SRänner naml^aft unb unter 
biefen nimmt SD?r. 3ol^n ©^afefpeare ben britten 5ßla^ ein. 
3)iefe SJiänner l^aben jebod^ nid^t befannt, bafe fie ben SBefud^ 
ber Äirrfie beöl^atb unterlaffen, toeil il^re religiöfen Ueber* 
jeugungen mit ber t)om ©taat anerfannten 9ietigion in SBiber:^ 
fprudE) ftelien; bie Sommiffaire berid^ten oietmel^r, biefe neun 
fämen nid^t in bie Äird^e, iDeil fie gerid^tlidf)e SSerfoIgung tt)egen 
©d^ulben fürd^teten (it is sayd that these laste nine coom not 
to churche for feare of processe for debtte). ©ollier glaubte 
jn^ar, eine fold^e SBerfoIgung ^ätte am ©onntag nid^t tDol^I 
ftattfinben fönnen ; aber SHej. 3)^ce (Shakespeare's Works [1857] 
1, EX) ttJeift mit SRed^t barauf ^in, bafe bie SBorte beö SBerid^t^ 
(and yet are thoughte to forbeare the church for debtte and 



") @r ift üom 25. September 1592 botitt. ©er ^txl be§ »eri^tg, 
ber fic^ auf Sttotfotb besietit, ift, au^füJ^rlicber aliS t)on SoUiet, t)on iHxüu 
tocfl mitget^eilt loorben, Life of Shakespeare (1848) ©. 72. — ^c^ mO 
ben SSerbadi^t ber Sälfc^ung, roeldj^er bie meiften ber toon SoUier juerft 
üeröffentli(j()ten ^^apiere trifft, gegen bieg S)ocument nid?t auSfprec^en. S)er 
Umftanb, bafe e§ im State Paper Olffice gefunben roorben, tann freiließ 
allein feine @(6tl^eit nic^t Perbürgen; benn bie ebenfalls bort aufgefunbene 
?ietition ber ©cfcaufpieler bon Slacffriar« üom ^al^re 1596, bie juerft 
Sodier in ben Annals of the stage 1, 298—300 abbruden liefe, l^ot fic^ 
als gefälfcfct ermiefen. ©iel^e Ingleby, the Shakspere Controversy (1864) 
©. 289—302. 



@l^tefpeare ein fatl^olifd^er Sid^ter 29 

for feare of processe) auöbrüdltd^ baö ©cgcntljcit befagcn^*); 
unb tote l^ättcn btcfc äWämtcr überl^au|)t einen fold^en ®mnb 
für bic Unterlaffung bcg Sird)enbefud^§ angeben fönnen, toenn 
®e[e| unb ©itte nid)t ttJtrflid^ bem ©laubiger geftattet l^ätten, ben 
©d^ulbncr aud^ am Sonntage ju berfolgen? 

Sol^n @l^afef|)eare gab alfo an, ha^ er auö gurd^t t)or 
feinen ®Iäubigern nid^t in bie Äird^e fomme. §err 9iio, ber 
unö fo Diel bon ber bebauerni^tDürbigen Slrmutl^ beö SRanneö 
erjd^It i)at, ntüfete bemnad) biefen ®runb fel^r triftig finben; 
er fönnte fogar ba^ Sitb J^äu^Iid^en Sammerö, ha^ er unö fo 
gern Dor bie Slugen bringt, burd) biefen bebeutenben 3^9 "^^^^ 
t)oHftänbigen. Slber er fül^It fid) ^ier unbel^agtid^ in bie Snge 
getrieben, ^at So^n ©l^afefpeare ttjirflid^ auö bem angegebenen 
®runbe ben ©otte^bienft gemieben, fo fann jener öerid)t, felbft 
in ben Slugen be^ SSerfafferö, unmöglid^ ein 3^"ß"ife f"^ ^^^ 
fat^otifdie ©efinnung beö fSumigen Äird^enbefudier^ fein, unb 
mit biefem fd^einbaren 3^"6i^^fe' ^^^ einjigen, iveld^e^ ciufju* 
treiben ift, ttjürbe ben SBel^auptungen be§ §errn 9lio t)oIIenbä 
jcber ®runb entjogen. ^at aber So^n S^afefpeare feine ttjal^ren 
®efinnungen t)er^e^{t unb fein rettgiöfe^ Sefenntnife nic^t offen 
funb gegeben, l^at er e§ nic^t öerfd^mä^, eine Sntfd^utbigung 



") 2luc^ t)aain)ea bcmcrft (Life of Shakespeare ©. 71) : „Mr. Collier 
thinks HO such process could be served on a Sunday, but this I suspect 
must be one of the many errors, which result from measuring the usage 
of an early period by that of our own.** SSetfllcic^e übtiflcnS einen üeinen 
8(uffa^ in »The Shakespeare Society 's papers** 2, 115: „On the 
Recusancy of John Shakespeare." — S3ei un§ in Seutfcfelanb mujj 
e§ in frül^eTer 3cit ettt)a§ ©eroö^nlic^eg gerocfen fein, ba^ ber ©läubifler 
ben Scfculbner in ber Äircfcc auffudjtc 3m ©impliciffimug (33uc6 IV, 
Itopitel 17) lefen roir bic erge^licfeen SBorte: „@in anbei fomt üor, ober 
nxmnS roolgerätl^, in bie Äircfce mit einem ®ebunb iBtieffen, toie einer ber 
eine SBranbfteur famlet, mel)r feine 3m^^^ute gu mal&nen olS gu beten; 
feätte er aber nicftt Qcrouft, ba6 feine ©ebitoreö jur Äircfee tommen müften, 
fo »öre er fein bol)eim über feinen Mcgiftem fifcn blieben.^' (äuSgabe 
t)on öeinrid^ flurg 1, 421.) 



30 8u e^otcfpeare 

Doräubringen, burd^ toeld^e er bie Sommtffatre täufd)en unb fid^ 
öor jeber ©träfe fidler fteUeti fontite, — tpo Metbt aföbann bie 
„^elbenmütl^tge ©tatibl^afttgfeit" (©. 42), bie ber SBater be^ 
3)id^ter^ bett)iefen ^aben foÜ, unb burd) tüe(d)e ,, feine eigenen 
unb feiner g^milie Seiben t)on ^ag ju Sag jnnalinten?" Sm 
3a]^re 1592 ttjar i^m ©elegenl^eit geboten, biefe ©tanbl^aftigfeit 
offen öor aüer SJBelt ju ben^ä^ren ; aber ttjenn er fid) ha furd^t== 
fam jurüdjog unb eö nid^t rätl^tidi fanb, ein ffare^, ununt* 
tt)unbeneg B^^S^^fe fi^^ feinen ©tauben abjufegen, tnie fann er 
bann nod) feinet „unerfd^ütterlid^ feften ®ett)iffenö" (®. 111) 
n^egen gepriefen tt)erben? Unb mie fann man glauben, ba^ 
berjenige, ber ^ier fo offenbar ben SRegeln ber SSeltflugl^eit unb 
nid^t ben äRa^nungen feinet ®en)iffen§ folgte, bod^ aud^ tt)ieber 
mut^ig unb unerfd^rodEen genug gemefen fei, um aUen bro^en- 
ben ®efa^ren jum 3;ro^ feine 9tn^änglid^feit an bie untere 
brüdfte SReligion taut ju befennen unb baburd^ Sammer unb 
@Ienb aller 9trt über feine gamilie ju bringen? — 9Ran fie^t, 
ha^ S)ocument t)on 1592 ift nad^ feiner Seite ^in günftig für 
ben 3Serfaffer; biefer I|at üielmel^r feine $!aftif fo übet bered^net, 
ha% er öon bem einjigen ©d^riftftüdt, n^eldtjeö er etttja ju feinen 
®unften anführen fönnte, nur einen fe^r ängfttid)en ®ebraurf| 
mad)en barf : benn entn^eber mufe er ben fat^otifd)en äKärt^rer, 
ben er eben erft mit fo öieter 9Kü^e gefd^affen, ttjieber in ba^ 
SRid^t^ jurüdn^eifen, ober er mufe il^m bod^ ben ftanb^aften 
(Stauben^mut^ abfpred^en, ben er i^m mit fo begeifterten 2ob^ 
fprüd^en juerfannt ^at. 

SBon un^ fei e^ fern, au^ biefem 3)ocument irgenb einen 
®ct)tu§ äu jie^en auf bie fitttid)en unb retigiöfen ®efinnungen 
beö atten S^afefpeare! jDer 3Sater beö S)id)ter^ bteibe un^ in 
e^renöoHem Slnbenfen. Slber befennen muffen tt)ir, ha^ ber 
öölfige SRanget äuüertäffiger 9?ad^rid)ten e^ ganj unb gar un* 
mögtid) mad)t, eine beutlidje ober aud) nur eine unbeuttidf)e 
aSorftetlung t)on feiner 5ßerföntid^feit ju gewinnen; unb ebenfo 
unmögtid) ift e^ ba^er, ben ©nftufe abjufdfiä^en unb ju be^ 



®I)afefpeatc ein !ntl)on|c6cr Siebter. 31 



ftimmen, ben er auf ©rgte^ung unb Slu^fttlbung feinet großen 
So^neg geübt l^aben mag. Senem 2)ocument t)on 1592 fann 
man fd^on be^^alb feine beftimmte Folgerung abgettJtnnen, tueit 
alle berartige Slotij^en, bte burd) anbemettige SRad^rid^ten ntd^t 
erläntert tperben, bte t)erfd)tebenfte Slu^legung julaffen. 9D?ög* 
lid^, bafe So^n ©^afefpeare bamafö in ber %f)at t)on einem 
ober bem anbern ©laubiger ^art bebrängt ttjurbe unb ftd> 
QUO biefem ®runbe nid^t in bie Sird)e tnagte; möglic£| auä), 
baß feine religiöfen 9lnfici)ten eö il^m tüünfd^enömcrtl^ mad^ten, 
ficfi bem ©otteöbienfte fern ju l^alten; — aber ttjo^er njiffen 
mir, ba^ biefe 2lnfid)ten bie eine^ ^at^olifen tnaren? Stönnte 
er nid^t ebenfo ttjo^l fid^ jenem überftrengen ^^uritani^mu^ an= 
gefdjloffen Iiaben, ber bamafö in ©tratforb ju ^errfd)en begann? 
J)er ©id^ter jeigt fid^ in feinen 3Serfen ben 5ßuritanern nid^t 
eben freunblid^ gcfinnt; ttjer moUte e^ un^ nun t)ertt)e]^ren, 
loenn tüir, in ber Slrt be^ §errn Siio argumentirenb, ^ierau^ 
ben fid)ern SSeroeiö entnähmen, ba^ ber junge SEBiUiam bie 
3Känner jener ©efte fd)on in feinem öätertid^en ^aufe gteidjfam 
QUO ber erften §anb ^abe !ennen lernen, bafe er mit ©d^mcrj 
wahrgenommen, tüie fein SSater i^rem üerberblid^en Sinffuffe fid^ 
f|ingegeben, unb baß er fd^on frü^ ben (£ntfd|(u6 gefaxt f^abt, 
jene !opf^ängerifd)en Ueberfrommen ju üerbienter ©träfe mit 
fjerbem SBi^ ju öerfolgen? — SBatjrlid), ttjo eine beftimmte 
Äenntni^ nid^t mel^r ju erlangen ift, ba bleibt alten erbenflic^en 
©ermut^ungen ein ttjeiteö g^Ib eröffnet; ba§ tt)enige jebod), 
roaö mir über So^n ©^afefpeare nod) urfunblid^ miffen, miber^ 
fprid^t auf ba^ entfd^iebenfte ber Slnnal^me, bafe er unter bem 
S3anne be^ Sat^olici^mu^ geftanben unb bie Seiben, bie ben 
Sln^ängern Siomö bama(g befdjieben maren, billig getragen ^abz. 
5Iuf einer fpätern 9iecufantenlifte ift fein 9?ame nid^t ju finben ; 
iDenn er aud^ in einer ^(agefd^rift gegen So^n ßambert im 
Sa^re 1597 t)on feinem befdf)ränften SSermögen unb ber geringen 
3öt|I feiner greunbe fprid)t (of small wealthe and verey fewe 
frends and alyance), fo i)at er e§ bod) nid|t gefd^eut, fid) an 



32 3« ©Mefpenre 

bag l^era(btfd)e ?lmt ju tücnben, nnb, tt)al|rfd)cirtUd^ auf bcn 
SBunfd^ feinet ©ol^ncö, ein SBa))pen für fid^ ju begehren. S)te^ 
iparb il^m bcnn auä) 1599 ert^eih; baö ©iplom, t)on SBtUtam 
^ct^idE unb SBißiam ßantben aus^geftcHt, toxxb in ben S3io* 
grapl^icn ©l^afefpearcg getüö^nlid) feinem ganjen Umfange nad^ 
<ibgebrudEt; §err SRio ^at e§ aber ttJO^t mit alljuflüd^tigem 
^uge überfeinen; benn nirgenbö erttjä^nt er 333appen unb Ur^ 
funbe, bie freilid^ jur Unterftü|ung feiner ^^potl^efen nid^t 
taugtid^ fein würben. SSir bürfen annel^men, ba^ Sol^n 
©l^afefpeare, buri^ feinen tüol^I^abenben ®o^n t)on jeber @orge 
befreit, ein bel^aglid^e^ Sltter genofe; er ftarb nidE)t ettüa, mie 
§err 9lio mit greuben toerne^men ttjürbe, im ®efängnife, auf 
bem SdEiaffot ober unter ben 3Kartertt)erfäeugen be^ genfer?, 
nein, er ftarb ganj friebfam unb geruhig, tpa^rfd^einlidj in 
dnem feiner beiben §äufer in §enle^*@treet, ober aud^ in bem 
großen §aufe 'Stm ^lace, meld^eä fein ©ol^n 1597 üon SBiUiam 
Unberl^iÜ für fedEijig ^funb getauft ^atte. SBie unö baö @trat^ 
f orber jtird)enbud^ melbet, marb er am 8. September 1601 be^^ 
ftattet. — 

S)er Sßerfud^, bie Qa^ ber fatl^otifd^en 9D?ärt^rer burd^ ben 
unerfd^rodEenen (älauben^l^elben So^n @^a!ef))eare ju üermel^ren, 
ift alfo §errn Siio öoHftänbig mi^glüdt. S)afe aber biefer 
ftanbl^afte ®laubenöt|elb nur in ber Imagination beö SSerfaffer^ 
«rjeugt tt)orben, ba§ feine ttjirKidie (Ssiftenj burd^ fein glaub* 
l^afteö B^wfl^^fe nadfiäutoeifen ift, — ba§ mu^te um fo auö* 
fü^rlid^er unb umftänblid)er barget^an toerben, je nad£|brfidtid^er 
^err SRio e^ ju toieber^olten 9Kafen afö not^toenbig unb natür* 
lid^ bejeidEinet, bafe ber ©bl|n feine religiöfen ®eftnnungen t>on 
einem fo glauben^ftarfen 9Sater erben mufete. 3n ber S5e* 
tüunberung biefe^ ftanbl^aften SBaterö, in bem t^eilna^mööoUen 
Slnfd^auen, in bem fd^merälid^en 3Äitgefü^I aller ber Dualen 
unb fieiben, bie biefer geliebte SBater burc^ unerfd^üttertidie Sreue 
flegen bie unterbrüdtte 9?eIigion auf ftd^ ^erabbefd^toor, foü ber 
2)i(^ter aufgettjad^fen fein; baburdi — fo benft §err 9?io — 



©^afcfpcare ein fatl^olifd^cr Sid&tcr 33 

mufete ftd^ ber ©ante bcg Äatl^oltciötnuö tief uitb feft in feine 
©eele cinfenfen, biefer ©ame mu^te im fpötem ßeben l^crriid^ 
aufgellen : ©^af efpeare mu^te ben glomürbigen Sntfd^Iufe föffen, 
ftd^ unb feine ^oefie ganj in ben 2)ienft ber fatl^olifd^en Sietigion 
ju geben, unb gegen ben falfd^en (Stauben, ber bamate fo fred^ 
trium|)]^irte, in unerbittüd^em §afe burc^ ,,feine Heine bramatifcJie 
Agitation" (©. 165) anäufam|)fen. 5lber ttjenn ber fatl^otifd^e 
SJater t)or unfern ©tiefen t)erfd)n)inbet, fo t)erf(^n)inbet unö aud^ 
bie 9KögIidE)!eit, ben religiöfen (SJefinnungen be^ ©ol^n^ auf bie 
©pur JU fommen, unb t)on benx „©d)aufpiel be^ ®Ienb§, ba^ 
©l^afefpeare alö ©ol^n feit feiner ftHnb^eit t)or Slugen ^atte/' 
(©. 219) bleibt aud^ nid^t eine einzige ff eine ©cene übrig. 3)arf 
man fid^ nid^t barüber tpunbern, bafe ber SBerfaffer, inbem er 
un^ über ©l^afefpeare^ ©rgie^ung betetjren toxU, unö nur bie 
fc^mäl^tidEien SSerfoIgungen, bie furd^tbaren Quafen fd^ilbert, bie 
ben armen Äatl^otifen bro^ten? SWid^t nur ©omert)ine^ unb 
Wrbenö traurige ®efd^idE)te,^^) tt)elcf|e bie meiften neueren Sßio* 
grapl^en ©l^afefpeareö berid^ten, tt)irb f|ier gar erbautii^ tüieber* 
erjä^It, tt)ir muffen aud^ nod| mand^e anbere fdEiredEIid^e Se^^ 
gebenfieiten mitanl^ören. 2)er SSerfaffer fetbft fü^It fid^ (©. 21) 
ju ber S5emerfung gebrungen : ,,man fann nun ätuar nid^t au^* 
brüdEtid^ bel^aupten, bafe ©tratforb ober bie Umgegenb ber ©df)au= 

pla^ fotdEier getoattfamer Äataftropfien toar; aber" aber 

tro^bem fäl^rt er unermüblid^ fort, alle berartigen §iftördE)en, 
bie er bei feinen nid)t immer äut)erläfftgen ®ett)ä^rgmännern 
auftefen fonnte, fierbeijuäiefien unb fie fo anfdE)auIid^ at^ er e^ 
nur immer üermag auöjumalen. 

SSir faffen i^n bieä fromme ®efd)äft ungeftört öollfü^ren 
unb l^arten gebutbig be^ SlugenblidE^, in bem eö if|m belieben 
tDirb, \\ä) enbtid^ ju unferm S)id)ter ju ttjenben. SBa^ ber 
junge ©l^afefpeare über religiöfe Stngelegen^eiten empfanb 

'®) 3n äJerbinbung mit ber ©efcftid&te fieicefterS wirb fie tiar unb 
überficfttlicb barseftcßt üon % 3- § alpin, Oberon's vision in the 
Midsommemightsdream (Sonbon 1843) @. 43 f(:). 

«ernatiS, ®(^nftcit IIL 3 



34 3u S^afcfpeate 

uitb badete, ha^ — ^afecrt tpir eiitgcfelieTi — Dermögen tütr 
tt)eber ju erfeitnen uo6) ju enträtl^feltt. SSir muffen je^t 
too^t fragen: toa^ l^at er getl^an? ©Hmmen feine Xl^aten 
mit ben i^m üon §errn 9iio beigelegten ®cfinnungen fibcrein^ 
fo mag e§ öieKeid^t aud^ mit biefen ©efinnungen feine 9tid)tigfeit 
^aben. 

^at er alfo t)or ben Slugen aller SBelt ober aud) nur im 
t)erborgenen irgenb etttja^ getl^an, ttjoburd^ er fid^ aU (äegner 
ber ©taat^fird^e, aU Slnl^änger be^ fatl^olifd^en ®Iaubeng bar^ 
fteHt? ©id^ern 9RutI|e^ ttjirb §err 9iio biefc 3^age bejal^en. 
@r läfet im Sa^re 1583 ben neunje^njfi^rigen SBiKiam, tt)ir 
ttjiffen nidE)t mit tpeld^er 93eredf)tigung, „unter ben traurigften 
Umftänben" (@. 44) nac^ ßonbon reifen, bamit er bort etwa 
ber ^inrid^tung 3lrbenö beitool^nen fönne. 2ffö aber bem 
2)id^ter 1585 3^ißi"Sß geboren tourben, ba, fagt ber SSerfaffer 
(@. 45), „fanb er bie erfte ©elegenl^eit, für fidE) in eigenem 
9?amen unb aU gamilient)ater für bie ©einigen, einen feinb= 
lid^en Slct ju öolljie^en gegen jene furd^tbare SKad^t, bie ben 
SRamen ©taatö^Äird^e führte." S)er SSerfaffer t)erftel^t e§, 
bie STufmerffamfeit ber Sefer gu fpannen. Unb tDorin beftanb 
bief er f einblid^e Slct ? ©r gab feinen Sünbern bie 9lamen §amnet 
unb Subit^. Unb biefe Siamen njaren ein ^roteft gegen bie 
©taatöf irrfie ? Slllerbing^, meint §err 9tio. S)ag S5u^ Subita 
tüar ja t)on ben X^eologen biefer fiird^e t)or Äurjem unter bie 
8lpofr^|)^en gefteHt ttjorben, unb ein Sud^brudEer toar gefoltert 
unb ^tngerid)tet ttjorben, „ttjeit er ein SBerf unter bem Sitel 
De schismate gebrudtt l^atte, in tt)etd)em ber ©ieg ber Äird)e 
über bie §ärefie t)orauögefagt unb biefer ©ieg mit bem ©iege 
ber Subita über §oIoferneö Dergfid^en tt)urbe" (@. 46). Unb 
©^afefpeare toagte e^, biefen gefä^rlid^en 9?amen in feine gamilie 
einzuführen! „®efd)a^ biefen," fragt §err 9?io, „in bem ©inne 
jeneö SSirgilf d^en SSerf e« : Exoriare aliquis, ober," fä^rt er fort, 
inbem er ju unfrer 9Sertt)unberung einen @influ§ ber ^Reformation 
auf ben Äat^olifen ©tiafefpeare jugefte^t — „ober toar e§ nur . 



Sl&afcfpcare ein lat^olifd^cr Siebter 35 

eine btblifd^c ®efd)mad^faci)e, tote beten fo mand^e burd) bie 
Siefomtatton auffamen?" Siun, ha §err SRto felbft nod) ßtoeifet 
anfeert, fo t)aben tütr getui^ aUe Urfad^e, feel^ntfant ju Derfaliren 
unb über biefe getüid^tige 5^age nod) feine Sntfrfieibung ju 
treffen. 2)er 9?ante §amlet (§amnet) aber, bat)on ift ber 8Ser= 
faffer überzeugt, ,,Iä§t feine fo unfc£|ulbige ©rffärung ju, tote 
bie jute^t angebeutete ift, toenigftenö für biejenigen nid)t, toetc£|e 
bie tragifd^c ©efd^id^te beö ^ringen §amlet fannten. ^antletä 
arm toaffnet ftd) ja bod^ gegen eine S*ömgin, toe(d^ burd| eine 
tüibcrred)tIidE)e Ufurpation l^errfd^t, gegen eine grau o^ne @d)ant 
unb ol^ne ^erj. 9?un, für bie Äat^olifen toar Slifabetl^ gerabe 
fo unb toomöglic^ nod^ ettoa^ fd)finimere§" (@. 47). Unb nun 
erfül^nt fidE) §err 9?io gar „mit großer SBa^rfi^einlid^feit" ju 
t)ermutl^en, ba^ @t|afefpeare in feinem §amlet eigentlid^ bem 
ungIüd(idE|en ©omeroille ein 3)enfmat f)aht errid^ten tooHen; benn 
biefer toar ja anä) geifte^oertoirrt unb tooUte ein 2lttentat gegen 
bie Königin au^fül^ren. 

@^ ift aHerbingö eine bebenHid^e @ad)e um jene beiben 
Sßamen. 3)afe Subitl^ bem ^oloferne^ ben Sopf abgefrf)fagen 
^at, fann fügtid^ nid^t geläugnet toerben. S)a^ „§amtet§ 2lrm 
fid^ gegen feine SJiutter toaffnet/' ift freilid^ nirf)t fo gang rid^tig. 
Jperr 9iio ^atte offenbar bie 3;ragöbie fo äiemüd) auö bem ®e= 
bäc^tnife oerloren, atö er biefe SBorte f d^rieb ; er ^attz t)ergeffen, 
ba^ ber ®eift ben ^ßrinjen baoon abmal^nt, irgenb ettoa^ gegen 
bie Königin ju unternel^men : 

Bat, howsoever thou pursuest this act, 
Taint not thy mind, nor let thy soul contrive 
Against thy mother aught: leave her to heaven, 
And to those thorns, that in her bosom lodge, 
To prick and sting her. (1,V) — 

— er l^atte oergeffen, ba^ §amlet, e^e er, in jenem furd^tbaren 
3tt'iegefpräd^, ber 9D?utter mit ^erjäerreifeenben SBorten i^re 
©c^anbt^at öor^äft, fo beftimmt toie mögtid^ fagt: 



36 3u ©Mcfpeorc 

I will speak daggers to her, bnt nse none (3, II). 

916er tpcitn bent SSerfaffcr aud) fein ®ebäd^tnt^ l^ier untreu ge* 
tüorben ift, baö bleibt bod) immer toaijx, ha^ ^amlet tpenn aud^ 
feine Königin fo boä) tüenigftenö einen Äönig ju tobten öor^at 
unb il^n am ©nbe audfy ttjirßid^ tobtet. äKag man ba^er jagen, 
ttjag man ttJiU, e§ ift nid^t ju t)erfennen, bafe in ben 9?amen 
^amlet unb Subita ^twa^ ^od^tjerrätj^erifdöeg, ^ittoa^ 3Körberifd)e§ 
liegt. 

3)ie mörberifdjen ©efinnungen, beren (Symbol biefe 9lamen 
finb, muffen aber in ©tratforb jiemlid) l^eimifd^ gett^efen fein. 
5)enn tnie toirb |)err 9iio erftaunen, tt)enn tt)ir i^m mittl^eilen, 
ba§ eö in ©tratfort ein (Sf)z)j>aax gab, tt)eld^eö mutl^ig genug 
tnar, jene 9?amen ju tragen. 3n ber $!l^at, eö gab bort einen 
^amnet unb eine Subitt) ©abier; ber 9D?ann ift im Df tober 1624, 
bie grau im SöZärj 1613/14 geftorben. S)er 9Rann toirb 
in ©l^afefpeare^ Xeftament ern^ä^nt unb erl^ätt 26 ©^iKing 
8 5ßence, um fid^ einen SRing ju laufen.*^) 2)iefe Seeleute ttjaren 
bie ^atl^en ber ^nber ©^afefpeareö unb mußten auf biefe ba= 
I|er i^re fird^en^^ unb ftaat^gefä^rlii^en 9?amen übertragen, fo 
tt)ie ^inttjieberum ©l^afefpeare tt^a^rfd^einlid^ am 5. gebruar 
1597/98 bei einem ©oI|ne ©abler^ ju ©ebatter ftanb unb 
biefem feinen unfi^ulbigeren 9?amen SSiÜiam Vererbte. 5)er 
„feinblid^e Slft gegen bie ©taatöfirdEie" l^atte alfo einen fel^r 
frieblii^en unb natürlid^en Urfprung.") 3)ie ^rdE)e l^at ba^er 



") Item I gyve and bequeath to Hamlett Sadler XXVIs, Vllld 
to buy him a ringe. — @r fleöört Quc^ su ben Untcracidi^nem bcS Sefta» 
mentS, unb fcfercibt feinen Soufnamen mit n: Hamnet. 

"") 9Joc6 auf S. 246 loieber^olt ber SSerfaffet bie iBcftauptung, bafe 
Sl^afefpearc feinem Sol)ne ben 9lamen ^nmlet „au« äbnlicben ©rünben 
öob^marum er einer feiner SötJdtcr ben Flamen Subita ert^eilen Heft." — 2)er 
poffierlic^e (Jinfall ftammt tibrißeng nicfet au§ bem ^opfe beg ©erm Mio. 
3n ber SluSbeutunß ber Flamen ift ilfem ©err 6impfon Poranfieöangen ; 
Qud) bie 3bentitöt Somerniüe« unb $)am(etS l^at {>err 6impfon juerft er- 
lannt. (The Rambler, March 1858, ©. 186 fß.) gr fragt: For who 



©^atcfpcarc ein fatl^olifc^et S)ic^tcr 37 

üuä), fo tJtel uii^ befannt geworben, ba§ feinbfelige Unterfangen 
be^ 5)id^ter2> niemals geal^nbet ; fie füllte fid^ burd^ ba^ ®reignt§, 
bo§ ätoei Äinber in ©tratforb nad| il^ren ^atl^en ^amlet unb 
3ubtt^ genannt tuurben, burd^auö nid^t in ifirem Söefte^en ge* 
fä^rbet nnb lie^ bie fiarmlofen Steinen in ungeftörtem S9e[i| 
bicfer bebenflirfien 9ianien. 

SBoUte ©f|afef))eare ber @taat^Krd)e einen em))finblid)en 
@d^(ag öerfe^en, fo mu^te er a(fo auf anbere Xl^aten finnen. 
6r ging nad^ Sonbon unb tüarb Sd^aufpieter. 

3ni jtt)eiten Sapitel feinet öud^e^ ttjiU unö ^err Siio 
„©l^afefpeare in Sonbon" fd^ilbern. 3Sir ertoarten ben S)irf|ter 
ate 8leUgion§fämpfer in angeftrengter S^ätigfeit ju fef|en. S)a 
ber Sßerfaffer ü6er biefe Xfjätigfeit nid^tö ju berid^ten l^at, fo 
mufe er tt)ol^I SRittel finben, bie entfte^enbe SüdEe au^jufüHen. 
6r greift bcr^er ju bemjenigen SRittet, ttjeld^e^ itjnt baö bequemfte 
unb geläufigfte ift: er beginnt abermafe über bie Seiben ber 
SJat^oIifen ju jammern, gegen bie ^ßroteftanten toütfienb ju 
eifern unb fe^t bieg auf 47 ©eiten (©. 44 — 91) toader fort. 2)aö 
old merry England Joirb ^ier öor unfern Slugen ju einem fianb 
beg @d)reden§ unb ber Xrübfal : man fielet nid^t^ afe ©dieiter- 
^oufen, Slutgerüfte, genfer unb ©d^tad^to))fer. S)ie nid^tö* 
roürbigen genfer, bie fid^ in immer fteigenber SSeeiferung ju 
i^rem fd^eufelid^en 3lmte J^erjubrängen, finb bie 5ßroteftanten, 
bie mut^ig butbenben ©d)lad^topfer finb bie Äat^olifen; ba^ 
Sweater, für tüeld)eg ©l^afefpeare fd^rieb, ioirb be^^alb aud^ 
(©. 94) mit angenehm überrafd^enbem SBi^ „ba^ Sil&eater ber 
©d^Iac^topfer'' genannt, ^err Siio erjäfilt unö öon einer 
„©diredengäeit/' tt)eld)e Slifabet^ über i^r SSo(f öer^ängt ^abe; 
öier 9ÄaI (@. 54, 86, 88, 219) gefc^ie^t biefer ©d^redengjeit 



bat Somervüle is the original of Hamlet? — i^err 9tio lä^t eS un- 
enoö^nt, ba| er feinem Vorgänger unb äRitftieitet biefe dinfic^ten neibantt. 
S)ei £efer mag nun entfd)eiben, mem bie größere 2lner!ennung gebül^rt, 
bemienigen, ber eine ^bgefd^madtl^eit suerft borbringt, ober bem, ber fte 
oon einem ancetn gläubig annimmt. 



38 3u ©Wcfpeare 

©rtuäfinung, unb ii)r tuirb eine ®auer balb öon fünf, balb öon 
ficben, balb gar öon jtüanjig 3at|rcn jugeftanben. 9Bir l^ören 
t)on ben „Keinen unb großen SRäubem, bie fid^ mit fat^oüfd^em 
®ute bercid^ert ijatten," unb tüir erfatjren, bafe biefen 9täu6ern 
eine „faft teuffifd^e ©efinnung" (®. 87) eigen tuar. SBir feigen 
unauff|örlid^ fatijolifd^e^ SBIut ftromnjeiö fliegen, tüir fe^en ftet§ 
Sdiaren öerruc^ter ^ßroteftanten mit ©trid unb 93ei( gerüftet 
unb Ied)äenb öor SBerlangen, fromme 2lnf|änger SlomS ju ent- 
flausten ober ju erbroffeln. 3n bem SBortrag bicfcr mit jelotifrfier 
SBitterfeit reid^Iid^ getoüräten Sammer* unb ®reuelgefd)id)ten 
fann ^err SRio jebod^ eine gemiffe Sintönigfeit nic^t üermeiben. 
®o ift j. S5. t)on ber ^inrid^tung beö ebeln Sbmunb ©ampion, 
bie tüir tüatjrlid^ nid^t billigen tüoHen, fed^§ SRal bie 9tebe 
(®. 29, 49, 54, 56, 82, 85). §atte ber SSerfaffer feine anbern 
„Sd^Iad^topfer" jur 9?erfügung, mit benen er feine* büftern ®c- 
mölbe beteben tonnte? ©in proteftantifcf)er SRio, ber bie Seiben 
feiner ©lauben^genoffen unter ber §errfd^aft ber SJiaria Subor 
fd^ilbern tüoHte, befänbe fid^ in einer tüeit günftigeren Sage : er 
l^ätte bie SBSal^I ärt)if(f)en metjreren namijaften ©d^Iad^topfern ; er 
fönnte, jur Erregung t)on SRitleib unb §afe, balb 9tiblet), balb 
ßranmer, balb ben ätüeiunbaditäigjä^rigen Satimer auf bem 
©d^eiterijaufen üorfüfiren ; e§ ift unangenefim für §errn 9tio, ba^ 
er fid^ immer mit bem einen Sampion betjetfen mu§. — 

©ine bis an ben 9Janb gefüllte ©d^ale be§ ®rimm^ unb 
3orne§ rt)irb auf baö §aupt ber ©tifabet^ au^gegoffen. @c^on 
auf @. 27 tvax ber SSerfaffer ju ber Slnna^me geneigt, bafe 
©(lafefpeare, afe er fein Ungeheuer 9tid^arb III. fd^ilberte, eigent* 
lic^ bag Ungetjeuer ©lifabet^ im Sluge . getjabt. ?Iber je^t erft 
rt)irb it|r 93ilb mit fräftigen garben ausgemalt. S^re ^Regierung 
^at ba^ gottt)ergeffene ©nglanb in ben Slbgrunb be§ ©lenb^ 
geftürät. S)ie beiben l)errfd)enben ©igenfd^aften i^rer SRatur 
tt)aren SBoauft unb btutbürftige 3iad)fud)t; bie lefetere ^atte 
jebod) ba§ Uebergett)id)t (@. 93). äßenn fie bie bramatifd^e 
S)id^tung begünftigte, fo gefc^at}' e^, meit fie üon bem S)rama 



Sl^afcfpeare ein fat^oHfcfeer Siebter 39 

«ine S3efriebtgung btefer betbcn Setbcnfd^aften forberte unb er== 
l^ett. S)ie 9(nnaba, bie getuei^te Sticg^flotte be§ ÄattjoIiciömuS 
f)at fie getoi^ nid^t o^ne §ülfe bunfler 9Ääd)te jerftreut; fie 
l^ot mit geJ^etmem ßaubertuer! btc ©türme tjcraufbcfd^ftjoreri, 
lüeld^e ben ©d^iffen be§ f at^oltf cf)en Äönig^ f o öerberbltd^ tüurben : 
„bcnn/' fagt ^err SRio (@. 55), „c^ toax, tüte tüenn fie einen 
SBunb gefd)Ioffen tjätte mit ben ©türmen ober mit irgenb einer 
bunleln SRad^t, njeld^e bie ©türme loölaffen fann." SBarum 
gefjt §err 9fiio nid^t nod^ einen not^toenbigen ©d)ritt tueiter unb 
fagt e^ gerabe I)erau§, ba^ ©{)afefpeare in ber föniglid)en ^eje 
bo§ Urbilb ber ^eje im Sßacbet^ gefunben f|at, bie ja aud^ über 
bie ©türme fd^altet unb bie ©d^iffe nad^ ^Belieben uml^er== 
fd^Heubern faun?^^) S)er 9?erfaffer lefe aufmerffam ben S)iatog, 
ben fie mit i^ren toiberlid^en ®enoffinnen fü^rt, unb er rt)irb 
bie t)on unö angebeutete Sletjulid^feit nid^t öerfennen. 

©nblidt) tuenbet §err SRio fein Stuge aud^ auf bie bramatifc^en 
3)id)ter Sngtanbö unb fie muffen ein fd^tuere^ ®erid^t über fid^ 
ergetjen laffen. ©c^on früher (©. 41) fprad) er üon ,,bramatifd)en 
©aturnatien/' unb Don bem „abtrünnigen SKöndE) 95ale,^*) burd) 



^0 2Rncbetö 1, III: 2. Witch. I'U give thee a wind. 

1. Witch. Thou'rt kind. 
3. Witch. And I another. 
1. Witch. I myself have all the other; 

And the very ports they blow, 
All the quarters that they know 

I' the shipman's card. 

Though his hark cannot be lost, 
Yet it shall be tempest-tost. 
**) @§ ift bieg 3iobn «ale, ber S5if*of üon Offort), ber um bie 3eit 
uon ©l^atefpeareg ®eburt ftarb. ^n feinen bramatifc^en Stücfeii, bie fic^ 
tocber burcfe ^ornt nocb ©el^alt auSseidjnen unb balb toergeffen tnurben, 
Mte er bie (^ac^c ber Meformntion su förbern ö^fucfct. 3Benn Mio biefen 
2Rann, ben er feiten ol)ne ein entel^renbeg ßpitl^eton nennt, al§ ben 35ater 
be§ enölifcfecn S)rama§ be^eicfenet, fo liefert er baburcfe ben 53en)ei§, bafe er 
üon ben S)ramen f&aU^ nichts gefeiten noc^ gelefen &at; benn biefc beroegen 
fid^ noc^ ganj unb gar in ben älteren gormcn ber Miracle-plays. 



40 3u SM^fpeate 

ben biefe Sßeriobe bcö bromatifdien Unftatl^g eingeleitet tourbe." 
SIuö ben im fpätern SWittelalter auögebilbeten gönnen ber 
Moral- nnb Miracle-plays ^at fid) befanntliij^ in aßmäl^fid^en 
Uebergängen baö nationale 2)rama in ber jtüeiten ^älfte be^ 
f ed^jetinten Sal^r^unbert^ entnjidelt unb rafd) eine ttjunberbare SSIiUl^e 
erreid^t. §err Siio ftagt aber mit büfterer SKiene über bie 
,,plö^Iic^e 5lbirrnng öom beffern SBege, in tüeld)e ba^ 3)rama 
feit ber SKitte be^ 16. Safir^unbert^ verfallen toaxJ' Unb in 
ber %^at, bie ,,2lbirrung" mujs eine fel^r gefä^rtid^e getoefen 
fein, toenn bie ©d^itbernng rirf|tig ift, toeld^e §err Siio öon 
biefer S)id^terfd)ule entwirft, bie „bamafö für bie ©tabt Sonbon 
ben bramaäfd^en SJebarf lieferte" (©. 91). @g ift nur toenig, 
toenn er biefe ©d^ute (@. 74) eine ,,^a^erfüllte, gemeine, btut- 
bürftige unb öor allem ferüite" nennt. 9Ran ^öre feine ^aar* 
fträubenbe ©d^ilberung (@. 72)! Unter ben bamaligen eng- 
lifd^en bramatifd^en S)id^tern finben ftdt) au^er ben !ird)li(^en 
2l))oftaten, ©))ionen, berufgmäjsigen SBetrügern unb SReligion^* 
t)eräd)tern überbie^ nod^ jügeltofe SBüftlinge, 9?erleumber be^ 
Srtoerbö toegen, ja felbft SRörber, toelc^e gleid^fam abgel^ärtet 
burd^ baö beftänbige SBlutöergie^en auf ber SBü^ne, üon ber 
^id^tung jur SBSirflid^feit übergingen. 9lid)t aufrieben mit i(|rer 
eigenen perfönlid^en Untpürbigfeit, arbeiteten fie tägtid^ an ber 
§erabn)ürbigung il^rer ^unft, inbem fie biefelbe ju bem S)ienfte 
ber ro^eften Seibenfc^aften ^ergaben unb ben am meiften fana* 
tifd^en S^eil beö großen ^aufenö burd^ ,Jtar! gelabene" SÜraben 
gegen bie Sfat(|olifen ^e^ten. — Sntfe^lid^! ©o ein Sonboner 
3;t|eater mu^ ja eine ttjal^re Sßörbergrube getoefen fein! Unb 
ba^ aQeg finb bie grüd^te beö 5ßroteftanti^mu§! 

©old^en flud^mürbigen S)id|tern, fotd^en §elferö^elfern be^ 
©atan fonnte §err SRio unmöglid) ein einge(|enbe^ ©tubium 
tüibmen. @r rebet jtoar fo, aU ob er mand)e ©tunbe in il^rer 
bögartig öerberblid^en ®efellfd^aft jugebrad^t i)Qbe, unb man foUte 
glauben, bafe er au^ öoUer Uebergeugung läfterte unb fd^impfte. 
Slber nein, er fc^int^jft nur nad) ^örenfagen. SBir entbedEe« 



@M^fp^ate ein fatl^oHfcber S)id)tet 41 

nämlid^ balb, ba^ er fein ®emüt^ nid^t befledt 1)at huxd) bie 
Sectfire biefer Dom ^eft^aud^ infictrten S)ramen, biefer gölten* 
gcburtcn, an benen ba^ SBIut fd^ulbtofcr Äat^ofifen Hebt. (£r 
möd^te fid^ jnjar ein geteJ^rteö Slnfe^en geben unb cittrt ein paar 
(Stellen au§ ben ©id^tungen biefer 3)?örbcr nnb SBeutelfd^neiber; 
aber biefe ©teilen i)at er fanit unb fonberö im britten Sßanb öon 
ßoUier^ Annals of the Stage gefunben, unb ba§ tüenige, tüa^ er 
fonft nod^ über jene ber etüigen SSerbammnife anheimgefallenen 
Sünber mitt^eitt, l^at er unbebenHid^ bemfelben Söanbe entlehnt.* *^} 
Unb ätoar ift bie Sntletjnung nid^t immer glüdElid^ Don ftotten 
gegangen, ©o rebet er auf @. 61 öon ÜKarlottjeö Tamerlan^ 
mtb bemerft, „ber 2)id^ter öerfpred^e am Snbe beS erften %i}txt^ 
biefeg SBerfg, tuorin ein SRorb auf ben anbern folgt, einen 
ätoeitcn X^eil, tüo noc^ größere ÜKorbt^aten öorfämen (still 
greater murders)." — SBir erinnern un^ nid^t, in SRarlonje^ 
Tamburlaine ein folc^eS SSerfpred^en gelefen ju ^aben; aber 
unfer ®ebäd^tnife fann mangelhaft fein, unb ber SSerfaffer fü^rt 
ja ^ier fogar bie SBorte be§ Originale an. SBir fd^tagen bie 
öon älej. S)^ce 1850 l^erau^gegebenen SBerfe SKartonjeö auf, 
toir überbtidEen bie te|te ©cene im erften %^txl be^ Tamburlaine^ 
bie citirten SBorte jeboc^ ftnb nid^t ju entbeden. S)en ÜKarlottje 
^at aber §err Siio ja gar nid^t gelefen; n)ir foHten nur im 
britten Söanb öon SoUierö Annals nad^fudjen, ba njerben bie 
SBorte fd^on fielen. Unb toirflid^, ba fte^cn fie aud^ auf ©. 120. 
3Rit ber 2;ragöbie SKartotueö l)aben fie inbe^ gar nic^tö ju 
fd^affen. SoUier f))rid)t bort im Xejt aüerbing^ Dom Tam- 
burlaine; in einer au§fül)rtid^en 9lote aber ernjä^nt er ba§ 
SBerf eine§ ungenannten Slutorö, ba§ offenbar bie Seftimmung 
^atte, mit ÜKartotoe^ beliebtem SBer! ju wetteifern (The first 
part of the Tragical ßaigne of Selimus, some- 
time Emperour of the Turks, 1594). SBon biefem 

**j S)ie auf ©. 67 unb 71 anftefü&rtcn Stellen finbcn fi* bei goUier 
©. 160 unb 209, bie SBerfe aug ber SRebc be§ ?Jtop^ctcn SonaS ©. 67 bei 
doaiec @. 220. 



42 3u ©^ofcfpcarc 

Srama tjeifet eg: The whole play is füll of blood and 
slaughter, and the aathor promises, in the second part of 
bis tragedy, (which has not survived) to teil of still „greater 
murders." §err SRto ^at atfo SoÜier^ SSorte nur ganj obenl^in 
angefetien unb burd^ biefcn unfd^tdltd^en Strt^um jur ©cnügc 
betüicfen, bajs er bei feiner Sarfteüung bie Duellen unbenu^t 
(äfet unb aud| uon ben aHbelannten §ülf^mitte(n nur einen fel^r 
nad^Iäfftgen ©ebraud^ maä^f^^) 

Dbfd^on ber SSerfaffer nun tneber bie S)ramen SRartotoeö 
getefen, noc^ baö Sapitel, tnetdie^ SoQier il^nen getnibmet, auf^ 
merffam betrachtet ^ai, i)äit er fic^ bod) für bered^tigt, biefem 
2)id^ter ein ,,fatanifd^e§ SBefen" (@. 60) juäufc^reiben. SDafe 
©atan tnirflid^ fo mäd)tig in if|nt tnar, ba^ erfennt §err SRio 
an jtüei untrüglid^en 3^^^« ; benn er fagt : SKarlotüe berf otgte 
bie Satf|oIiten mit feinem ^a% griff aber niemals bie officiette 
©taat^religion an. §ätte er nur ju bem le^tern fid^ ber= 
ftanben, fo tnäre if|m ba^ erftere bietteid^t minber fdt)tner an= 
geredtinet tnorben. ^reilic^ läfet fid^ üon ben religiöfen 2ln= 
fcfiauungen beö SKanneö nid)t biet guteö rütjmen. Snbe§ tnürbe 
man bon §errn 9iio bodE| tüo^I ein milbere^ Urtfieit ertnirfen, 
tuenn man i^m ba^ Statt bor bie Slugen bräd^te, auf tpetd^em 
ein getniffer 9t^dE|arb SBame eine 2)arftellung ber 3lnfid)ten giebt, 
tüetd)e SRartotüe über SRetigion unb ß^riftent^um gehegt l^aben 
folt.^') Su tuie tneit biefer SBame, ber ^ernad) l^ingerid^tet tpurbe, 

'^«) SBenn auf ©. 63 unter ©intocifunfl auf eoUicr 3, 197 $ecle§ 
%o6)Ux au einer 5Eoc^ter 8orb S3urfll)Iet)§ gemadjt roirb, fo »oHen wir bie» 
läcberlicte SSerfe^en flrofemütöiß auf WccfenunQ be§ Ueberfe^erg fc^reiben, 
ttjelcfcer ber Sprache unb ber I)ier bel)anbelten ©eaenftänbe öleid? un- 
funbifl ift. 

") A note contayninge the opinion of one Christopher Marlye, 
concernynge his damnable opinions and judgment of religyon and scorne 
of gods worde. S)ag ©c^riftftüi! warb juerft mitöet^eilt non Mitfon in 
feinen Observations on Warton's History of Engl. Poetry, 8. 40; jefct 
hat e§ 2t. S)pce in ben brüten IBanb feiner Slu^flabe beS 3)?arIon)e auf= 
genommen ©. 311—15. 



6l&a!cfpcatc ein fotl^olifcbcr Sichtet 43 

@Iau6en t)erbient, tft nid^t leidet metjr ju beftimmen ; aber §err 
aiio pflegt e§ ja avaS) mit ber ©laubtuürbigfeit feiner ®e* 
tüä^römänner nid^t fo genau ju netjmen. Unter btefen Slnfid^ten 
finb öiele, bte jebem ©firtften, mag er fid) jur römifdEjen ober 
eüangetifd^en ^rd^e befennen, öerbammenöttjerttj erfd^einen ntüffen ; 
eine berfelben tt)irb §err 9Jio jebod^ feine^tueg^ üerbammen ; fie 
tt)irb il^m üietleidtit gar afö fo üerbienftlid^ entgegenleud&ten, ba§ fie 
bie ©d^eu^Iid^feit alfer übrigen burd) itjren ©lanj au^Iöfdtit. ®enn 
SRarlonje fiatte ein gute§ §erä für bie Äat^olifen unb meinte: 
That yf ther be any God or good Religion, then it is in the 
Papistes, becavse the Service of God is performed with more 
ceremonyes, as elevacion of the masse, organs, singinge 
men, shaven erownes, etc. unb gleid)fam gur Sßefräftigung 
biefer Slnfid^t ttnrb mit energifd^er SJürje fiinjugef ügt : That all 
protestantes ar hipocriticall Asses. 

3l\ä}t tdaijx, ein SKann, ber unter öielen abf c^eulid^en eine 
fo gefunbe SKeinung I)egt, fann bem §eil nod^ nitf)t ganj unb 
gar entfrembet fein? @r t)erbiente Xüo% ba§ §err 9Jio nod) 
nad)träglid^ ben SBannffudE) üon feinem Raupte nätjme, ber 
auf ben anbern S!omöbienfd)reibern freilid) mit unoerminberter 
@d)n)ere auc^ ferner laften mufe. S)enn feiner ber anbern tann 
einen fold^en SKilberung^grunb für ftd^ geltenb mad^en : fie alle 
^aben afö oerl^ärtete ©ünber fort unb fort ba^ Slnfetjen be^ 
^apfteg gering gead)tet, ben fattjolifd^en Ä^ßnig tro|ig öerfpottet, 
unb — tva^ aöe fd)amIofen SSerbred^en frönt — fie fjaben ber 
©lifabetl^ gefd^meid)elt ! SKujgten fie nid^t gewärtig fein, nad) 
i^rem %obt in ben tiefften unb fd^auerDoöften 9tbgrunb ber 
§ölle äu öerbienter enjiger Dual ^inabgeftofeen ju toerben? — 

333äre §err 9Jio burd^ Äenntnife unb ©infid^t befäf|igt, ge== 
fd^id^ttid^e ßi^f^änbe ffar anäufdE)auen unb unbefangen ju be^ 
urtfjeilen, fo toürben toir it|m Jagen: \>a^ englifd^e S)rama ift 
ganj unb gar auö bem nationalen Seben t|ert)orgett)ad^fen unb 
^at fid) beftänbig in inniger SSerbinbung mit bemfelben erhalten. 
®leic^ tt)ie in bem S)rama ber ©panier ift un§ in if)m ein 



44 3u ©liafcfpeatc 

• 
®p\tQd be^ SWattonald^araftcr^ aufgefteüt. SBag in ber ^iattott 

lebenbtg tuar, bie ©efinnungen, bte fie burd^brangen, bie Seiben=- 

fdiaften, bie fie be^errfd^ten unb betuegtcn unb bie oft ju einem 

getüattfamen Sluöbrucf) !amen, bie ©timmungen, bie mit bem 

2!age ftüd^tig mecf)feln, unb bie unöeränberlid^en (Smnbelemente^ 

anf benen ba§ SBefen be§ SSoIfeö für immer beruht, — ba^ 

2lEe§ mifd)te fid^ im ®rama fed burc^einanber unb tüarb in 

unmittelbarer Sebenbigfeit auf ber S8üf|ne jur ©arfteüung ge* 

brad^t. Unter ber §errfd)aft ber Slifabetf) tuarb bie Station 

mäd^tig erf|oben im SBetuu^tfein i^rer feffetlo^ aufftrebenben 

©rö^e. ®ine frifd^e Sebenöfraft brad^ überall l^eröor; e§ trieb 

unb leimte aller Drten, ein ungel^emmter jugenblid^er ©rang 

erregte unb öeröielfältigte aEe Strafte. SBo aber aEeö fo ge* 

ttjaltig, fo ungeftüm jur 6ntrt)idflung brängt, ba fann in Seben 

unb ©itte ba§ SKajg nid^t immer getoal^rt tüerben. SBie grofee 

Sl^aten t)oKbrad)t tüurben, fo tüurben aud^ grojge SBerbrec^en 

öerübt ; aQeg jeigt fid^ in gigantifd^en formen, bie ©d^ranfe 

be^ ©ittlidEien tt)irb nid^t immer bead)tet, ober öielme^r, fie ift 

nod^ nid)t fo feft aufgerid^tet, ba^ nic^t eine fraftüoüe 9?atur 

fidt) t)ermeffen bürfte, fie umäuftojgen. S)enn bie Äräfte in itjrer 

überqueöenben güHe ftreben üor aÖem barnad^, fid^ ju offen- 

baren, ©ne fold)e Q^it fielet ba§ ®rö§te unb 3Sunbert)ollfte 

entftetjen; in einer fold^en rut)mreidE|en, öielbetoegten 3^^^ ^^^^ 

ber fid)ere @runb gelegt für baö ®Iüö, für bie ®rö^e ber 

fommenben Qdkn. Snglanb fü(|lte ftd^ befreit Don ber geiftigen 

Dbertierrfd^aft eine^ au^länbifd^en ^riefterö; ber geinb, ber fo 

lange fd^reöenb gebro^t, l)atte öergeben^ feine furdt)tbare SKac^t 

aufgeboten, um, ber „triump(|irenben @ee"*®) jum %xo% ba§ 

Silanb ju bejtoingen, unb baö SSolf jaud^äte auf im ftotjen 

®efü^t feiner Äraft, bie fid^ glorreidt) öor ben Singen ber SBett 

benjöl^rt ^atte. 



2®) England bound in with the triumphant sea. ©I^atcfp. Mic^arb 
II. 2, I. 



@^atefpeate ein latl^olifc^ei S)i(6ter 45 

3)te Äunft, bie in einer folc^en 3^^* entfpringt, mufe ein 
^nb berfdben fein, ©ie trägt benfelben ß^arafter, ben ßeben 
unb ©itte aufttjeifen. Slud^ fie fd)n)anft nod^ unftd^er, balb 
glüdHid^ bem ©ro^en jjuftrebenb, ba(b tuieber unfähig, )iä) be§ 
tRo^cn ju ertoel^ren. SebenöfüQe, eine roeite, mannigfaltige 
?tnfd^annng, ©tärfe unb Sül^nl^eit im ©rfaffen ber S)inge, eine 
oft erfd)üttembe SBal^rl^eit in i^rer S)arfteßung unb eine reid^e 
^oefie, bie baS Sinjelne fd^müdt, — biefe @igenfd)aften muffen 
ben altem S)ramatifern, ben unmittelbaren Sßorgängern @f|afe= 
fpeare^ jugeftanben »erben. 9lber baö 3Ka§ ift nod| nid^t 
gefunben, ba^ SBer! ber ©inbilbungöfraft ift norf) nid^t jum 
Äunftnjerf gereift. S)ie 5h:aft äußert fic^ äögellog, unb mufe 
ba^er nid^t feiten il^re eigene SBirfung bernid)ten; bie ßeiben* 
fd^aften, bie fid^ ^ier funb geben, muffen oft burrf) i^re ®t^ 
toaltfamfeit öerle^en unb empören. S)ie ©id^ter ftürjten fid^ in 
baö ftürmifcf) erregte Seben, baö um fie l^er tuogte; aud^ i^nen 
fehlte ein äußerer §alt unb bie innere Haltung, unb mandEje 
t)on il^nen gingen unter in bem toilben treiben, überreijt unb 
frfi^jeitig enthaftet. Sßor feiner @rfd)einung be^ Seben^ foüte 
bie S3ül^ne fid^ öerfdilie^en, für SlHeö, toa^ bie Qtii bem S)id)ter 
barreid^te, foHte bort 9taum gefcfiafft tüerben, bie ©efül^Ie, rt)eld)e 
ba§ SBoß fo fräftig au^fprad^, foKten bort ifiren lauten SBiber^ 
^aH finben. ©o mufete benn aud^ ba^ SRationalgefü^l, baö bei 
bem allgemeinen 3luffd^rt)ung ber ®eifter firf) immer ftärfer auö- 
bilbete, öon ber Sül^ne tjerab in üoHen 2!önen üerfünbigt »erben. 
Unb in biefem 9?ationalgefül^l begegneten fid^ Siebe unb §afe. 
2)a^ Sßaterlanb unb feine §errfd^erin »arb mit SBegeifterung 
gepriefen, öerl^errlid^t toarb ber Sieg ber neuen Sieligion, in 
toel^er man bie Sürgfd^aft ber nationalen Unab^ängigfeit er=^ 
bliche. Unb eben fo laut unb l^eftig tüarb ber alte ®laube 
gef^mä^t, ber, »ie man tüätjute, bem SBolfe eine üerl^a^te Sned^t^^ 
fc^oft aufjulegen beftimmt tüar; alle, bie i^n befd^ü^ten unb 
öerbreiteten, ober bie gegen ©nglanbö ©elbftänbigfeit bie SBaffen 
erhoben Ratten, »urben mit ®rimm unb ©pott Verfolgt, unb 



46 3u ©^afefpcatc 

befonber^ ber ^ßapft unb ber f))antfd^e Slönig mußten \\6) Dom 
englifd^en SBoIfe ttJte üon ben Sonboner 2!i)caterbid^tcrn eine fel^r 
üble SBel^anblung gefaUeu laffen. 

3Str JDoHeit biefent Ueberma^e ))atriot{fd^'retigiöfer 5ßüteintf 
tDafirlid^ nid^t unfern SBeifaü joüen. Slber man rvÄ^ e^ ja^ 
big ju toeld^em ®rabe. bie Seibenfd^aften erf)i^t tuerben, toenn 
ber SReligionöl^aber einmal entjünbet ift, unb tt)enn nod| gar 
ein tebtjaft erregtet Jiationatgefü^l flinjutritt, um bie öerberb* 
Iid)e g^amme noc^ tjeftiger anjufacfien. Unb tüaren e§ ettoa 
nur bie englifd^en ^ramatifer, bie in jener ßeit ber fird^Itd^en 
ßtüietrad^t itjren 333iberfacl^ern gegenüber bö§ 9Kafe ber SBiKig* 
feit üerga^en? S)er gro^e SReligionöfampf tvath öon aütn 
SSöHern, bie in i^n öerfd)tungen njaren, mit berfetben fd)ranfen* 
lofert §eftigfeit, mit erbarmung^tofer 3Sutl^ gefül^rt. ®efd^id^te 
unb Sitteratur Ief)ren un^ burc^ untmberteglid^e ß^^Ö^^iff^r ^^ 
erfd^recfenben SBeifpielen, bajg njeber bie öefenner ber neuen, 
noc^ bie Äämpen ber alten SRetigion irgenb eine ©d^onung be^ 
geinbe^ fannten; rof)er afö bie {)eibnifc^en ©ried^en, benen e^ 
fünblidEi fd^ien, über ben (Gefallenen fid^ ))ra{|Ierifd^ ju erl^eben,**) 
üerfd^mätiten fie e^ nidE|t, ben ©turj beg geinbeö mit grellem 
§of|ngetäd)ter ju begleiten unb fid^ ber fdE)mäf|tic^ errungenen 
"Jriumpfie mit fd)änblid^em gro^lodEen laut ju rül)men. 9Wd)t 
an bie Sartl^olomäuönad^t be^ Satireö 1572 tuollen inir erinnern, 
n)of|l aber an bie SKebaiHe, bie jum eljrenben 2Inbenfen biefer 
9Korbnad^t gefd^Iagen tüurbe. Sie jeigt baö 95ilb beö ^apfte^ 
®regor xni. auf ber einen Seite, auf ber anbern bie Hugenotten, 
bie ein geflügelter ßnget, mit Äreuj unb ©d^tuert betoaffnet, ju 
Söoben ftredt; bie Umfd^rift lautzt: Ugonottorum strages, 
1572. Sind) ber Subelrebe foUte man gebenfen, mit toeld^er ber all^ 
getoanbte ©tilfünftler SKarcuö Slntoniug 9D?uretuö bieg fd^auber- 
üolle ©reignife in ©egentüart beg ^apfteg feierte.^®) — 3^ ^^^ 

**) ^^X ooirj, xtauivotaiv sn avS^aoiv svxeToattd'at. Odyssea 

XXn, 412. 

*®) i>nx Mio maö 4)er3 unb 0()r on f olßcnbcn rool^Iflcrunbcten ^crioben 



©^atefpeare ein fat^olifcbcr Sichtet 47 

?)Jocfie be§ SReKgton^l^affeö l^aben bie meiften fittteraturen eine 
nur ju reid^Iid^c SBetfteuer geliefert. S)ie ftärffte 2;trabe, bie 
jemate ein englifd^er Siü^nenbid)ter flegen bie geinbe feinet 
55aterlanb§ unb beö ^roteftanti^ntu^ gefd)teubert ^at, toie gelinb 
imb matt erfd^eint fie, fobalb man ettoa einige Sßerfe auö Sope 
be SSegai^ ®ebirf)t Corona tragica banebenfteHt, in tüeld)em 
bog ®efc^icf ber üKaria Stuart gefd)ilbert unb ba^ Äe^ert^um 
jamt aUem, mag i^m anf|ängt, mit bem tuüt^enbften 3ngrimm 
angegriffen tuirb. 2Rit tuelc^en entfe^Iid)en Sieben erfreut 
Salberott in bem ®elegeni)eit^brama El sitio de Breda, fein 
fat^olifd^eö 5ßu6Iifum!*^) Unb tuelrfie ©ntfteßung ber ®efrf)icl^te 
ertaubt er fid^ in La crisma de Inglaterra! S)a^ auc^ ber 
cbclfte SKenfd^, öom ©lauben^fanatiömug befangen, bag reinfte 
®cfüt|( ber SKenfd^Üd^feit öerleugnen !ann, bafür mag Seröante^ 
ein betrübenbeg 3^i^9^ife ablegen. S)ie graufame SRaferegel, burd^ 
tt)c(d^e in ben Satiren 1609—1614 bie ÜKoriö!en an§> Spanien 
aufgetrieben tourben, eine SKa^regel bie ein Staatsmann tuie 
SRid^elieu l^eftig tabelte, Serüanteö l^at fie ate guter Äatl^olif 
gebilligt unb gerüfimt. 3m jtüeiten X^eit beö S)on Duijote 
täfet er einen biefer jum ©jil öerurtl^eilten Unglüdflid^en fagen, 
bafe biefe Strafe, fo fd^redlid^ fie aud^ fei, i^nen bod) mit Siedet 
aufgelegt tuerbe, unb bafe mol^I göttüd^e Eingebung ben Äönig 



neibcn: noctem illam memorabilem, et in fastis eximiae alicuius notae 
adiectione signaudam, quae paucorum seditiosorum interitu regem a 
praesenti caedis periculo, regnum a perpetua civilium bellonim formi- 
dine liberavit. 3)cr fcuriße Sebnct mac^t foflar bie 9latur gut SRitftcnoifin 
ter greuelboüen £()at: Qua quidem nocte Stellas equidem ipsas luxisse 
solito nitidias arbitror, et flumen Sequanam maiores undas volvisse, 
quo citias illa impurorum hominum cadavera evolveret et exoneraret 
in mare. 

*') aBa§ {)ar^enbufcb in feiner ^u^gabe beS S)ic^tet» 4,715 unb 
^op. 6d)mibt in bem trefflichen SBerte: bie 6c^aufpiele SalbetonS 
S. 515 über bie^ Srama bemerfen, \)abt ic^ n)ol)l beachtet, !ann eS aber 
nicftt jutreffenb finben. 



48 3u @ba!efpcarc 

ju biefem trefflid^cn 6ntfd^luJ5 bctüogcn J^abe.'*) — ©in fold^e^ 
S5eif))tet fann unö on bie ©d^toädie ber menfdilid^en SRatur 
tnaiinen, e^ mufe unö mafinen, bicjenigen mUbe ju bcurt^etten, 
bie fortgeriffen t)on ben Seibenfd^aftcn be^ $ßartcifanit)fc^ ober 
t)erMenbet öon ber ^eftigfett beö ©lauben^etferö, jebe*jortere 
SRü(ffid)t, ja n)o^( gar baö ®ebot ber 2Renfd^Iid^feit au§ ben 
?[ugen Vertieren unb mit aUen 3Saffen fd|onung^Iog ben ®cgner 
befäm))fen, öon bem fte l^intüieberum feine jartere SBe^anbtung 
frtüarten unb erlangen. 

Unb bieg milbere Urtfieil muJ5 mal^rüdi aud^ ben engtifi^en 
^ramatifern ju ftatten fommen. ©elbft ba, tüo fte fid^ am 
l^eftigften äußern, jeigen fie fid^ nie unmenfc^tid), unb bafe fte 
bo^^aft gefliffentlid^ barnad^ trad^teten, in il^rem ^^ublifum ben 
§afe gegen bie Äatijolifen ju fd)örfen unb fo bcren Sog ju 
t)erfd^timmern, — bag ift eine ebenfo ^ämifd^e Jnie (äd^erüd^e 
SBefd^utbigung. ©ie ftanben inmitten eineg SBoIfeg, beffen ®e= 
fü^le fie tl^eilten; inbem fie i^m ju l^ören gaben, toaö eö l^ören 
tooßte, mad^ten fie jugteic^ i^ren eigenen ©m^finbungen fiuft 
unb liefen fie in freiem gluffe eintjerftrömen. 

SKan l^at fd^on tängft bemerft, baJ5 @f)afefpeare fid^ fotd^cr 
berben gegen bie SlBiberfac^er Snglanbö gerid^teten geinbfelig* 
feiten nid^t fd^utbig mad^t. SBie in allem übrigen, fo ftanb 
«r aud^ hierin fjö^er unb gröjjer ba afö bie anbern ©terblid^en. 
SBie er feinem SSaterlanbe anl^ing, mit ioeld^em ©tolj er ftd^ 
beg ®{üdEeg betonet toar, ein ©ol^n biefeg SSotfeg ju fein, bag 
foüen ung nid^t etttja einjelne ©teEen feiner S)ramen, toie bie 
Jßobrebe beg fterbenben ®aunt ober bie ©d^lufeioorte im Äing 
Sof|n betoeifen, — bafür ift ung feine ganje ^oefie, üor allem 



'^) dticote fagt: Finalmenteconjusta razon füimos castigados con 
la pena del destierro, blanda y snave al parecer de algunos; pero al 
nuestro la mas terrible qae se nos podia dar. Unb fuT$ bor^ev: 

me parece que fu6 inspiracion divina la que moviö & Su 

Magestad ä poner en efecto tan gallarda resolucion. D. Qoix. II, 
cap. LIV. 



©l^afcfpcate cm fatl^olifcfecr 2)ic6ter 49 

bie ateil^c fetner l^iftorifd^eit @d^auf:piele, ein etnjtcjer, ununter* 
brod^en fort(aufenber öetoetö. Unb bieg aSaterlanb, beffen 
5ßretg er in nie öer^aüenben 3Sorten öerfünbigte, eö tft nid^t 
ettt)a ein erträumtet ©nglanb, baö bie irr fditucifenbe ^^antafie 
eineö reügtöfen ganatifer^ erft gefd^affen unb gleid^fam fatl^o* 
l\\6) getoeil^t unb gereinigt l^ätte, — nein, eö ift ba^ tt)irfli(l|e, 
ba^ i^n umgab, auf beffen ftd^erm ©oben er ftanb, ba^ ,er 
tpcrben unb blül^en fal^, ba^ ®nglanb, ba^ unter ©lifabet^ö 
^Regiment gro^ getnorben tüar t)or ben SSößern ©uropa^ unb ben 
Wngriff eine^ übermäd^tigen geinbeö rü^mtid^ jurüdEgefdilagen 

®ieg Sanb tnar fein SBaterlanb. ?Iber er, „ber ben 
SBert^ einiger 3af|rl^unberte in feiner Sruft füllte, bem ba^ 
Seben ganzer Sa^rl^unberte burd^ bie Seele mebte,''**) er l^ätte 
fid^ tüiUenlo^ ben Stimmungen be^ §lugenblidfg überlaffen, burdE) 
fein mäd)tigeg 3Sort bie rollen Steigungen ber 9D?enge auf^ 
ftad^etn unb bie Harmonie feiner SBerfe burd^ mi^tönenbe 
Stange be^ §affeö jerftören foKen? 6r, ber bie ge^eimften 
liefen jeber Seibenfd)aft ergrünbet tjatte, er foüte ben t)orüber== 
raufd^enben Seibenfd^aften beö 2;age§ feine Stimme leiijen? — 
SBelt unb Seben lagen offen öor it)m ; fein 9tuge überbtidEte fie, 
aber er öerlor fid^ nid^t in i^ren SBeiten. 9Kit einer Äraft, 
bie bi^^er feinem anbern ©terblid^en üerliel^cn tüorben, ergriff 
er bie SBett unb baö Seben, um beibe mit feinem (Seifte ju 
burd^bringen unb ju läutern unb eine neue SBelt ju fd^affen, 

") This fortress built by Nature for herseif 
Against mfection and the band of war, 
This happy breed of men, this little world, 
This precious stone set in the silver sea, 
Which serves it in the office of a wall, 
Or as a moat defensive to a house, 
Against the envy of less happier lands. 

Sidjarb II. 2, I. 
'*) fflortc ©octl^cg über @^a!cfpcarc in ben granlfurtcr ßeleörtcn 
«naeigen 1772 3lx. LXXIV. ©eimorer »uSöabe 37, 226. 



50 3u S^^alefpcare 

in tüd6)tx btc tütrftidie il^r tuunberbar öerftärteö 5lbbttb mit 
Staunen erfennen foQte. 

®rft feitbem unö bie SSorgängcr unb ß^i^Ö^^^^ff^^ ©fiafc- 
fpcarcö in i^ren SBerfen nafiegetrcten finb unb ujir i^rc 
MnftIer))l^^fiognomien bcutlidi feigen unb unterfd^eiben fönnen, 
erft feitbem öermßgen tüir anä) ju bestimmen, ttjoburd^ er 
eigenttid^ au^ bem Greife feiner Äunftgenoffen ftd^ l^erau^l^ebt, 
njoburd) er ein anberer tnirb afe fie unb fid^ bie 2ineinf|err=« 
fd^aft in' feinem SReid^e fid^ert. ©eine Uebertegen^eit ttjirb nid^t 
nur burd^ bie immer neu ijeranbringenbe güHe feiner ©d^öpfer- 
traft offenbar; er ift nid^t b(o§ be^^alb ber größte, tüeit er 
ber reinften SBa^rl^eit ftetö getreu bleibt , toeit er jeber ©r^^ 
fd^einung bie einjig rid^tige gorm üerlei^t, jebem ®ebanfen ben 
tieffinnigften 3Iu§brudf, unb jeber ©mpfinbung bie innigften 
Saute — feine aKeö überragenbe ®rö^e l^aben tüir in il^rem 
UrftJrung erft bann begriffen unb getüürbigt, tnenn mir jebe^ 
feiner SQSerfe afö eine öoßfommene, felbftänbige ©n^eit Har 
anfd^auenb erfannt tiaben. S)enn ^ierburd) tnirb er ber Sinjige : 
bie il^m Vorangingen, Vermochten fid^ nirf|t jum SJegriff, jur 
©arfteHung eineö ©anjen ju erfieben, fo manigfac^e Siciäe 
aud^ burdö il^re SBerfe Verftreut finb, fo Voll unb tebenbig aud^ 
ber Duell ber 5ßoefie l^ier fprubelt; er ieborf) giebt immer ein 
©anjeg, eine in fid^ bcfd^Ioffene SBelt, au§ ber forgföttig alle§ 
ferngefialten unb au^gefonbert ift, tva^ il^re not^toenbige (Sinl^eit 
Verleben, i^ren jarten innern ßwfömmenfiang aud^ nur für 
furje SRomente unterbred^en fönnte. S)er gauje 3nl^alt ber 
belebten unb unbelebten SBelt ftetjt ju feiner SSerfügung; aber 
au§ biefem unuberfet|baren 9ieid)t^um greift er, toeife mä^Ienb, 
jebeömaf nur ba§ l^eraug, tnaö feiner ©d^öpfung angemeffen 
fid^ einfügen toirb. @o entnimmt er aud^ bem ©toff, ben fein 
Sa^rtjunbert, feine Umgebung it)m barbot, nur bie lauterften 
©lemente. Sr läfet fid) tragen unb ^eben öon ben SBogen ber 
3eit, aber nid^t, g(eidE) ben anbern, verfinft er in i^nen. 3)en 
^iftorifdE)en ©d^aufpielen, bie in ber 3^^ feiner SReife entftanben 



<B^a!efpeate ein fatl^oHfcbet 2)ici&ter 51 

finb, i)at er jenen träfttgen ))atriotifd^en (Seift eingel^aud^t, ber 
bur^ feine SRation 6e(ebenb unb ertoedenb ^inburd^jog; aber 
t)or jeber Uebertreibung, in toetd^e bie^ ertiebenbe ®efü^( bei 
ben nteiften fo leidet ausartet, mufete fein fiol^er Sinn betoa^rt 
bleiben. S)enn fo unüerfennbar er ftd^ anä) in feiner 3^^* 
unb burd^ biefelbe gebilbet, fo toar er bod^ nid^t allein ber 
9Rann feinet Qzitalttx^, er toar für alle 3^*'**) ®^^^ ^^^ 
ift ftet^ auf ba^ 2111 ber SBett gerid^tet, beffen innere ®el^eim^ 
niffe er auffd^Iie^t; 3Sergangen^eit unb ©egcntoart rinnt für 
i^u ju einem großen ©anjen jufammeh, baö er gleichmäßig 
umfaßt, unb in bem fein (Seift ftd^ ^eimifd} fül^It. @in ©ol^n 
feiner 3^^^ f^önb er bodft jugteid^ außer unb über berfelben, 
ebcnfo toie er afe SBruber ber SRenfc^en an aüem ü)Zenfd^üd^en 
traulid^ S^eil nimmt, oEe^ SRenfc^Iid^e mitfühlt, unb boc^ aud^ 
ttjicber ate ein ber menfd^tid^en SBefd^ränft^eit entl^obener (Senium 
erfd)eint, ber ftc^ jur (£rbe ^erabfenft, um fic^ liebeöoß ben 
©tcrbtid^en mitjutiieilen. @o fte^t er unter iijnen ba, afe i^re^= 
gteid^en unb bod^ afe ein l^ol^er g^embling! So lebt er fort 
im liebenben 3Ingeben!en ber SKenfc^^eit, ber @rbe unermeß« 
liefen aiu^meei!««) — 

aSeffen ©eete erfüCt ift üon ber ®röße ©^afefpeareö, bem 
ift e§ toiberlid^, bie o^nmäd^tigen Seftrebungen berer anju* 
flauen, bie ben (Seift be^ gett)altigften ©id^ter^ gern in ba^ 
Iteinlid^ üeräd^ttidt)e 2;reiben be§ %aQt^ J^erabjie^en möd^ten, um 
i^ren aufgereihten Seibenfd^aften eine etenbe SJefriebigung ju 
bereiten. SBag ung in ©^afefpeare not^toenbig afö ein 9luö* 
fluß feiner l^öf)ern SWatur erfc^eint, baö toirb für §errn 9tio 
crft crHärlid^, nad^bem er baö Silb beö S)id^ter^ entfteüt unb 
gefd^änbet i)at 3Bei( S^afefpeare, öon bem Stbel feinet ©inneö 
geleitet, nid^t gteic^ feinen 3citgenoffen ben ^at^oüfen berbe 
©d^mäf)ungen entgegentoirft, roeil er e^ unterläßt, i^ren ßultug 



'*) He was not of an age, but for all time. fdtn ^onfon. 

•*) Dear son of memory, great heir of fame. ÜJlilton. 

4* 



52 3u ©l)Qtcfpeare 

xof) ju öcrfpottcn, be^l^Ib mufe er, nad) ^errtt SRio^ 5)af ür* 
l^aftcn, atö ]^cimtid)cr Statl^oUf, um feine „boöl^afte ßuft ju bc* 
fricbigen" (®. 33)®^ baö ®efd)o§ feiner ^oefie gegen bie Der* 
l^a^ten ^e^er gerid)tet l^aben. S)ie l^ol^en Sigenfd^aften feinet 
SBefenö^ bie il^n üor ben anbern auöjeid^nen, n^erben atfo baju 
mifebraud^t, il^n nod^ unter ben ©tanbpunct ber anbern l^erab* 
äutoürbigen. S)enn biefe mad^en bod) toenigften^ au^ i^rer 
geinbfettgfeit gegen il^re 3Biberfad)er fein |)e]^I unb treten mit 
offenem Slntli^ auf ben @d)aupla^; er aber foH fein 2eben 
lang eine S^re barin gefud^t ^aben, in ^eimtid^ öerbiffenem 
®roII feinen ©egnern bann unb n^ann l^interrücf^ einige Don 
i^nen nie gefüllte ©töfee ju öerfe^en, unb bem ®rimm, ben 
er fortbauernb gegen fie im 93nfen trug, in „etn^a^ öerJ^üUten 
SBenbungen" (@. 96) einen tDirfungötofen Slu^brud ju geben. 
S)arin, glaubt §err 9Jio, beftanb bie grofee Slufgabe feinet Sebenö. 

SRad^bem ber SSerfaffer feine SButl^ gegen bie engtifd^en 
Söü^nenbid^ter in burleöfen ©d^ettreben erfättigt l^at, läfet er 
unter bem Sonboner $ßubli!um ein ®erürf)t au^gel^en „t)on bem 
jungen ©id^ter, toeld^er balb bie rül^renbften, balb bie fül^nften 
SInfpielungen n^agte, je nadEjbem er bie SÖerfotger branbmarfen 
ober ba^ äJätleib für bie SSerfoIgten erregen tooHte; Don bem 
jungen ®id)ter, toeld^er eine SJeaction ju gunften ber fatl^o* 
HfdEien Uebertieferungen ju öerfud^en fd)ien, inbem er fo mand^eö, 
toa^ bie ^Reformatoren für baö §örf)fte l^ielten, Iärf)erUrf) mad^te, 
anbrerfeit^ aber ba^ Sbeat, toeIcf)eö ®emein^eit unb ganatiö* 
mu^ mit toüt^enbem §affe geärf)tet l^atten, in feinen beiben 
(Srfd^einung^formen, ber frommen Sl^cetif unb be^ 9Kttertl^umö, 
toieber ju feiner frühem ®eltung äurüdfjufütiren ftrebte" (@. 91). 
SSon biefer „SReaction," toelcfie ©l^afefpeare ju gunften beö 
S!att|oIici^mu§ unternommen, ift aud^ nod^ fonft melfad^ bie 
3{ebe. So toirb §einrirf) V. ein „SBerf ber 9fteaction" 
(@. 150) genannt, unb 3uliuö Gäfar ift gar (®. 238) eine 
„reactionäre 2)emonftration," aud^ in 3;ituö 9Inbronicu^ 

»0 SSerflI. QU* %. ^B. oon Sc^Icöclg fämmtli^c 9Bcr!c 6, 225. 



@^a!efpeate ein fat^olifc^er Sichtet 53 

foD fic^ bie ^^SRcaction mel^r im rcligiöfen aU poütifd^cn ©inne 
jeigen, unb jtDar in fo ungcn)öl^nlicf)en gönnen, ba§ man ücr* 
fuc^t fein möd^te, ju glauben entn^ebcr an eine geheime Sßad^* 
fic^t ober an irgenb einen @d)ug, ber ftarf genug toar, ben 
S)id^ter unb feine ©efeUfd^aftögenoffen üor ben mögtid)en folgen 
feiner ?lnfpielungen ju betoa^ren" (@. 94). (£6enfo toirb eö 
an üerfcf)iebenen Orten eingefcf)ärft, bafe ber S)id^ter, öon bem 
man bi^tier fä(fcf)licl) glaubte, er ' f)ab^ in feinen SBerfen bie 
toatirften unb umfaffenbften SBilber üon Sßatur unb äKenfd^* 
l^eit aufgefteUt,**) üielme^r beftänbig ein boppelteö 3beal, „ba^ 
rittert^ümlid^e unb baö retigiöfe", im Stuge gel^abt unb nad^ 
biefem feine ß^araftere gebilbet ^at (@. 100, 129, 145, 245). 
§err 9fiio l^ält eö inbefe nid^t für geratl^en, bafe ber junge 
SReactionär, ber „fid^ ber Slufgabe n^ibmet, bie ®eifter ju bt^ 
feieren" (©. 79), fid^ allein in bie (äefal^ren ber .^auptftabt 
toage. ©r umgiebt i^n ba^er mit einem ^offtaat üon @d)au== 
fpielern, toeldEje in ®emeinfd)aft mit i^m biefelben fircf)Iid)== 
politifi^en Qto^dt öerfotgen. 3)a §err SRio fid^ narf) belieben 
fiatl^olifen fd^afft, n)0 er i^rer bebarf, fo nimmt er aud) ol^ne 
Slnftanb fotoo^I SBurbabge, toie bie ©d^aufpieler jn)eiten SRangeö 
in ben toeiten @d^o§ ber römifd^en Sird)e auf (@. 97). 
2)iefer öon i^m jufammengerufenen glaubenötreuen @rf)ar 
gönnt ber SSerfaffer feine ganje ßwi^^ifl^^^S- ^'^Bir fe^en ^ier 
gleid^fam eine 6oIonie mut^iger Slbenteurer oor unö, n)eld)e 
il^re tt)a^re gal^ne üerbergenb ju gunften einer anbern 3Jtad)t 
afe ber bamafö ^errfcf)enben barauf ausgingen, einen 3;^eil be^ 



•*) ©c^ön Reifet cS in Edward Phillips' Theatrum poetarum (1675) 
twn unferm Sichtet: never any represented natare more purely to the 
life. 9Ran l&at in ben SBotten, Die ftci in biefem öucfee übet ©^alefpeate 
finben, bie ©anb ?Wilton3 ettennen motten, beffen 9leffe ^^ittipg roax ; unb 
QÜetbinög, wenn mir weitet lefen: he pleaseth with a certain wild and 
native elegance, fo a^benten mit alSbalb bet ^etfe im ^ttegto: 

Or Bweetest Shakspeare, Fancy's child, 

Warble his native wood notes wild. 



54 3u Sl)a!efpcate 

feit einem falben 3a]^rl^unbert öerloren gegangenen ®ebiete§ ju 
erobern ober üielmel^r toieber äurüdäuerobern" (@. 79). §err 
9tio malt eö fid) an^, ml6)t SBirfung biefe ©d^aufpiele auf 
ber S5ü^ne geübt tiaben muffen, — biefe ©d^aufpiete, entfprungen 
auö einem recf)tgtäubigen (Seifte unb aufgefütirt Don recl^t=* 
glaubigen Slcteur^! 

S)iefe fat^olifd^en |)elben, bie il^re ga^ne nid)t ju entfalten 
toagten unb benen ©l^afefpeare fid^ jugefeHte, ftanben aber unter 
bem unmittelbaren 5ßatronat be^ (ärafen Seicefter; fie waren 
feine Wiener.**) ©urd^ SSermittlung biefeö macf)tigen ®ünft== 
Iing§ erhielten fie im Sa^re 1574 öon ber Königin ein 5ßatent,**0 
toeldie^ i^nen ba^ Steci^t ert^eilte, in aQen ©ejirfen be§ 2anbe^ 
il^re Äunft ju üben; bemjufolge eröffneten fie im Sa^re 1576 
il^r Xl^eater in Sötadfriarö. 9iun mirb Seicefter üon §errn SRio 
felbft überall mit ben fcf)ärfften ?lu^brüden afö ber giftigfte, 
üerrucf)tefte geinb ber Ä^at^otifen gefc^ilbert; unb borf) foHen 
n)ir glauben, bafe eine ®efeHfci^aft fatl^olifd^er ©dEjaufpieler fid^ 
in feinen ©ienften tialten, ja fogar bauernb fid^ feiner ®unft 
terfid^ern fonnte? SBie ift e§ ferner benfbar, bafe ju einer 
3eit, ba, nad^ §errn 3{io^ graufenerregenben 83erid}ten, jeber 
Äatfjoli! in jebem Slugenblide auf SRarter unb 3;ob gefaxt fein 
mu^te, ba§ bamafö eine „(Solonie" fat^olifd^er 9Ibenteurer fid^ 
unter ben Slugen ber argmöl^nifd^ fpionirenben S5e^örben unb 
be§ feinbfeligen §ofe§ in il^rer günftigen Stellung ungefäl^rbet 
l^tte betiaupten fönnen? Denn biefe ®unft ber Söel^örben 
unb beö §ofe§ bauerte fort, fo lange @t)afefpeare bei ber ©e- 



••) Servaunts to or trustie and welbeloved cosyn and Gounsellor, 
the Earle of Leicestre trerben fic in bem latent Dom 7. OJlai 1574 ge» 
nannt. 6;oUicr, Annais of tbe Stage 1, 211. ©djon feit bem ^al&te 1559 
I^Qttc Seicefter eine ©cbaufpielcrgefeUfcbaft in feinen ©ienften. ©icl^c ben 
)örief an ben daxl von ©l^temSbuT^, Jjuni 1559, (EoQiet, Annais 1, 170 
unb Memoirs of actors @. X 

*®) 3n biefem S)ocument roctben naml^aft gemacfet 3ame§ Söurbabge, 
3o&n $ertt)n, 3o^n San^am, SSiUiam So^nfon, Sobert SBplfon. 



©bafefpeare ein fat^Itfdiier S)icbter 55 

fcUfdiaft toeiltc. 21I§ burd^ SBefel^I be^ privy Council öotn 
22. 3uni 1600 bcn öffcntKd)en Xl^eatcrn bic ©rlaubnt^ cnt=^ 
jogcn rüarb, blieben nur ätoci öon bicfer üRaferegel aufgenommen, 
unb ba§ eine berfelben tvax ber ©tobe, baS ©ommertl^eater ber 
©^ofefpcarefd^en ®cfellfd^aft. Unb futj nad^bcm 3afob I. ben 
cnglifd^en 2:i^ron befticgen, ert^eilte er biefer ®efellfd^aft ein 
patent (17. aRai 1603)*^, burrf) toelc^e^ fie gteid^fam in feinen 
befonbern S)ienft aufgenommen tourbe: fie tegte ben bi§ bal^in 
gefül^rten 9?amen the Lord Chamberlaine's servants ah unb 
@^afef|)eare unb feine ©enoffen l^iefeen fortan the King's players. 

35ie fat^o(ifd|e @d)auft)ielergefellfd^aft \)at fid) alfo, gleid) 
mand^em anbern 83tenbtt)erf, in nid^t^ aufgelöft. @t)afefpeare 
mufete bie Unterftügung gläubiger ©enoffen entbehren ; er mufete 
barauf bebad^t fein, ber @taatöfirrf)e unb ber |)errfd^aft ber 
grimmig ge^a^ten ©lifabet^ allein gegenüberjutreten. 

©ein ®Iaubenöeifer brarf) jebod) nid)t alfogteid) ^erüor. 
®r fd)rieb Suftfpiele. ©elbft in biefen Suftfpielen tt)irb §err 
9iio einige ^unfen t)on ber ®tauben§glutt|, üon bem ^euer beö 
§affe§ getoa^r, ba§ in ©tjatefpeareö 95ruft loberte. Slber tro^* 
bem fann er ju biefen ?ßrobuftionen fein red)teö ßwtrauen 
faffen. ®ie toollen einem für bie SJeinl^eit be^ fatl^olifd^en 
®Iauben§ begeifterten, gegen bie öffentlirf) anertannte Äird^e 
l^eimlic^ tt)üt^enben Stampfer nirf)t tool^I anftefjen. ®er 8Ser== 
faffer läfet i^n ba^er auf einen „Slbtoeg" gerat^en unb rebet 
öon feinen ' „öier biö fünf So^re bauernben SSerirrungen" 
(@. 99). ?lber ber SSerirrte mufe fid^ balb toieber jured^t finben. 
„5)enn," fagt §err 9ftio, ,,jtoifd^en biefem $ßuncte ber SSerirrungen 
unb jnjifc^en bem Slbfaß, aurf) nur ber tfjeitoeifen Stpoftafie, 
ober felbft nur ber religiöfen ©leid^gültigfeit, toar für einen 
G^arafter unb eine Statur n)ie ©l^afefpeare eine unüberfteig= 
lid^e ©c^ranfe" (®. 99). @r mu^te bemnad) fein grofee^ Seben^* 



**) 3" ^cr SRcil&c bcc feicr genannten ©cfeaufpielcr nimmt ©^afefpeate 
bie imiU Stelle ein. 



56 3u S&alefpeorc 

tDerf crnftlid) beginnen. §at er nun ettra bic Königin ober 
bie 5ßrälaten ber ©taat^firc^c mit bfanfcr SBaffe ober boc^ 
toenigftcn^ mit fd)arf gefpigter gebcr angegriffen? 9?ein, ba^ 
erfd^ien il^m hjol^t aHju bebenflic^; er l^ielt e^ für genügenb, 
toenn er nur „gegen bie SBerfe ber bramatifcf)en S)id)ter eine 
Slrt t)on Sireujäug unternal^m" (@. 124), hjenn er, toie cö an 
einer anbern ©teile (@. 129) tjei^t, firf) in Dp^)ofttion fe|te 
gegen bie f|iftorifd)en S!)ramen ber frül^eren SBü^nenbid^ter, feiner 
näd^ften SSorgänger. 

aSir toiffen, ba§ ©fjafefpeare nid^t ber erfte toar, ber 
©toffe auö ber t)aterlänbifd^en ®efd)id)te bramatifc^ bearbeitete: 
er fanb eine 9fteil^e ^iftorifd^er 35ramen \)or. Unter ben altern 
SBerfen biefer Maffe toar toenigften^ ein§, bae er feinet S5ci* 
fang nid)t untpert^ acf)ten fonnte, — 3KarIotoe§ Edward the 
Second, ein S)rama, tt)eld)e§ ju ben legten 5lrbeiten biefeö frü^ 
öerftorbenen Slutorö gehörte unb auf beffen (Sompofition ©^afe== 
fpeare^ frü^efte SSerfud^e rool^I fd)on einigen ©inffuß geübt 
§aben. 2)ie anbern „chronicle histories" maren meift formlos 
unb fditoerfäHig ; an berber Äraft fe^It e§ i^nen nid^t; aber 
"^f^ S^^S^ fi^ i^icf^ ^^^ ä" ungebunben unb gefjt ittö ro^e unb 
pluntpe über; bambtn mxtt aber im einjetnen eine frifd^e 
^oefie oft erfreuenb unb erfrifd^enb. 2ln feinem biefer ©tüde 
fonnte @f|a!ef^)eare ein reinem SBotjIgefaQen ^aben ; er njar aber 
fo toeit bat)on entfernt, fie mit feinbfeligen Stugen ju betrad^ten 
ober gegen i^re Slutoren einen Äreujäug ju unternehmen, ba^ 
er t)ielmel^r biefe unt)oIIfommenen SSerfurf)e feinen eigenen SBerfen 
äu ®runbe ju legen nid^t üerfd^mätjte. 3)er King John ift in 
engem 2lnfcf)tu§ an ba^ ältere, 1591 gebrudte ©d^aufpiel 
gleidien Snl^att^ gearbeitet; felbft btn rofjen ©cenen ber „famous 
victories of Henry the fifth" entlehnte er mand^eg unb benufete 
eö auf feine 3Beife in ben S)ramen, njeld^e bie ®efd^id^te 
§einrid^ö IV. unb feinet ©o^neö barfteQen. Unter ©^afefpeare^ 
§änben nimmt aUeö bie öoßfommenfte ©eftalt an; ba^ mx^ 
förmlid^e njirb ebet au^gebilbet, ba^ grelle gemifbert, baö ro^e 



©^afcfpeatc ein fatj^olifc^et Siebter 57 

befcitigt; bie fd^tücren SRaffen, bie firf) mü^feltg fortbetpegten^ 
^aud^t er mit feinem ®eifte an, unb eö entfpringt ein mäd^tige^ 
Seben, baö fid^ 6i§ in bie fleinften J^eile beö großen ©anjea 
ergießt. 3n biefem ©inne fann man allerbingö feigen, ba^ 
er bie ditern 3Berfe üernid^tete, inbem er ettoaö nngteid^ 
^ö^ereö fcfjuf. 9l6er biefe ßeiftungen t)oD(6racf)te er nid^t 
im S)ienfte be§. fiatl^otici<§mu§ : er folgt l^ier, toie überall, nur 
bem ®efege, baö feine Äünftternatur il^m auflegte: bie 9Ser= 
änberungen, bie er in ber 95e^anblung be^ t)iftorifrf)en ©toffe^ 
eintreten tä§t, finb immer nur foIrf)e, tüie fie not^menbig t)oa 
ber big jur SSoHenbung gefteigerten poetifdöen Sunft geboten 
tocrben. 

S)amit @t|afef^)eare feine ged^terftreid^e bod^ nid^t bIo§ in 
bie leere Suft führen muffe, fud)t §err SRio ü^m einen ©egner 
ou§, bem Dornel^mlirf) bie Stngriffe gelten foHen. @§ ift bieö 
So^n S3are, „ber apoftafirte aKönd^" (©. 130). 9Son bem 
l^eifigen ßorn, ben §err 9Jio nod^ je^t narf) breifjunbert Satiren 
gegen „bie abfrf)eulid)en ©tüdEe be^ Slpoftaten 93ale" empfinbet^ 
foU aurf) ©l^afefpeare erfüllt gemefen fein. SBenn ber 2)id)ter 
nur biefe abfd§eulirf)en ©tüdEe gefannt ^ätte! SRan barf aber 
mit gutem ®runb öermut^en, ba^ felbft bie SRamen biefer SBerfe 
taum je ju feinen D^ren gelangt finb. ®ie meiften 2)ramen 
biefeö „STpoftatenbifdiofg" maren mefjr ate fünfunb^manjig ^a\)x^ 
öor @l^a!ef^)eare§ (äeburt gebrudt tüorben (1537); aU ber 
3)id^ter feine Saufbafjn begann, toar gen)i§ teine^ berfelben me^r 
auf irgenb einer Sonboner S5ül^ne ju fe^en. SBie tl^örid^t toäre 
e§ getoefen, biefe ben Singen be§ 5ßubtifum§ längft entfc^tounbenen, 
einer alteren ^eriobe ber ^joetifd^en ©ntnjidEIung angefjörigen 
3)ramen plö^Iid^ jur Unseit anjugreifen unb baburd^ il^r er^ 
(ofd^eneö Slnbenfen njieber aufjufrifd^en ! 3n ber 2ifte jener 
S)ramen beö 93ifd^ofg öon Dffor^ njerben unö aurf) gtoei ©türfe 
l^iftorifd^en Snl^altö genannt: lipon both marriages of the 
King (Henry VIE.) unb Of King John of England. S)a§ 
Ie|tere ^at fic^ erfjalten unb ift im Satire 1838 gebrudEt 



58 3u ©If^afefpeate 

rüorben.**) ^at §err SRio, tüic er öorgicbt, biefcm SBertc in ber X^at 
einige ^lufmerffamfeit gefd^enft, fo mufete il^m aurf) aföbalb beut* 
lid^ lüerben, ba§ ©l^afefpeare unmöglid^ bie 3l6ficf)t ^egen. fonitte, 
bieö „üermeintlid^e SReiftertuerf 93ale^ für immer nieber^utüerfen" 
(®. 131). Unfer S)id)ter l^atte ol^ne 3^^ciH ^W ^^^ Ö^ringfte 
Äenntnife üon ber SIrbeit feinet abtrünnigen SSorgängerö, ber 
firf) natürlid^ nad) Äräften bemül^t, ben Äönig Sodann afe einen 
mutl^igen SBiberfodier ber päpftlid^en Dber^errfdiaft, alö einen 
SSorfämpfer ber ^Reformation ju feiern, ©iefelbe Senbenj Der* 
folgte ber SSerfaffer beö S)ramag, n)etd)eg ©l^afef^jeare bei ber 
Slugfül^rung feinet King John oor Slugen l^atte. 3n ber 
SBSibmung To the Gentlemen Beaders, bie fid^ t)or biefem 
äftern SBerfe finbet, toirb 3o^ann auäbrüdlid^ für feine SBiber* 
fe|Iicf)feit gegen ben 5ßapft ge^jriefen: 

For Christas tnie faith indur'd he many a storme 
And set himselfe against the man of Borne. 

Sluö bem Stoffe, ber i^m l^ier öortag, ^at ©l^afefpeare 
fein aSerf geftaltet; aber biefer Stoff mufete erft burcf) ein 
Säuterungöfeuer gelten, alleg ®emeine mufete erft auö il^m 
l^inlüeggefcfimoläen fein. Sie ©cene, in njetd^er bie Slöfter ge* 
plünbert unb 2J?önc^e unb 9ionnen n)egen il^re^ fittenlofen Seben^ 
öertjöl^nt toerben, biefe grobfomifc^e ©cene loarb bal^er au^* 
gefcf)ieben, ebenfo loie im erfteri Stfte bie SSerl^anblungen über 
bie ®eburt be^ 93aftarb^ fd^on baburd) eine milbere gorm er* 
l^ielten, ba§ fie nid^t mel^r in ®egentoart ber Sötutter geführt 
tourben. §err SRio l^ebt e§ freubig i)nt)ox, ba^ ©l^afefpeare 
auc^ eine anbere ©cene be§ altern ©tüdfg, bie öon Äatl^ofifen 
nid^t gebilligt njerben fonnte, ol^ne njeitereö auögetaffen fjat, 
biejenige nämlid^, in njeld^er „bie erbid)tete SSergiftung beö 
Sönigg burd^ ben 3lbt t)on @tt)infteab mit teuftifcf) erfonnenen 
©injel^eiten bargefteHt tt)irb" (@. 136). $Run ja, biefe ©cene 



^^) Kynge Johan. A Play. In two parts. By John Bale Edited 
by J. Payne Collier. London. Camden Society 1838. 



Sl^afefpeare ein fatl^olifd^er Sid^tec 59 

toarb üerbannt, eben toeit fic in ben feinern Drganiömuö beö 
neuen aBcrfeö ftd| nid)t einfügen fonnte; |)err SRio fagt nn^ 
aber nid^t, ba§ @t)afefpeare baöjenige, tda^ ben Satl^otifen t)ier 
am anftö^igften fein mufete, bie Sage üon ber Vergiftung beö 
Äönigö burcf) einen TOöncf), unüeränbert beibel^ielt: toa^ ber 
ältere S)id^ter öor ben Stugen ber 3ufd)auer öorgel^en liefe, läfet 
@^afefpeare erjäl^Ien.*') ©r toirb t)ier überall, mag er auö* 
laffen ober ^injuttiun, nur burd) fünftlerifd)e SJüdfic^ten geleitet. 
G^ toaltet ^ier burd^au^ bie S!Rad)t einer lautern $ßoefie, bie 
fi^ aUe^ toiberftrebenbe unterwirft. S)a§ @tüd ift nid^t metir 
ou§fdE)Iiefe(idE) gegen SRom geridEjtet; benn ©^afefpeare bulbet e§ 
nid^t, bafe bie 3)id^tung it|r freiet ®ebiet üerlaffe unb ben 
3tt>eden einer 5ßartei biene; ru^ig unb flar fd^toebt fein (Seift 
über ben Seibenfd)aften, bie im Seben fidE) raftloö feinblid) be= 
fom^jfen. @r bitbet feine 3BeIt ftreng nad^ ben il^r inne* 
ipol^nenben Oefe^en unb jeber (S^arafter mufe ber 9?ot^n)enbigfeit 
feinet eigenen SBefenö folgen. ®o ift benn aud^ im Sfönig 
Sotiann aUe^ burd) menfd^lid^e unb !ünftlerifd^e SBal^r^eit ge^ 
abelt irorben ; öon ber Slbfid^t aber, ber ©ad^e beö Sat^oliciömuö 
irgenb tt)eldE)en SSorfd^ub ju tt)un, üon biefer bem 3!)idE)ter ftetö 
fremb gebliebenen 9lbfidE)t läfet fic^ aud^ l^ier nic^t ba^ minbefte 
fpüren, 2)er SBerfaffer fagt (@. 136), bafe @t)afefpeare gegen 
bie ?ßerfon be^ Äönig Sol^ann „offenbar einen aBibertt)iIIen 
^abe." ®er 3)irf)ter n)irb in ben Slugen be^ SJerfafferö ju 
einem ber fanattfd^en ®efd^id)t§fd)reiber unferer Qtxt, bie i^rer 
5ßartei gute unb mofjtbelofinte Sienfte (eiften, inbem fie bie 
^iftorifcfien 5ßerfönlict)feiten früfjerer Sal^rtjunberte, je nad)bem 
ba§ Sntereffe eö er^eifd^t, fct)mäl^enb J^erabgie^en ober Ieiben= 
fc^aftüd^ erfjeben. SBüfeten mir e^ nid^t fd^on, mie fümmerlid) 

^') Hubert. The king, I fear, is poison'd by a monk: 



A monk, I teU you; a resolved viliain, 
Whose beweis suddenly borst out. 

^inö 3;o()n 5, VI. 



60 3u ©^alefpcatc 

befc^ränft bie 2lnfcf)auung tft, bie |)err 9Jto bem S)t^ter ent- 
gegenbringt, jeneö eine SBort müfete e^ unö leieren, ©^afef^jeare 
einen SBibertoillen gegen Äönig Sol^ann! ^at er nicf|t aud^ 
gegen SKacbctt), Sago, Sadjimo, König (Slaubinö einen 933iber- 
toiHen? — ©l^afef^jeare fteßt ba^ SKenfc^Iid^e in feiner ganjen 
aSatir^eit bar unb ent^üHt e§ in feiner ganjen Siefe. Stt 
ben (Sl^arafteren, bie er in^ 2eben ruft, fann er bie ®egen^ 
fä^e, bie firf) auöjufcf)lie§en fd)einen, ätoanglo^ üereinigen*^ 
benn er jeigt nnö ben Verborgenen ^unct, tt)o fie il^ren ge- 
meinfamen Urfprung ^aben. @o erreicf)t er e§, bafe felbft ben 
5ßerfonen, beren 'Sl^un tt)ir tabeln ober üerabfc^euen, bod^ unfere 
Sl^eitna^nie nid^t entgel^t, njenn fie bem Unglüd verfallen. 3Sie 
]^affenätt)ertt| fid^ Sol^ann un§ aud) gemad^t l^at, ber ®id^ter 
benft nirf)t baran, il^n mit einem ebenfo unfünftlerifd)en tt)ie 
und^riftlid^en §affe ju Verfolgen, unb jule^t, ba ber ©terbenbe 
in nnfäglid^en Dualen bangt, njeife er 2'öne für ifjn ju finben^. 
bie unfer §erj bewegen muffen. 2lu§ biefen legten SBSorten be§ 
Sönig^ reifet §err 9lio einen einjelnen ©a^ l^rau^: „(£^ ift 
eine §ölle in* mir," unb glaubt, „bafe fic^ bie§ fd)redEIid^e SBort 
ebenfo fe^r auf beffen moralifd^e n)ie auf feine ^)^^ftfd)en Dualen 
antoenben läßt" (@. 136). S)er unbefangene Sefer fielet, ha'i^ 
ber König in biefen tt)ie in ben Vorl^erge^enben SBorten nur bie 
verje^renbe gi^^^^stut^, bie i^n peinigt, burd^ fd^redEenöVoIIe 95ifber 
bejeicfinen njiH.**) 



**) There is so bot a summer in my bosom, 
That all ray bowels crumble up to dust: 
— — — — — — Ido not ask you mucb: 

I beg cold comfort; and you are so strait, 
And so ingrateful, you deny me that. 

P, Henry: that there were some virtue in my tears, 
That might relieve you! 

E. John: The salt in them is bot. 

Within me is a bell; and there the poison 
Is as a fiend confined to tyrannize 
On unreprievable condemned blood. 



S^atcfpcQTC ein fatl^oIiWcr Siebter 61 

S)ie glänjcnbftc ^igur be§ ©tüdö, ber Saftarb, toiU nur 
fel^r übel in ein 3)rama paffen, ba§ ber SSertierrlidiung bc§ 
Äatl^oliciömuö unb ber päpfttidien Dbergetüalt getoibmet ift. 
3)a^ erfennt felbft |)err 9ftio ; aber er f ommt bem 2)ici^ter mit einer 
©ntfc^ulbigung jn §ülfe: „^infid^ttid^ ber befonber^ l^eröor* 
tretenben QüQt biefeö fälfc^Iid^^ritterliciöen (Sfjarafterö fonnte 
S^afefpeare bie allgemein angenommene Ueberlieferung nid^t 
unberüdEficfitigt laffen" (@. 137). 5)ennod^ ^at e§ ©l^atefpeare mit 
ber ^erfon biefe^ SSaftarb^ eigentlid) gar nid)t gut im ©inne; 
,,er entgiel^t i^r/' inie §err 9Jio fagt, „ben fie umgebenben 
©d^immer burd^ ben bemerfen§tt)ertl^en SRonoIog am ©d^Iuffe 
be^ jnjeiten Slfte^. §ier nämlicf) nennt gaulconbribge ben 
SJeid^tl^um afe ben am meiften üerel^rten ®ö|en be^ 3at)r= 
^unbertö unb erflärt bann gerabeju, ba^ aud) er ju beffen 
Inbetern gel^ören moße." — S)urd^ biefe Stnbeutung geigt ber 
Ißerfaffer feine gäfjigfeit, SBort unb ®eift beö S)id^terä mife^ 
äuüerftel^en, abermals in einem grellen Sid^te. 

©^afefpeare ^at für feinen Äing So^n bie Sfironif, au§ 
ber er fonft mit üollen Rauben ju fd^öpfen pflegt, nur in fel^r 
geringem SRafee benu^t. (£r l^atte fo menig bie 5lbfid^t, bie 
l^iftorifdEien 2lnfd)auungen, bie etttja burd) ba^ ältere @tüc! öer* 
breitet tüurben, jum SBol^I ber fatfjotifd^en ßirrf)e 5U jerftörcn, ba^ 
er üietmel^r biefem ättern ©tüdEe überaß ba folgt, n)o e§ in feiner 
S)arfteKung t)on ben ^iftorifd)en Ueberlieferungen abttjeic^t.**^) 

^^) @§ fei üCTöönnt, bie SBorte l^icr ansufü()rcn, mit »eichen SeliuS 
in ber ßinleitunfi ju ©^atefpeareS Äing ^o^»^ ^«^ SSet^äUnife biefc§ 
38et!e§ ju bem äUern Stama flar unb präßnant bejeidjnet: „Slfeafefpeare 
l^at in allen gäüen eine§ ä^Ji^fpaltg äroifdjen ben l&iftorifcfeen Ueberlieferunflen 
&oIinfteb§ einerfeitS unb ben unflefc^icfetlid^en SSerfionen feine§ bramatifcfeen 
35otflänger§ anbrerfeitS, obmobi ibm t>ie elfteren o()ne S^Ul ciu§ ber 
€l)ronit fc^r roo^I befannt fein mußten, bocb bie leiteten unbebenfUcfe ficb 
in feiner ciflcnen 3luffaffung anfleeignet, unb bie Slbmeicfeungen, bie et fid^ 
oon bem altem Äing 3ol)n Petftattet, finb überall nur im ^ntereffe ber 
bramatifdben Äunft, nirgenbS im ^ntereffe ber gefdjicfetlicfeen SBa^rb^it t)or= 
genommen." 



62 3u S^afcfpeatc 

SIber mag @]^afef^)eare anä) ungeftört ein friebfeUgcg %nüx^ 
betoa^ren unb burd^ feine ergaben rul^igc Haltung gicirfifam 
®inf|)rud^ ergeben gegen jebc Slnmut^ung f riegerifd)er (äefinnungen, 
— §err 9Jio lä^t bo^ nicf)t ab, i^m ftetö üon neuem ba^ 
©d^njert beö |)errn jum ^eiligen ©treit in bie §anb ju jtoingen. 
SBoHen toir einen leidsten Ueberblicf genjinnen über bie Jü^aten, 
bie ber S)idE)ter nod^ ferner jum §eit ber ÄirdEje üerrid^ten foH, 
fo n)irb e^ njol^Igetl^an fein, unfere 85etracf)tung üorne^mtirfi brei 
©d^aufpielen juäutüenben : §enr^ IV., 9tid^arb IL unb ^nrt) VIII. 
Sebeö biefer @d)QufpieIe foH einen S5etoei§ abgeben für bie 
fatl^olifd^e ®Iauben^reinf|eit, beren fid) ber S)icf)ter beflife, unb 
für ben nid[)t ju bäm^?fenben SRutl^, mit njeld^em er immer üon 
neuem ben fe|erifd)en geinben entgegenftürmte. S)amit aber 
biefer 95etoei§ erlangt merbe, muß |)err 9?io aurf) fernerhin bie 
5^^atfac^en, bie feinen SBel^auptungen jutoiber finb, enttoeber üer* 
fdEjUjeigen, ober, tt)enn er fie nid^t gänstid^ entbehren fann, ju 
feinen 3^^^^^ umbilben, ober er mufe fid^ erad^ entfd^He^en, 
biejenigen 2;i^atfad^en , beren er burd)auö benöttjigt ift, ol^ne 
|)ütfe eine^ tjiftorifd^n Serid^teö frei ju erfinben. — 

3o^n S^fftaff! Unfere SRienen hjerben l^eiter, fobalb tt)ir 
beinen SRamen au^fpred^en unb gteid^ ftet)t aud^ beine ©eftalt 
oor unö ! Slber, alter Äauj, bu toürbeft toa^rlicf) aufhören, un^ 
ju erweitern unb bid) beineö eigenen SSi^e^ ju freuen, loenn bu 
nur toü^teft, toelcf)e gefäl^rlic^e Ärieg^plane bein ©id^ter im 
Sinne trug, aU er bid) in bie Söelt fegte. SBeifet bu'ö nodti 
nicf)t? §at §err 9tio bir'ö nod^ nid^t gefagt? S)a bu fein 
grofeeö 5D?afe oon Xapferteit ju beinem Slnt^eil erhalten ^aft, 
fo toirft bu njatirlid^ erfd^reden, njenn bu'ö öernimmft: benfe 
nur, ber grofee aBilliam ttJoHte bid) afö eine „triegömafd^ine" 
braudien, unb ätoar ate eine fo(d)e, bie er „für ba« augenblid- 
lid^e 95ebürfni§ gegen bie bramatifd)en S)id^ter ber ®egenfeite 
erfunben §atte" (@. 140). Sa, fietj nur nid)t fo ungläubig 
brein! S)en alten abfd^eulid^en Sieger So^n DIbcaftte, beffen 
9(nbenten bie nod^ abfc^eulid)eren 5ßroteftanten in S^ren I)ie(ten, 



Sl^afefpeatc ein fatl)olifc6cr J)icitct 63 

ben follteft bu huxä) bctnen SBanft, burcf) beinc SBorliebe für 
ben ©eft, burd^ beinc SReiflung, bie aSal^rl^ett geiftrctdi ju üer* 
l^üUen unb burd^ beinc anbern tool^tbefannten löbfid^en Sigen* 
fc^ften rerf)t grünblicf) üerfpotten, fo bafe bie $ßroteftanten an 
bir ein rerf)te^ Slergernt^ nehmen, bie S!atl^oIifen aber mit 
frommem SBol^tgefallen auf bid^ fdEjauen mußten. 3)ir toar in 
bem großen Ärieg, ben aSilliom ©l^afefpeare gegen bie befte^enbe 
Äird^ unternahm unb beffen ®efcf)id^te §err SRio juerft üer* 
jeid^net f)at, in biefem benftoürbigen Äricge toar bir eine be* 
beutfame SioUe jugebacfit, unb bu l^aft fie augfü^ren muffen, 
o^ne Don beiner friegerifd^en 3Sid)tig!eit eine Sl^nung ju ^aben. 
Slber nid^t toal^r, je^t bergest bir aÜe SÄunterfeit, aller SBi^? 
2)enn tt)enn man feinen bidEen SBaud^ ju fo ernftfjaften Qtotd^n 
einl^erfd^Ieppen mufe, fo öergi^t man e^ njo^I, über i^n 2Bi^e 
JU mad^en. 

Unfere Sefer toerben nid^t toeniger erftaunt fein al^ ber 
fette 9iitter. 3Rögen fie benn in ber Äürje öerne^men, toie 
^err 9iio baju fam, biefem tebenötuftigen ©efellen eine fo un* 
ge^euerlid^e SD?etamor^)^ofe jUjumut^en. — @d^on ber ättefte 
Siograp^ ©^afefpeareö, 9?id^oIaö 9totoe, bemerft (1709), man 
fage, ber tool^Ibefeibte @ir So^n ^abe juerft ben Skmen DIb* 
caftte gefül^rt, bie Stönigin aber i)abt befohlen, ben 9iamen ju 
anbern, meil nod^ einige 5ßerfonen jener gamilie lebten, unb ba 
fei ber JRitter ^Jatftaff genannt toorben.*®) ®er Königin toirb 
aud) nod^ in anberer SBesie^ung ein (Sinflufe auf ^alftaff ju^ 
gefd^rieben; fie f)at, toie juerft 35enniö erjd^It,*') bie ©ntfte^ung 
ber Merry wives of Windsor öeranlaßt; benn, tt)ie 9ftotoe ^in^ 
jufe^t, fie tt)ünfdE)te ben ^Ritter aud^ einmal aU SSerliebten ju 



*«) Upon this occasion it mäy not be improper to observe, that 
this pari of Falstaff is said to bave been written originally nnder tbe 
name of Oldcastle: some of that family being then remaining, tbe 
Queen was pleased to command bim to alter it ; upon wbicb be made 
nse of FaUtaffl 

*') 3n ber fflibmunö feinet Äomöbie The comical gallant. 1702. 



64 3u ©^alcfpearc 

feigen. SBicHeii^t finb beibe ®erüd^te gleid^ unbegrünbet. 2)er 
Slngabe SRorüe^ roirb öon einigen ber Kommentatoren, j. ®. 
@teet)en^ unb SJtalone, entfd^ieben toiberfprodien, anbere j. S3. 
9Ktfon unb 9fteeb, fud)en fie ju beftätigen, unb nod^ neuerbing^ 
\)at ^aHinjeD biefer 5^age eine umftanbtidbe Unterfud^ung ge* 
toibmet, um bie 9iicf)tigfeit ber öon 9fiotoe mitget^eilten 2^rabition 
ju erlreifen.*®) SBir t)abcn bie 3^"9"^fl^f ^^^ ä" biefem ©el^uf 
tjorgebrad^t toerben, öon ben oft citirten SBorten guUerö an bi^ 
ju bem üon ^aÜinjeU juerft befannt gemad^ten SBriefe bc§ 
Dr. SRid^arb Sameö, nod) einmal forgfäftig geprüft: fie fd^cincn 
un§ nur barjut^un, bafe man im ^ublifum galftaffö 5ßerfon 
mit jenem Dtbcaftle üertoed^felte, ber au^ bem altern StüdE 
The famous victories of Henry the fifth loo^Ibefannt toax, 
unb bem ^alftaff in ber äußern ©rfd)einung otjne ßnjeifel gtid^. 
Seneg ältere ©tüdE, fo ro§ unb njertl^Io^ eö ift, l^at bei bem 
^ublifum in ®unft geftanben, unb unferm 2)id)ter bie SKotiöe 
geliefert für mehrere ©cenen, bie toir je^t in ben brei Sd^au* 
fpiefen t)on ^einrid) IV. unb |)einrid^ V. ben^unbern; aud^ bie 
tWamen 9?eb unb ®ab§]^ill finb öon bort l^erübergenommen. 
@g njar natürtid^ genug, bafe man ben aDbefannten 9?amen 
DIbcaftte auf bie neue 5ßerfon übertrug, bie ©fjafefpearc ge= 
fd^affen; bicfc l^atte freilidE} mit bem rollen ©pa^mad^er be§ 
altern S)ramaö burd)au§ nid^tö g^iftigeö gemein; für ba§ 
^ublifum jebod^ blieb e§ berfelbe ß^arafter, ebenfo toic bie 
^anblung in beiben fo meit öon einanber abfte^enben 3Berfen 



**) 3n einet bcf onbem ©dferif t : On tbe character of Sir John Falstaff 
as originally exhibited by Shakespeare Sonbon 1841, unb in feinem 
Life of Shakespeare @. 154 fgg. ÜJlan fel)e aber, ju loeldben ®etoaIt= 
mitteln er ßrcifcn mufe, um feine IBeftauptung burd&iufc^en. @r mu^ an= 
nel^men, bafe ©einrieb IV. fcbon tjot 1593 ftefcfcrieben fei unb bo^ aucft bie 
^namenSänberunö fdbon bor 1593 ftattgefunben ^obe. S)enn er fliaubt, ba| 
in biefem ^abre bie Don i^m 1842 betauSöCöebenc crfte ©lijie ber Merry 
wives entftanben ift, unb l^iet mar ber 5flame Jalftaff unsmevfelbaft ber 
urfprünglid^e. 



©l^alefpcare ein fQt^oIiMcr S)ic^ter 65 

im großen unb ganjen biefclbc blieb, ©^afefpcarc aber njoHte 
biefe SSemed^ftung ber $ßcrfonen nid^t geftatten; er tueift fic 
auöbrürflid) ab in bem S^ilog jum jtueiten X^eil öon §enrt) IV. 
®ort ^ci^t e^: for Oldcastle died a martyr,**) and this (nam== 
lid^ ^atftaff) is not the man. 3)er ©id^ter lüill alfo nid)t, 
baJ5 mau bei feiner fomifcf)en 5ßerfon an ben SRann benfe, 
beffen 9iame, afö ber eine§ SKärt^rerö, in S^ren bleiben foH. 
§ier l^ängt aUeö einfarf) genug äufammen. Slber fetbft ju=^ 
gegeben , ba§ ^cilftaff juerft ben SRamen DIbcaftle führte, 
roa^ folgt n)eiter barau^ ? ©I^afefpeare l^at afebann, bem altern 
®tüde folgenb, biefen SRamen beibel^alten, ebenfo tok er 9?eb 
unb ®abö^ia beibehielt.«*") Sm er merfte, bafe ein fold^er ©e^^ 
braud^ biefeö 9iamen^ bei einigen Slnftofe erregte, öertaufrfite 
er il^n aföbalb mit einem anbern unb öertüal^rte fid) in bm 
eben citirten SSorten öffentlid^ gegen jebe 3Kifebeutung. 9tud^ 
^ier erftärt fid^ alle§ leidet unb natürtid). ©l^afefpeare toünfd^te 
fogar ben @rf)ein ju öermeiben, atö ob er ba^ 5tnbenfen eineö 
SRanne^, baö öon eifrigen 5ßroteftanten mit Siebe gehegt njurbe, 
irgenb tt)ie ptte t)erle^en tooßen. 

3Bie bringt eö nun §err 9Jio fertig, biefem friebtid^en 
5?er^alten einen friegerifd^en @cf)immer ju üertei^en? Qu^ 



*•) ©it 3oI)n Dlbcaftle, £orb ßobl&am ftonb an bei ©pi^e bct 
Soöarbcn. Sic SSerfud^e, ii^n jur römifcfecn Äitd&c sutüdaufü^tcn, blieben 
erfolglos, ^einric^ V., ber flegcn Äe^et feine aWilbc lanntc, überliefe il&n 
ben geiftlicben ©erid^ten; er roarb jum ©d&eitetfiaufen üerutt^eilt. (5§ gc« 
lang il^m iebod^, au§ bem Jo»er su entfliel^en unb feine Slnt^änfier um ficfe 
SU üerfammeln. 3laä) einigen mifeßlücften 58erfuc6en, ben Äönig in i()re 
©croalt ju belommen, mürben fie gefd^Iagen unb setftreut (1414); Sorb 
©obfKim fclbft aber marb oier 3al)re ^crnacfe erft a(§ öocbüerrät^er 0e()ängt, 
bann als Äe^er am ©algen berbrannt. Söale beröffentlicfete 1559 A brief 
Ohronycle concernyng the Examination and Death of the blessed Martyr 
of Christ, Syr Johan Oldcastell. 

^) SRitfon faßt ganj richtig: He continued Ned and Gadshill, and 
why shoold he abandon Oldcastle? a name and character to which the 

public was already familiarised. 

»erna^S, ed^riften m. 5 



66 3u ©^afefpearc 

öörberft bcunrul^igt er tutcbcr bcn täiiflft cntfd^fafenen Sl^joftaten- 
bifd^of SBatc ; baS fctnbltd^e ®efpeiift bief c^ ©ünberö muß aber* 
mafö öon ben 3;obten em^)or[teigen, um fid^ ben ©trcid^en 
©l^afefpeareg barjubieten. „9Kit Äöntg Sol^ann/' fagt ^err 
SRto, „burften jebod^ bie Singriffe unfercö großen ©id^ter^ gegen 
ben Sr^joftatenbifd^of Don Dffor^ nid)t aufhören" (@. 138). 
Unter, ben SBerge^en, beren fid^ biefer Unfeltge fd^ulbig gemad^t 
l^atte, njar ein ju (J^ren be§ äKärt^rer^ DIbcaftle gefd^riebeneö 
Söud) nid^t ba§ geringfte, ®egen bieg Sud^, baö fünf ^af)xt 
öor @^a!efpeareg ®eburt erfd^ienen toai unb gegen ba§ in 
bemfetben gefeierte „Sbol, beffen ©ultuö fid) mit ber neuen 
^Religion aufö innigfte bereinigt ^atte" (@. 139) — gegen ben 
Sobrebner ebenfotool^I tt)ie gegen ben ©epriefenen felbft mufete 
ber S)ic^ter feine SBaffen rid^ten. §err 9iio ftellt eö nun feinen 
Sefern af^ eine öoHfommen unbejiüeifette X^atfad^e bar, bafe 
S^afefpeare für feinen fetten @ir 3ol^n abfid^tlidE) ben Flamen 
DIbcaftte getoä^It fjabe, um biefen fe^erifd)en Siebellen, ben bie 
^roteftanten atö 3)?ärtt)rer eierten, ate einen nid^tötoürbigen 
fdEiamlofen (äefellen l^ö^nenb ^erabjutüürbigen. „9Kon bejn^eifelt 
md£)t/' fügt er @. 141 l^ingu, „bafe bie 3(ufregung in bem 
Sager ber religiöfen ^anatifer gro§ getoefen fein mu§, afö fie 
aug i^rem Siebling<^]^elben unter bem rädEjenben 5ßinfel be§ 
Mnftlerö einen poffenf)aften pral^terifcfien Xrunlenbolb toerben 
fa^en, einen ®auner, bem e^ ju einem SJäuber an äKutl^ fel)tt, 
einen (überlirf)en ©efeßen" u. f. to. £)b biefe „9iad^e" eine beg 
@f|afefpearefd)en (Senium tpürbige voax, ba^ be!Smmert ben 95er= 
faffer nid)t; er öerfictjert unö öietme^r mit trium^)^irenber 
SJiiene (@. 140): „ber ®ebanfe eineö fold^en ©ontrafte^ jtt)ifdC)en 
bem Sßamen unb ber bamit üerfe^enen bramatifd^en ^erfon 
njar gang neu." 35aran jujeifeln toir nicf)t, ber ®ebanfe ift 
gen)iJ5 fel^r neu; benn er ift erft in |)errn SRioö Äopfe enU 
fprungen. 3^^^^^ muffen mx aber, hjenn §err SRio überbieg 
bel^auptet, bafe S^afefpeare mit feinem Singriff gegen bag Sbol 
ber 5ßroteftanten einen Srfolg errungen ^abt, „ber nad^ ben 



©Iiafefpeare ein fatl^olifd^er Sichtet 67 

obmaltenben Umftänben um f o auf f aHcnber tft." Stnen Srf otg ? 
SBtr nehmen l^ter ntd^tg afe eine unrü^tnüd^e SRtebcrlagc toa^r. 
Äaum f^at ber S5td^ter fein fd|mä^Itrf|e§ SBageftüd au^äuffi^reu 
Begonnen, f o fielet er firfi anä) at^batb gebrungen tnne ju l^olten ; 
er mu§ ben nttpraud^ten SKamen fahren taffen,*^) er mufe anä) 
noä) für fein Unterfangen, fo ju fagen, öffenttid^ Stbbitte tl^un 
unb ben SKann, ben er eben norfi auf ba§ fc^impf(id)fte öer* 
^ö^nt l^atte, gar einen „SKärt^rer" nennen; nacf)bem er firfi ju 
einer gemeinen Siad^e gerüftet, mufe er firfi, ba man il^n in 
feinem ^Beginnen ftört, g(eirf| ängfttid^ gurüdgiel^en, er mu§ 
nid^t nur t|ämifrf| unb öertäumberifd^, er mufe aurfi feig er^ 
fd)einen. 3Sat|rIirf|, jeber unterbrürften Sieligion finb eblere, 
unb Dor allem mut^igere SSorfämpfer ju toünfc^en. 3)oc^, tt)ir 
mögen un^ berutjigen! SRur §err 9iio fä^t ben S5irf|ter fo 
^ämifd^ unb fo feig erfd)einen. SBir tt)iffen e^ ja: ©^afefpeare 
fanb ben 9?amen DIbcaftte in bem altem Sd^aufpiet,. ba§ er 
für feine §iftorieö benu^te; t|at er i^n bal^er tüirflic^ juerft für 
feinen ©ir Sotjn gebrandet, fo öerfutjr er babei ganj l^armfo^, 
o{)ne jebe feinbfelige 3l6ftrf|t, unb fonnte be^^alb mit gutem 
®ett)iffen bie Srftärung abgeben, bafe er nic^t im ©inne gel^abt, 
baö SInbenfen beö ÜJiärt^rerö DIbcaftte ju Derungfimpfen. S)en 
Umftanb jebod^, bafe ber t)ie(ertt)ä]^nte 9?ame fc^on bem altern 
©tücfe angehört, biefen entfc^eibenben Umftanb l^at §err 9iio 
öerfrfimiegen. SSerf c^miegen ? — tt)erben DieÜeic^t unfere Sefer 
fragen, — er ^at tüotjl t)on bem altern 2)rama nirfjtö genjufet, 
toie er ja fo mandE)c§ anbere aud^ nid^t mu^te. 9Iber tüir 
muffen bei unferm 2lu^3brudt beharren: er t|at jenen Umftanb 
üerfd^tt)iegen. SBir finb gern bereit, bem 9Serfaffer bie SSorrec^te 
ber Unttjiffenl^eit in auögebel^nteftem SKafee äujugefte^en ; ^ier 
aber barf er fic^ auf biefe fd^ä^baren $ßritiilegien nid^t berufen. 
2^enn er fennt bie gamou^ öictorieö; unb jmar l^at er baö 

*^) S)a6 bie ®orte old lad of the Castle in ^tmt) IV. 1, 1, II feine 

2tnfpielung auf Olbcaftle enthalten, ^at fcfeon garmcr ric^tia eingefe^en; er 

wrroeift auf ©abriel $aruc^, ber bicfclbcn SBorte braucht. 

5* 



68 8u ©l^ofefpeare 

S5rama ntc^t nur fo obenl^tn angefeuert, er mu^ e^ fogar, toa^ 
aöerbtngg öertt)unberttd^ fd^etnt, getefen l^aben; benn er fagt 
(@. 152), ha% e^ ,,bte refigtöfe Seite be^ ßl^arafter^ feinet 
^^elben (§etnric^ V.) gang im 3)unfet getaffen." Um eine fofd^e 
Söemerfung ju mad^en, mu^te er ba^ ©tüd jiemlirf} genau 
prüfen, unb ber 9?ame Dlbcaftle fonnte il^m nidjt entgelten. 

3)aJ5 affo (S^afefpeare jemafö bie unmürbige Stbfidit gel^egt, 
burc^ ©efc^tmpfung Dtbcaftfeö ben $ßroteftanten ein Stergernife 
äu bereiten, ba^ l^at §err 9iio nid^t nadßutüeif en öermod^t ; b a § 
aber ift at^ unstoeifel^aft nac^gett)iefen, bafe $err 9iio abfid^tlid^ 
bie 2:^atfad|e öerfdjtüiegen l^at, nielc^e aHerbing^ bie 9?id^tigfeit 
feiner ©rfinbung untüibertegbar l^ätte bartl^un muffen. 

S5ie Srieg§mafd)ine Sol^n ^alftaff, Don §errn 9?io con^ 
ftruirt, liegt jerfd^fagen unb serftüdett ba. 2)er 5Jerfaffer ift 
jeboc^ tüieber emftg baran, neue^ ßriegggerätl^ für ben fatl^o* 
lifdjen 3)id|ter ^erbeijuf al^ren ; unb bie^mal f oH ber Äampf nid&t 
ettüa bIo§ gegen einen tobten Stpoftaten ober gegen einen tängft 
verbrannten Äe^er, nein, er foH gegen bie lebenbe Königin t)on 
©ngtanb gerichtet toerben; bie SBSaffe, bie ju biefem Kampfe 
au^erfel^en mirb, ift bie l^iftorifdje Slragöbie 9?ic^arb TL. 
§err 9iio öerfünbet mit ftarfem rl^etorif^en 9?ac^brud: „©a^ 
Xrauerfpiet 9?id^arb 11. ift t)on unferm @eftd|t§punct au§ be* 
trachtet ba§ toidjtigfte t)on aßen, nid^t bto§ toegen ber fül^nen 
Slnfpietung, bie e^ enttjätt, fonbern toegen ber unätoeibeutigen 
Slu^tegung, toelc^e bie 3^^t9^^öffen ©l^afefpeare^ biefem ©tücfe 
gegeben l^aben. 3Kan fann fagen, ba'^ niemals eine bramatifd^e 
S)id^tung in ber politifd^en ©efc^id^te irgenb eine§ 9SoIfe§ eine 
fo bebeutenbe Siotte fpielte" (@. 125). 3)ie „fü^nen Sin- 
fpielungen" Vermag §err JRio meber tjier nod^ im folgenben 
nätjer ju beäeic^nen; er fügt jebod^ ^inju, gleic^ aU ob er, 
Wöben Sluge^, in bie Xiefe ber S)ic^terfeefe ju fd^auen üer* 
möchte: „95ei biefem (Btndt t|at er eine ^^enbeuj, einen 9ftücf= 
l^altögebanfen, loefc^er ntc^t jloeifel^aft fein fann, ba feine QeiU 
genoffen fc^on afö bie (£r!(ärer beffelben fic^ auöfprad^en unb 



©^afcfpcarc ein fatj^olifdjet Siebter 69 

burd^ btefe t^re Stuölegung bem tüagnt^üoHen Stücf btc ganjc 
Sebeutung etiicö poIttifdEjcn Sretgniffe^ gaben" (®. 127).. 

Slud^ l^ter bünft e^ bcn SScrfaffer öortl^ctf^aft, btc ^tftorifdien 
ßcugntffe, bte t^m 511 fetner 2(uffaffung ein SRerfit geben, üor 
bem Sefer ju Verbergen. 3nbefe, biefe ßeugntffe tjaben baö Sic^t 
itid^t äu fd^euen; fie mögen bal^er junt 9Sorfd^ein fontmen. 

S)te ©mpörung, bie Sffej unbefonnen unb furjfid^tig 
gegen ©lifabet^ Vorbereitet tjatte — • man fennt ben unt}tüdftid|en 
Aufgang, ben fie üerbientermafeen netjmen mu^te — biefe 
6mt)örung foüte am 8. gebruar 1601 jum 2(uöbrurf| fommen. 
2lm 9?ad^mittage üortjer fielen bie SSerfc^tt)orenen ein 3)rama 
anffül^ren,. baö unüerfennbar ^inbeutete auf ba^ betiorftel^enbe 
@reigni§ ; fie ttjoüten fid^ unb i^ren Slnl^ängern t)on ber Söü^ne 
|erab gteidifam 9Kut^ einfpred^en taffen ju i^rem tt)age^alfigen 
Unternehmen unb bie Hoffnung auf einen münfc^en^lüert^en 
Erfolg beleben. @ir ©iÜ^ SDZeridt mirb afö berjenige genannt, 
ber mit ben @cf)au|pietern untertjanbelte unb fie öeranfafete, 
eine frfjon Veraltete iragöbie t)on ber Slbbanfung SJidEiarbig II. 
jur Sluffül^rung ju bringen.*^*) ©ner ber ©d^aufpieler mad^te 
bcn @intt)anb, loeit ba^ ©tüdf alt fei, toürben nur tnenige Qu^ 
fc^auer fommen, man l^ättc bcö^alb t)on ber Sluffül^rung nur 
SJerluft ju erttjarten ; ba tt)urben noc^ öiersig Shilling baju ge== 
geben unb fo toarb ba^ StüdE gefpielt.^*) 9luö bem ^ßrojcffc 
gegen @ir S^riftop^er Sölunt unb bie anbern J^eifne^mer ber 



*') (^mben erjä^It: „Mericus accusatur, quod exoletam 

Tragoediam de tragica abdicatione Regis Eichardi Secundi in publico 
theatro corara coniuratis 3ata pecunia agi curasset. Quod ab eo factum 
interpretati sunt Jurisconsnlti, quasi illud pridie in scena agi spectarent, 
quod postridie in Elizabetha abdicanda agendum.'* Annales rer. 
Angiic. regnante Elizabetha. Lugd. Batav. 1625, B- 810. 

•^•j Arraignment of Merick in 23acon§ 2Bor!8 eb. 9llontQau 6, 

363: „ when it was told him by one of tbe players, that 

the play was cid, and they should have loss in playing it because few 
would come to it, there were forty Shillings extraordinary given to 
play it, and so thereupon played it was.^' 



70 3u ©Mefpearc 

SBcrfd^toörung erfal^rcn tütr bcn Spanten bcö ©d^aufptelerö, bcr 
bie t)ter jtg ©l^tHtttg in (Stnpf ang na^m : er l^tcfe $ß^iftp^ ; baö ©tüd 
aber, tüetd^eö bie SSerfd^tüorenen burd^auö 5U fe^en Verlangten, 
tuirb §ier ,,§einrid^ IV." genannt.*^*) 

3Bir feigen, ba^ ber 9iame unfern '5)ic^ter§ l^ier nirgenbö 
öorfommt. 2)ie S^el^örben tjaben, fo üiet tt)ir tt)iffen, tt)eber i^n 
nod^ feine ©efeßfc^aft toegen il^reö SSerl^altenö getabelt ober gar 
mx 9Seranttt)ortung gejogen. 5Kag felbft ber in ben ©täte 
Xxxal^ genannte 5ß]^ifip§ ber ©d^aufpiefer 9tuguftine ^ßl^itipg 
fein, ber ju ben 3Äitgtiebern ber ©l^afefpearefc^en Söü^ne ge- 
l^örte, fo ift e^ bod^ immer nod) gmeifel^aft, 06 gerabe biefe 
©c^aufpieler, ©^afefpeareö ©enoffen, e^ tüaren, tüeld^e ft(f| be- 
ftimmen liejjen, ben SBünfrfien ber S?erfc^tt)orenen narfiäugeben. 
®§ ift erfid)ttic^, ia% bie ©^afefpearefc^e ©efeHfd^aft ftrfi t)on 
aÜen Slngetegen^eiten, bie auf ©taat unb ^rc^e Söesug Ratten, 
mit tt)eifer ß^^ö^^öftung fem l^ielt; fie tt)ürbe tüol^t aud) in 
biefem gaöe nidit itjrer getüol^nten 9Sorfid|t entgegen ge^anbelt, 
öietmel^r bie Sl^eilnal^me an einem gefal^rbro^enben Unternehmen 
mit Söebad^t abgetel^nt l^aben. 

Unb toa^ fagen bie Söeri^te über ba§ 2)rama auö, ba§ 
ben Sßerfcf|tt)orenen für il^re Qxo^dt fo geeignet fd^ien? SJon 
ben ©d^anfpielern toirb eö ein „atte^" ©tüd genannt, ein fd^on 



^) 3n bcn State SrialS 7, 60: „The story of Henry IV being 
set forth in a play, and in that play there being set forth the killing 
of the king upon a stage; the Friday before, Sir Gilly Merick and 
some others of the earl's train having an humour to see a play, they 
muBt needs have the play of Henry IV. The players told them that 
was stale; they should get nothing by plaing that; but no play eise 
would serve : and Sir Gilly Merick gives forty Shillings to Philips the 
player to play this, besides whatsoever he could get." — 9^euerbinö§ 
^at (^oQter noc^ ein S)ocument entbedt, roelcbeS auf biefe $er()anblung mit 
bcn ©dfeaufpielem ^ejug l)at. ©ie()e Athenaeum, 6. ©esbr. 1856, 
©. 1498. S)a e§ ben betannten Sl&atfacfeen nid^tg roefentlicö 9leue§ Ifeinju» 
fügt, fo mag e§ I)ier unberücffid^tigt bleiben, um fo me^t, ba SoUier bet 
ßntbecfet ift. 



©I&afcfpeare ein fat^olifcbcr ©idbtct 71 

a6genu^te§, baö auf ba^ $ßu6Itfum !eine Sfuäiel^ungöfraft me^r 
übt. S)tefe ©e^aiiptung frfieint auf ©l^afefpeareö ^Iragöbte 
itid^t tüol^I ju paffen. 3cborf| eben in jenen Scripten toax bte 
^robuftion auf brantatifrfiem ®ebtete eine ungemein lebhafte; 
bic neuen 333erfe folgten rafd^ auf einanber, unb man tnar be* 
ftrebt, burd^ manigfaltigen SBSec^fel ber S)arfteIIungen ba^^ 
^ublifum l^eranäugiel^en unb ju feffetn. Sin S)rama, ba§ fc^on 
feit einigen S^al^ren auf ber Söü^ne ^eimifc^ unb ben ^itfc^öi^ci^n 
befannt tnar/mod^te ballet tno^I im 3Äunbe eine§ ©rfiaufpieler^ 
ju einem alten, ju einem abgebraud^ten ©tüdfe tnerben. 

©liefen tt)ir aber nun auf ©l^afefpeare^ SBerf felbft! S)ie^ 
SBerf follte gteidEifam baö bramatifd^e S?orfpiet einer ©mpörung 
bUben unb ben Scannern, bie fid^ gegen bie §errfd|erin be^ 
Sanbeg ergeben tnollten, SÄutl^ unb SSertrauen einflößen? SSo 
l^atten bie SSerfdE)tt)orenen i^re (Sinne, afö fie ein fotd^e^Stüdt 
ju fold^em 3^^^^ ^u^ ber 3Äaffe ber bramatifdjen Srseug* 
niffe tjerauögriffen ? §atte bie grofee Söegebenl^eit be^ fommen- 
ben Xageg fc^on im öorau^ il^re ®eifter fo aufgeregt unb Der* 
ttnrrt, ba§ fie bie ®abe beö Srfenneng unb Unterfc^eibenö ein* 
gebüßt l^atten? 

S)enn — man tefe ©l^afefpeare^ SBSorte, man faffe ©inn 
unb Oel^aft beö Oanjen! 3Birb ^ier ber Derle^te Untertl^an 
ermuntert, gegen feinen Sönig aufjufte^en unb il^n feinet 
§errfd^eramte§ p entfe^en? SBirb ^ier bie Slufle^nung gegen 
ben Dberl^enrn mit öerfü^rerifd^en SBorten gerechtfertigt, üer- 
t^eibigt, bef(f)önigt? SBirb ber SBiberftanb gegen ben red^t- 
mäßigen Oebieter ettna gar anempfotjten unb bem fül^nen 
Smpörer, ber an^ Qkl feiner SBünfc^e gefangt, ba^ lodtenbe 
SBilb eineg bauernben ®(üdteö g^ä^igt? 9?ein, ganj anbere ®e* 
finnungen, gan^ anbere ®efü^te finb in bem SBSerfe S^afefpeareö 
ju öernel^men! 5D?an fennt fie, jene majeftätifc^en SBSorte, in 
toetc^en ber ßönig, balb ju ftolgem ©elbftgefül^t erhoben, balb 
in ratl^tofe ©d^tnäd^e öerfunfen, bie unantaftbare §eitig!eit be§ 
gcfalbten §errfrf|er^ mit unüergleic^Iidier ®etüalt öerfünbigt: 



72 3u ®6afcfpeare 

Not all the water in the rough rüde sea 

Can wash the balm of from an anointed king; 

The breath of worldly men cannot depose 

The deputy elected by the Lord. (9Jid^arb IL 3, 11) — 

man fennt fte, jene 9tebc bc§ S8tfrf|ofg t)on (SarlMe (4, 1), tt)eld)e 
©^afeypeare, feinem §o(inf]^eb fofgenb, genjtffermafeen ju einem 
ßobej ber Untertl^ancntreue gemadjt i)at Wlntf)t)oU tritt ber 
S8ifd)of, t)on ®ott für feinen Sönig erregt, bem glüdflid^en Ufur* 
pator unb beffen Stnl^ängern entgegen; er ermal^nt fie, absu* 
f teilen t)on fo fd^Hmmer Unttjat; benn 

What subject can give sentence on his king? 

2)er Äönig ift auf ©rben ba§ S3ilb t)on ©otteö SRajeftät, fein 
Hauptmann, fein SSertüatter — 

the figure of God's majesty, 

His captain, Steward, deputy-elect, 
Anointed, crowned, planted many years — 

ein fdEimäl^tidier SSerrätl^er ift jeber, ber firf) über ben ©etoeil^ten 
beö §erm a(ö Siid^ter ergeben tt)iH. SBirb aber ba^ Sßerbred^eit 
öolljogen, tüirb ber Slnfü^rer ber SBerrät^er jum Sönig gefrönt, 
fo »erben noct) fünftige ®efd^(ec^ter äcf)äen über bie fd^mad^^ 
üoüe %^at] ba§ S3Iut ber ©ngfänber tüirb ben Söoben büngen,. 
gurd^t unb ©ntfe^en tüirb im Sanbe l^aufen unb Sünb unb 
Stinbe^finber tüerben über ben @d)ulbigen il^r 3Be^e rufen. 

Prevent it, resist it, let it not be so, 

Lest child, child's children, cry against you *woe' ! 

3n fotc^en SBorten ^aben bie eifrigften, ja, bie befd^ränfteften 
Slnl^änger unb SSerfed^ter be§ t)on ®ott eingefe^ten Sönigtl^um^ 
il^re ®efinnungen mit freubigem Söel^agen tt)ieber gefunben.**^) 



"j 3u t)et SteUe im 3. 2l!t bemetft Dr. So^nfon : „Here is the 
doctrine of indefeasible right expressed in the strengest terms ; but 
our poet did not leam it in the reign of King James, to which it is 
now the practice of all writers, whose opinions are regulated by fashion 



©böfefpearc ein fatj^olifd^er Siebter 7ä 

Äetn Xubor, fein Stuart fonnte Verlangen, ha% fid^ bie Se== 
geifterung be^ Untertl^ancn für feinen t)om ^immel erforenen 
^errfd^er feuriger äußere, ba^ bie Ueberjeugung öon bem un= 
öertilgbar an ber 5ßerfon be^ ©ouöerainö l^aftenben Sfied^te 
einen unbebingteren, einen leibenfd^aftlictieren Slu^brud getninne. 
SBir unterfud^en ni^t, ob ber 3)irf|ter in biefen SBorten, tnelc^e 
fo märf|tig bie Smpfinbung treffen, feine eigenen Slnfdjauungen 
funb giebt. SBSer, ber baö SBSefen ber bramatifrfien 5ßoefte er* 
fafet l^at, tüirb ben bramatifd^en S)id^ter beim SBorte nel^men 
unb i^n jum Xtjeilne^mer ber (Sefül^Ie, jum SSertreter ber 
©runbfä^e machen, bie er in feinen SBerfen öerfünbigen täfet? 
©aburd^ ^h^n Wxxb er jum 2)ic^ter, ha'^ er burc^ h^n Shei^ 
feinet eigenen gü^Ienö unb Sinnend nid^t befc^ränft ift, ba^ 
er jeber ^ßerföntic^feit bi^ in ba§ Snnerfte itjrer 9iatur nadt)* 
gelten ober il^re (Smpfinbungen ganj unb ungefd^mätert in bie 
feinigen aufnehmen fann. 2lIIe, bie er in feiner geiftigen SBelt 
jum 2)afein unb jum 3;^un beruft, fie (eben in i^m i^r öolle^ 
Scben burc^; mit unbeftoc^ener §anb ertl^eift er gteid^mäjjig 
einem 3eben, toa^ er gum felbftänbigen 3)afein bebarf. S)er 
!?id^ter übt bie l^öd^fte ©eredEjtigfeit, inbem er, toie im @int)er= 
ftänbnife mit ber 9iatur, jebem SBSefen bie Straft giebt, fid^ in: 
feiner SBa^rl^eit barjufteüen, aUeö, njae e§ in fic^ l^egt, mit 
unüerfümmerter greil^eit an^ Sid^t gu bringen unb ben SSe- 
bingungen gemäß, unter benen eö geiüorben unb gebifbet ift, 
mit (£ntfdE)ieben^eit unb 9?ad^brudE ju fpred^en unb ju l^anbetn. @o 
toeife un§ jebe§ 5U überjeugen, bafe e§ in feiner SBSeife Siedjt l^at. 



or interest, to impute the original of every tenet which they have 
been taught so think false or foolish" — unb äu ber JRebe be§ S3ifcbof§: 
„Here is another proof that our author did not leam in K. James* 
conrt his elevated notions of the right of kings. I know not any 
flatterer of the Stuarts, who has expressed this doctrine in much 
stronger terms. It must be observed that the poet intends, from the 
beginning to the end, to exhibit this bishop as brave, pious, and. 
venerable." 



74 8" ©Safefpearc 

Slurf) l^icr tüoUte S^afcfpcare burd^ ben üRunb feinet 
Äönig^ unb feinet Söifd^of^ gctütfe tuebcr feine eigenen ®c^ 
finnungen an ben Xag legen, nod^ aügemetn gültige 9Ba^rl)eiten 
prebtgen taffen. SSeibe reben, tote fie i^rer SKatur naä) in 
bicfer Sage rebeti muffen. 3Ber ba glaubt, bafe ber 3)id^ter 
biefe ©etegenl^eit benu^t l^abe, um bie S)octrin üom teibenben 
Oel^orfam grünbtid^ einjufc^ärfen, ber mag fid^ o^ne weitere^ 
ju benen gefeüen, bie in il^m nur ben aHtoeifen 5ßräceptor 
fe^en, bem e§ beliebt, je^t einen @afe an^ ber SKoraf t)or== 
ju tragen, batb barauf ben $ßotitifern eine Stug^eit^reget an bie 
§anb ju geben ober in glüdUdien 3Komenten tüo^I gar mit )f)vo^ 
p]^etifd)er SSoral^nung bie 3;refflid§feit einer p^ifofop^ifc^en Se^re 
ju öerfünben, bie einige l^unbert 3al^re nad| feinem §infd^eibcn 
ba§ 3Äenfd^engefd^(ed^t ju erfeurf|ten beftimmt ift. SBir fragen 
l^ier nid^t nad^ bem potitifd^en ©tauben^befenntnife S^afefpearc^, 
h)ir fragen nur: tüeld^en (SinbrudE mußten bie SBorte beö Sönigö, 
be§ 93ifd^of§, t)on ber Söfil^ne l^erab mit fo übertDättigenber 
©nergie ertönenb, tüefd^en ©inbrud mußten fie auf bie 3Ser== 
fc^tüorenen mod^en, bie fid^ t)or ber Söü^ne jufammengefunben 
l^atten, um l^ier bie Snttl^ronung eineö Siönigö, jur günftigen 
SSorbebeutung, anjufc^auen ? 3^^^^^^^ ^^^ pofitifd^en Seiben* 
fdEiaften aufgeregt, toerben in einer bramatifdE)en S)arfteUung 
t)ornet|mtid^ ba§ einjetne ergreifen unb auffaffen, fie merben 
bem, tt)ag il^re (Smpfinbungen ju befräftigen fd^eint, mit ftürmifd^er 
§eftig!eit äuftimmen, unb tüaö i^nen miberfpridE)t, ebenfo ^eftig 
öertüerfen. SBelc^e Gattung foHten nun bie SBerfc^tüorenen an^ 
nel^men, toenn ba^ SBerf, ba^ auf i^r bringenbeö SSerlangen 
il^nen üorgefü^rt toarb, fie mit büftern ^Propl^egeiungen, mit 
brol^enber Unglüd^öer^eißung fd^redte? Sie toaren bereit ju 
bem fc^fimmften SBagnig, fie lüaren entfc^toffen, bie öieljä^rige, 
rul^mgefrönte Königin gu entfe^en, — unb fie mußten e^ ftd^ 
gefallen laffen, baß, furj el^e fie an§ SBerf gingen, üor 
il^ren eigenen D^ren biefe %f)at al^ eine fc^mac^üolle, Her* 
berbenbringenbe gebranbmarft unb öerurtfieitt, bie Unöerlefcbar* 



©^afef^earc ein fatl^olif^er ©idfetet 75 

feit bcr SRajeftät l^ingegen mit glfil^enbcm ©ifer öcrt^eibigt 
rourbe ? 

SBenn aber anö) bie SSerfd)tüorenen in l^inreid^cnb gefaxter 
©timmung tuaren, um, ^intoegblidenb über ba^ einjdne, in 
ben ©inn be^ ©anjen einjubringen unb ba^ 3Ber! in feiner 
©efamtl^cit auf fi(f| wirfen ju laffen, fonnten fie bann tttoa 
einen (Sinbrud empfangen, ber fie jene unerfreulid^en 3Borte 
t)ergeffcn lie^, ber geeignet tüar, fie in il^rem SSor^aben ju be^ 
ftätigen? Seud^tete i^nen auö bem @rf|aufptet ber befriebigenbe 
@eban!e entgegen, ha^ bie Empörung, fo fel^r fie auc^ öon 
einigen öerabfd^eut njerbe, bennodö recf|tmäfeig, not^tt)enbig fei? 
SBa^rlid^, nein! 3n biefem ©rfiaufpiele tt)arb i^nen nid^t^ ge* 
boten, toa^ itjren ®efinnungen frfimeid^etn fonnte. S?or biefem 
ergreifenben ®emätbe be§ toanfenben unb aÜmä^Iid^ ^infinfenben 
Äönigtl^um^ müfete üietme^r fetbft ber bel^erjtefte, entfrf|foffenfte 
SSerfc^lüörer jum SDZitleib betoegt Serben. SBoÜte man fid^ öon 
einem Äunfttoer! einen unmittelbaren praftifrfjen ©rfolg öer= 
ft)red^en, fo fönnte man glauben, fräftig empfinbenbe 3Äenfcf)en, 
benen bieö SBerf ©l^afefpeareö öor bie Slugen gebrad^t tt)irb, 
müßten fid^ aufgerufen füllen, einem bebrol^ten, bebrängten S!önig 
i^re tl^ätige 3;^eilna]^me ju njibmen unb otjne (Säumen ju feiner 
©rrettung l^erbeijueilen. 

3)enn ^ier tt)irb ber Äönig nid^t ate üeräd^ttic^ unb ]^affen§== 
toertl^, ber (Smpörer nic^t a(^ grofe unb fiebenömertt} gefd^ilbert. 
5)er SKann, ber l^ier nad^ bem Xl^rone begetjrt, ift fein ebler 
§etb, ber untoertoanbten ©diritteö mit frei emporgetjobenem Raupte 
auf fein 3^^t toöbringt, ber offen mit feinem Sfnfpruc^ ^erüor^ 
tritt, ber burd^ entfd^eibenbe 3;^aten alle |)eräen getoinnt, aUe 
Oemütl^er mit fid£) fortreifet, ber bem SSotfe ein l^od^finniger S3e== 
freier, ben ©rofeen ein mifber ®dE)trmt|err ju »erben üerfprid^t ; 
btcfer SRann barf öielme^r für feine ^fane feine ^erjüd^e 
X^eilnal^me t)on unferer Seite erttjarten. ©ine üorforglid^e 
©c^Iau^eit bient il^m gur gül^rerin; ol^ne 95ebenfen tt)anbelt er 
auf ben meift verborgenen, oft frummen 5ßfaben einer fefbft* 



76 3w Sfeafefpearc 

füc^tig bcfdEirtinften ©taatöfunft; er tüei§ im rid^ttgen STugen^^ 
Uid ben (Sntfc^tufe ju erfaffen, bcr burrf} bte Umftänbe geboten 
ober begünftigt tft, aber fein SSJort fttmmt toeber ju feinem 
SBoöen nod) gu feinem Sttiuii, er rebet mit öerfteüter S)emutl^ 
afö Untertl^an, ber nur fein i^m üorentl^attene^ 9Jerf|t tt)ieber 
äu getüinnen ftrebt, niä^renb er ftc^ innerlid^ fdjon afö Slönig 
f ül^tt ; erft bann toerben allen 3Äenfd^en feine Slbfidjten beutlid)^ 
tt)enn er fie, mit fidlerem gufee unmerflid) öortoärtö fd)reitenb^ 
fc^on üoüfommen erreid^t f)at Unb toenn er nnn ben Äönigg* 
fi^ einnimmt, f o n)irb i^n lüol^I niemanb bort f reubig begrüben ; 
er fie^t eine umbüfterte ßwfi^^f^ ^^^ fi^! ^^^ ^^^^ Qtttünx^' 
niffe nnb ß^iefpalt, ^eimlid^e 9Serfd§n)örnngen unb offene Slämpfe^ 
furj ba^ gange Unt)eil, ba^ in ben folgenben 2)ramen ]^ert)or= 
bridit unb baö er burc^ feine Ufurpation über ©nglanb oer^ 
^ängt l^at.*^®) @d&on tt)erben S3ünbniffe gegen il^n gefd^toffen^ 
unb man fü^It, ba^ er niemals feft unb unangefocf)ten auf bem 
2f)rone figen toirb, ju bem er unred^tmäfeig gelangt ift, ba§ fein 
ganje^ fünftige^ ßeben eine @üt|ne fein mirb für biefe J^l^at,. 
bie gegen göttlid^eö unb menfc^tic^e^ @efe^ öerftöfet.*^') 



***) Abbot. A woefuJ pageant have we here beheld. 
Bishop. The woe's to come; the children yet unborn 

Shall feel this day as sharp to them as thom. 

4, I am ©c^Iufe. 

") fflenn ©feafefpeare fidj jemals alg ben J)ergen§fünbiöer flcgciöt Ijat, 
bot bem nicbtS berborgen bleibt fo ift e§ in jener ßtofeen Scene, in meldtet 
bem berfcöloffenen ^öniße furj bot feinem S:obe in flel^eimet 3n>iffprac^e . 
mit feinem ©o^ne bie 3unöe ßclöft mirb, er ficfc gu feinem SJetöel&en 
bctennt unb fein unrulfebolleg fieben fdjilbert. 4)enr9 IV. 2, 4, IV. — 
58etfuc^t man e§, fid^ be§ ftangen Sn^altS einer foldf^en ©cene mit @etft 
unb ©efü^l ju bemächtigen unb ftellt bonn etroa eine oon ben ©cenen 
baneben, in meldten galftaffs fflefen ficö ßtünbli* barfteUt, fo »irb man 
bieüeid^t ©oet^eS ^9petbolif*en 2lu§fprudb über i>tmx\d) IV. bcgteiflid^ 
finben: „5öenn aUeg oerloren märe roa§ je biefer 2(rt gefc^rieben ju un§ 
gelommen, fo fbnnte man $|3oefie unb 9ll)etoril bataug üollfommen mieber* 
'l^erftetten." 4)empelfdf?e Sluggabe 19, 129. 



©Ifeotefpearc ein faftolifdber S)id&tet 77 

Unb tüte erfd^eint 9itd^arb ? 3ft er ba^ Söilb eineö Xt)rannen, 
km toir btc ntipraud^te SÄad^t au§ ben §änben tüiiiben möd^tcn ? 
Selben tütr e^ mit grcubcn an, tüentt er t)on fetner §ö]^e ]^erab= 
geftürät hJtrb ? — @r tft rafd^, ungeftüm unb unbefonnen, burd^ 
fletDiffenlofe ®ünft(tnge Ieicf)t ju getüatttl^ätigen ^anbtungen üer^ 
leitet; toie jemanb, ber nirf|t^ ju frfieuen ^at, fpridjt er — benn 
p ^eudjeln Vermag er nid)t — feine ©ebanfen, anä) bie un^ 
freunblid^en, rüdftd^t^Ioö öerle^enb an^, S)aö ®efüt)t feiner 
föniglidien SBürbe fcf)eint mäd^tiger in i^m aU bie Ueberjeugung 
Don feinen fönigtid^en 5ßflic^ten; afe ^errfc^er mnfe er öielfarf} 
unfere SKij^billigung erfal^ren; aber, ttienn fein St^un aud| oft 
fc^etten§tt)ert]^ ift, fo l^aftet bod^ nic^t^ enttüürbigenbeö an feiner 
Ißerfon, nidjt^, lüaö il^n einem ^efd^ärften §affe, einem geredeten 
unb bauernben SBibertüillen ober gar ber SSeradE)tung au^fe^te. 
Unb fobatb ba§ UnglüdE über feinem Raupte fd^mebt, fobalb tüir 
feinen Untergang nur ju getüife üorau^fe^en, ebenfo batb möd^ten 
n)ir aud^ öergeffen, bafe er un^ jemate gum 3;abet Slnlafe ge= 
geben. 333ir l^aben nur 5D?itgefüt)l für feinen jegigen bebauernö^ 
n)ürbigen ßuftanb ; mag er auc^ felbft il^n unn)iffent(idE) tjerbei^^ 
gefütjrt l^aben, tüir ad^ten e§ nid^t, n)ir fe^en nid^t feine Sc^ulb, 
tpir feigen nur bie i^rer SBürbe entffeibete, in ben ©taub nieber= 
gebrüdte SRajeftät. ©^ ift nod) berfelbe 9JidE)arb, ber fi^ im 
©lanje ber Äönig^tüürbe nidEjt immer günftig un^ bargefteltt 
^at; aber jegt erft fernen tt)ir il^n burd^ unb burd^ fennen; 
ia^ Unglüdt njei^t i^n, unb n)ät)renb e§ i^n be§ äußern @dE)mudEe^ 
beraubt, frfjmüdEt e§ il^n mit aüem, toa^ feine 9iatur ebfe§ in 
fid^ fc^tie^t unb toa^ erft je^t ^eröorjutreten SRaum finbet.**®) 
9Jur ba^ eine, toa^ er nie befa§, !ann er anä) je^t im UnglüdE 
nid^t erlangen: Äraft jum entfd^Ioffenen, folgerichtigen §anbeln. 

") Tlit loelcben (Smpfinbunßen fü^Ienbe ficfer unb 4)örct ba§ @df?icffal 
Äi(ftatb§ bcßleiten, mag Sflat^an 3)rate fagen: „Richard, descending from 
bis throne, discovers the unexpected virtues of humility, fortitude and 
resignation, and becomes not only an object of love and pity, but of 
admiration." Shakespeare and his times 2, 376. 



78 3u S^lefpeote 

aSo^I lüill er fid^ norfi emporraffen; ber ffeftige ©igentottte be§ 
§errf(f)er^ tritt nod^ auf 3lugen6ttde ^erüor, baS SBitb ber !ömgltrf|en 
^ol^eit fteigt glänjenb üor tl^m auf, unb er tütH e§ feftl^alten; 
aber feine bic^terifd^ betoegte ©inbitbung^fraft ift Ijier tl^ätiger 
afe fein SBille, unb e^ ift, afö ob er in biefer X^ötigfcit, in 
biefent ©piet mit SBilbern unb ®efü^(en, in ba^ er ftd^ fo gern 
üerfenft unb öerttert, einen Srfa^ fänbe für ba^ toirflidEie X^un^ 
ba^ i^m üerfagt bleibt, ^lüd^tig toed^fetnb fd^toanfen unb 
fd^ttjeben feine SSorfteüungen auf unb nieber; bie !önigttd^e 
^ol^eit, eben nod) gepriefen, ift je^t ein SRid^tö, bie Unftd^erl^eit 
in feinem 3nnem mu§ bie 5ßläne feiner geinbe üerl^ängnifetjott 
untcrftü^en. SlÜeg bient baju, il^m unfer ü)?itgefül|t ju fiebern. 
3Ba^ (Staat unb S?o(f unter feiner §errfd^aft gelitten ^aben,. 
ba^ ift nidE)t il^m allein jujufdireiben ; feine Oünftlinge finb bie 
äJiitfd^ulbigen, bie feineö S?ertrauen^ untüürbig toaren, 2Kad^t 
unb SRamen be^ Äönigö gu i^ren eigennü^igen QtD^dm brandeten 
unb fo bem §errfd^er, ber fid^ im müßigen Sebenögenu^ gefiel^ 
üerberblid) getnorben.*®) Se mel^r SSortl^eite ber liftige ®egner 
über i^n getninnt, um fo mitfeib^tt)ert^er toirb unö ber ent^ 
thronte Sönig. aSielleid^t §at felbft (S^afefpeorc niemals ettoa^ 
gebid^tet, tna^ eine fo ganj reine, unöermifd^te 9iü^rung ^eroor* 
bringt, tt)ie jene Scenenfolge, bie mit ber SiüdHe^r Sfiid^arb^ 
nac^ Snglanb beginnt unb mit feinem 3;obe fd^liefet. Die 
2;rauermär, toie fte ber milb gmaltige Dichter erjä^It, bie 
2:rauermär t)om gälte besS red^tmä^igen Äönigö mu^ jeben 
§örer ju X^ränen betuegen,®^) jebeig ^erj, ba^ nid^t ju ®ta^l 
öerprtet ift, muß fdimeljen unb bie Unmenfd^lid^feit felbft mufe 
ÜJatleib füllen.«») Sn ber %\)at, ba§ toax fein ©tüdE, an beut 



*•) ©ie()c bie Mebc beg ©ättnerS 3, IV. 

^) Teil thou the lamentable tale of me 

And send the hearers weepiug to their beds. 5, I. 

**) That had not God, for some strong purpose, steePd 

The hearts of men, they must perforce have melted 
And barbarism itself have pitied him. 5, II. 



©I^afefpearc ein fatj^olifcfecr Sichtet 79 

Scrfd^tüorcne fid^ erbauen fonnten ! Se mel^r tt)ir baö S8ef onbere 
unbefangen burd^empfinben unb ben ^^f^^^^^^^ng unb bte 
SBirfung be§ Oangen emägen, um fo me^r befeftigt fid^ in un^ 
bie Ueber jeugung : bie^ fann baö ©tüd nirf|t gehjefen fein, an 
bcffen S)arfteIIung fid£| Sir ©iUt) 9Keridt unb feine ©enoffen am 
9fac^mittag be^ 7. gebruar 1601 erfreuten. 

2)iefe Ueberjeugung ift benn aud^ t)on einfid^tigen Scannern 
längft gehegt Sorben, garmer, X^rtul^itt, 9Katone glaubten, ba§ 
es; ein öftere^ ©tüdt gab, in tt)efd^em Siid^arbö Slbfefeung unb 
Srmorbung auf ber SBül^ne öorfam; fie glaubten, ba^ bieg 
ältere (Btüd üon ben 9Serfc^n)orenen jur ?Iuffü^rung au^erfel^en 
ttjorben. 93ebürfte biefe 9lnnal|me einer äussern Söeftättgung, fo 
ift i^r auc^ biefe feit bem Satire 1836 ju 3;^ei( geworben. 3Bir 
toiffen feitbem, bafe ber Dr. @^mon g^^i^^^^ ^^ ©tobetl^eater 
am 30. Srprif 1611 einen 9fiicf)arb IL fa^, ber nic^t ba^ SBerf 
St)afefpeare§ mar ; er üerjeid^net in feinem lageburfie ben Snl^alt 
biefeg ©tüdE^,**) in bem eö offenbar fel^r blutig ^erging. S)ie 
S^ara!tere fönnen mit ben t)on @t)afefpeare gejeid^neten feine 
?[e]^nlid^feit gel^abt ^aben, ber Äönig tt)irb aU ^interliftig unb 
graufam bargefteHt; furj aug gorman^ Söeric^t erhalten tt)ir 
ba§ S8Ub eineö jener altern ^tM^, bie man immer noc^, nad^= 
bem fie längere Qdt gerul^t Ratten, ber Sd^auluft ber SKenge 
einmal loieber barbieten fonnte; unb bieg @tüdE mag benn aud^ 
ben ©eftnnungen unb 3^^^^^^^^ ^^^ SSerfc^toorenen ganj mot)l 
entf))rod^en l^aben. SBSäl^renb ttnr alfo mit ©ic^er^eit behaupten 
bürfen, ba^ ©^afefpeareg 9Kc^arb II. am 7. gebruar 1601 



3)iete SBorte f priest ^ott, nad^bem er 9li(^atb§ tlä^liciben @ingug in fionbon 
gefctilbert ^at. SSon biefer ©d^ilbetung fagt ©rieben: „The painting of 
this description is so lively, and the words so moving, that I have 
scarce read any thing comparable to it, in any other language." SSor^ 
reöe ju Xroilu« unb Sreffiba. 

•') 6iefee SoHiet^ New Particulars regarding Shakespeare and his 
Works. 1836. gotman eraä^It au* ben ^n^alt uon gSintcrs Sale, 
d^mbfline, aJlocbetl^. 



80 3" ©Wefpcarc 

tt i c^ t aufgeführt lüurbe, f önncn ton bagcgen mit großer 333a^r* 
"f(f)cinttd^fett üermut^en, ba^ jcne^ ©rama, tuetd^eö bic ©rfiaufpieter 
aU ein atte§ beäeid^neten unb enbtid^ nur auf ®ir ®ill^ SDJerid^ 
bringenbeö Segc^rcn jur 3)arfteIIung brad^ten, baffelbe 8tücf 
tpar, tüeld^e^ 5^^^^^ gefeiten unb befc^rieben ^at. 

§err 9Jio tüei^ Don biefem altern @tüde; er läfet eö auf 
@. 125 noc^ ätüeifel^aft, ob biefeö ober 8^afefpeareö SBerf junt 
^orft)iet öon Sffej' ?Iufftanbe biente ; aber batb n)irb fein Olaube 
^utierfirfitfid^er. S)ie SSerfuc^ung, ben S)ic^ter an einer ©mpörung 
gegen bie fe^erifc^e Königin, fo gut e^ eben gelten tt)ill, tl^ei^ 
nehmen ju laffen, biefe SSerf uc^ung ift aHju lodenb ; ©^afefpeare 
barf bei biefem Kampfe gegen ©lifobetl^ nid^t ein gleid^gültiger 
3ufdE)auer fein; mag er »oHen ober nidjt, er mufe mit in bie 
<Sd^ranfen, unb fo tt)irb benn, ber inneru Unmögtid^feit unb ber 
äußern Untna^rfd^eintid^feit jum Zxo^, auf @. 177 breift be^ 
l^auptet: „9tm 9(benb be^ 7. gebruar 1601 fam ©^afefpeare^ 
tRid^arb 11. jur 9tuffü^rung; biefer Slönig toar einft burdf) 
93oIingbrofe toegen berfelben Uebett^aten enttl^ront tt)orben, toetd^e 
man ber ^Regierung Slifabetl^ö üorltJarf.'' 3nbeJ3 fann fetbft 
§err Stio nic^t aUe SBebenfen öerfd^euc^en ; bie Xragöbie, tt)ie 
fie unö oortiegt, fann felbft oon bem ftumpf finnigften 3Äenfd^en 
nidjt ai^ ha^ öerl^ei^ung^oolle Sßorfpiel eineö 3tufftanbeö an* 
gefeiten tt)erben. SBie l^ilft er fid^ nun ^erauö ? i^nx einen SWann, 
ber bie fd^mu^igften SBege nirf|t fd^eut, giebt e^ immer nod^ 
einen Stuömeg, unb fo ^at aud^ |)err 9?io einen fofc^en gefunben. 
?lber tnetc^ ein SBeg ift ba§ ! 9iur ein Stio f onnte i^n betreten. 
@r fagt feinen Sefern (@. 127): „SBir fönnen nid^t mel^r genau 
angeben, bis^ ju lt)e(d)em @rabe unb in Ujelc^er SBeife bie Sieben* 
umftänbe ber in bem ©tüdte üorfommenben förmlichen 9Ibfegung 
be^ Slönig SRid^arb SSeranlaffung gaben, bie bamatö oon mand^en 
gelüünf d^te , aber unmögtid^ getoorbene ^Befreiung oon ber 
^errfd^aft SUfabett)^ bamit ju Oergleic^en : benn ber fünfte Stft, 
n)ie er t)on bem S)id^ter üerfafet loar unb auf bem ^fjeater „3"^ 
SSeltfuget" 5ur Sluffül^rung fam, tourbe mit einer SIrt politifd^en 



©I&nfefpearc ein !atl^oIif(J6et Sid^tcr 81 

Snterbicteö belegt, tuoburd^ ber Sßerteger Sliibrea^ SB^fe genötl^igt 
toar, t^n in ber im Scr^re 1597 öeranftalteten Slu^gabe biefer 
anftöfeigen Sragöbie gattä toegjulaffen. Sßier Saläre fpäter tüurbe 
biefer ©d^Iu^aft für tüenige ©tunbett gleid&fam toieber in ba^ 
Seben äurüdfgerufen, afö 9Sorf<)ieI ju bem Slufftanbe beö ®rafen 
©ffef. Stad^l^er toax nid^t ntel^r t)on il^m bie Siebe, unb @]^afe== 
fpcare tiefe an feine @teQe eine anbere bramatifd^e Söfung treten, 
bie ganj ha^ (Gepräge jener 2:iefe ber ©ntpfinbnng trägt, toetd^e 
bie aSerie au^ feiner testen $ßeriobe an^jeid^net.'' — Söir btiden 
itod^ einmal ftannenb anf biefe SBorte: ^aben toir e§ l^ier mit 
einer fd^amlofen ©ntfteHnng ber SBal^rl^eit ober mit einer faft 
cbenfo fd^amlöfen Untniffenl^eit jn t^un? 

S)ie l^ier fo änöerfic^tlid^ vorgetragene ®ntn)idlnng§= 
gcfd^id^te beö ©l^afefpearefdjen SBerfe^, baö unterbiet, mit bem 
e§ belegt trorben, bie SSeränberungen, bie eö erfal^ren, — aHe^, 
alle§, tüaö toxx l^ier öernel^men, l^at §err 9iio ^nx fefteren S8e* 
grünbnng feiner frommen ^^pot^efe erfonnen. - ^ 

SBon Siid^arb 11. !ennen tüir t)ier (Sinjelau^gaben in Dnart, 
bie ber gotioau^gabe t)on 1623 Vorangingen, bie erfte erfc^ien 
1597, bie jtoeite im folgenben Seigre, bie britte 1608, bie vierte 
1615.®^) ®iefe fämmttidE)en 2(n§gaben, fotüo^t bie, toetc^e Vor 
bem 3a^re 1601, tuie biejenigen, toeldje fpäter anö Sic^t traten, 
entl^atten nnVeränbert bie nn§ tool^tbefannten ©cenen, bie je^t 
ben fünften 3Kt bitben.**) ©iefer fünfte Slft l^at niemals eine 
SScranberung, eine Umbic^tung erfal^ren, ift niemate au§ irgenb 
einer Slnögabe V)eggetaffen V)orben; er liegt nn§ jegt in ber== 
felben ®eftalt Vor, in toetc^er er 1597 juerft ben ßefern Vor 
Stugen fam, nnb in toeld^er er auf ber ©^afefpearefd^en SBül^ne 
gef^jielt toarb, in berfetben ®eftalt enblid^, bie il^m ber ©id^ter 
gtci^ Von Slnfang an gegeben l^at nnb ber ganjen S3efd§affenl^eit 

•*) Sie beiben erften, ebenfo wie bie in benfelben 3al)ten erfdbienencn 
ftuSijaben uon Mid^atb III. bä %nt>xm 9Bi)fe, bie britte unb oierte bei 
Wat^Q) San). 

•*J etft bie Solio Von 1623 ßiebt bie eintl)ei(unö in Sitte unb ©cenen. 

»ctna^S, ec^tiftcn m. 6 



82 3u ©l^afcfpcorc 

bcö ©tücfe^ flemä^ geben mujjte. ^er vierte 2lft jebod^ f)at in 
ber Sluögabe Don 1608 einen beträd^tlid^en Qn^ai^ erl^alten.**} 
©ort finben toxx juerft bie ©cene, in toeldier SRid^arb üor bent 
öerfammelten ^Parlamente bie Ärone fömtlidö an Solingbrofe 
abtritt, ©iefe ©cene beginnt, gleid^ nad^bem ber Sifd^of t)on 
Sarli^Ie feine SRebe ju ®nnften beö Äönig^ geenbet l^at, mit 
ben SBorten 9iort^um6erianb^ : May it please you, lords, to 
grant the commons' suit, unb fie fdjliefet mit ben SSerfen 
SRidiarbö : 

0, good! Convey? — Conveyers are you all, 
That rise thus nimbly by a true king's fall. 

Db biefe ©cene Don ©l^afefpeare toirflid^ erft bem t)ott= 
enbeten ©rama fpäter J^injugefügt tüorben, ober ob fie ftet^ 
einen X^eit beffetben gebilbet, fann burd^ äußere ßeugniffe nid^t 
entfdjieben tperben. S)a ©^afefpeare, toie toxi toiffen,®*) fid^ nie= 
mafe an ber 5ßubIication feiner Sramen betl^eitigt l^at, fo fann 
ber Umftanb, ba^ fid) bie ©cene in ben beiben erften Sluögaben 
nid|t finbet, nur ba§ eine bejeugen, bafe fie bei ber 3luffü^rung 
toeggetaffen tpurbe, nid|t aber, ba^ fie nod^ ungefd^rieben toar. 
Setrad^tet man, tpie fie burd^ eine innerlid)e 9iotl^tt)enbig!eit 
mit bem ©anjen öerbunben/') toie fie in ber Äette ber (£reig=^ 
niffe ein unentbe^rlidieö ®Iieb au^mad^t, unb toie überbie^ ba^ 



**) 3)icfer 3ufaj wirb auf bem Titelblatt anöegeben: with new ad- 
ditions of the Parliament Sceane, and the deposing of King Bichard. 

««) ^crt 9lio weife baS freilid^ nid^t unb erfinbet be§]&alb, läd^erlicb 
genug, einen „gel^eimen Ätieg, ber ßcflen feine 2Bctfe fowo^I Don feiten 
ber ^oliaeiaflenten oI§ oon ben Sienern ber öerrfcfecnben JReligion geführt 
würbe; eS roax ein unuerfö^nlic^er ^rieg, »eld^er bie %erbffentlid()ung 
mel^rercr SWeiftertoerfe ©6afefpeare§ burdft ben S)ru(! berl^inberte, bis ber 
SSerfoffer felbft im ©robe log." (®. 173.) 

•') aSenn turj bor bem ©c^Iuffe beS oierten ^fte? ber abt fagt: A 
woeful pageant have we here beheld, fo tann ft^ biefer SeriS, ber fc^on 
in ben beiben erften DuartoS ju lefen ift, nur auf bie eben gcfc^el^ene Ab* 
banfung beS Königs bejiel^en. 



©fjafcfpeatc ein fat^olifc^ct Sid^ter 83 

®ifb öom SBefen unb ßl^atafter be^ Äönigg burd^ fie erft t)ott:= 
enbet lüirb, fo fann man ftd^ be§ ©tauben^ nidöt eme^ren, 
ba§ [ie jugleid^ mit allen übrigen ©cenen be^ ©tüdfö ent== 
lüorfen unb au^gefül^rt tüorben. @o lange ber X^ron öon einer 
§errfd^erin eingenommen tüarb, beren 9ied)t§anfprud^ an bie 
Ärone fo mand^en Sngfänbern ätüeifel^aft erfd^ien, ^ielt man eö 
für gerat^en, biefe ©cene, in toeldjer ein Äönig förmlid^ unb 
öffentlid^ feinen SRed^ten entfagt, öon ber ©arfteüung au^= 
äufd^Iiefeen®*); bie S^afefpearefd^e ©efeHfd^aft tüid^ aud) in biefem 
^Ke nid^t öon ber SSorfid^t ab, bie fie in matters of State 
and religion ü6er^aut)t ju 6eo6ad|ten pflegte. SlIö aber Äönig 
Safob, beffen (Srbred^t öon alten anerfannt ujarb, auf bem 
J^rone fa§, tnar jebe berartige Siüdfid^t unnötl^ig genjorben; 
bie frül^er befeitigten SSerfe burften gefprod^en unb gebrudEt 
lüerben unb unge^inbert ben 5ß(a^ einnel^men, ben il^nen ber 
S)id^ter üon Stnfang an jugebad^t l^atte. SBenn man ben 9Ser= 
fd^tDorenen am 7. gebruar 1601 jene ©cene ber Slbbanfung t)or= 
ffil^rte, fo fonnte fie ben rül^renben (Sinbrud be^ ganjen SBerfe^ 
nur nod^ fteigern; ba§ fdf|merälid|fte SKitgefü^l für ben geftürgten 
unb öerlaffenen Sönig tt)äre nur nod^ tebl^after erregt unb ba= 
burd) ba^ @tüd für bie 3^^de ber SSerfammetten tuo mögtid^ 
nod^ ungeeigneter geujorben. 

2luö biefer einfad^en Darlegung mag man nun erfe^en, 
lüie ber SSerfaffer ben ujirflid^en ©adjöer^alt big jur Unfennt* 



**) ©croö^nlid^ btinQt mon ^a^roatbö S3uci& History of the First 
Year of Henry IV mit ©l)a!cfpcate§ Slid^otb II. in SSctbinbung; aber 
babutc^ tann bie rid&tige Slnfd&auung nur bertoirrt werben. SWan erjä^lt, 
bofe jenes ^nö), JoeIctieS bie Slbfe^ung Sid^arbS fc&ilberte unb bem ©rafen 
ßffej ßeroibmet war, ben 3orn @lifabet]&§ erregte unb bem SJerfaffer fdbwete 
Strafe sugog. SJtan JoiU baburd^ nad^toeifen, wie oielen ®runb ©()a!efpeare 
batte, bie ^banfung Stid^arbS nic^t auf bie ^ü^ne su bringen, ^ber 
ÖagtoorbS S3ud& erfc^ien erft 1599, unb bamalS »aren bie beiben Duart- 
ausgaben Don SRicbarb 11. fd^on t)orI)anben: alfo Weber jene§ 93ud& nocfc 
ba§ ©efd^id be§ SerfafferS l^at auf ©^a!efpeare§ SSer^alten irgenb »eichen 
Sinflul üben !önnen. 

6* 



84 Su SMefpwtc 

lid^feit entfieüt ^at. SlBir unterbrücfen jebeö 3Bort beö UnttJtUcnö 
ober bc^ ©potteö, übcrjeugt, ba§ bie^ SScrfa^ren be§ §cvrn 
SRio bcr SSerad^tung bcg Sefer^ berbientermafecn ntd^t entgelten 
fann. SBer ber SDäal^rl^eit jum Xro§ ettoa^ Unbetoeiöbare^ be* 
toeifen unb baö Unmögttd^e tüirfltd^ mad^en tüiU, ber mufe 
frcilid^ ju foldjen SöetüeiSmittcIn feine 3i^ffiJ<^^ itel^men, gegen 
beren 2tntt)enbung ba^ ftttli^e ®efül^I unb ber ttJtffenfd^aftlid^e 
©inn fic^ gteid^ ftarf empören. 

^06) immer jebod^ finb ber Saaten nid^t genug, bie SBiltiam 
®]^a!efpeare unter §erm SRio^ erprobter Seitung jur 93en)äl^= 
rung feinet fatl^olifd^en ©ifer^ tjoltfü^ren mu§: e^ bleibt i^m 
nod^ eine tounberlidie ^elbentl^at übrig, er muft fein eigene^ 
SDrama §einrid^ VÜI. jerftören. S)ieg ©tüd bilbet ben 9lb* 
fd^Iufe ber ©ramen, in n^etd^en bie @efd|id^te Snglanb^ eine fo 
ttjunbertoürbige poetifd^e 3)arfteltung erl^alten ^at, ober, toie 
§err 9iio eö au^brüdft, „eö ift ba^ le^te SBer! in ber Steil^e 
ber SBerfe, bie er unternommen unb au^gefül^rt ^atte, um bie 
®ef^id^töfälfd^ungen unb ©ef^i^töentfteÜungen ju jerftören, 
burd^ toeld^e man bie geiler unb SSerbred^en ber ©rünber ber 
neuen Sieligion entf^utbigen tüollte" (©, 181). Unb am Snbe 
biefeö SBerfeg, alfo an ber bebeutfamften ©teile, bie getpäl^It 
njerben fonnte, finbet fid^ eine au^fül^rlidie Sobrebe auf ©lifabet^ : 
biefe Königin, bie ©^afefpeare aU ba^ unäüd^tigfte unb grau^ 
famfte aller SBJeiber öerabfd^eute, tpirb l^ier afö lilienreine Sung= 
frau, alg baö tugenbreid^e SSorbilb atter dürften tjerl^errlid^t ; 
biefe Äe^erin l^atte ber 5ßapft mit feinem ^annt getroffen ; ben 
ed|ten ©tauben, bem ©f)a!efpeare anl^ing, trad^tete fie au^ju= 
rotten, unb i^ier toirb Don i^r gepriefen, ba§ fie bie Ujal^re 
(Srfenntui^ ®otteö beförbern Ujerbe : God shall be truly known ! 
®a^ fann §err SRio nidjt gelaffen mitantjören, ba^ mu^ 
er bem unt)orftd§tigen SBiUiam red^t ernftlid) öertüeifen; ober 
üielmel^r, er mufe, aU ©rjeuger beö Jatl^oüfd^en 2)id^terö ©l^afe= 
fpeare, in üäterüd^er gürforge öerfud^en, ob er feinem ®efd^öpfe 
bie ©d^mad^ eine^ fold^en SSergel^en^ nid^t abtt)afd^en fann. Unb 



©l&afcfpeare ein fatliolifclber Siebter 85 

welcher Xrtumpl^, tücnn eö gelänge, nid^t nur ben ©ünber ju 
reinigen, fonbem ben red^tgWubigen ©testet auö biefer beben!:= 
liefen 5ßrobe nur nod^ red^tgläubiger l^eröorgel^en ju laffen, fo 
ha^ fein §aupt nod^ l^eHer atö juöor im ®tanje ber äRärt^rer«» 
frone erftral^tte! 

3u biefem 9Serfud)e fd^idft fid^ §err 9iio tüirffi^ an; unb 
ba ttrir einmal bie SKittel fennen, bie il^m tt)ie ujenigen anbern 
Sc^riftfteHern ju ®e6ote ftel^en, fo muffen mir fagcn: er lann 
getroft alle^ öerfud^en. SSir bermunbern unö alfo nid^t, 
menn er unö bemeift, ba§ ©^afefpeare in §einrid^ VIII. feine 
fc^örfften, feine giftigften 5ßfeile gegen bie geinbe ber Äird^e ent^^ 
fanbt, baJ3 er feine Dppofition gegen üertoorfene Slpoftaten, mie 
öate unb bie übrigen ®id^ter maren, l^ier am rüdffid^t^Iofefien 
geübt l^at. 

S)a §einrid^ Vin. „ben §ö^epunct ber beftrittenen g^age 
über ba§ religiöfe S3e!enntni§ beg ©id^terö in fid^ begreift" 
(©. 180), fo mirb biefem SSer!e attein ein gro^eö Sapitel t)on 
fed^^unbfünfjig ©eiten gettjibmet. ©er SSerfaffer beginnt bamit, bafe 
er feine Senfur ergel^en la^t über bie „furd^tfamen ober feilen 
©efc^id^töf d^reiber , burd^ mel^e bie öffentlidie SÄeinung öer= 
fälf^t morben'' (©. 182); er Wfet fie ber SRci^e na^ öor fic^ 
üorbeijie^en unb l^at l^ier öie(fad^e SJeranlaffung, feine Unmiffen= 
^eit ebenfo fel^r tt)ie feinen latl^olifd^en Olauben^eifer ju bocu= 
mentiren. ß^g^^^^ erleben mir l^ier ba^ ergegtid^c ©d^aufpiel, 
bafe §err Stio, mie einer, ber fid^ fein 9ÄonopoI nid^t rauben 
laffen miß, über biefe SRönner t^ornel^mlid^ be^l^atb fo in ©ifer 
gerät^, meit fie alle f^amloö lügen unb il^m baburd) fo ju 
fagen inö §anbmerf pfufd^en. @o mirb Don öumet geurt^eilt 
(S. 198), „ba§ er meber t)or gejmungenen ©rflärungen, noc() 
felbft öor ber Süge jurüdmeidit," unb üon ^oUn^^eb Reifet e^:^ 
gat (©. 183): „er lügt nid^t meniger unöerfd^ämt, o^ne ©d^eu 
öor bem öffentlid^en ©emiffen unb feinem eigenen ©emiffen." 
38arum ift §err SRio nur fo ärgerlid^ über biefe armen 
^iftorifcr? Sr foHte bod^ nur gfimpfUd^er mit.i^nen üer== 



86 3« S^ttfcfpeatc 

fahren; beim er ^at öon i^nen gar nid)t§ ju befürd)ten; fte 
finb toa^xlxä) nur fd^üd^terne, bef^eibene Jlnfänger in ber Sunft, 
beren gefamte 9KitteI er mit ber unbefd^ränften Äü^n^eit beö 
SHeifter^ l^anbl^abt: feine @u^)eriorität bleibt unangetaftet. 

SBas ^aben nun aber biefe lügenhaften ©efd^id^tfc^reiber, 
bie sunt S^eil erft lange nad^ ®^afef))eare^ Sobe it)re Sügen 
in bie SBelt fanbten, xoa^ ^aben fie mit bem SBerfe unfere^ 
Si^terö gemein? — §err 9iio tüiü betüeifen, bafe S^afefpeare 
für feinen §einri^ VIIL, ujenn er bie unterbrüdte unb ge= 
fd)mät)te SBa^r^eit ^ier tüieber in i^re SRed^te einfe^en tpoöte, 
feinen Don ben allgemein anerfannten ^iftorifern benu^en 
burfte, ba§ er üielme^r auö abfeitö liegenben, ungetrübten fatl^o^ 
lifd^en Ouellen fd^öpfen mufete, j. S. au§ ben ©diriften tion 
©ampion unb Saüenbif^. S)iefe ©d^riften finb freitid^ ju 
©i^afefpeare^ Seben^Seit nid)t im S)rud erfd^ienen; aber ein fo 
eifriger Äatl^olif ujie er, ber jugleid^ alö ftreng fid^tenber Äritifer 
bie unglaubtoürbigen Sendete ber Sieger üerwarf, tuirb njol^l 
jene äuüertäffigen SBerfe im SRanufcript gelefen l^aben, afö er 
bie ^iftorifd^en SRaterialien für fein ©d^aufpiel fammelte, in 
tüeld^em er abermate bie proteftantifd^en genfer branbmarfen, 
bie fatl^olifdien @d)lad^topfer üerl^errlid^en unb (@. 210) ,,bie 
größten ^iftorifd^en Stutoritäten feiner Q^xt Sügen ftrafen" motite. 

S)iefe festere ©träfe mufe aber t)or aüem njieberum an 
§errn 9iio üoHjogen toerben. @^ ift bem S)id)ter nid^t in ben 
©inn gefommen, fid^ für feinen ^einrid^ VIII. eine befonbere 
DueEenf ammlung ansutegen ; er ^at fid) feinem ^iftorifdfjen gü^rer, 
bem ,,unt)erfd)ämten Sügner'' ^oHn^l^eb, ^ier fogar nod^ enger 
al§> fonft angefd|Ioffen, fo eng, ba§ j. 95. SD^ce mit gutem 9fiec^te 
fagen fonnte: „Frequently in King Henry VIII we have all 
but the very words of Holinshed," (Works of Shakespeare 1, 
CLXXVI; 2. Slu^g. 5, 481.) S)er Siebter folgt bem S^roniften 
iw in bie ffeinften (ginsel^eiten. SBenn in ber erften ©cene beö 
britten 9lft^ ber ßarbinat SBoIfet) bie Königin Äat^arina lateinifd) 
anrebet unb fie ifjn unterbrid)t: 



®6a!efpcate ein fatl^olifd^er Sid^ter 87 

„0, good my lord, no Latin 

Pray, speak in English, — 

fo ift bie^ tüörtlid) ber (Sl^ronif entnommen;®*) biefer fetten Onelle 
tjerbanfen tüir bie fd^önen SBorte ber Äönigin: 

My lords, I thank you both for your good wills 



But how to make ye suddenly an answer u, f. tn. '®) 

SBir müßten ©cene für ©cene etnjetn bnrc^gel^en, um jur 
SSefd^ämung be§ §errn 9iio nadijutüeifen, tüte argloö nnb treu 
@l^a!efpeare gerabe bei ber 5lu§fü^rung biefeö 3Berfe§ ben 3SBorten 
unb ©ebanfen feinet l^iftorifd^en ©etnä^r^manneö gefolgt ift. 
SlKerbing^ bcnu|t er au^ bie ©d^riften öon Saöenbifl^ unb 
Sampion, aber nur be^^alb, tocil §otin^^eb, unbe^inbert burd^ 
fleinlid^e ^arteirüdftd)ten, fie fd^on t)or i^m benu^t ^at; toenn 
§oüng]^eb auö ben Sßerfen biefer SSRänner ettoaö in feine (£r^ 
jät)Iung aufnimmt, fo eignet fid§ ©^afefpeare audf) bie§ ebenfo 
unbefangen an, toie aüe§ anbere, toaö er bei feinem ^iftorifer 
fanb. S)at)on giebt bie jweite ©cene beö vierten Slftö ein fd)Iagen* 
be§ SBcifpiel : toir üernel^men bort bie t)errlid|e S)oppeIc^araf teriftif 
2Solfe^§; erft fd^ilbert i^n bie Siönigin in fd^Iimmen garben: 

He was a man 
Of an unbounded stomach, ever ranking 
Himself with princes u. f. tu. 



*•) Then began the cardinaU to speake to her in Latine. Naie 
good my lord (quoth she) speake to me in English. 

'°) 9Jlan Dctgleicbc: I was set at work 

Among my maids; füll little, God knows, looking 

Either for such man or such business 

mit: for I am set among my maids at work, thinking füll. little of any 
such matter. — ©l^afefpearc läfet ben ßarbinQl gut Äöniöin fagen: Your 
hopes and friends are infinite; fie antwortet: In England but little for 
my Profit; bei t)oUnS^eb fagt bie Äönißin: and for any counsel or friend- 
ship that I can find in England, they are not for my profit. 



88 8u S^otefpeare 

§ier tft ttjieber Slöeö auö ^olinS^eb l^erüber genommen: This 

Cardinal was of a great stomach, for he computed himself 

equal with princes, u. f. tu. ©ann öerfud^t ©riffitt) in Iän= 

gerer SRebe bie ebleren ©igenfd^aften SBoIfe^^ in ein günftigeö 
Sid|t ju fteHen, unb e^ ift begeidinenb für ben S)id)ter, ba^ 

er mit unbeftediKdier ©ered^tigfeit^Iiebe l^ier toie überall gleid^fam 

beibc ^Parteien äu 3Borte fommen läßt. (Sriffitl^ beginnt: 

This Cardinal, 

Though from an humble stock, andoubtedly 

Was fashion'd to mach honour. 

^iefc ganje Siebe ift ben SBorten Sampionö nad^gebilbet; 
aber too l^at ©l^afef^eare biefe SBorte gelefen? SWrgenb anberö 
al^ in feinem ^olinöl^eb : This cardinal (as Edmond Oampion, 
in his Historie of Ireland,'^) described him) was a man un- 
doubtedly born to honour. — 

SBenn alfo ©l^alefpeare and^ ^ier feinem lügnerifd^en gül^rer 
treu blieb, toie fann er bann bie SBJal^r^eit erfpätjen unb ju 
S^ren bringen ? Unb boä) f ott er, tpie |)err 9iio bet|au)rtet, f d^on 
in bem Xitel be§ ©tücfeö ^)ra^tenb angebeutet ^aben, man loerbe 
l^ier ftatt ber (Sntfteltungen, burd^ loelc^e bie proteftantifd^en 
S)id^ter unb ^iftorüer bie gefc^id^tlid)e Ueberlieferung gefd^änbet 
l^ätten, nur bie lautere SBa^rl^eit fdiauen unb üerne^men. S)iefer, 
ujie §err 9iio glaubt, urfprüngtid^e 5litet be^ ©d^aufpiefö lautet: 
All is true; er foQ burd^ eine gel^eimnifeöoHe Söebeutung üor 
anbern Sitetn auögejeidinct fein unb man foll i^n gerabe be^* 
^atb fpäter unterbrüdt l^aben, bamit ba^ proteftantenfeinbtid^e 
@tüd nid|t burdfj bie 2tuffd|rift gefä^rlid^ mirfe. 

9iun ift e^ aHerbingg tüal^rfdfieinlid^, bafe bem ©tüdfe 
ber 3;itel All is true beigelegt toorben. SSon ©^afefpeareö 
§einrid^ VIII. erhalten ujir juerft im Sa^re 1613 aut^entifd^e 
Äunbe. Slm 29. Suni biefeg Sa^reg entftanb im ©tobet^eater 



'*) Sicfc History ctfdjicn in Sublin 1631, uerbff entließt öon (5ir 
2!ame§ 2Barc. 



©tafcfpcatc ein fat^olifd^cr Siebter 89 

eine JJeuct^brunft, über toeld^e toir in Briefen öon S^oma^ 
Sorfin (30. Sunt 1613) unb öon @tr §enr^ SBotton (6. SuK) 
unb aufeerbcm 6ei ^otpe^^ bcm gortfcger ber ©totofdien ß^ronil, 
pberlaffige Siad^rid^ten finben. SBottoit erjäl^It, man l^abe an 
jenem Stbenbe ein neue^ @tüc! aufgefül^rt: AU is true, toeld^eö 
einige ^auptbegebeni^eiten au^ ber 9iegierung ^einric^^ Vni. 
barfteUte; (the king's players had a new play, called All is 
True, representing some principal pieces of the Reign of 
Henry the Eighth); er rebet öon ber präd)tigen Stu^ftattung 
unb fä^rt bann fort: „Now King Henry, raaking a mask at 
the Cardinal Wolsey's house, and certain cannons being 
shnt off at his entry, some of the paper, or other stuff, 
wherewith one of them was stopped, did light on the 
thateh" u. f. to. ®g ift beutli^, ba§ l^ier fein anbere^ @tüdE 
afe ba^ l^iftortfd^e ©c^anfpiet unfereö S)ic^tcr^ gemeint ift: in Der 
üierten ©cene be^ erften SHtö befnd^t ber Äönig bag g^ft tüeldje^ 
SBolfe^ in feinem 5ßalafte giebt; er tritt maöfirt ein unb tüirb 
oor^er mit 3;rommetn unb trompeten, f onjte burd) SBöHerf d^üff e 
begrubt; bie SBü^nenannjeifung lautet: Drum and trumpets 
within ; Chambers discharged. SBon S^omaö Sorfin unb §on)e^ 
toirb benn aud^ bie^ ©tüdf, tt)eld)eg äSotton afö ein neueö be=^ 
jeic^net, au^brüdlidE) ^einri^ Vni. genannt.**) SBir l^aben alfo 
ein unDerroerflid^eö 3^^9^ife bafür^ ba§ ©l^afefpeareö SDrama 
im Saläre 1613 äuerft aufgefül^rt Sorben. 5ßrüfen ujir, tüie 8Ser§ 
unb ©prad^e in biefem 3)rama be^anbelt finb, unb jiefjen toir 
anbere ®tüd£e, beren ©ntftel^ung offenbar in bie legte 5ßeriobe 
bc^ S)id^ter§ fäHt, jur SSergteidEjung ^erbei, fo fü^rt aud^ biefe 
Unterfud^ung ju bem Srgebnife, ba§ ^einridö VIII. in bie SRei^e 
ber fpaten 5ßrobuctionen beö ©id^terö gel^ört, unb e^ ujäre 



'*) £()omaS Sorfin fcbretbt: — „while ßourbage his companie were 
acting at the Globe the play of Henry VIII and there shooting of 
certeyne Chambers in way of triumph, the fire catch'd". Wlan fic^t, cc 
brouc^t aur SBcaeidfenung bet Keinen Kanonen baffelbc SBort, ba§ ficti in 
ber oben citirtcn SBüI)ncnn)eifun0 finbct. 



i 



90 3u ©l&atcfpeatc 

unö a(fo i^ier uergönnt, mit ©id^er^eit ben ß^itpi^i^ct ju be== 
ftimnten, in tpeld^em ein S^afcfpearefd^eg SBerf juerft bie Steter 
befdiritt. 

3lber bie engtifd)en Kommentatoren üeben e§ tüol^I, ©ditDierig' 
feiten ba fünftlitf} l^erau^änbeuten, too ein unbefangener 95tirf fie 
nid^t tüa^rne^men fann, gleid^ aU ob bie tüirflid) üor^anbenen 
i^nen nid^t fd^on genug ju fdfiaffen mad)ten. ®o ftrduben fie 
fidfj auc^ l^ier, Sir §enr^ SBotton^ unsttjeifel^afte^ B^^fl^^B 
feinem gangen SBertl^e nac^ anjuerfennen : ba§ ©tüd muJ5, il^rer 
ajJeinung nad^, fd^on jur Q^i ber ©fifabetl^ entftanben unb im 
Saläre 1613 nur t)on neuem jur ©arftellung gefommen fein. 
®er Sobrebe auf Sfifabet^, mit tneld^er baö @tüd fdfjtie^t, finb 
aber einige SSerfe gu S^ren Safobö I. eingefügt, bie nur unter 
beffen Siegiernng gebid)tet unb gefprod^en toerben tonnten; 
bie Kommentatoren inbefe entfd^tiefeen fid^ furj unb gut, unb 
nehmen an, ba^ biefe SSerfe erft fpäter, tüa^rfdieinlid^ für bie 
3luffü^rung im Saläre 1613 ^injugebid^tet toorben,'*) — eine 
SSermut^ung, »eldfier jebe @tüße gebrid^t, unb tpetd^er bie ganje, 
in innerm ß^f^Tumen^ange ununterbrodien fortfc^reitenbe Siebe 
auf baö nad|brüd£lid^fte ju toiberfpred^en fc^eint. 

Umftänblid^ l^at SKalone'*) bie ®rünbe Vorgetragen, bie ii^n 
beftimmen, ben Urfprung biefeö S)rama^ fo toeit jurüdE ju t)er= 
(egen; fie (äffen fid^ alle in einen ^auptgrunb jufammeitf äffen : 
er glaubt, ba§ ©^a!efpeare, toenn er unter Safobö ^Regierung 
fein S)rama gebid^tet i^ätte, nidE)t fo auöfü^rlid^ bei bem Sobe 
©lifabetl^ö öertüeilt, i^re ©Item nid|t fo günftig bargeftelft unb 



'') SoHier fuc^t tiefet ©dbroietigfeit bobutcft au§ bem SBcqc ju ge^en, 
ba6 er annimmt, ba§ SBctf fei jroat lange Dot 1613, aber bo4) crft notd 
bet 2^tonbeftci0unö 3afob§ entftanben. Sa in ben SRegiftetn ber S5ucb= 
Ijänblcrgilbe am 12. gcbruQt 1604 ein Enterlude of King Henry 8th. 
nvD'iü)x\t witbr fo bc^ielfet er biefe (Jtwäl^nunö auf ©^afefpearc<8 2Betf ; bieiS 
fei bemnoc^ im 2Binter 1603—4 entftanben unb im barouf folgenbcn 
Sommer im ©lobe jur 2luffül)vung gefommen. 

'*) fdoSwm e^afefpeatc 2, 389 fgg. 



©l&afefpeQtc ein fat^olifcfecr Sid^tet 91 

t)or allem bie geilet il^reö Sßater^. tiid)t fo nad)fid|t^öoII in 
ben ©diatten gerücft l^aben toürbe. 333ir glauben l^ingegen, baß 
ein ^einrid^ Vni., tpie er i^ier bargeftettt tüirb, bei Sebjeiten 
feiner 2^od^ter nid)t tt)o^t auf bie SBü^ne l^inpa^te unb ba'i^ bie 
SSorte in (Srannter^ ))ropl^etifd|er 'Siebt: 

She shall be, to the happiness of England, 
An aged princess — 

getoi§ nie unb nimmer bor ben D^ren @Iifa6etl)ö ertönen burf- 
ten, bie noc^ afe ^od)betagte Sungfrau für ben SRuf unb Siu^m 
i^rer Sugenbtid^feit fo peinlid) unb ängftfid^ beforgt tüar. 

3ene Don ajialone t)orge6rad|ten ®rünbe müßten ^errn 
9lio, tpenn er fie fennte, not^tpenbig üerlad^en^tpert^ erfc^einen, 
it)m, ber in ©l^afefpeare btn gtül^enben geinb ^einrid|§ unb 
feiner 2od)ter üere^rt unb bieö S)rama afö eine 5luöge6urt be^ 
§affe§ betounbert. 916er mögen biefe ©rünbe triftig fein ober 
nid^t, bie Folgerungen, bie an^ il^nen gebogen tperben, tä§t §err 
9iio gelten: aud^ er nimmt an, ba§ bieö ©d^aufpiel nod^ jur 
3eit ber SUfabetl^ entftanben fei, unb jwar gegen 1602, ujie 
er auf @. 205, ober gegen 1603, tok er auf @. 216 behauptet. 
®r fagt al^bann t)oHfommen rid^tig, ba§ e^ „in unburd^bring^^ 
liebem 3)unfel für un§ verborgen bleibt biö gu feiner Stuffül^rung 
auf bem ®Iobu^t(|eater im Sa^re 1613^^ (®. 205). S)ieg S)un!el 
ift aUerbing^ fo ganj unb gar unburd^bringlid), ba§ ein ge- 
funbe^ Sluge t)or bem Saläre 1613 überhaupt nid)t bie geringfte 
Spur t)on ber ©Eiftenj biefe^ ©d^aufpiefö erfpä^en fann. 916er 
e§ giebt ^ier nod^ anbere bunHe 3)inge. „©in britter ge^eimni^* 
öoHer Umftanb, ber an ba^ ®tnd fid^ fnüpft, ift fein 9?ame. 
I)er urfprünglidie Xitel toax nämlid^ All is true, eine fü^ne 
unb bebeutung^öoHe Ueberfd^rift, ujeld^e bem ©tüde eine gang 

befonbere Stellung giebt. SBenn man bie SSebeutung 

unb bie JragttJeite biefe^ urfprüngfid^en 3;itetö gehörig Ujürbigt, 
fo toirb man in biefem ©tüde nid^t mel^r einen bIo§ litterarifd^en 
®enu^ fud^en." Snbem §err SRio biefe SBorte t)on fid§ giebt, 



92 3u ©l&afefpcarc 

inbem er auf ©. 235 nod) ctnmat ben „fü^nen %xtd** l^erüor^ 
^ebt, mcrft er nid^t, bafe er fid) mit feinen eigenen SSaffen fd^Iägt. 
©iefe aSaffen, ju ftumpf, um anbere ju öertegen, »erben fo un* 
gefd^idt öon i^m geführt, ba^ fie bod^ tüenigftenS i^m felbft toel^e 
tl^un ntüffen. Sft nämlid) ba§ ©(^aufpiel fd)on 1602 entftanben, 
fo fann ber 3;itet All is true in feinem ^aUe ber urfprünglidie 
fein, ^enn biefen 3;itel nennt @ir |)enr^ SBotton juerft im 
Sa^re 1613 aU ben eine§ „neuen ©tüde^" (a new play, called 
All is true). SBar nun biefe SSejeid)nung unrid)tig, ift SQzinviä) VIII. 
bamal^ nid^t juerft auf bie SSü^ne ge!ommen, fonbem, nad^bem 
er mel^rere Saläre öon ben SBretern öerfdinjunben toar, nur etnja 
in frifd^er 5luöftattung bem 5ßu6Iifum ujieber öorgefül^rt loorben, 
fo ift man gejtoungen, angune^men, bafe audt) erft bamate ba§ 
®tüd biefen Xitel erl^ielt, burd^ ben e§ eben ju einem ganj 
neuen geftem^^ett ttjerben foHte. Unb bieg nimmt benn aud^SJialone 
folgerid^tig an.'*) — 

S)ag ®el^eimni§^ njeld^e^ biefen tounberfamen Sitel um^^ 
fdEjtüebte, ift atfo gelid)tet. 9Rag er boc^ immerl^in ber urfprüng= 
lid^e fein! @r geujinnt ober vertiert baburd^ nid^tö an feiner 
Sebeutung. SSon äRatone unb garmer fonnte §err SRio lernen, 
bafe gar mand^en ©^tüdEen ©^afefpeare^ boppelte Sitel beigelegt 
lourben. '®) SSon unö bagegen fann er bie SDiittl^eitung empfangen, 
ba§ ©amuet "Siotokt), ein ß^tgenoffe ©l^afefpeareö, ebenfalls bie 
©efd^id^te §einrid|g VIII. bramatifd^ bel^anbett l^at, unb biefer 
gab feinem ©tüde einen nod^ öiel m^fteriöferen 9?amen, beffen 
Sinn ebenfalls nur ein SRio gtüdElid) ju entl^üHen t)ermag; er 
nannte e^: When you see me, you know me. 2)ie«^ @tüdE, 
beffen 9?amen mit fo ftaunenöwertl^er Äü^nl^eit erfunben toorben. 



■'*) King Henry VIII therefore, after having lain by for some 
years unacted, on account of the costliness of the exhibition, might 
have been revived in 1613, under the title of AU is true, with new 
decorations, and a new prologue and epilogue. S3o§tt)cܧ S^ttfefpcare 
'J, 396. 

'«) iÖogtoeüS etatcfpearc 2, 396 unb 11, 500. 



&^U\piaxt ein fatl^olifc^er 2)icbter 93 

erfd^ien juerft 1605 unb toarb bann 1613 neu aufgelegt ©er 
%M All is true, auf ben aud£) einige SBorte beö 5ßroIog^ l^in* 
jutoeifen fd)einen,'') jielt bielleic^t auf bie§ ©tüdE SRotüIet)^; er 
foHte ttjol^t anbeuten, ba§ S^afefpeare bie ®efd^td^te in ttJürbigerer 
gorm unb in engerem Stnfd^Iu^ an bie SBa^rl^eit bargefteHt 
^abe, ate biefer 3)id^ter, bem unter feinen Stunftgenoffen fein 
^erüorragenber 5ßta^ gebührt. 

S)a nun feine SSel^auptungen fi^ gegenfeitig üernid^ten muffen, 
tDa§ bettjegt tro^bem §errn 9iio, bem S)rama ©^afefpeare^ eine 
fo frü^e ©ntftel^ung anjutoeifen? S)en SSetoeggrunb tpcrben ftjir 
bafb beutlid^ er!ennen. S)en ß^traum nämlid^, in loeld^em bieö 
^rama in „unburd^bringlid)e S)unfetöeit ge^üUf' ift, biefen ^dU 
räum, ber fid^ alfo Don 1603 biö 1613 erftreden toürbe, fann 
Öerr 9Ko burd^auö nid|t entbehren. Senn loä^renb biefer Saläre 
muß bur^ feine ge^eimnifeöotte Sinmirfung ba§ ©d^aufpiel eine 
gonj unerl^ßrte SSeränberung erleiben, unb tüenn eö au^ bem 
S)unfel tpieber l^ert^ortritt, fo ift eö burd^ greüterl^anb jammer* 
öoE entfteüt toorben, bafe jebem treuen Si'atl^olifen ba^ §erj 
bluten mu§: e^ ^at nid^tö weniger afö einen ganj neuen 
fünften 2lft erl^alten! 3n biefem tüirb mit f^eufelid^er 3;ücfe 
ßlifabetl^ gelobt unb ber ©rjfe^er ßranmer el^renboU bel^anbelt. 
35ie Königin SKaria Subor, rri^ne^ ©tfjlac^topfer, gegen tt)etd)e^ 
ber puritanifd^e ganati^muö alle SSerteumbungen erfrf|öpfte" 
(S. 211), jenesJ mitb^ergige @d|Iad|topfer l^atte bem Sranmer 
auf bem ©d^eiter^aufen ben gebü^renben Soi^n für feine Se^erei 
ert^eilt, unb ^ier in biefem untergefd)obenen fünften Slfte tpirb 
er ate ein ganj toben^ttjertl^er SRann bargefteüt ! Unb eine f otd)e 



") Such, as give 
Their money out of hope they may believe, 

May here find truth too. 

for, gentle hearers, know, 
To rank our chosen truth with such a show 

As fool and fight is u. f. U). 

To make that only true we now intend. 



94 3u Sljafefpcatc 

©ünbe, bic gteid) ber 3;^at beö Äönig^ ßlaubio äum ^immel 
fünft, fold^e ©d^anbtöat, für tüeld^e ba^ gcgcfeucr feine reinigen^ 
ben flammen ^at, toagt man bem red^tglänbigen 3ögKng be§ 
^exrn SRio anfsnbürben! 

aBirftid^ njttt nnö ber SSerfaffer ben ®Iau6en anfätpingen, 
ber edöte fünfte Stft fei unferm S)id^ter gleid)fam an§ ben ^änben 
genjunben nnb bafür betrügerifc^ bieö elenbe SÄad^toerf ein= 
gefd^oben tporben, beffen öerbred^erifd^en Urf^rung feit brittel^alb 
3al^r]^nnberten fein Sefer, bem bie l^ö^ere ©rlend^tnng fel^Ite, ju 
entbecfen üermod^te. Unb toie ift §err SRio biefer gel^eimnifeüollen 
Unt^at auf bie ©pur gef ommen ? — S^ ftingt fe^r luftig, tt)enn 
er (©. 215) Don einer ,,(£ntbecfung" fprid|t, ,,tüeld§e man ge== 
mad^t l^at. SRei^rere ©cenen beö fünften Slftö finb nämtid^ nid^t^ 
anbereö aU eine üerftfigirte Umfd^reibung Don ©teilen an^ bem 
SÄart^rologium t^on 3^oj."'®) — Siefe ,,®ntbedEung" l^at ©teeöen^ 
fd)on öor t)ielen, öielen Sauren ber SBelt öorgelegt. ©^afefpeare 
l^at in ber erften unb äUjeiten ©cene bie Acts and Monuments 
ofthe Christian Martyrs Don ^oj (1563) ganj ebenfo benugt, tnie er 
fonft feinen §olinöl^eb ju benu^en pflegte. S)ie übrigen l^iftori- 
fd^en ©tüdfe boten il^m feine Sßeranlaffung, goy gu ?ltati)t ju 
äiel^en; bie ®efd)id^te Sranmerö inbejs, bie er in jenen beiben 
©cenen bel^anbeln UJoHte, fanb er Don goj gerabe fo bargeftettt 
Ujie er fie brauchen fonnte. S)a aber bie Acts and Monuments 
bem SRul^m ber proteftantifdien 3Kärtt)rer getuibmet finb, fo mu^ 
bieg SBerf |)erm 9iio ganj überaus t)eräd)tlid§ erfdieinen. ®r 
fagt bal^er: „Unb bod^ ^at fonft nirgenbtuo ©l^afefpeare biefer 
©ammlung t)oll (Sinfältigfeiten unb Söetrug bie Sl^re anget^an, 
irgenb etujaö ba^er ju entnehmen." — Unb baö foH ate ein 



'*) Tlan t)erglci(ftc be|onbcr§ in ber erften ©cene bic fflortc be§ ^önißg : 
Now, by my holidame, 
What manner of man are you? u. f. tt). 
mit ber @teUe bei %oy, The king perceiving the mans uprigthness, 
joined with such simplicity, said: Lord, what manner o' man be 
you? u. f. tt). 



^^aU\ptaxt ein fatboUfcbct Sid^ter 95 

Söetoei^ gelten? SBeil ber 2)id^ter btefe^ fünften Slfte^ an^ einem 
t)ie(getefenen 3Ber!e fd^ö^)fte, ba§ er offenbar günftiger beurt^etlte 
ate §err 9f{io, unb \>a§^ i^m für feine 3^^^^ bienltd^ tüar, be^- 
^aI6 mu§ biefer ©id^ter ein anberer fein aU @^afef<)eare? 

^oä) bieö nid^tigfte aller erbenfbaren Slrgumente mirb nid^t 
femer betont. 3)er einjige SBeweiö, ber anf^nbringen ift, befielt 
in biefer bünbigen @d|In§f olgerung : S)a ber fatl^otifd^e ®id)ter 
8l^a!efpeare, ben |)err SRio bar f teilt, ben fünften Stft^etnrtdi^VIII. 
nid^t gefd^rieben ^aben barf, fo ^at er il^n nid^t gef daneben. 
2)iefer Folgerung fteHen toir eine anbere, ebenfo bünbige, ent= 
gegen: S)a ber tt)irflid)e ©^afefpeare, ber an^ feinen S)id^tnngen 
ju nn^ fprid^t, bem öon §errn SRio bargeftettten fo äl^nlid^ 
fielet, njte ,,§^)3erion einem @att|r/' fo fann nid^tö t)on bem 
toa§ §err 9tio über ben feinigen anöfagt, ben toirflid)en treffen, 
ber in feinen @d^öt)fungen für unö lebenbig ift. 

S)er SSerfaffer fd)eint e^ jn füllten, in todä)t t)erän)eifelte 
Sage il^n feine Sel^auptnngen l^ineinbrängen ; um fid^ jn er^ 
leichtern, mu§ er bal^er ju feinem fd^on oft angetoanbten §au§= 
mittel greifen, er mu^, um abermate mit §amlet gu reben, 

unpack his heart with words, 
And fall a-eursing, like a very drab, 
A scuUion! 

aOSälirenb fid^ fein frommet ^erj in einer fd^mu^igen ^Int 
bon ©d^impfreben ergießt, entbedt er ben Sßerrud^ten, ber fid^ 
burd^ bie Sob))retfung Slifabetl^^ ben 2lbfd)eu aller brauen 
3Kenfd^en jugejogen l^at. @^ ift bie§ fein anberer, afö 93en 
Sonfon, „tüeldiem man am (Snbe biefe ganje poetifdfje Sirabe, 
jafelbft ben ganjen fünften Slft ujirb beilegen muffen" (©.223).'») 
6r ift feiner ganjen 9?atur nad^ ber redete SKann für bie 3tug= 



'•) Sie überfeinen Ätitüer, bie m einigen Stellen ©eintic^§ VIII. 
balb SonfonS, balb §let(^er§ $anb ju crfennen roä^inten, mürben nHi^rlid^ 
erftaunt fein, roenn fie erfahren tonnten, ju meldten unölaublidfeen golge« 
tungen ©err SRio i^te t)9pot^efen mipraud&t f)at. 



96 8" SMefpearc 

fü^rung einer fo fd)tt)aräen %i)at] benn er ift, wie un^ §err 
9Ho (©. 224) öerfünbet, „mit ber breifad£)en ©genfdiaft eitieö 
SÄörberö, eineö SIbtrünitigcn «nb eiltet 5ßoHjei[pionö" gefd^müdft. 
„aSir f ernten je^t/' ruft ber SSerfaffer an^, ,,bie fffaöifd^e §aub 
beg ajiiet^ling^, ber biefe nnöerfd^ämte 3lt)0tl^eofe @Iifabct^§ 
gefrfjrieben f)at 9Kan finbet barin ben ^uft Hafftfd^er 9ie* 
mini^censen, toorauf fi^ biefer ©id^ter fo öiel einbilbete." — 
S)uft flaffifd^er SReminiöcenjen ? S)en njoHen njir bod) ebenfalls 
einatl^men. SBir tefen bie fd^önen SSerfe nod^ einmal mit 93e= 
bad^t, aber ein folc^er 3)uft toiH nic^t aug i^nen em^^orfteigen. 
a33ir ttjerben l^ier üietme^r an bie Königin t)on ©aba erinnert, 
bie, fo öiel tpir toiffen, tüeber SSergit nod^ Sucan nod^ ©iliuö 
Staticu^ befungen l^at: 

Saba was never 
More covetous of wisdom, and fair virtue, 
Than this pure soul shall be; — 
aud^ bie SBorte: 

In her days every man shall eat in safety 
Under bis own vine, what he plants, 

fdieinen nid^t foftjol^I an einen f(affifd)en 3lutor ju mal^nen, afe 
öielmel^r bireft aug ber 93ibel ju ftammen,*®) unb tüenn überbieö 
nod^ t)on SBeinftod unb ßeber bie ?litbt ift, fo mufe un^ bieg 
atteö me^r in bie 3Itmof))]^äre ber biblifd^en, afe ber griec^ifd^en 
unb römifd^en 5ßoefte üerfe^en. 9?ein, t)on flaffif^en 9temi= 
niöcenjen ift l^ier nid^tg ju fpüren; in jebem SScrfe üerncl^men 
tpir bie SRebe unfereö S)id|ter^, ber tüol^t ber Königin unb i^rem 
Jia^fotger biefe ^ulbigung barbringen burfte, o^ne fid^ baburd^, 
toie §err 9tio befürd^tet, ,,in ben Slugen feiner greunbe unb 

®®J Every man dwelt safely under his vine. Book of kings 1, 4. 
But they shaU sit every man under his vine and under bis fig tree, 
and none shall make them afraid. Micah 4, 4. — 2)ie bibltfc^e 
^Hebengart „fielet unter feinem SBcinftoct unb Seiflcnbourn leben" ift be» 
fonbetS bei bem SSerfaffer unfercg ©impliciffimuS beliebt, ©iel^e SBanb I, 
260. II, 8. 23. in ber SluSgabe von t)einrici^ ^ra. 



Sl^afefpeate ein tat^olifdfter Sidfttet 97 

t)or allem in feinen eigenen Singen anfö tieffte jn emiebrigen" 
(<S. 221). Unjtoeifell^aft ift eö, bafe er fid^ ber ®nnft beiber 
SKonard^cn jn erfrenen l^atte. 2lfe Slifabetl^ ftarb, forberte 
i^n ©l^ettle anf: 

To monme her death that graced bis desert, 
And to his laies opend her royall eare; 

au§ antl^entifd^en Slnfjeid^nnngen toiffen lüir, ba§ feine ©tüde 
am ^ofe Safob§ mit SSorKebe gefeiten tonrbcn, nnb bie 2;rabition 
erjäl^It gar t)on einem ©riefe beö.Äönigö an ben S)id^ter; in 
bem begeifterten Xrinmpl^Iieb enblid^, in toeld^em 95en Sonfon 
bie ®rö§e feinet grennbeö fo toürbig gefeiert l^at, finben lüir 
bie aSerfe: 

Sweet Swan of Avon! what a sight it were 

To See thee in our waters yet appeare, 

And make those flights upon the bankes of Thames, 

That so did take Eliza and our James! 

3ln§ öoUem ^erjen, nid^t aU fd^meid^elnber §öfling, fonbern 
afö treuer ©ol^n feineö aSoIfe§ l^at ©l^afefpeare bie Königin 
9e<)riefen, bie rnl^mtoürbig bie ©efd^idEe feinet Sßaterlanbe^ ge* 
tenft*^): inbem er bie Sleil^e feiner üaterlönbifd^en S)ramen ab* 



»0 Unb toitb eiifabctl^ ctioa nur im fünften m öepriefen? mt 2, 

Scene 3 fagt bet £orb €l^amberlain t}on Slnna S3uQen: 
Beauty and honoor in her are so mingled, 
That they have caught the king; and who knows yet 
Bnt from this lady may proceed a gern, 
To lighten all this isle? 

Unb att 3, Scene 2 faflt Suffo«: 

She is a gallant creatnre, and complete 
In mind and featnre: I persnade me, from her 
Will fall some blessing to this land, which shall 
In it be memorized. 
©inb biefe beiben ©teilen ettoa aucfe üon bem ^Jlörbet Sen Sonfjon 

bei nä(^tU(l^er 9Beile ^eimlid^ eingefdfttD&tst morben? 

«etna^S, ©d^ttftcn m. 7 



98 3u ©l&afcfpearc 

fd^Itefet, eröffnet er bebeutungöüoU bie beglüdenbe STu^fid^t auf 
bte glorreid^e ^errfd^aft Slifabetl^g. 

®te Ueberfid^t über Seben unb SReinungen, %i)attn unb 
Setben beö fat^ottfd^en SDtd^terö ©^afefpeare tft nun beenbet. 
Unfere Sefer mögen entfd^eiben, ob er toürbtg fei, in bie ®Iauben§^ 
genoffenfd^aft beö §errn 9tio aufgenommen ju loerben. 

SBir ^aben au^ bem üorüegenben Sud^e nur biejenigen 
^Behauptungen l^erauögegriffen, bie fid^ auf 2;^atfad^en ju ftü^en 
fd^ienen unb bie ba^er burd^ ridjtige ©arfteltung biefer 2;^at== 
fad^en ju toiberlegen loaren. ©ollen lüir unö nun aud^ mit 
bem Untniberlegbaren einlaffen, baö ^ei^t, mit bem, toa^ feinem 
SBefen nad^ jeber toiffenfd^aftttd^en SSetrad^tung unb Seurt^eilung 
fid| entjie^t, mit ben 2;räumen, ben SSermut^ungen, ben frommen 
SBünfd^en be^ §errn 9ftio? ©oßen mir i^m lüiberfpred^en, 
lüenn er fagt, ba^ ©iiafefpeare im §amtet „unter erbid^teten 
9iamen ein fd^mad^üolle^ S^apitel jeitgenöffifd^er 50iemoiren 
bramatifiren tt)oIIte" (®. 248), ba§ er in Measure for Measure 
„bie SSerl^errlid^ung beö a^cetifdjen Sbeatö überl^aupt unb ber 
flöfterlid^en jungfräutid^en Sieinl^eit in^befonbere jum §aupt== 
jlüed fyibe" (®. 269) ober enblid^ in ben Merry Wives bem 
DIbcaftle, „biefem großen SSorläufer ber anglifanifd^en 9te= 
formation, ben ®nabenftofe öerfe^te?'' (@. 237). ©olten tt)ir 
i^n eine^ Sefferen belehren, tt)enn er mit blöben ©innen in bem 
Jljas, loie er fid^ in 2;roiIu^ unb ßreffiba im ®efpräd^e mit 
Sigamemnon (2, III) geigt, ein nad^alimung^ioertl^e^ SÄufter ber 
S)emut^ anerfennt? (@. 260). SRein, bieg unb aHeö ä^nlid^e 
mag ungeftört feiner eigenen SRid^tigfeit überlaffen bleiben. 

Um ung red^t ^anbgreiflid^ baüon ju überjeugen, ba§ fein 
®efü^I für 5ßoefte ebenfo abgeftumpft ift toie fein ©inn für 
bie SBa^riieit, bemüi^t fid^ §err Siio giemlid^ ^äufig, einjelne 
SSerfe be^ S)id^ter§ i^rem tiefern ®e()alt nad^ ju erläutern unb 
il^ren bisher Verborgenen ©inn an^ Sid^t ju jiel^en. S)iefe 
Snterpretation^üerfud^e . bilben burd^ il^re abenteuerlid^e 2lb= 
gefd^madEt^eit öielleid^t ben luftigften 2;i|cil be^ SBud^g; aber 



@6a!e[peaTe ein fatldolifdder 2)idi)tet 99 

eine red^t grünblid^e ^etterfett ift in ber SRä^e be^ ^ertit 9Ko 
bo(^ nid^t ju erlangen; bte Siol^^eit feiner ©efinnung, bie fid^ 
nirgenbö Verbergen !ann, jerftört ben Sefem ba^ unfd^utbige 
Seligen, mit bem fie fonft loo^I feinen peinlid^en Slnftrengungen 
jufd^anen njürben. UeberaU Gittert §err 9ftio an^ be^ ®id|ter^ 
3Sorten bie g^inbfd^aft gegen ©taat nnb ©taat^fird^e l^eran^; 
ber ?ßoet barf niemals ben gel^eimen ^anptjtüed feineö ganjen 
2^nn§ au§ ben Singen verlieren. SBenn er fid| ber freien Suft 
be§ ©d^affeng am nnge^emmteften jn überlaffen fd^eint, tt)enn 
fein (Seift fid^ Reiter tt)iegt anf ben ^ti^S^I^ ^^^ ©d^erjeö nnb 
un§ in eine SBelt Derfe^t, bie nur üon ©d^önl^eit, aBi| nnb 
Slnmntl) erfüllt nnb belebt ift, aud^ bann giebt er fid^ feinen 
®Ianbenögenoffen immer nod^ burd^ einige l^eimlidie Slnfpielungen 
ju erfennen, nnb biefe mögen überjeugt fein, ba^ er ben ®roII, 
ber il^n innerlid^ Derje^rt, aud) auf bie luftigften §öl)en ber 
^oefie mit hinaufgetragen i^at 35urd^ biefen geheimen 2tu§^ 
brud beö §affeö ift benn aud| Love's labour's lost für ben 
öon §errn SRio „inö STuge gefaxten ®efid^tgpunct eine§ ber 
intereffanteften Suftfpiele @l^a!efpeare§'' gett)orben (@. 100). 
Sn bem gaujen bramatifd^en ®ett)ebe biefe^ StüdEe^ finbet §err 
JRio „eine 9D?enge feiner, faum bemer!barer gäi^^n eingeflod^ten, 
meldte fid^ an ben ^auptplan anfnüpfen unb bie Snbuctionen, 
tt)eld^e er barauö ju jielien fid^ erlaubt, unüerfennbar beftätigen" 
(S. 102). S)er SSerfaffer läfet nun biefe feinen gäben burd^ 
feine §änbe laufen, ©elbft bie ©taubenögenoffen be§ SSer= 
fafferö tt)erben fiberrafd^t fein burd^ bie ©ntbedung, bafe fogar 
ber Sßerö: 

heresy in fair, fit for these days (4, I), 
in bem man biö^er nur ein fd^erj^afte^ 3Bortfpiet toa^rnal^m, 
nichts anberc^ ift atö einer biefer feinen, faum bemer!baren 
Jaben. — S)ie ^ßrinjefftn nedt bort ben ^öx^kx, inbem fie mit 
bem SBorte fair fpielt unb fd^ergenb annimmt, er l^abe fie nid^t 
fair nennen tt^ollen; ber ^örfter ertt)ibert: Yes, madam, fair; 
fie aber tocift ba^ SBort jurüd, inbem fie fagt, er foße jefet 

7* 



100 3u ©Hefpcarc ^ 

nid^t gegen feine rid^ttgere ©tnfid^t fie fair nennen, unb giebt 
tl^m ®elb für feine 3Bal^rl^eitgite6e. darauf ber görfter: 

Nothing but fair is that which you inherit. 
S)ie 5ßrinje|fin aber l&%t ben einmal angefd^Iagenen 2;on nod& 
toeiter Hingen: 

See, see, my beauty will be saved by merit! 

heresy in fair, fit for these days! 

A giving band, though fonl, shall have fair praise. 

heresy in fair — ber görfter, fd^erjt bie ^ßrinjefftn, 
^at eine S^efeerei begangen; benn er fagt, fie fei fd^ön, — nid&t 
iDeil bie^ toirflid^ feine Ueberjengung ift, fonbern nur, toeil er 
®elb t)on il^r befommen i)at SBer mit ber ©prad^e biefeö ßuft* 
f^jiefö vertraut ift, ber fann burd^ bieg fpielenbe ^in* unb 
SBiberreben nid^t irre geführt toerben. SBem aber bie @))rad^e 
be§ Sid^terö unüerftanben geblieben, toer üom Slnl^aud^ feinet 
®eifteö nie berührt Sorben, ber mag fid^ öielleid^t ju ber ©r- 
Körung beö §errn Slio üerirren (@. 102): „3Beiter finbet fid| 
I)ier eine abfid^tlid) in einen furgen, ettt)a§ bunfeln SSerö ein^ 
gefüllte Ätage über ba^ Unglüd ber QÄt, toeld^e SBal^rl^eit unb 
©c^ön^eit meiftenö nur getrennt fe^e, fo ba§ aud^ bie ®d^ön== 
^eit ber grauen ^äufig burd^ l^äretifd^e ®efinnung üerunftaltet 
toerbe.®^) S)iefer äft^etifd^e ®efid^t§|)unct toax geloijj nid^t minber 
neu alsf fül)n." 

9?ad^ biefer 5ßrobe feiner ejegetif d^en Seiftungen mag §err 
9flio abtreten. (£r fielet bie groben gäben feineö Sruggetoebe^ 
Serriffen t)or fid^ liegen, unb aud^ eine gefd^idtere §anb aU 
bie feirtige lüirb eö nid^t üerfud^en, fie tüieber äufammenjuhtüpfen. 

@^e toir aber ben in frommer SBut^ üergeblid^ ringenben 
SSerfaffer gängtid^ auö ben Singen verlieren, mag i^m nod^ ein^* 



*') Undf folflcnbc ©teilen, in tocld^en baS SSort heresy fid) finbet, 
roagcn roit ber ortl)oboyen SnterptetationStunft bcS SSctfafferS su empfehlen: 
my surfeit and my heresy M. N. D. 2, II. transparent heretics, be bamt 
Rom. a. Jul. 1, II. I have read it: it is heresy Tw. Night 1, V. 



Sl^afcfpcatc ein fatlfeolifc^ict Sidiitcr 101 

mal baö frauenhafte ötib vorgehalten »erben, ju toetd^em er 
ba^ eble Slntü^ be§ S)td|terg gern entftelten möd^te. ©r fd^ilbert 
unö ®^af efpeare afe einen l^eimtüdRf d^ im SSerborgenen f d^Ieid^enben 
Äat^olifen, ber feige feine ®eftnnungen üerftedt nnb fie nnr ben 
©ingetüeil^ten in m^fteriöfen SBinfen öerrät^, beren Söebeutung 
jtDei^unbertnnbfünfjig Sa^re l^inbnrdö tüeber bie geinbe nod^ 
bie ®enoffen feiner üermeintlid^en Sletigion ju a^nen üermod^ten. 
9?id^t bel^erjt genng, um feine Ueberjengungen ju befennen nnb 
JU vertreten, t)iel ju befd^ränft, um bie Ueberjengungen ber 
®egner ju e^ren, l^at biefer S)id^ter fein ßeben lang ein ^a§=» 
erfülltet §erj im Snfen getragen ; ber ^eimtid^e ®rimm, ber il^n 
JU üerjeiiren brol^te, l^at i^n ju feinen ©id^tungen angeftad)elt. 
35a aber biefe ©id^tungen niemals toeber feinen ©lauben^brübern 
ettoa^ genügt, nod^ feinen giftig ge^a^ten geinben ©d^aben ge= 
brad^t ^aben, fo ift fein Seben nid^tig nnb jtoedEtog tt)ie ba§^ 
be^ ärmften ©rbenfol^ne^ ba^ingegangen. Unb eine foldfte er= 
bSrmlid^e ©reatur toagt §err Siio neben bie gröjjten §elben=^ 
geifter ber 9Äenfd^()eit, tt)agt er neben ©ante unb 50iid^el Slngelo 
JU fteßen! 5ln^ ben JRei^en ber Äat^otifen Snglanbö gingen 
ÜRört^rer ^erüor, bie biefeö ebten SRamenö mürbig finb, äJiänner, 
bie o^ne ©d^eu mit lauter Stimme B^ngnift ablegten für i^ren 
©tauben, bie für ha^, toa^ i^nen ^eilig mar, unabläffig h)ir!ten 
unb ftrebten unb gro^^erjig t)or SKarter unb 2;ob nid^t jurüd' 
njid^en. 9Äit toeld^er SSerad^tung würben biefe mut^üoßen S3e== 
fenner ben Siiofd^en ©^afefpeare au^ i^rer 50iitte meifen, menn 
er etma feine gred^iieit fo toeit treiben foltte, fid^ t)erftoi|Ien, 
njie e^ feine SBeif e ift, unter fie einjuf d^Ieid^en ! Unb mit meld^er 
SSerac^tung l^intüieberum mürbe ber mirflidie S^afefpeare bie 
Äat^olüen t)on fid^ abme^ren, bie i^n ate Sruber ju begrüben 
tDünfdfien, toenn in i^nen allen bie Oefinnungen lebenbig mären, 
bie §crr Siio ju feiner eigenen ©d^mad^ in feinem S3ud^e i)at 
barlegcn muffen. 333al^rlid^, feine SKifead^tung f o I d^ e r ®Iauben^* 
genoffen mürbe er nad^brüdlid^er unb unjmeibeutiger an^^ 
fprec^en, ate er jematö, jum Sebauern aller fanatifd^en 



102 Su ©l&afcfpeare 

Sln^änger Storni, feilte SSerel^rung ber fatl^oltfd^en fiird^e au^== 
gcfprod^en i)at 

Unb tütr? SBoQeu imr ©l^afefpeare ettüa jutn betoufeten 
9Sor!ämpfer be^ 5ßroteftantt§mu8 ttjeil^en ? S)aö bleibe fem t)on 
unö! aSSir ergeben un^ mit ©ntfd^ieben^eit gegen aUe^, toa^ 
bie Slnfid^t beö ®id^ter§ unb feiner aßumfaffenben 3Berfe be* 
fdiränf en! fönnte : tt)ir njoKen ben S)id^ter öor aßem ate S)id^ter 
erlannt toiffen. ©oute e§ benn ttjirflid^ ben greunben ©^afe^ 
fpeare^ fo fd^tt)er, foßte e§ il^nen in ben SBirren unferer 3^^* 
gar unmögtid^ tt)erben, fid| mit fetten ©innen unb lauterm 
®emüt^ feinen 3BunbergebiIben ?iu näl^ern? 

S)urd^brungen üon ben endigen ^eifötoal^rl^eiten be§ 6^riften= 
t^um^ ^at @l^a!efpeare t)on ben Segnungen, tt)eld^e ber 5ßro= 
teftantiömuö ben germanifd^en SSöIfern brad^te, feinen reid^en 
Slnt^eil ba^ingenommen. SBie ber 5ßroteftantiömuö bie (Sefd^id^te 
ber neueren Qdt beginnt, fo eröffnet @i|a!efpeare ben lommenben 
®efd^ted^tern eine neue S)id|tern)elt. Stber tüenn er auf bie Qn^ 
fünft ^inau^tüeift, fo geprt er bod^ ebenfo entfd^ieben ber S8er^ 
gangen^eit an; bie ganje ©rbfd^aft ber 5ßoefie be§ 3RitteIaIter§ 
faßt if|m ju*^). ©0 t)erbinbet er bie fid) fd^eibenben Sa^rtjunberte 
unb feine ^o^e ®eftalt ftetjt ba im SSSenbepuncte ber Qdtm. 

Sonn am St^ein, im grül)ling 1865. 



^^) Littr6, Histoire de la langue fran^aise 2, 6 wagt flar gu 
fagen: „Tout Part de Shakspeare, toute son Inspiration 6manent du 
moyen äge." Sludii an anbetet ©teüe, in bem Äuffa^ Nouvelle exögöse 
de Shakspeare (Littörature et Histoire ©. 125), l^ebt Sittte beffen SJct« 
l)ä(tni6 8um 2WitteIaItet, üieüeicfet etroaS au einfeitig, l^etnot. 3miuet 
tid^tiget iebod^, al§ einen mobetnen ©ittenle()tet ou§ i()m l^etauSsutlügeln. 



Üifolans SelttiB' 

STm 16. gebruar 1759 — tütr bürfen biefeö S)atum too^I 
in banfbarer Srinnerung betüa^ren — tüarb ben 2)eutfdE|en ba^ 
erfte tüürbtge Sffiort über ©l^afefpeare gefagt. 3m fiebäe^nten 
bcr „©riefe bie neuefte Siteratur betreff enb," ber mit bem S)atum 
jeneg 2!age§ bejeid^net ift, öerfünbete Seffing bie ®rö§e be^ 
eigenartigen unb boci^ bem beutfd^en ®eifte t)ertt)anbten @l^a!e* 
fpearefd^en ®eniu§. ©d)on ein Sa^r juöor toax in ber „%f)ta^ 
tralifd^en 95ibtiot^ef " \) bem beutfdEien ßefer ber begeifterte Sob* 
fprud^ S)r^ben^ auf ©^afefpeare Vorgelegt tporben. S)er gro^e 
^ramatüer, ^ie§ eö bort, fei öor aßen S)icf)tern ber neuern Qtxi 
unb öiellei(f)t aud^ be^ Slltertl^um^ burd^ ba§ Slllumfaffenbe 
feinet ®eifte§ au^gejeidinet. 3n feinem ben!tt)ürbigen S5riefe 
aber trat Seffing felbft üor ba^ üaterlänbifd^e 5ßublifum, unb 
befannte o^ne @cl)eu, ba§ biefer S)ic^ter, mit beffen SRamen man 
bamafe au^erl^alb Snglanbg meift nur bie SSorfteßung einer 
n)i(ben, burd^ fein Äunftgefe^ gebdnbigten Äraft unb einer in§ 
SBarbarifd^e fic^ üerlierenben 9io^^eit ju üerbinben tüufete, — ba§ 
biefer 2)id^ter ii|m gröjjer erfd^eine aU bie aßbetüunberten SKufter* 
pozitn granfreid^^, benen man in S)eutfd^lanb nun fd^on fo 
lange, f|alb mül^felig l^alb bel^aglid), nac^äuftümpern fid^ beftiffen. 
9Kit ber ©id^er^eit innerer Überäeugung fprad^ Seffing unüer- 



») 3m Dicttcn ©tücf (1758) S. 117. SScraL The Worka of John 
Dryden, by Walter Scott (^Sonbon 1808) 15, 350. 



104 3u SNefpeate 

I)ol^Ien bte Hoffnung au^, ba^ @l^a!cfpcareö 5ßoefte mit ^ctlfamem 
SRad^brud jur Belebung ber ®etfter totrfen, bte fd^Iummernben 
S)id^teTfräfte ertüeden unb ju freierer Slu^erung anregen toerbe. 

Unglänbig toarb bamate ba§ SBort beö fül^nen Sleformator^ 
üernommen ; e§ mu^te me^rf ad^em tonten nnb gebämpften SBiber^^ 
fprud^ begegnen, nnb bod^ toar e^ ein für bie 3"^"^!* ^^^* 
fd^eibenbeö SBort, eine toa^re Sßerl^eifeung. 

©entfd^Ianb l^at fid^ ben großen S)id^ter be^ t)ertoanbten 

Sßotfeg erobert, il^n bnrd^ unabläffige ©eifteöarbeit jn bem 

feinigen gemad^t. SBaö Seffing üerHinbete, ^ai [xä) üolKommen 

beftätigt. SBir gelangten jn ber Srfenntni^, ba^ in aKem, toa^ 

baö SBefentlidEie ber Ännft ange()t, @f)afefpeare ben Sitten nn* 

gleid^ näl^er ftel)e afe bie franjöfifdie ©id^terjnnft, bie mit t|od^^ 

müt^iger ©elbftgefäEigfeit il^re angeblidEje ©eifteöüertoanbtfd^aft 

mit ben SKeiftern ber alten 5ßoefie jur ®dE)an trng nnb bod^ 

nur ba^ 5leu§erlid^e antifer Äunftformen in bürftiger 9?ad|= 

aiimung erfajjte. Unb inbem man biefe Sinfid^t gettjann, 

empfanb man jngleid^, toie ber ®eift, ber in ®^afefpeare§ 

SBerfen tt)altet, bem bentfdt)en ®eifte brüberlid) entgegen!am. 
S)eutlid^ genug ertt)ieg ftd^ biefe innige SSertoanbtfd^aft beiber, 

afö einem jugenblid^ f räftigen S)id^tergef d^Ied^te, ba^ ein neueö 

Seben in unfere Sitteratur einsufü^ren berufen toar, ©l^afefpeare 

jum lebenbigen, aEgüItigen SSorbilb toarb. ©eit jener Qdt ift 

bad 9Ser^äItni§ beö brittifd^en ©id^terö jum beutfd^en ®eifte§== 

leben feft begrünbet. S3etrad^tenb, forfd^enb, nad^bilbenb f)at fid^ 

ber S)eutfd^e an ©l^afefpeare anferbaut. S)ie ungemeffene Se- 

tt)unberung, bie man für ben S)ic^ter näl^rte, fc^ien fogar ein 

unbefangene^ SSerftänbnijj feiner SBer!e erfticfen ju muffen. SKe^r 

ate ein Sal^rsel^nt nadibem Seffing feine Karen, !räftigen ©ä^e 

niebergefd^rieben, toaxb ©^a!efpeare afö ber S)ic^ter üer^errtid^t, 

ber fid^ jum SBeltgeift gefeUe unb für beffen ©d^öpfungen bie 

S3ül^ne feinen tt)ürbigen 9?aum barbiete. ®oet^e toar eö, ber 

ii|n fo mit mctd^tigen SBorten prieö. ®oett)e toar e§ aud^, ber 

bann im ©inflang mit biefen 3Borten in feinen legten Scben^* 



9li!otau§ ScliuS' ^uHobt bcr ©Mefpcarefdiicn 2Ber!c 105 

jähren bie erl^efienbe unb nieberfd^Iagcnbe UcBcrjeugung au^:= 
fprad)*), bafe ©^afefpeare tote baö Uniöerfum, baö er barfteßt, 
uncrforfd^Kd^ bleibe, unb ba§ toir fämtltd^, tote toir anä) feien, 
toeber feinem SSud^ftaben nod^ feinem ©eifte genügen fönnen. 

Slber ein fold^er SSannfprud^ fonnte ben einmal jum gor^ 
fd^en aufgeregten Steftl^etifem feinen ©tiUftanb gebieten ; ebenfo* 
toenig fonnte er bie 9KoraIiften iiemmen in bem eifrigen S3e* 
mül^en, ba§ llniöerfum ber ©^afefpearefd^en S)id^tung§toelt ju 
burd^fpüren, um bie ©runbfä^e, toeld^e fie felbft längft anerfannt 
unb geprebigt, bort au^finbig ju mad^en. S)iefe Unterfud^ungen 
— üießeid^t foßte man fie e^er S)urd^fud^ungen nennen — 
tourben mit ber unerfdEirodenen ®rünblid^feit betrieben, toeld^e 
ber 3)eutfd^e in foldjem gaße nid^t too^I üertäugnen lann. SBaö 
mit fo emfiger Segier gefudE|t toarb, mufete fid^ benn enblid^ 
auc^ finben loffen. S)er ^nftpl^itofopt), ju toeldEjer ©d^ufe er 
fid^ aud^ befennen, ber §ßoIitifer, meld^em Softem er aud^ ^ulbigen 
niod^te, jeber toar erfreut, in ©i^afefpeare fein geiftige§ (£ben= 
bilb JU begrüben unb ju üerlierrlid^en ; unb toeitbfidEenbe ®e= 
fc^id^t^betrad^ter toie engfinnige SKoralität^üerfedEiter toäl^nten 
biefen tounberbaren S)id^tungen !ein l^öi^ereS Sob ert^eilen ju 
fönnen, ate inbem fie bie treuherzige SSerfid^erung abgaben, bafe 
bie geiftigen ©rgebniffe, toeld^e fie au§ jenen 3Berfen gejogen, 
mit ben Siefultaten i^reö eigenen S)enfenö, i^rer eigenen 2tn*= 
fd^auungen unb (Srfai^rungen auf ba^ genauefte jufammenträfen ; 
fie glaubten, ben ®eift ©^afefpeareö ju entpHen, unb enthüllten 
nur bie eigene SBei^l^eit, bie fie mit gro^müt^iger ©elbftöer* 
löugnung bem ©id^ter geliehen. 

®o tiefe man fid^ feine Stnftrengung öcrbriefeen, toenn eö 
galt, ben (Seift ©l^afefpeareö einjufangen. SBof)It)erfef)en mit 
©taugen unb SRe^en, toie eg ber fpottenbe S)id^ter befd^reibt, jog 
man au^ auf bie bebenf tid^e Sagb. 5)ie ©taugen toaren lang 
unb au§ tüd^tigem äJiaterial Verfertigt, mand)e fogar red^t fd^arf 



Äunft unb Slltctt^um 6,121. $empel[d&e «uSöabc 29,749. 



106 3u SMcfpecite 

äugefpt^t ; unter ben SRe^en toaxtn gar t)tele au^ berbcn ©triden 
äufammengebrc^t, anbere fdjtcnen toie auö bünnen Sommer« 
fäbc^en getooben. SBenn nun ungead)tet fo ernfttid^er Qn^ 
rüftungen bie 3agb ntd^t immer glüdEtitf) auffiel, lücnn jener 
lüiberjpänftige ®eift, in bie üerfd^iebenften §üßen ftd^ Heibenb, 
bie fd^on auf feiner ©pur p fein tt)ä^nten, in immer neuen 
SSertüanblungen täufd^te unb nedEte, fo ift bie @d)ulb biefe^ 
3Ki§Iingen§ nid^t etma in ber 2;rög^eit ober bem Ungefd^idE ber 
Säger ju fudjen; mal^rlid^, biefen gebrad^ eö toeber an t^ätigem 
©ifer nodEi an ©efd^idEIid^feit ; üielme^r foCtten toir auö biefen 
Derfe^Iten Sagbunternei^mungen bie Seigre sieben, ba§ fid^ ber 
®eift einer fd^ranfenlog über ber SKenfd^l^eit fd^mebenben unb 
bie ©efamtl^eit aUe^ SRenfd^Iid^en !ü^n barfteßenben 5ßoefie 
mit berartigen aBer!jeugen überl^aupt nid^t fangen unb feft= 
l^alten lä^t. 

©ö loäre in ber 2'l^üt ein leid^te^, ben funfttoiffenfd^aftlid^en 
gorfd^ungen, ben ^jf^d^ologifd^en 3^^gKeberung§^ unb S)eutungö= 
oerfud^en unb ben moralifirenben S5etrad^tungen, benen @^afe== 
fpeareö SBer!e bei un§ preisgegeben toorben, eine fomifd^e Seite 
übjugetoinnen. @S toäre ein ßeid^teS, nad^jutoeifen, mie fold^e 
Setrad^tungen in ©pi^finbigfeiten ftd^ üerloren, toie fold^e 
gorfd^ungen in leere ®rübeleien ausarteten. 3lber gerabe bei 
einem reblid^en, ernften, lange fortgefe^ten S3eftreben, bei lebl^aft 
angeregtem Sifer für einen eblen toürbigen 3^^^ erfd^einen 
fold^erlei 3tuSfd^reitungen unb ge^Igriffe faft afe unoermeibtid^, 
9iie unb nimmer foUten tüxx unS burd^ ben §inblid auf biefe 
öom Qkl abirrenben Söemü^ungen bie ftolje greube oerfümmem 
laffen an bem, toaS tt)ir t^atfräftig für bie Srfenntni^ beS 
©^afefpearefd^en ©eifteS getoirft. SBir toaren eS, bie juerft eine 
unbefangene Sfnfdiauung, eine uneingefd^ränfte ©mpfänglid^feit 
bem S)id^ter entgegenbrad^ten, ber üon feinen Sanböleuten jtoar 
l^intdnglid^ geliebt unb angeftaunt, aber einfeitig beurt^eitt unb 
nadi ben ®efe^en einer auf il^n gar nid|t antoenbbaren Slunft^ 
lel^re oft genug iiart üerurt^eilt toaxh. S)ie toeltgefd^id^tüd^e 



9?i!olQU§ S)eliu§' ausgäbe ber ©M^fpcarcfd^en 9Bcr!c 107 

SBebeutung fetner btd^terifd^en ^erfönttd^fett ift juerft üon ben 
gü^rem unb SKetftem unferer ßttteratur geahnt, bann eingefel^en 
nnb auögefpro(j&en loorben. ®te juerft l^aben i^n tu feiner ganjen 
©etbftänbigfett angefd^ant nnb il^n ate ben ©efe^geber in feinem 
eigenen 9ieid|e üerel^renb anerfannt. ©obalb nun @l^a!efpeare 
atö ein mit fid^erm S8ett)u6tfein fd^affenber unb feine ©dEjöpfungen 
mit tieffinniger SBei^^eit orbnenber Äünftler üor ben S)eutfc^en 
baftanb, liefen fid^ biefe nid^t mel^r genügen an ber äerftüdEelten 
58etrad|tung ber einjelnen §errtid^feiten, bie au^ feinen 3Berfen 
fo mäd^tig J^eröorglänsen; man fud^te Dielme^r ba^ SBefen be^ 
3)id^ter§ in feiner beuttid^ au^gefprod^enen ®igent^ümlid^!eit ju 
erfaffen, in feinen tiefer Verborgenen ©igenfd^aften ju ergrünben; 
unb äugteic^ toanbte fid^ bie ©etraditung in ba^ Snnere be§ 
Äunfttoerfö, um bi§ ju bem 5ßuncte üor^ubringen, öon bem au^ 
bie ftreng gefd^toffene ©inl^eit be^ ©anjen fid^tbar tt)arb. S)iefe 
mit liebeüoHer SSegeifterung gepflegten gorfd^ungen mußten eine 
anregenbe 9flüdEn)ir!ung audE) auf bie Sanböleute be§ S)id^ter§ 
auMben. Sfud^ fie erfannten bie 9iot^tt)enbigfeit, ben befd^ränften 
Äreiö ju üerlaffen, in toeldiem fidEj bi§ ba^in bie S5etrad)tung 
öngftlidEi bett)egt l^atte; aud^ fie öerfuc^ten, fid^ jur 2lnfd^auung 
beö gangen S^afefpeare ju ergeben. X^örid^t toäre e§ unb un«= 
banttar, njoÜten tüir üerlennen ober Derfleinern, tva^ bie Snglcinber 
bor unä unb o^ne unö mit raftlofer 2;i^ätigfeit für baö 9Ser* 
ftänbnife ii^re^ ©id^ter^ geleiftet; fie felbft aber muffen ein^ 
gefte^en, ba^ er in feiner ganjen magren ßünftlergrö^e i^nen 
juerft t)on un^ geäugt toorben ift. 2)ie beutfd)e Äritif mar e^, 
bie i^m ben §errfd)erpra^ im 9?eid^e ber SBeltlitteratur antoieö, 
meldten er im 35kinbel ber ßctten unb tro^ aller SSeränberungen 
beg Äunftgefd^mad^ unerfd)ütterlid) feft behaupten mirb. 

©0 ftrebten toir mit allen Gräften, unb nid)t erfolglos, bem 
®eifte @^a!efpeare§ ju genügen. SBie aber t)erl)ielten mir unö 
ju feinem Sud^ftaben? 

?lud^ biefeö SSer^ältni^ mar für unö el^renüoö genug. 3Bir 
rühmten ung einer Ueberfe^ung mie fie !ein anbereö SSoIf befafe, 



108 3u ©l&a!cfreatc 

bte mit gemaltfd^er %xmt baö SBort be§ ©id^terö hjiebergab. 
gorm unb ®etft be^ Äunftroerf^ erfd|tenen l^ier neugeboren. 
Sn btefer ^iad^btlbung fam bte ©igent^ümltd^feit be§ S)id^terg 
unöerpßt an§ Sid^t, unb anä) bie »entger ^eröorfted^enben QüQt 
be^ Urbilbeg hjurben forgfam bmaf)xt SBer fid) in biefe 
Ueberfe|ung einlebte, fonnte glauben mit bem S)id^ter felbft 
ju üerfe^ren unb beffen SBort unmittelbar ju üernel^men. 
®iefe Ueberfe^ung befdjtüid^tigte ba^ Sßertangen nöd^ bem 
Original. 

Slber jebe SRad^bilbung eine§ bid^terifd)en SBerfeö ift aud^ 
eine Umbilbung; unb fte foQ eö fein. S)er Ueberfe^er, ttjenn 
er feine Slufgabe im ^öd^ften ©inne fa§t, tt)enn er me^r ate 
eine ftarre unb äugleid^ fteintic^ mül^felige Kopie liefern toiß, 
mu§ ben au^Iänbifd^en S)id^ter, ben er un^ jufül^rt, aud| toirf* 
lid^ äu unö geleiten; er mu§ bafür ©orge tragen, ba§ ber 
grembling unö nid^t burd^ ein aUju auffällige^ Sluöfe^en gfeid^ 
im Slnfang abfd^redEe ober burd^ ^arte Unbiegfam!eit in Haltung 
unb Senel^men auf bie 5)auer jurüdEftofee. S)er 5ßoet mu§ mel^r 
ober minber ftd^ ben Sitten, ber ©inneö== unb STu^brudEötoeife 
be^ aSoIfö anbequemen, ju bem er tt)ie in eine neue ^eimatl^ 
an ber §anb beö Ueberfe^erö fid^ bett)egen toiU. S)urd^ ©d^Iegefö 
fünftlerifd^e aSermitttung tt)urben ©l^afefpeareö 333erfe unö an* 
get)örig; fte tourben aufgenommen in ben Ärei^ unferer nationalen 
©id^tung, ber an il^nen bie l^errlic^fte Sereid^erung gett)onnen 
^at. 3n ber freubigen 2lner!ennung ift aber audi baö Qn^ 
geftänbnife entl^alten, ba§ ©d^Iegelö 9)?eifter^anb jene Söerte 
burd^ eine leife Umtoanbtung bem beutfd^en @inn angenähert, 
fie mit beutfdE)er Slrt unb Äunft in eine freunblid^e Ueberein* 
ftimmung gebrad^t l^at. 

SBer barf e§ bem greunbe ber ^^oefte, ber in il^r ®enufe 
unb Sr^ebung fud^t, ber fid^ mit ber ®rö§e beg getoaltig fc^affen* 
ben S)id)tergeifte§ Vertraut mad^en totH — tt)er barf eg biefem 
öerargen, toenn er, befriebigt burd^ ©d^Iegetö föftlid^e 5lrbeit, 
bei biefer anfd^auenb unb geniefeenb öerl^arrt unb ein SBebürfni^ 



TOfoIauS SeliuS' ^n^qaU bct ©öafcfpcarcfdiicn 2Bct!c 109 

mä) bem Drtginat ntd^t cm^jfinbct? SRt^üd^er fd^on fte^t c§ 
um ben forfd^enben unb conftruirenben Slunftpl^ilofopl^en, ber 
feinen Srörtcrungcn ben ©d^Iegelfd^en 2;ejt ate einen unfel^Ibaren 
ju ®rnnbe legt. S)er Ueberfe^er ©cftlegel jeigt ftd^ jiüar burd)^ 
au§ afö umftd^ttgen ©prad^fenner, unb er öerfä^xt mit ber @id^er== 
^eit be§ ftreng gebilbeten 5ßl^iIoIogen. Xro^bem fonnte er 
notürlid^ertüetfe üor einjelnen Srrungen unb 9D?i§öerftänbniffen 
nid^t bel^ütet bleiben. SBie traurig nun für ben 3left^etifer, 
toenn biefer burd^ ben tüdKfd^en S)ämon be^ S^f^ö^ herleitet 
toirb, gerabe an eine fold^e ©teile, bie nur ben 3rrtl^um beö 
Ueberfe^er^, aber nid^t ben @inn be§ Driginate entpit, feine 
belel^renben S3etrad^tungen anäufnüpfen. @o l^at ©d^Iegel burd^ 
ba§ SKifeüerfte^en eineö einjigen SlSorte^ in baö großartige 
§elbenbilb 5ßerc^§ einen feltfam entfteltenben Qa% l^ineingebrai^t; 
er legte nämlid^ bem jugenbtid^en §ei§fporn ben geiler be§ 
©totternö bei. SBenn 5ßercl)g SBitttüe, i^rem ®ema^t fe^nfüd^tig 
nac^trauernb, mit fd^toärmerifc^em SntjüdEen üon biefem ,,§err== 
lid^en, biefem Sffiunber eineö 5D?anneg" fprid^t, fd)ilbert fie aud^ 
mit aller SBerebfamfeit be^ ©d^merje^, tt)ie fein ganjeö ©ein unb 
Siiun ein SKufter toarb für jeben, ber nad^ großem unb eblem 
ftrebte; ja, fügt fie l^inju, fetbft in feinen 50iängeln a^mte man 
ben 2mbett)unberten nad^: 

Unb ^aftig ©pred^en, ioa^ fein gelter war, 
S)aö ftanb bem SKunbe jebe^ 2:apfern tooi|I. 

(§einric^ IV. 2, 2, HI.) 

©0 überträgt Sltejanber ©d^mibt bie SSerfe: 

And speaking thick, which nature made Ms blemish, 
Became the accents of the valiant. 

©d^Iegel ^atte ben ©inn be^ SBorte^ to speak* thick Der* 
fannt; e^ bejeid^net bie tieftige bi§ jur Unbeutlid^feit ^aftige 
SRebetoeife beö ungeftümen, ftetö jur Xi)at brängenben Reiben; 
in ber Ueberfe^ung jebod^ laö man: 



110 8u Sl^afcfpcare 

Unb (Stottern, ttjaö ein geiler ber SRatur 
Sei ii|m, toaxb ber Slccent ber Zap^txn nun.^) 

@ö blieb nun ber ©inbilbung^fraft be§ Sefer^ überlaffen, 
ftd^ ju öergegentüärtigen, tüie ettüa ein mit fold^em 9iaturfeI)Ier 
bel^afteter .^eifefporn bie langen, in ununterbrod^enem ^luffe 
bal^erftrömenben mäd^tigen 3^^^* ^"^ ©d^eltreben üorjubringen 
Vermöge; unb bem Sleft^etifer fiel bie unbeJ^agtidEje Slufgabe ju, 
biej^e übte ©igenfd^aft be§ Stotternd mit ben übrigen anerfannten 
Sigenfd^aften unb ber jo beutlidi gefdiilberten 5ßerfönIidE)feit be§ 
Reiben burd^ fdEiarffinnige Kombinationen in gehörigen (SinKang 
äu bringen. 

Snbefe folc^e gledEen laffen fidE) ja au§ einem fonft fo üor^ 
jüglidEien SBerfe tilgen. 333äre un§ aber aud^ eine Ueberfe^ung 
gegönnt, bie, frei öon jebem 3Ra!eI, bo§ öilb beö Originale in 
tabeEofer SSoHfommen^eit auffteHte, un^ toäre bodE) bamit nur 
ein Surrogat geboten. S)er fdiöpferifdEje ®eniu§ mag felbft au§ 
einer mangell)üften Uebertragung ba§ SBefen beö geiftegt)ertt)anbten 
2)id^ter§ a^nenb ertennen unb, öon beffen lebenbig forttoirfenber 
^aft berührt, ju fetbftänbigem Sd^affen angeregt tt)erben. Sitten 
aber, bie nid^t mit biefem 9ll^nung§= unb StufdEiauung^üermögen 
be§ ®eniu§ au^gerüftet finb, ift e§ jur unauötoeid^lid^en 9?otl^* 
tt)enbigfeit gemad^t, bem S)id^ter felbft unmittelbar na^e ju 



') Slleyanber ScfemibtS Semetfung in ber neuen 5lu§flabe bc§ ©cblcöcl* 
^liecfWen Slbctfefpeare 2, 146. — ^omiW fl^nug fcfeteibt b'SlIembert im 
9^amen ber frangöfifd&en Slfabemie an SSoltaire, nl§ biefer ber gelel^tten 
Äbrperfd^aft feine fd&mäl^Ucbe Sraöeftie be§ ©l^afefpcarefcften „3i*lii*^ (iä\ai'* 
Vorgelegt ^atte: „Elle s'en rapporte ä vous ponr la fid^lite de la tra- 
duction, n'ayant pas eu d'ailleurs l'original sous lesyeux.'' 
(.8. September 1762.) %vi§ bemfelben ©runbe, meieren b'SlIembett Ijier fo 
fiatmlog geltenb mac^t, mögen mol)I aucft- manche unfcter ©l}afefpeate= 
Sotfcftcr fid^ b£r ©c^legelfd&en Ueberfe^ung fo unbebingt anüertraut l^aben. 
@§ ift ein n)ir!lid^e§ ©lücf für biefc ©tubien ju erachten, bafe in ben aUer^ 
mciften Tratten jene§ SSettraucn fo burcfeaul rooblbegtünbct roar. gür to 
speak thick fonntc ©c^legel übrigenl eine üödig auftlntenbe ^ataflelftcUc 
in S^mbelinc 3, II finben* * 



9?i{olau§ ScliuS' Äuggabc bcr @f)afcfpcatefdbcn SBcrfc 111 

treten, dhix ber ©id^ter felbft mit feinen eigenen SBorten fann 
un§ über fein 3Befen untrüglid^en STnffc^Iufe unb umfaffenbe 
Sfuöfunft geben. SBer il^n üon aßen Seiten betrad^tenb erfennen, 
in fein Snnerfte^ einbringen unb jugleid^ mit feiner gangen 
äußern ©rfd^einung fid^ vertraut mad^en tnill, ber muß fid^ 
burd^ äße §inberniffe ^inburd^ ben 3^S0^S ä" ^^^ f^^^f^ bal)nen. 
Um ben S)id^ter ganj ju begreifen unb innig ju üerfte^en, muffen 
tüir frei unb unbefangen mit i^m auf bemfelben Soben öer* 
fe^ren, auf tt)eld|em er emporgetoad^fen. ®erabe bie größten 
unter ben ©id^tern ber neueren ßeiten, ©ante, ®^afefpeare unb 
©oetl^e, gerabe fie ergeben eine fold^e g^^i^^^^^fi ^m nad^«= 
brüdlid^ften. 

3Rag man nun aud^ biefe gorberung nid^t in il^rer gangen 
Strenge aner!annt tiaben, fo toar man bod^ fd^on ju 9Infang 
biefeö Sal^rl^unbert^ auf SKittel btbaä)t, bie Äenntniß be§ eng* 
Iifdf)en ©l^afefpeare ju erleid)tern unb ju Verbreitern. So toaxi 
1797 in Sraunfd^toeig eine fiebenbänbige SluSgabe burd^ §ßro* 
feffor SBagner beforgt; ein SRadjbrudE ber @teet)enö==9teebfd^en 
6bition toarb ju SSafel üeranftaltet ; 1805 öeröffentlidite man 
in Seipjig ben %t^ mit einer Slu^toal^I engtifd^er SWoten be* 
gleitet*); in ben näd^ften Sa^rje^nten folgten mehrere d^ntid^e 
SSerfud^c. Slbcr fold^e SKittcI mußten fid^ uniüirffam ertoeifen. 
S)er engüfd|c 2;ejt, oI)ne erflärenbe S5ei^ütfe t)or ben Sefer nadEt 
^ingefteUt ober ^öd^ften^ burdi ein ungenügenbeö (Stoffar bürftig 
au^geftattet, blieb für bie meiften ein foftbarer ®d^a^, an bem 
fie loo^I il^r STuge toeiben, beffen unöergleid^Iid^en Sffiert^ fie fid^ 
aber nid|t aneignen fonnten. gügte man nun audE) ertäuternbe 
9?oten l^inju, fo toaren biefe, ben umfangreid^en englifd^en Sfu^* 
gaben entnommen unb allein für baö SSebürfniß be§ englifd^en 
Seferö bcred^net, leine^toegö geeignet, bem beutfd^en Sefer, ber an 
ben (Srflarer ganj anbere fragen unb SBünfd^e rid^tet, genüge 
JU tl)un. ®ett)iffen^afte unb arbeitöeifrige greunbe ©fiafefpeareö 



*) SSßl. 3enaif*c «Ug. aiteratur--3tg. 1805, ^x. 199. 



112 8u ©Ifafefpeorc 

fonntcn nun allcrbingö il^rc 3"fJ^ii<^* P ^^^ ?luöga6cn nel^men, 
in n)cld^cn bic cnglifd^en (Kommentatoren il^re toeiten SJorratl^^* 
fammern antiquarifd^er unb ütterar^iftorifd^er ®elel^rfamlett 
angelegt l^aben. ?lber n)enn e^ auc^ gdcing, biefer foftbaren 
SBönbe l^ab^aft ju toerben, fo jeigten fie fid^, nngead^tet i^re§ 
reid^en Snl^alt^, unergiebig für ben, ber bor allem einer l^öl^ern 
Einleitung jum SJerftftnbnife be^ ©l^afefpearefd^en SBorteö be* 
burfte. S)enn n)ie fonnte fid^ ber Slnfänger ba^ fd^n)ierige ®e* 
fd^äft jumutl^en, biefe maffenl^aften, buntgemifc^ten ©orrätl^e für 
feine 3^^^^ h^ fid^ten? §ier fanb er bie einanber toiber^ 
fpred^enben SDieinungen ber (Sri lärer ber Sieil^e nad^ auf gef ül^rt ; 
für toeld^e foHte er fid^ entfd^eiben? (£r beburfte eineö ju== 
öerläffigen gül^rer^ ; aber ^ier boten ftd^ i^m f o mand^e an, bie 
felbft unter einanber über bie Söal^I be^ rid^tigen 3Borteö nid^t 
immer einig toaren. 2)iefe Sluögaben toaren beftimmt, ben ge^ 
famten (Srtrag ber rafttofen SJemül^ungen in fid^ aufjunel^men, 
bie toäl^renb eine^ Sal^rl^unbert^ bon ©prad^gele^rten, Äunft= 
ridfitem unb Sitteraturfennem bem 2)id^ter ber Station getoibmet 
toorben. ®iefe SJeftimmung fid^ert i^nen einen bauernben SBertl^, 
toeld^en ber gorfd^er nie gering anfd^Iagen toirb. 2)er S)eutfd|e 
jeboc^, ber erft nod^ mit reblid^em ©ruft ben S^S^ng jum 
©tubium ©l^alefpeareg fud^te, fonnte ftd^ einem fold^en ©ammel* 
toer! gegenüber nid^t anberö afe böHig ratl^to^ füllen. 

§ier mufete ein S)eutfd^er in^ SDiittel treten. @in S)eutfd^er 
mufete feinen Sanb^teuten ber (Srltärer ©l^alefpeare^ ttjerben ; nad^=^ 
bem er ftd^ mit ftanb^after Steigung in bie ©prad^* unb ©ebanfen* 
loelt beg ©ic^terö gang eingelebt, mujste er fic^ ber Slufgabe 
toibmen, un§ biefe SBelt unmittelbar jugängtid^ ju madfien; er 
mujste eine SJearbeitung be^ ©ic^ter^ unternel^men, für toetd^e 
ha§^ SBebürfnife be^ beutfc^en Sefer^ bie beftimmenben @efe|e gab. 

9Kit bem ebelften (£ifer l^at bor nun balb jtoei Sal^rjel^nten 
9iilplaug ®etiu§ biefe Slufgabe ergriffen. Snt fidleren ®efül^I 
ber innigen SSertrautl^eit mit bem Siebter, bon n)etd^er fd^on 
bamate mel^rfac^e 89en)eife bortagen, tonnte er ftd^ froren 3Rutl^g 



5^ifoIau8 S)cliu§' Slu^gabc bcr Sl^afcfpearefd^en SBerfc 113 

biefer SIrbeit l^ingeben. Suö^nbfrifd^e 83egeifterung l^atte il^n ju 
biefem SSerfe angetrieben ; bie tl^ätige SBe^arrtid^feit beö 3Kanne^ 
toarb erforbert, um eö in feinem ganjen tpeiten Umfang mit 
gleid^mä^igem pfeife au^s^^fü^ren. 

gür bie SJe^arrlid^feit, bie ben Herausgeber ©l^afefpeareö 
auf feiner langgeftredten Saufbal^n nid^t ermüben tie^, ift il^m 
benn auc^ ber fd^önfte Sol^n getporben. S)aS ©tubium be§ 
35id)terS l^at fic^ unter unö, feitbem jene gro^e 3lrbeit üoHenbet 
vorliegt, in merflid^er 3Beife gehoben unb ertueitert. SBenn aud^ 
bie öielfad^en 3lnregungen, bie Don einem fotc^en SBerfe ausgeben, 
fid^ im einjelnen nid^t immer beuttid^ nac^tpcifen laffen, bie 
SBirfung im großen unb ganjen bleibt unüerfennbar. 

Unb ätcar traf biefe SBirfung auf ben redeten 5ßunct. S)ie 
eigentlid^ ))]^iIotogifd^e gorfc^ung ttjarb ju regerem Seben gettjetft. 
3nbem tt)ir unö gettJöl^nten, l^äufiger afö eS bis bal^in gefd^el^en 
war, bie S)id^tung ©fjafefpeareö in il^rer eigenen ©prad^e ju 
öernefjmen, rid^teten tüir an un§ fetbft bie Slnforberung, unS 
beS ganjen ©d^a^eS biefer ©prad^e immer fidlerer ju bemäd^ttgen. 
©0 bilbet ftd^ ein inniger unmittelbarer SSerfel^r mit bem S)id^ter, 
unb als bie fd^önfte gruc^t biefeS SJerfel^rö enttt)idelt fic^ ein 
liebeöoHer Sifer, baS 338ort ©l^afefpeareö ebenfo emfig tt)ie feinen 
®eift JU erforfd^en. 

2)iefe l^eitfame SBenbung ber ©tubien ju beförbern, barauf 
fd^ien SDeliuö feine Slbfid^t üornel^mtid^ gerid^tet ju l^aben. SBiH 
man bem SBerfe geredet werben, fo mu^ man eS in SiüdEfid^t 
auf biefen Smd beurtl^eiten. S8ei bem ©ntwurf be§ ®anjen 
wie bei ber SluSfül^rung beS ©injelnen Warb S)eliu§ geleitet 
burd^ eine umfaffenbe ©rwägung ber Sebürfniffe, bie bem beut^ 
fc^en an ©l^afefpeare l^erantretenben Sefer bie bringenbften ftnb. 
§ierburc^ ift bie f)erborftec^enbe (£igentf)üm(id^feit biefer 3lrbeit 
am einfad^ften unb fid^erften bejeid^net; f)ierburd^ ift jugleid^ 
ba§ 9Jia§ beffen beftimmt, waö in ben feft gejogenen Äreiö biefer 
Arbeit gel^örte. 

3)er eigentlid^ äft^ettfd^en Unterfu^ung burfte ^ier fein 



114 3u &)ah\ptaxe 

5ßta§ tjerftattet tcerben ; benn ber Herausgeber l^at nid)t bie t)on 
anbern fo rüfjmlici^ erfüHten ^flid^ten beö Äunftpfjilofopl^en, er 
l^at bie befc^eibene aber ernfte 5ßfltc^t beö SrHärerS übernommen. 
9Ktt ftrenger • ©nt^altf amf eit tjerjid^tet er bafjer auf ben ©enufe, 
bie ®ci|öpfungen beS S)ic^terö ju äcrgliebem unb bei ben §err* 
Ud^feiten berfelben auSbeutenb unb ertäutemb ju bertüeilen. S)a* 
gegen bleibt er freilid^ aud^ öor ber 9Sertegenf|eit gefd^ügt, in 
bie fo mand^e ber l^ier aufftojsenben unb öon unfern Äunft== 
rid^tern mit eifrigem ©c^arfftnn erörterten fragen il^n unfehlbar 
tjerfe^en tüürben ; eS bleibt i^m erfpart, über baS SSergetien ber 
©eSbemona, über Sorbetiaö ©d^ulb unb Dpl^eliaS Unfd^utb unb 
anbere 5ßrobIeme tjon gleid^er ©d^tüierigfeit ebenfo mifelic^e tt)ie 
unergiebige Unterfud^ungen anjufteHen. 

Sluf bie ^Bearbeitung unb geftftellung beS Sejteö mujste 
bie erfte Sorge beS §erauögeber§ gerichtet fein. ®er Sejt ber 
©^afefpearefd^en S)ramen, tpie er unö je^t öorliegt, ift öon 
jeglicher UnbiH betroffen ttjorben, bie nur immer ben feften SBe^^ 
ftanb eines ©d^rifttoerfS gefä^rben fann. S)er ©id^ter l^at, mie 
eS fd^eint, bem fünftigen ©d^idfal feiner 338erfe fe^r gleid^müt^ig 
entgegengefe^en. 2öät)renb fein geleierter Äunftgenoffe SBen 
3onfon, ben baS ftolje SBelou^tfein ber ©id^tertoürbe nid^t uer* 
liefe, auf bie unüerle^te (£rf|altung feiner SBerle burc^ eine \tatt^ 
lid^e Sammlung berfelben^) bebad^t toar, fo t)at ©l^afefpeare 
bagegen nichts gett)an, um bie großen ©d^öpfungen, mit benen 
er bie 95üt)ne füllte, auc^ in ben Streik ber eigentlid^en Sitteratur 
einzuführen. 9iur tjon feinen jnjei erjäl^Ienben ©ebid^ten läfet 
ftd^ mit ©id^erlieit bel^aupteu, ba^ er felbft fie jum S)rudE be* 
förbert i^at 9Son feinen ©dfiaufpielen ftnb nur ad^tjefjn ttjäl^renb 
feines SebenS in SiujelauSgaben erfd^ienen, unb jtoar jum S^l^eil 
in fold^en, bie unS t)on bem urfprünglic^en SSerfe nur ein 
fc^mätitid^ öerjerrteS SIbbitb geigen; bafe aber auc^ nur ein 
einziges biefer S)ramen mit öetoiHigung unb unter 3[uffidf|t beS 



^) Sie erfc^ien 1616, im 3^obe§jaI)re ©&afcfpeatc§. 



SlifolauS S)eliu§' Slu^öabc bet S^afefpearefcfecn 9Bcr!e 115 

S)id^ter§ gebrudt loorben, bleibt unemeiötid^. Sieben Sa^te 
nod) feinem S^obe fam enbüd^ eine DoHftftnbige Sammlung ber 
©ramen an^ 2i6)t, beforgt öon jtpei ©d^aufpielern berfetben 
Iruppe, bcren l^etöorragenbe^ äJiitglieb ©fjafefpeare genjefen. 
D^ne 3^^if^I ^^Ö*^^ i^^^f^ ^^^ löblid^ften SBiÜen, il^rer ^flidt|t 
ofe Herausgeber ®enüge ju tl^un, unb offenbar fefjtte eS it)nen 
hierfür nid)t an jugängtid^en SDiitteln; benn fonnten fie nid^t 
bie il^rer ®efellfd)aft juge^örigen SRanufcripte ifjreö abgefd^iebenen 
ßoHegen bei i^rer Slrbeit gu 9f{att)e jie^en? 3tber, ob fie nun 
nid^t fä^ig, ober nid^t eifrig genug njaren, biefe SRittel in auS- 
reid^enber SBeife ju nu^en, genug, fie leifteten nid^t, njaS fie 
tjer^ie^en, unb e§ fet)It nur aHjU üiel, bajg fie, njie baS 9Ser= 
fpred^en lautete, einen öoHftänbigen, äuöerläffigen unb mafellofen 
Jejt aufgefteüt l^ätten. 

Sei fo fd^tüanfenber ®runblage ber Ueberiieferung mu§ fid^ 
ber Äritüer um fo me^r jur SSorfid^t unb SBe^utfamfeit gemannt 
füllen, je t|äufiger an il^n bie SJerfuc^ung herantritt, bie öiet^ 
fa^en ©d^äben beö SCejteö auS eigener (SrfinbungSfraft ju t)eiten 
unb bie eigenen Sßermut^ungen bem ®id^ter aud^ ba ju unter- 
fc^ieben, tt)o beffen SBorte bieüeidt|t ganj unüerlegt erl^alten finb, 
unb nid)t ber Slenberung fonbern ber Srflärung bebürfen. 

2)eIiuS fonnte nid^t tt)ot)I eine neue ©eftaftung beS XejteS 
bcabfid|tigen. (£r fd)Iie§t fid^ feinen englifd^en SSörgängern an, 
aber ol^ne baburd^ ber ©elbftänbigfeit feinet unbeftod^enen, rut)ig 
abtDägenben Urtl^eitö Sintrag ju tl)un. 2)ie Snglänber fetbft 
finb in ber fritifd)en SJetianblung beS S)id)terS erft neuerbingS 
ju einer gefunben 3Äett|obe gelangt. 2)enn früt)er gaben fie fid^ 
enttoeber einer SBiHfür t|in, bei ber fie bie Sld^tung bor bem 
SBud^ftaben ber Ueberiieferung üerloren, ober fie liefen, in be- 
fremblid^em ®egenfa|e baju, biefe notl^toenbige Sld[)tung in einen 
f (einliefen Slberglauben ausarten: fie toät)nten balb nur in ben 
bei Sebjeiten beö S)idE)ter§ gebrudEten ©inäelauSgaben (ben äQuartoö), 
balb nur in ber nad^ feinem Sobe t)eröffentlidt|ten ©efamtauö^ 
gäbe (ber g^Iio) bie ed^te DueHe beS Slejteö ju finben; mät)renb 

8* 



116 3u ©l>afcfpcatc 

ber unbefangene gorfd^er früher ober fpäter einfet)en mu§, baß 
aüein bie metfjobijd^e 83enu|ung beiber Dueüen unö in ben 
@tanb fet3t, bem S)id^ter fein 9ied6t ju etnjeifen. 9Jian i)ai t)on 
jener SBillfür fid^ glüdlid^ enttpöl^nt unb öon biefer ftörrigen 
©infeitigfeit fid^ frei gemad^t. S)etiu^ ift t)ielleid)t ftrenger aU 
feine englifd^en STrbeitögenoffen in ber Slbnjeifung ber SSorfd^Iöge 
unb angeblid^en 9?erbefferungen, bie üon neuern Äritifem au§^ 
gelten. 3hxx im äußerften SZotl^faH giebt er bie Ueberüeferung 
auf, unb er geftattet einer SSemtut^ung nur bann ©ngang in hm 
2;ejt, njenn biefer, in unheilbarer ß^^^öttung, eine annet)mlid^e 
(Srflärung nid^t me^r juläßt. ©eine Äritif tüirb meift burdE) 
biefelben ®runbfä^e unb Sinftd^ten geleitet, bermöge bereu er 
einft bie gälfd^ungen, bie SoHier empfahl unb befdtjü^te, uom 
Stejt be^ S)id^ter§ abn)et)ren fonnte. 

SESie bie älteften Slu^gaben ftd^ in i^ren 9Serfd^iebent|eiten 
unter einanber öer^alten, ba§ jeigen mit genügenber S)eutli(^!eit 
bie ben 2lnmer!ungen einüerteibten, auö bem gefamten Sßorratl^ 
forgfättig getüä^Iten Sef arten. ®od^ madEien biefe nur einen 
untergeorbneten S5eftanbtl)eil ber Stnmerfungen au§, bereu tDefent- 
tidfjer Qtvcd tiielme^r auf bie Srflärung gel^t. 

2)er Sommentar, mit njeldfjem S)eliuö bie SESorte be§ S)i(^ter^ 
begleitet, bitbet benj eigenartigften SSorjug unb beftimmt ben 
St)arafter biefer Slu^gabe. (£r ift auf fold^e Sefer bered^net, bie 
fid^ be^ ©ngtifd^en bi§ ju einem gemiffen ®rabe bemädE)tigt, aber 
bie ©pradEje ©l^afefpeares unb feiner 3^^^9^^'^fl^^r iJ^ hex ja 
felbft bem l^eutigen (Sngtänber fo tjiet frembartige^ unb untier== 
ftanbeneö begegnet, in i^rer ©efonber^eit uodE) nid^t gefaßt l^aben. 
S)er SrMärer giebt bat)er Sld^t auf jeben Slnftofe, ber an^ ber 
9Serfd^iebenf)eit ber altern unb ber je^igen ©prad^e entfte^en 
fann. 2lu§ ber ®rammatif xoxxb nur fo üiel tierbeigejogen, al^ 
jur Seutung ber jebe^mal üorliegenben SESorte unentbel^rlic^ ift. 
83ei Slngabe unb önttüidEIung ber ®eban!en, bereu SSerftänbniß 
burd^ bie (£igent^ümlid)feit ber bid^terifdEjen SluöbrudEötoeife er^ 
fdEjtüert tüirb, l\ai \i6) SDeliu^ eine prägnante Sürje jum un- 



3?ifoIau3 Sciiug* «uSgabe bct S^afcfpearcfc^cn SBcrfe 117 

öerbrüd^Iiciien ®efe^ gemad^t. 3[IIe§ tüirb üermieben, toa^ ben 
Sefer t)on ber ©teile, bie er je^t tior 2(ugen f|at, ju tüeit ab== 
sieben, it)n gleid^fam auö bem ßi^föninientiang ber Seetüre retten 
fönnte. SStr ^aben l^ier einen Sommentar, ber fid) befc^eiben 
bem !Did)ter jur ©eite ^ixlt, nid^t mit frei ttjud^ernber güHe il^n 
überbedt ober mit fd^loerfälligem Sitatengang fern öon il^m ein* 
{jerftolgirt. 

§äufig giebt S)eliuö bie SESorte eine§ fd^loierigen ©a^eö 
burd^ äufammenl^ängenbe erläuternbe Umfc^reibung tüieber, 
ein SKittel, ba^, tuenn aud^ an unb für fid^ nid)t nnftattl^aft, 
bod) bcbenflid^ tperben tonn in ben §änben eineö Kommentator^, 
ber einer buntten ©teile gegenüber feine SRatl^lofigfeit gern tjer= 
bergen möchte; benn ttjer ttjei^ nid^t, ba^ oft genng burd^ fold^e 
^aragrapl^en bie ©d^mierigleiten, anf bie eö eigentlid^ anfommt, 
nid^t fotool^l au§ bem Söege geränmt, ate öietmetir üerftedt toerben? 
Seliu^ aber rechtfertigt biefeö (£r!lärnng^mittel bnrd^ bie 3lrt 
feiner SlnttJenbung; er branc^t e^ fo, bajs er mirflid^ babnrc^ bie 
2unfelt)eiten ber erlänterungöbebürftigen ©teHe gleichmäßig anf^ 
^eHt, unb jtoar toeijs er für ben ©inn ber umfd^riebenen ©ä^e 
meift einen fo treffenben unb fd^arf bejeic^nenben Slu^brud ^u 
finben, hal^ tüxx unö nid^t barüber öertounbern unb e§ aud) 
nid^t fd^elten bürfen, ttjenn mand^e neuere Ueberfe^ung fid^ ^ie 
unb ba bie SBorte be^ Sommentarö faft untieränbert an= 

geeignet l^at. 

aSoHfommen angemeffen erfd^eint eö bem Qtozd biefer 3lu^== 
gäbe, ha^ S)etiuö an ben ©teßen, too bie S)eutung jnjeifel^aft 
fein lann, nid^t immer umftänblid^ bie SBetoeggrünbe barlegt, bie 
fein Urtl^cil leiten unb feine Sluffaffung beftimmen; er fü^rt bie 
5)i^cuffion nid^t tjor ben Singen be§ Seferei; er ^at ba§ gür 
unb 333iber forgfältig gegen einanber abgetüogen unb fteüt ein^ 
fa^ ba§ ©rgebnife l|in, ha§> fid^ i^m al^ ba^ rid^tige bemä^rt. 
3n ber SRatur ber ©ac^e liegt e§, bafe bei fo öietfad^ gel)äuften 
©cfimierigfeiten, über tüeld^e bie Slnfid^ten ber Äritiler fi^ nic^t 
leicht t)ereinigen njerben, mand^e t)on 2)eliuö vorgetragene I)eutung, 



118 3u ©Wcfpeare 

mag er fie nun ben Sngtänbern entlel^nen ober eigenem (Bä)ax\^ 
finn üerbanfen, bem ß^^^f^ nntertuorfen bleibt unb SBiberfprud) 
^erüorruft, ober toenigftenö nid^t bie Äraft ber Ueberäeugung 
mit fid) fül^rt. Unb ebenfo unöermeiblid^ ift ^, ha'i^ in eine 
Slrbeit öon fo au§erorbentlid)em Umfang aud^ bei ber Iiebe= 
öoQften Slufmerffamfeit einzelne Sßerfel^en \xä) einfd^Ieid^en, bie 
ber geübtere Sefer balb ate fotd^e erlennt®); ba^ [inb Keine leidet 
ju titgenbe gletfen, bie bei tt)ieberI)oIter S)urd^ftd^t beö ©anjen 
fd^toinben werben. 

Ob enblid) S)elin^ immer unb überall ben ©ebürfniffen 
ber Sejer genug gettian, ober ob er nid^t aud^ mand^mat i^rer 
felbftänbigen gaffung^fraft ju toenig jugemutliet ^at, toer möd^te 
barüber entjd^eibenb abfprec^en! SBer !ann fjier bie fd^male 
©renjiinie jn^ifd^en bem 3^^^^^ ^"b ßw^^^ifl fo fd^cirf öor= 
jei^nen! S)ie gorberungen an einen Sommentar muffen üer^ 
fd^ieben auffallen, je nac^ ben öerfd^iebenen ©ilbungögraben ber* 
jenigen, bie t)on il^m SBelel^rung erwarten. S)er Kommentator fott 
noc^ geboren werben, ber, inbem er für eine beftimmte ©attung 
t)on Sefern unb Sernenben arbeitet, jebem Sefer an jebem Drte 
genau fo üiel unb nur fo Diel giebt, aU biefer bebarf ober ju 
bebürfen Wä^nt. §ier mufe, bei bem SKangel einer aügültigcn 
Siegel, ein gtücf(id)er Xact unb ein bi^ jur ©id^erl^eit auö* 
gebilbete^ UnterfdE)eibung^gefü^I für baö 9?ot^Wenbige unb Snt* 
belirtid^e bem (Sommentator ju §ülfe fommen. liefen Stact, 
biefeö ®efü^I l^at S)eliu^ fid^ ööHig ju eigen gemad^t; er l^at 
feinen (Sommentar reid^Iid^ au^geftattet, o^ne it|n unnött)ig ju 
überlaben. 

9Kit biefen Sriäuterungen, bie fidtj fo eng bem ©^afe^ 
fpearefd^en SBort anfd^tiefeen, t)at 2)eliuö guerft aßen S)eutfdben 
einen einlabenben SBeg burd^ bie urfprünglid^en ©d^öpfungen 
beö englifd^en S)id^ter^o gebal^nt, unb auc^ biejenigen, bie auf 

*) ©0 wirb a. ^. in ber Comedy of Errors bie 12. Slnmerfung ^vn 
erften ©ccne be§ erften 2(ft§ iu bcricfetiöen fein; bie 3Borte but for me 
fmb I)ier Qänslicl^ miloerftanben. 



3flifoIau§ S)cliu§' »u^öabc bcr ®^afcfpcarcf*en SBctfe 119 

biefem l^errltd^en 5ßfabe nid)t gerabeju feiner gül^rung bebürfen, 
finben in il^nt einen ftetö förbertid^ anregenben SBeggenoffen, 
Don bem fie nid^t o^ne bie lebenbigfte S)anfbarfeit fcf)eiben 
fönnen. 

^oä) mit ber geftfteüung unb (Srflärung beö S^ejte^ ift baö 
©efd^äft beö §erauögeber^3 nid|t abgefrf)Ioffen. Qnx üollftänbigen 
©infüljrung in bie ©t)afefpearejdt|e ®id^tertüelt bebarf eö einer 
Ueberfid^t über bie ändere ®efd^id^te ber einzelnen SBerfe, fonjie 
einer niet)r ober minber untfangreid^en SSKitt^eilung auö ben 
Quellen, in toeld^en ber ^oet ben rollen aber bilbfamen Stoff 
für feine formenbe unb befeefenbe Äunft finbet. 

9luf biefe ©rforberniffe toirb in ber Sinleitung, bie jebem 
©tüdc öoranget)t, SJebadjt genommen, unb jtoar in ber um- 
faffenbften SBeife. S)er erfte S)rud eine^ jeben S)rama§ toirb 
HQd^getoiefen unb baö SSer^ältnijs biefeö 2)rudeg ju bem je^t 
gangbaren Sejte bünbig bargelegt. ®ie 3^i^ ^^^ Slbfaffung ober 
-erften 2luffül)rung toirb burd^ bie tjottftänbig mitgett)eilten äußern 
ßeugniffe beftimmt. gür biefen Qxotd fommt un^ balb bie 
litterarl^iftorifdEie SZotij eineö gleid^jeitigen ©d^riftfteHerö ju 
ftatten, balb eine gelegenttidtje SBcmerfung in bem glüdtid^ermeife 
erhaltenen S^agebud^ eine§ für t^eatratifc^e ©enüffe nid^t un- 
!enH)fängtidE)en 3^^^S^^^ff c" » ^^^ anbereömal finben mir bie er= 
H)ünfdE)te Sluöfunft in bem 93eridE)t über ein ©reigni^, ba^ mit 
ber S)arfteIIung eineö @l^afefpearefdE)en S)ramaö in jufälliger 
SScrbinbung fielet. @o 3. 85. giebt ber erfahrene Sitterator granciö 
■9Rere§ im Solare 1598 eine Sifte ber ©d^aufpiele, bie i^m biö 
ba^in befannt getoorben; mie miffen bal^er, ia'i^ mand^e SBerfe, 
bereu 9SeröffentIid^ung burd^ ben ®rudE erft fpäter erfolgte, t)or 
jenem 3^itpuncte fd[)on entftanben njaren.') SBeitn ein fonft un- 



') njlcrc§ mac^t folgenbe ©tücte narnftaft : bie ßbcllcutc tjon SScronn, 
bie Äomöbie bcr ST^rungcn, SSerlorenc £icbcsmül)e, ©eroonnenc SiebcSmübc 
(@nbc flut, alles flut?), ©ommernad^tötrauttt, Kaufmann tjon SSenebig, 
itönig Sofeann, Mid^arb II., Mid^arb III., ©einrieb IV., SituS 2lnbronicu§ 
iml) SHomeo unb Sulia. SSon biefen jtoblf ©tücfen fmb nur bie fünf Ic^t- 



120 8u ©McfP^atc 

befannter Sol^n SÄanning^am im gebruar 1602 bie Sluffütirung 
ber Äomöbte „9Ba§ il^r tüoHt" in feinem 2;agebud^ anmetft 
nnb jugleid^ ben Sn^alt einiger ber ^erüorfted^enbften ©cenen 
mit SBe^agen tierjeid^net, fo bürfen toir barauö tpol^l ben @d^fu§ 
äiel^en, ba^ biefe^ SSerf, tpeld^eö unS in aßen feinen Xl^eilen bie 
t)öcl^fte SReife be^ ®eifte§ unb ber Sunft betpunbern täfet, um 
jene 3^^^ ^^^ ^^^ ^^h ^^^ 3ieut)eit befa^; unb loenn ©ir 
§enr^ SBotton am 6. Suti 1613 in einem SBrief an feinen 
Steffen bie geueröbrunft befc^reibt, meldte am 29. Suni ba§ 
Sl^eater beö ©tobuö ^n ®runbe gerid^tet, fo erfahren toir t)on 
il^m äugteid^, bajs ba^ neue ©tütf, tüeld^e^ an jenem Unglüdötag mit 
vielem ^ßomp auf bie SBreter gebrad|t ttjorben, fein anbere^ ttjar 
afe ©l^afefpeareö §einric^ Vni. SSo foldtje äußere ß^^tS^^ff^ 
feilten, bleiben un^ bie innern Öetceife, bie meift öon ber t)er= 
fd^iebenen 95el)anbtung^art ber ©prad^e unb be^ ©erfe^ l^er^ 
genommen ftnb; fie reben für ben Kenner fo überjeugenb, ba^ 
fie gleid^fam jebem einjetnen SSerfe ben ^Ia| beftimmen, ben eö 
in ber d^ronotogifrf) georbneten ^Reihenfolge ber S^afefpearefd^en 
S)id^tungen einjune^men l^at. 

Sluö ben l^ier vorgelegten ß^iJÖ^iffc« i^^g man mit Ieidf|ter 
SJJüfie eine jufammenl^ängenbe Slnfd^auung üon bem ©ntioidlung^* 
gange ber S^afefpearefd^en äJiufe getoinnen, fotoeit biefer mit 
§ü(fe äuüertäffiger Urfunben unb burc^ greifbare Setueife fid) 
nod^ erfennen läßt. 3^9^^^^ ^^S ^^^ ermeffen, inttjiefern unfere 
Senntnife reicher unb unfer Urt^eit fd^ärfer unb fidlerer ge== 
toorben, feitbem äJialone im Sa^re 1778 juerft öerfud^te®) unter 
ben SBerfen be§ S)id^terö d^ronologifd^e Drbnung ^ersufteHen. 

Sieben biefer ©attung öon äußern 3^i^8^iff^" toerben un§ 
in ben Sinleitungen nun aud^ Urfunben anberer 2(rt mitgetl^eilt, 



flcnanntcn unb t)ic $8erIorcnc £icbe§mü^c üot bem 3al&re 1599 im S)ru(f 
erfdjiicnen. S)et ©ommcrnad^tstraum unb ber Kaufmann routben 1600 
flcbructt; bie oict übrigen finbcn jic^ crft in ber ©efamtauSgabe bon 1623. 
^) An attempt to ascertain the order in which the plays of 
Shakespeare are written. 



5flifoIau§ S)cliu§* Stulgobe ber ©Mefpearefd^en SBerfe 121 

untrügliche Urlutiben, bie un§ jur frud^tbarften, toenn auc^ 

immerf|in 6efdt|ränften (Sinftd^t in ia^ geheime SESirfen unb 

Silben be§ Süinftlergeifteö öer^elfen tonnen. @f|a!efpeare f)at 

aug ben Duellen, bie it)nt jur Senu^ung offen lagen, mit üoHen 

§Qnben gefd^öpft, nid^t blojg h^n Stoff be§ S)rama^ l^at er it)nen 

entnommen, nid^t blojs bie ^anbtung in il^ren allgemeinen Um* 

riffen, fo toie er fie öorgejeid^net fanb, beibel^alten; auc^ bie 

3Borte, bie feine ®en)ät)r^männer, ^iftorifer unb 9?ot)eIIiften, 

i^m barboten, ^at er nid^t feiten ju feinem ®ebraud^ üernjenbet; 

ja in einigen gätten ^at er fetbft bramatifd^e SSerfe üon frember 

|)anb, n)ie ben Äönig Sodann ober bie ß^^^ung einer 

SSiberfpenftigen, burrf) bie Xi)at fünftlerifd^er Umbilbung äu 

feinem ©gentium gemad^t; unb toir finb in ben @tanb gefegt, 

Scene für ©cene ju Verfolgen, toie er entmeber neben feinem 

SSorgönger ein^erfdE)reitet ober t)on bem 5ßfabe beffelben auf 

einen felbftgebat)nten 2S5eg abteuft. S)urd^ biefen engen 3Infd^Iu§ 

an einen gegebenen, jum S^eil fc^on für fünftlerifd^e Qm^dt be== 

arbeiteten ©toff füt)It fid^ ber @eniu^ in ber Siegung unb @nt= 

f altung feiner Gräfte nid^t get)emmt ; t)ielmet)r toirb feine greil^eit 

unb fiegeögettjiffe Ueberlegenl^eit tiieIleidE)t bann am augenfd^ein= 

Keiften erjeugt, njenn er biefe greil^eit preiöjugeben unb fid^ in 

einer unbebingt treuen Eingebung an fein 95orbilb gu gefallen 

fc^eint. SESenn ©^afefpeare im vierten Slft be^ SDiacbetl^ SJiat 

colm unb SÄacbuff il^r erfd^ütternbe^ ß^^^Ö^fP^äd^ faft genau 

mit bem S^roniften §oIin§f|eb enttel^nten SBorten fül^ren lä^t, 

fo beeinträd^tigt er feine fünftlerifd^e ©elbftänbigfeit baburd^ fo 

roenig, tuie ©oetl^e ber feinigen etnja^ öergiebt, njenn er im 

Slaöigo bie kd aufgeftu^te (Srjäl^Iung be^ abenteuernben SBeau^ 

mard^aig in eine ber njirfungßöoEften ©cenen umt^anbelt, bie 

je einem beutfdE)en 2)ramatifer gelungen finb. 

J)er eigentlid^e ©^öpfungöaft be§ tünftlerö njirb, toie 
jeglicfie^ SBerben unb @ntftef)en, nie auö bem S)unfet eine§ un= 
iugänglidien, mit njeifer Strenge bet)üteten (Sel^eimniffe^ l^er^ 
t)ortreten. Söefriebigen mu§ e§ un^ fd^on, njenn nur bie f ormenbe 



122 3u @l>afcfpeare 

unb umbilbenbe Strbett, weld^e ber S)id^ter mit bem öon au^en 
il^nt sitg^fö^^^^ ©toffe Vornimmt, fid^ utifern SBIicfen nid)t 
gän^Iid^ entjiel^t ; unb afö f öfttid^en ®en)tnii muffen toir eö fd^ou 
ad)ten, tpenn tuir um nur einigermaJBcn üergegentüärtigen fönnen, 
tpie ber fd[)öpferifd^e ©ebanfe ftd^ bem trägen unb trüben ©toff 
einfenfte, tt)ie er il^n tjergetftigenb unb läuternb burdtjbrang, um 
ftd^ rein unb anfd^autid^ an il^m ju offenbaren. SlHeö, ttjas^ 
fold^en SBetrad^tungen, bie ben "iDic^ter bei feiner fortfd^reitenben 
SIrbeit auffud^en, förberlid^ fein mag, mu§ mit ^öd^fter Sorgfalt 
genügt njerben. Unb freilid^ l^at man mit auöbünbigem pfeife 
auö aüen Sereid^en ber Sitteratur alle^ Iierbeigejogen, tna^ man 
im ttjeiteften njie im engften Sinne ©l^afefpeareö „Duetten" 
nennen fönnte. Db man inbe§ biefen Duetten fd^on überatt bie 
SBelel^rung abgenjonnen, bie fie in ber Sl^at genjäl^ren fönnenV 
greilid^ unterläßt man nic^t, bie üottenbete 2)id^tung ber* 
gleid^enb jufammenäu^alten mit bem Stoffe, ben ber Siebter au^ 
ß^ronif unb 5Rot)ette gejogen ober ben er im e|)ifd^en unb bra= 
matifdien ©ebid^t fd^on funftlo^ bearbeitet öorgefunben. ®urd} 
eine foIdEie Sßergteid^ung pflegt man bie umfaffenbere ^Betrachtung 
eine^ @t)afeft)earefdjen 338er!e§ einsuleiten. Slber l^iermit ift 
nid^t genug gefd^e^en. SKan fottte aud^ im Fortgänge ber S5e* 
trad^tung ununterbrod^en auf ben 5ßunct jurfidEblidEen, üon bem 
ber fd)affenbe ®id^ter felbft juerft ausgegangen. 3nbem man 
§anblung unb Sl^araftere jergliebert, fottte man fid) ftetS au^ 
im einselnen üergegennjärtigen, tcaS ber 5ßoet auS feinen Duetten 
beibel^ielt, toa^ er unbenu^t gurüdlie^ ; man fottte bie peinKd^fte 
©enauigfeit nid^t fd^euen, um aud) auf bie Heinften Sßeränbe* 
rungen einjugel^en, benen ber 2)id^ter ben öorgefunbenen Stoff 
untertoorfen t|at, unb enbtid^ fottte man nid^t nur beobadjten, 
tük er biefen Stoff l^ier mit leidster aber fidlerer §anb um- 
bilbet, bort gänjlid^ umfd^mität; tt)ie er ^ier il^n reid)er au§* 
geftattet, bort i^m bie ftörenbe gütte nimmt, il^n üerfürst unb 
gufammenbrängt; fonbern man müfete eS fid^ iux ^flid|t mad^en, 
fid^ aud^ t)onbenän)ingenben®rünben, t)on ber ättJedmäjsigen Siotl^^ 



!RifoIauS S)cliu§* SCuSgabc ber ©^afefpearcf*cn SSerfe 123 

toenbtgfeit biefer SJerätiberungen SRedienfc^aft ju geben, unb jtoar 
Äed&enfd^aft toom ©tanbpuncte beö SDid^terö auö. S)tefe§ ber* 
Sleid^enbe ©tubiutn fül^rt unö iit ben SRatl^, in baö 3?ertrauen 
be§ S)id^ter^ ein. SBir ftnb il^m beoba^tenb jur ©eite, wenn 
er bie SRaffe bcö Stoffel unter feine ©emalt bringt, tpenn er 
bie toibrigen Elemente beffetben jur Sintrad^t fügt unb einen 
Drganiömuö au^ i^nen ^erüortuft, in bem ein tebenbiger ©eift 
felbftänbig n^attet; tüir fe^en int einjelnen, burd^ tceld^e SKittet 
n bieg öoHfütitt, unb toie alle biefe öetfd^iebenen äJiittet im 
|)inbHc! auf einen 3^^^^ ^^^ fi^ gemeinfant bienen muffen, 
getoäl^lt ftnb; biefer Qto^d tä^t fid^ nun nid^t mel^r üer^ 
fennen, unb fo getoäl^rt un^ gleid^fam ber 2)id^ter felbft 3luf* 
ßärung unb Stuffd^Iu^ über bie ©ebanfen, bie fein gefamte^ 
S?erfat|ren leitenb beftimmen. ®ieö ift bie tt)al^rt|aft frud^tbare 
Wrt, baö ©tubium ber Duetten ju nu^en. SBie ergiebig fie 
tüerben fann, ha^ ^at nod^ jüngft ß. gebier in feiner Slbl^anb* 
lung über ben Dtl^eHo*) an einem rüt|mlid)en unb nad^at|men§* 
lüert^en SBeifpiele gejeigt. Dl^ne 3^rifel fommen tpir auf biefem 
befd^eibenen SSege gebutbiger SBeobad^tung ber fd^affenben Sbee 
ieö Äünftterg nä^er, afö njenn tt)ir il^m juüerfid^tlid^ mit fertigen 
Satcgorieen entgegenrütfen unb nad^ SDtafegabe berfelben eine 
Prüfung mit it)m üornel^men, bie er oft nid^t ^n feiner, tooifi 
über ju unferer SJefd^ämung gar fd^Ied^t befielet. 

9Ber atfo ben SBert^ jener Setrad^tung^toeife — id^ möd^te 
fie bie praftifdE)e nennen — einfiet)t, unb ftd^ angeregt fü^tt, fie 
ju üben, für ben t|at S)eliuö in ber (Einleitung p jebem S)rama 
bie SKittet, mit beren §ülfe allein fotd^e Hebung anäufteHen ift, 
bereit gelegt. Sluö bem S^roniften §otingf)eb unb bem über* 
festen Putarc^, au§ SZotieHen, bie balb engtifd^en Urfprungg finb, 
balb fremben Sitteraturen, befonberö ber italienifd)en, urfprüng- 
M) Qngel^ören, auö Sleifebefd^reibungen unb altern ©d^aufpieten, 
QUO alten biefen üerfd^iebenartigen Duellen ttjerben reid^lic^e 



•) «uffäfec über ©liafefpcarc, ©. 24-82. 



124 8u ©Mcfpcatc 

aRitt^eilutigen gegeben, ^ertter tpirb auö SBerfen anbetet Slrt, 
bie toaf|rfcf)eintid) bent S)tcl^ter borgelegen, ntanc^e^ auögel^oben, 
tt)a^ über bie mt)tl^oIogijci^en 9f nf c^auungen , bie il^m geläufig 
finb, Sid^t Verbreiten ober ben üolfömäfeigen Uebertieferungen 
in Sitte unb (Staube, benen er oft mit fo tounberbarent ©lüdE 
bie fjöd^fte poetifd^e SBürbe ju ertt)eiten toufete, sunt befräftigen= 
ben unb erläuternben ß^^^Ö^^ff^ bienen fann. ©leid^ermafeen 
tüirb nad^genjiefen, toaö @t)afefpeare oft bei Slbfaffung einjelner 
©teilen ben Slnregungen anberer 9Iutoren tjerbanfte; unb fo 
feigen toir ä- 95. in ber (Sinteitung junt ©turnt mehrere ©äge au§ 
SDtontaigne, ad^t 9Serfe auö einer 2^ragöbie be^ (£arl of Sterling 
unb bie SBefd^toörungörebe ber Wth^a auö ber Ueberfe^ung ber 
Döibifd^en SRetamorpl^ofen aufgefül^rt, tjon benen allen ber 
©id^ter an bebeutfamen ©teilen feinet jauberreid^en ©d^aufpiefe 
einen ebenfo unbefd^rönften toie glüdlid^en ®ebrau(^ ju mad^en 
Derftanb. 

2Bo ber Herausgeber in biefen ©inleitungen SInlafe unb 
Slufforberung finbet, bei bem ©treite tjerfd^iebener SDieinungen 
über getoiffe fd^njer ju beftimmenbe ^uncte ber Äritif unb ®e=^ 
fd^ic^te mit felbftänbigen Slnfic^ten l^erüorjutreten, ba benjätirt 
er überalt bie flare SBefonnenI)eit beö Urtlieilö, bie er aud^ in 
ben anbern Sl^eilen biefeS SSerfeS nie öertäugnet. ®kt^ be* 
ad^tet er bie fd^arfgejogene, aber oft genug überfel^ene Sinie, 
toetd^e baS ©etoiffe unb guüerläffig beglaubigte üon bem 9Rög* 
lid^en unb 9BaI)rfd^einIidt|en fonbert. SBenig gelten il^m 95er := 
muttjungen, burd^ toetd^e ber ©djarffinn il^rer Url^eber bezeugt, 
bie fidlere Söfung üermidetter fragen jebod^ nic^t beförbert 
njirb. ©inb bie bem Äritifer geftatteten ^ülfSmittet nid^t au§* 
reic^enb, um ein fd^toierigeS Problem jur äuöerläffigen (£nt== 
fd^eibung ju bringen, fo begnügt er fid^, eS in feinem ganzen 
Umfange barjutegen, inbem er bie njiberftreitenben SKeinungen 
einer parteifofen 5ßrüfung unterjiel^t unb ®rünbe unb ©egen^^ 
ftänbe getüiffentjaft gegen einanber abtoägt. 3^^^^^^^^ ober trifft 
eS fid^, ba§ eine bem Slnfd)ein nac^ fel^r bebenKid^e ©d^ttjierig^ 



3li!oIauS SeliuS' äuSgabe bet ©tiafcfpearcfd^en 3Bcr!c 125 

feit nid^t au§ bem tpitHid^en ®ad^t)crl^ältni§ entfprungen, 
fonbern burd^ ben unglücflicii angetpanbten ©d^arffinn über beffen 
Äritifen erft gefd^affen ift; unb in folrfjem gaUe mad^t ®eüu^ 
fein entfdEiiebeneg Urtl^eil mit aüent 9iad^bmdE geltenb. Sr I)ebt 
bie ®egenftänbe ber Unterfud^ung auö bem ©etuebe t)on 3^cifeln 
unb SJermutl^ungen l^erau^, mit benen bie Srfinbung^Iuft grübeln* 
ber Kommentatoren fie umf|)onnen, unb füt)rt fie auf ben ju* 
öerläffigen 95oben ber Ueberlieferung jurüdE, mo er fie nad^ ben 
einfa^ ftrengen ®efe|en ber ^iftorifc^en Äriti! be^anbett. S)urc^ 
biefeö gefunbe aufl^eUenbe ©erfahren gelangt er ju feften, ein* 
leud^tenben Srgebniffen. SBie t)atte man in ber mül^feligen 
Unterfud^ung über bie §iftorien Don §einrid^ VI. bie malere 
Sad^Iage burd^ tjertoirrenbe @pi^finbig!eiten üerfteKt unb üer- 
fd^oben! Sie übertoiegenbe SRe^rjal^f ber englifd^en S'rittfer 
toar einig gemorben, ben erften 2f|eit bem ©id^ter gänjlid^ ab::» 
äufpredien; man überrebete fid^, l^ier fei nirgenbö bie §anb 
©^afefpeareö njal^rsunel^men ; aud^ ben jnjeiten unb britten 
S^eil foUte er nid^t entworfen unb auögefül^rt, fonbern nur 
öerbeffernb überarbeitet l^aben. S)eliu§ l^at — tl^eitoeife in 
Uebereinftimmung mit Sl^arleö Snigl)t — bie ©d^eingrünbe unb 
SKut^ma^ungen, bie biefer Slnnal^me jur fc^toad^en @tü^e 
bienten, toiberlegt unb jurütfgenjiefen ; er l^at bie Unterfud^ung 
in bie ric^ttge 95a]^n gelenft unb in umftänblid^er 9lu§einanber* 
fefeung baö gleid^mä^ige, unbeftreitbare 5Inred^t ©^afefpeareö 
an bie gefamte Srilogie bargetl^an. 

Seid^t fielen ftd^ nod^ manigfaltige öeifpiele anfül^ren, 
an benen e^ beutli^ njürbe, toie umfaffenbe ©ad^fenntnife, 3^^^* 
ntä^igfeit ber Slnorbnung unb tool^Ibegrünbete ©id^erl^eit beö 
Urt^eite l^ier burd[)au^ im erfreulid^en ©leid^gemid^t ftet)en. 
aber bebarf eö neuer Setoeif e unb B^^fl^^ff ^ ? ®^^ SBebeutung 
biefer grunblegenben SBerfeö ift anerfannt; e§ l^at alle groben 
beftanben ; e^ t|at fic^ benen, bie e^ im redeten Sinn nü|en, in 
an^QÜenbem ©ebrauc^e öietfältig ben)ät)rt. Süöenn ic^ bal^er bie 
®9enfd^aften beffetben l^ier nod^ einmal anbeutenb üorfül^rte, fo 



126 8u ©6a!cfpeare 

h)ar bic Slbftd^t toeniger barauf gcrid^tct, bie ©erbtenfte, bic 
man il^tn längft jugeftel^t, tjon neuem inö 2xä)t ju fe^en; t)tel* 
mel^r foUte biefer Iteberbtid jeigen, tntt)iefern bie Sciftung beS 
^rau^geberö geeignet fei, ein tüiffenfd^aftlicii ernfte^ ©tubium 
ber ©^afefpearefd^en S)id)tungen unter unö ju beleben, ju er== 
leici|tern unb ju verbreiten. 

SKöge nun ber Äreiö, in bem biefeö SBerf feiner SJeftimmung 
gemä^, frud^tbar angetüanbt toirb, ftd^ toeiter unb weiter auö* 
bel^nen! S)ie eigentt)ümlid^e SJeftimmung aber, burd^ ttjeld^c 
eg fid^ auö ber Unäal^l alle§ beffen, tpaö unter un^ ju ©l^afe* 
fpeare§ ®unften üerfud^t unb geleiftet toorben, fo entfd|ieben 
^erauöl^ebt, — biefe Seftimmung ift feine anbere afö baö 95er* 
ftänbnife beö S^afefpearefd^en SBud^ftaben bei unö ju begrünben. 
Unb tüa^rlid^ l^ier ift ber SJud^ftate nid^t töbtenb ; er tpirb tiel* 
mel^r jur DueHe be^ reid^ften, manigfalttgften Sebenö. 



e^atefpeare als Äenner bcs IPa^nfintt^. 

SBenn ©l^afefpeare eine Seibenf d^aft, einen beftimmten ©eifteö* 
äuftanb fd^ilbert, fo empfangen njir nnmittelbar bie Ueberjeugung, 
bafe er l^ier öon bem fid^erften ©inüerftänbmfe mit ber notl^* 
tocnbigen SQäal^rl^eit ber dlatux geleitet tüirb. Sine jold^e 
Sd^ilberung ift bnrd^ fid^ jelbft beglaubigt, fo tüie ein 5ßorträt 
bon alter SKeiftertianb, baö tüir nid|t mel^r mit bem Urbilb öer^« 
g(cid^en fönnen, un^ in ber natürlid^en Uebereinftimmung feiner 
3üge, burd^ tüeld^e fid^ ba§ innere Seben offenbart, bie SBürg= 
fd^aft ber Sleljnlid^feit giebt, ja unö jur unbebingten Slnerfennung 
biefcr Slel^nlid^!eit nötl^igt. Urfprung, gortgang unb Sluöbrud^ 
ber fieibenfd^aft, ttjie @r fie barfteHt, fdbeinen nad^ eisernen ®e== 
fc^en georbnet ju fein, ©o unb nid^t anberö fonnte Dtl^eHo^ 
(Siferfud£|t getoedt njerben : f o unb nid£|t anberö mujgte fie toadif enb 
um fid) greifen unb enblid^, feine 9?atur mit Uebermadit be* 
tüöltigenb, il^n ju ber furd^tbarften "Z^at l^inbrängen. SBie in 
einem ftetig oerlaufenben Jiaturproceffe enttoidelt fid^ Searö 
Sfaferei bi§ jur fd^redEIidien Steigerung unb finft bann, ent^ 
fröftet unb gebrod^en, in rü^renbe SBel^mut^ unb finbifd^ fpielen== 
ben 3lbertt)i§. Unb eine fold^e ©d^ilberung, bie nad^ ben etoig 
gültigen ©a^ungen ber 9?atur enttoorfen ift, Verallgemeinert fid) 
boc^ nie jur S)arfteIIung eineö bfoö abgejogenen SBegriffö ber 
Scibenfd^af t ; nein, e§ ift immer biefer einjetne, burd) ®eifteg== 
anlagen, Seben^fteHung, innere unb äußere Srfal^rungen ganj 
inbit)ibuell geartete SKenfd^, an bem fie jur Srfd^einung fommt; 
fie empfängt oon il^m bie beftimmte gärbung, toäl^renb fie 



128 3" ©l&afcfpeate 

toiebetum auf il^n befttmmenb unb umgcftaltenb äurüdtpirft. 
Sn btefer gel^eimen unb bod^ unöerfennbaren SBed^jetoirfung 
unb SBedifdbcäiel^ung jtDtfd^en ßl^arafter unb Seibenjd^aft et= 
toeift fid) @l^afe[pcareg ^oefie öieHcid^t am beutltd^ften aU Xod^ter 
ber 3Ba^T^ett. ©en ticfftcn Senner ber Seibenfd^aft ^at man 
bal^cr aud^ in ©l^afefpeare fd^on ju einer 3^^^ betounbert, ate 
man ben Äünftler in il^m nod^ nid^t entbedtt l^atte. 

@^ fann nun unfere Söetüunberung be§ S)id^ter§ nid^t er- 
l^ß^en, e§ fann aud^ unjere Sinfid^t in ba^ SBejen feiner Äunft 
fd^tüerlid^ um ein Sebeutenbeö fßrbern, toenn ung ber Slrgt, ber 
^f^djolog au§ ber güHe il^rer ©tubien unb ©rfal^rungen mit 
bünbigen SBetpeifen bartl^un, bafe bie bid^terifdie ®(f)ßpfung genau 
mit ber miffenfdjaftlid^ erforfd^ten SBirflid^feit übereinftimmt. 
®er Slrgt, ber ^ft)d^ofog fönnen unö in biefem gaHe nur ftüd* 
ttjeife öon bem belehren, tpoöon tpir un§ in unmittelbarer, um== 
faffenber 3tnfd^auung fd^on auf ba§ lebenbigfte unb fräftigfte 
überjeugt ^aben. Sebod) reijt ba^ SBeltgemälbe, ba^ fid^ auö 
©l^afefpearee .3)id^tungen sufammenfügt, ju fo öietfeitiger SBe- 
trad^tung, ba§ man e^ njol^f ber gaditüiffenfd^aft öergönnen mag, 
forfd^enb unb beobad^tenb bei i^m ju Dertüeilen unb e^ mit il^rem 
Sid^te äu befeud^ten. 9Kan tüirb eö il^r um fo el^er öergönnen, 
tt)enn il^re Sünger unb 5D?eifter fid) bem ©id^ter ftetö fo an* 
fprud^ölo^, in fo befd^eiben lieben^njürbiger 3Beife nätiern, tüie tt)ir 
e§ Don bem SSerfaffer ber unten genannten ©d^rift^) rül^men muffen. 

®eftü^t auf bie manigfad^en, reid)en (Srfal^rungen, bie 
er in pflid^tgetreuer 5Iu§übung feinet eblen ©erufeö getoonnen, 
nimmt §err ©tar! mit bem ß^aralter be^ Sear eine ärgtlid^e 
Unterfud^ung öor. @r prüft bie bid^terifdEje ©arfteÜung an ber 
fo oft öon il^m beobad^teten 3BirIIid^!eit unb finbet jene überall 
burd^ biefe auf baö juDerlöffigfie beftätigt. Sluf biefe 5ßrüfung 
barf man ben Slu^fprud^ grünben, ha'^ l^ier bie ^oefie an SBa]^r== 

^)Äönig Sear. ^f^cfciatrifcbe ©öa!efpearc=©tubie bon Dr. Äarl 
©tart, berj. biriß. 3lrat ber $rit)at^eilanftalt ^annenburg bei ©felinflen. 
©tuttgart, &. Sinbemann. 1871. 



OMefpearc qI§ Kenner be§ 2Ba^;nfmn§ 129 

l^eit mit ber SWatur gletdifam tüettetfert, unb bafe ©tjafefpearc 
überall bie ticffte Stnfid^t in bie Urfad^cn bcr ©eifte^ftörung, 
ben fd^ärfftcn ©nblid in ba^ Snnere ber ©eelenl^eilfunbe be* 
tDä^rt. ®r ift anö) l^ier ber BöflKttg unb SBertraute ber SRatur, 
ber STu^beuter i^rer ©etjeimniffe. 

Unb aud^ tjier ^at er ba^ allgemein (Sefe^Iid^e mit bem 
beftimmt ^erfönlidien, inbiDibueD SSegrenjten auf ba§ innigfte 
t)erfnüpft unb beibe^ fid^ gegenfeitig burd^bringen laffen. 3)er 
SSerfaffer geigt burdEi umftänblid£|e tpiffenfd^aftlid^e SSegrünbung, 
tüie in fiear^ ß^arafter alle bie SBebingungen cntl^alten finb, 
unter benen aQein ber SBatinftnn fid^ in biejer ©eftalt ent* 
xoiddn unb ju f o fd^auerlid^er äKad^t antüadifen f onnte. ©oetl^e 
tDirft einmal bie Sleujgerung l^in, Sear erfd^eine in ben erften 
®cenen abjurb. 3)ie ärjtlidie Unterfud^ung befrdftigt bie§ SBort, 
tpenn aud^ in einem ettt)a^ aubern Sinne, afö ®oett|e eö ge^ 
fa§t tüiffen tnoUte. 

©0 mögen benn bie Senner ©l^afefpeare^ gern an ber §anb 
be§ Slrjteö ba§ SBunbergebiet biefer 3)id^tung burd^tüanbern unb 
fid^ üon bem tnol^tgefinnten, freunblid^en gü^rer für ba§, tüa^ 
fie biötier nur empfunben unb geglaubt, bie tüiffenfd^aftlid^e SBe- 
ftdtigung ertl^eilen laffen. ©oute biefer gül^rer aud^ ^ie unb 
bo bei Äleinigfeiten, bie für bag !ünftlerifd£|e SSerftänbni^ ber 
Xragöbie uner^eblid^ finb, mit allju tparmer Xl^eilnatime öer- 
toeilen, fo l^ört man bod^ immer tt)illig unb banfbar auf feine 
lebhaft Vorgetragenen finnt)ollen SBemerfungen. 3Ran tt)irb e^ 
i^m, ber ja feine^tneg^ für einen gefd^ulten 5ß^ilologen gelten 
teilt, audEi nid^t eben ernftlid^ t)erargen, bafe er burd^ bie Ueber* 
fe^ung mand^mal verleitet tporben, einjelnen SBörtern ober 'iRtbt'' 
toeifen eine SSebcutung beijulegen, bie il^nen nad^ ber Slbfid^t 
be^ 2)id^ter§ nid^t jufommt. SBenn Sear (2, IV) bem bon Slegan 
unb SorntoaH fo fdEjlimm betjanbelten Sent juruft: ,,(£rHär' 
inir'S in befd^eib'ner ©r, toie l)aft bn bie ®ä)maä) öerbient?" 
-— fo glaubt ^err ©tar!, ba§ SBort b e f d^ e i b e n f olle einen 
G^rofterjug be§ alten Äönig^ anbeuten, be§ Äönig^, ber felbft 

«crnttij», ©djriftcn IIL 9 



130 3u SMefpeare 

in ber ^eftigften 9lufregung feiner tjo^en Stellung fid^ betpufet 
bleibt unb bem ®iener einfd^ärft, nid^t jn Dergeffen, mit tpem 
er rebe. Slber in ber Urfd^rift fagt fiear, with all modest haste, 
unb modest bebeutet l^ier, njie meift im ©l^afefpearefc^en ®pxciä)^ 
gebraud^, nid^t^ meiter atö gcjiemenb, fd^idfid); ein tiefer 
liegenber @inn ift in bem einfad)en Sluöbrud nid^t ju fud^en. 
Unb ebenfo tüenig ^Rad^brud ift auf ein 3BortfpieI ju legen, ba^ 
fid^ Sear entfd^Iüpfen lä^t in jenem grauenöoK tieffinnigen ®e^ 
fpräd^ mit ©lofter (4, VI), baö überall, nad^ Sbgarö SBort, 9Ser== 
nunft in S^oü^eit (reason in madness) jeigt. Dl^ne 3^^^f^t 
ift ber SSerfaffer in feinem ^^ä)i, menn er (@. 74) befiauptet, 
ba^ „(Seifteefranfe fid^ oft mit großem ©e^agen in fpi^finbiger 
@i(benftec^erei crgel^en". 2lber l^ier menigften^ l^at ©l^afefpeare 
nid^t^ bergleidjen anbeuten njoüen. Sei einem SBortfpiel mu^ 
fid^ ber Ueberfe^er ju l^elfen tüiffen, fo gut e^ fid^ eben fd^iden 
tt)ill; meift fommt eö in ber fremben ©prad^e abfid^tlidjer unb 
fd^njerer ^erau§, alö im Original; unb fo aud^ I|ier. Sm 
S)eutfd^en lieft man: 㤚 leiten fie bir 2lugen unb polten 
bir ben SBeutel?" Sm (£nglifd|en finbet man nur eine jener 
^äufig ttJieberfel^renbcn Spielereien ätoifd^en ben oerfc^iebenen 
SBebeutungen öon case, heavy unb light. Ueber fold^e 3Bort=^ 
toi^eleien toirb ber Äenner beö Driginate rafd^ tocglcfen; fie er* 
langen in ber S^afefpearefd^en @prad)e getoifferma^en ein 
^eimatpred^t unb ergeben nur feiten ben Stnfprud^ auf tiefere 
d^arafteriftifd^e SBebeutung. 

Obgleich ber SSerfaffer feinem Qto^d^ gemä^ überall nur 
barauf augge^t, ®l^a!efpeare§ tiefe unb aHfcitige Äcnntnife ge* 
ftörter ©celenjuftänbe nad^ä^toeifen, fo toxü er un^ bod^ nirgenb^ 
ju ber Slnna^me brängen, ber S)ic^ter muffe biefe Senntniß fid) 
mit bettju^tcr Slbfid^t ju eigen gemad^t, fie auf bem ernften 3Bege 
beö Stubium^, ber ftrengen ©eobad^tung ertüorben l^abcn; er 
fö^eint öielmel^r bie fd^öpferifd^e Slnfd^auung^fraft be^ 5ßoeten, 
bie mit ber fd^affenben 9?atur im gel^eimcn SBünbnife ftel^t unb 
njirft, i^rem oollen Umfange nad^ anjuerfennen. ^Doppelt öer* 



©I)afefpcarc qI§ Kenner be0 SBal^nfinnl 131 

tüunberlid^ f fingt bat)er ber Sluöfprud^: „@ici|er f)at ©l^afefpeare 
©cifte^franfe beobad^tet" (©. 94). Sft bieg „fidier" nidit in ein 
,,mögUc]^" p ermäßigen? 3Ber tüiß bem §(]^nung§t)ermögen be§ 
^ic^terg, mit bem er ha^ ?(ff umfaßt, bie ©renje je^en? SBer 
tüill beftimmen, toann nnb ttjie bie 3t^nung [id^ jur ttarften 
^fnfd^anung fteigern fann? S^afefpearc trägt nid|t nnr, tüie 
Goleribge mit tj^perbolifd^er SBetonnberung e§ auöbrüdft, 50?^riaben 
Seelen in fid), er ift anä) ber StHtüiffenbe , it|m ift alleö 
ein offenbaret @et|eimnife. ^at man nid^t bel^auptet, er muffe 
bei einem Slböofaten fid^ für bie juriftifd^e 2!^ätigfeit Vorbereitet 
^aben, tt)ci( er bie tedE|nif(f)en Slu^brüdEe ber engtifd^en Sted^t^- 
fpradfie mit einer an bem Saien unbegreifUd^en ®enauig!eit an- 
lüenbet ? ^at man nid^t bel^anptet, er muffe Stauen bereift l^aben, 
tüeil ung ber Slomeo unb bie Suftfpiele in baö italienifd^e Seben 
fjineinäaubcrn ? 3)er toal^re Äenner beö 2)id^ter^ t|at für 
fotd^e $Bef|auptungen nur ba^ Sädjeln be§ Unglauben^. Sr ttjeiß, 
bafe S^afefpeare an fid^ unb feinen SBerfen mit bem ganzen 
Srnft beö edE)ten Äünftler^ gearbeitet l^at; er toeijs aber aud^, 
bafe e^ üergeblid) ift, ben SKitteln nad^jufpüren, burd^ ttjeld^e 
ba§ (Senie jum ©rfennen unb Seätoingen ber 3BirfIi(f)fcit unb 
i^re^ unerfd^öpflid)en Snfjalt^ grfongt. 3)ie 3BeIt mit aßem, 
toa^ in il^r ftc^ regt unb betocgt, ift ba^ @d^a^t|au^, ba§ bem 
Siebter immer offen fielet; mit aufgetl^anem SBtid fielet er l^ier 
QÜe^ unb greift l^erau^, toa^ feine @d£|öpfungen mit Seben füllen 
unb mit bem rcic^ften ©d^mudfe jieren fann. 

2)er aüumfaffenben ©nbilbung^fraft beö bramatifd^en 
2)i(^ter^, ber auö ber grenjenlofen ^üUe be§ 3)afein§ fdfjöpft, 
mufe bie ©inbilbung^fraft be§ ©d^aufpielerö entgegen!ommen. 
äudE) ber ©d^aufpieter mujg ettoa^ öon bem Sl^nungg- unb 
?lnfd^auung^oermögen, ba^ ben S)id^ter öor aüen ©terblid^en 
Qu^äeid^net, ju feinem Slntl^eil erl^alten l^aben. 2luc^ i^m mu§ 
bie ®abe öcrlietjen fein, bie äerftreuten ©lemente ber 3Bir!lid^feit 
in einer l^öl^ern (Sinl^cit ju fammcln; aud^ er mu§ in jenem 
^a(6 bett)u]5ten, fialb unbetou^ten ©inDernel^men mit ber Jiatur 

9* 



132 3u S^afefpeare 

ftel^en, um ba, too aud^ bie getiauefte SBeobad^tung nid^t aitg* 
reichen !ann, burd^ freie %^at be^ fünftlerifd^en (Seiftet bie 
SBirflid^feit ju etgänjen. 3)iefe gätjigfeit toirb er um fo 
fidlerer au^bilben, je tjiugebenber er fid^ bem ®eifte be§ großen 
©id^terg unmittelbar anfd^üe^t, öon biefem Seituug unb SBelelirung 
empfängt unb feine ®eftaltung§fraft nur im S)ienfte beffelben 
übt. S)enn er ift berufen ju öerförpern, toa^ ber 2)idE)ter 
gefd^affen, nic^t aber ben ©toff ber 3BirfIid^feit, ben ber S)id^ter 
fiinftlerifd^ öerHört unb Dergeiftigt, auö bem Äunfttperf roI| 
tnieber au^^ufd^eiben unb bie nadte SRealität auf bie SBül^ue ju 
fd^Ieppen. 2luc^ bem grojgen @d£|aufpieter, tüie bem S)id^ter, ift 
bie ununterbrod^ene SBeobad^tung ber SBirttidifeit geboten; feine 
Äenntnife ber 3iatur !ann nie reid^ genug fein; il^m tnerben 
aber bie manigfaltigen ©rfd^einungen be^ tt)irffid^en 2)afeinö, 
bie fein SBIid bel^errfd^t, nur jur ©runblage be§ fünftlerifd^en 
Drgani^muö bienen, ben er, gemeinfam mit bem 2)id^ter unb 
ganj nad^ bem SBiUen be§ S)id^ter^, fä)öffen mujg. Sft jn^ifd^en 
il^m unb bem 5ßoeten nod^ ein SSermittler nötfjig, fo tvä^U er 
am beften einen fold^en, ber if|m aU ein Äenner ber ^oefie unb 
jugfeid^ ber SBü^ne ba^ Äunfttoerf im fünftterifd^en Sinne 
ausbeutet. 3)er ©arfteHer beö Sear finbet 5. S8. biefe ertoünfc^te 
SSermittlung in einem föftlid^en 2(uffa§e, ben un§ Xied in feineu 
bramaturgifdjen Slättem erl^alten l^at. £)b aber and) eine 
ärjtlid^e ß^arafterftubie, toie fie §err @tarf un^ öorlegt, bem 
©d^aufpieler frommen mag? 3Bie leidet !ann biefer burd^ fold^ 
S8etradE|tungen über bie ©renjen be§ Äunftttjerfeö ^inauögefü^rt 
tüerben, toie leidet lann er in SSerfud^ung gerattjen, ba^ 
bid^terifd^e ®ebilbe auö ber 9tegion fünftleri)d£|er §lnfd^auung 
auf ben platten ©oben ber aSirflic^feit äurüdjut)erfe^en ! Sd| 
jttjeifle aud^, bajg toatjr^aftig grofee ©d^aufpiefer, auf bie ^ttvai 
t)on ber fd^affenben SBegeifterung be§ S)id^ter^ übergegangen, 
jemals fofd^e ©tubien mit gleife unb ©mfigfeit gepflegt ^aben. 
911^ ©d^röber 1780 in SBien ben ßear fo erfd^ütternb bar* 
ftetite unb ben auffteigenben 3)ämon bes SBal^nftnnö mit fo 



©bafefpearc qI§ Äenncr be§ SBa()nfmn§ 133 

furchtbarer 398al|rf|eit jur ©rfc^einung brad^te, bafe bie ©d^au- 
Ipiderin, tüeld^e bie ©oneril gab, fid^ jut Uebernal^me ber SloHe 
nid^t tpieber betüegen liefe, ba tüirb er fid^ tDoi)l n\ä)t 
Dörfer in ben Srren^äufem umgefel^en tjaben. Sollte aber 
ein SWime an biefen Stätten ber SJerstPeiflung SSorftubien für 
ben 2ear grünbfid^ betreiben woHen, fo möd^te e§ il^m toaf)t^ 
fc^einlid^ ergel^en toie jenem 3)arfteIIer beö Sönig^ Sodann, 
öon beffen Seiftung mir eine fröl^Iid^e ©rinnerung geblieben 
ift. ®er forgfame Sünftler l^icft fid^ öor allem öerpflid^tet, 
bie Cualen be^ 3Sergiftung§tobe§ red^t anfd^aulid^ ju öerfinnlid^en. 
Sr ertjolte fid^ SJatl^ö bei einem öielfad^ erfal^renen Slrgte nnb 
empfing üon biefem bie erfc^öpfenbfte SBele^rung über bie 
©eberben unb ßudnnQ^, bie ba§ peinöoHe ^infd^eiben ber 
Vergifteten ju begleiten pflegen. SBirflid^ geberbete er ftd^ benn 
audE) in ber legten ©cene fo naturgemäß, bafe er tragifd^e 
Jurc^t unb tragifd^eö 3RitIeib bei feinen ßi^f^ciuem ööKig erftidte 
unb fie jur lauten Sleufeerung ganj entgegengefe^ter Smpfinbungen 
jmang. 

9Rit fo tiefem Ä!unftt)erftanb I|at ©^afefpeare bie ?iotI|* 
' rocnbigfeit in bem SBefen Sear§ begrünbet, bafe toir un^ biefen 
ß^arafter unb bie 3;ragöbie, bie fid^ um i^n betüegt, nid^t 
benfen fönnen o^ne biefe bunffen ©d^redfniffe ber geiftigen 3ct= 
ftörung, in toeld^e bann tüieber ber gel^eud^elte SBatintni^ Sbgar^ 
mit greüen Sid^tern l^ereinfpielt. Unb bod^ tüeife bie ^abel, 
loic bie ßl^ronifen fie überliefern, nid^t^ öon bem SBal^nfinn 
be^ für feine eigene 9?erbfenbung burd^ ber 3;öd)ter Unbanf fo 
graufam l^eimgefud^ten Sönigö. SBie ber Sl^ronift |)oIinö^eb, 
ben S^afefpeare für feine gefd^id^tlic^en S)ramen benu^t, bie 
Gegebenheit erjäl^It, toie ber eb(e Spenfer fie im jttjeiten SBud^e 
ber geenfönigin in trodEnem S8erid)te Dorfü^rt, ja mie nad^ 
S^atefpeare^ Qtxt SKilton in feiner altern ©efd^id^te Snglanbö 
fie in feiner fünftlid^ geglieberten unb gefdimüdEten 5ßrofa präg- 
motifc^ barfteHt, erfd)eint fie aU eine jener fagenl^aften 
JInecboten, bie tnol^I ber ^l^antafie einen bilbfamen Stoff bieten. 



134 . 3u ©l)nfefpcare 

aber bte ntenfc^Iidic 2^etlnaf)me lüeber feffelu nod^ erregen 
tonnen. dlxd)t anberö erfd^etnt fie aud) nod^ in einem altern 
©d^aufpiel, ba^ bem großen ©ramatifer unsn^eifel^aft befannt 
tüar, ba^ %kd fogar i^m fefbft afö eine früfje 3ngenbarbeit 
l^at jnfd^reiben tüoüen. Ueber bie alläu tüeid^e unb jal^me S)ar= 
fteüung ift ^ier unb ha ein fanfter SRei^ be^ 3Rärd)en^aften 
Derbreitet; bie tragifc^e ©pi^e tt)irb aber abgeftnmpft unb ju^ 
gleid^ bie Söebcutung ber innern ©eelenöorgänge auf ein ge= 
ringet 3Ra^ tjerabgebrüdft, inbem alle^5 am @d)[u§, bem S8e= 
rid^te ber Gj^ronifen gemä^, fid^ einer günftigen 3Benbung ju^ 
neigt. 3)ie Derfannte treu gebliebene Jod)ter ftraft burd) einen 
glücKid^en Ärieg bie fd)n)efterlid)en UnJ^oIbe, unb ber ]ä)tvzx- 
geprüfte ^errfd^er fann fic^ feinet S)afein^ nod^ länger freuen. 
(Srft S^afefpeare ^at bie ^anblung aue ber ^üüe be^ 5öiärd)en§ 
lo^gelöft, il^r eine njunberfame m^t^ifd)e @ro§artig!eit mitgetljeilt 
unb i^r ben gebiegenften menfd^Ud^*fitttid)en ®el^alt jugefü^rt, 
inbem er burd) eine feiner ftaunen^njürbigften @d|öpfert^aten 
il^r einen neuen SJJittelpunct gab: ben ©l^arafter Sear^. 
©ine 2lf|nung Don ber fd^affenben SBeiö^eit be^ 2)id)tcr^ toirb 
un^ aufgellen, tpenn tüir erfennen, tüie burd^ biefen Sl^arafter 
aÜein bie §anblung in ftrenger golgerid^tigfeit ju ber fd)tt)inbetn:= 
ben §öl^e bc^ furdjtbar 2ragifd)en emporgefjoben tüirb. 



5um BtuMum bes bentfö^cn nnb engltfc^en 

6^atcfpeare. 

9Sor geraumer ßett toarb in biejen ^Blättern (fiefje oben @. 109) 
ber befd^eibene SBunfd) geäußert, bei ©arfteßung ber S^afefpeare* 
fc^en ^iftorie t)on §einrid^ IV. möd)te ber „ftotternbe" ^eifefporn 
üuf beutfd^en SBül^nen fic^ nic^t ferner Dernefimen laffen. 3)iefer 
SBunfdi erregte, tüie id^ öon mand^en Seiten erfufjr, SSertüunberung 
unb 333iberfprud^. SDer ftotternbe §elb l)at im Saufe ber ^a^re 
^reunbe getponnen, bie jum Sd^u^e feiner gefä^rbeten ©jifteuä 
bereit finb. 5D?öge man xijvx benn aud^ in 3"ti^^f^ ^^^ Sefi^ 
biefer @igentpmlid£|feit gönnen; möge man fid) nur audEi ^n^ 
gleidE) überijeugen, bafe e^ feine^meg^ ber SDid)ter ift, ber feinem 
^Iben biefe feltfame 3lu§äcicf)nung üerliel^en f|at. 2)er §eifefporn 
tüar baö SJiufterbilb, bem bie eble 3ugenb Snglanbö nad)eiferte; 
fein SSefen tnar if|r tüie ein Spiegel, t)or bem fie fid^ fd^müdEte; 
üU fein Xtjun galt aU eine SSorfd^rift, ber man gef)orfam folgte. 
@ang unb ®ebärbe, Haltung unb ©prad^e beflife man fic^ bem 
öetüunberten abäulernen; unb um bem SSorbilbe öoHenb^ ju 
gleidEien, l^ätte bie junge SRitterfd^aft be^ Äönigreic^^ fid^ fünftlid^ 
üuf§ ©tottern öerlegen muffen? 

9lid)t bod^! S)ie 3"^9^ ^erc^ö regt fid) befjenbe unb ge= 
•läufig. ®Ieid^, fo ttjie er fid) un^ jeigt, ttJirb if)m öom 
5)id^ter ©elegenl^eit öerfd^afft, feinen Slebeflufe in breiter güHe 
ba^erftrömen ju laffen. SDer Äönig ä"^«^ ^^^ (1^ lU)/ ^^^^ 
er nad^ ber fiegreidben @d)Iad^t bei ^olmebon bie geforberte 
|)crau^gabe feiner befangenen üerttjeigert t)atte. 5ßerc^ erflärt 
unb entfd^ulbigt fein 3Serfaf|ren burd^ bie fein eigene^ SBefen fo 



136 3u Söfltefpearc 

föftlic^ bejcid^nenbe Sc^ilbcrung be^ glatten, gefd^itiegetten §öf=^ 
lingö, bcr jene gorberung tl^m überbrad^t. ©nunböierjig SSerfe 
umfafet bicfc Siebe, in tt)eld^er ba§ meifterlid^e S^arafterbilb mit 
feftcn 309^^ ^^^ ^^" frifd^eften garben au^gefü^rt ift. ©d^teget 
fal^ fid^ im tjarten 3Bettfampf mit bem Criginal fogar gejtoungen, 
bie Sd^ilberung nod^ um einen 9Serö auöjnbe^nen. 

Unb läfet 5ßerc^§ fernere^ 93er^alten irgenb eine Hemmung 
feiner Sprad^organe bermut^en? SRic^t^ toeniger aU baö! 9?ad^* 
bem ber König mit raul^er 3)ro§rebe i^n üerlaffen, ba öerfünbet 
fic^ in bem braufenb ergoffenen SBortftrom erft ber ganje ^eife^ 
fporn. (Später freittd^, toenn eö jut 2^^at gefommen, im Se* 
ginne be^ ©ntfd^eibung^^fampfe^, fagt er mit 9?ec^t, fein gadt^^ 
fei nid^t ba§ Sieben (5, 11: I profess not talking). Se^t aber 
ift bie erfe^nte 3;^at il^m nod) t)erfagt; baö ®efü§I be^ erlittenen 
Unred^t^ ftad^elt il^n; er fie^t mit Sngrimm, tpie übel feine bem 
fürftfid^en ©mporfömmling geteifteten 55ienfte Vergolten »erben; 
getoaltig brängt unb treibt i^n bie ©egier ber 9iad§e; unb fo 
mu§ er ber Seibenfd^ft, bie. i^n übermeiftert, toenigftenö in 
SBorten fid^ entfaben. SSor bem tobenben ?Iu^brud^ feinet 3^^"^^ 
muffen SSater unb D^eim fo gut tpie öerftummen. ®r »iH 
feinen Orimm mit immer toieber üon neuem losbred^enben §o^n* 
unb Sc^eltreben böüig erfättigen; bann erft lauf d^t er gefpannt 
ben fc^Iau überbad^ten planen be^ "^^oütifer^ SESorcefter, unb fo= 
tDie fic^ bie Slui^fid^t auf erfotgreic^e» ^anbeln i^m eröffnet,, 
tperben SBorte nu^fo^. Seine (Sinbilbung^fraft ift entjünbet; 
er fie^t fic^ fc^on inmitten üon Sc^Iac^t unb Kampf; in furjen 
3fuörufen giebt er ben (Snttoürfen be^ C^eim^ feine feurige 3^=^ 
ftimmung. 

?tuc^ im toeitern SSerlaufe be^ Sd^aufpiel^^ ift ^erc^ fein" 
SSortfparcr. 6r fpric^t nie, um ju fpred^en; aber im 3)ienfte 
feiner leidjt gereiften Smpfinbung ift feine Söerebfamfeit fo fc^tag* 
fertig toie fein Sc^mert. 3fu(^ bei ernften politifc^n ^er^anb- 
lungen fc^eint if)m feine 3^^"9^ keinerlei ^emmnife ju bereiten. 
@r neigt bann fogar ju einer gemiffen Umftänblic^feit. 9Äau 



3um ©lubium bcS beutfc^en unb cnölifcfecn ©Mcfpeare 137 

fe^c nur, tpie breit er in her britten Scene be§ vierten ?lfte^ 
bem föniglid^en Slbgefanbten bie ®rünbe barlegt, toeld^e feine 
?ßartei ju offener g^inbfefigfeit gegen ben Ufurpator treiben! 

S33ie nun geriet)^ ber J^errüd^e §elb inö Stottern? Sin 
ge^Igriff ©d^Icgetö f)at biefe§ 3Ri§gef(^id öerfd^ulbet. 

Sm jn)eiten %^ük §einrid^^ IV. ift 5ßerc^ unfern ?lugen 
fc^on entrüdEt; aber ba^ Söilb be^ 3Kanneö, ber aud^ ben fieg* 
reichen Oegner ju liebeDoHer SSetounberung geätoungen, bleibt 
ber Srinnerung ber (Seinen feft eingeprägt. 2)ie britte @cene 
be^ jnjeiten 2Ifte^ fdCjeint faft nur bem Qw^d^ beftimmt, ba^ 
35ilb in leud^tenbem ©lanje aud^ t)or unfern Singen nod^ ein* 
mal aufftcigen ju laffen. ^erc^ö 93ater, ber alte 3iort§umber== 
(anb, glaubt ftd^ bem Kampfe nid^t länger entjiel^en ju bürfen. 
©nft ^atte ^erc^ öergeben^ nad^ ber §üffe au^gefd^aut, bie i^m 
ber SSater jugefagt; biefer, burd^ ängftlid^ bered^nenbe ßfugl^eit 
iurüdtgc^alten, fpicite bamate ben Tanten (crafty-sick) unb 
überliefe ben §arrenben bem unabtoenbbaren 9?erberben. Se^t, 
ba il^m ber ^elbenfol^n geraubt ift, je^t mill er ben (Geboten 
ber 6^re folgen unb fic^ ben ©egnern ßönig ^einrid^^ offen 
anfd^liefeen. ©ein 3Beib i^at xf)n oor bem bebeuHid^en ©d^ritle 
getoarnt; bie SBitttoe 5ßerc^§ aber bringt mit leibcnfc^afttid^er 
SRebe auf tl^n ein, er foHe je^t nid^t rtu^Io§ ber (Sefal^r fid^ 
Jjreiögeben, inbem er ju fpät bem SRufe ber (£^re gel^ord^e. 3Rit 
^erbem SSortourf mal^nt fie if|n an jenen Sag beio Unl^eite, ba 
er be§ ©ol^ne^ @^re unb feine eigene l^ätte retten foHen. 9ln 
jenem Xage aber l^atte man 5ßerc^ fd^mäf)Iid^ allein gelaffen, il^n, 
nben l^errlid^en, biefeö SBunbenrerf öon 5Diann!" (him, O won- 
drous him! miracle of men!) SBon fd^merjüd^er SBegeifterung 
^ngeriffen, fd^ilbert fie bie ©eftalt be§ SKanne^, ber aßen Sblen 
t)orangeIeud^tet; jeber 3ug feine^5 SBefen^ tritt t(ar ^erDor, unb 
— nun folgt ba^ Derl^ängnifeDoHe 3Bort — 

„Unb (Stottern, toa^ ein ^l^Ier ber 9latur 
85ei i^m, toarb ber Sfccent ber 3;apfern nun." 

9Ran Icfe ben §^mnuö, ben bie Sirauernbe bem ®ema^I 



138 3u ©l)Qfcfpcarc 

nad^fenbet, im ß^^fömmen^ange unb überzeuge ficfi, tüie biefe 
Ißerfe ben ©d^tüung ber Siebe ptö^Iid) l^emmen unb ba^ §eroen* 
bilb entftellen. Sollen tütr aber glauben, bafe bie ©ntfteHung 
Dom 3)id^ter felbft ausgegangen? @f)afefpeare läfet bie Sab^ 
jagen : 

And speaking thick, which nature made his blemish, 
Became the accents of the valiant. 

To speak thick ift ein aud^ in ber Sprache beS fed^jel^nten 
3at)r^unbertö nid^t eben ^äufig erfd^einenber Slu^brudE, bem man 
in ber je^igen UmgangSfpradie, tüie mid^ ein grünbtidE)er Kenner 
berfefben öerfid^ert, mä)t me^r begegnet. 3BaS ber 2)ic^ter jeboc^ 
mit biefem SluSbrudE bejeid^nen tüiß, baö ergiebt fid) untt)iber= 
leglid^ auö bem ®egen ja^e, ben bie folgenben 3^^^^^" anbeuten: 
ienn — fäl^rt bie 2ab^ fort — 

®enn bie, fo leij' unb rut)ig fpred^en !onnten (low and tardily), 
SSerte^rten i^ren SSor^ug in ©ebred^en, 
3^m gleid^ ju fein. 

3tIfo tt)irb ber §eifefporn njo^I fel^r rafct) gefprod^en, fid^ 
im Sieben überftürjt t)aben, fo ba^ man biefe Sigenart ober Un* 
art tt)o^I aU einen gledfen (blemish) bejeidEinen !onnte. Slber 
fie bilbete einen fd^arf bejeidinenben Qu^ feinet 3BefenS; fie 
burfte nid^t übergangen toerben, tt)enn er nod) einmal leibl^aft 
unferm geiftigen Sluge fid^ barfteßen foüte. 

ßiner ber neuern Herausgeber beS S)id[)terS, (Staunton, 
ier )xd) in feinen Srflärungen oft einer rü^mlid^en Slürje be- 
fleißigt, liegt benn auc^ fein öebenfen, fd^led^tmeg ju fagen: 
speaking thick — that is speaking rapidly, 3)er ^ei^fpom 
fpridl)t alfo fctjueU. Unb toelctje Slrt ju fpredien fönnte i^m beffer 
gejiemen? 

3lber anftatt unS Don ben Srflärern SluSfunft ju erbitten 
ober uns bei anbern Slutoren beS fed^je^nten 3at|rt|unbertS 
umjut^un, füllten toir äut)örberft beim S)id^ter felbft anfragen. 
Stjafefpeare ift gleid) bem §omer öor allem auS fid^ felbft ju 



3um ©tubium bc§ beutfc^en unb eiiflIiWen 8()a!cfpeare 139 

erflciren. Qtoax erfdfieinen anä) bei i^m 3Börter, tüeld^e in bem 
tüeiten Umfretfe ber 3Berfe, bie tütr afö bie feintgen beäeugt 
finben, nur einmal jur 9Intt)enbung fommen. S)a mag benn 
tüo^I bie ©rftärung ^ier nnb ba fditDanfenb bleiben. SSiel 
l^äufiger jebod) ^ebt ber ®id)ter fefbft bie ©ditoierigfeit, bie un§ 
6ei ©urd^forjcfiung feinet Stejte§ ftu^ig mad^t. @in ungen)öl^n= 
(id^erer, eigenartig geprägter Slu^brucf fann nn^ an ber einen 
Stelle über feine ttja^re SBebentung in 3^^^?^ Söffen; er fe^rt 
ober an einer anbern tüieber, auö toeld^er ber Sinn jttJeifello^o 
erfiettt. @o teilten ficf) bie einjelnen ©teilen tüedifetetoeife ba^ 
ertDÜnfdf|te Sid^t. 

5lud^ für ben umftrittenen 3lu§brucf to speak thick ge^ 
löä^rt ©l^afefpeare fetbft bie unstüeibeutige Srflärung. 3Bir 
laben fie im S^mbeline ju fud^en. 

5ßoftt)umu^5, öon ber öerbred^erifcljen StüdEe beö Staliener^ 
umgarnt, glaubt an bie @d)ulb feinet SBeibe^. 9iur mit i^rem 
Sobe fann er ben öermeintlid^en ©rud^ ber Streue ftrafen. 2)er 
9Korbbefe^l ergebt an 5ßifanio, ben in aßen 3Bed^felfällen be^^ 
£eben§ erprobten 3)iener. 3n ber jtüeiten Scene be§ britten 
St!te^ tritt biefer jögernb ber §errin entgegen, bie er t)on jeber 
Sefledfung unberül^rt tozx% 9(uf ©efe^l be^ ^ßoft^umu^ l^at er 
i^r beffen ©rief ju überliefern, ber beftimmt ift, fie nad) 9KiI* 
forb=§afen ju lodEen, njo er bie SKorbt^at üoßbringen fott. SJiit 
Sntjüdten nimmt Smogen bie 3Borte beö @cl)reiben§ in fiel) auf, 
bag i^r ein na^e^ 3Bieberfe^en be^ geliebten SÄanne^ trügerifd) 
t)er^ei§t. 5D?it aßem Ungeftüm übertt)aßenber greube bringt fie 
^eftig unb heftiger in ben jurüdE^altenben 5ßifanio, er foße it)r 
flug^ bie Sänge be§ 3Bege§, ber nad^ 9Kilforb=§afen fü^rt, unb 
bie 3citbauer ber 9Jeife angeben: 

2)'rum, bu Breuer, 
(2)er, fo tüie id^, fid^ fel^nt, ben §errn ju fd^au'n: 
@ic^ fel^nt, — bod) minber — nid^t, n\6)t fo, tt)ie id|: — 
S)ennod^ fic^ fel^nt — bod^ f cl)tt)äc^er : — nid^t toie id^; 
2)enn mein'§ ift enbto^, enblo^), fprid^, unb fdfineß 



140 3" Sfeafefpcarc 

(Slmor^ SSertrautcr mü^te bc§ ®e^örg 
©tngängc rafc^, big jum ©rftidfen füllen), 
SBic tDeit e^ ift, bie^ ^od^begfüdte äRtIforb. 

. 3)orott|ea %kd — benn t)on i^r ftammt bie Uebcrtragung 
bcö jd^tpicrigen SBerfe^, bie utt^ ber ®cf)tegeHiccffc^e @t|afe* 
fpcare bietet — 3)orot]^ea ^ai bie fortreifeenbe ®ett)alt ber ©efjn* 
fud^t, tüeld^e in ben SBorten Smogenö glütienb at^met, nid^t jum 
öoKen Slu^bmd gebrad^t. Slber bie SBorte ber Sitte, mit tpeld^er 
bie Slrgfofe ben traueröoß baftel^enben S)iener beftürmt, finb 
rid^tig gefaxt unb miebergegeben. Say and speak thick ruft 
fie il^m ju. ©ie toirb bod) mä)t etnja öerlangen, er foüe il^r 
bie gett)ünfd^te Äunbe ftottemb mittl^eilen ; nein, in ununter* 
brod^ener J^olge, bict|t an einanber gefc^toffen, foHen bie SBorte 
fid^ über feine Si^jpen brängen, bamit fie fo rafc^ toie möglid^ 
erfal^re, toann unb tpie fie ba^ 3^^^ ^^^^^ ©el^nfud^t erreid^en 
fönne. 

SSele^rt burd^ ®^afefpeare§ eigene^ unanfed[)tbare^ S^^S^^fef 
ttjiffen njir nun, toie §einrid^ 5ßerc^ ju fpred^en pflegt. 3Boju 
nod^ auf anbere ^i^ätn bertoeifen, in benen thick, balb afe 
Stbjectit) erfd^einenb, balb abDerbialifd^ gcbraud^t, bie SBebeutungen 
bid^t unb fd^nell in fid^ Dereinigt ober ätcifd^en bciben gleid^fam 
in ber 3Ritte fd^tüebt? SBoDten toir aber, nad^ bem SBorte bc^ 
S)i(^terö, bie ©id^erl^eit boppett fidler madEien, fo fönnteu toir 
einen ber toürbigften ß^^Ö^^^ff^^ ©l^afefpeareö aU ®ttoaf)t^^ 
mann herbeirufen, ben Ueberfe^er §omerö, ©eorge ß^apman. 
Sieben Sudler ber SKa§ fjatte biefer nod^ üor bem Stblaufe be^ 
feclijel^nten Sa^rl^unbertö erfdjeinen laffen^); bi^ jum Saläre 1611 
tt)ar bie Slia^ ju (£nbe geführt, ber fidEi 1616 bie öoUftänbige 
Db^ffee anfc^tie^en fonnte. S^apman f|at bie §omerifd^en ®e^ 
bid£|te nic^t fotool^I überfe^t, aU öielmel^r auf engüfctien ©oben 

*) (S§ waren aber nicfctr toie S3obenftebt itn 3a&rbuc6 ber beutfcftcn 
©^a!efpeQre»®efenf*aft 1865 ©. 392 angicbt, bie erften fieben »üd^cr; 
fonbem bem erften unb jweiten folgten unmittelbar bie fünf fpätern, Dom 
fiebenten bi3 jum elften. 



3um ©tubium bc§ bcutfcfecn unb cttöHWcn SI)afcfpcare 141 

hinübergetragen. @r l^at ben jomfdien Sänger nad^ englifdiem 
^xand) nm^ unb eingeHetbet. S)er S)arfteIIung beö fernen 
|)elbenalter§ i)at er eine burd^au§ Dolfömö^tge Färbung ge- 
liehen, tpelifie bem ©inne ber ß^i^fl^^^fl^^ ©fjatejpeareö ju* 
fagen mufete. Site um ben ^Beginn unfereö Sa^rtjunbertö bie 
®nglänber mit frifd^ belebter Steigung in bie ältere jugenb^ 
fräftige 5ßeriobe itjrer Sitteratur jurüdEblicften, mujgte anä) ba^ 
lange mi^ad^tete SBer! ßl^apman^ in il^rer ©d^ä^ung [teigen. 
SRänner Ujie ßoleribge unb 6]^arle§ Samb erflärten eö für 
eines ber. f oftbaren SBefi^tl^ümer ber nationalen 5ßoefie; unb 
feitbem blieb il^m bie SBetounberung aDer berer gefid^ert, toeld^e 
an bem altertpmtid^en Ätang einer in freier güöe l^eröor- 
fprubeinben, mit finnlid^er Sraft auSgeftatteten @pradE)e it|r 
SBo^IgefaHen finben unb auS einem überfe^ten §omer öor allem 
ben ©runbton ungefünftelter SSoIfebid^tung tierauSl^ören toollen.*) 
^ie ©nglänber fönnen bie 2lrbeit beS S)otmetfd£|en§ mit bem 
5Serbum to english bejeid^nen, ä^nfid^ toie tüir Don einem 3Ser* 
beutfdfien reben; toäre unö eine analoge 3BortbiIbung geftattet, 
fo möd^te id^ fagen, ßl^apman tiabe feinen §omer in jebem 
@inne ganj unb gar öerenglifd£|t. 

SSiH Stntenor im britten SBudfie ber SliaS baö S)oppeIbiIb 
be§ 3KeneIao§ unb Db^ffeu§ in frf)arfen QüQm entwerfen, fo 
fd^itbert er juerft, toie bie beiben im ©teilen unb im ©i^en bem 
Sfuge ftc^ barfteDten. 2)ann jeigt er fte un§, tt)ie fie aU Siebner 
auftraten; auS ber SSerfd^iebenl^eit itirer ®ebärbe unb ©prec^= 
tüeifc läfet er ben ©egenfafe il^rer Staturen tieröorleuc^ten. 
^enelaoS fprad^ — toie unfer 3So§ eS ttjiebergiebt — 

„nur fliegenbe SBorte öoll Sulfate" 



') ÜRand^e meiner Scfcr erinnern fid^ üielleidbt beg ©onctt§, baS ber 
frii^ Derftorbenc So^n Äcatg fcftrieb: „On first looking into Chapman's 
Homer**. 3" ^^^ neueften bon Sorb $ouöt)ton beforflten 5(u§flabe feiner 
3)i(6tunöcn (Sonbon 1879) fte^t eg auf ©. 65. greiliötatl) l)nt e§ nacfc= 
flebicfetet. 



142 3u S^afefpearc 

IrcitQoxaör^v uyoQevev (3, 213). Sfjapman fagt in feiner öier- 
jefinfilbigen jambifdien ^t\lt: 

And when their counsels and their words they wove in one, 

the Speech 
Of Atreus' son was passing loud, small, fast 

3m Sommentar jum brüten 5öucf)e aber fügt er biefen SBorten 
bie Srflärung bei, bie neuerbing^ ber befonnene nnb f(i)arffinnige 
5tlefanber 2)t)ce tüieber in ©rinnerung bracf)te: velocitevy 
properly, moclo eonim qui currunt; he spake fast or thick.^) 

©fjafefpeare rebet alfo im Sinffang mit bem Sprad^gebrand^e 
feiner 2!age, njenn er bie (£igentl)ümli(i)feit 5ßerc^^, rafd^ unb 
ftürmifdE) ju reben, bnrdE) ben Stn^brud speaking thick t)erbent(icf)t. 

9SieI(eicf)t l^at anf mand^en 93ü{|nen nnfereö SSaterlanbe^ 
^^erc^ ber übten ©enjolinl^eit be^ Stotternd fd^on entfagen 
muffen. SBoüen jebod^ nid^t aüe 2)arfteIIer be^ §ei^fporn^ 
fid^ belegen laffen, i^re Sioüe biefe^ feltfamen @dE)mndEe§ ju 
berauben, fo mag fotd^en @dE)aufpietern aud^ fernerfjin ba^ @rge|en 
unöertümmert bleiben, ba^ fie burd^ bie §tnmut{| i{|re^ funftöoüen 
Stotternd fid^ felbft bereiten. 2)ie greunbe be§ S)id^terö aber, bie 
il)n nid)t in feiner Urfprarf)e öernefimen fönnen, mögen n)iffen, 
bafe in ber 5(u^gabe be^ @rf)IegeI=3;iedEfdE)en SBerfe^, n)eIdE)e toir 
ber @{|afefpeare=®efenfdf)aft öerbanfen, jener folgenfd^toere, toenn 
aud^ IeidE)t öeräei^tidEie ge{|Ier längft getilgt njorben. Sn ben beiben 
SSerfen, n^eld^e baö Unfjeil öerfd^ulbet {jatten, n^ar nod^ ein 
anbereg fleineö äKifeöerftänbnife ©dE)Iegefö ju beri(i)tigen. 3)er 
treffli(i)e Sllejanber @dE)mibt gab ben 2)id^tertt)orten ifjr üolle^ 
SRerfit, inbem er überfe^te: 



') The Iliads of Homer. Done according to the Greek by George 
Chapman. With Introduction and Notes, by Richard Hooper. fionbon 
1857. 1,69. 80. {). 5P,. SReöel ^at öor furaem im fünften S5anbc ber öon 
^ölbing ^jerauSflegebcnen „^nglifc^en ©tubien'' eine grünblicö belel^renbe 
Slbf^Qnblunß über S()apman§ ©omer erfc^einen laffen. S)aS ©onett Don 
Äeatg bient \\^x jum paffenben ÜRotto. 



3um ©tubium be§ beutfcftcn unb cnölifcben ©()a!cfpeare 143 

„Unb fjaftig ©prerfien, toa^ fein geiler. tüar, 
2)a§ ftanb bem Söiunbe jebeö 3;apfern tüof)!."*) 

§ier ^cit atfo ein entfcf)utbbare§ 9Serfe{|en be^ Ueberfe^erö, 
bo^ fid§ nur auf ein einjige^^ SEBort erftredte, bie (55efamt= 
erfd^einung eine§ ebten gelben entfteüen fönnen. Sm JRomeo 
treffen n)ir auf ein anbere^ SRifetjerftänbnife, bem freittd) ntcf)t 
eine ganje 5ßerfon jum Opfer fällt, ba^ aber bod) in einer 
6ebeutfamen ©cene ben natürlidien Fortgang ber §anb(ung ttjie 
ber SReben empfinbtidE) ftört. 

®ben ^at SRomeo bei grauenbem 9Korgen öon bem 
angetrauten SBeibe ben fd^merjticfi afjnung^öoHen Stbfd^ieb 
genommen (3, V); ba mufe Sufia bie jegt' boppeft peinlidf)e 
©egenn^art ber SÄutter erbulben unb öon il^r bie @(i)recfenö!unbe 
t)erne{|men, bafe bie 9Sermäf|tung mit bem ®rafen 5ßari^ öon 
ben Sftern befdf)toffen ift, bafe bie 9Serbinbung mit il)m aföbalb 
gefeiert werben foll. @ntfcf)ieben fpricf)t bie 3;od^ter ifjre 
3Beigerung au^. 2)er SSater fommt {jinju. T)a er Sulien in 
S^ränen finbet, mu§ er glauben, xi)x Sammer geüe nod) immer 
bem t)ieI6eftagten 2!obe 2;t)balt^. @r fragt bie ©attin, ob fie 
bie frol^e §eirat{|§botfcf)aft fdf)on öerfünbet l^abe: 



*) 2luc^ in bct üicrtcn Sluflagc be§ „©Ifeafefpeare" öon ©cruinu^ 
wirb biefe Ucberfejunö tiacfcttQfllici& mitgetl&cilt unb groar in einer 9^otc auf 
S. 39J be§ erften S3anbe§. 3n bctfelben ^o\e roirb bel)auptet, ©cfcmibt 
„fül&rc in ber neuen 2lu§öabe be§ ©cbleöeI=S:iecffcben *8l)a!efpcare' 2, 146 
eine übüig aufüärenbc $atnllelfte(le in epmbeline 3, 2 an''. S)em ift 
nicbt fo. ©er cbenfo ßeiftöode roic grünblid^e Sotfcfcer begnügt ficfc am 
angejeigten Orte mit ber S^emetfung : „So lounberlicfc ein ftotternber {)ei6= 
fporn bem Unbefangenen erfd^einen mu^, l)at man e§ bod? uerftanben, x\)n 
pf^c^oloflifc^ gu conftruiren." UebrigenS I)aben ffiielanb unb ^fd&enburg 
il^tem grofeen SfZocfcfoIger ben SBeg be§ ^rrtbumg geioiefen, inbcm fie 
gpeaking thick butc^ „Slnftofecn mit ber Snnge" wiebergegeben. S)en 
Äenner be§ S^afefpearefc^en SeyteS braucht man !aum baron ju erinnetUr 
bafe in ber Duarto t)on 1600 ber Srauerrebe ber Sabp ^ercp bie 33erfe 
feftlen, roelc^e jenen üerf^ängnifeüollen SluSbrud in ftc^ fcfcliefeen. 



144 3u S^afcfpcarc 

„9?un, tüie fielet e^, grau? 
^aft bu il^r imfern JRatl^fd^tufe f)inter6rad^t?" 

®rdfin (Sapulet: 

„Sa, bod) fie tüiK e^ nicf)t, fie banft eud^ fe^r. 
SBär^ bod) bie 2I)örin i^rem ®rab üermö^It!" 

<Bo löfet ©dileget in Voller Uebereinftimmung mit bem S)icf)ter 
bie ®räfin antnjorten. S)ann fügt er aber bie SBeifung fiinju: 
tDill gelten, -=- afö ob bie ®räfin 3lnftalt ma(i)te, au§ bem 
3immer ju fd)reiten; unb bemgemöfe lä^t er ben Gapulet i^r 
nad^rufen: 

,,©ad^t, nimm mid^ mit bir, nimm mid) mit bir, g^au.'' 

©0 oft id^ bi^{|er bie 3;ragöbie bargefteHt faf), fanb id) aud^ 
bie SJBeifung @d)tegetö beobad^tet. S)ie ®räfin tüenbet fid^, 
nad£|bem il^r baö l^erjlofe SBort entfallen, ber Souliffe ju; ber 
alte ßapulet brel^t fidE) nad^ il^r um ; \v\U er jur SSerbeutlid^ung 
be^ fcenifd^en SSorgangö nod^ ein übrige^ tl^un, fo fafet er fie 
tool^t gar beim Stermet, um fie jurüdjul^alten. 

STber tüie feltfam ! SBarum foüte bie ©röfin ben ®emal^I, 
ber eben erft baö 3^"^"^^!-' betreten, f ogleid) ol^ne toeitereö üerlaffen 
tooUen? Unb n^arum follte gar ber ®raf fie auff orbern, il^n 
mit fid^ JU ne{|men? 

83eibe benfen audE) für^ erfte gar nidE)t anö gortgel^en. 
S)ie SButl^ be^ ©rafen mu§ jutjörberft in langen rollen ©d^elt* 
reben austoben; bann begiebt er fidE) l^intpeg, unb erft nadE| 
xi)m entfernt fid) bie ®räfin. 

Sn SBal^rEieit ift jene 9lbfidE)t ber ®räfin, fid^ früher ju 
entfernen, unb jener SBunfdf) Sapulet^, mitgenommen ju tt)erben, 
nur eine (Srfinbung ober öietmeEjr ein SRot^el^elf be§ Ueberfe^er^. 
®er S)idE|ter njei^ nidE|tö baöon. S)iefer tegt ber ®räfin ben 
unmüttertid^en SBunfdE) in ben 9)?unb: 

„I would, the fool were married to her grave !" 

Unb barauf bridE)t ber SSater Io§: 



3um Stubium be§ beutfcfccn unb cnglifcfcen. ©Oafcfpeatc 145 

„Soft, take me with you, take me with yoii, wife" — 

l)o§ Reifet: „(Srftär mifg beutltd^, erilär mif^ beutlidf)! SBaö? 
fie tüia nid)t?" 

38ie tüai)v unb einf ad^ erfd^eint nun a][Ie§ ? S)er 3uf ammen^ 
^ang tüte ber natürlidie gortfdiritt beö ©iaiogö ift ^ergeftellt. 
15)ie ©räfin giebt bem Sitten Jurjen 93ericf)t öon bem SBibers 
ftonbe ber 2:ocf)ter. Saputet, ftarrfinnig nnb jäl^äornig jugleidi, 
fann bie SWögtid^feit, bafe fein leiblid^eö Äinb feinem SJBiüen 
fid^ tüiberfe^e, gar nicf)t faffen. S{|e er feiner SButl^ frei ben 
3ügel fd^iefeen lä^t, mu§ ber l^artföpfige SSater erft feinem 
^qI6 ungläubigen Staunen über bie unerl^örte SSernjegenl^eit 
^luöbrucf geben. S^reffenb ^at audE) ^ier Sllejanber @rf)mibt 
Derbeffert: 

„@adE)t, idE) öerftef)' nidE)t, irf) öerfte^' nidE)t, grau." 

©d^leget merfte nid^t, ba§ er e§ l^ier mit einer bilblid^en 
Sleben^art ju tl^un l^abe; er blieb beim SBortlaut ftefjen, unb 
um feine faffdE)e Ueberfegung ju ftügen, fügte er für bie 
©räfin bie falfd£|e 3lnn)eifung l^inju.*) 

2Kit bem 9tomeo {|at ©djfegel fein SBerl eröffnet. @df)on 
tüei§ er bie Siebe^tragöbie in feiner Sprarfie reijDoß nad£|äubilben ; 
ober in mand^en ©injetfieiten tierrät^ fidE) bie Unfid^er^eit be^ 
fiünftler§, ber feine Ätäfte nodE) nici)t in lange fortgefe^ter 
Uebung aUfeitig entfalten fonnte unb be^^alb barauf tjergidEiten 
mu^, feine flar erfannten ®runbfä^e fdt)on überaß jur unbebingten 
Geltung ju bringen. S)emfelben SluöbrudEe, an tpeldEiem er 
bort, ol^ne beffen ©inn ju a^nen, öorbeigegangen, foKte er im 
S?erlaufe feiner großen Ueberfe^erarbeit norf) einmal begegnen. 

*) 3in ßntrourfe ber UeOcrfe^ung fcftlt bie Slnioeifutig; ÄatoIinenS 
^bfcfctift, aus TDelc^cr baS für ben S)rud beftimmte ÜJlanufcript l}etüoröingr 
iciflt baöegen bie ©orte: „Sic ®räfin roiU gelfen". Sie falfcbe Sluffafiunß 
finbet fic^ ifodb in ber jmeiten SluSgabe be§ ßfcfeenburflifcbcn ©()a!efpeare, 
beren jroölfter SSanb, SRomeo unb 3uHo entl^altenb, erft 1806 erfcbien. 
3n ber DuartauSgabe beS Driginal§ uon 1597 uermifet man jene ©orte 
SopuIetS. 

8crnQ))S, @(^iiften III. 10 



146 3ii ©bafefpeate 

S)er erfte 3;f|eil §einricf)ö be§ 9Sierten giebt un^ in einer t)iet- 
nmfaffenben ©cene be§ gtüeiten 3Ifte^ ein mit fatten färben 
au^gefülirte^ 93ilb be^ 2:reiben§, ju bem ber ^önig^fofjn, n)ie 
e§ fd^eint, burcf) @ir Sofjn ^afftaff tierleitet n^irb. SJlad^bem 
ber fjelben^afte Oegner ber elf fteifteinenen ^erte Don feiner 
genialifdf)en Sügenfunft bie grünblid)ften unb gtänjenbften Jöetneife 
geliefert, tö^t fid) ber ^ßrinj ju einem übertnftigen Spiet {jerki, 
in njeld^em erft ber beleibte Siitter, bann er fetbft ben ^önig, 
feinen SSater, barftellt. 9(ber ba§ ©piel trägt bittern Srnft 
in fidf). %l^ ber 5ßrinä bie 9ioüc be§ ^önig^ übernommen, 
ergebt er fid) in einer 9?ebe, bie ftro^enb öon ]^umoriftifc£)er 
Sraft in jebem Sa^e ein Urtl)eil ber SSerbammnife über ben 
fetten ©enoffen entl)ält. galftaff^ 9tame tvivh nicf)t au^gefprod^en, 
aber iebe^ 2Bort beutet auf xi)n, bie Jionne Don einem SJJann, 
ben aufgebunfenen Saßen 3Bafferfudf)t, ba§ ungeheure ga§ @ect, 
baö e^rn)ürbige Safter, bie graue 9?u(i)Iofigfeit. ©anj öerbu^t 
Iaufdf)t gatftaff auf biefe S^aratteriftif feinet eblen ©etbft; er 
giebt fid) bie 9Kiene, alö begreife er nid)t, auf n^en bie @d)ilberung 
jiele. „aSen meinen @uer Onaben?" fragt er: ,,I would your 
grace would take me with you." SBie bie |)anbfd^rift bejeugt, 
fd)rieb @d)Iegel ^ier juerft: „3d) njoßte, (£uer ®naben liefen 
mid) nad^fommen." 3m 2)rud aber finben n)ir bie Sieben^art 
ftar unb rid)tig n)iebergegeben : „3c^ tooßte, Suer ©naben mad)ten 
fic^ öerftänbtid^." 

aSie fam e§, bafe ©d^tegel fjier ben ^^el^tgriff mieb, beffen 
er fic^ früt)er fd^utbig gemad)t? 2)er ®runb ift leidet einsufeljen. 
Sn ber Stu^gabe be^ 2)idf)ter^, tt)eldf)e bem Ueberfe^er jur §anb 
tt)ar, ging bie ^iftorie t)on §einrid) bem Sßierten ber STragöbie 
t)on Siomeo unb Sulia Doran. S)en SEBorten galftaffg n^ar bie 
©rflärung Sofjnfonö beigefügt : „Let me know your meaning." 
5Diefe Srflärung bei Saputetö SBorten ju n^ieber^olen, fdE)ien 
ben Herausgebern unnöt^ig. S)en Siomeo ^atte @df)tegel nun 
aber um öiefeS früfjer al§ |)einrid^ ben SSierten übertragen. 
2)ort ^atte er fid) ba^er Dom 9iat^ ber Kommentatoren berlaffen 



3um ©tubiutn bcö bcutfd^en unb cnglifdöcn S^afefpcare 147 

gefe^en unb mu^te über ben Sinn ber ^^{jrafe im unMaren 
Meiben.*) 

S)ie Strtfjümer, benen ©c^Iegel bei feinem tn^nzn Untere 
nehmen nic^t au^ttjeid^en fonnte, finb meift nid^t erfjebttd) genug, 
um auf 5trt unb (Sang ber fcenifcf)en 2)arftellung irgenb eine 
ttja{|rne^mbare SEBirfung §u äußern. S)ie beiben ^e^Ier, bie {|ier 
{)ert)orgef|oben njorben, greifen tiefer unb jietien ftörenbe gotgen 
mä) fic^, bie man auf allen beutfdf)en 93üf|nen tängft fjätte 
befeitigen foHen. 

3lud^ eine größere 5lnäaf)I einzelner SJJifegriffe unb SSerfe^en, 
al^ bi^fjer im @df)(egelfd^en @f)afefpeare entbecft njorben, 
t)ermöcf)te ben bauernben 3Sert^ biefer Seiftung nicf)t n^efentfid^ 
ju fc^mälern. Sängft tuurben fie berid^tigt. ') Unb n^ären fie 
audt) unberid)tigt geblieben, n)ie teidtjt fann in unfern 3;agen 
ein jeber biefe gef)(er au^finbig machen unb il|re SSerbefferung 
fetbft öornelimen, n)enn er nur öon bem ernften 3SilIen gefeitet 
ift, ben (Sinn beö S)id^ter§ audE) im einjetnen SBorte ju erfaffen, 
unb n^enn er gelernt ^at, fic^ ber bereitliegenben tt)iffenfc^afttirf)en 
|)ülf^mittel für feine 3^^^^ h^ bemädt)tigen. 

Sn ber 3;f|at ift njöfjrenb ber jüngften Sct^rjefinte bie 
beutfc^e SSiffenfd)aft auf ba§ förbertidE)fte beftrebt gen^efen, ben 
J)eutfrf)en jum ©tubium be§ @^a!efpearefdt)en Urtejteg fjeran- 
jufoden unb itjm ba§ ©fjafefpearefd^e ©pradtigebiet nadE) allen 
9lid)tungen l^in ju erfd)Iie§en. SJlodE) immer ertönt jun^eilen bie 



®) 3Jlaffmgcr, ber feine ©rameti nur adju ()äufiö mit ©l^afefpeatefc^en 
53ilbern unb ffienbungen ou^suftattcn liebt, fagt im Great Duke of 
Florence 4, II: Take us with you, Sir. 33gl. meine @ntfte()unö§flefcfeicfcte 
be§ Scbleflelfc^en ©l}afeipearc. @. 19. 

') 6^ mng groecfbienlicö fein, ju bemerten, bafe in bie üon mit be- 

forgtc Slu^gabe ber Sri^leQcI=3;ic(ffci^en Ueberfe^ung, bie in ben Salären 1871 

bi§ 1873 bei ©eorg Keimer erfcftienen, bie S^ericfetigungen feine Slufnalf^me 

finben burften. S)ort mufete ber urf^rüngHctc Sc^legelfd^e Se?:t auf ®runb 

ber erften 3)ruc!e, fotoie nac^ bem 3eugniffe ber üon mir burd^g^ff^^nen 

t)anbfttriften, feftgel^olten ober roieberbergcfteUt roerben. 

. 10* 



148 3'U ©l&afcfpcatc 

Silage über baö Unöermögen beutfd^er ©ele^rter, bie ©rgebniffe 
ber SBiffenfdiaft für bie (Sebitbeten ber 9?atiou frudf)tbar ju 
madien. ©ine foIdf)e Stnftage trifft tDafirtid) bie SKänner nid^t, 
toeld^e i^r ©emül^eit barauf rid^teten, bie Senntnij^ beö ©l^afe- 
fpearefd^en SBorteö unter un^ ju verbreiten. 9tacf)bent ba^ öe= 
bürfnife erfannt tüorben, ergriffen fie mit fidlerer 2Ba{|I bie 
njirffamften SlKittel, i^nt ju begegnen. Sie {jielten fic^ an ba§ 
näd^fte unb not^n^enbigfte. SBaö fie leifteten, n^ar in ftreng 
n)iffenfcf|aftlicf)ent Sinne entn^orfen unb auögefü^rt; eö fjat aud} 
ber ftrengen 2Biffenfcf)aft bie ^eilfamften Slnregungen gen^äfirt; 
nu^bar jiebod) ernjieö e^ fid^ für alle, toelc^e SSertangen tragen, 
an ben 2)icf)ter l^eranjutreten, um il)n in feiner eigenen ©prad^e 
ju öernel^men. 

ßn^ei SBerfe beutfdier SBiffeufd^aft finb ^ier t)or allem ju 
nennen unb ju greifen. 9iiloIau§ 2)eliug gab un§ bie gefamten 
S)icf|tungen beö öriten in einer Bearbeitung, burd§ toelcfie er bie 
@c^eiben)anb beifeite fd)ob, bie biö bal^in bem beutfd^en Sefer bie 
unmittelbare Slnnä^erung an ben fremben unb ung bocf| fo innig 
Vertrauten äKeifter peinlidE) erfd^mert l^atte. @r juerft eröffnete 
bem größeren Sil^eile unferer Sanböleute bie 9KögIidE)leit einer 
grünblid^en unb erfpriepd^en 83efd^äftigung mit bem Urteyte 
jener S)ramen, an njetd^en ber beutfd^e (Seift fid) einft jur Slljnung 
einer freieren unb reicheren S)idjtung§n3elt erhoben ^atte, unb 
tt)eld^en feitbem im Sireife unferer Sitteratur ein bauernber 
§errfdE)erpla^ gefidjert blieb. ©dE)on tängft ift in biefen ©tattern 
bargetegt tüorben, mit n^eldjer Umfid^t, mit melc^em glüdlid)en 
Sacte S)etiug in feiner 5Iuggabe aUe^ Vereinigt ^at, tüaö ju 
einem gefunben SSerftönbnife beö @{|a!efpearefdE)en SBorteS, ju 
einer unbefangen gefd)id)tlid)en Sluffaffung ber @]^afefpearefd)en 
2)id)tunggtüeife anleiten lann.®) 9iidf)t minber rülimen^njert^ ift 
bie ©elbftbefdEiränfung, bie er im ©egenfa^ ju ben altern 
^ngtifd^en ©ommentatoren , tüie ju ben neuern beutfdEjen 



*) eiel)c oben ©. 103 fflö. 



3uni Stubium be§ beutfc^cn unb englifc^cn ©l&afcfpearc 149 

3(cft^ettfern betüä^rt: er tPiQ einjig unb aMn ber ^ßflid^t ge* 
nügen, SBort unb ®inn feinet Stutorö ju erläutern ; er ^alt feine 
Stu^gabe frei t)on jebent taftenben ober fd^müdenben SBeitDerf, 
ba^ bie Stufmerffamfeit t)on bem einen ^auptätped abtenlen 
Knute. S)iefer 3^^^ ^f* ^^"^ ^i^c^ erreid^t, bie S)id)tung 
S^afefpeare^ ttjarb un§ in i^rer Urgeftalt na^egebracf)t. S)eliu§ 
^atte augfcl)tie§enb ju gunften ber S)eutfd^en gearbeitet. S)ie 
6rfcnntni§ beffen, toa§ fie tt)ünfcf)en mußten unb n)a§ i^nen 
notl^ t^at, l^atte ifjm ben ^tan feiner Slrbeit eingegeben unb ifjn 
bei ber Stu^fül^rung überaQ geleitet. 3lber bennod^ gelangte auc^ 
aufeerl^alb SDeutfdE)tanbg biefe^ 2Berf ju Slnfetjen unb ®ettung. 
I)cn ©ngtänbern fonnte ba^ 9Serbienft beö beutfd^en |)erauö=^ 
geberg auf bie S)auer nid^t Verborgen bleiben. 

3ln ber Stufgabe, tt)eld^e ©etiuö nad^ feiner SBcife gelöft 
^atte, n)oIIten aud^ anbere at^batb ifjre nidE)t immer jureid£|enben 
Gräfte öerfudEien. SSatb bett)egten fie fidE) in auögefprod^ener 
Slb^ängigfeit ^inter i^m ^er, balb njä^nten fie in eingebilbeter 
Uebertegcn^eit ifju fiegreid^ auö bem getbe fdt)tagen ^u fönnen. 
5n loafirer, rü^mtid£|er ©elbftänbigfeit trat Sllejanber ©dE)mibt 
^cröor. 3)iefer 3Kann bebarf feinesJ gü^rerö auf bem ®ebiete, 
ba§ er felbft nadt) aöen Siid^tungen forfd^enb burdE)meffen l^at. 
Seine Slu^gaben be^ ßear, be§ ßoriolanu§, beö Suliuö Säfar 
jeigen un§ im SRufterbilbe bie ^Bereinigung einer metl^obifdE) ent* 
toicfelten S^ejteöfritif mit erfdE)öpfenber SBorterKärung. 

©eit üoHen öier SaJ^rjel^nten ^at Sltejanber ©c^mibt fidj 
mit eblem Semfi^en ju gunften ©^afefpeareö tl^ätig erttjiefen. 
3lu§ bem Sa^re 1842 ftammen bie ,,fad^erflärenben 2ln«= 
merfungen ju ©bafefpeare§ 3)ramen", bie fid^ ber ©d^Iegel* 
Sietffd^en Ueberfegung atö befdE)eibener Sommentar anfdEiIiefeen 
füllten. @d)on bamafö ^atte er bie 9?ot{|tt)enbigfeit eingefe^en, 
im SBereidEie biefer ©tubien ber ^iftorifdE)en öetradE)tung iöa^n 
iu mad^en. (£r tt)oEte nirf)t jnjeifetfiafte Belehrungen über ben 
fünftlerifd^cn, politifd^en ober fittlidE)en ®e^alt biefer S)ramen 
crt^cilen; er unterliefe baö unfrudE)tbare ©rübeln über bie an* 



150 3u ©l&afefpearc 

geblid) fo fd^tper ju ent^üüeuben Slbfid^ten be^ S)id)ter^;*) er 
tüoQte nur bem beutfd)en Sefer bie Slnftoße au§ bem SBege 
räumen, toeld^e biefen auf feinem Suftgange burdt) baö S^afe- 
fpearefdie Uniöerfum tüibertüärtig l^emmen unb aufhalten muffen. 
S)ie gefc^ic^tlidtien Gegebenheiten unb 3wftänbe, auf tuelc^e ber 
®id)ter einen Xf)^xi feiner SDarftellungen grünbet, iDurben in 
Erinnerung gebrad^t; man er{|ie(t ^enntnife t)on ben Dueüen, 
au§ benen er feine, meift fd)on Dor i^m poetifdE) bearbeiteten 
Stoffe getüonnen l^atte. S)ie Srflärung galt ferner aöen ben 
^leußerungen unb Slnfpielungeu, bie un§ befrembenb, abfto^enb 
ober ganj unDerftänblidt) lauten, meit fie nur au§ bem Seben 
unb ber Sitte beö @I)alefpearefdf)en Safjrl^unbertö gu begreifen 
finb. Ueberaü ging Sd^mibt, ttjie eö fid^ gebührte, bei ben 
altern englifd^en Herausgebern ju 9iatl)e. ®ie I)aben toafirlicfi 
feinen Ungtimpf öon unS öerbient. 3Uö edf)te @ö{|ne i^rer ^ät 
öermod^ten fie mit befangenem 93lidE nid)t bis sur reinen Sln^ 
fdEiauung ber Äünftlernatur i^reS balb abgöttifd^ öere^rten, balb 
üeinfinnig gefdE)mä^ten SieblingS öorjubringen ; fie fonnten bie 
®efe^e nidE)t erfaffen, nad^ benen feine öinbilbungSfraft frf)affenb 
unb geftaltenb ju SBerfe gegangen. Um fo erfotgreidjer forgten 
fie im eingetnen für fad)Iic^eS unb ttJörtlid^eS SSerftänbnife. Sie 
begrünbeten eine genjiffenfjafte Interpretation. Sn rafttofer, mit 
^ingebenber Streue fortgefegter Slrbeit trugen fie fd^mere SRaffen 
fpvadE)Iid)er, antiquarifdE)er, Iittcrarf|iftorifdE)er (Sele^rfamfeit {jerbei. 
S^r glei^ tüar i^äufig t)on aufl^eHenbem ©d^arffinn begleitet. 
SBon bem, maS fie angefammett, jel^rten aCe SJlad^foIgenben. 
Seber, bem S^afefpeare toertfi ift, njirb bie SRamen 3;^eobaIb, 
©teeüenS, SlKalone, toelc^e auS ber altern (Generation ber 



') 3c^ fint)c in ber SSortcbc ben für jene 3cit merfcnsn)ertl)cn ©a^, 
bnfe «^iftorifcftc Äenntnife bie tic^tiöc (Ecfcäfcung unb ben ©enufe am ©icfeter 
roefcntlic^er förbcrn roürbe als rein äft^etifc^e S3etTad)tunöen, bie ben 
S)eutfcfcen nur allju fleläufiß fmb, unb in benen bie ^Ibfonberung beffen, 
trag bie Snbiöibualität beS ©d^reibenben l&ineinfletraöen l)nt, oft fc^ttjieriöer 
ift, qI§ ba§ ^crftänbnife beS SicbtermerfS felbft." 



3um ©tubium be§ beutfcfien imb enöUfcfeen S^afcfpeare 151 

fritifer unb Srflärer ^erDorteud^ten, nid^t anbete al^ mit 
©mpfinbungen ber Sanfbarfeit ertüäfjnen. 2l(ejanber Sdimibt 
Derfäumte benn an6) mcf)t, fic^ ber äKißadEitung entfcf)ieben ju 
tüiberfe^en, mit meldtet man, öornefjmlic^ in ben t)on Xkd be^» 
^errfd^ten litterarifd^en Greifen S)eutfc^Ianb§, ba^ treufleifeige 
beginnen biefer 3Känner unbiüig genug ju lohnen pflegte. 

@r felbft fteüte fortan feinen ©tubien bie Slufgabe, S^afe* 
fpeare^ ©prad^e ju umfaffen unb ju ergrünben. 2)ie Stu^be^nung 
tDic bie 2;iefe biefer ©tubien erfennt man an bem SBerfe, ba§ 
ou§ i^nen ernjuc^^. 

SRod^ etje bieö, üöüig au^gebitbet, ^eröorgetreten mar, ^attc 
fidEi i^m ein gfinftiger SInlafe geboten, unö Don ben Srgebniffen 
feiner gorfd^ungen öerfjeifeung^ooüe 5ßroben öorjulegen. Snt 
Satire 1864 feierte man ben britten ©äcutartag ber ©eburt 
S^afefpeareS. S)ie beutfdE)en greunbe beö Sic^ter!^ tfjaten fidj 
JU einer ©efeüfd^ajt jufammen, in meld)er bie Sejiefjungen, bie 
ben britifc^en (Senium mit unferer Sitteratur üerfnüpfen, i^ren 
bauembcn StuöbrudE finben foüten. 2)a^ 9iedt)t, ficf) mit bem 
9famen be^ 3!)id)ter§ ju fdf)müdEen, betl^ätigte fie aföbatb, inbem 
fie ba^ SBerf unter i^re Db^ut nafjm, meldt)e§ bem engtifc^en 
SKeifter feine ^errfd^erfteüung im beutfc^en SSilbung^freife ge* 
fid^ert l^atte. ®df)on feit langem übk bie ®dE)Iege^XiedEfdt)e 
Ueberfe^ung il^re ununterbrodE)enen 3Birfungen, inbem fie ben 
®enufe, bie greube an bem S)id^ter überallhin verbreitete. ®ic 
©efellfd^aft ertoog, intoiefern fic^ biefe SBirfungen ^fwa nodt) 
fteigern liefen. ®ie entmarf ben ^lan einer neuen Stu^gabe. 
J)ie ©tüdEe, bie tvxx Don ©c^teget^ §anb befi^en, foüten eine 
?(enberung be^ SBortlautö nur an ben ©teilen erfaljren, tüo 
burd^ unriditige Sluffaffung hz^ Urtejteö ber ec£)te ©inn tierfefjlt 
ober getrübt toorben. dagegen foUten bie Slrbeiten, meIdE)e Xkd^ 
9?amen tragen, eine minber fd)onenbe 93ef|anblung erbulben ober 
gar neuen, felbftänbigen Seiftungen ben 5ßta| räumen, ©r^* 
lauternbe ^Beigaben burften feinem ©tüdfe fehlen. (Sinleitenbe 
Jtb^anblungen foüten ben beutfdE)en Sefer in ben ©tanb fe^en. 



152 3u S^afefpeare 

jebeö biefer S)ramen al^ ein gauje^ J^iftorifd) ju betrachten unb 
fünftlerifcf) ju tüürbtgen; erffärenbe SRoten foQten im einzelnen 
ba^ fa(i)Ii(i)e 3SerftänbniJ3 förbern. 

2)aö 3Berf begann im Safjte 1867 ; t^ier 3al)re ^ernad) tpar 
e^ abgefd^Ioffen. 5öett)ä^rte Senner nnb Süinftler Ratten fid^ in 
bie Sln^fü^rnng beö Pane^ get^eitt. Unter i{|nen jeigt ftd^ 
neben bem trefflichen §ergberg, ber nun fcf)on Don nn§ gefd)ieben^ 
Sllejanber @cf)mibt af§ ber tfjätigfte. 9Son ben fiebjel^n ©tüdfen^ 
bie" @(i)Iege( un§ geliefert, übernal)m er nic^t n^eniger afe fünf* 
jefin ; au^ ber 9ieif|e ber übrigen S)ramen njaren ifjm fieben ju* 
gefallen. SBa^ er an biefen änjeiunbätüanjig ©tüden teiftete^ 
mag allen jum 3J?ufter bienen, tüetc£)e fid^ jur SSerbefferung an* 
ernannter SBerfe ber Ueberfe^ung^funft berufen fü{|(en. ©ein 
Sierfa^ren erfcf)eint nicf)t minber befjutfam ate ftreng. SEßenn er 
ftreng bie unbebingten gorberungen ber SBiffenfd^aft aufreä)t 
erhält, fo n)af|rt er bodE) bel^utfam ben Sunftd^arafter be§ ©tilö,. 
n^eld^er ber Ueberfe^ung ba§ eigenartige ©epräge Uertie^en ^at. 
Sf)m bleibt ber ®ebanfe fern, ben 5fünft(er @dt)tegel meiftern ju: 
njoüen; er ent{|ätt fid) be§ frud^tlofen ©eftrebenö, bie Ueber* 
fe^ung näfier an bie UrfdE)rift ^eranäujnjingen, aU ©d^Iegef e^ 
für nöt{)ig erad^tet {jatte; unDerlümmert tvai)xt er bie fd^öne 
greiljeit ber 5öen)egung, tüelc^e ©döteget, um Steifheit unb alläu 
ängft(id[)e ®ebrungenl|eit ju meiben, feiner ©prad^e nnb feinem 
beI)agUd^er fid) au^breitenben SSeffe bem Original gegenüber 
Derftattete. (£r läfet eine 2lenberung nur bort eintreten, njo ein 
ungenflgenbeö 95erftänbni^ ber @^afefpearefcf)en SBorte ju offen* 
barem S^fjtgriff herleitet f)atte. (£r öerbeffert nur ba, toty 
@d)legel fetbft ^ätte öerbeffern muffen, n^enn biefer in ben SSoQ* 
befi^ ber n)iffenfd)aftIidE)en §ülf§mittel gelangt njöre, bie un^ 
je^t erreid^bar finb, unb toenn er bann in fpätern Sauren, 
aber ju einer Qzxt, ba feine Sraft nodft ungebrod^en njirfte, ha^ 
ganje feiner Slrbeit einer prüfenben SRufterung unternjorfen 
I)ätte. Unb fd)fiefelid) ift ju rühmen, bafe er ganj im Sinne 
S^Iegel^ änbert unb beffert, ganj im Sint'Iange mit ber Ueber* 



3um ©tubium be§ beutfc^en unb enölifcfeen ®f)a!efpcarc 153 

fe^ung^metl^obe, tpetc^e biefer in feiner 3^it afö bie rid)tigfte 
unb jtoecfmäfeigfte erfannt unb befolgt {jatte. S)er SBofiUaut 
be^ SBerfe^ tüirb nicf)t burd) aufgebrungene gärten geftört; ber 
gefd^meibige giuJ3 ber 9tebe, ber aUerbing^ jutüeifen bie ©^afe* 
fpearefc^e ©igent^ümlic^feit überbecft, tüirb burc^ feine gejtuungenen 
aSenbungen unterbrod)en. Äaum merft man bie Singriffe einer 
fremben §anb. 

3Bo er nun biefe (Singriffe fid) erlaubt, ba ^at er forgfam 
fein SSerfafjien begrünbet unb gerechtfertigt. Unb tDO^er fonft 
tann er bie ®rünbe biefer Sted^tfertigung fc£)öpfen, afö auö bem 
®^afefpearefdf)en ©pradfigebraud^e ? SBo^I {jatte Spiegel an bie 
©^rad^e feinet ©id^ter^ ein getüiffen^afte^ ©tubium gen^enbet 
unb babei bie §ü(fe nidt)t öerfdimä^t, tüeld^e baö ältere ®efd^Ied^t 
ber eng(ifdt)en Kommentatoren i^m ju leiften t)ermodf)te ; begünftigt 
burd^ feinen empfängtid^en Äünftlerftnn, fjatte er 3Sefen unb 
(Seftalt biefer ©pradE)e im großen unb ganjen richtig erfaßt. 
3(ber jeneö ©tubium biente nur ben Qtvtden be§ Ue6erfe^ungö=- 
fünftler^. Qn einer met{|obifd^ umfaffenben unb ergrünbenben 
Unterfud£|ung ber ©pradE)e fonnte biefer fid^ nid^t aufgeforbert 
unb burd^ ben bamaligen 3^fl^^^ ^^^ S^i^f^^^fl ^"^ feinet* 
n)eg§ ermut^igt füllten, greilic^ n)ei§ er, baJ3 @^afefpeare§^ 
Sngtifd^ fic^ in ber ©pradEie ber fotgenben Safjrfjunberte nid^t 
unDeränbert er{|alten l^at; aber nid^t immer n^eife er, njo im 
einjetnen biefer Unterfd)ieb ficf| geltenb madt)t. @o oerfällt feine 
Sfuffaffung IeidE)t in§ ©dEitoanfen, n^enn i^m ein aübefannteö, im 
toglid^en ®ebrauc^ immer n)ieber!el^renbe§ SEBort begegnet, ba^ 
§eute fo tautet tvxz Dor breifjunbert Satiren, aber nidE)t met)r 
genau benfelben Söegriff in fid) fc^Uefet, ben ©fjafefpeare^ ^exU 
genoffen baran fnüpften. ^Bleiben biefe me^r ober minber ent^ 
f^iebenen SBanblungen be§ Segriff^ unbead)tet, njirb ber neue 
©egriff aud^ für bie ältere Qzxt at§ güttig angenommen, fo 
fd^ltjanft bie Ueberfe^ung am Original öorbei ober gerätfj gäng^ 
(ic^ auf Slbtoege. 

§ier fann nun ber fpätere gorfdf)er, geftü^t auf aüe^, toa^ 



154 3u ©öafefpeate 

feit @cf)tegel^ S^agen bic SBiffenfdiaft, fammelnb unb fid^tenb, 
erarbeitet ^at, bie Ueberlegenl^eit feiner Äenntnife bart^un, fein 
gefc^ärfte^ Sluffaffungööermögen betüä^ren. 2)iefe feine Äenntniß 
ift eine n)al)r^aft lebenbige; im öieljäfirigen 3wfömmenteben mit 
bem 2)icf)ter i)at er fie gewonnen unb aßfeitig au^geöifbet. @r 
t)ermod)te fid) in i^n J^ineinjuteben unb t)ineinju^ören. ®r er- 
fennt genau, njie ©^afefpeare^ Sprache firf) mit berjenigen ber 
jeitDertpanbten S)icf)ter berül)rt unb au§ if)r ju erflären ift; er 
fiet)t nidf)t minber beutlid^ bie (Sränjiinie, n)eldf)e biefe ©prad^e 
t)on ber 2Iu§brudötDeife ber fpätern 3af|rl^unberte fc^eibet. ®ie 
feinfte 93eobacf)tung ricf)tet er eben auf jene fo einfad) unb üer- 
ftänblidf) fd^einenben SBörter unb 3Benbungen, beren Sinn unb 
^e^alt im ÖJange ber 3^iten einem 3Becf)feI untertüorfen tüar.^^) 



*^) ÜJlan burc^muftere bcifpielstocife in bcn erften uier S3änben ber 
beaeid^neten 5lu§öabe bic 3^oten übet curious, prodigious, scar, go thy 
ways, time, curat, unhappiness, circumstance, league, mistrust, to dance, 
attendauce, to cast away, aiuain, to bear it, donbt, working, duty, 
grief; ober man ftubierc bie 93emer!ungen über ben prägnatiten ©ebtaucfe 
be§ 2lbiectiu§ jn Sufammenftellunöen mic partial slander, hungry prey, 
wiry concord, unb über bie S3ebeutunö be§ SBinbemortS and, ba n)o e§ 
^roei Subftantiue ober Slbjeftiöe oufS engfte ju einem Segriff ineinanber* 
fügt. S;a mag man lernen aucfe bie leic^teften gärbungen be§ 5lu§brucf§ 
3U beachten unb in il^rer ©irfung ju beurtl^eilen. 5lu§ fo öielfac^en ^ei= 
fpielen fei roenigfteng eine§ ()erau§öegriffen, unb sujar au§ ©einrid^ IV. 
3m S3ertinne be0 jroeiten S;()eil§ bicfer ©iftorie (1, 1) empfängt ^'Jortl^umbers 
Janb tit Äunbc üon ber ©c^ladjt, in roelcber fein ©o^n $erc9 bem 5£obe§s 
^efcfeicf erlegen. Sr giebt ficfe faffung§lofcr SJerameiflung l&in; er ergebt 
fidt in graufen ^ermünfc^ungen »iber aüe§, roaö lebt unb ber SBcltorbnung 
fle^orcfet; auf fein eigene^ öaupt ruft er SSerberben l)erab — 

„unb e<S nal)e 
®ie raul)fte Stunb, bie g^it unb %xo^ fann bringen, 
S)em toüt^enben 9lortl)umberlanb ju bräun!" 
Seit unb 2^ro^ — fo l)at ©d^legel time and spite roiebcrgegeben ; »örtlid? 
^enug wie e<? fcfeeint. 2lber berrät^ un§ nicfet fcfeon bie Unbeftimmt^eit 
be§ 5lu5bru(f§, bafe bier bem Sinn be§ Sid^terS nid^t fein uolleS Slecfet 
gett3orben? ©d)legel erinnerte fic^ ber ^Beübung in spite of unb warb fo 
^u bem 2Borte %xo^ berleitet; aber spite, mic ©d^mibt burcfe ()inlänglic6e 



3um 8tubium t)e§ bcutfc^en utib euölifcfcen Sl)n!cfpeare 155 

^c tiefer bie iöeobadfitung bringt, um fo entfc^iebener t)er)ö{|nt 
fie unö aud^ mit ben befremblicf)ften Sigeittpmlidifeiten be» 
<S^atefpearefcf)en SIusbrudE^; ober öielmetir aüeö iöefrembtid^e, 
infofern e§ eine ftörenbe SBirhing öufeern fönnte, faßt öon i^m 
üb; nur baö ®rofee, 2Bat)re unb ©rgreifenbe bleibt il)m; feine 
treffenbe Schärfe tt)ie feine fraftöoHe ^Iarl)eit n^irb burd) foIdf)e 
Unterfuc^ungen immer öon neuem bejeugt. 

@o getüäfjren un§ biefe Stoten, toefd^e aüen an ®df)(egel^5 
?lrbeiten Vorgenommenen Slenberungen begrünbenb jur Seite 
ge^en, frucf|tbare Slnbeutungen über Sigenfd)aften unb Sigen- 
Reiten ber @pracf)e S^afefpeareö, fie erfreuen unö burd) be^ 
lel^renbe SBinfe über einjelne @rfcf)einungen, in n)elcf)en ber 
®eift, ber biefe Sprache burc^bringt, befonber^ anfcf)auüd^ fid^ 
t)erlörpert. Ueberall {|at ber Srffärer bie entfd)eibenben SBen)ei§== 
fteßen reid^Iirf) jur §anb; er fd)öpft au§ bem tioHen; man fie^t, 
ba§ er nod^ me{|r jurüdbe^ält, al§ er giebt; man fie^t, bafe er 
nur erlefene 5öeftanbtf|ei(e au^ einem großen ganzen ^erau§= 
§ebt, über n^efd^eö er einen Haren, umfaffenben iölid getoonnen. 

Unb n^irflid^ Ratten feine 5orf(f)ungen injtuifd^en ba§ @pradf)= 
gebiet, in njeld^em @f)afefpeare njaltet, nac^ aUtn 9iid)tungen 
burd^meffen. 9?id^t§ tvav bort unbead^tet unb unbeteudE)tet ge- 
blieben. S)enn Sltejanber @dt)mibt {jatte fidt) nid)t§ geringere^ 
afö eine öollftänbig erfdiöpfenbe lejifalifc^e 2)arfteIIung ber 



S3cleöfteC[cn baTtl)ut, Oebeutct (SroU, ©nfe. Unb ferner ift time and spite 
al§ ^v Stä Bvoiv ju faffen, roie e§ in ber Sicfetcrfpradje ber Sllten fo häufig 
etfcfceint unb aud^ bei ©l)Q!efpeQre ju reicblicfeer Slnnjenbung fommt. ©cfcmibt 
ift bobet berecfttiöt ju ber Slcnberung: 

„unb e§ nal)e 
Sic raul)fte ©tunbe nun ber groünben 3fit-" 
3Cu(b in ©oetlfeej? fpätern S)ic6tunöen ift bag ^a' ^«a 8voiv nicfct feiten an» 
antreffen, ^cfe erinnere an „©efcfeic^r unb 3ierratö" in ber Parabel ©e- 
bidjte (roo Soepers richtige (Srüärunö lautet: „al§ 6in begriff = ber 
^iftorifdbe ©cftmucf ober bie bunte Äitc^engefdbicbte")» an «Sieb unb 
iBcnbung", „S)uft unb ©arten" im SiPan, an „Stuft unb ©nge" in ben 
für gannp ^enbelgfol^n beftimmten 35erfen. 



1 



156 3u SMefpcarc 

®pra(i)e feinet ©id^terö jum 3iclc gefegt. 9?ur in einer tängerir 
golge arbeitöreid^er Sa^re fonnte er, äße feine Gräfte aufbietenb, 
mit tangfam ftetigem @cf)ritte einem fotd^en Qxtk fid^ näl^ern. 
©d^ttjer toax e§, bie ausgebreitete SKaffe biefeö ©toffeS fammelnlv 
ju betpältigen; nic^t minber fd^loer, bie einzelnen 2;^eile unb- 
2;f|eiIdE)en fonbernb ju orbnen unb fie bann n^ieber nadE) innern 
83eäief|ungen unter einanber ju üerfnüpfen. S)ort toaxb unermübete 
®ebulb, l^ier eine ftetS tt)ad)e Umftd^t erforbert. 3Kan fiberbenfe 
einmal, tüaS eö l^eifeen toilt, eine ^räpofition ttiie by ober to^ 
SSerben ttiie do, make ober take in allen il^ren ?Intt)enbungen,. 
in aöen teifen Slbn^anblungen beS iöegriffS burd^ ben ganjen 
©fjafefpeare auf ba^ ftrengfte ju Verfolgen! SCfjätige SBegeifte^^ 
rung, toie fie burd£| ben ^inblid auf ein n)ürbigeS ^xd erregt 
unb unterfjatten n^irb, bie sä^e SSel^arrIidE)leit, bie ju ben ttjefent- 
ticken Sfiaralterjügen beS ed^ten gorfd^erS gei^ört, ©c^arffinn 
unb DrbnungSgeift, fidlere 2lntt)enbung ber p^ilologifc^en 
üKet^obe unb ein ebenfo fidler auSgebilbeter geinblidE in Unter* 
fd^eibung beffen, toa^ ber Sieben^eife beö S)id^terS gemä§ unb 
ttjaS il^r fremb ift — aUe biefe ©genfd^aften, gä^igfeiten unb 
Stimmungen mußten jufammen unb in einanber greifen, mußten 
in gebei^Iic^er Söed^fetmirfung fid^ gegenfeitig förbern unb 
ftärlen, tt)enn ein SBerf, n^ie ba§ ©^alefpeare^Sejifon, entfielen 
unb öon ber ^anb e i n e § 5D?anne§ bie SßoHenbung ertjatten f oUte. 

Sn ben Salären 1874 unb 1875 empfingen n^ir bie beiben 
gen^id^tigen iöänbe biefeS SBörterbuc^S.^*) @ie bürfen aU ein 
©enlmat jeneö S^^ife^^ gelten, bem man ba§ eljrenbe SSeitüort 
beS beutfdt)en ju geben pflegt; fie bilben ein ©c^a^^auS ber 
©Ijafefpearefd^en ©prad^e, ha^ offen fte^t für jeben, ber fidE) bie 
5D?ittel jum miffenfd^aftlidf)en SSerftänbnife be§ 2)id^terS er* 
ttjerben toxU, 

greilidE) n^aren für ba§ ©tubium ©^atefpeareS fd^on feit 

'*) »etlin bei @. Üteimer. Set cnöUf*e 2itc( lautet: Shakespeare- 
Lexicon. A complete dictionary of all the english words, phrases and 
constructions in the works of the poet. By Dr. Alexander Schmidt. 



3um ©tubium be§ beutfc^en unb enfllifd^cn ©()QfefpeQre 157 

langer Qzxt Iejt!altfcf|e §ülf§mittel in S8ereitfd)aft. ©eitbent ber 
2leyt be§ ®itf)terö (Segenftanb einer ntel^r ober ntinber ftrengen 
fritifc^en Sorgfalt getoorben, l^atte man e§ für nnerlaj3licf| er* 
üd^tet, i^m erflärenbe SSerjeitfiniffe foId)er 3Börter unb SRebe* 
formen beijngeben, bie einem englifdien Sefer be§ 18. Sal^rl^unbert^ 
Veraltet toaren ober il^m frembartig unb anftöfeig lauten muJBten. 
3uerft boten berartige Siften nur einen fümmerlid)en S^ot^el^elf. 
Sag ®Ioffar am @d)Iuffe ber Slu^gabe t)on 1747, loeldie 5ßo<)e§ 
unb 3Bar6urtong 9?amen trägt, mag aU ©eif))iel biefer frül^ern 
SSerfud^e bienen.^^) 916er foItf)e befd^eibene Stnfänge fonnten aU^ 
balh um fo loeniger genügen, je angelegentlidfier man fidf) befliefe, 
jene ®idf|tungen ber Sßergangen^eit einem lebenbigen SSerftänbni^ 
immer nä^er ju bringen. SWit ber QaiH ber Sbitionen mujste 
aud^ ber Umfang ber ®Ioffare loadEifen unb il^r ®e^alt june^men. 
93efonber§ eifrig ging man in biefem Sal^rljunbert ju 3Berte. (Sine 
öoHftänbige ßoncorbanj loarb geliefert. S8ei un^ liefe 2)eliu§ 
feiner Stu^gabe ein fnapp äufammengefafetes Sejifon t)orange^en, 
ha^ nur bem nädEiften SBebürfnife entgegenfommen follte unb 
feinen SRu^en betoälirte. SBa^ ©mtjnfeu Sert)i§ 1868 in feinem 
Dictionary of the language of Shakespeare mit unjulänglidien 
Gräften leiftete, fonnte loeber ben Stnfänger jufrieben fteHen, 
nod^ bem Äunbigen gu n)eiterer görberung gereid^en. Um fo 
banfbarer mod)te man fid^ be^ ®Ioffar§ erfreuen, mit toeld^em 
^fejanber ®^ce um jene QAt feine Stu^gabe ®I|afefpeare§ frönte. 
®er öielerfalirene Äritifer überblidfte bie gefamte 5ßoefie, bie 
bem Q^Ätaitzx ber ©tifabetli unb ilirer beiben 9?ad)foIger ent* 
fproffen toar. 3m SSerlaufe feiner Slrbeiten, benen fo mandEie 
3)ramatiler jener ©podfie i^re SBieber^erfteüung t)erbanfen, mufete 
«r audEi in abgelegenere Slegionen geratljen, in toeldien für 
@^a!efpeareg bunfle SBörter, für beffen 3Bortf))ieIe unb 9tn- 
fpielungen, für n)unberlitf|e Silber unb ®feid^niffe nid^t feiten 



^') A Glossary, explaining the obsolete and difficult Words in 
the Plays of Shakespeare. (5§ füllt bie lejjten ©eiten beS achten ©anbe«. 



158 3u 6f)nfefpcare 

ein überrafd^enber Sluffd^üi^, eine treffenbe S)eutung fid) finben: 
liefe. @o toax er benn im @tanbe, feinem ®foffar burd^ Ui)x^ 
reid^e @ad^er!färungen, burdö ftattfid)e S^otijen ^jfiilologifd^en 
Sntjalt^ einen gans eigenartigen 3Bert^ ju Derlei^en. 

S)er 85ebeutung unbefd^abet, bie foId)en unb äfjnlid^en 
SIrbeiten äufommt,^^) barf matt aber bod) nid)t überfet)en, tua^ 
i^nen fehlte unb feljlen mufete. S^nen fehlte bie erfd)ö))fenbe 
93oIlftänbigfeit, bie tjier fd^Ied^terbing^ erforbert lt)irb, tüenn fo* 
n)ol^I ber Sejitogra^jf) felbft, tüie biejenigen, bie fid) 9iatl|§ bei 
it)m erf)oten, t)or 3rrt{)um unb Unfid)er{)eit betüa^rt bleiben 
follen. Sluf eine t)öllig umfaffenbe Darlegung be^ ©prad^fd^a^e^^. 
it)ie er beim S)id)ter jur SSermenbung fommt, n)ar e§ ja in biefeti 
aSerfen aud^ gar nid)t abgefefien. SRur ba^ Stuffällige, 9lbfonber=- 
lid^e, S)un!Ie tüarb t|erau§geI|oben ; nur ma^ bem geltenben 
Sprad^gebraud) julDiber fd^ien, n)arb b^merft unb erläutert. 2tn 
lüeld^em Unterfd)eibung^ä^iö)en aber liefe fid) ba^ erffärungö^ 
bebürftige SBort unter ber äWenge ber übrigen mit t)olIer S8e== 
ftimmttjeit er!ennen? SBillfür bei ber 2lu§tüat|I blieb {)ier un^ 
Dermeiblid^. S)er Sernenbe fonnte bemsufolge nid^t t)orau^ 
miffen, in lt)eld)em einjetnen galle ba^ ®Ioffar if)m einen 5inger== 
5eig gen)äl|ren mürbe: unb oft genug blieb e^ if)m einen foldjen 
fd^ulbig. 3)em nad^ fetbftänbiger Sinfid^t ftrebenben gorfd^er 
fonnte bie lüdenl^afte Slnfd^auung, ju ber it)m biefe SSörter- 
fammlungen t)erf)alfen, unmögtidEi ®enüge ttjun. ®enn gerabe 
if|m mufe baran gelegen fein, bie ©prad^e be^ S)id^ter§ al^ ein 
lebenbige^ gctnjeö ju erfaffen, ju beffen Stu^geftaltung aüe 
Sfjeile gfeid^beredEitigt mitmirfen. 3n bem Sitbe, ba^ er öon 
biefer ©pradEie fid^ fdjaffen miü, barf audfj ein anfdEjeinenb gering- 



^®) 2Bie etma betti 2Ber!c üon 9lo6ert 9^are§: A Glossary, or col« 
lection of words, phrases, names, and allusions to customs, proverbs etc. 
which have been thought to require illustration, in the works of 
english authors, particularly Shakespeare and bis contemporaries. 
S)iefe§ ©loffor» juerft 1822 crfc^ienen, wirb je^t in ber SluSgobc bon 
ipoUiroeU unb 2Briöl)t benütt. 



3um Stubium be§ bcutfc^cn unb englifcfeen 36afefpearc 159 

föfliflc^ 3^9 ^^tf|t t)ernad^Iäffigt ober übergangen tüerben. }^^nv 
ben, ber ^ier naä) tüiffenfdjaftlid^er SrfenntniB trad^tet, 6e)"te{)t 
fein Unterfc^ieb jtDtfdöen aSic^tigem unb Unnjtcfitigem, än)i)d)eu 
bem SBerftänblic^en unb 9fiätt|fel]^aften. 2)er ®ebraud^ ber ein== 
fad^ften ^^artifef ift ntc^t minber ©egenftanb feiner fc^arfen 
Stufmerffamfeit al§ irgenb eine jener öemtummten 3S?ortfiguren, 
bcnen, tüie bem berufenen UUorxa ober arm-gaunt ' *) au6) bte 
ftnnretd^ften Grffärer einen ®tnn abäufoltern üergebenö fid^ 
mü^en. 

®urdö unbebingte 95oIIftänbigfeit atfo empfiehlt fi(i) un^ 
Sd^mibt^ Sejifon fogleid^ öor allen früfjeren 3Ber!en, bie ä^n^ 
(id^em ß^^^^ bienen. 2)ie I^rifdfjen unb epifd^en 2)id^tungen 
ftnb f)ier eben fo grünblid^ ausgebeutet, n)ie bie afe S^afefpeare^ 
6igentl|unt anerfannten fed^Sunbbrei^ig S)ramen, benen ber 
5ßerif(e§ ftd^ beigefellt. Sebeö SBort unb jebeS 2Börtd)en t|at 
^ier bie gleid^e SSead^tung gefunben. Sebe§ S^erbunt n)irb in 
allen gornten unb ^lejionen t)orgefü^rt, in benen eS ber S)id)ter 
auftreten (äfet. SBie bunt julDeilen ber SBed^fel biefer gormen 
fic^ barfteüt, mag ber Strtifel to strike lefjren (@. 1136). 
Smperfectum unb 5ßarticip erfd^einen l^ier in fo öielfad^en 
©Übungen, ba§ bie flüfftge SBeloeglid^feit einer ©prad^e, bie fic^ 
nod£) gefäüig unter bie §anb beS S)id)ter§ fd)miegt, unS gleicf)' 
fam unmittelbar t)orS Stuge gebrad^t toirb. 

@inb bie formen t)eräeid)net, fo folgt bie Srftärung. Sie 
tüirb in englifd^er ©prad^e gegeben. S)er SanbSmann beö 2)id^terS 
mag af |o baS SBer! of)ne toeitere SSermittlung nü^en ; ber 2)eutfd^e 
aber barf ftd) baburd^ nid^t beeinträd)tigt fütjlen. ®enn tvtv 
beim ®ebraud^ biefeS 3Börterbucf)S bie englifd)e Slbfaffung afö 
ein §emmni§ empfinben foHte, ber möd)te n)o]^I überliaupt gum 
©tubium ©^afefpeareS nodE| nidfjt tjerangereift fein. 

3toedE unb Stniage beS gangen SBerfeS bebingen, bafe e^ 



") 3cne§ im Simon bon ^tl&en 3, IV, 112; biffeg in Antonius unb 
(Eleopatra 1, V, 48. 



160 3u S&afefpcare 

feinen @d^tt)er))unct in ber fprad|Iid^en ©rllärung finbe. §ier 
t)orne^mIid) toax e§ geboten, eine aÜfeitig genügenbe SSoüftänbigfeit 
anjuftreben. 3(üe 85ebeutungen, in benen ber Did)ter ein SBort 
antüenbet ober bie er il|m auf^jrägt, n)erben in n)o^Igeorbneter 
9?eif|e t)orgef ü^rt unb gef onbert ; mit ber gleid^en (Sorgfalt n)erben 
bie SSerbinbungen bargelegt, bie ein SSort mit anbern SSörtern 
einget)t, fotuie alle SBejiel^ungen, in bie e§ ju beftimmten 9?ebe= 
formen tritt, unter beren ©influffe ber nrfprünglid^e ^Begriff eine 
me^r ober minber entfd)iebene 3BanbIung erfäfjrt. ®em Sejifo* 
gra))I|en mu§ eö ferner angelegen fein, einen jeben umfaffenberen 
^Irtifef bergeftalt ju orbnen, bafe bie Uebergänge beutlid) n)erben, 
bie t)on einer Segrifföbeftimmung jnr anbern leiten. Sln== 
fdiaulid^ muffen loir erfennen, loie au§ bem erften einfallen 
©egriff bie ferneren öebeutungen fid^ abjn)eigen. @o n)irb ba^3 
Jßeben ber 3Börter t)or un^ ausgebreitet, tt)ie eS innertjalb ber 
®ränjen ber ©f)afefpearefd)en 3Serfe fid) t)ielgeftaltig entfaltet. 
2)iefe§ alfo begränjte Seben mögen toir t)ergleid)en mit jenem 
tneiten unb freien, ju toeld^em baS SBort im unbegränäbaren 
©efamtgebiete ber @prad)e gelangt ift. S)ann lernen loir an 
ber güHe beftimmter Söeifpiete, toie ber S)idjter in unb mit ber 
©prad^e fd^altet, toie toeit er fte be^errfdöt, unb loo biefe au§* 
gebel^nte §errfd)aft il^re notljloenbige ©ränje finbet. SBir er= 
fahren, ob ber 2)id^ter ha^ einjetne SBort anloenbet, fo toie e§ 
t)on ber ©prad^e i^m bargeboten n)irb, ober aber bie Söebeutung 
beffefben uertieft, e§ mit einem reidEjeren (Sel^aft auSgeftattet unb 
einer öielfeitigeren Stntoenbung fä^ig gemadEjt ^at S)aS eigen« 
tpmiidie ®pradE|t)ermögen, bie fd^affenbe @pradE|!raft beS S)id^ter!o 
offenbart fid^ nicf)t nur ba, loo er burd^ baS UngetDöt|nIidE|e unS 
überrafd)t, burd^ baS 9?eue unb Seltfame unfer Staunen toedft. 
SÄand^mal fönnen gerabe bie aÜtäglid^en SBörter, bie bem rebenben 
SKenfd^en afe ein forttoäfirenb benugteS ®emeingut gelten, unS 
jenes SSer^äftnife beS SlutorS jum ©prac^geifte am einleud^tenbften 
barfteHen. SBie ergiebig loirb in biefem Sinne bie Ueberfidfjt 
ber beitannteften SSerben, ber 5ßropofitionen unb Slrtifel! SBer 



3um ©tubium bc§ beiitfc^en unb enfllifc^cn ©bafefpcare 161 

itefe^ Sejüon in tüatjr^aft tptffettfd^aftlid^em ©ttttte nu^ert tvxfi, 
barf nid)t üerfäunteit, eben ben unfcfieinbaren SBörtern unb 
SBörtd^en, tüte by, to, the, an ober to beat, to make, to do, 
to take, einbringenbe 3Iufmerf)antfeit äujutüenben. 

2öie grünblid) aber aud) bie (grffärung alle Söebeutungen 
eine^ 3Bprte^ erfdjöpft, eö toüvbt if)x an überjeugenber Äraft 
gebredien, n)enn fie nid^t überall auf reid^lid^ mitgetl^eilte Söeifpiele 
ficf) ftügte. Unb jttJar genügt e§ nid^t, auf bie ©teilen ju i^er- 
njeif en, n)elcf|e bie gegebene (grtlärung beftätigen f oHen ; fie felbft 
muffen in unüerfürjtem SBortlaute t)orgelegt tüerben. 93ollfommen 
beglaubigt n)irb ba§ Sitat aber erft burd) genaue Stngabe be^ 
Orte^, IDO ber ))rüfenbe Sefer e§ auffinben unb, bamit e§ feine 
rid^tige 93eleud)tung erhalte, e§ in ben ßwföntmentjang ber 2)id)ter= 
rebe tt)ieber einfügen fann. Unbelegte ßitate t)erurtl|eilt Sacob 
©rimrn afö „unorbentlicfj äufammengeraffte, unbeglaubigte, un- 
beeibete ßeugen''. 

Sltejanber ©d^mibt l^at nid^t genug baran, jeben Slrtifel 
feinet SepfonS mit ben erforberlicf)en ^Belegen ju üerfetjen. @r 
gefjt aud^ l^ier auf 93ollftänbigteit au^. (£r begleitet iebeö 3Bort 
mit einer lüdEenlofen Sammlung aller Söelegfteöen, bie burdEi ben 
ganjen Umfreiö ber Söerfe be§ 2)id^terö t)erftreut finb. @o tt)irb 
un^ nidE|t nur ber gefamte @prad)fd^a^ überliefert, tt)ir lernen 
aud^ fdE|on bei ber erften flüd)tigen S8etrad)tung, tt)eld^e Stüde 
biefe^ !öftlid)en SSorrat^ö ©^afefpeare am liebften benu^t; biefe 
unterfdtieiben ttjir ol^ne toeitereö t)on fold^en, bie er feltener jum 
®ebraud)e ^eranjie^t ; unb tt)enn fid^ bei 3Sörtem, lt)ie coagulate, 
divineness, palmy, nur eine einzige SBelegftelle finbet, fo fönnen 
tüir fidtier fein, bafe er in ber Stiat aud) nur ein einjig 9Kal 
nac^ jenen Sluöbrüden gegriffen. SDemgemäfe leiftet ba^ 2öörter= 
bud^ big ju einem getüiffen ®rabe aud) ben S)ienft einer 
€oncorbanj. 

S)aö ed^te SBörterbud^ toirb jum Sefebud^. Snbem e§ bie 
brangenbe gormenfüHe ber ©prad^e in fid^ aufnimmt, erhält e§ 
gleid^fam Slntl^eit an bem Sebenögeifte, ber fid| mxknh in jenen 

Sernalj?, ©(^riften III. 11 



162 3u Sfeafefpeare 

gönnen !unbgie6t; e§ feffelt fefbft mit bem SRetje be^ Seben§. 
©0 mögen auij biefe beiben get|aftfci^n)eren Sänbe ben Sefer 
feftfjaften, fefbft iDenn er [ie of)ne ba§ SBebürfnife augenblicflid^er 
99elet)rung auffd)fägt. ©dEieint unig f)ier bod^ überall bie Stimme 
be^ S)idE)ter§ mit i^ren eigensten Sauten anjufpred^en. SDttt Suft 
toertieft man ficf) in jene aue^gebe^nteren 3lrtifef, tt)e(d^e ein \)kU 
gebraud)teö SBort in allen manigfaltigen Slnmenbungen üor^ 
fütiren. ®a öffnen fit^ Slu^bticfe nad) allen Siegionen ber 
®id^terfpracf)e. 2Kä^renb bie Säfee in langer, moljlgeorbneter 
JReitienfülge an nn^ üorüberjietjen, leiten fie fid^ tnecljfetoeife bie 
nötl^igen ©rläuterungen. ®in Safe mag auf ben erften Slicf 
bunfel erfc^einen, — er empfängt fein Sid^t, fobalb anbere ä^nlic^ 
gebilbete Sä^e if)m unmittelbar jur Seite geftellt iDerben. S)a 
füt)lt man fid^ gelodEt, t)ern)anbte SReben^arten unter einanber 
ju t)ergleid^en ; man gefjt einem befonber^ treffenben Slu^brudEe 
narf), um ju erfunben, in melcljen Dramen t)or5ugött)eife unb in 
toeld^en Scenen biefer S)ramen er fid^ finbet; man merft barauf, 
ob gelDiffe SBörter unb SBenbungen, lt)ielt)0^l fie ber S^ragöbie 
ober ber Somöbie fid^ befonberö ju eignen fdEjeinen, bennod^ in 
beiben 2)id^tung^bereicf)en biefelbe (Geltung erlangen; man beob== 
adf)tet, toie burd^ leidste 3Banbtungen be§ 2!on^ unb ber gärbung 
ba§ fdf)lid^te 3Bort bon ber einen Sebeutung pr anbern l^inüber= 
geleitet n)irb unb in manigfad^en SSerbinbungen immer neuen 
^Begriffen fic^ anbequemt.^*) SBotiin aud^ unfre 9lufmerffamfeit fid^ 
lenft, überall gelt)at|rt man bie Sebenöfpuren einer frei unb bod^ 
gefe^lic^ entfalteten S)id^terfprad^e, beren jugenblidEie gfille tt)ie 
au§ unerfd)öpften liefen aufquillt. 

9tod^ immer l^ört man t)ie unb ba öon ber 3BillCür, Don 
ber aller Drbnung fpottenben Slu^gelaffentjeit, oon ber un^ 
gebdnbigten S23ilbf)eit ber Stjofefpearefd^en Spradje reben. SSegen 
biefer oermeinten Sigenfd^aften mirb fie balb unöerftänbig ge* 



") S3cifpiel§n)eife fei auf Die melumfnffenben 3(rti!e( Hand unb Way 
^ingebeutet. 



3uTn 6tubium t)c§ bcutfcben unb englifcfccn Sljafcfpeare 163 

tabeft, balb mä)t minber unöerftänbig gepriefen. ©efonber^^ finb 
e§ granjofen, bie berartige Sßorftellungen öon ber ß^^tlofigfeit 
be§ S)icf|ter§ ttodE) biö in bie jüngften Sa^tjetjnte fortgefd^fep))! 
^aben.*®j Unb itjnen finb [ie anä) am erften ju öerjeitjen. 
T)enn bie eigene Sprache, bie freiließ and) il^re Äül^ntjeit 6e)t^t, 
bietet if)nen boä) ^u ber [inntid)en ®en)alt @f)a!efpeare§ fein er* 
läuternbeö ®egenbilb. Ung S)eutfc^en Kirne eine foId)e Snt- 
fc^ulbigung nid)t ju gute.^') 3Ber aber nod) an ben Srng^ 
bitbern jener S^orfteüungen Ijängen follte, ber fann fic^ unter 
ber gütjrung unfere^ Sei'itograpl^en auf immer üon itjnen lo^* 
mad^en. 5)enn biefe§ Sejifon getüötirt uns bie SInleitung unb 
bie äWittet 5U einem Stubium, n)eld^e^5 in ba^> Wart ber 
®^afefpearefcf)en ©prad^e bringt unb^ un§ jur (£r!enntni§ i{)rer 
gefe^mä^igen Silbung füf)rt. 3Bir überjeugen un^\ ba§ audb 
f)ier @efe^ unb greit)eit §anb in §anb gef)en unb ha^ m^% i^rem 
SBunbe bie unt)ern)üftlidf)e Äraft ertüäd^ft. S!J?ag man immerfjin 
einige Sä^e au§nef)men, in benen entroeber burd) bie eigenfinnige 
Driginatität be§ S)id^terg ber Sprache etma^ getDaltttjätige Qu- 
muttjungen gefteüt merben, ober greö [\ä) burd)freujenbe ®e* 
banfenbfi^e ben Sefer bfenben unb öertüirren. Unb aud) über 
biefe ©ä§e urt^eife man erft, tomn man fit^ burd) fd^arfe 
Prüfung beö überlieferten Xejte^3 öerfid^ert l^at, ba^ fte un* 



^•j 6at boc^ felbft noc^ Steine ficfe ju folgetiber ßbarntterifti! ber 
S^afefpearefc^en ©prac^c Der leiten laffen: „Contrastes heurt6s, exagörations 
furieuses, apostrophes, exclamations, tout le (161ire de l'ode, renverse- 
ment d'id^es, accumulation dUmages, l'horrible et le divin assembl^s 
dans la meme ligne, il semble qu'il n'6crive jamais une parole sans 
crier." (Histoire de la littörature anglaise 2, 96 ber erften 2lu§öabe.) 

") SBir lefen im Sauft: 

,,Unb bein iperj, 

2lu§ Äfcfcenrub' 

3u S^önimenqualen 

SBieber aufgefc^affen, 

93ebt auf!" 

t)at ©^ofefpeare etroag tübnere§? 

11* 



164 3u ©]&afefpcarc 

tjerfälfd^t in i^rer urfprüngltcfien Saffuttg erlialtett tDorben. SSoit 
bem ganjett ber ©Iiatefpearefd^en @))rad^e gilt gemife baö ®id^ter^ 
tooxt: 

SfJegel tDirb aüe^ unb aüe§ tüirb SBat)! unb aÜe^ Sebeutung. 

greilicfi Uerfc^mälit ber S)ramatifer bie gleichförmige abgejirfelte 
@d)önl^eit ber ©prad^e, toie er e^ t)erfc^mä^t, au^ feinen 9D?enfc^en 
„leMofe moralifd^e 9?ormaIpuppen'' ^®) jn madEjen. 

Snbem ba^ Sejifon ben SSortfd^a^ öor nnö ausbreitet unb 
gleidifam bie "J^atfac^en ber (Sprache t)erjeid^net, fdieint e§ unS 
bfoö bei ben einjelnen SBörtern feft^alten ju ttJoHen. Stber un^ 
ttjiHfürlid) iDcrben iDir burc^ baS Söort in baS innerfte ber 
©id^tungen felbft t)erfe§t. ®a gen)at)ren lüir eine farbenreidje 
ober mit epigrammatifd)er ©pi^e üerfe^ne Qäk auö ben epifd^en 
®ebid^ten; ein I^rifdier Jion Hingt auS ben Sonetten; gleic^ 
barauf trifft unö ein geiftreid^eS ©d^erjtüort auS einem ber 
Suftfpiete; bann feffelt unS ein gelüid^tiger 9Seiöt)eitSfprud^, einer 
Don ben t)ie(en, n)eld^e in ben |)iftorien bie einjelnen Stuftritte 
beS n)irret)oüen politifd^en SebenS begleiten unb beleud^ten ; unb 
enblidö ergreift unS ein SluSbrudE lobernber Seibenfc^aft, ber auS 
ben 2^iefen ber S^ragöbie I|ert)orbrid^t. S)ie einjelnen ©ä^e unb 
SSerfe mat)nen an bie ©cenen, n)eld^en fie entftammen; ber Sii= 
Iialt biefer ©cenen belebt fid^ in ber ©rinnerung beS Seferö; 
baS bramatifc^e Söilb fteigt t)or feiner Sinbilbungöfraft in 
n)adf)fenber ©eutüc^feit auf; bie güüe ber §anblungen unb 
®eftalten fd^eint firf) au§ ben SBorten il|m entgegenjubrängen; 
unb tüenn ber ®eifteSbIid über biefe SBelt t)infd^n)eift, betüälirt 
fid) aufs neue ber 2(uSruf, ju bem einft ®oet^e l^ingeriffen 
n)arb, als eine 9fteil|e öon bilblid^en S)arfteüungen ©^afefpearefd^er 
©cenen il^m t)or Singen lag: „S)a tpirb man erft gen)al^r, n)ie 



") S)a§ treffenbc ©ort ftammt bon ©ofger; er braucht e§ in feiner 
gebanfenreicben, qUju fe^r tjergeffenen fflccenfion ber ©c^Ieflelfcfcen 55or» 
lefungen über bramatifd^e Äunft unb fiitteratur. ^acböeloffene ©cferiften 
2, 564. 



3um ©tubium beg beutfc^ien unb cnflliWen ©^afefpeare 165 

unenbtid) reid) unb groft ©Iiafefpeare ift! ®a ift bocf| fein 
SKotit) be§ 3)?enfd^enle6en§, ba^ er nic^t bargeftellt unb a\x^^ 
gefptoc^en l^ätte! Unb aHe§ mit tüeld^er Seid^tigfeit unb ^rei^^ 
l^eit!" ©r fd^eint ju jtt)eifeln, ob e§ je gelingen fönne, einen 
f old^en ©d)öpfergeift mit 3Borten au^äubrüden ; ben ®r!Iärung^= 
öerfucfi, mit bem er felbft fid^ an ben §amlet ^erangen)agt, 
nennt er ein „§erumtupfen"; eö entfährt if|m ba$ ©eftänbnife: 
,M^^ ^cinn über ®^afef))eare gar nidf)t reben, e^ ift aÜeö unju- 
länglidEi." 3BeId) ein &lüd, bafe unfere n)ortn)eifen ©rflärer fidf) 
burd) foId)e Slbma^nung nidfjt entmutliigen liejaen, fonbern mit 
unüerbroffener S8etrie6famfeit 6i^ auf ben heutigen 3;ag i^r SRebe= 
gefc^öft fortführen! 

Söei 2(ufäeidE)nung ber Söelegftellen läfet 2I(ejanber ©d^mibt 
bie Dramen, tt)eldf)en biefetben entnommen finb, in ber nämlid)en 
Crbnung nad) einanber folgen, bie einft t)on ben erften Heraus- 
gebern im Satire 1623 beliebt n)orben. S)iefe Drbnung ift 
freifidEi feineSttjegS muftergüttig. 2ttS bie ©d^aufpieler So^n 
|)eminge unb |)enr^ ßonbeü fieben Sa^re nad& bem S^obe ilireS 
großen Sameraben ^®) beffen 3Ber!e in einem gemid^tigen golio^ 
banbe jufammenfteHten, rid^tete fid^ i^r IöbIid)eS SSeginnen nur 
auf ben einen S^td, biefe foftbarften Sefi^t^ümer ber englifd)en 
Sütjue t)or bem Untergang ju fid)ern. 2)enn nur ^twa bie 
Raffte ber ®efamtäal|l jener S)ramen mar bi^; ba^in, unb jum 
X^eil in fd^mätjlid) öerftümmelten ©rüden, ben Sefern öor 
Slugen gefommen. 2luS ben fedfi^uubbrei^ig ©tüden, bie i^nen 
mit JRed^t afö Srjeugniffe beS ©id^terS galten, bilbeten fie bie 
brei fdE|on auf bem Sitelblatte ber gotio befonberS l^erauS* 
gehobenen ®ru|)pen ber S!omöbien, §iftorien unb Xragöbien. 
Sie mittlere ®ru))))e ber ^iftorien orbneten fie nad^ ber Qtxt^ 
folge ber in itjuen betjanbelten gefc^id)tüd^en (Sreigniffe. Su ben 
beiben anbern Slbtljeilungen tourben bie einselnen ©tüde nad^ 

^•) ©l^atefpeatc nennt fie in feinem Seftamente neben bem ßrofeen 
Sicfearb S3uTbafie; afle bxei bejeicfenet er al§ „my FeUowes", unbDermac^t 
jebem 26 b. 8 d., um fic^ SRinge gu faufen. 



166 3u ©Mtfpenrc ^ 

SBiUfür unb ßufall ^iert)in unb bort^in gefdjoben. 9lm tüentgften 
toax man barauf bebacl}t, eine nad^ d^ronologtfdier 3tid^tfc^nur 
beftimmte Drbnung einäufüf)ren, ]o bafe bie natürlirf)e J^otfl^ i^cr 
2)irf)tungen uni^ ben tüerbenben unb ben jur SSoßenbung fort== 
fd^reitenben Äünftler gejetgt tjätte. 3a, p einer grunbfalfd^en 
35orfteIlung öon bem GntroidEfung^gange feiner Äunft toerben 
n)ir Herleitet, tüenn tüir gfeic^ an ber @pi|e ber ganjen @amm= 
lung bem „Sturm" begegnen, bem SBerfe, mit bem ber "Eid^ter 
t)ielleid)t feine Xfiätigfeit abfd)(ofe unb ba^ auf alle gälle ber 
legten (Spoc^e berfetben angehört. 

3BoItte man ftd^ nid)t mit einem unfrud)tbaren 9Inftaunen 
ber ®rö^e be«^ ®id)terö begnügen, tüoüte man feine menfd|tid)=' 
fünftlerifd^e ©genart ergrünben, fo mufe man äuüörberft einen 
anfdf|aulid)en ^Begriff Don bem SBerben unb bem aümäl^Uc^en 
aBad)§t{)um feiner Äunft erfangen. 2Bir mußten lernen, ben 
S)id^ter auf feinem ®ange jur f)öd)ften Sluöbitbung burcf) feine 
3Berfe ^inburd^ ju begleiten; eö muj^te gelingen, biefe SSerfe 
nad^ ber ß^i^fc^tg^ itirer Gntfte^ung ju orbnen. Sarauf t)at 
benn aud) bie SBiffenfd^aft bel^arrUd) il|r Sfugenmert gerid^tet. 
2Bir bürfen je^t öon einer gefc^id^tlidf)en (Srfenntniß ber @t)afe= 
fpearefcl)en Sunft reben. Sleußere 3c"9"ifK ^«b fcf)arf beob^ 
ad^tete innere SJJerfjeid^en treffen sufammen, un^ in biefer Sr* 
fenntniß äu förbern. ®enau roiffen tv'xx bie @tüde anjugeben, 
tüelcfie bi^ jum 3af)re 1598 bie 95reter befcf)ritten unb il^rem 
Urheber fd^on bamatö ben 9iut|m ber t|öd)ften 3)?eifterfd)aft im 
ernften n)ie im f)eitern S)rama eingetragen t)atten.^®) Slud) 
für mand)e fpäter entftanbene Sd^aufpiete, tvk ben ßäfar, 
^amtet, Sear, Jroilu^ unb ^einrid^ VIU., läßt ftcf) bie 3^^* 
ber Slbfaffung mit äiemlirf)er (2irf)erf)eit frf)on auö äußern 



*^) S)em funbigcn Sittcrator granciS 3}kre§ galt er um jene ^ät 
fcton aU the most excellent iu both kinds for the stage. Tlan fonnte 
alfo fd)on bamalS ben ®runt)ton U§ £obe§ uernelbmen, ba§ ein ^Siertel« 
ial)rl)unbert fpäter S3en 3onfon unb l^ernac^ ber jugcnblic^c HKilton fo be- 
geiftert anftimmen follten. 



3uTn «Stubium bc§ beutfcfeen unb englifc^en ©ftafefpeate 167 

©rünben beftimmen. Somit ift für bie Unterfud)ung ein fefter 
?(uggan9ö|)unct getponnen unb i^r bie fernere SfJic^tung 9en)iefen. 

3Bäre nun aber anä) jebe anbere Äunbe t)erftummt, fo 
müßten unö bod^ bie SBerfe felbft t)erne^m(id)eö B^^Ö^^fe ^^^ 
legen. Unb jlDar ein 3^i^9^^ife bopjjelter %xt: e§ n)ürbe firf) 
aug bem 3nt)alt roie au^ ber gorm ergeben. 5)ie einjefnen 
J)ramen, ju öerfc^iebener Qext entfprungen, ftnb aud^ üerfd^ieben 
nad^ bent 5!J?a§e il^re^ 2öertt)eö unb if)rer geiftigen SBebeutung. 
SBerfe, in benen tiefer tragifcf)er ®ef)a(t fid^ mit umfaffenber 
2lnficf)t üon SBeft unb Seben, erfd^öpfenbe ©rünbtidjfeit ber 
(S^arafteräeidEinung fid) mit übertüältigenber 9}?ad^t ber ®ar= 
ftellung part, 3Berfe n)ie Sear, SKacbet^, Slntoniuö unb ®Ieo=^ 
))atra tt)irb man, audf) n)enn fein c^ronologifc^er gingerjeig auf 
bie richtige ©pur l^ilft, gen)i§ nur ben reifen 3Ranneöjaf|ren 
be§ S)ic^ter^ jufd^reiben. Äomöbien tt)ie bie beiben SSeronefer, 
bie Sprüngen, bie 3ät|mung einer SBiberfpänftigen, ber graufige 
Situ^ Stnbronicu^, ober aud) bie tjiftorifdfje 2!riIogie öon |)einrid^ 
bem ©ediften beuten bagegen ebenfo beftimmt auf bie 3Berbe== 
jeit be^ Äünfttere. 

S)od^ nid^t immer treten biefe geiftigen Unterfd)iebe fo 
fd^arf tjerüor. 'Ser gorfd^er, ber geroiffentjaft nur auf ®runb 
beutlic^er Srfenntnife feine d^ronotogifd^en Seftimmungen treffen 
toiH, mu§ bann nadf) greifbaren äJierfmalen fud^en; unb ttjo 
fonft liegen biefe fid^ finben aU in ben n)ed)fetnben Sigentfjüm* 
lid^feiten be^ @til§, in ber t)erfdf)iebenartigen 93ef)anbtung Don 
Sprache, 9?erö unb SReim? 

Sluf ben erften 83Ud ätnar geloä^rt ber @tit ber @^afe== 
fpearefd^en S)ramen ben ©nbrud ber ®(eid)mä§ig!eit. 3n i^nen 
aßen I|errfd)t ber näm(idf)e SSer^ ; in ben meiften berf elben tJjeilt 
er bie ^errfd^aft mit ber 5ßrofa, bie fid) halb nur befdjeiben 
§ert)ortDagt, balb ben breiteften 9taum einnimmt; in früf)ern 
tüie in fpätern SSJerfen giebt unö ber 3)id)ter einjelne I^rifd^e 
Älänge ju ^ören, unb in ben 2!ragöbien nid^t minber aU in 
§iftorien unb Äomöbien benu^t er ben Steim. S)iefer muß bag 



168 3u S^cfpeare 

grotegefprät^ unb ben 5!JionoIog abrunben, ober, reidjUd^r an^ 
getüanbt, bie bid^terifd^e ©arfteHung er^ö^en unb fd^müdett, bem 
Slu^brudE eine lebtjafte gärbung t)erteil|en ober eine eigenartige 
Söeleudf)tung über gange ©cenen verbreiten. 

9(ber bei aüer gamilienä^nlidf)feit, bie fid^ in ber gefamten 
^f|t)fiognomie biefer ©ramen nid^t öerläugnet, loie biete ab^ 
toeid^enbe 3"8^ n?erben bennodEi im einselnen fidE)tbar! ®ie 
Sle^nlid^teit erftarrt nirf)t jur tobten ®Ieic^förmigfeit ; bie über* 
all fid^ be^auptenbe ®runbform ift tttva^ lebenbige^, ba^ einer 
vielfältigen Um= unb gortbilbung fä^ig erfd^eint. 

@o fteHt fid^ ber Sßer§ in manigfad^ n)edE|feInben ®e[talten 
bar. 3n ben SBerfen ber Sugenbjeit erfd^eint er regelred^t ge* 
bilbet; au^ ber nur fetten unterbrorf)enen gotge unbetonter unb' 
betonter ©itben ge^t ber Stjarafter ber jambifdien SSer^art rein 
unb ftreng ^ert)or. ©tarf einfd^neibenbe ßäfuren ttjerben oer= 
mieben; 9Ser§ unb ®a^ fdC)miegen fid) ^armonifd^ an einanber: 
mit bem @d)tufe be§ Sßerfe^ ift aud^ ber Sd^tufe be§ @age^ 
gegeben; bie togifd)=grammarifc^e ®tieberung be^ ®a^e$ ftimmt 
ju bem ®efüge beö 9Serfe§. ®a nun bie einjetnen ßeiten ber 
poetifdfien 9fiebe fetbftänbig in fid^ abgeininbet erfd^einen, fo ift 
i^ncn aud) ber männlidfie Slu^gang angemeffen. ^äufig genug 
tritt nod) ber 9?eim ^inju, ber in 3Berfen toie @ommernad^t§* 
träum, S!omöbie ber Errungen, SSerlorene Siebe^mütje, burd) 
ganje ©cenen ungehemmt ftd^ ausbreitet. Oft gtaubt man 
über SSerfe eineS It)rifd)en ®ebid^te§ ^injugteiten, baS an roma^ 
nifd)e SSorbitber fid) tet)nt. 3Bie aber, rafd^ unb mächtig, bie 
2)id^tung ©l^afefpeareS in bie |)öf)e unb in bie Stiefe ttjäd^ft, 
tük ber Strom beS bramatifd^en Sebenö immer votter einl^er^^ 
raufd^t, ba toirb ber 95erö in biefe flut^enbe S8ett)egung mit 
f)ineingeäogen. Unb roefdje SBaubtungen finb if)m nun befd^ieben \ 
Snbem baS ®teid^ma§ feinet metrifd^en ®angeS gebrod^en n)irb, 
mufe er ben unauft)örlid^ n)ed)fetnben SBebürfniffen beS bra^ 
matifc^en SßorteS fid) fügen. (£r täfet ftd^ fd^arfe ©infdinitte 
gefallen, gtei^ als ob burdfj ben ®to§ unb ©rang ber Seiben* 



3um ©tubium be§ bcutfc^en unb cnfllifcfecn Sbatefpenrc 16^ 

frfjQft feine ©lieber auöeinanbergefprengt iDürben; er läßt fid^ 
mit fdjtüeren Silben anfüHen, bamit er bie 3Bucf|t beö ®eban!en^ 
ertrage. 5£er SReim iDeid^t äurfidE; auc^ ot)ne feine §ülfe er- 
blühen int 2Be(i)feIgefpräd)e bie I^rifd^en 9fieije ha, too ber 
3)id^ter fte au^ftreuen mu§. SBenn int ®ontnternad)t§traum 
bie £iebe§))aare \\ä) ben Srgüffen ber Mage unb greube ü6er=^ 
loffen, fü fcf)eint ber SReint nnöernteiblid^. glorijel unb ^ßerbita^. 
SKiranba unb gerbinanb braud^en i^n nid)t. Qn beut gernta^ 
nifd^en Äunftgepräge, ba^ ben fpätern unb fpäteften SBerfen 
imnter beutlidier aufgebrüdt n)irb, pa^t bie immer freiere SBe- 
^Qnb(ung beö S?erfe§. ®ie n)eib(id)en ©nbungen finben fid^ 
^äufig unb t)äufiger ein. SBenn früf)er ein gemid^rige^ SBort 
am @rf|Iu§ be§ günffüj^Ier^ bem Sefer einen 9ftul|e))unct geftattete 
ober gebot, fo fc^lie^t nun ber 9Ser^ gar oft mit einem unter* 
georbneten 95erbinbung^n)örtd^en, ha^ un§ ofjne Stufent^alt 
jtt)ang§tt)eife jur folgenben Q^\k t)ortt)ärtöbrängt. S)enn im 
®egenfa§ ju bem frühem SBeftreben, bie metrifd^e 3^^^^ ^^^ 
ein gaujeg in fidEi abjufd^Iiefeen, fie ate felbftänbige^ Stebeglieb 
linjufteüen , fdEieint ber 2)icf)ter je^t t)ietmel|t befliffen, jebe 
äußere ®dE|ran!e jtoifdjen ben . einjelnen SSerfen {jintoegäuräumen. 
öatb muffen fie, gleid^ 3;i|eilen eine^ profaifdf)en @a^e§, eng ju* 
fammengreifen ; balb, toie im mäd^tigen rt|t)tf)mifd)en @d^n)unge 
ba^ingetragen, ftrömen fie ineinanber. Sefen mir öergleid^enb 
Äbfc^nitte auö ben frül^ern unb au^ ben fpätern SBerfen! 
©teilen tnir bie beiben Sßeronefer neben ba^ SBintermärcfien, bie 
Somöbie ber Strungen neben ben ©türm, SRid^arb ben ©ritten 
neben Slntoniu^ unb Steopatra! Sft e§ inirHidC) ein unb ber^ 
fefbe Sßerg, ber ^ier überaß tt)ieber!el|rt ? 3ft eö biefelbe Äünftler* 
^anb, n)etd^e if)n fo öerfd^iebenartig formte? 2tud^ f)ier liegt 
ber 3KanigfaItigteit bie @int)eit unb ber freien Söen)egung ha^ 
®efe^ jum ©runbe. ^at man fid^ l^ineingel^ört in bie 9Ser* 
fc^ieben^eiten ber ©^afefpearefd^en tunfttoeife, bann ift e^ faum 
möglidtj, bie Söelet)rungen mifeuöerftet)en, n)eld^e fie unö über 
bie 3citfoIge ber S)ramen ertljeilen. SJiufif unb TOalerei bieten 



170 3" @()fl!cfpcare 

unö in tt)ren SOieiftern älinlid^e Srfd^etttungen. @in 5RafaeItfc£)e^ 
Söilb, ein Quartett Seetl^oöenö üerrätf) beut ©ngeiDeititen aU^ 
balh bnxd) beutfid^ erfenrtbare SKerfäeid^en be§ ©tit^^, in iDefcfier 
Seben§epodE|e ber Äünftfer cö gefdiaffen. 

SBer bie ^ter gegebenen 3lnbeutungen ertüägt, bem mag 
t)ielleid)t bie i^xa^t [id) aufbrängen : .Sonnte nidfjt ber SSerfaffer 
beö 3Sörter6ud)e^, geftü^t auf jene innern unb äußern ß^ugniffe 
eine c^ronologifd^e Drbnung ber S)ramen feftfe^en, narf) tt)e(d)er 
bie Selegftetlen in jebem ?IrtifeI einanber folgten? Söürben 
tüir nid)t burd^ baö einfädle SKittef einer fold^en 3lnorbnung 
in ben 8tanb gefegt, un^ 9ted^enfc^aft ju geben t)on ber Stettung 
unb 95ebeutung, toeld^e in jeber ^eriobe ber @^a!efpearefd£|en 
St^ätigfeit jebem SSorte, jeber JRebelDenbung im ganzen ber 
©l^afefpearefd^en @prad)e äufommt? SSürben auf biefe Söeife 
nidE)t bie Slrtifet beö 3Börterbud)e^ bie ®runblage tiefern ju 
einer ®efd)id)te, bie noc^ ungefd^rieben ift, ju einer ©ntroicHungg- 
unb Söitbungögefd^id^te ber ©prad^e ©^afefpeare^ ? 

Sllejanber @d}mibt öerjic^tet auf fold^e SSort^eile, unb Ttid£)t 
ol^ne ftid^tjaltige ®rünbe. Sebe Slnorbnung, bie er felbft ge== 
tt)äf|(t, tüürbe if)m ben 93orlt)urf ber aSißfür, be^ eigenmäd^tigen 
9Serfa{)ren^ jugejogen Iiaben. greilid} fd^fiefeen fid) bie ®ramen 
maä) äuj^ern unb innern Ä^enngeid^en ju beftimmten ®ruppen 
jufammen; aber innerhalb ber ®ruppe jebem einzelnen Söerfe 
feinen ^la^ nadE| ber Q^xt feiner Sntfte^ung anjun^eifen, baä 
ift un§ ba, lt)o glaubhafte gefd)id^tfid^e 3^W9"ifl^ fetjten, feinet* 
toeg^ Vergönnt. S)a§ SRomeo unb SKacbett) nid^t bemfetben 
Sebenöalter be^ Sid^ter^ entfprungen finb, ba§ bem fd^ottifc^en 
Äönig^mörber ba^ italienifd)e Siebe§))aar um eine lauge Qtit^ 
ftrede üorangel^en mu^te, ba^ erfennen toir, aud^ ol^ne ba^ 
irgenb ein S)ocument mti^ barüber belehrt. 3lber tueldier ©diarf- 
finn tDäre {)inreid)enb, um bi^ ju üöKiger Sidjertjeit an^n^ 
mittein, ob unter ben Sugenbnjerfen bie Slomöbie ber Srrungen 
ober bie ßä^^wng einer SBiberfpänftigen ba^ ältere fei? Unb 
lüer möd^te fid) an^eifd^ig mad)en, ätoifd^en mandEjen ber fpäteften 



3um ©tubium be§ bcutfcfcen unb cnglifcbcn !£()a!efpeatc 171 

®id)tungett, tüte ettüa bem aBintermävd^en unb bem S^mbefine, 
ba^ ^dtt)zxf)ältm^ fo überseugenb feftäufe^en, bafe jeber gorfdier 
fic^ äur SBetftimmuTtg gejtpungen füllte? äRag man ben Sn* 
^alt nad| aÜen erbenfUd^en 3J?afeftäben prüfen, mag man nocfj 
fo ängftlidi bie g^^tm unterfud)en, tüeber gorm nod^ Snl^alt 
gemähten l^ier einen unbebtngt juöeriäffigen ©ntfd^eibung^grunb. 
®em ))etfönltcf)en @m))finben unb ©rmeffen bleibt immer ein 
beträdötfid^er Spielraum öorbe^Iten. Seien tüir bat)er jufrieben, 
in unferem Sejifon ber alt^ergebrad)ten Drbnung toieber ju 
begegnen! gür ben näd^ften ®ebraud^ ertüeift fte fid^ afö bie 
bequemfte; unb fte {)inbert nid^t beim SSerfoIgen tüeiterer tDiffen- 
fd^aftlid^er Qtozd^. 3Ber, mie Slfejanber Sc^mibt, bie ^flid^Jen 
be§ Sejifograpl^en fo einfid)tig unb fo grünblic^ erfüllt, ber i)at 
auf alte ^ö^e bem fünftigen ®efd)id^tfd^reiber ber @pradf)e mit 
Srfolg Vorgearbeitet. 

S)iefefbe einfid^töüoüe Sntl^attfamfeit, bie er l^ier betoäi)it, 
^at er ami) in 3Rittt)eiIung ber Sefarten bemiefen. SBer je fid) 
mit ber Äriti! be^ ©^afefpearefd^en Xejte^ befaßte, ber gebeult 
nid^t o^ne ®rauen ber SSermut^ungen unb SSerbefferungen, 
tt)eld|e fdEiarenttjeife ben frudjtbaren köpfen ber ^ritifer ent* 
fprungen finb, unb nun fo mand)e fd^toierige Stelle biefer 
S)ramen tüie in biden Raufen umlagern. Äüf)nUd^ muß man 
fid^ burc^ fte f)inburd)fd)Iagen, tdxii man 5um ed^ten SBorte be§ 
S)id|ter^ Vorbringen. Slfejanber Sc^mibt meiß biefe ftörenben 
äWaffen feinem SBerfe fern ju t)alten. 6r ift ju fe^r lt)ir!Iid)er 
Äenner, um ben ©inföHen jener §a(bfenner, meldte ber ßi^el 
ber SSerbefferung^fud^t 5U fted)en pflegt, irgenb tDefdfjen 2Bert^ 
beijumeffen. 35aö Seben ber S^afefpearefd^en Spraye ift i^m 
fo !Iar aufgegangen, baß feine öermeintlidie @d^önf)eit, mit 
lueld^er finnreid)e Sritifer fte au^ftatten motten, itju btenben 
fann. @r ^aftet nid^t engfinnig ober abergldubifd) an ben 
überlieferten SBudEiftaben, btoß roeit fte überliefert finb; aber er 
tradjtet, ba§ 2)id^terlt)ort ju verfte^en, e^ an^ bem Sinne be^ 
^id|ter§ l^erau^ ju begreifen, bevor er mit fdjeinbarer SSer^ 



172 3u <S()a!cfpeate 

befferung e^ antaftet. Unb fe(bft ba§ offenbar t)erberf)te SBort 
lä^t er . lieber mandimal unberütirt, afö ba§ er e§ mit ben Heil- 
mitteln beffanbelte, tüää)t bie fürforglici^en Sritifer ftet^ bereit 
l^alten. S)enn bie unsäl^Ibaren 9Ki^griffe ber fritifd^en ®roJ3= 
unb Äleinmeifter bereifen mit fci^redtenber 2)eutlid|!eit, mt fetten 
e§ gelingt, bie ©ebanfen be§ bidjterifci^en ®eniuö naci^* ober 
mitjubenfen. SESenn aber ©djrnibt foldjer SBeife fein SBud) t)on 
müßigem SBeitoer! enttaftet, fo entjietit er un^ bod) nirgenb^ 
ba^ 9^ott|n)enbige, beffen n)ir jur tiefern Sinfid)t in ben Qn^ 
ftanb be§ Stejteg bebürfen. (£r berseirfinet bie SSarianten, bie 
au^ ben alten ©rudten ftammen, toetd^e unö, beim ööHigen 
äKanget t|anbfci^rifttidt)er Orunblagen, afe bie einjigen Stejrte^* 
quellen gelten muffen; er giebt bie bon ber alten Ueberliefe== 
rung abtoeici^enben Sefarten an, n)el(t)e feit langem in ben meiften 
neuern 2tu§gaben einen meffr ober minber red^tmäfeigen ^Ia| 
bel^aupten. 

SBie toeit ein üejifon biefer 9lrt ftd^ auf bie ©rtduterung 
fd^mieriger ©teilen einlaffen foQ, barüber fann nur ber 2^act 
beö ^Bearbeitern entfdjeiben. Unb l^ier t|at er mit bett)unbernn== 
tt)ertf|er @id)er^eit entfdjieben. SBo bem Sernenben eine ©d^mierig* 
feit, bem gorfdienben ein SBebenfen aufftö^t, ba giebt ba^ 
Sejifon einen furjen, aber ganj beftimmten SBin!; bie 93eteg== 
ftellen erfd)einen im ©eleite be§ bünbigften ßommentarö.^^) 
SBel^er 9teid^t]^um ausgiebiger SBelel^rung ^ier mit leidster §anb, 
gleid^fam nur nebenher, gefpenbet tt)irb, baS erfäffrt man erft 
burd^ langjäl^rige SBenu^ung be§ S8ud)eS. SSon bem falfd^en 
®^W^' öQ^^ erHären ju njollen, lä^t fidE) ber SSerfaffer tüeiS* 



^0 Sollte man burd^ Sitate bicfc§ Sob etJ^ättenr fo müfetc man faft 
bie fämmtUcfeen 3ltti!el in Meil) unb ©Heb cititen. iöeifpiel^roeife nenne 
iö) breed (verbum), creation, flowery, plummet, slander (subst.)» putter- 
out, substance in XroiluS unb Sreffiba 1, III, 324. SBie fein fxnb bie 
öemetfunöen au Let be auf ©. 84. SBie umfiditig ber 3lutor oerfcfeiebene 
njlöfllicfefeiten etroägt, mag butc^ bie 23el)anblun9 bc§ SSerbum§ to baste 
bejeuQt roerben. 



3um ©tubium be§ beutfcfecn unb engliWcn ©l)a!efpeate 173 

lid^ nidjt berüdten. SSie mand)e furfien für bte ^offnung^to^ 
bunfeln SRättifel, tüeldie bcr ®]^afef))earefd)e Sejt in feiner 
je^igen ©eftdt un^ aufgiebt, eine @d)einlöfung ju ergtüingen 
mit allen ©etüaltmitteln einer Srflärnngöfunft, bie aurfi 
bem Unge^euerlid^ften ftdt) befrennbet. Sltejanber ©djmibt 
bagegen beutet gefliffentlid) auf ia^ ©eltfame unb S8efremb= 
lid^e, auf ba^ Unerflärte unb UnerHärbare. Peculiar passage, 
singnlar passage, obscure passage, unintelligible passage 
— ba^ finb bie SKa^n- unb SBarnung^geid^en , bie unö 
^ur SSorfidt)t ftimmen, ju immer erneutem 9?aci^ben!en auf== 
rufen foKen. 

Unfer STutor l^atte fid) mit ber Slbfid^t getragen, bem 
Sepfon äu @t|afefpeare§ SBer!en eine ®rammatif ber @t|afe= 
fpearefdjen @prad)e beizufügen. Sr entfagte ber Sluöfütirung, 
tpeit er in Slbbottö Shakespearian Grammar unb in S^bne^ 
3BaIfers^ „fritifdjer Unterfud)ung be§ @^afefpearefd)en Sejteö" 
ungefähr ba^^jenige geleiftet fanb, njaö er felbft ju leiften fid) 
tjorgefe^t. SDodö täfet er e§ fid) nid)t nel^men, unö burd) einen 
grammatifd)en Sln^ang ju entfdjdbigen. @r benu^t benfelben 
baju, mandje feiner Deutungen unb Sluffaffungen, bie er im 
Sejüon felbft nic^t au^fül)rlic^er rei^tfertigen fonnte, burd) f^fte- 
matifc^e Darlegung feiner ®rünbe, tuie burc^ Sammlung ber 
betueifenben ©teilen gegen SBiberfprud) unb 3^^^f^^ ä^ fid)ern. 
^urd^ 83eobad)tungen, bie in ba^ innere be^ @prad)gefüge^ 
bringen, tüerben tieferliegenbe @igenl)eiten ber ®^a!efpearef(^en 
9Jebe an^ ßid)t gejogen unb al^ bered)tigt nad^getniefen. 3Bie 
inand)e ©ä^e unb Slu^brud^formen erfd)einen nun erft in ber 
rid^tigen fd^arfen Seleud^tung ! Äoftbar t)or allem finb bie I)ier 
gefammetten SBelel^rungen über ben t)erfd)iebenartigen ®el)alt 
unb ©nflufe be^ Slbjeftibö unb über bie ftjed^felnbe Betonung 
ber jmeifilbigen Slbjeftibe unb 5ßarticipien. 

@o f)ai I)ier abermals ein 2)eutfdf)er fid^ bem S)idE)ter be^ 
ftammöednanbten SSolfe^ in rül^mlid^en ©ienft gegeben. SSon 
be^ S)ic^ter§ Sanb^leuten toaxb il)m benn audE) ber njo^lernjorbene 



174 3u ©^ofefpcarc 

5RuI)m liiert Dorenttiaften.^^) 5üejanber ©c^mibt t|Qt für @^a!e^ 
fpeare üoQbvaci^t, iDa^ nod) für feinen nnferer tjetmifc^en ®ro^en 
t)oIIf)rad)t iDorben. Äaum beginnt man bie @prad)fd|ä^e 511 
fid)ten unb njiffenfd)aftlid^ ju orbnen, n)ek()e bie 9D?etfter be§ 
beutfd^en SSorte^ tuä^renb ber jüngften brei 3af|rt|unberte auf= 
geijäuft. 9(uf ein treffU(^e!o SBörterbud) ju Sutffer^ beutfdjen 
Schriften, an ba^ ^f). S)ie^ opfertnuti|ig feine Sraft gefegt, 
fönnen iDir nur mit 93efd^ämnng bttcfen: feit bem 3af)re 1872 
ftocft e§ beim Sud^ftaben §. 

3Bat|rf)aft tDiffenfd^aftürfie SBefi^t^ümer finb ®emeingut, 
iDeldjer Station fie auc^ angehören mögen, deiner foHte man 
fie baffer beneiben. 1)o^ ift e§ bem I)eutfd)en t)ietleid|t erlaubt, 
eine leidjte 9(nmanblung non Steib ju fpüren, tt)enn er jene in 
gebiegener miffenfc^aftlid)er ^ratfit glänjenben 9(u§gaben burc^:= 
muftert, burd^ iDelc^e bie g^ran^ofen iffren ©faffifern bie tüürbigften 
S)enfmä(cr errid^tet f)aben unb immer bon neuem errid^ten. 
3Bie and) im politifdfjen, fociaten unb litterarifd^en Seben ^^xanU 
reid}§ bie f)errf^enben Stimmungen iDedfjfeln mögen, niemals 
ermattet ber n)iffenfdf|aftlid^e ©ifer im I)ienfte ber ?(utoren, 
tüeld^e bem nationalen ©c^riftt^um bie Slu^bilbung gegeben unb 
in i^ren 3Berfen bie ©genart be§ SSoIfögeifte^ ausgeprägt tiaben. 
9iid^t nur ben größten mirb biefe t^ätige SBereffrung gett)ibmet; 
ein Slnred^t auf fie ffat jeber, ber im litterarif^en ©ffren* 
rati) ber Station einmal ®i^ unb Stimme gemonnen ober 
in irgenb einem, aud^ nod^ fo abgelegenen Sejirfe beS tt)eiten 
ßitteraturreid^eö ein benfmürbigeS 3Berf aufgefteQt ^at, tt)eIdE)eS 



^'J 3* afbenfc I)ier nur beS SeugniffeS, ba§ SBiaiam Sllbig ffirig^t, 
unter ben tI)ätiQcn gorfd^ern einer ber erften, o^^i^iffermafeen im ^Warnen 
ber englifc^en gacfeöeuoffen auSfieftellt l^aU %m Scfeluffe ber SSorrebe su 
feiner HuSflabe ton As you like it (1877) nennt er @4mibt§ SBcrf al§ 
ein fo(c^e§, which marks an era in Shakespeare - literature. Qx füflt 
l)ingu: My own obligations to it are too uumerous to record, for I 
have used it constantly and always with advantage. It is a book 
which every real Student of Shakespeare should have at band. 



3um ©tubium be» beutfd^en unb euölifcfecn Sbafefpcate 175 

al^ SRufter feiner ©attung ein uerbiente^ 9lnfef)en befjauptet. 
3n ber ©ammlung ber Grands Ecrivains de la France, 
ireld^e int 5Iuftrage ber ^aAettefdien 93u(i|t|Qnb(nn9 3(b. ategnier 
leitet, uierben bie SBerfe eineö jeben Sd^riftfteller^, bem biefer 
9iut|me^titel äufomntt, mit ®rammatif unb Sefifon au^geftattet. 
SBaö ben mäd^tigen 95i(bnern unb ^errftfiern ber Sprache, einem 
5ßa^cal unb ßorneilfe, einem äJtoIiere, SRacine unb Sa gontaine 
gebülirt, ba^^ mirb and) ben äJJeiftern, bie über ein begränäte§ 
SReid^ gebieten, mit ber nämfici^en äSillfä^rigfeit bargebradt)t. 
%Viä) ein Sa SBru^ere, ein Sa 9{od)ef oucaulb , barf feiner 
®rammatif, feinet Sei'ifon§ nid^t entbehren. Norberte felbft ber 
SBert^ biefer 3lrbeiten feine unbebingte Stnertennung, fd^on ber 
®ebanfe, an^ bem fte i|ert)orgingen, bleibt erl)ebenb: er mü^te 
jebe Station, bie iDert^ ift, fidt) einer eigenen Sprad^e unb 
Sitteratur ju erfreuen, jur SJiad^eiferung anfpornen. 23ann mirb 
bie ©ammlung ber Grands Ecrivains de la France i^r beutfd)e^ 
®egenftüd ermatten? 

ajJit tierboppeftem 2)antgefü^t müßten tüir un^o an bem 
SBerfe be^ beutfd)en 9trbeiter§, ba§ un§ ju biefem Sluöblicf in 
bie grembe SInfafe gab, fort unb fort beletiren, toenn toir e^^ 
afö SSortäufer unb SBorbilb ä^nlic^er Wtffenfc^aftlid^er Jffaten 
betrachten bürften, bie jum §ei{e ber oaterlänbifdEjen Sitteratur 
unternommen mürben. Unb mo lie^e ein tüchtigerem 93orbiIb fic^ 
finben? S)am 93ud^ Sllejanber @ci)mibtm maffut un§ an bie 
großen Seiftungen be^ Äönigöberger ^ßfjifologenfreifeö, bem ber 
SSerfaffer mot|f aud^ nidEjt fern ftanb. ßm me^t etroaö barin 
öom ®eift unb ber 9D?etf)obe Sobecf^. 

SRun mirft e^ fc^on feit öoüen je^n Sauren. 3)iöd^te e^ 
feine fernere SBirfung immer entfdf)iebener baburd^ ermeifen, ha^ 
eä unfere Sanb^Ieute ermutl^igt, burd^ bie gebrängten 5Reit|en 
ber ©rffärer unb Ueberfe^er f)inburdE) ben SBeg jum 2)ic^ter 
fetbft ju fud^en, fidE) unmittelbar it|m fetbft eng unb immer 
enger ju befreunben. 

9?odf| immer ift bei unfern ®ebifbeten bie 9leigung tief 



176 3u ©l}afefpearc 

cingetüuräett, bie t)ert|än9ni|t)oIIe Steigung, tuemger auf ben 
bid)terifrf|en (Bdfüp^ti at^ auf biejenigen ju tjören, bie fic^ ju 
?luöbeutern feiuer ©dböpfuugen oufmerfen. 3Bir bürfcu nic^t 
fjoffen, btcfen §ang jemals gänjlitf) ausgerottet ju feigen; aber 
dn foId^eS SBerf, tüie tütr eö t)on Slfejanber ©c^mtbt ermatten 
i^aben, tiermag t^m toenigftenS erfolgreich entgegensuarbeiten. 

SBie biet ^aben nic^t fdjon unfere eigenen ^oeten unter 
fo mandien i^rer Srflärer ju leiben! SInftott bie SRoUe beS 
befd^eibenen gütirerS ju übernef)men unb nur auf ben 5ßfab 
i^injutpeifen, ber jur reinem 3Infd)auung beö Äunftnjerfeö leiten 
fann, pflanjen fid) bie aufbringlici^en Kommentatoren mit ber 
flanjen 95reite iffrer ^ßerfönfid^feit t)or ben ^armloö i^nen üer^ 
trauenben ßef er t|in ; fie öerbedEen i^m ben SHtid auf ben Slutor, 
ben fie angebli^ erläutern; baS öitb, baS fie üon biefem ju 
<Stanbe bringen unb ba§ ber gen^iffen^afte Sefer alö ein e^teS 
gläubig tjinnimmt, ift, genau befefjen, baS fümmerlirfie Stbbilb 
beS eigenen fogenannten ©eiftei^. 2)aö SBerberben iDäd^ft aber 
uod^, tnenn ber alfo erläuterte 2)id|ter burd) fein 3^itölter unS 
•entrücft, burd^ feine Spradje oon unö getrennt ift. 2)a fann 
ber unbefugte S)o(metfdt) nod^ üiel äuüerfiditlic^er auftreten. 2)a 
übt er ungeftörter fein ©efd^äft, ben in freier Straft über SBelt 
unb 5D?enfcl^f|eit . fd^njebenben ^^^^(/t^ in bie Snge beS eigenen 
SKeiuenö unb SBä^nenS hinein ju brüden unb ju preffen. ©a 
tüirb ber ^oet auS feiner gefd)id^tlid)en Stellung ^erauSgeriffen, 
bamit er ben üernjorrenen Seibenfdjaften beS 2!age§ jum @pred)er 
biene ; ober eö mirb an ben SBerf en f o fange unb f o erbarmungs- 
los gejerrt unb gefd^nitten, bis man baS Seben, baS fie burd^^ 
fltüfft, aus iffnen l^erauSgetrieben unb ben Dichter mit ber 
,,empfänglidf)en {eid)tben)eglid)en ©eele" ju einem l^od^mütf)igen 
SBäc^ter einer ffeinmüt^igen SKoralität erniebrigt t|at, bie er, 
in feiner fraftDoQen ©itttid^feit, t|ätte öerlac^en muffen. 

„greunbe, n)ir f)abenS erlebt!'* — unb üor alfem an ®^a!e* 
ft)eare ijaben tt)irS erlebt unb erleben eS fortn^äfircnb. ©oH 
utan mit Sngrimm ober mit fä^Inbem §o^n auf bie Steige 



^ 



3um Stubtutn bc§ beutft^en unb cnglifcfecn S^afcfpearc 177 

ber 5Ketamorpf)ofen äurüdbtideit, bie er unter ben ^änben ber 
Deuter fdintätiUd^ erbulben mufete? Sie Sütiger ber öer* 
fd^iebenen ^t|tIofot)^enfci^uIen l^aben il^n ju t^reöglei^en gemad^t; 
bie gü^rer Ktterarifd^er utib politifd^er Parteien l^aben in it|m 
i^ren SSorgänger begrübt; bie abtnec^felnb tierrf^enben 3SAU 
onfdiauungen tt)urben i^nt angebid^tet; jebeö beliebige S)ogma 
toarb i^m auf getieftet ; er njirb öom §aber ber ßonfeffionen 
umlarntt, unb fd^tiefelid) tt)irb il^m gar ba^ njol^Iertüorbene SRed^t 
auf feine eigene 5ßerfönlid)feit abgeftritten. 

5tber alfeö, toaö tt)iber i^n t)erbrod)en tt)orben, gereid^t 
nur jur SBefc^ämung berer, bie e^ üerübt. SSon il^m felbft 
^jraHt e§ ab] feine SBerfe bleiben in ungeborner §errli^feit 
unberle^t beftetien. (£r felbft rebet au^ bief en SBerf en mit einer 
fibertoältigenben S)eutlic^leit, öor njeld^er alle fünfttic^ erjeugten 
^tid flielien, mit benen ))l^iIofop]^ifd)e unb politifd^e, moralif^e 
unb religiöfe ©eutung^fünftter i^n bi§ ju ööHiger Unfenntlid^* 
feit urntjüHen möchten. @r gönnt fein SBort allen, bie in feiner 
eigenen ©t)rad^e if)n ^n l^ören bereit finb. @r getüätirt ben 
fid^erften ®^u^ gegen bie ©pi^finbigfeiten feiner SrKärer. 
2)enn toer auf i^n ^ßrt unb unüerttjanbt auf feine Ieud)tenbe 
®eftalt l^inblidft, öor beffen Singe jerftattern in ein toefenlofeö 
9lid^t^ alle bie ©efpinnfte, 'bie au§ ben ^irnen beutfd^er unb 
nid^tbeutf^er ®rübler miil^fetig ^erau^gefponnen Ujorben. 

gül^Ite man fic^ jeboc^ aud^ gegen bie ©efa^ren ber t|ier 
angebeutetetf SSerirrungen üoHfommen gefid^ert, fo müfete man 
bennod^, um nur ben ©id^ter afö Siebter ju genießen, iffu in 
ber ©pra^e feiner S^t unb feineö SSoffeö üernel^men, it|n t)er= 
nehmen in ben Sauten, in benen bie S)id)terfeele urfprünglic^ 
fid§ offenbarte. 

SBer mö^te unferm SSoIfe bie ^reube an feinem beutfd^en 
©^afefpeare üerf ümmern ! 9?id)t nur ©dEjIegefö geift* unb fünft»« 
t)one SRad^bid^tung foQ un^, nac^bem fte bie junäd)ft iffr ge^ 
fteHte Slufgabe längft erfüllt ^ai, an6) ferner mit i^ren unöer^ 
tilgbaren SReijen anjiel^en ; ber peintid^en ©enauigfeit, mit tt)eld)er 

eerna^S» (Sd^rijtcn m. 12 



178 3« SMefpeare 

bie S8offtfd|e Uebcrfclung jeben 3"9 ^^ Urbilbeg berb na(S)^ 
jetdinen tpitt, bleibe gteid)fanä ba^ gebüfirenbe Sob;*®) tote eng 
man fid) an ©tiafefpeare^ SSerö unb ®t)rad^e anfd)Itefeen fann, 
ol^ne bie ©elbftänbigfeit ber beutfd)en Siebe ju ot)fcrn, ba^ be^ 
toeift unter ben Steueren unb SReueften öorneffmtid) ber ruffm* 
tüürbige Ueberfe^er SB^ronö uub Slrioftoö, Dtto ®ilbenieifter. 
Stiemalö aber tüirb ber Äünftler erftefjen, ber un^ im 2)eutfd^en 
einen ganjen ®^afeft)eare giebt. 3u feiner aubern afö in 
feiner eigenen gottüerlie^enen Sprache, aud^ nid^t in ber beutfd^en, 
Dermag ber ©d^ßpfer beö ßear ben innern 9ieid^tt|um feiner 
S)id^ternatur auöeinanbetäufatten. 3cbe Ueberfefeung bietet nur 
einen balb mef)r balb tüeniger umfaffenben Slu^jug. S)er 
®runb, ber ju einem fotd)en SSerfa^ren ätüingt unb e^ jugteic^ 
rechtfertigt, ift nid^t bIo§ im Unterfd^iebe ber ©prad^en ju 
fud^en. 2)er Unterfc^ieb ber ß^^tatter fommt ^ier nid^t minber 
in 85etrad)t. SBer meife, ob felbft ia^ Snglifdi unfrer Xage 
einem @f)afefpeare ben üoUen unbeengten Sluöbrurf feinet bid^** 
terifd^en 3Befenö geftattete? Sn unfren ©prad^en ^errfd^t bie 
öerftanbeömä^ige Drbnung; ber ed^te S)id^ter mei^, tüie fd^tüer 
eö ift, fie ju SBerfjeugen ber poetifc^en Äunft umzuformen. 3tt 
©l^afefpeareg ®prad)e njaltet mit unbefd^rän!tem §errfd)erred^t 
bie finnlirfi anfd|auenbe unb finnlid^ bilbenbe ^ßl^antafte. 

§aben mx audEj burd) bie §üKe ber Ueberfefeung l^inburd^ 
9D?ad^t unb ©lanj be§ ®^a!efpearefd)en SBorteö geatint, fo 
toerben toir bod) njie burd^ eine überrafc^enbe Offenbarung be^ 
glüdt, njenn biefeö SBort felbft in unöer^üllter SRajeftät er* 



") S)er fltofee griebncö Sies tonnte fit^ nic^t gcnuß t^un in 93e» 
lüunberung be§ J^ofriWen ©Mefpeate; fein faft unrndfeiß lobenbeS Urt^eil 
ift 8U lefen auf ©. 28 feinet „Heineren Sltbeiten unb SRecenfionen", ^erau^» 
gegeben üon ©. ^tegmannr OJlüncfeen 1883. 8Bie 35o6 feine Aufgabe fafete, 
loie er befonberS auf bie „rb^t^mifcfee ^uSbilbung ber Serfe" fein Äugen* 
mert rid^tete, batüber äußert ficfe ber alte ^eifter felbft bü ÄUngemann, 
Äunft unb SfJatur. 33(ätter au§ meinem 9leifetagebud&e. 93raunf(^ioeig 
1823. J. 84—86. 



3um ©tubiutn be§ beutfc^cn unb cufllifcScn Sf)a!cf^3eate 179 

fd^eint. 2)ie SBtIber, an bte ftd) unfer Sluge fci^on längft ge* 
iDö^nt, teud^ten nun erft in tl^ren tt)trfltd^ett gerben. S)te un* 
erfd^öpffid^ njec^fdnben Smpfinbungcn fd^einen je^t erft ganj 
bie Staft erlangt ju l^aben, bie unfer ^erj bejlDingt. 2lIIe§ 
erfd^eint ^ier neu, nirfit blofe ber Saut ber SBorte. Se^t erft 
erfai^ren tt)ir, tote §antlet fprid^t, tt)enn er, mit fur^tbar er^^ 
regtem ®emütf), Don allen ©d^auern ber ^ß^antafie gef^üttelt, 
ben erftarrten SBticf auf bie ©d^attengeftalt be§ radEje^eifc^enben 
9Sater§ tieftet ; je^t erft erfafjren toir, ftjie ßear in ber ®en}itter= 
nac^t ben entfeffeft auf i^n einftürmenben SIementen entgegen^ 
raft. Se|t erft ^ören njir fie njirffid^, bie Zöm, mit benen 
Sulia in ffiblidE) lauer äKonbnad^t t)or bem Iaufd)enben ©eliebten 
ba§ ©el^eimnife il^reö ^erjen^ flüfternb tierrätf); je^t erft er=^ 
Hingen unö bie rül)renb tüeidien Saute, in benen SSioIa il^re 
fd^üd^terne Siebe Verbirgt unb befennt, ober in benen ^erbita 
^olbfelig unb finnöoQ tänbelt, toenn fie, bie finbtidt)e Königin 
aller Slnmut^, bie bebeutung^reid^en SBIumen t)ert^eilt. 

Unergrünbet, g(eid^ bem Urfprung ber @prad)e felbft, ift 
baö ®efe^, nad) njeld^em beö 90?enfc^en ©ebanfen unb ©efül^Ie 
fid^ mit ben ftnnfid) tüa^mel^mbaren Sauten ber t)erfc^iebenen 
©prad^en üerbinben. 3n ber einfadEjften menfd^Iid^en SRebe t)ott= 
äie^t fid^ biefeö SBunber, eö ift aÜtäg(idE) gelDorben, n)ir ad^ten 
feiner nid^t. 9?ur n^enn ber 2)id|ter bie befeette Siebe anhebt, 
fd^eint fic^ ba^ SBunber neu ju erseugen. 

Se felbftänbigcr ber ^oet fcf)afft, um fo fefter fci)Hngt er 
auc^ ba^ 93anb stnifd^en ®eift unb SBort, ober öielme^r e^ 
fc^Iingt ftd| t)on felbft. SBie bur^ baö ©anje be§ ßunfttoerfeö 
ein üoHfommener ©inflang ä^ifd^en bem geiftigen ®e^alt unb 
ber gorm njaltet, fo fügt fid) aud) ha^ einjefne SBort bem ein«= 
jelnen ®ebanfen an, beibe fd^einen nac^ einem mad)tig n^irtenben 
©efege ber innern SSernjanbtfdEjaft für einanber beftimmt, un* 
lösbar bereinigen fie fid^, unb fo mirb aud) ^ier eine feft be= 
grünbete ®emeinfd)aft ätoifdEjen StuiSbrurf unb Snl^alt aufgerid^tet. 
Sn berfetben SBeife ftimmt ba^ gefamte SBefen ber ©pra^e^ 

12* 



1 



180 3u ©öafcfpcarc 

in tueld^er baö 3Befen eineö SSoIfeö fid) abbtibet, ju ber getftigen 
5ßerjönlid£|fett eine§ großen ©id^terö, ber ba§ Seben fettie^ 
SSotfeö au§fprid)t unb barfteQt. 9?ur btefeSprad^e unb feine 
anbete fonnte biefem Siebter ben naturgentäfeen @runb unb 
Soben für feine Sd^öpfungen, bie einjig natürlid^en ?lu§brurf^= 
mittel für alle 3tegungen beö ©eifte^ unb ©emüt^ö barbieten. 
S)er 3)id^ter beburfte biefer ©prad^e, bie für i^n bereitet tnorben ; 
unb bie (Spxa6)z toieberum tjarrte be§ 2)ic]^ter§, ber burc^ bie 
©igent^ümlid^feit feineö ®eniuö berufen toax, i^r ®ebiet ju er^ 
toeitern, il^r eine erl)ö^te Äraft mitjutffeilen unb bie biö bal^in 
öerborgen ftrömenben Quellen i^re^ JReid^tffumö fü^n anö fiid^t 
l^erauf ju tenfen. 9Iuci^ ffier f)aben tüir ein geffeimniluoll tvaU 
tenbe^ ®efe^ ber S^otfjtoenbigfeit ju üeretiren. Unb gerabe in 
©]^afeft)eare§ ©id^tungen ift jene njunberfante (Sin^eit t)on ®eift 
unb SBort unerfdjütterlid^ feft unb tief eingenjurjett. 

3n einer entfd)eibungöüoIIen 3^i^ ^^ ^^^ unterbrüdEte 
beutfc^e Äunftgeift nac^ Befreiung rang, ift il^m ©ffatefpeare 
ate ein überaus getualtiger Reifer erfd^ienen. 9?id|t ben 5)td^ter, 
ber feitbem unö angel)ört, bürfen tüir öerKagen, tpenn feine 
aSerfe, öerfe^rt ober einfeitig aufgefaßt, fo mand^en ©trebenben 
in bie 3rre gelorft tiaben. @r gelte unö fort unb fort ate 
einer ber erften unter ben tjeilbringenben Äunftbämonen! 9?id^t 
fefter fönnen toir un§ feinet SBeiftanbe^ üerfidEjern unb jugleid^ 
auf feine njürbigere Slrt unfern S)anf i^nt barbringen, aU tt)enn 
tüxx ©orge bafür tragen, bafe er in feiner toafjren ®eftalt un^ 
nal^e bleibe, in feiner toafjren ®eftalt un§ immer öertrauter 
toerbe. 

* 

®g fei geftattet, l^ier einige ®ä^e, tt)eIdE)e in bie borfte^enbe 
?(bf)anbtung feinen ©ingang finben fonnten, afö l^eitem ©pilog 
folgen ju laffen. ©oQte ber 3nf)alt ber eben mitgetfjeilten Söe* 
trad^tungen mandEje Sefer aHju ernft geftimmt ober bur^ feine 
XrodEenfieit gar berftimmt fiaben, fo toirb biefer Spilog nic^t 
öerfel^Ien, bie Stirnen ju entrunjeln. greilic^ burften bie 



3um ©tubium be§ bcutfcfecn unb etiöUfcfeen B\)aU\p^axt 181 

poffen^afteften 2tugtt)üd)fe eiltet fdjaten gaftnad)t^ftürfe§ nur mit 
pd^tigen @trid|en gejetdinet tuerben. 

Who was the author of Shakespeare's plays? — S)iefer 
^rage tütrb fdjon in bem fogenannten ©ternefd^en ßoran gebadjt, 
ber 1770 anö fiid^t getreten. 9(u^ bem jftjeiten SBanbe biefer 
Sammlung ^at ®oetf|e eine 3teif)e öon ©ä^en übertragen, bie 
je^t feinen 3)?ajimen unb Sieftejionen eingefügt finb; feit bem- 
Satire 1829 ftjaren fie im 23. SBanbe ber Sluögabe le^ter §anb 
ju lefen. Unb ba fonnte ber 2)eutfd)e benn erfatiren, bafe ein 
feffr fd)öne^ grauenjimmer einmal mit möglidjft fü^em Säci^eln 
gefragt ^abe, tüer benn ber Stutor Don ©^afeft)eare§ ©c^aufpieten 
9ett)efen fei. 9?euerbing§ ift biefe ^rage unb jlDar nidjt mit 
füfeem 2äd^eln, fonbern im bitterften Srnfte, me^rfaci^ tüiebertjott 
ttjorben öon grauenäimmern, benen man ia^ 5ßräbicat very 
pretty ol^ne ßöfl^^n jugefte^en mag. 2l6er i^re bereitnjiHig 
öorau^gefe^te ©d^önl^eit barf unö nidjt öerloden, ber %r\ttüoxt 
betäupfIidE)ten, tueld^e fie auf jene g^rage unbebenftid) erttjeilen, 
unb tt)el(f|e öon einigen männlidjen gorfdjungögenoffen mit 
lieben^toürbigem Snt^ufia^muö nad)gefprod)en ftjorben. 

9Kan foQte fid^, bei emftl^after (£rn)ägung ber menfd^Iid^en 
@cf)tt)äd)en, über !einertei SBal^ntnil öernjunbern, ber au§ foldjer 
S^^or^eit tuie auö einem grud^t!noten ]^ert)orfd)ießt. Slber 
bennoc^ tt)irb ein f)eimlid)eg SKitgefü^I rege, ftjenn fid^ unö in 
einem frifd^en Seifpiele öor Singen fteQt, tvk ba^ jäffe ^aften 
an fold^em 9Baf)n eine ööllige SSerbunfetung ober Entartung be§ 
geiftigen ©e^bermögenö unbermeiblidE) nadE) fidE) jiefft. ©o I|at 
öor etma brei 3al^ren eine au§ 5ß^ilabelpi|ia gebürtige, aber in 
©an granci^co tt)o^nf|afte S)ame, äJtrö. ©at^arine g. Slffjmeab 
SBinble, ber neugegrünbeten englifdEjen ©f|a!ef))eare*@efeßfd^aft 
in einer befonberen ©d)rift bie ©ntberfung mitget^eitt, bafe bem 
Sorb SSeruIam unjtneifell^aft (undoubted authorship) bie Slb* 
faffung ber ©^afefpearefd^en 3Berfe juäufprec^en fei. ©etbftänbig, 
nur unter Seitung i^re^ eigenen ®eifte§ (entirely of myself) 
tt)ar bie fd)arffinnige S)ame ju biefer Offenbarung gelangt. Sn 



182 3w ©()a!cf^3eare 

il^rcm ®ett)tffen fünfte fie fi^ gebruncjen, t)or t^rem Slbfd^eiben 
auö biefem irbifd^en ®afein beut Wenfd^engefd^Iedite eine folc^e 
aSa^r^eit fcteriid) an^ §erj ju legen. (£ine urfunblici^e öe^ 
ftfitigung btcfer aSa^r^ett bietet i^r ber 6t|m6eane. ^cnn bte§ 
aug ber ^iftorie inö SKärdjen Ijinüberfpielenbe ®rama ^at 
Sacon 6enu|t, um fein geffeimeö SSerl^ättnife ju ben geliebten 
SBerfen, afe beten Urheber er fid^ nic^t befennen barf, in 
bid^terifd^er SSer^lIung baräulegen. SKrö. SBinble toax md) 
SSerlauf ber Sci^rtjunberte auöerfe^en, bie §ülle mit gen)eif)ter 
^anb tiinnjeggul^ebcn. 

^ßoft^umuö nimmt Slbfd^ieb t)on 3mogen mit ben SBorten: 

®attin, Königin, 
©eliebte* tüeine nid)t, bamit idE| micf) 
SRid^t größerer 3ättüd|feit t)erbädE|tige 
Sllö für ben 90?ann äiemt. 

My queen! my mistress! 
lady, weep no more! lest I give cause 
To be suspected of more tenderness 
Than doth beeome a man! 

2)er 5ßrofane bcrnimmt in biefen SEBorten ©dEjmerjenötöne 
beö Siebenben, ber jum Sd^eiben gejnjungen, bie ©etiebte be* 
fc^tüic£)tigt, bamit it|r Summer il^n nid^t übermanne. 3Ba^ t)er= 
nimmt aber bie eingetoeiffte 3Rr^. SBiubte mit aufgefd^toffenem 
DI)r? ®ie t|ört nid^t ben trauernben 5ßoftl^umu^ fpted^en, 
fonbern ben ))t|Uofop^ifd^en ®e^eimbid^ter SBacon. S)iefer ruft: 

„€) meine Dramen ! Sa§t mid) nid^t allju biet Summer'' 

bod^ fo etnja^ muß in ber ^rifd^e ber Urfprad^e genoffen tt)erben. 
Sacon fagt alfo unter ber SJJa^fe beö ^^ofttjumuö: „0 my dramas! 
Let me not show too mueh grief in your pages for this our 
Separation of name, lest the world should realize the pathos 
of tbat necessitated divorce which well nigh unmans me as 
I write." — S)er alte SBetariuig nennt fidE) befanntlid^ SKorgan; 
er bebeutet alfo unätoeifettiaft my Organ, nämlid) ba^ Novum 



3utn ©tubium M bcutft^cn unb cuöKfd&cn ©feafcfpcarc 183 



Organum bc^ ^l^ilofopl^en. 3Benn ß^mbeline gegen ben ©d^Iu§ 
beö ©tüde^ bem SBelariu^ juruft: 

S)u 6tft mein SBrubcr, etnig foUft 2)u'ö fein. 
Thou art my brother; so we'U hold thee ever, 

fo erläutert unfere ©olntetfd^erin : „The Novum Organum is here 
declared „brother^' to Britain's fame by its omnipotent and 
omniseient author — a declaration which Britain would do 
well to bear in mind." SBenn bie jtoei ^erfonen, in ttjeld^e 

fid§ ber menfd)Iid)e unb ber t)]^itofopt|ifd)e Sacon t^eitt 

bod§ nein, fein fernere^ SBeifpiet ! Bedlam, have done ! SBa^n* 
tü\% ^öf auf! 



Q. 



Zm MaffifigEn Ztit btt 
hEUtfdöEn aCtoEtatut. 



Uehev 6en ^l^avattev 6er ^mtlta @alottt. 

(örief an eine greunbin.) 

Sd| fü^Ie mid^ angeregt, S^nen ettt)a§ öon ben öetrad^tungen 
mitjut^eilen, bte ein erneuertet ©tubium ber Sntitia ®a(otti 
hervorgerufen ^at. Srgreifen @ie biefe ®e(egeni|eit, fid^ aud^ 
mit bem 3Berf loieber befannt ju ntadien, toeld^eö, loenn id) nid^t 
irre, 3{)nen ftetö nur geringe S^mpat^ien abgelDonnen f)at 
SBie tt)äre baö aud^ anberö ntßglid)? SBaö e^ öerlegenbeö t|at 
für ein reinem ©efül^f unb eine unbeftod^ene ©ntpfinbung Hegt 
obenauf; ber einjige Slunftüerftanb aber, ber biefeö tounberbare 
©anje erfüllt, befeeft unb geftaltet, unb beffen genaue Srfenntni^ 
^ier ganj eigenttid^ ben t|ö^ern ©enufe an bem SBerfe bebingt, 
biefer Jlunftöerftanb mü bi^ in bie innerften Siiefen t|inein 
Derfolgt unb ergrünbet fein. 

Seffing nennt bie Smilia in einem örief an feinen ©ruber 
„eine mobernifirte, öon allem ©taateintereffe befreite SSirginia"^). 
SSon biefem 5ßunct ift auöjugetien, tt)enn man ba^ 5ßroblematifd)e 
in ©milien^ G^arafter begreifen unb erflären loiH. ^^^^örberft 
läfet fid^ fragen: ift eine fold^e SSirginia, ,,mobernifirt, befreit 
t)on aöem ©taat^intereffe", übertiaupt ben!bar? ,,ÜJtobernifirt", 
alfo au^ bem toeiten, offenen SBereid^ be^ antifen Seben^ in 
bie bebrüdfenbe ©nge unfereg §of^ unb ©efeUfd^aft^Ieben^ 
Ijinübergef ütirt ; „öon allem ©taat^intereffe befreit'', atfo 



^) SSßl. 2effmö§ 93ricfe an Slicolai 21. Januar 1758 unb an Den 
t)erj08 üon Sraunfc^weig, ScffmßS SBcrfc 12, 410 (aHal^a^n). 



188 3ur flaffifcben 3^^^ bcr bcutfcbcn fiittcratur 

md)t baö erregte, unter fd^mätiltd^e ®ett)attt|errfd^aft gebeugte 
unb naä) Befreiung ringenbe 9SoK im ^tntergrunbe ; — a(fa 
fein Sßater, ber, aU ®Iieb biefeg SBoffö fid^ füt|Ienb, öon gtü^enber 
9SaterIanb^= unb ^reitieitöliebe erfüllt, in bem Verfolger feiner 
unfd£)uIbt)oIIen 2;od£)ter jugleid^ ben aller ®efe^e f))Ottenben 
2;^rannen tiafet unb öerabfdieut, ber burd) bie natürlicfiften, 
ätt)ingenbften unb ebelften eintriebe — benn e^ galt, bie 2;od^ter 
öon ber unüermeibftd^en ©flaüerei unb ber ebenfo unüermeiblid^en 
(gcfianbe ju retten — ju ber fd£)einbar unnatürlid£)ften %f)at 
unmiberftefilid) t|ingeriffen tt)trb, unb ber burd) biefe, äße ®e* 
ntüt^er entflantntenbe X^at jugleid^ ba^ ßeid^en junt ©turj beö 
2!^rannen giebt, unb fo jum Urheber ber lang ertiarrten grei^eit 
feineö SßoKe^ rtjirb. Slber nid£)t^, nid^t^ öon alle beut, — loa^ 
bleibt bann nod) öon ber Virginia übrig? 

9fber toa^ frage id^ aud£)! S)er S)id^ter ^at un^ biefe 
moberniftrte, unpoIitifd£)e SSirginia ja bod£) t|ingefteQt. Unb aller== 
bing^ bleibt nod£) etn^aö üon ber Sßirginia übrig, ettt)a^, ba§ fo- 
gar in gett)iffem 93etrad£)t bie |)auptfacfte ift unb bleibt. 5)er 
SSater emtorbet bie Xod^ter, um fie öor ber ©d^anbe ju retten. 
SHfo bie Äataftrop^e bleibt bie nämlii^e, aber bie Sßer^ältniffe, 
unter benen fte herbeigeführt n)irb unb fid£) begiebt, bie SRotiüe, 
n)eld£)e bie ^anblungen ber 5ßerfonen beftimmen, tuerben um* 
gertjanbelt; baö 3^^^ bleibt, aber e^ mu^ ein ganj neuer 3Beg 
gebatint tuerben, ber ju biefem Qkk leitet; mit einem 3Borte: 
benfefben SBir!ungen bort unb ^ier follen ^ier ganj anbere Ur* 
fadjen jum (Srunbe liegen. 

@g fragt fid^ nun, too^in n^erben biefe ganj anbem be- 
ftimmenben Urfadjen öerlegt? 3n bie äußern umgebenben 
SSerl^ältniffe, ober in ben Sfiarafter ber l^anbelnben ^erfonen, 
oor allem ber §au))t))erfon ? Sn bie äußern umgebenben 9Ser* 
^äftniffe: — fobalb ber Slutor mit feinem Stoff ben ©oben 
ber antifen SBelt öertiefe, mußten biefe an i^rer SSebeutfamfeit, 
an ifirer jmingenben ©etualt bie beträd£)t(id£)fte (Sinbuße erleiben. 
aSo fein S)ecemt)ir ift, ber in biefem SlugenbUd bie freigeborene 



Ueber ben 6()ata!tcr ber (Smilia ©alotti 189 

Siömerin aU ©Haöin tDZQ^n'\(Ügkppm 6efiei|It, hamxi fie feinen 
2üften fd)u^to§ ^jrei^gegeften fei, ba ift aud) bie Zijat be§ SBaterö 
unntöglid^, tueil fie it|m niri^t bnrd) bie una6n)enbbare ©etoalt 
ber Umftänbe anfgebrnngen unb fo genjiffermafeen nnöermeiblicf) 
gemad^t tüirb. ÜJ?an fü{)It aföbalb, eine fold^e Xt|at fann nur 
in jenen römifcf)en 9Sert|äItniffen ju einer menfdilid^en %^at 
toerben; um- nid|t öor ifjr, afö öor einer unerflärlid^en, in 
ftaunenbem Stbfdieu äurüdjufcfiaubern, um fie begreiflid) ober 
gar bett)unbern^n)ert^ ju finben, muß man fid^ bie patriotifdien 
Sugenben be§ 9iömerö, feinen ftarren 9ie^)ublifani^muö, feine 
feftfte^enben Segriffe t)on greil^eit unb ©flaöerei fo lebl^aft toie 
möglid^ in§ ®ebäd|tni^ rufen. SBo foHte ber Slutor, ba er 
feine ^anblung einmal au^ jenen großen ßi^ftänben unb Um* 
gebungen t|erau§ge^oben, unb it|r engere ©renjen, fo ju fagen, 
einen engeren §orijont gegeben ^atte, too foHte er in ber S5e* 
fc^ranft^eit, in ber 3^^^^^^^ ^^^ mobernen Seben^, too alle 
jene Sntpulfe entmeber gar nid^t ober nid£)t mit fo übern)iegenber 
Äraft tüirffam finb, ßi^ftä^i^^ "^i> SBer^ältniffe, Sebingungen 
unb SKotiöe finben, bie mit überjeugenber 9iott|n)enbigfeit ben 
tragifd^en Sluögang {)ätten {)erbeifüt|ren fönnen? Stifo nid^t 
au§ ben äußeren 9Sert|äItniffen , nid^t auö einem über ben 
^anbelnben großartig toaltenben SdEjidEfal burften jene be= 
ftimmenben Urfad£)en abgeleitet n^erben; ber S)id^ter mu^te fie 
t)ielme^r in ben 6t|arafter ber ^anbelnben 5ßerfonen felbft legen, 
unb öornetimlidE) in ben ©{jarafter (Smilien^. 

S)er ß^arafter Smilien^ — auf biefem 5ßunct, bem fdiloädiften 
^unct feinet SBerfö, mufete ber Stutor mit ber größten UmfidE|t 
unb SSe^utfamfeit alle feine Gräfte öerfammeln, ^ier mufete er 
fie äugleidE) mit ber größten @id£)er]^eit unb Äüt)n{)eit loirfen 
laffen; burdE) bie Se^anblung biefe§ S^arafterö mußte fein 
Unterfangen, bie mäd)tige ©taatöaction in ein moberneö S^arafter* 
ftüd ju öermanbetn, gerei^tfertigt werben unb fein Unternehmen 
gelungen ober öerfe^It erfd)einen; in biefem ß^arafter enblic^ 
mußte er einen ©rfa^ tiefern für alle^, toa^ feiner §anblung 



190 3ur flaffifcfecn 3fit bet beutfcfecn Sittcratur 

baburd) Verloren gegangen, bafe er fie öon „allen ©taatötntereffcn 
befreit'' tiatte. 

aSie tft e§ tl^nt nun mit biefent (S^arafter gelungen, üon 
bem fo öiel abfängt, in bem Seffing fo üiel leiften mufete? 

ÜJtan madje i|ier niä)t ettt)a, öerfü^rt burd^ Seffing^ 2leu§e=^ 
rung an ben ©ruber öom 10. g^bruar 1772®), ben (SintDanbr 
©niilia ift ja gar nid^t bie ^au))t^)erfon unb auf itiren ßiiarafter,^ 
ber nur in bie fd^liefeti^e @nttt)idEtung be§ ©anjen tpirffam 
eingreift, fann bentnad^ aud^ nid^t fo gar öiel antontmen. 
3Ran ^atte biefen ©inlDanb jurüdE! ÜJtag in ber ©tructur be^ 
S)ramag, toie e^ ßeffing gefi^riebcn, ©milia nod^ fo fe^r jurüdE* 
treten, immer bleibt fie, fobalb man bie ^anbfung, unb be^ 
fonberg bie Äataftrop^e für fid^ betrautet, bie »a^re §au))t=^ 
perfon, auf bie fid^ aUe^ bejieiit, unb beren ®efd)idE auf alle 
mäd£)tig eintt)irft. SHfo: toie ift eö bem 3tutor mit biefem 
©^arafter gelungen? 

3d^ tiabe in ber Äataftrop^e be^ Xrauerfpiefe immer einen 
untoiberteglid^en öetoeiö bafür gefunben, ba§ Seffing bered^tigt 
unb befugt toax, am ©c^Iu^ ber Dramaturgie in jenen betannten 
!üt|nen (getoöl^nttd^ fagt man: 6efd£)eibenen) SBorten ftd) ben 
Flamen eineö Sid^terg abäufpred^en. Senn in ber %f^at, fein 
ganjer toafirer S)id)ter l^ätte fid) je fo rüdEfid)töIo§ gegen bie 
Steinl^eit ber jungfräuücfien 9iatur, gegen bie SBai|rt|eit jung* 
fräuH^er ©mpfinbung üerfünbigen fönnen. ©§ l^ilft nid^t^, man 
mag ber ©milia bie 9tid^tig!eit i^re^ bünbigen JRaifonnementö 
noc^ fo entfd£)ieben jugeben, immer ift man geneigt, bie SBorte 
be^ guten ßfaubiuö, beö SBanböbeder SBotcn, na^juf prec^en : 
„(Sin Sing ^aV id^ nid^t red^t in Äopf bringen fönnen, tt)ie 
nämlid^ bie ©milia fo ju fagen bei ber Seid^e if|re^ Stppiani 



•) S)ic SBorte lauten: „SBcil ba§ ©tücf ©rnilia l^eifet, ift eS barum 
mein SBorfa^ ftemefen, @mi(ien ju bem l&erüorftecbenbften ober audfc nur ju 
einem öetüorftecfeenben 6()araftet ju machen? ©anj unb gar nic^t. S)ie 
eilten nannten il&re ©tücfe »o^l ßat nacb ?ierfonen, bie gar nicjit auf<^ 
Sweater famen." 



Ueber bcn Sbawfter bct @milia ®a(otti 191 

an i^re JBcrfül^rung burd^ einen anbern . äRann unb an il^r 
toarme^ SBIut benten fonnte. äRtd^ bünft, td) t|ätf an il^rer 
©teile nadt burd) 'n §eer ber tDoKüftigften $;eufel ge^en tDotten, 
unb feiner l^ätt' e^ toagen fotten, mid^ anjurütiren." — ®ett)i§ 
§at er Siedet, ber gute Staubiuö. Unb toir folgern auiS feinen 
einfadfien 3Borten, bafe berjenige, ber auf biefe 3Beife, ber aß* 
gemein gültigen SBal^r^eit urf))rünglid^er ©ntpfinbungen sunt 
Xro|, bag 3Biberf))red|enbe jufammen))aaren unb (Segenfä^e, bie 
fid^ einanber notl^tt)enbig aufgeben, gett)altfant bereinigen unb 
neben einanber gelten laffen tDiö, ba§ berjenige ber ^oet nid^t 
ift, beffen 0\)x „ben ©inflang ber 9iatur üernintntt''. 3)enn 
ein fold^er »irb, felbft ba, too er ha^ Ungel^euerlid)fte tt)agt, 
t)on ber unöerfälfd^baren SBal^r^eit ber ©inge afe beut ntütter* 
liefen ®runb unb SSoben feiner Sid^tung au^getien; er tt)irb 
e^ unb er mu§ eö; benn au§ feinem SKunbe rebet, in feinen 
(Sd^öpfungen toaltet bie über aQe 93efd£)ränfungen ber SBirf«» 
Hd^feit ftolj i|inau^fd^reitenbe 3Bat|r^eit ber Siatur. 

©0 geredet aber aud^ ha^ öerbammenbe Urtt|ei( ift, bennod^ 
— wer mag e^ leugnen? — bleibt eben ber G^arafter ber 
©milia ein^ ber berebteften 3^"9"ifl^ fö^ Seffing^ bid^terifd&e^ 
SSermögen. 5ßrüfen ®ie ben fed^ften Stuftritt beö ätt)eiten 3lft§, 
ertpägen ©ie, tt)ie er in ben ^an be^ ©anjen eingefügt ift, tt)ie 
ber ©inbrudt, ben er fd^on allein für fid^ iieröorbringt, burd) 
bie öorbereitenben ©cenen ä^if^c« Glaubia unb Dboarbo t)er== 
ftdrft tüirb, tt)ie bie SBirfungen, bie öon i^m au^ge^en, im 9?ers= 
lauf beS S)ramag immer furd£)tbarer ann^ad^fen unb enb(id) bie 
fd^redenöoHe Sntfd^eibung l^erbeijtoingen ; ern^ägen Sie üor 
allem, toie 6mi(ia fid^ in biefer ©cene geigt, tt)ie fie fid^ gegen== 
über bem Unerwarteten, ba^ auf fie tieranbringt, ju „nel^men" 
toeife, — ic^ bin überjeugt, ©ie werben nad^ biefen ^Prüfungen 
unb ©rwägungen mit bewußterer unb entfd£)iebenerer öewun* 
berung auf ben Slutor btiden; ©ie werben öerfud^t fein, ba^ 
JBort: id^ bin fein ©id^ter, für ben parabojen 2tuöf))ruc^ 
eines fü^n überlegenen unb feiner Uebertegen^eit füfin öertrauen^» 



192 8ur (laffifdfcen S^t bet beutfd^en Sittetatur 

ben ^cifteö ju galten, ber mit bcm ÜWi^öerftanb ber 9Sere{)rer 
unb ber fi^urgfid^tigfeit ber Xabler feinen äümenbcn ©pott treibt. 
aOBic fonnte e^ aber gefd^el^en, fragen ©ie, baJ3 Seffing in ber 
S3ei|anblung beffelben (£^arafter§, in bem er feine fünftlerifd^en 
^fii^igleiten fo entfd^iebcn jeigt, jugleid^ fo augenfd^einüd^ gegen 
ba§ ^öd^fte, aud^ für i^n ^öd)fte ®efefe ber SBatir^eit üerftöfet? 
— S(^ frage umgef e^rt : tt)ie fonnte eö anberö gefd^e^en ? »enn 
nämlidE) ©milia ifjm für bie Defonomic be^ ganjen baöjenige 
tüirflidE) leiften follte, tt)aö fte notl^tnenbig leiften ntu^te, faK^ 
ber Slutor baö 5)rama übertiaupt ju bem üortier beftimmten 
@d)Iuffe führen woütt. 

©ine antife SBirginia müjjte ber einfad^fte, unjtDeibeutigfte 
©l^arafter fein, ber ftd^ nur benfen lä^t, nur Sleinl^eit, nur Un* 
fd^ulb; fie müßte nur, tvk Dboarbo fidfi einmal au^brüdft, „eö 
to^xti) fein, toa^ ber SSater für fte tl^un tt)ill." 3e einfad)er, 
\ä) möd^te fagen, je unbebeutenber i^r 3Befcn bleibt, um fo 
n)irffamer für bie Xragöbie; benn bie untt)iberftet|Iid£) gtoingenbe 
9Rad)t ber 9Seri|ä(tniffe vollbringt l^ier aQeö, unb toie mäd^tig 
muß e^ un^ ergreifen, baß gerabe ein fo einfad)e§, in Unfd^ulb 
unb 9leint|eit befangene^ Söefen, inbem e^ ber X^rannei jum 
Opfer fällt, burd) feinen 3'ob bem unterbrüdften 3SoIfe ba^ 
3eidE)en jur ©rl^ebung giebt! Unb biefe burd^ fie tierüorgerufene 
©rl^ebung — mödE)te ber 3)id^ter fie nun nod^ barfteöen, ober 
nur am ©dEjIuffe ber Siragöbie auf fie l^inauöbeuten — muß 
aud^ bie Sßirginia t)or unferer ©inbilbungöfraft ergeben; ba^ 
€infad^e SÄäbd^en lebt burd^ feinen Slob mäd&tig toirfenb fort, 
unb ii|r Siame tt)irb ba^ begeiftembe Sofung^tt)ort für aQe, bie 
nun untt)iQig ba^ Sod) ber ®etoaIti|errfd£)aft abfd^ütteln. 

@o ftet|t e§ mit ber antifen SBirginia. Stber bie „moberni- 
firte", beren ®efd^idE mit feiner ftaatöumtoäljenben 93egeben== 
^eit üerfIod)ten ift, beren Xob eine gamilienbegebenl^eit bleibt, 
unb bie mit if)rem 2;obe in SBa^r^eit ganj unb gar ftirbt? 
^enn, n)enn aud^ toirflid^, toofür nur geringe Söal^rfd^einlid^feit 
t)or]^anben ift, Cboarboö ^ßrop^ejei^ung fid^ erfüllen unb (Smüien^ 



Ueber ben S()ata!ter bei 6milia QMoiii 193 

®efta(t an ber §anb beö „blutigen SSräuttgamö" bem leidet 
üergeffenben ^rinjen in 2;räumen quälenb erfd^einen foHte, toa^ 
tüäre ia^ für ein toenig 6eneibenött)ert^eö gortfeben! 

9Ufo mit ber ntobemiftrten Sßirginia fte^t eö anber^, bie 
Söetoeggrünbe ju il^rem 2;obe, tt)enn biefer nid^t ganj ol^nc 
Urfad^e erfolgen foQ, muffen in i^rem eigenen 3Befen ent- 
halten fein; fie mufe fid£) ber jmingenben S:raft biefer S8etr)eg== 
grünbe beutlidE) bemüht n^erben, ja, fie mufe firfi nid)t fd^euen, 
fie im äuj^erften galt bcftimmt au§juf))red[jen. ^\)x S^arafter 
fonnte a(fo nid£)t in ber ungeftörten (Sintieit unb @infad)]^eit 
beharren; berfd^iebene Gfemente mußten fid^ in i^m mifdEjen. 

S)iefe gorberungen begriff Seffingö SSerftanb, unb mit allen 
Gräften feinet SSerftanbeö tuar er ttjätig, itinen Dor feinem SSer* 
ftanbe üollfommen (Genüge ju leiften. 

©ie tcidjeln? SSerftanb! SSerftanb! unb n)ieberum SBer^ 
ftanb! 2)aö n)äre aud^ eine 5ßoe[ie, beren (Sefd^öpfe nur öor 
bem Stribunal be^ 95erftanbeö i^r S)afein ju red)tfertigen n)iffen! 
— (Sans mo^I; nur üergeffen @ie nid)t, ba^ eö Sejfing^ 
©erftanb ift,-ber, mie er bie gorberung aufftellte, fo aud) ba^ 
Urttieil fprid)t, ob fie erfüllt fei; benn .^ätte er fie nid£)t für 
tüirtlid) erfüllt gehalten, fo toäre ©milia (Salotti wo^i niemals 
anö 8idf)t getreten. Sef jing^^ 3.?erftanb, ber bod^ n)of|I tttoa^ 
tiefer blidt, noc^ ettoa^ mef|r Dermag, aU ber S^erftanb anberer, 
aud) ber begabteften Stevblid^en, — ift e^5 nid^t jener i|öd)fte 
bid)terifd}c Sßerftanb, ber in Uebereinftimmung mit ber SZatur 
toirft, fo ift c^ boc^ ein Sunftoerftanb, ber aud^ eine gemiffe 
Unfe^lbarfeit für fid^ in Stnfprud) nel^men barf. 

gaffe id^ nun jene gorberungen fd)arf inö Sluge unb prüfe 
im §inbüd auf fie bie einjelnen ßüge, tDe(d)e Smitienö CS^arafter 

^ufammenfe^en, fo erttärt fid^ aUe^^> 3^ci^^wti9^ ^^^ ^^" 1^^^^ 
unb bie 9iot^menbigfeit gerabe bt^ i^erlefeenben unb Untt)a^ren, 
tüaö biefem 6^ara!ter aniiaftet, n)irb einleudjtenb. 

Smilia ift ein liebenötoürbigeö, ebel geartete-^ SBefen, getoedten 
©eifte^, lebl^after 5ß^antafie, öoH anmut^iger 5D?unter!eit. ^^or 

Serna^S, ©(Triften III. 13 



194 3^^ flaffifc^cn S^it bcr bcutfcften !iJitteratur 

aUem aber jeidinet fie fid) bnxi) bie Xugenben au§, bie Sefftng, 
tute er feinem aufKärung^füd^tigeit SSruber, bem ©mtUa buxd) 
i^re grömmigfeit „ettoa^ t)eräd£)tlt(^" erfd£)ien, au^brüdltd^ fagt, 
an einem unUert|eiratt|eten SWäbdien al§ bie l^öd^ften fd^ä^te: 
grömmigfeit unb ®e^orfam. Unter ber ftrengen, aber liebeüoüen 
3u(^t beö 95aterö toud^^ fie ■ in itiren Äinberjatiren auf, unb 
biefer ^at i^r ben Äeim feiner ftoifi^en 2;ugenb, bie, tvxt fid^ 
am ®d|Iu^ jeigt, mit d^riftlidier grömmigfeit tuenig gemein i|at, 
frütijeitig ein^upftanjen getDufet. Slber anä) bie forglofere Söe^^ 
trad)tung^tt)eife ber SÄutter, i^re (eid^tere, ben ^öd)ften fittlid^en 
gorberungen nid)t immer fo ftreng jugen^enbete Sinnesart tft 
nid£)t otine Sinffu^ auf fie geblieben ; unb biefer (Sinflufe mufete 
fogar übern)iegenb n^erben, ate Sfaubia ben njibertoillig nadEj* 
gebenben (Satten, bem i^re n)elt(id)ere ®efinnung Strgtüo^n er* 
regte, bennod) öon ber SRot^n^enbigfeit, ber 2!od)ter eine „®tabt= 
erjie^ung" ju geben, überrebet ^atte unb if|m in feine länblidje 
3urüdgejogen]^eit nii^t gefolgt toar. 

SRit großer 3Bei§t|eit t|at Seffing feiner (Smitia gerabe 
biefe ®(tern gegeben, unb fo ba^ 3Räbd)en burd^ bie Um- 
gebung, in ber eö auftoud)^, ju djarafterifiren getou^t. 3n 
biefem 5ßuncte öerfä^rt Seffing mit bem getieimni^öoHen Xact, 
ber fonft nur großen S)id)tern eigen ift, etn^a tt)ie ©tiafefpeare 
feiner Sulia gerabe biefe Slmme beigiebt, beren Ieid)tfertige 
Sieben tt)of)I md£)t ganj ungefjört am D^r be^ t|eranbtüt|enben 
SRäbd^en^ üorbeigefd^lüpft finb. ßeid£)t ift e^ n)at)räune^men, 
mie bie ©eifteg* unb ©inne^art ber ©Item in (£mi(ien, öer- 
fd)ieben mobificirt, fid^ mieberfinbet, unb fc^ön ift eö, ju öer* 
folgen, tüie baö ÜJtäbd)en, in bem 3Kafee alö if)r ®efd^id ftd^ 
bro^enber geftaltet unb bie fittlidtjen Slnforberungen ernfter an 
fie fierantreten, t)on ber ©eite ber SRutter tueg bem SBater in 
bie 9lrme geführt toirb, aU beffen mürbige Sod^ter fie fid^ ju- 
le^t bemäfirt. 

Stiren ®ei|orfam jeigt ©milia, inbem fie einloiHigt, Slppiani^ 
©attin äu iDerben, benn nid^t bie Siebe, bie aUbejlDingenbe,. 



Uebcr bcn 6;()ata!ter bcr @milia ®aIotti 195 

f)at fie i^m Derbunben. ®ie e^rt it|n, fie fd^ä^t i^n, fie l^at 
t^n aiid^ in getüiffem ©tnne lieben gelernt; fie fielet ber Sßer* 
binbung mit i^m l^eiter, in frotiem ®Ieid£)mutt| entgegen, aber 
aUeö bie^ nur, tüeil ber ©tral^t ber Seibenfri^aft il^r ^erj nod^ 
nid^t berührt ^at S)a^er anä) f))äter, afö ba§ 3RiJ3gef(i)icf 
l^ercinbrid)t, äußert fid) i^re SSefüntmernife um bie SWutter eigent== 
lid^ lebl^after aU bie ©orge um ben Söräutigam; aud^ ^ernad^ 
fann fein Xoh i^r feine ©d^merjen^IIage entlodEen, unb al^ ber 
Sßater bie grage f teilt: „3Ba§ nennft bu: aUeö Verloren? S)a§ 
ber ®raf tobt ift?" antttjortete fie fd^arf unb fd^neibenb : „Unb 
ttjarum er tobtift! lüarum!" — SRan tüirb geftel^en, bafe fet|n== 
fud^t^öoUe Siebe, n^cld^er foeben ber %ob alle btü^enben §off= 
nungen gefnidEt ^at, in anbern SKönen Hagen toürbe. 3Kit 
größerer 3ä^rtidE|feit aU bie SBraut rebet öon Slppiani ber alte 
Dboarbo, bem freiUdE) ber junge 3Rann, ber ben (£ntfd)Iuß ge^ 
faßt tiatte, fern öon ben 95erIodungen unb ß^^ft^^iJ^^ÖC^ ^^^ 
§ofe§ „in feinen t)äterlid)en X^älern fid^ felbft ju (eben," ganj 
ate ein SRann nad) feinem fersen erfd)einen mußte. Unb 
tüieberum, tuenn man in 9lp))ianiö SBefen ))rüfenb l^ineinblidEt, 
möd^te man faft Dermuttjen, ba^ er biefe§ „SRißbünbniß" me^r 
um beö fünftigen ®cf)tt)iegerUater§ aU um ber fünftigen ®attin 
tt^illen eingebt. @o ^at U)o!^( ^ier mef|r ber @d)tt)iegeruater 
ben Sibam unb ber ©ibam bm ©d^tüiegerUater, aU ber Söräu- 
tigam bie 33raut unb bie 93raut ben Sräutigam getoä^It. 

©milien^ ®emütf|^Ieben, beffen ruf|ige§ ®teid)maß burd^ 
i^re Sßerlobung nid)t Deränbert tüorben, erfäl^rt bie erfte ©törung 
an jenem berfiängnißbollen Slbenb, ba ber ^rinj im §aufe ber 
®rima(bi — fie felbft nennt e^ fpöter mit übertriebenem 9tu§== 
brudE „ba^ §öu§ ber greube" — fie juerft fie^t, fi(^ mit i^r 
lange unterl^ält, unb, \va^ Slaubia mit bem fdfjarfen 9(uge 
mütterlid£)er ©itelfeit atöbatb bemerft, bon if)rer ©d^ön^eit, ifirer 
SRunterfeit unb i^rem SBi^e ganj bezaubert tuirb. ©(^on früher 
mag — bie SKutter tüirb fie nid£)t immer aHju ängft(id) bauor 
gefd^ü^t ^aben — mand£)eö Süftd^en, ba^ au§ ben fc^loüfen 

13* 



196 3ut: llaf fit eisten 3eit bcr feeutWcn Sitteratur 

SJegtonen beö §of(eben§ ^ertoetite, an ©milien l^erangeJoinmen 
fein; je^t aber füfjlt fie ficf) auf einmal ganj in bie gefäiirlid^e 
9ttmof))]^äre öerfe^t. Unb nic^t gering ift bie ®efat|r, bie fid^ 
it|r bereitet. 

3)er ^ßrinj ift e^ eben überbrüffig, „ber toHen Drftna 
fdjim^)f(id^e geffeln" länger ju tragen; bie ©igenfcfjaften, bie 
SRarineHi an Smiüen fpöttelnb rüiimt: „ein menig SarUe, aber 
mit üielem 5ßrunf bon Xugenb unb ©efül^I unb 3Big/' biefe 
©igenfdiaften, bie ber ^rinj an ber ju trübfinniger Sd^tDörmerei 
geneigten Drfina ju öermiffen angefangen, tüirfen unmittelbar 
auf if|n, unb er mu§ nun g(ei^ äße Gräfte feinet SBefen^ in 
öetuegung fegen, um berjenigen, bie if|m baö ®IüdE einer neuen 
ßiebe ju empfinben giebt, n^ieberum tiebenötoert^ ju erfd^einen. 
S)iefe^ lann i^m nid£)t alläu fdfjtüer toerben. ßeffing ^at bafür 
geforgt, bafe rt)ir un§ üon ber Sieben^ttjürbigfeit beö ^rinjen 
feinen ju geringen Segriff bilben. ©eine (Sd)tDäd£)e ffößt un^ 
®eringfd^tigung, fein mattl^erjiger unb bod^ rtjieber fo lebfiafter 
aSunfd^, bie grüd£)te beö 95öfen ju genießen, ol^ne ba§ Söfe 
felbft 5U begeben, flö^t un^ S?erad[)tung ein; aber in biefe 
®eringfd^ägung, in biefe SSeradE)tung mifct)t fid^ eine getuiffe 
Stfieilna^me, bie tüir feinen ©mpfinbungen, feinen ©efinnungen, 
fo feiten biefe aud^ ju Saaten tüerben mögen, bennod^ nid^t 
Derfagen fönnen. ©in 5ßrinj, in bem eine Orfina nid^t blofe 
ben ^^^rinäen, fonbern ben Wann „in gutem Srnfte" liebt, !ann 
aud^ nid)t eben ein ^rinj Don ber getüö^nlidiften 2Irt fein. (£r 
jeigt ftd^ un^ at^ einen tDotjttüoUenben S3efd)üger, tüenn aud^ 
nid)t eben Derftänbigen greunb ber Äunft; er ift ein Sned)t 
feiner Segierben, aber er tuürbe fid^ felbft eine böfe 9lbfid^t nie 
einäugefte^en tragen, unb mit fluger Sered)nung ju einem 
fd^änblid^en QtDtd cttüaö @d)änbtid)e^ ju unternel^men, tuäre 
ganj tüiber feine 9?atur. @r toei^ eble Scanner, felbft tuenn 
fie it)m feinblid) gegen übertreten, ju fdtjägen unb n)ünfd|t, i^nen 
burd^ bie Z^at feine ^od)ad^tung ju bezeigen. Sr ift ben fanf- 
teren 9tegungen ber St^eilna^iue. be^3 ÜJtit(eib§ jugängUdE) unb 



Ueber ben 6l)atn!tet bcr ßmilia @alotti 197 

er tüirb ein Jobeöurt^ett getüi^ nur bann „red^t gern'' unter^ 
fd^reiben, ttjenn bie ©orge um ben bro^enben SSerluft einer ®e== 
liebten irgenb eine Slücffid^t auf feine gürften))flid^ten nid)t auf^ 
fomnten läßt. Äurj, fein SBefen ift immer noct) fo befd£)affen, 
bafe ein junget unüerborbene^ 5D?äbd£)en, ba^ feinem ®^arafter 
ja bod^ nid)t gleid) auf ben ®runb fetien fann, i^n n)O^I mit 
gunftigen Slugen betradfjten barf. Unb in ben fünften ber 
feinen SBelt, in ber ©prad^e ber ©alanterie, bie 6(aubia (2, 7) 
fo öortrefflidö fd^ilbert, unb in tt)eld^e er nod^ ben überjeugenben 
Äuöbrud iDal^rer Sm^)finbung ju legen tueife, in biefen fünften, 
in biefer ®pxad)t ift er fo bett)anbert, n)ie nur je ein ^rinj 
jum SSerberben ber Unfd)ulb e^ gett)efen. 

9?ur in einer ©cene (3, 5) f ann £ef fing i^n biefe ©prad^e 
führen laffen; aber bie 3Borte, mit benen er ^ier bie t)ertt)irrtc 
unb unentfdE)Ioffene Smilia ju befd^toidfitigen fud)t, laffen un§ 
feine, in biefem 5ßuncte jur 9)?eifterfd)aft gebie^ene |)robe^aItige 
Äunft in i^rem ganjen Umfange, in i^rer ganjen gefä^rtid)en 
3}ia6)t erfennen. SBie fanft, loie gefcfjmeibig, toie einfd^meid)elnb, 
unb bod^ toie feurig berebt fließt bie Siebe t)on feinen Sippen! 
3Bic bebeutfam toirb jebe, fd^einbar untüillfürtidje SBenbung! 
toie auöbrudE^üoII jebe Unterbred^ung, jebeö Snne^atten! 5)ie 
3Borte toagen bie surüdEgebrängte ®Iut^ ber ßeibenfdE)aft nur 
a^nen ju laffen, unb fo muß ba^ öertialtene 3Bort nod^ ein* 
bringlidEier reben aU ha^ au^gefprodiene. 9tu§ berfelben Xon== 
art, toenn aud^ mit gemäßigterem 9Iu^brudE, n^irb er fd^on an 
jenem Slbenb im §aufe ber ®rimalbi ju i^r gefprodE)en l^aben. 
Unb ©milia, mit n)eld)en ©mpfinbungen Derna^m fie biefe 
@pradf)c, laufd^te fie biefen iieräberödEenben 3Borten? 

SßJenn fi^on bie SÄutter über bie ©nabe, n)e(d)e ber 5ßrin^ 
in fo reidiem SRaße ber SKoditer erjeigt, in ein ftiHe^ ©ntäüden 
gerät^, foHte ba bie Stod^ter felbft gegen fo öiel §ulb unb 
©d^meic^ctei unempfänglid^ bleiben? konnte fie e§ bleiben? 
©olc^e SBorte, tüie fie je^t il^r D^r berühren unb gleid^ einem 
fußen ®ift in alle i^re ©inne einbringen, fofd^e 3Borte ^at fie 



198 3ut tlaffifcben S^it bcr beutfcfcen Sittcratur 

aii^i bem aJJunbe x^xt^ 9H)ptam tt)oi|I nie geijört. S^re ©eele, 
in tüel^er bi^ ba^in fein Streit n)iberf))re^enber ©mpfinbungen 
fid^ geregt, tüirb gnerft öon einem, nod^ toeife fie nid^t öon 
n)etcf)em fd^merslidien Kampfe 6ett)egt. SrangöoHe SBünfd^e 
fünbigen fid^ an, unb öer^üQte Seibenf^aften geben fid) ju er^ 
fennen. äRit angftöoller @^eu, mit bänglid^em Qa^m tuirft 
fie einen S5tid in bie öor furj^em nod^ üerbedEten 3;icfen il^res^ 
3nnern; unb biefer Süd letirt fie, tda^ fie fid^ fefbft faum be= 
fennen barf, ha^ e§ SBerlodungen giebt, gegen bie fie nid^t un- 
angreifbar gefid£)ert ift, benen fie öietteid^t auf bie S)auer nid^t 
njiberfte^en tüürbe. 3Bie, töenn fie gar fürd^ten müfete, bafe 
einft il^re eigene ©e^nfud^t, i^r eigene^ SBerlangen mit fotd)en 
S^erfodungen in ein gefä^rtid^eö Sünbnife gegen ii|re biö bal^in 
unöerle^te @eelenreint)eit treten fönnte? 

Unb.tDenn fie tokbtx in ha^ bunte manigfaltig betnegte 
treiben be^ §ofIeben^ ^ineinblidt, tüenn fie i^n, bem biefe^ 
ganje treiben gef)ord)t, bereit fie^t, if)r fein ."gerä unb feine 
3)?ad£)t äu t^öfecn ju legen, n)enn fie fid) geftefien mufe, ba^ fie 
Ieid)t ba^in gelangen fönnte, an ber §anb biefeö SÖianneö jene 
ganje fd)immernbe 3BeIt be^ ^ofeö ju betierrfd^en — tt)er tt)ei§, 
ob it)r bann nid£)t bie 9(u^fid)t, an ber Seite be^ ®rafen, in 
ben 3;^ä(ern öon ^ßiemont, fern öon bem Strome ber großen 
SBelt in ftiQer ßi^f^eben^eit ein einfad£)e§ ®Iüd ju genießen, 
— benn „fid£) felbft ju leben" ift ja ber SBunfc^ unb (Sntfd)tufe 
il^reö fünftigen ®atten — toer loeife, ob bann nid£)t biefe 3tu§== 
fid)t ifirem Don fo unertüartetem ®(anj gebfenbeten Sfuge toeniger 
reijenb erfd)einen mag. 

©miUa felbft muß eö il^rem SBater im fünften Slfte funb 
tf|un, iDie an jenem Stbenb i^r ®emüt^ t)ertt)irrt tnorben, tnie 
eg nad) jenem Slbenb öern^irrt unb erregt geblieben. 3tt)ar 
giebt fie bem ®emälbe, ba§ fie f|ier üon bem 3"f*önb i^reö 
Snnern enttt)irft, abfid^tHdE) grellere garben, aber ber ©runbton 
biefeg ®emälbeg ift unjlDeifelfiaft ber rid^tige. 9?ur bie ftrengen 
Hebungen ber ^Religion, ju benen ba^ fromme SÄäb^en feine 



Uebcr ben ßl^araftcr b€r Smilia ©olotti 199 

3uf[ud)t na^m, fomtten allniäfiUd^ bte Erregung i^rer (Sinne 
befd^njiditigen ; aHmäl^tidE) ftellt fic^ bte fo ernft(icf) geftörte 
6intrad)t tl^rer Snipfinbungen tüteber t|er; fie barf fid) fagen, 
ba§ fie nod^ nid)t§ Uon i^rer Unfd£)utb, öon i^rer 9fiein== 
^eit eingebüßt; benn, ba^ i^re 9?eint|eit fd^on getrübt n^orben 
in bem StugenblidE, ba fie ju fürci^ten begonnen, fie fönnte einft 
getrübt toerben, bieö einfetjen, bie^ nnr a^iien fonnte freilid^ 
ia^ 3J?äbd£)en nirfjt, für toelc^eö ba^ eigene Snnere nod^ fo liiele 
rät^felfiafte Xiefen t|at. Unb fo bleibt öon allem, toa^ fie an 
jenem 9(benb beranfd)t nnb fie au§ ben getoofjnten Äreifen 
i^re^ ®emüt^§(cben§ g^i^iffcn, !aum noc^ bie leifefte SKad^mirfung 
übrig; ungehemmt tüalten in ifirem Innern bie Reitern bräut^ 
Iid}en (Smpfinbungen, benen fie fid) im froren ©efü^l beö n^ieber- 
gewonnenen ©eetcnfrieben^ Dielleid^t mit gefteigerter Snnigteit 
überlädt. S)er ^od^jeit^tag ift tjerangefommen, unb getoijs ^ätte 
er für fie ein ^eitere^3 jufriebene^ Seben eröffnet; ba mu§ fie, 
eben an ber @c^tt)eQe biefeö neuen Seben^, nod) einmal ben 
SSerfud)ungen unb S?erIodungen fid) gegeuüber fe^en, t)or benen 
fie ifire ®ee(e nur mit §ülfe ber 9?e(igion im ernften Äam))fe 
geborgen l^atte. „Sit ber nähern ®egentt)art be§ ©toigen", eben 
ba if|re 2tnbad)t am brünftigften ^ätte fein foßen, mufe fie aber^^ 
mafö bie Spradje be§ ^rinjen ^ören, bie gefä^rticl^e, bie finn= 
toertoirrenbe @prad)e, au^ ber je^t bie iiei^e Seibenfdjaft at^met ; 
fie l^ört it|n feufjen unb Kagen, i^n Don ©d^ön^eit unb Siebe 
reben; biefe ©prad^e übt toieber if|re berüdenbe ÜJtad)t, tnieber 
'tt)ill in il^rer ©eete ber faum gefaßte Xumult fid^ ertjeben, unb 
fie mufe ba^ SBieberauflobern !aum gebämpfter ®lutt|en fürd)ten. 
^aä) bem erften Süd, mit bem fie ben ^ßrinjen erfannt, loar 
fie i^rer nid)i mäd£)tig genug, il^m in einem jtoeiten 95Iid „aöe 
bie 9?erad^tung ju bejeigen, bie er öerbient" (2, 6) ; toa^ fie i^m 
antnjortet, mu§ ganj inl^altlo^ fein; benn ber ^rinj glaubt 
fpäter (3, 3), er ^ab^ xf)x „mit aßen @d)meid£)eteien unb 93e^ 
t^euerungen fein SBort au§^)reffen fönnen"; aber tva^ fie aud^ 
fagen ober t)erfc^tt)eigen mod^te, fie fü^It, ba^ fie bie |)errf(^aft 



200 3wt ffoffifcbcn S^xt bcr bcutfc^en Sitteratur 

über ii|r ®emüt^ öerloren, fie füi|lt ftd^, tt)te fie c§ gleid) 
barauf ber äJiutter anbeutet, afe eine „SWttfcfjuIbtge fremben 
Safter^", tDentt anä) aU eine ÜJJitfcftiilbige „tüiber SBitteit''. 

Sarum finb il^re Sinne in fo getDOltfomer Srregung, afö 
fie, Don treibenber Slngfi gejagt, ber SKutter in bie Sfrnte ftürjt. 
3n biefer ©cene wirb mit ber üoQfontmenften fünftlerifd)en 
gein^eit bie fdiliefelid^e @ntn)id(ung anbeutenb vorbereitet; aber 
freilid) läfet erft bie Snttoidlung felbft jebe biefer Slnbeutungen 
in i^rem loatiren Sid£)te erfd^einen. Unb fönnten toir nod) 
ßtüeifet ^egen über bie toirffid^e Urfadje biefer überntäd)tigen 
95en)egung, \vtlä)t ©milienö ganseö 3Befen au^ feinen ^ugen p 
^eben fd^eint, fo müfete ba^ üerrättierifd^e „Sf|it felbft!" üoHenb^ 
jeben 3^^^!^^ t)ernid£)ten. 

§at un§ ber S)id|ter inbefe nid)t felbft einen ^^ngerjeig 
gegeben, ber un^ jene S5ett)egung ju erWären bienen !ann, unb 
jtoar t)iet einfad^er ju erttären alö e§ eben lierfud)t tt)orben? 
@r tä^t 6(aubia (4, 8) t)on ©ntitien fagen: „@ie ift bie gurd^t^ 
fantfte unb ©ntfd^loffenfte unfere^ ®efd^Ied)tg ; itirer erften ©n* 
brüdEe nie ntäd^tig, aber nad^ ber geringften Ueberfegung in alle§ 
fid^ finbenb, in aße^ gefaxt.'' 3Barum follte bie ftürmifdje Sr^ 
regtl^eit, in ber ©ntilia aug ber Sirctie ^eimfel^rt, it|re Unfähig* 
feit, fid£), felbft in ben Slrmen ber SKutter, gleid^ ju faffen unb 
SU beru^igen,^ tüarunt foßten fie nid)t eine natürlid£)e 5*^tge ber 
Ueberrafd)ung fein, nje(d)e bie unern^artete SRä^e beß ^ringen 
unb fein Ieibenjd)aftlid£)e^ ©ene^men not^n^enbig betoirften? 
greilid^, fo mag ßtaubia urttieilen. 9tbcr barf ßlaubia^ Ur* 
tl^eif and) ba§ unf rige beftimmen ? §at fie tt)irf tid^ gang Smitien^ 
®emüt^ burd)fd)aut? §at fie loa^rgenommen, mlä) ein Äampf 
in biefem ®emüt^e Vorgegangen ? ^at fie ba^ ®efät|rtid^e biefe§ 
Sampfeö eingefe^en? 

©ie t|at nid)t^ baöon n)ai|rgenommen, nid)tg baöon ein* 
gefeiten, ©anj unbefangen erjätilt fie il^rem ®emat|t gelegent* 
lid) t)on ber 5tbenbgef ellf d£)af t im §auf e ber ® rimalbi ; fie f ann 
nii^t begreifen, loarum biefer, fobalb er bie Begegnung mit 



lieber ben Sl)ata!tcr bcr ßmilia ©alotti 201 

bcm ^rtnjen erfSl^rt, SSerbac^t fd)öpft iinb in 3But]^ gcrät^; 
imb felbft ba, afö t^r ©milta ben Shiftritt in ber Äird^e 6e^ 
rid^tet, fdbft ba nod^ regt fid^ in il^r leine Sl^nung ber tuirf* 
fidlen C^efol^r: fie ift nur frof| barüber, ba'^ ber SBater nid^t^ 
öon biefem SBerid^t Vernommen. 3)er ölidE ber guten Sfaubia 
reid^t eben nid^t weit, unb baö Seben ber öornel^men 3BeIt, ba§ 
S^reiben be^ §ofe§ fie^t fie aud^ mit ettua^ tueniger ungünftigen 
äugen an afö i^r ®ema^I. ?tHerbingö Uerfennt 9}?arineßi fie 
unb t^ut il^r in feiner Uerruc^ten ®efinnung ein graufante^ 
Unred^t, tt^enn er Dermut^et, e^ lönne i^r fd^meidieln, „fo ettoa^ 
Don einer @d)n)iegermutter eine§ ^ßrinjen ju fein" (3,5), unb 
fie ben^eift i^m aud£) al^6a(b, toie fe^r er fid6 t)erred^net t|at, 
tt)enn e§ it|m je beigefomnten, auf it|re 3)tittt)ir!ung ju feinen 
Pänen jaulen ju n^ollen. Stber tro^ allebent ntu§ man geftel^en, 
bafe fie fid) il^rer Xod^ter gegenüber nid)t ganj afö bie n^ürbige 
®attin Dboarboö jeigt, ja, bafe fie ®mi(ien§ (Semüt^, i^ren 
offenen @inn, it|re n^a^r^aft fittlid^e ?lufrid)tigfeit nur unUoH^^ 
fommen ju fd)ä^en öermag. ©mifia mü ben ®rafen öon bem 
?(uftritt in ber 5ürd)e unterrid^tet n)iffen; fie ujill bie§ nid£)t 
nur, e§ fommt il^r burc^auö natürlid^ Dor, bie^ 5U n)oIIen, fie 
fonn gar nid)t anber^, ate bieö sollen. „Stber, nidjt n^a^r, 
meine SJhitter? ber ®raf mu^ ba^ toiffen. 3f)m mufe id| eö 
fagen." 

S!)ie§ ift einer ber fd^önften unb rüfirenbften Qüq^, mit 
benen Seffing ben S^aratter feiner §elbin auögeftattet unb in 
benen er fetbft feine fünft(erifd)e (£m:pfinbung, fein bid)terifd)e§ 
3artgefüi|I fo fi^ön beloätirt unb fo überjeugenb offenbart ^at. 
?lber aud^ feine bi(^terif(^e Äü^n^eit jeigt fid^ ^ier. S)enn bie 
cble Unbefangentieit, a\i^ ioefdEier jene Sßorte t)ernorget)en, toirtt 
baburd^ nod^ rü^renber, bafe fie in einenLfc^ßi^&^i^^Ji ®egen= 
fa| ftet|t äu ben ©mpfinbungen, beren üerberblid^e 3Rad)t ©milia 
an fid^ erfal^ren l^atte unb eben je^t mieber erful^r. S)iefer 
®egenfa^ lefirt un§, ba^, toenn auc^ bie SRutie it|re^3 Snnern 
geftört ift, fo bod) bie Sauterfeit i^re^ SSefen^ in SBaf|rf|eit un^ 



202 3ur tIaffiWen 3«it bcr beutfcfecn Sittcratur 

getrübt geblieben. „3d£| bäd£|te boci^, id£| behielte lieber Dor i^m 
nid^tg auf bem ^erjen", in biefen SBorten fpiegelt fitfi bie 9tein== 
t)eit i^reö ®emüt^g, baö fid) notfi feiner n)irfli(i^en ®c§ulb be= 
n)ufet fein fann. Unb \va^ ern)ibert bie SKutter auf bie Sleu^e^^ 
rung biefeö garten SBebenfenö? 

@ie nennt eö „®d£|tx)ad)f|eit, öerliebte @d£|n)ad^^eit;" fie 
rät^ i^r bringenb an, bem ®rafen ben SßorfaU ju Derfd^tüeigen, 
unb fud)t i^r bie 9iot^tüenbigfeit biefeiS SSerf(f)tt)eigen^ burd) ein 
Staifonnement barjutfiun, ba^ tüir nur mit ungläubiger 9Ser= 
tüunberung au§ bem SÄunbe ber ®attin Dboarboö Dernetimen 
fönnen, unb ba^S tüir ftet^ mit SWifefallen üerne^men tüürben, 
aud^ n)enn bie 2J?utter, bie mit foI(f)en Orünben ba^ beforgte 
®etüiffen i^rer 3;od^ter ju beunruhigen ftrebt, nirf)t eben bie 
®attin eineö 9D?anne§ tüie Dboarbo tüäre. Smilia !ann fogar 
faum ba§ genügenbe SSerftänbni^ für ben eigenttidien ®ei|alt 
biefeö 5Raifonnement^ iiaben, benn fie njei^ nod) nid^tö öon 
biefer SBeltflug^eit, bie fid^ mit ben unbebingten gorberungen 
einer ftrengen ®ittlid)feit fo bequem abjufinben Derfte^t. Unb 
tüenn bie SKutter ^ier bie gartfinnige Slod^ter nid^t begreift, fo 
üermag fie aud) fpäter, afe fie ©mitien im Suftfd)Ioffe be^ 
^ringen tüieberfinbet , i^r ®emüt^ nid^t ju ergrünben. Sie 
rü^mt i^re 9tu^e, i^re gaffung, i^re gemeffene Haltung bem 
^^ringen gegenüber; aber man merft e^ ben SBorten an, fie 
at)nt nid^t, tüefd)e ©türme ha^ ®emüti| ber Sungfrau burd)^ 
fd)üttern, unb tüeldje @ntfd)tüffe fid^ t)ier vorbereiten. S)arf eö 
unö ba^er SBunber nehmen, tüenn Dboarbo feiner ®attin nid^t 
rüdEftd)tötog JU Vertrauen fdEjeint, toenn er ii|ren @d£|arfbfid nur 
md^ig fd)ä^t, toenn er feine ungetoöfinttd^e Sfjaraftergrö^e Don 
i^r ertüartet; benn tüie forgfam toei^ er fie entfernt ju galten 
aii'^ bem engern 5Rat^, in n)eld^em er, Vereint mit feiner %oä)ttx, 
bie enbtid)e ®ntfd)eibung treffen tüiK. — S(IIe§ ftimmt atf o ju== 
fammen, um unö ju überjeugen, bafe tüir tiefer in ©mifienö 
aSefen gebtidt ^aben aU Slaubia; toaö ©(aubia urt^eilt unb 
benft, barf bemnad) unfer Urt^eit nidjt leiten. 



liebet ben 6r)ara!ter ber @milia (^alotii 203 

3[t e§ nun nod) nöti|ig, bem Slutor 6i§ jur legten (Snt- 
toidflung red^tfertigenb unb erläuternb gu folgen ? @r t)at btefe 
®ntoidE(ung fo leife unb fo fid)er, fo lü^n unb fo bebäd^tig 
Vorbereitet, ha% mag fie un^ audE) immer nod) fo unerträglidi 
Derfe^en, fie bod) mit einer 2lrt üon unroiberfte^Iid^ überjeugen== 
ber 9iotf)tt)enbigfeit erfolgt; unb ba§ Seffing biefe S^otfjtoenbig- 
feit beutlid) ju mad£|en getou^t f)at, ba^ ift feiner t)on ben 
geringften unter ben Siegen, bie fein überujältigenber 3Serftanb 
über toiberftrebenbe Stoffe batjongetragen. 

9?ad^bem ba§ @ntfe|Iid^e, Unerl^örte fid^ begeben, nad|bem 
ber üJfann, an beffen ©eite fid) Smilia t)or bzn Söetoerbungen 
be^ ^ßrinjen unb t)or ben 9tegungen i^rer eigenen (Seele fidjer 
fjalten burfte, if)r burd) 9)ieud)eImorb entriffen toorben, nad^bem 
er, toie fie fo bebeutfam, mit fo furd^tbar fd)merslid)em ^aä)^ 
brud fagt, „bar um" geftorben, fie^t fid^ Smitia ujieberum, unb 
itüax fd^uglofer afö tjor^er, ben 3Sertodungen preisgegeben, beren 
®efaf)r fie, in Erinnerung an ben SEumuIt, ber fd)on tjorbem 
in i^rer ©eete fid^ erhoben, üietteid^t überfd^ä^en mag, benen 
fie jebod), n)ie xf)x 95en)u§tfein i^r abermals nur ju beutlid][ üer* 
rätfi, nid)t baS unerfd)ütterlid)e ®efüf)t einer unbestüinglidien 
@id^erf)eit entgegenfteden fann. 3Bi(I fie fic^ üor fid^ fetbft 
retten — unb toie barf fie anberS tooHen? — fo mufe fie ba§ 
öufeerfte, ha^ le^te inö 9luge faffen; unb mit fidlerem Snt- 
fc^Iuffe mu§ fie biefeö äu^erfte, le^te ergreifen, aU fie im 
3tDiegefpräd) mit i^rem SSqter öer nimmt, baß fie „in ben 
Rauben ifireö JRäuberS" bleiben foll. SBir toiffen e-g nun, toaS 
bie breimal toieber^otten SBorte ju bebeuten f)aben: „3d^ allein 
in feinen Rauben?" SJtit feltener Slunft ift biefeS fd^auerüolle 
3ft)iegefprädE| eingeleitet, mit ebenfo feltener Äunft ift eS bis ju 
feinem fd)redlidl|en ©nbe fortgeführt. 

SSater unb SEoditer muffen fid^ juerft einanber anS^ord)en. 
Sr fonnte eben nod) einen 5tugenblid gtoeifeln, „ob fie eS ujertf) 
fei, maS er für fie tfjun miH"; er muß alfo bie ®etx)i§^eit er= 
langen, ba^ fie eS toirflidE) toert^ ift. Unb ebenfo mufe aud) 



204 8ut irafffidben 3^** ^cr bcutfddcn Sittctntur 

©milta ber ©efinnungen bes; SSater^, bie fie freiließ bei it)m t)or= 
au^fe^en barf, bennod^ erft DoIIfommen gemife trerben. „Stiil^tg", 
benn fie ift ja in i^rent Snnern ju ben äufeerften (£ntfd£|tüffen 
bereit, tritt fie bem „unruhigen" 9?ater entgegen. 3lber tok 
balb tüeid)t biefe fd^einbare 9tut)e Don i^r, aU fie erfährt, mit 
tüelctjen 9D?itteIn ber ^ßrinj fie ju bejtDtngen gebenft ! Unb nun 
t)at ber SSater, bem über bie ®efinnnng ber %oä)kx fein 3^^iM 
met)r bleiben fann, feine 9iul^e imebergefunben. 3n fdiarfen, 
überrafc^enben SBenbungen, in fpi^en SBorten, in benen bie 
Seibenfd)aft tüie gufammengeprefet erfd)eint, tjerftänbigen fie fid) 
mit einanber. Unb ha ber 9?ater immer nod^ Sögert, bie J^od^ter 
burci^ ben Slobeöfto^ ju retten, ba mu§ fie tool^t enblid£|, um 
ben Xoh bon il^m ju erjnjingen, bie fdilimmften SBorte fpredjen, 
in benen fie bie ©efal^r befennt, bie i^rer Unfdiulb bro^t. SBir 
toerben un§ mit biefen SBorten nie üerfö^nen f önnen ; aber tüir 
l^aben je^t toenigftenS erfannt, ba^ fie gefprodien n^erben mußten. 
Unb jtüar mufe ©mitia felbft fie fpred)en. S)enn nur, tnenn 
Smilia felbft fie fprid^t, tüirfen fie ba§, tüa^ fie n)irfen foßen, 
o^ne ba§ baburd) ba^ reine 93ilb be§ 9)iäbd)en§ in unferer 9Sor*= 
fteUung getrübt tüürbe. 3Wan benfe fid| nur, ba^ ber 3Sater, 
über tner fonft, eine ä^nfid)e 93eforgni^ äußerte, unb man tüirb 
fogteid) empfinben, n)ie ©milienö g^nje^ SBefen baburd) entfteßt 
unb befledt tüürbe. 

Sllle^, toa^ \6) gefagt, faffe id) in ben ©afe sufammen: 
gönnten tüir mit ®en)i§t)eit üorau^fe^en, ba§ ©milia ben 9Ser= 
lodungen beö ^ßrinjen unterliegen tuirb, fo träre itjr @d)id)at 
fein toürbiger ©egenftanb einer Jragöbie: fönnte l^ingegen 
Smitia, in untrügfidjem @efbftbetüufetfein, i^re Unfc^utb, tüie 
über aöe ®etüalt, fo aud) über aße SSerfü^rung in jebem gaß 
ergaben glauben, fo tüöre überhaupt feine Stragöbie möglid^. 

^So n)eit über ben S^arafter ber ©mitia ®aIotti. Unb 
meinen Sie nid^t, ba§ Seffing öor unferm SBerftanb, unb, barf 
id£| tt)ot)f ^inäufegen, üor feinem eigenen S5erftanb gered^tfertigt 
ift? ®en)i^ f)at er e^ fid) red)t fauer toerben faffen, biefem 



Ucbcr bcn S^arafter bet (Snxiüa @a(otti 205 

feinem SSerftanb ein üoöe^ ©enüge ju tfjun. Sn brei Der* 
fd^iebenen Spod^en feineö Seben^, im 3af|re 1758 ju Seipäig, 
im 3a^re 1767 jn Hamburg nnb enblid^ im 3af)re 1772 ju SBoffen*= 
büttet, l^at er an biefer (Smitia ®atotti gearbeitet unb id^ benle, 
mir tonnen tmmerl^in aufrieben fein, baß er üon ber antifen 
SBirginia feine §anb abgezogen, unb un§ in biefem „^iing üon 
einer Sragöbie'' ^) eine mobernifirte gegeben ^at. 

3d) l)abe, tüät)renb ici^ fd^rieb, aUe^ ju üergeffen gefud^t, 
ipa^ idf jemals über Smilia ©afotti getefen, öon Sngefö Der* 
ftänbigen 93riefen an biö ^erab ju ben itjibernjärtigen Sob* 
preifungeu, mit tüelc^en ber neuefte 93iograpf| iJeffingö*) biefem 
,,ba^ 9iaud)fa§ um ben Sopf fd)meifet", tüo^l o^ne ju bebenfen, 
ta^ Seffing fidE) biefe ^rocebur getegentlid) fe^r entfd^ieben Ver- 
beten l^at.^) Sd) ^(xbt aüe§ bieö ju ijergeffen gefudjt; benn* 
lüenn eö gut ift, alle biefe fd^önen 2)inge gelefen ju ^aben, fo 
ift e^ bod) oft aud) ebenfo gut unb beffer, fie auö bem ®e* 
bäd)tni^ 5u Verbannen, unb fdjmierigen ^Problemen in frifd)er 
Selbftänbigfeit gegenüberäutreten. 

Unb fo fjätte id) mid) benn ber Qaijl berer angefd^t offen, 
über bie ^i^iebrid^ ®d)tegel fd)on oor met)r afö fed^jig Sauren 
feinen ©pott äußerte, ber Qa^ berer, bie fid) bemüi)ten, einjetne 
ß^araftere in bcn £effingfd)en S)rameu forgfältig unb umftänb- 
lic^ ju jergliebern. 9[ber Joir toiffen audE), bafe ber junge 
griebrid) @d)(egel oft gefpottet {)at, mo er lieber l^ätte fditoeigen 
foUen, unb umrum foITte er l^ier gerabe mit 9xed)t gefpottet 
fjabenV Unb in ber S^at, Wtx oon unö füt)(te fid^ nid^t ^ 
ftetö toieber angeregt unb ermuntert, bem SSerftanbe iJeffing^, 
biefem innert)atb feiner Sphäre fd)öpferifd^en SJerftanbe, auf 
feinen bafb gerabe ^intaufenben, balb in üielföUigen Krümmungen 
fid) l^infd)Iängetnben Sahnen ^u folgen ? Sn bem, toaö ®opt)o!Ie§ 
nnb @f)afefpeare, (Jeroanteö unb ®oet^e gefcfjaffen, lebt ein ge^ 

») 93rief an ben JBruber 10. gcbruar 1772. 

*) »Ibolf etal)r. 

"*) ®ifl)e bcn 54. ber S3riefe antiquarifdjen 3;nl)alt§. 



206 3uY flaffifc^cn Seit ber bcutfc^en Sitteratur 

l^eimeg, für ben SSerftanb unfafebareö Seben, Don bent SBorte 
nie baö genügenbe an^fagen njerben; unb n)enn toxv anä) nie 
aufi|ören fönnen nnb bürfen, biefe ©diöpfungen n)ie eine jnjeite, 
naä) eigenen ©efe^en gebilbete SBett, gn burd^forfd)en, fo tt)irb 
boc^ alles ©pred^en nnb ©direiben über foldie S)id|tern)erle 
immer nur, tüie SBit^etm üon §nmbotbt einmal in toeifer Slefig* 
nation fagte, „ein ^erumgei|cn um baS Unau§fpred£|tid^e bleiben". 
SBaö aber ber S)id)ter Seffing gefd)affen, ba§ mit unferm SSer* 
ftanbe ju f äffen, toirb unö tüoi|t nid)t mißlingen, n)enn unfer 
SSerftanb nur red£|t beutfid^ unb red^t fc^arf ju fe^en gelernt 
l^at; tüir bürfen eö and) njol^I n)agen, ba§ ®e^eimni§ biefer 
©d^öpfungen mit SBorten auöäufprcdf)en, unb id^ l^offe nid)t, 
ba^ @ie mir entgegnen n^erben, toa^ fo auSgefprod)en werben 
fönne, berbiene gar nid^t au^gefprod^en ju n)erben. Unb n)enn 
®oet^e 5Red£|t ^at mit feinem fd^önen Sprud), ba§ eö bie ©igen* 
fd^aft be^ ®eifteS fei, ben ®eift etoig anjuregen, toeld^er ®eift 
fönnte biefe SBirfung entfd^iebener unb ^eilfamer üben, aU ber 
®eift SefftngS, ber, tvie er felbft nur in rafttofer SBett)egung, in 
etnig frud)tbarer Sfjätigfeit fid) gefiel, fo aud^ unfern ®eift un= 
abläffig gu rüftigem S^un, ju !räftigem ©dEjoffen aufruft unb 
anfpannt ? 



3ur firinnerutiö 
an ^otttfolb fip^raim Cefjtnö- 

(WO) 

SBaö Seffinfl tu Sejug auf Seibutj tuüufdjte, tüüufd^eu tpir 
oHe in Sejug auf iieffiug felbft: feine 3^^f^ f^^Ü*^ ^^ umfonft 
gefd^riebeu ^aben. S)enn jeber QdU ift ettüa^ t)on bem JRetäe 
feiner ^erfönlidjfeit mitget^eilt, in jebem feiner ©ä^e at^met 
fein ®eift. SBenn irgenb einer unferer ®ro^en bie emfige 
SKü^e fot)nt, bie man aud^ auf ben 6efd)eibenften S^^eit i^re§ 
9?a(i)faffe§ tüenbet, fo ift er e^; unb tüißfommen fei unö attei^, 
ttjoburdj au(f) nur ber !(einfte, unfdE)ein6arfte Qn^ in feinem 
S3ilbe beutlidjer ausgeprägt ober fd)ärfer befeudjtet tuirb. 

SBenn ®oet^e bie umfangreid)e Sammlung ber Seffingfdjen 
3BerIe überfd^aute, fo gebad)te er mit ®efüf)Ien ber S)antbar!eit 
beS Herausgebers, ber mit brüberlid)er 5ßietät baS aüeS fo 
forgfältig jufammengebradit unb georbnet^); in aüen S)eutfd^en 

^) S)ie ©orte, in roe(d)cn ©oet()e bQ§ ®efüf)( au^fprac^, roerbcn aud^ 
mandfeem nälfeetn Srcunbe be§ ©idöterS nicfct befannt ober nicfct erinnerlich 
fein ; fie mböen bafeer au§ „Äunft ujib 2lltert()um" (4, J, 174) ()ier mitaetljeilt 
werben: ,Mei)x al§ einmal iöä()renb meiner 2eben§äeit [teilte id) mir bie 
brei^iö nieblid&cn SBänbe ber SeffmQifci&en SBerfe bor Sluflen, bebauerte ben 
Jrefflidben, bafe er nur bie Slulflobe be§ erften erlebt, unb freute mid? be§ 
treucrflebenen S3ruber§, ber feine ^ilntiänglicfefeit an ben ^Ib^ffc^i^^enfn nid&t 
beutlid?cr auSfprecften tonnte, a(§ bafe er, felbftt^citißer Siterntor, bie binter= 
loffenen SBerfe, ©d&riften, auc^ bie Heineren ßrjeuQniffe, unb roaS fonft ba§ 
flnbenfen be§ einsißen OJlnnneg boCiftnnbig ju erbalten ßefdS^idt hjar. un= 
crmübet fammeltc unb unau§aefe^t sum S)rud beförberte.'' S)iefe 3Borte 
tlinflcn wie ein SSiberruf be§ groufamen Xenion§, in welchem Änrl SefllnQ 



208 3ur f(affif*cn 3eit ber beutfcfeen fiitterntur 

bie biefeö SRamen^ tüürbig finb, regen fid£| ä^nlid^e ®efüt)te gegen 
jeben, ber feinen Slieit baju beiträgt, ba§ aud£| ba^ geringfte, 
tva^ üon bem „einjigen SKann" ausging ober i^n betrifft, üor 
ber SBergeffen^eit 6etx)at)rt bleibe, unb auf biefe S)anI6arIeit l^at 
ber ^eraui^geber ber Dorf iegenben Schrift ^) einen tüo^Ibegrünbeten 
Slnfprucl). 

3Ba«^ er mittt)eitt, ift meift ben ju 3BoIfenbütteI an^ 
gefammelten ^anbfd^riftlicfien SSorrät^en entnommen; er begnügt 
fid^ — unb baö ift bei 2)ücumenten biefer 2(rt burdE)au^ ju 
billigen — unö bie @d)riftftüde in forgfättigem ?Ibbruc! unb 
fdiidlid^er Drbnung bürjulegen ; nur l)ie unb ba fügt er in ber 
Stnmertung ein erläuternbeö SBort l^inju. 

©edi^unbäJoanäig Briefe unb 95riefd|en an Sfd^enburg bilbeu 
eine toünfd^enötoerttie ©rgänsung ber suerft 1794 im fiebenunb* 
gtüanjigften 3^^eife ber @d)riften erfd^ienenen Sammlung, bie bann 
in ber testen öiefamtau^gabe norf) um ettoa gioei SDu^enb ©tüde 
ijerme^rt toorben. ®§ ftnb SBilletg, tüie man fie auö nädöfter' 
9?ät)e, au^ SBotfenbüttet nad^ Sraunfrf)n)eig, an einen greunb 
riditet, mit bem man in ununter6rocf)enem toiffenfd^aftlic^en unb 
gefeßfc^afttidien SSerfei)r fte^t. Sfc^enburg^ 2i|ätigleit mar bie 
eine^ mit anftänbiger Sorgfalt arbeitenben Sompitatorö; fein 
®eift reidjte über ben Ärei^ ber bamal^ gangbaren äftl^etifd^en 
Segriffe nid^t ^inau^3. Seffing be^anbelte mit einer gen)iffen 
§erälid)leit ben SKann, ber mit toatir^after ©rgebenl^eit be* 
munbernb an it)m t)ing, ber überbieö burd) eine Uebenötoürbige 
^^Serföntid)feit fid^ empfat)! unb ftd^ in feinen Sebenöijerfiältniffen 



mit bfm unöerecfcteften ©pottc befd&ulbißt lonrb, bie mobernben ©ebeine be§ 
93ruber§ nid&t in gricben rul^en ju laffcn. S)iefe SBortc tonnten aucft bie 
25erel)rung bcjcuöen, mit raelcber @oetl)e in juuflen unb alten Sa^i^cn auf 
Seffing blicfte, menn un§ nicbt nu§ allen $erioben be§ ©oet^efcfcen ficbenS 
aaljlreicfce S^ugniffe für bie Snnigfeit unb Unroanbelbarfcit biefer SSereljrung 
ju ©ebote ftnnben. 

^) Jöriefe unb 2(ctcnftücte l;>erau«gegeben bon Dr. O. u. i^einemann. 
Seipaig. (5. öirjel. 



3ut ßrinncrung an ©ottl^olb @p()rQim Seffmö 209 

eine burc§au§ tüütbige (Stellung ju geben tüu^te. S)er S^on in 
biefen ^Briefen tft unbefangen, fogar trauürf). Wan befprid£|t 
fid^ über bte Keinen Sreigniffe be§ Slage^, man tl^eitt einanber 
fleine Slufträge mit; Seffing^ Steigung jum ©lüdE^fpiel be§ 
Sotto fommt aud^ ^ier jum Sßorfd^ein (@. 12); unb ba fid^ 
felbft in biefen ftüdjtigen 3Ieufeerungen jeigt, ba§ öfonomifd^e 
SSebrdngniffe ii|n feiten ganj frei liefen (®. 18), fo bebauern tüir 
eg boppelt, ba§ bie Seme unb bie Duaterne, bie er fid^ ,,pofitiü 
öerfprad^"^ i^m aud^ bie^m^al i^ren fleinen ©egen öertüeigerten. 

9?atürlid^ tüirb audE) über Iitterarifd)e S)inge öerl^anbett. 
6fd)enburg empfängt au§ ber SBoIfenbüttetfd^en SBibliot^el feltene 
3Berfe, bereu er ju feiner Ueberfe^ung be§ ©^afefpeare benöt^igt 
ift; Seffing Verlangt nad^ eben erfdEjienenen Suchern unb äußert 
fid) in jtoei ©riefen (@. 8 unb 9) über ben pt)iIofop^ifd^en 
9iad)Iaft beö jungen Serufalem, ben er ^ernad£| (1776) mit jener 
merftuürbigen SSorrebe ^erau^gab, in n)eIdE|er er ben ®oet^efd)en 
SBert^er mit einigen ernften ©eitenbüdfen ftreift. 9iur im SSor^ 
beigel^en fei ^ier bemerft, bafe mit ben auf ®. 7 genannten 
Quatre Po6tiques ein SBerf t)on Satteuj gemeint ift (Les 
Quatre Po6tiques, Aristote, Horace, Vida, Boileau. Paris 1771) 
unb ba^ toir unter ber ebenbafelbft ertoö^nten ©d^rift über ben 
SRoman (£^r. g. öon 85tan!enburgg „SSerfud^ über benIRoman" 
äu berfte^en ^aben, ber 1774 (Setpgig unb Siegni^) anö Sid)t trat. 

STud^ in biefen mit laufenber geber ftüd^tig Eingeworfenen 
Sriefäeilen er!ennt man ba§ eigenti|ümlid^ heftige — ba^ nieber* 
fädififd^e 2Bort ift ^ier am ^tage — tüobur^ Seffi^g^ @tit 
nad^ bem Sut^erfd^en einjig baftei)t. 3n einem ©riefe üom 
29. 35ecember 1779 lefen trir: „Sc^ befinbe mid£| feit einigen 
Xagen red^t fe^r übet. ©§ foß itoax nur ein gtufefieber fein. 
Slber id^ l^abe ben genfer baüon, toie bie S)inge fiei^en, bie un§ 
ba^ 2zbzn fo unangenel^m mad^en!" 

S)ie auf ©eite 25—47 borgelegten ©dE)riftftüde jeigen un^ 
Seffing in feiner amtti^en X^ätigfeit afe ©ibliot^efar, unb 
ätüar in feinem SBer^ättni^ jum EerjoglidE) braunfd)tx)eigif^en 

«ernau», ©c^riften III. 14 



210 3wt ((offiWen 3eit bct bcutfc^en Sittctatur 

§ofe. ®r f|at für Ueberfenbung bet 95ücf)er ju forgen, bie bei 
§ofc üertangt toerben; er giebt afe funftgele^rter Slntiquar 
über eine bont ^erjog angetaufte Sronje ein auöfü^rlid^e^ ®nU 
ad^ten ab ; er überreid)t bent ^erjog bie @d£|rtft „Dom Sllter ber 
Deintaterei" unb fpric^t bobei über ben SBert^ be^ SWanufcriptö, 
ba^ i^nt gu biefer 3lrbeit ben SMafe gegeben; er berid£|tet über 
bie ©Dubletten ber )iBibIiot^et unb gleid^ nac§ bem erften SBinter 
feinet 3BoIfenbüttetfd)en 2lufent^alt§ überrafd^t er feinen dürften 
burd) Siarbietung einer beträd£|ttid^en Slnja^I f oftbarer Qdä)^ 
nungen unb Äupferftid^e, bie, tt)ie e^ fdieint, bon ben frül^ern 
SSertnaltern ber 95ibtiot^e! ungeorbnet unb unbead^tet geblieben 
toaren. 3tuc§ ^ier überall betüegt fid£| Scffing fieser unb ätüang== 
loö. SBenn er aud^, feitbent er fid^ enblid^ jur Slnnafinte be^ 
Slmte^ entfd^Ioffen, ben ©runbfa^ feftl^iett, ben er balb nad^ 
bem Sfntritt biefeö S(mte^ gegen feinen 3Sater auögefprod^en 
fyittt, fid£| nämlid) „bon aöem, toaö §of fieifet, fo Diel möglid^ 
ju entfernen" (Srief üont 27. 3uli 1770) — toenn er aud^, 
fage id£), biefem ®runbfa^ unt)erbrüdf)tid£| treu blieb, fo toar er 
bod^, afö erfaiirener SBeltmann, barauf bebad^t, im 9Sertei|r mit 
bem fürftlid£|en Greife feine ber ^erfömmfid^en formen ju Der- 
nad)Iäffigen. D^ne gegen ^öfifd^en 85rauc§ ansuftofeen, toei^ er 
aud) gegenüber ben burd^Ieud£|tigen 5ßerfonen, ate bereu „unter* 
tl^änigften Äned^t" er, bem bamafe geltenben ©tile gemä^, fid^ 
bejeidtinet, feine freie Haltung unberänbert gu betoa^ren. @r 
gefjört nid^t ju ben jtoeifett)aften freien, bie fid£| in ber 
mürrifd^en ©ntfernung üon ber bornel^men SBett ober in bem 
au^gefprodienen ®egenfa^ ju il^r bielleid^t nur beö^alb fo ge- 
fallen, toeit fie fidE) in ii|rem eigenen Innern nidjt i)intänglid^ 
fid|er füllten, iiire ^reitieit, auf n)eld£|e fie fo ^eftig pod)en, in 
ber 9?ät)e jeneö gefä^rtid^en Äreifeö unangetaftet bel^aupten ju 
!önnen. 

35a^ SBebeutfamfte unb Slujie^enbfte, toa^ ber Herausgeber 
uns gu i&ieten ^at, finb unftreitig bie auf ®. 51 — 90 mit=' 
gct^eitten SlctenftüdEe. Snbem toir fie burd^muftcrn, Derfe^en 



3ur ßrinnerung an ®ottl)oIb @p()rnim Seffmg 211 

mir un§ unmittelbar in bie 3^it, tüetc^e aU bie tüid^tigfte in 
Seffing^ legtem Seben^abfd^nitt gelten mujs — in bie 3^it, ba 
ber unerfd^rodEene Äritüer burd^ bie öerau^gabe ber Fragmente 
beö Ungenannten unb feine eigenen rafd^ anf einanber folgen* 
ben ©tteitfdöriften bie gefamte t^eologifd^e ®enoffenfd£|aft in 
lärmenbe SSemegung öerfegt unb enblid) an6) bie n)etttid)e SJtad^t 
tuiber fid) aufgerufen t)atte. Ueber bie bebenflid^en 5IKi§]^elIig== 
feiten, in n)eld^e Seffing mit bem §ofe gerietii, über bie SWafe* 
regeln, bie man gegen ben SSerbreiter unb SSerfaffer fo ärger* 
(id)er ©d^rifteu ergreifen ju muffen glaubte, über bie Slrt enb* 
lid^, tüie Seffing biefen SJ^aferegeln t^eitö fid£| untertüarf, t^eifö 
fie untt)irffam ju mad)en fuc^te, — über aUe^ ba^ tag un§ bi^^* 
f)er nur ein 93erid£|t Äart Seffing^ üor. Stöerbingö ertüeift er 
fid^ im ganjen ate äuöerfäffig, aber e§ ift erfreutid^, ba^ toir 
«n§ femer mit ii|m nid^t ju begnügen braud^en. 

Seffing burfte fidE) in ber '^i)at rühmen, an feinem dürften 
einen „gnäbigen §errn'' gefunben ju ^aben. Um feinem Siblio* 
t^efar ein 3^^^^" ^^^ SSertrauenö ju geben, ^atte ^erjog 
Äarl burd£| eigen^änbige 9tefotution t)om 13. gebruar 1772 bie 
SBefd^ränfung ber Senfur für il^n aufgehoben. Stüerbingö toarb 
biefe 6enfurfreit|eit nur ju (fünften ber „Seiträge" getüä^rt, bie 
Seffing gerabe bamafe au§ ben ©d^ä^en ber SBoIfenbütteIfd)eu 
SBibfiot^ef ju öeröffentli^en fid^ anfdEjidEte. Sebod^ man nal)m 
eg mit bem Söorttaute beö fürftfid^en SRefcripteö nid^t aßju 
genau. 3)er SSergünftigung, bie nur für ben einen gaü ge* 
ftattet toar, bebiente man fid^ in aßen gäßen, unb Seffing galt 
in 95raunfd)toeig für ööüig cenfurfrei. 

3)iefe ^Ji^eitieit blieb if|m benn audE) untjerfürgt, biö um bie 
aRitte be^ 3at)re^ 1778 bie ©treitigfeiten, toel^e bur^ »e* 
tanntmad^ung ber Fragmente hervorgerufen tüorben, ben f|öd)ften 
@rab ber ^eftigfeit erreid^t Ratten. Sm britten StüdE ber „95ei* 
träge" (1774) iüar ba§ gragment „öon S)ulbung ber Seiften" 
erfd)ienen; ba^ vierte ©tüdE (1777) ^atte nid^tö af^ njeitere unb 
umfangreichere SRitt^eilungen au§ ben ^ßapieren be^ Ungenannten 

14* 



212 3ut floffifcfeen ^t\i hex beutfc^en Sitteratur 

gebrad^t, benen ber Herausgeber feine fdiarf gefaxten ®egen== 
fä^e anfdifo^. Sßun regten fitfi bte 3Btberj'ad)er, Don benen 
mand^e, ha fie bte ^ßerfon beS getieimni^üollen Ungenannten 
ntdE)t treffen fonnten, i^re STngriffe gegen bie 5ßerfon beffen 
rid^teten, ber bte ber^afeten 5ßaptere auS bem S)nnfel gejogen, 
unb ben man für tl^ren Sn^alt öerantnjortftd^ mad)en tüollte, 
fo entfd^ieben unb nad^brüdftd) er audE) ben Sßerbad£|t üon fid) 
abtüeiirte, ben 6öStt)tßtgen unb l^ämtfd^en SSerbad^t, als fei er 
mit bem, toaS gegen bie Sieligion t)ier üürgebrad£)t toorben, ein= 
tjerftanben, unb afe billige er fotüol^I im allgemeinen bie 9ln= 
fd^auungen afS im einjelnen bie SetüeiSfül^rungen beS Un* 
genannten. @o gereift, bradt) Seffing mit feiner Äraft unauf* 
tiaftfam ^erbor unb, üon frifd)er Suft beS ÄampfeS angefeuert, 
entfanbte er jene mädEjtigen unb untüiberfte^Iid)en ®treitfd£|riften, 
in benen unfere §etbenfpradE)e bie Siöne tpieberfanb, bie feit ben 
Xagen 2utt)erS nid)t met)r erffungen n)aren. ®ebrängt hinter 
einanber folgten in lurjer grift bie Schriften gegen Schümann, 
gegen ben „9?ad^bar" Sldfe, unb mit ber „^arabel" begann bie 
5ßoIemif gegen ©oeje, bie mit bem ganjen Slufgebot ber t)iel= 
feitigften fd^riftfteKerifd£|en Äunft raftloS burd£|gefül^rt toarb. Unb 
toä^renb nod^ ein 2Inti==®oeäe bem anbem rüftig auf bem gu^ 
nac^rüdfte, Iie§ ber 93ibIiot^e!ar — bieS toarb befonberS übel 
tjermerft — ben Ungenannten abermals i)ert)ortreten unb gnjar 
mit einem gragment, toeld^eS burd^ feinen üerlegenben Sntialt 
bie frül^er in ben „Seiträgen" mitgett)eilten 5ßroben nod^ ju 
überbieten fc^ien. 

S)aS toav beS SlergerniffeS ju öiel, unb bem mufete ^efteuert 
iperben. §ö^eren DrteS äußerte man einigen Unmut^ über bie 
SBaifenl^auSbud^l^anblung, treld^er aßeS, lüaS Seffing l^erauSgab, 
a(S einträgtic£)er SSerfagSartifet toilKommen roax. 3(ber ber Sßor= 
fte^er ber |)anbfung, 5ßrofeffor 9temer,*) toei^ (in bem ®d£|reiben 



') SRentcr benterft am 28. 3)lQi (©. 53): «®cnn ^crr Seffmfi ba§ 
^reiben baxf, roaS er ©. 10 bicfeg 6. SofleitS treibt; fo l&offc icfe ent= 



3ur Srinncrunfl an (Sottöolb @pl)raim Seffing 213 

bom 28. 9Rai unb 2. Suli 1778) jebe SBeranttüortlt^feit ge- 
fd^irft bon fitfi abäutel^nen. §atte man ntd£|t Seffing fo lange 
unbe^inbcrt getüäfiren, ti|m fo mandieö bebenfltdie SBort in feinen 
Schriften nngeaiinbet l^ingeiien laffen? SBenn bie ^Regierung 
il^m in feiner litterarifd^en St^ätigfeit ganj unb gar feine 93e^ 
fd^ränlung auffegte, toaö 6raud£|te ber SSerteger, ber nur auf 
ben 5Sort^eiI feiner ^anblung ju fet)en l^atte, ben cenfurfreien 
Sc^riftfteüer, ber für jebeö feiner SBerfe felbft einfteiien ntu^te, 
fo ängfttic^ ju übertoad^en? Unb mochte man aurf) annehmen, 
ba§ Seffing im ®runbe ben 9D?einungen feinet Ungenannten ju- 
getrau toax, fo lonnte man bodE) mürbige unb öiel gettenbe 2^^eo* 
logen nennen, bie an ber ^erau^gabe ber Fragmente feinen 
3tnfto§ genommen iiatten. 

SIber biefe SSorftellungen frud)teten nid^tö. 2tm 6. Suli 
erging ein ernftfidEjer Sabinet^befe^t an ben Sßorfte^er ber 95ud^^ 
lianblung (©. 56 bi§ 57). S)a Seffing bie Senfurfrei^eit nur 
für feine „Seiträge'' erfjaften tiatte, unb stoar, toie ha^ SRefcript 
t)om 13. gebruar 1772 befagte, nur au§ bem ®runbe, n)eil 
„man üon i^m öerfid^ert 'war, bafe er nid^t^ n)erbe brudEen 
laffen, toa^ bie Sletigion unb Sitten beteibigen fönnte/' fo marb 
bem ^ßrofeffor 9temer nun eingefd)ärft, fortan nid^tö auö ben 
^nben be^ 95ibIioti|efarö jum 3)rudE anjune^men, toa^ nid)t 
äuüor öon bem fürftlid)en 3Kinifterium burd^gefefjen unb approbirt 
»orben. B^fit^i^ '^^^^ befolgten, b^n SSerfauf fomoi)! ber 



fcftulbißt SU fein. bn6 ic^ e§ angenommen I)abe." Tlan fönnte glauben, 
M^ et fic^ Ifeier auf eine ©tefle in ber ©c^rift „üom 3^ccfe 3efu" ober in 
einem ber ftüöer erft^ienencn S^citräge begier)t. Slber nein! ÜJlit bem 
6. S3oflen meint er ben 6. ^ilnti^^oeje ; unb mer biefen t)on ber ÜJlitte an 
burcftlieft, »irb bie ^eufeerungen 9temer§ boüfommen begreiflidfe finben. 
Seber Slnti^^oeje füllt im Driginalbrucf gerabe einen Sogen, worauf 
Seffing am ©djluffe ber aioeiten 3Rummer felbft ironifc^ l)inn)eift. Uebrigen^ 
ergiebt fic^ aucfe au§ biefem iöriefe SRemerS, bafe ©ul)rauer (Seffingg £ebcn 
2, 2, 184) im JRecfete »ar, roenn er ben S)rud bc§ 5ragment§ „üom S^ecte 
3efu" f*on in baö ^Jrübjobr 1778 berlegte. 



214 3ut flnffifcben ^ext bcr bcutfcben fiitteratur 

gragmente afö aller im ©efolge berfelben erfd£|tenenen ©d)riftcn 
o^ne tpeitere^ einjuftellen. 

S)er 93efet)I tvax l^art. SRenter fuci^te eine Säuberung beffelben 
tt)cnigften§ gu gunften ber eigenen ©d^riften Seffingö ju er^ 
njtrien (©. 63); bafe aber jene üKafereget nur für gered)t nnb 
billig gelten fonnte, baöon mufete ber ^erjog fid^ überjeugen, 
tüenn er öon ber am 9. Sufi ii|m vorgelegten ©ingabe be§ 
fürftlidien Sonfiftoriumö Senntnife na^m, in n)eld^er mit bt^ 
ttjegtic^en 3Borten baö neue Fragment ate eine Derberblid^e 3lu§* 
geburt be^ fd)Iimmften 9ieIigion§f|affeö gefd^itbert ttjarb. 

9?un tpar für Seffing bie Q^xt ju reben gefommen. ?Im 
11. Suli üeranttüortet er fic^ bor bem ^erjog in einem 95riefe, 
ber, nebft bem fpätern ®d)reiben öom 20. Suli, ha^ eigentlid^e 
^auptftüdt beö Dorliegenben 93ucf)e^ au^mac^t. 9Kit einer glüd= 
liefen SBenbung rid^tet Seffing feine 8?ertt)eibigung, bie einem 
entfdjfoffenen STngriffe fel^r äl^nlid) fie^t, nid^t gegen ben ^erjog, 
fonbern gegen ben Soncipienten be§ ^erjogfid^en JRefcript^. ^tx^ 
trauenööoü tüiö er feinem gürften ben toal^ren ©ad^üer^alt bar- 
fegen, über tpefd^en biefer tpol^l nur einfeitige Serid^te empfangen. 
Sßor allem njeift er nad^, tüie grunbloö bie 93efd^ulbignng fei, 
bafe er fic^ mit ber ifjm vergönnten Senfurfreif)eit einen $IKi§= 
braud^ erlaubt l^abe. S)afe i^m biefe greil^eit überhaupt nur 
für einen beftimmten gall ertl^eilt h)orben, läfet er tt)eiölid^ 
nnberüfirt; er beftei)t üiefmel^r ju feiner 9ted^tfertigung barauf, 
ia^ er in feinen eigenen ©d^riften für feine eigene ^erfon nie* 
mafö ettpaö üorgebradEjt ober gelehrt l^abe, toaö gegen bie an* 
erlannte ^Religion üerfto^e; er fagt — unb im ^inblidf auf 
ben 95erengariu^ unb bie 5tb^anbfung bon ben etoigen ©trafen 
burfte er bieö fagen — ba^ „er fid) ftetö alö ben ortl^obofeften 
SSert^eibiger ber Sutf)erfdE)en Sefjre ernjiefen i)ab^.** Wlit toeldEjem 
9ted^t fönne man ii|n affo feinbfetiger ®efinnungen gegen bie 
äJeligion bejid^tigen? SIber freifid), ba§ i)abt er nid)t getoufet, 
ba§ man it)m auc^ Dermefiren tpoße, toa^ bon jefier, nnb jtoar 
gum beften ber ^Religion erlaubt gettjefen, nämlid^ bie @inn)ürfe 



3ur ©rinnerunfl an ®ottlf)olb Gpl^raitn JJeffmg 215 

ber Stüäflzx, bie Slnfid^ten ber Ungläubigen befannt ^n mad^cn. 
,^ci) felbft/' fcfireibt er, „loürbe aud) el^er mein ganjc^ Unter* 
nefimen mit ben ^Beiträgen gänjUd) aufgegeben, afö mid^ einer 
fo und^rifttici^en Sinfd^ränfung, bie &o, S)urd^taud^t fo njenig 
ii^nlid) fielet, ^aben untertüerfen toollen." ©oU er bal^er Don 
ber §anbfd^rift bes Ungenannten ferner feinen öffentlid^en ®e^ 
braudEi mad^en, fo !ann er fid) biefem Sßerbote nur mit SBebauern 
fugen. S)aö 8?er6ot jebod^, ba^ aud^ feine eigenen @d£|riften 
treffen foU, üermag er nid^t ot)ne toeitereö afe gültig anju^ 
erfennen. S)enn in biefen ©d)riften Dertl^eibigt er fid^ gegen 
einen SKann, ber i^n burd^ ioütiienben Singriff jum Kampfe ge^ 
jtpungen, unb biefer ÜJcann ftreite nid)t fotoo^I für bie ^Religion, 
ate t)ielmet)r nur für feine ^Religion, üon njetd^er fic^ bie über* 
njiegenbe 9Re{|räal^I ber ©otte^gele^rten lo^gefagt f)abz, Seffing 
glaubt fid^ bemnad^ jju ber 93itte bered^tigt: ba§ fürftlid)e 9Ser* 
bot möge nid^t auf feine eigenen ©d^riften auögebe^nt unb i^m 
nad^ mie oor geftattet n)erben, bie 2lnti*®oeäifd^en Slötter o^ne 
Gcnfur bruden ju laffen. 

S)iefem ®efud£|e njarb feine gofge gegeben. S)er 9D?agiftrat 
ber ©tabt Söraunfd^toeig unb ber ©enat ber Uniöerfität ^efmftöbt 
erl)ielten am 13. Suti ben 95efef)I, bie nod^ üor^anbenen Sjemplare 
be§ neuen gragmentö „Dom Qm^dz Sefu" ben Sud^^änblem 
abjuforbern unb ben meitern SSerfauf beffetben ju unterfagen. 
Qxn an Seffing fetbft gerid^teter Sabinet^befel^I Don bem näm* 
lid^en Sage beftötigte bie Sßerfügung, bie am 6. an bie SBaifen* 
i^auöbud^l^anblung ergangen toar, unb forberte au^erbem il^n mit 
fd^arfen SBorten auf, bie ^anbfd^rift bes; Ungenannten, integraliter, 
binnen ad)t Xagen ein^ufdiiden unb aud^ ba§ Original ber 
Urfunbe, in toeldEier i^m bie Senfurfrei^eit jugefid£|ert n)orben, 
jurüdiuliefern. 

Seffing jeigte ftd) bereit, biefem 85efef){ „of|ne Slnftanb unb 
SKurrcn" nad^juf ommen ; aber inbem er ba^ SWanufcript unb bie 
jurüdgeforberte Urfunbe bem ^ergog am 20. überreid)te. Der* 
fehlte er nid^t, in feinen ©rief ein tabelnbe^ SSort gegen baö 



216 S^^ floffifc^en 3eit ber bcutfc^en Sittcratur 

unbebad^tfame SSerfa^ren beö Sonfiftortumö einfließen ju laffcn 
unb äiemtid^ unberl^otilen angubeuten, ba^ er, fatt^ man ent= 
fdlloffen tpäre, ba§ gecjen feine ©d^riften geridEitete SSerbot auf= 
red^t ju erhalten, feinerfeit§ fid£| gestüungen fe^en tüürbe, fie an 
einem anbern Ort in S)rndE 5U geben. 

S)ie Sonfiöcation ber Fragmente ju hintertreiben üerfud^te 
alfo Seffing feineötoegö ; er geftanb ben greunben f ogar, ha^ fie 
it)n beluftige, baß er fie red)t gern gef d^e^en laffe ; ober in feiner 
Siiätigfeit aU Sßerfaffer tooßte er feine Sefdiränfung bulben; 
„über biefen 5ßunct/' fd^rieb er mit faft gleicf)Iautenben SBorten 
an ben SBrnber Äarl unb an Sfife SReimaru^, „über biefen 
5ßunct beiße iä) m\ä) nod) trefftidE) l^erum." (©ämmtlid)e 
@dE|riften 12, 506 unb 507.) S)ie beiben Sriefe an ben ^e^cjog 
bieten l^inreid^enbe SBetege biefer fräftigen Steußerung. 

S)aß er benn anä) nid^t getüidt n)ar, in biefem 5ßuncte 
nad^jugeben, bett)ie^ er atöbalb burd^ bie 2;^at: er ließ bie 
„nötl^ige 9lntn)ort auf eine feJjr unnöt^ige grage" burd^ SSer= 
mitttung be§ S3ruberö in Sertin jum S)rud beförbem. 2lnt 
23. 3uti ^atte er biefen Stuffa^, mit bem getoiffermaßen eine 
neue golge öon Stnti^Ooejen beginnen füllte, nad£) ^Berlin ge=^ 
fanbt; unb am 3. 2luguft empfing er eine neue Stefotution. gür 
baö Unterfangen, ba§ Sonfiftorium ber Unbebac^tfamfeit ju be= 
fd^ulbigen, toarb if)m ein ernftlidEjer SSern^eiö ert^eilt; im 
übrigen tüurben bie früher fd£|ün erlaffenen SSerbote toiebertjolt, 
mit ber l^injugefügten Söemerfung, baß i^m awä} nid)t geftattet 
fei, bie in öraunfd^ireig confi^cirten ®d)riften an anbern Orten 
brudEen ju laffen. 

aBaö bie le^tere Slaufel ju bebeuten ^abt, barüber erbat 
fid) Seffing 9Iuffd)tuß in einem abermaligen ©d^reiben an ben 
^erjog t)om 8. Sluguft. Unb biefem Sriefe legte er ben in* 
jtoifrfien äu SBerlin gebrudEten Sogen ber „nött)igen Slnttoort" 
bei. ®r l^atte alfo fd)on biefem Verbote, ba§ il)m fo unerwartet 
gefommen, jutoiber gel)anbelt, unb er öerlje^lte nid)t, ba^ er ge=^ 
fonnen fei, in SBertin ein „mel)rere§ brudEen ju laffen". S)en 



3ur Erinnerung an ßJott&olD @p()raim Scffmö 217 

il^m ert^eilten Sßertüei^ na^nt er ^toax an, tote e§ fid^ gebührte ; 
er fprad^ i^m aber äugleid^ jebe eruftlid^e Sebeutuitg ab unb 
fc^ob il^n ganj eigentfid^ beifeite, inbent er i^tt afö üöHig un^ 
öerbient bejeicfinete. S)ent 93efe^(e, ber int 9?amett feinet gürfiett 
i^m öerfüitbet toirb, fantt er beit äußern ©e^orfant nicf|t tyzx^ 
fagett ; aber — uttb ^ier giebt ftd^ bie ed^te Sefftngfd^e @intte^== 
toeife funb — er fatttt nid^t jugleidö ge,^toungen toerben, bie 
innere grei^eit, bie ©elbftänbigfeit feinet Urtl)eite aufjuopfern. 
„SBenn ©ro. ®urcf|Iaud^t/' fügt er ^inju, ,,auf bie 9lnäeigiingen 
be^ Consistorii refolüiren, fo ift nteine 5ßfIidE)t ju ge^ordEjen, 
unb ia^ t^vC iä): aber jugleicf) bie S'Iug^eit unb Silligfeit ber 
Slngeigungen beö Consistorii in allen ©tüdEen anäuerfennen, ha^ 
fann ju meiner ^ßftid^t unntöglicf) ntitgered^net toerben." 

Unb l^ierntit toar bie Slngelegen^eit eigentlid^ sunt Slbfd^Iu^ 
gebieten. ®a^ ©e^eimrat^g^ßoHegiunt fanb jtoar bie SSorftellung 
be§ §ofrat^§ Seffing „faft burd^auö in fo unfdE)idElicf)en terminis 
abgefaffet, ba^ berfelbe befe^alb einen nadEjbrüdlid^en Sßertoei^ tool^l 
üerbient l^ätte" ; aber man entlieft firfi boä) toeiterer ©d^ritte unb 
Hefe e^ einfad^ bei ben fd^on getroffenen SSerfügungen betoenben. 
Seffing aber be^arrte bei bem ©ntfd^Iuffe, bem er in feinem 
(e^ten ©d^reiben an ben ^erjog 9lu^brudE gegeben l^atte ; toä^renb 
ber i^m nod^ Vergönnten, leiber nur allju furjen Seben^frift 
toätilte er für feine ©c^riften ben S)rudEort, ber i^m gelegen toar, 
unb bem gortgange feiner litter arifc^en S^ätigfeit toarb burc^ 
feine ferneren (Sabinet^befe^te ©in^att geboten. 

SßieüeidEjt muffen toir e^ ben Ferren be§ (Sonfiftoriumö nocfi 
2)anf toiffen, ba'^ fie unferm Seffing folc^e 9SertoidIungen 
bereitet ^aben. S)enn biefe SSertoidlungen, öon benen fic^ bod^ 
aud^ ernftlid^e folgen beforgen liefen — in einem S3rief an 
@(ife SReimaru^ beutet er fogar auf bie 9KögIicf)feit feinet 9lb^ 
fd^ieb^ — biefe SSertoidlungen eben toaren e^, bie i^m, toenn 
toir feinen eigenen 3Borten ©tauben fd)enfen, ben ®eban!en an 
ein 2öerf na^e legten, ba^ er fc^on frütier im ©eifte gehegt, für 
ba^ aber ie|t erft bie rechte ©tunbe gefommen toar. SRac^bem 



218 3"t flaffifdien Seit bcr beutfcifeen Sitteratur 

• 

Seffing am 8. Sluguft feinen legten SBrief an ben ^erjog ge= 
richtet ^atte, begannen bte Sbeen be^ „9lat^an" i^n in §lnfprnd^ 
ju nel^nten; am 11. melbet er bem ©ruber, ba§ er in ber t)er== 
gangenen 9ladE)t ben „närrifcfien ©infaH" gel^abt, ba§ ©d^aufpiel 
je|t au^äufü^ren. ®o eröffnet fic^ un^ am ©d^tuffe biefer 
ernften unb t)ie(6etüegten polemifd^en Spiele ein 93ticf auf ba^ 
friebfelige SBer!, hjelci^e^ ben ganjen 9ieicf|t^um ber £effingfcf)en 
aBeltanfd^auung, bie ge^aItt)oIIften ©rgebniffe feinet S)en!en§ in 
fid) aufnal^m, unb ba§ auf bem toeiten gelbe unferer SBitbung^- 
gefd^id^te afö ein unüerrüdEbarer 3)?arfftein feftfte^t. 

SBie bebenüid^ nun auä) immerl^in ber gef d^ilberte 3uf ammen* 
ftofe mit bem §ofe ju njerben brol^te ober jum Zi)äl fd^on 
getüorben tüar, fo muffen tüir boä) je|t, bei unbefangenem Ueber^^ 
blidE ber Sßerl^ältniffe, einfel)en, ba^ er Seffingö Stellung nid)t 
ernftlid^ gefö^rbete. SBenigftcn^ trat an biefen bie ©efal^r nid^t 
unmittelbar l^eran, fie geigte. fid^ il^m eben nur au§ ber gerne. 
SBö^renb beö Sampfe^ blieb i^m ba^er aucfi ba§ ©efü^l bcr 
Sicfier^eit; e^ fpricf|t ficf| me^rfad) auö in ben längft befannten 
©riefen, bie mit ben ^ier beleudl|teten ©ocumenten gleid^jeitig 
finb unb, mit biefen jufammenge^alten, ein giemlid^ t)otlftänbige^ 
S3ilb jener brangDollen S^age liefern. §lUerbing§ entfprang biefeö 
©efü^l an^ bem Setnufetfein geiftiger Ueberlegenl^eit, bie il)n 
beim SSerfed^ten feiner ©ad^e üor jeber 9?ieberlage ben^al^ren 
mu^te; e§ vertiefe i^n nid^t, tneil fein ©etoiffen il^n t)on jebem 
©ortourf freifprad^; biefeö ©efü^t ftü^te fid^ aber aud^ auf bie 
Ueberjeugung, bdfe bie beiben fürftlirfjen ^ßerfonen, beren ®e* 
finnungen bocf) fcf|lie§lidE) ben 9lu^gang be^ Äampfe^ beftimmcn 
mußten, fic^ nie ju ben legten unb äufeerften ©d^ritten gegen 
i^n toürben benjegen laffen. ®em alten ^erjog Äarl l^atte man 
in feiner ©cfitüad^^eit beijufommen getnu^t; bie ©d^ritte, bie man 
i^m afe notI)tt)enbig üorftellte, liefe er me^r gefd^el^en, ate ba^ 
er felbft mit entfc^iebenem SBillen fie befohlen l^ätte. S)er (Srb* 
prinj Äarl SBilfielm gerbinanb tr^ar abtDefenb. 3Ber toeife, ob in 
feiner ©egentnart bie fürftlid^en Siät^e aud^ nur bie 3Raferegeln 



3ut Srinnerunö an ®ott()oIb ßpl^raim Sefrmfl 219 

gewagt l^ätten, mit benen fte je|t in ber Z^at ben füllten 
SBibfiot^efar ju bebrängen fucfiten? Dbgleid^ ber ^ßrinj ftd^ 
beftänbig anf ber Seite ber Slltglöubigen f)ielt, fo fonnte äeffing 
bocJi im gaÜe ber (Sefa^r auf fein t^ätige^ 9BoI)toonen rechnen. 
9?ad)bem er bie 9iegierung angetreten, l^atte gerbinanb benn aud) 
mirffid^ ©elegenl^eit, biefe^ SBo^ItüoKen auf unüerfennbare SBeife 
barjut^un. 3m 9?ot)ember 1780, ju einer Qät, ba für bie 
braunfc^toeigifdie Siegierung bie ganje ©treitigfeit längft abget^an 
ipar, gett)ann e^ ben 9lnfdE)ein, al§ follten bie Sßer^anblungen 
Dom Suli unb 5luguft 1778 ein überrafrfjenbeö 9?a(f)fpiel, unb 
jlüar t)on 9?egen^burg au§, ermatten, ©ort macfjte man 3)?iene, 
Sefftng afö einen jroeiten SBa^rbt jur 9Seranttoortung §u jie^en. 
©obalb ber ^erjog burd) feinen ©efanbten Äunbe t)on einer 
berartigen Stbfidjt em))fing, trat er mit entfdjeibenbem SBorte 
jum ©d^uge be§ 2)?anne^ ein, oon beffen S3ebeutung er offenbor 
feine untoürbige Sßorftellung ^egte, unb ben er mit ©tofj ju ben 
feinigen jö^Ite. ®ie ^anbtung^tüeife beö gürften erl^ellt beuttid^ 
auö ben l^ier vorgelegten Stctenftüden, bie DoIIfommen beftätigen, 
toa^ tt)ir bi^l^er nur au^ einem ©riefe Sefftng^ an ©tife 9iei= 
marug (t)om 28. SRobember 1780) erfahren fonnten; fie be^ 
fräftigen jugleid^ bie SSorte, in benen 2effing ba^ SBefen be§ 
^rjog^ fd^ilbert, unb jmar ju einer Q6t fd^itbert, ba er, feinem 
eigenen ©eftänbniffe nad^, „ein tnenig ärgerlid^" auf i^n getoorben 
toax: „er ift boc^ immer ein ebler 9)?ann, ber feinen f (einen 
Streid^ an fid^ fommen lä^t; unb ein ehrgeiziger ÜJiann, ber 
fid^ t)on feinem t)orfd)reiben fäfet, unb ber einen @d)u|, ber il)m 
@^re machen fann, lieber aufbringt, al^ fid) abbetteln läßt." 
®em ^erjog Äart SBit^elm gerbinanb f)at S)eutfd|lanb eö ju 
Derbanfen, bafe i^m bie ©d^mac^ erfpart geblieben, Seffing unter 
bem S)rud öffentUd^er SSerfofgung ju erbliden. 

S)a^ eigent^ümlic^e Sßer^ättnife, ba^ mir ätoifd^en Sefftng unb 
bem braunfd^toeigifdien §ofe l^ier mal^rne^men, fann ung an 
bie ä^nlidie Sage erinnern, in toetd)er fid), ettoa ätoanjig Sa^re 
l^emad^, bem meimarifc^en §ofe gegenüber gid)te befanb, aU er 



220 3i*^ flaffifien ^üt bcr beutfc^en gitteratur 

ficfi unter bte Stnffage beö Slt^ei^mu^ geftellt fa^. Sn beiben 
gätlen tüar man ^öd^ften Drt^ stüar entfc^Ioffen, ba^ Slergermfe, 
möd^te eö nun gegeben ober genommen fein, ju unterbrüden; 
man toar jebod) feineötoeg^ geneigt, bie 9lnge!(agten unb 9Ser* 
bäc^tigten preiszugeben ober il^nen ben fürfttic^en ©d^ug ju ent= 
sieben. Slber toie c^arafteriftifd^ unterfc^eibet ftd^ gid^teS un^ 
ruf)igeö Sßeri)alten Don bem mafeooüen S.?erfa^ren SefftngS! 
Sener, ber großartigen ©nergie feinet SBefenS gemäß, bringt 
ungeftüm üortoärtS unb vereitelt fo bie too^tooÜenben Slbfid^ten 
ber ^Regierung; er bringt ben Sturm, ben biefe ju befd^toid^tigen 
unb t)or bem fie i^n ju fc^ü^en n)ünfd^te, erft rec^t jum 9tuS= 
brucf). Seffing hingegen be^arrt feft unb unbeugfam auf feinem 
9ied£)t; er toiberfe^t fid^ jeber angebro^ten 93efrf|ränfung feiner 
2;^ätig!eit, er toa^rt nad^brüdffid^ bie grei^eit feiner Ueberjeugung. 
2l6er eS fommt i^m nidEjt in ben @inn, burd^ ein auffällige^, 
^erauSforbernbeS 9Serfa^ren bie Söe^örben jum äußerften ju 
reiben ober ju ätoingen; bie Seibenfd^aft trübt fein Urt^eil nid^t; 
er erfennt, tnie bie SSer^ältniffe in Söa^r^eit befd^affen finb unb 
gegen einanber toirfen, unb loir freuen un§ ber too^Iabgemeffenen 
Haftung, bie er, unbefrfjabet feiner SKanneStoürbe, burd^njeg 
behauptet. 

So l^at ber Qm'it mit ber braunfcf)tt)eigifd^en ^Regierung 
nur bie fd^öne golge gehabt, SefftngS (S^arafter oon neuem ju 
ben)ä^ren. ^ür eine fünfttge Sammlung ber Sefftngfd^en ©riefe 
aber toerben bie brei, ^ier juerft in genauem SBortlaut Der- 
öffentlid^ten S)ocumente nid)t nur eine Sereid^erung, fonbern 
aucf) eine toa^re ßierbe fein. 3n ifirer einfactjen gorm jeigen 
ober üielme^r Verbergen fie bie gett)anbtefte S)ialeftif, unb ju- 
gleic^ nimmt man in i^nen ©puren Don ber ©rregung beS 
©efü^te tt)a^r, bie ben großen ?lutor n)äi)renb beS ©d^reibent^ 
äu ü6er!ommen fdt)eint. S)iefe ^Briefe bejeugen gleidEjfam aufS 
neue alle bie ©igenfd^aften, burdEi toelcbe SeffingS SBefen t)or= 
ne^mlict) baö ©epräge beS 3)?ännlicl)en erhält. 

2BaS ber Herausgeber in ber ätoeiten ^älfte beS 93udE)eS 



3ur Erinnerung on ®ottl)oIb ®pl)rmm ßeffing 221 

gefammelt ^at, bient gut Senntnife ber ^iiftönbe unb Greife, in 
toeld)en Scfftng feine legten Sebenöja^re üerbrad^te. Unterrid^tenb 
in üielfadjer SBejie^ung ftnb auä) bie ©riefe ber greunbe, bie 
un§ mand^erlei Beiträge jur Sitterargefd)id^te ber Seffingfd^en 
Schriften liefern, ©fd^enburg geigt fid^ reblid^ beforgt für atle^, 
toa^ auf bie 5ßubIication beö 9?ac^Iaffeö S^egug l^at; tDenn er 
aber (@. 176) t)on SRicoIoüiu^ aufgeforbert tüirb, Seffingö Seben 
ju fd^reiben, fo finb tüir eö n^ol^l jufrieben, bafe er, ju feinem 
unb Sefftngs @lnd, bie biograp^ifrfje geber rul^en Iie§. ©leint 
geigt aud^ ^ier für Seffing^ Stnbenfen benfelben freunbfd^aftlid)en 
©nt^ufiaömu^, ben er fo oft an geringere berfd^n^enbete; Sari 
Seffing fd^eint feit beut Eingang beö großen SBruber^ an breiter 
@dE)tüa§l^aftig!eit nic^tö Verloren unb an ^ßräcifion be§ 2tu^= 
brudg nid^tö getoonnen gu ^aben. 3Iud^ 9?icoIai erfd^eint in 
öoHer ^igur; um gu geigen, toie fefbftänbig unb unabhängig 
er fid^ neben ,;f einem greunbe Seffing" fü^It, rirfjtet er (@. 160) 
feinen 2!abel fogar gegen bie im Sao!oon enttoidelten ©runb- 
fä|e>) Slöe^, toa^ toir l^ier finben, ift banfenömert^. 3Kan 
foHte niemafö mit ber SJiittl^eilung fold^er anfdjeinenben Steinig^ 
feiten geigen. S)er Sitterarl^iftorifer n^irb aud^ ba§ !teinfte am 
gehörigen Drte gu gebraud^en miffen: i^m faun gelegentUd) bie 
geringfte 9?otig gum ^ingergeig n^erben, bie i^n bei einer n)icf)tigen 
Unterfucf)ung auf ben SSeg toeift. 



*) 3u einer öl^nlid&en Äritif üerfteiflt er fid) oudfe in einer 9lote iu 
SefjinöS S3rief üom 26. Wdxi 1769, ber einen roicötigen 9lQd&traö gum 
Saofoon bilbct. 3Ron mufe aber bieg ©pecimen ^flicolaifd&cr ^riti! in ben 
alten ausgaben ber Briefe auffud&en; ßad&mann l^at e§ (12, 225) mit gutem 
(Srunbe loeggelaffen. Unb bodfe mu6 mon oucb biefe fleinen Ungcbül^rlicbs 
feiten fennen, loenn man über Seffmg« SSerftältnife su ben berliner greunben 
t>öni0 ins flarc fommen roiß. UebrigenS ift S^icolai im Srrtl^um, menn 
er ©. 164 SRiebel al§ 58erfaffer ber fcurrilifdben ^Briefe angiebt. So üiel 
id) meife, l^at 3RcufeI fie gefd&rieben- 3n bem englifdfeen S3rief auf®. 112 
3. 5 ö. 0. ift mo^I obscured ftatt observed gu lefen; menigftenS mürbe 
biefeS le^tere nur eine fefcr gesiüungenc Erflärung julaffcn; unb ebenfo 
mirb in £efftng§ Srief 6. 74 3. 8 tj. u. ftott „mir" nur ju lefen fein. 



222 3ur IfafriWen Seit bcr beutfc^cn Sittcratut 

S)tefeö ^nä), mefd^e^ \iä) fo befc^eiben anfünbigt unb fo 
öieleö giebt, trägt auf feinem litetblatt bie SBorte, in tr)eld)en 
fieffing be!ennt, niemafe ettoaö gefd^rieben ju ^aben, toaö nic^t 
aÜe SBelt lefett fönntc. Sn bemfelben ©inne bürfte man jum 
SRotto l^ier bie SBorte tüä^(en, mit benen gerbet ba§ ©rfd^einen 
ber uad^gefaffenen Sd^riften Sefftng^ begrübt ^at: ,,@^ jeigt 
einen fel^r l^ellen Äopf, einen fel^r feften reinen S^arafter an, 
bafe jeber Sluffa^, beinal^e jebe 3^^^^ ^c>n i^m gebrudft tüerben 
! n n t e/' 

3J?it jebem neuen Sluffd^lufe, ben toir über Seffing erl^alten, 
tüädift fein ß^ara!terbi(b t)or unfern Singen, ©elegen fommt 
biefeö 93uc^ gerabe in biefer Qdt, ba tt)ir aUeö, toa^ jemafö 
(Srofeeö au^5 unferm Sßotfe entfprungen, mit üerboppetter Siebe 
umfaffen follten, in biefer Qtxt, ba toir nocfi inniger afö 
bi^^er ba^^ Sßerbienft be^ ©injigen empfinben muffen, ber, ein 
boHe^ Sö^r^unbert e^e bie ^errlid^feit S)eutfd^(anbö neu über 
un^ aufging, ber glamme be^ beutfd^en ®eifte§ Suft machte, 
ba§ fie, njelterleudEjtenb, mit unau^töfcf|barer Äraft emporloberte. 



ein 35eifpiel Mlettantifc^er ISnd^evfaWit 

inih) 

Söeint erften Sluffcfilagen biefe^ ftattUd^en 93anbe^^) faUw 
bie ©ättfefüfee, tDeld^e faft jebe Seite beffetben überlaufen, fe^r 
angenel^nt in§ Sluge. S)tefe uer^eifeung^üollen 3^^^" fd^einen 
äKitt^eilungen au§ biö^er unjugänglidEien Duellen ansufünbigen. 
äUerbingg tüäre e§ 5ßflid)t be§ 9Serfaffer§ getüefen, ba§ neu ge== 
roonnene Watmai gefid^tet unb Verarbeitet in feine S)arfteIIung 
aufjunel^nten, anftatt eg in großen ro^en äJiaffen forglo^ üor 
bem Sefer l^injufc^ütten. S)ürfen toir unö inbefe I)ier einen er^ 
^eblicfien ßw^^d^ö unferer Äenntni^ üerfpred^en, fo mögen wix 
ung immerl^in mit ber ungefd^Iacf)ten gorm, in tüeld^er bie SBe- 
lel^rung geboten n^irb, nad^fid^tig üerföl^nen. S)ieö toäre \a 
toa^rfid^ nid)t ber erfte ©d^riftfteÜer, ber feinem Sud^e nur 
burc^ baö, tüag nid^t Don i^m ^errü^rt, einigen SBertl^ ju geben 
üemiod^t l^ätte. 

2lber biefe nad)fid)töt)oIIe Stimmung toirb t)erfd^eurf|t, fobalb 
man bie feitentangen @ä^e, bie t)on jenen anlodtenben 3^^^)^" 
eingefd^Ioffen finb, fdEjärfer burd^blidEt. 2)iefe @ä^e finb un§ ja 
löngft geläufig; man ^at fie oft genug an berfd^iebenen Drten 
tüieber unb toieber gelefen. Unb n)irflid^ ^aben bem 9Serfaffer, 
tüie er im 95orn)orte eingefte^en mu^, feine ^anbfc^riftlid^en 



*) 3oI)ann ©einrict) 2Retcf, feine Umöebunß unb 3eit. SSon 
^' ©eotfl Sinitnetmann, ^rofeffor an ber Uniöerfität ©icfecn. 
Srantfurt a. SR. 3. S). ©aucrlänber. 1871. 



224 8ut flaffifd&cn Seit ber Deutfdfeen Sittcratur 

DueHen fid) aufget^an; feine Cuelle fIo§ tt)m — in ben brei 
n^o^t befannten unb oft fd^on auögenulten SBänben, in tt)etci^en 
SBagner bie au§ bem 3)?ercffci^en greunbeöf reife ftamntenben 
Sriefe jufantmengeftellt i)at 

©ne ganj anbete S3ebeutung getüinnen atfo nun bie über 
bie ganje Sänge unb SBreite beg S3ud^eö fo fedt batiemanbetnben 
©önfeffifee. @ie bebcuten, bafe ber SSerfoffer au^ brei Dcta\)' 
bänben t)erfd)iebenen Umfangt, bie feit Satirje^nten für einen 
mäßigen ^ßreiö jebem jugänglid^ toaren, einen fe^r umfangreid^en 
Dctat)6anb Verfertigt \)at, ben er mit feinem 9?amen ju fd^müdEen 
für gut befunben. 

95ei ^erfteHung biefeö 95anbe§ beobad^tete er ein SSerfal^ren, 
baö fid^ i^m afö einfad^ unb bequem empfet)len mufete. ©^ 
lö^t fid^ überaus leidet d^arofterifiren. 93tidfen tnir 5. SB. auf 
Seite 274. 3Bir finben fie befe|t mit !(einen ©teilen au§ t)er== 
fd)iebenen ©riefen Äar( Sluguftö, bie aud^ nod^ bie obere §ätfte 
ber folgenben Seite einnehmen. S)ann beginnt bie Stbfd^rift eine^ 
,,intereffanten Urt^eifö", tüetd^e^ Äarl 5luguft über Sofep^ 11. 
fällte;*) biefer Urt^eilöfprucf) l^at bor allem ben UJünfd^enö* 
mertl^en 95or jug, fel^r auöf ü^rlid) abgefaßt ju fein ; benn er füllt 
me^r alg eine ganje^Seite. hierauf ei(t bie rul^elofe g^eber ju 
©riefen Söielanb^, bie ein 93i(b ber ^erjogin Slmalia enttoerfen 
follen, unb ftürjt fid^ gleirf) l^ernac^ in ungeftillter ®ier auf 
bie ©riefe ber ^erjogin felbft, benen fie SBorte öon ©infiebef 
unb SBadEjömutl^ jum ®eleite giebt. (Somit ift fie rafd^en ©d^ritte^ 
in bie TOitte ber Seite 283 gefangt. §ier mac^t fie einen 3(6* 
fa|, fprid^t ganj Ujürbeüott: „©erfolgen toir nun bie fpäteren 
©ejiel^ungen än)ifc^en ®oet^e unb SJJerd", — unb ol^ne eine 
©pur öon @rfrf|öpfung bliden ju (äffen, beginnt fie üon neuem 
i^re Sl^ätigfeit, bereu SBert^ toir je^t ju fc^ä^en toiffen. 

SBie au^ biefer ß^ara!teriftif ber 3^^^^^^^ö"^f^^^ 



') gür ben franjöpfcöcn Sä^nii^ex, ber fid) 6icr pnbet, ift loeber ber 
{)eräO0 nodfe SBaßncr, fonbern ber le^te (Eopift öerantroortlict) ju mad&en. 



Simmermonng „9Kercf", ein S3eifpiel bilettantifd^er S3ü4crfabrif 225 

GompDfitiongtoeife erJ^eüt, ift ber Sßerfaffct fo befd^eibentüc^ gc* 
finnt, bafe er bie bebeutenben 5ßcrfonen, bie er öertüorreit burcf)* 
einanber fpred^en läftt, nur fetten burd^ eigene 9tebe gu unter=^ 
bred^en tüaQt Unb babei h)ci§ er eö fo 9ett)anbt einjurid^ten, 
ba^ toir il^m ob biefer ©c^njeigfamfeit niematö grollen bürfen. 
^enn njenn er j. SB. auf @. 23 fic^ ju bem 9Serfud§ felbftänbiger 
9iebe erl^ebt unb un^ nttttl^eilcn möd^te, bafe ü)terdE in feinem 
Slmte feine S3efriebigung gefunben unb e§ nur be^l^atb einiger== 
mafeen gefd^ä^t l^abe, n^eil eö i^m ^inreid^enbe 3Ku§e ju t)iet= 
fcitiger SE^ätigfeit unb jur ^^flege feiner öerfd^iebcnen n)iffen== 
fdjaftlid^en Steigungen gen^ä^rte, fo n^irb bie§ mit fd^üd^temem 
SaHen folgenberma^en angebeutet: „@r betrad^tcte e§ eben atö 
©innal^mequeüe, unb afö Sirf|tfeite beffetben erfrfjien il^m aufeer* 
bem ber geringe 3^^^9^ ^^^ ^^ i^^ auferlegte, bie nid^t gro^e 
3eit, bie e§ i^n foftete." — SBer fo fprid^t, bem üerjei^t man 
gern, toenn er fd^toeigt. 

Unb in ber 2^l^at l^atte ^ier aud^ ber SSerfaffer nirgenb^ 
ettoaö gu fagen. Äeine biöt)er unbefannte X^atfad^e toei^ et 
beijubringen ; feinet ber bielf od^en ^Probleme, bie unö im Seben 
unb aSefen feinet gelben auf ftofeen, toei§ er ju löfen ; bie Qät, 
in melc^er fiel) SKerd^ ß^arafter feftfe^te unb feine ©inneö* 
unb 3)enftt)eife bie für immer entfd^eibenbe SBenbung na^m, fie 
bleibt unö eben fo bunfel, njie bie fpätere Sebenöperiobe, in 
tüeld^er ber öielfad^ ©eprüfte fid) bem 2lnbrang peinigenber 95er* 
^ältniffe enblid^ nur burdli ©elbftmorb ju entjiel^en üermod^te. 
®ie^ 93ud^ t)on 587 (Seiten ^at unfere Äenntnife auc^ nid^t mit bem 
allerbefd^eibenften Seitrag üerme^rt. SBir toiffen t)on Wlzxd gerabe 
fo oiel, alö n)ir Dorl^er genjufet. 

Unb bie^ fo üiel ift, genau befe^en, nur toenig. SBir 
fennen jal^lreic^e SBriefe an äKerdt; toir fennen gal^lreid^e 2luö:= 
fprüd^e bebeutenber 5ßerf önlid^f eiten über 3)?erd ; toir fennen bie 
?trbeiten, mit benen er balb afö fd^arfer Äritifer in bie litterarifdie 
@nttt)idftung fräftig eingriff, balb at^ aufmerffamer gorfdjer bie 
Pflege ber 9?aturtoiff enfdiaftcn f örberte ; toir lefen aud) bie SBerfe 

»ctna^e, @(^riftcn III. 15 



1 



226 3"!^ flafrifdbcn Q(\i ber bcutfd&cn Sitteratur 

unb SBerid^en, in betten er feinem Xrieb ju felbftänbiger S)ar^ 
fteHung JU genügen fud^te; tüir überblicfen enblid^ bie fernem 
unb innigem, bie bauemben unb üorüberge^enben Sßerl^ättniffe, 
in benen er ju fo mand)en l^erborragenben ß^itgenoffen geftanben. 
Surj, toir toiffen gerabe genug, um ein litterarifd^eö (S^arafter* 
6Ub beö Sritiferg ju enttoerfen, um feine gefellfc^aftlid)e Stellung 
JU jeidinen unb feine Sinmirfung auf bie SBeftrebungen ju 
fd)ilbern, bie bamafö für SSiffenfd^aft unb Sunft eine neue 
©pod^e l^erauffül^rten. ©old^e @cf|ilberungen finb benn axidj 
fd^on JU berfd^iebenen Scalen öerfud^t unb befriebigenb au^= 
gefütirt toorben. 

Unjureidjenb aber ermeift fic^ unfere Senntnife, fobalb tüir 
ung anfd^idfen, eine eigentlidE) ergrünbenbe 93iograpl^ie 9D?erdf^ 
JU liefern. 3)a jeigt fid^^ aföbalb, ba§ n)ir jtoar üiel über i^n, 
fe^r t)ie( burd) il^n erfahren, ba§ aber fein SSeg ber gorfd^ung 
unö biö an i^n fetbft unmittelbar ^eranfü^rt, fo ha^ feine 
®eftalt in aüen i^ren 2;^eilen beuttic^ unb fdEjarf beleuchtet öor 
unö ftänbe. 33Ba^ üon feinen eigenen Briefen bi^^er jur öffent- 
lid)en Äunbe gelangt ift, toirft nur auf einjelne Sebenömomente 
ein l^ellereö Sicl)t. Sie ^ßeriobe beö 33Berben§ bleibt unferer 
SBBa^mel^mung entjogen. SBaö l^atte bie 9?atur in i^tt gelegt, 
unb tüaö l^atte er im SSerfe^r mit ber SSelt, im Kampfe mit 
bem Seben gen)onnen unb f elbftänbig fid^ angeeignet ? 2Bie l^aben 
innere unb äußere Erfahrungen bie angeborene ©genart feinet 
SSefeng beftimmt unb umgeftimmt? Unter n)elc^en ©inflüffen 
gebie^ fein ®eift jur 9ieife, unb njarum blieb e^ ber üielfeitigen 
2!^ätigfeit biefeö ®eifteö öerfagt, fic^ in mächtigen, bauemben 
SBirfungen ju äußern? SBie ift neben einer fo üoH auSgebilbeten 
Urtl^eifefraft bie 3Billen§fd^n)äd^e ju ertlären, bie, mit einer 
treibenben Unruhe beö ©emütl^^ Derbunben, i^n einem büftem 
9Sert)ängnift entgegenf c^ujanf en unb enblic^ l^altloö üerfinfen liefe ? 
— 2luf alle biefe fragen fe^lt m\^ bie beutlic^e 2lntn)ort. Seine 
ber üielfad^en 2leufeerungen, bie un§ t)on SKerdt^ 3^^^^^^^ö"i>ten 
ert)alten finb, fann fte unö geben; benn biefe ftel^en unter 



3iminermannS „SRcrd", ein S3eifpiel bilettnntifdfeer SBücberfabrif 227 

einanber in einem fo lebl^aften, oft fo fc^neibenben SBSiberfprud^e, 
ba^ tüir t)on ber SRufterung fold^er 3^U9i^iffc rat^fo^ äurüdf== 
feieren, gaft möd^te man jroeifeln, ob eö auä) berfelbe 3Kann 
fei, über ben t)ier SBielanb, bort ®oet^e, bort g. §. Sacobi 
in ben öerfd^iebenften 2!önen fprecfien, ber ben SBeinamen 
äKep^iftopl^eleg erl^ält unb bem ©opl^ie t)on Sa Siod^e fid^ 
enH)finbnngöt)oII mitt^eift. 9?ur mit §ütfe einer unmittelbaren 
lebenbigen ©nfic^t in ba^ 3Befen Wlnd^ möcf|te e§ gelingen, 
bie 9Serfd)ieben]^eit biefer Sleufeerungen, n)0 nicf)t au^jugteic^en, 
bod) erflärtid^ ju madjen unb fo jebem biefer 3cugniffe ben il^m 
gebü^renben SBert^ beijumeffen. @o lange toir alfo a^f bie 
bi^l^er benu^ten Duellen angetoiefen bleiben, fann eine neue 
umftänblid^e 2lrbeit über 3Kerd nic^t eben ergiebig auffallen; 
fid^erlid^ fonnte fie niemanben anloden, ber ftd^ in feinem ®e* 
toiffen üerbunben erachtete, bie SBelt — fo biel toenigften^ an 
i^m liegt — bor unnü^en Sudlern ju betoa^ren. 9?id^t^ befto 
toeniger burfte ein Slutor, ben forgfältige unb anl^altenbe ©tubien 
in ba^ innerfte ber litterarifc^en ßi^ftönbe jener Qät eingefül)rt 
Ratten unb ber fid^ mit ber ®abe anfctjaulid^er SarfteHung au^* 
gerüftet füllte — nichts befto toeniger burfte ein folc^er magen, 
ben bereit liegenben unb in fo mand^er ^infid^t tozxt^^ unb 
geI)altt)ollen (Stoff nod^ einmal ju formen unb ein ©efamtbilb 
barauö äu geftalten, in beffen SRittelpuncte bie bebeutenbe ®e^ 
ftalt SJJerdEö il^re ganje Slnjiel^unggfraft benjä^rt l^ätte. 3Kan 
benfe fid^, toa^ ein fold^eö Söilb unter ber fünftlerifd^ orbnenben, 
lebenööoH geftaltenben Sßeifterl^anb eineö Strauß getoorben tt)cire ! 
^err ^i^^^^^^nn aber l^at t)on biefer SDarftellungggabe, ol^ne 
njeld^e jebe Seben^befd^reibung leblog bleibt, aud^ nidEjt ben 
fümmerlictiften Slnt^eil em))fangen. D^ne bie 9?ot^tt)enbigfeit 
einer überfic^tlid^en ober gar fünftlerifd^en Slnorbnung aud§ nur 
JU al^nen, f)at er Slu^jüge au^ ©riefen, Slu^jüge au^ Sudlern, 
äuöjüge an^ bem S)eutfd^en äKerfur unb ber 2lltgemeinen beutfd^en 
SBibliot^ef unb enbli(^ anä) feine eigenen 9luffä^e d^aotifd^ burdE)*' 
einanbergetoirrt. 

15* 



228 3"^ flaffifdfeen Seit ber beutfd&cn fiittcratur 

©getie 2luffä|e — ja, aucfi foId)e ^at ^crr 3^^"^^^^^!^" 
feinem Söud^e einverleibt. Unb jtoar auö triftigen Orünben. 
prüfte er bie brei 95änbe ber SBagnerfc^en SBrieffammtung — 
id^ meine nid^t in Slbftd^t auf i^ren 3n^alt, fonbern auf i^ren 
Umfang — fo mu^te er mit SBebauern toal^rnel^men, ba§ nur 
bem erften Steile ia^ Slnrec^t auf ben 2:itel eine^ „ftarien 
Dctaübanbeö" gebührte; bie beiben fotgenben mußten il^u burd^ 
i^r fcfimäd^tigereö Slnfe^en bebenflic^ machen. 3)er ß^^f^ 
mu^te i^m auffteigen, ob felbft er mit feiner nie jagenben 
§anb biefen brei ungleid^ beleibten 95änben jene 587 (Seiten 
abgeto.innen tDürbe, ai\^ benen fein 93ud) beftet)en foHte. 9?id^t 
lange jebod) blieb er ratl^log. ^atte er nid^t fdE)on frül^er feine 
fd^riftfteHerifd^e Äunft geübt ? @r ^atte ja eine 2lb^anblung über 
ben ®oet^efcf|en SBBert^er nid)t fotooI)l öeröffentlid^t, afe öielmel^r 
in ber ©ruft be^ ^errigfd^en %xä)x\)^ beigefegt; toarum follte 
er fte nirf|t Don bort l^eröorl^olen, n^o fie, anberm ©taube ju* 
gefeHt, einer unentrinnbaren Sßergeffenl^eit entgegenmoberte ? Unb 
tt)arum follte bem, ebenfalls fd^on im S)unfet irgenb einer QäU 
fd^rift geborgenen Sluffage über ®o))^ie Sa 9iod)e nid^t bie 
gleiclje ®unft toiberf al^ren ? Snbem er fold^en 2lrbeiten öerftattete, 
fid^ feinen übrigen Slbfd^riften einzufügen, n^arb bie nötl^ige 3ln* 
fd^toeHung beö S8ud)eö betoir!t. SRiemanb barf läugnen, bafe fie 
eine^ folc^en 5ßlageö burd)auö toürbig finb; in il^nen finben toir 
biefelben ©runbfäge befolgt, bie ben Slutor burdE) fein ganje^ 
3Ber! I)inburd^ geleitet ^aben. Un§ (Söhnen beö neunjel^nten 
3a^r^unbert§, benen ber §ang ju gefdE)irf|tlidE)er S3etrad^tung 
innetool^nt unb benen ba^ betoegte SBBerben angiel^enber erfd^eint 
afö ba^ rul^enbe ©ein, un^ finb biefe altern Sluffäge fd^on 
be^l^alb toertl^üoH, toeil un^ ber 2lutor burrf) fie ben ©inblicf 
in bie aümäl^lic^ fortfd)reitenbe 2lu^bilbung feiuer äRetl^obe ge^ 
n^äl^rt: fie jeigen unö, ba§ fd^on in frühem Sauren ber SJer- 
faffer ben natürlidjen Xrieb ju biefer S)arftellungSn)eife empfanb, 
bie nun in bem üorliegenbeu 93ud^e jur fteilen ^öl^e ber SSoHenbung 
^mporgefü^rt toorben. 3Rit fd^öner Un))arteilid^feit nebeneinanber* 



SimmetmannS „ÜJlerd", ein Scifpicl bilcttantifct^cr SBüdfeerfabrif 229 

gcftcKt finben fid) auc^ in biefen Slbl^anblungen Stuöjüge au§ 
©oet^e unb Scffing, auö SRicoIai unb Jünger unb au§ — 
toaxnm foHte ber Sßerfaffer tüäl^Ierifd^ fein! — aug Submilla 
Slffing. 3luc^ l^ier begegnen tüir nid^t btoö Sitaten, fonbern 
Sitaten t)on Sitaten. @o toirb auf @. 205 ber bekannte SBrief 
SRe^bergö citirt, ber eine fo nad^brücHid^e ©d^ilberung t)on ben 
SBirfungen giebt, mit tüeld^en ber 2öerti)er bei feinem erften 
|)ert)ortreten bie bamafö ^emntoad^fenbe Sugenb übertoältigte. 
liefen 95rief ^at Sied am @cf)Iuffe feiner ©inleitung ju ben 
Senjifd^en 3Berfen mitgetl^eilt unb il^n l^ernad^ famt biefer 
Sinteitung in feine S!ritifd^en Schriften (2, 298) ^erübergenommen. 
9tbcr tDeber bort nod^ ^ier l^atte §err ßiinmermann biefen 93rief 
gefunben: §err S)ünger loar feine Dueöe; unb offenbar a^nte 
er nid^t, toer ber SörieffteHer getoefen, afö er baö jener breiten 
iQueHe entfd^öpfte (Sitat mit ben SSorten einfül^rte: „Unb ein 
jjreunb Xkd^ fdEjreibt." — @o ijat benn §err ßimmermann 
in ben altem toie in ben neuem SBeftanbtl^eilen feinet SBerfe^ 
ben ©prud^ Sid^tenberg^ : ,^ü6)tx toerben auö 83üci)ern ge== 
fc^rieben" burd^ ein ganj untoiberlegbareö 95eifpiel mit fd^auer* 
lid^er ®eutIidE)feit iHuftrirt. 

So^nt e^ nun ber äRül^e, ju unterfud^en, ob §erm 3intmer== 
rnann^ geber genau ober ungenau abgefd^rieben ^at? So^nt e^ 
ber SRfil^e, i^m unb feinen ettoaigen Sefern ju bemerfen, bafe er 
ein öilb in Saüaterg ^ßl^^ftognomif, in toeld^em fci)on längft mit 
Seftimmt^eit 3Reier Don Änonau erfannt toorben, unö ^ier oon 
neuem für ein 5ßorträt ü)ierdEö ausgeben toiü? 3Rit-. fold^er 
^robe feinet gorfd^crfleifee^ frönt §err ßinin^c^"^^^^ ^^^ ^^W 
Seite beö S8ud^e§, beffen erfte niemals gefcf)rieben toerben burfte. 

Unb für ein fold^e^ S5ud^ fanb fi^ uid^t bloö ein »er- 
faffer, fonbern aud^ ein mit Siedet ^od^ angefe^ener SSerfeger, 
ja fogar mancher Sobrebner, ber eö atö fdiägenötoert^en ^Beitrag 
jur ®efd^ic^te unferer bebeutfamften Sitteraturperiobe prie^. 

©Ott benn unfere Sitteraturgefd)ic^te fort unb fort ber 
Xummelplal eine^ toüften ©ilettantiömuS bleiben? SBie lange 



230 3ut fiaffifc^ien 3eit ^«^ bcutfcfeen S?itteratur 

I|at ha^ ©taibtum unferer nationalen Sitteratur unter ber 
©d^mad^ gelitten, bafe fid) ju ^ßflegern beffelben 9Känner auf== 
warfen, bie in feinem anbern ©ebiete, auf bem eine l^ergebrac^te 
n)iffenfc^aft(icf|e 3"^^ l^errfd^te, fic^ ungeftraft t)ätten geigen 
bürfen! 3Ber tooHte e^ ben äKeiftern unferer !(affifd^en 5ß^iIo* 
logie üerargen, tüenn fie bie ®eringfcf)ä^ung, bie fold^en 5ßflegern 
gebührte, jutoeilen auf ba§ Stubium felbft übertrugen? 

3mmer beuttid^er erfennt man, ba^ in bem öon toiffen^ 
fd^aftlic^er (Strenge getragenen, t)on jeber mißfürlid^en 2!enbenj 
befreiten, toa^rtiaft gefd^id^tlidEjen ©tubium unferer großen Sitte* 
ratur ein l^errlid^eö 83itbung<§element enthalten ift, ba^ Xüxx mit 
nod^ ganj anberm ©rfolge atö biö^er für bie Station frud^tbar 
ju mad)en berufen finb. 9lber bie grüd^te, bie tt)ir I|ier mit 
SRedEjt ernjarten, fie fönnen nid^t reifen, fo lange nod^ bie 3Reifter 
Iiol^ler Siebnerfunft unb bie Stbepten ber JSud^mad^erei fid^ auf 
biefem ©tubiengebiete ol^ne ©cf)eu verbreiten bürfen. Sn biefem 
gangen, rein unb ^eifig ju ^altenben ©ebiete, in bem bie !oft* 
barften ©eifteöfd^ä^e unferer SSolfe§ bereinigt finb, bor aöem 
aber aud^ in b e n 2!^ei(en be^ ®ebiete§, bie ben toeiteften Greifen 
ber Station jugänglid^ fein follen, mu§ enblid^ bie ftreng rid^s 
tenbe 33Biffenfrf|aft il^r 9iegiment antreten unb ben feberfertigen, 
arbeit^fd^euen unb arbeitsunfähigen S)ilettantiömu§ in bie SBinlel 
jurüdffd^eud^en, auö benen er nie fid^ t)ätte l^eröorn^agen bürfen. 

SBenn irgenbtoo Unerbittlid^!eit gered^tfertigt, ja geboten ift, 
fo ift fie l^ier geboten. — 9Bie t)art unb abfto^enb Verfährt 
man oft gegen bie jugenblid^en I^rifd^en (Semütl^er, bie fo fel^nlid^ 
toünfcfien, ben Srgu§ i^re§ Snnern bor ben 2lugen beS 5ßubti!umS 
^inftrömen ju laffen. Slber biefe SeibenS* unb S^atgenoffen beS 
fd)üd^ternen SBellmauS, n^aS fönnen fie nid^t aUeS ju il^rer ©nt= 
fcf|ulbigung geltenb mad^en! Sie bürfen nic^t fcf)tt)eigen. ®ie 
toerben übertoältigt Dom mächtigen ©e^nfud^tsbrange, in Xönen, 
bie i^nen Ueblic^ Hingen, i^r ^ersenöleben ju üer^audEien; ein 
innerer QtoanQ treibt fie, ha§> geuer i^rer ©mpfinbung frei auf= 
lobern ju laffen, um in ben 93ufen ber äJiitmenfd^en, bie l^offent* 



3immermann§ „5Dtercf", ein 33eifpiel bilettantifdbct SBüd&ctfabnf 231 

lid^ aud^ il^re Sefer toerben, ä^nlic^e ©tut^en ju entjünben. Unb 
bann, fte l^aben bodE) — toer totÜ e§ bestüeifeln? — ©efül^Ie, 
procilen aud^ ettüa^, baö in gehöriger gerne einem (äebanfen 
ci^nlirf) fielet; fte ftnb bod^ in getüiffem Sinne t^dttg: fte muffen 
eine ©tropl^e öu^erlidE) abrunben, fie muffen litel für bie 9luö=» 
brüdje i^rer Seibenfd^aft finben, fie muffen fid^ nad^ tool^^ 
flingenben SReimen umfel^en. 3Ba^ aber t^ut ein 3i^^ctmann? 
3u ben Sudlern, bie i^m ju feinem Söud^e üerl^offen ^aben, 
liefert er ^ttva^, ba^ einem unbraud^baren Sn^alt^üerjeid^niffe 
ähnelt. Unb tüelcf)e @ntfcf)utbigung fann e r ju feinen ©unften 
anfül^ren? SBiK er un^ ettoa bereben, ein fe^nfud^t^üoüer %b^ 
fc^riftöbrang tjab^ i^n übertoältigt? 

9?ur einen (£ntfdE)uIbigung^grunb fann iä) für i^n au§== 
finbig mad^en. ®r mod^te fid^ ju ber 3)?etl^obe, bie er fo rüd:= 
ftdjtglo^ befolgt, einigermaßen bered^tigt glauben, toeit fie toirflid) 
nur bem (ärabe nad^ fid^ Don berjenigen unterfd^eibet, bie je^t 
t)on mand^en 3?erfaffern cultur- unb litterarl^iftorifdEier SBBerfe 
mit ^armtofem ©elbftgefü^I angetoanbt tüirb. ®erabe unfere 
neuefte Sitteratur toeift trefflid^e äKufter auf, an benen tüir 
(ernen mögen, toie man ben gefd^id^tticfien ©toff in ber au^^ 
giebigften SBBeife benu^en unb äugteidt) fünftlerifd^ bewältigen 
muß, e^e man ju ber 2)arfteltung fcf)reitet, in bie fid) bie ©toff^ 
maffe nid^t mel)r l^ineinbrängen barf. Slber biefe JS'unft fd^eint 
für t)iele, bie fid^ SitterarI)iftori!er nennen, nod^ unentbedft. Sie 
tjerjic^ten auf jebe @inl|eit unb ©elbftönbigfeit ber S)arftellung. 
@ie glauben eine Qdt, ein Äunftmerf barsufteHen, menn fie 
Weußerungen auö jener 3eit fammeln, toenn fie Sörucfiftüdte auö 
jenem Äunftttjerfe, begleitet mit i^ren eigenen 3toifd)enbemer!ungen, 
aneinanberrei^en. @ie geben meift nur ben allbefannten Stoff, 
an bem nun erft bie Äunft ber 3)arftellung fidE) bet^ötigen müßte. 
®in fold^er Sitterar^iftorifer fd^eint nid£)t ju al^nen, ha^ große 
Äunftepod^en, getoaltige S)id^tertt)erfe erft eine felbftänbige 3Sieber== 
geburt in feinem ®eifte erfahren muffen,, el^e er jur ©d^ilberung 
bcrfelben toürbig unb befähigt njirb. ©rfüHt ber Sitterar^iftorüer 



232 3ur flaffif*en 3cit bcc bcutf*en Sittcratur 

feinen 93eruf, tDenn er eine (Sammlung befannter f(f)öner S)icl)ter== 
ftellen unb geiftreic^er treffenber Stu^fprüd^e anlegt? 3)?anc^e^ 
naml^afte Sud^ eine§ naml^aften ©d^riftftellerg toürbe traurig 
inö 2)ünne gufammenfclittjinben, tüenn man il^m alle bie ^runf^ 
getpanbe abnäl^me, bie il^m unfere großen Slutoren an^ il^rem 
unerfd^öpflid^en 9Sorratf|e ^aben borgen muffen. SBie Ieict)t ift 
e^, burd) fold^en ®Ianj unb @d[)immer ba§ Sluge beö Sefer§ ju 
blenben! 2)iefer bleibt ben ©d^riftf teuer n banfbar, bie il^m fo 
t)iel ©d^öne^, an bem er fid) mü^eloö unterl^alten mag, bar^ 
gereid)t ^aben. SBaS fümmert eö if|n, tüie unb tpo^er fie ba§ 
f oftbare ®ut ju ftüd^tigem ®ebrauc^ ertüorben! 

§err ßi^n^ermann freilid) foltte tDol^I fo leidet niemanben 
blenben; benn er fennt aud^ nid^t einen ber manigfac^en Äunft* 
griffe, mit benen ein getüanbterer S3üd)erfd^reiber frembe ©eifte^«' 
fdjä^e ju feinem eigenen 9iu^en glüdlid^ ju öertDenben ttjeife. 
2)ie Unfitte erfd)eint bei il^m in il^rer augenfäüigften 9Iu^artung. 
Unb nur baburd), ba§ fie bei i^m fo grob unb offen ju Sage 
liegt, nur baburc^ läfet eö fid) red^tfertigen, ba§ toir öon biefer, 
jebeö felbftänbigen SBertl^eg baren Kompilation unfere Sefer 
auf einige Slugenblide unterl^alten l^aben. 2)ieö Sud^ mufete in 
unferer Slnfdjauung erft feinet inbiöibueHen Sl^arafter^ ent* 
Heibet unb jum t^pifdjen SIRufterbilbe feiner Gattung erf|oben 
tDerben, toenn e§ tüürbig erfdjeinen foHte, in biefen SSIättern 
eine ©rtüäfinung ju finben. 9iid^t ofine ©elbftübertDinbung 
begiebt man \xä) in bie litterarifc^en SJiieberungen, in tüeld^e un^ 
ba^ SBud) l^inabteitet; tr)ir tDoHen aber nid)t bereuen, bort einige 
3eit öertDeilt ^u l^aben, menn bie Sleujjerungen, ju tDelc^en biefer 
unerfreulidfte Slufentl^alt ben Stnlafe gab, eine l^eilfame 3^fl^ 
f|aftig!eit unter aßen benen verbreiten, bie, öon bem SBeifpiel 
beg §errn ß^^^^^^^önn unb feiner ©enoffen ermuntert, fid| 
ettDa 5ur rüftigen 5Rad)foIge anfd^iden foQten. 

@o ttjenig tüie au§ ber SBelt bie ©ünbe, fo ttjenig ift au^ 
ber aSiffenfdiaft ber S)ilettanti§mu§ bauernb ju bannen. 2)en=^ 
nod), in biefen Sagen be^ neu erftel^enben beutfc^en SReidjeö, in 



Simmcrmannö ,Mtxd", ein Scifpicl bilettantifd&er JBüd&erfabrif 238 

betten jeber gute SSorfa^ tteu erftarfett ntüjjte, foHte jeber, beut 
bie 9Biffenf(f)aft feitt leidjtfertigeö ©piel tft, fic^ felbft t)Ott 
neuem baö ©elöbnt^ tl^un, biefen ©rbfeinb ber aBiffenfd^aft 
unb SBal^rl^ett unerfd^roden ju belriegen. 3n biefen Slättern 
ttjettigftenö foH ber S)ilettantt§ntu§, mag er ftd^ nun gefdjtdt 
burc^ ba§ ©etümmel be§ litterarifd^en Wtaxttt^ öerpüt J^inburd^- 
äufd^feid^en fudjen, ober, tDxe itt bem SBud^e beö |)errn ßintmer* 
mann, unbefangen unb unbefteibet, offen einl^ertreten — in biefen 
blättern fott er nie ©d^onung für feine SBIö^e, nie S8efd)önigung 
für feine 2)reifttgf eit finben. 



Die (Crmmrirn in ^octt^cs romiWcn Plegien. 

sin Dtto 3a^n. 

2lug bem tüeiten Ärei^, in bent 3]^re gorfd^ungen, §od^* 
t)ere]^rter, fid^ fo fru(f)tbar unb ft(f)er betüegen, ift aud) bte 
neuere beutfdje Sttteratur ntd^t auögefc^Ioffen. 3l^re Siebe für 
ben größten unferer ©id^ter l^aben @ie ttjirffant an ben Sag ge^ 
geben. S)a§ ebel öoHenbete ®ebic^t, in tr)eld)em ®oet^eö beutfd)e 
^oefie unter bem Slnfiaud) ber gried^ifdjen 3J?ufe fid) öerflärt, 
bie 3pi^igenie, \)at Sie ju einer Ief|rreid)en, tief einbringenben 
S3etrad^tung angeregt; ha^ Subeljal^r 1849 l^aben @ie tl^atig 
gefeiert burd) ein reid^ au^geftatteteö SBerf, ttjeld^e^ über einen 
bebeutfamen Slbfc^nitt in ber 3ugenbgefc^id^te beö 2)id)ter^ eine 
«rfreulidie Älarl^eit Verbreitet. 3Ber be^ ®Iüde^ genießt, Sinnen 
natie ju [teilen, ttjeijj jur ®enüge, ba^ @ie biefer Slnl^änglidifeit 
<in ©oetl^e feitbem nid)t entfagt l^aben ; ftet^ finb @ie bereit, ben 
<Stubien, bie il^m getDibmet ttjerben, Sl^re .görberung ju gönnen 
unb aUe^, aud^ ba^ geringfte, toa^ jur @rf(ärung feiner SBerfe, 
jur StuffieHung feinet Sebenö gefdiiel^t, fann, njenn e^ nur im 
teilten ©inne gefd^iel^t, Si^rer tDOJ^ItüoHenben Stufmerffam* 
feit, Sl^rer ^Billigung getDiß fein. 

@o tDerben @ie benn aud^ ben folgenben Qtxkn einen 
freunblid^en 99Iid nid^t tDO^I Verjagen: fie foQen nur einen 
ißerö, eigentlid^ nur ein SBort, in ben 9iömifd^en Plegien er=^ 
läutern, unb fönnen 3^nen freiUd> nid^tö neueö bringen. 

Ungefd^rieben fönnten biefe feilen bleiben, ttjenn @oetf)e 



Sic Sriumbim in ®Dctl()e§ römifcfecn Slegicn 235 

feine W)]iä)t au^gefül^rt unb ben (Stegien, tüie ben im SIRüfen* 
Stlmanad) für 1796 erfd^ienenen ®^)igramnten, bte furäett 9ioten 
l^ötte folgen laffen , bte er in bem ©rief an ©dritter t)ont 
17. 2tugiift 1795 üerfprac^. ©^on öor^er (17. 2Rai 1795) 
afö @(f)tHcr einige ©teßen in ber fedjften Stegie angeftrid^en, 
i^atte ©oetl^e geäußert: „5IRan üerftel^t fie nid^t, baö ift iPof|I 
tpal^r; aber man braudjt ja auc^ 9ioten ju einem alten nid^t 
allein, fonbern anä) ju einem benad)barten @dl)riftfteller". @r 
fal^ bemnad) fd^on bamat^ ein, bajj nid^t bIo§ bie „alten lieben 
lobten" ©rflärung nötl^ig l^aben, fonbern bajj aud) bie dienen of|ne 
©olmetfd^ nid^t fo „blanf ju öerftel^en" finb, unb t)on biefer 
rid^tigen ®infid)t geleitet, nannk er unter ben ^Beiträgen, bie er 
für bie §oren üerf|ie§, „9ioten ju ben ©legien unb Epigrammen"; 
im Dctoberl^eft foHten fie erfd£)einen. 

Slber fei eö nun, bafe er, in a^nungööollem äJKtgefü^l für 
bie SSerfaffer fünftiger (£rläuterungöfd)riften, bereu nü^lic^e 99e== 
mü^ungen er nid^t im Uorauö graufam erftidfen mod^te, fold^er 
töblid^en Slbfid^t untreu toarb, ober fei e§, ba§ er in jener Qdi, 
ba bie ^ßrobuctisnöfraft nod^ fo frifd^ unb lebenbig toar, fic^ 
jur 9?otte eineö Kommentator^ feiner eigenen 2)id)tungen nid^t 
gern bequemte, — genug, bie 9ioten ju ben ©legien tourben, 
tro^ ber au^brüdlid^en SSer^eifeung, nid^t auf§ 5ßapier gebrad^t, 
unb ®oet^e fa^ alfo aud) in biefem gaü, toie Sean ^auPj 
fpäter einmal fd^erjenb bemerft, „feine äRittoelt für eine ^aä)^ 
tDclt an, um bereu füuftige Untoiffen^eit fidft ein Unfterblidjer 
nid^t JU fümmem brandet." 

S)ag S)unfel biefer lünftigen Untoiffen^eit, bie für unö ju 
einer gegentoärtigen getoorben ift, rul^t benn nun auf Sem legten 
2)iftid)on ber fünften @legie: 



^) 3n ber aSorrebc su (S. %. 21. ^offmannS ^^antaficftihtcn in 
©oaotS ^Ranicr. eämmll. SScrtc 44, 38. (S)ie SSorrcbe ift nicftt Don 
3ean ^awl fclbft, fonbern uon feinem greunbc Otto berfafet. ®. 2B.) 



236 8ur flaffifd&en 3cit ber beutf4cn Sittcratur 

SImor fd^iiret bte ßamp' inbefe unb beutet ber 3^^^^^*) 
2)a er ben nömtic^en S)iettft feinen Striumuirn getl^an. 

Sriunttiim! — ©oII man l^ier an jene römtfc^en ^Jla^U 
^aber benfen, bie ftd^ jur §errfd)aft über ba^ SBettreic^ t)er* 
banben? ^^reitici^ fc^einen t^re ®eftatten fi(^ in ben 9ial^men 
beö ®ebid§t§ nidjt red)t ^)affenb ^ineinsufügen. Unb ttjelc^en 
2;riumt)irat ^atte ttjol^t ber 2)id)ter im ®inn? 3)en erften, 
njeld^en im Sctl^r 694 (60 ö. ßl^r.) 5ßom^)eiu§ mit Säfar unb 
Sraffug fci^fo^, ober ben sttjeiten, ber sujifci^eu Dctaöian, 5lnto= 
niu§ unb 2epM^ 711 (43) gefttftet ttjarb? Sine bebenfUd^e 
^rage! — Dber tPoHte er, o^ne genauere Unterfd^eibung, auf 
bie beiben potitifd)en öünbniffe jugleid^ l^inbeuten ? tiefer legten 
SIReinung fd^eint fic^ S. 3). ^u^ äi^s^^neigen, ttjeld^er im Saläre 
1837 ju Süttid^ (Leodii) eine ftattlid^e Sammlung Poemata 
latina l^erauSgab, in njeld^er aud^ öiele berül^mte ®ebid)te 
beutfd^er 5ßoeten mit lateinifd^em ©prad^getDanb befleibet er= 
fd^ienen. S)iefer ttjürbige 5IRann unb getefirte SSer^fünftler 
überträgt auf @. 29 ba^ citirte 2)iftid)on in folgenber SBeife : 

At taedam custodit Amor, meminitqae dierum, 
Fecit idem Crassis quum Lepidisque suis. 

2J?an fielet, ber billig benfenbe Ueberfe^er ttJoHte feinem ber 
beiben J^riumUirate bie (Sl^re mißgönnen, öon bem Siebter l^ier 
ernjöl^nt ju n^erben ; er nennt bal^er mit fdjöner Unparteilid^feit 
ein SJfitglieb be§ erften unb beö jtDeiten. 

S)ie Iateinifd)en SSerfe Hingen erge^Iid) genug, berul^en 
aber leiber auf einem Srrtl^um, Ujie nid^t minber bie ^ara* 
p\)xa^t, ttjorin §einrid^ 2)ün^er in feiner @d)rift über ©oetl^e^ 
Itjrifd^e ©ebid^te ((Slberfelb 1858) ben Sn^alt biefer (älegie für 
gebilbete Sefer erläutert l^at. 

Ol^ne 3^^if^^ l^aben mand^e Sefer t)on ®eift unb SBilbung 
bie „SriumUirn Slmor^" t)on jel^er im rid^tigen ©inne gebeutet. 

®) S)er 58er§ lautete in ben &oren: 

Slmor fd^ürct inbcfe bie Sampc unb beutet Der Seiten. 



S)ic Xriumoirn in ®oet]&c§ römiWcn Plegien 237 

®o toax, ttjie iä) mid) tüol^l erinnere, bem ücretüigten ßoebeH 
ber Sinn btefer Slnfpielung Mar genug; anä) tvaxb in einer 
©iffertation über ben ?ßropertiug, bie öor n^enigen 3af|ren 
erfd^iencn ift, auf bie ridjttge Slu^Iegung l^ingcttjiefen. 5IRtr 
aber ging baö SSerftänbnife ber Std^tertDorte juerft öor etoa 
ad^t Salären ptö|Itd) auf, afe id) in ben 3luf jetd^nungen an^ ben 
®efpräd^en be§ großen 3ofepf| ©caliger, bie ben greunben ber 
))l^iIotogifd^en Sitteratur unter bem Sitet Scaligerana ttjo^l be== 
fannt finb, folgenbe @ä^e fanb: 

GatuUus observantissimus vel morosissimus observator 
pnritatis latinae linguae. TibuUus tersissimas ac nitidissi- 
mus poeta fuit. Propertius castigatissimuö auctor et facun- 
dissimus, a me emendatus est. Hi tres dicti sunt triamviri 
amoris. 

2In bie ©teüe ber öergänglid^en SBettl^errfci^er treten alfo 
bie unöergänglid^en §errfd^er im 9ieid)e ber 5ßoefie. S)ie römifd^en 
S^rifer ßatuHuö, 5tibuIIu§, ^ßropertiuö finb bie Sriumüim 
Slmorg. 

^ä) tDünfd^te ju Ujiffen, wer bie jierlid^e Benennung ju^ 
erft aufgebrad^t l^at. S)ie ^rage jebod^, mie ©oetl^e jur Äennt= 
ni§ biefe^ SluSbrudEg gefommen, ttjäre gctDijj eine müßige. 3n 
ben ßobgebid^ten , bie ben altern @efamtau§gaben ber brei 
S^rifer f|er!ömmlid^cr 3Beife öorgebrudCt finb, tt)irb oft genug 
auf biefen SluSbrudC, atö auf einen aübefannten angefpielt. SBie 
leicht fonnte ber S)id&ter il^n l^ier bemcrft ober i^n im ®efpräd) 
mit §erber, SBielanb, Äncbel, bem Ueberfe|er beg ^roperj, 
gelegentlid^ Vernommen ^aben! ©oetl^e njar ju feiner 3cit ber 
))f|itotogifd^en Seetüre entfrembet; ate SKemer il^m nod^ nid)t 
allerlei Suriofa jutragen fonnte, ttju^te er felbft fie tt)of|I auö:= 
finbig ju madjen unb ju öertDert^en. 

gür ben benfenben Sefer bebarf eg feineg fernem 93ett)eife§, 
iaü^ ©oetl^e mit bem SBorte „Striumöirn" auf bie römifd^en 
S^rifer I)ingebeutet l^at. ©ine ©teile au§ bem „ätneiten römifd^en 
^ufentfialt" fott bal^er nur bartf|un, ttjie geläufig il^m ber 3Iuö=' 



238 3"^ ffaffif4cn Seit bet bcutfcfcen Sittcratur 

brud getüefen. Sr 6ertcf)tet (31. I. ip. 29, 220—225) über feine 
Sluf nannte in bie ©efeUfd^aft ber 3trfabier ; er fdjilbert bie (SnU 
fte^ung, bie ßtüede unb bie SC^ätigfeit biefcr ©efcKfc^aft. „S^av 
l^atten bie ttjertl^cn ©d^äfer, im freien auf grünem 9iafen fitf) 
lagernb, ber Siatur l^iebur^ naiver ju fommen gebadet, in 
loeld^em gallc ttjol^l Siebe unb ßcibenfd^aft ein menfcl)tic]^ ^erj 
JU überfd^teidien pftegt; nun aber beftanb bie ®efellfd)aft an^ 
geiftlid^en |)erren unb fonfttgen tpürbigen 5ßerfonen, bie fid^ 
mit bem Slmor jener 9iömifd^en 2;riumt)irn nid^t einlaffen burften^ 
ben fie befe^alb augbrüdlid) befeitigten." §ier tüerben, tt)ie au^ 
bem folgenben @a^ fieröorge^t, ben ber finnlid^en Siebe ju^ 
genjanbten römifd^en S^rifem bie Italiener 2)ante unb 5ßetrarca 
gegenübergefteöt, afe SSertreter einer reinem S^rif üon geiftiger 
9iid^tung. 

2)aJ3 bie gebilbeten ß^itgenoffen be§ ®id^ter§ feine Slnfpielunft 
ol^ne SJfül^e gefaxt l^aben, mögen unö bie Vorüber ©d^tegel be^ 
ttjeifen. 3luguft SBill^elm fagt in bem Sluffa^ über bie ©legien : ®) 
,,3Benn bie ©chatten jener unfterblid)en 2;riumüirn unter btn 
©ängem ber Siebe in ba§ uertaffene Seben jurüdEfefirten" u. f. tv. 
(er nennt nad^l^er ^ßroperj, 2;ibuII, Döib); unb in griebrid^^ 
t)ortreff(id^er Slnjeige ber SBerfe ©oetl^eö in ber Sottafc^en 3lu§* 
gäbe t)on 1806*) lefen tüxx: ,,2)er größte Unterfd^ieb bürfte fein^ 
bafe in ben römifd^en ©legien, njo man am beftimmteften an bie 
2;riumt)im ber alten Plegien erinnert n^irb" u. f. tu. 

©0 ift un^ benn ba§ 2)iftid^on, tt)etd^e§ bie fünfte (SIegie 
fd^tie^t, beutlid^ getDorben. Seber mi^tönenbe SInflang ift mU 
fernt, unb tüir erfennen gugteid^, n^ie biefer ©d)(uJ3t)er§ in leifer 
SBe^iel^ung ftel^t ju bem 3lnfang be§ ®ebid^t§, unb fo ba^ ©anje 
öoHenbenb abrunbet. 2)enn nid)t umfonft preift eö ber S)id^ter 
in ben erften SSerfen, bajj il^m, bem frol^ SBegeifterten, SSer* 



') er)aTa!tetiftifcn unb Äritüen, 2, 199. 

*) Sucrft in ben ©eiDelbcrficr ga^rbücfecrn, bann aufQenommcn in 
bie fämmtlicfeen Sßettc (1Ö46) S3b. 8 ©. 116—154. 



S)ie Stiumtjim in ®oct^c§ römifd&cn (SIcöicn 239 

gangenl^eit itnb ©egentDart jje^t beutlid^er unb attätel^enber tüerben, 

baS er auf ctaffifd^em SSoben bte SBerfe ber Sllten burd^blättere. 

SRit gefd^äftiger §anb, täglid^ mit neuem (Senujj. 

liefern ftet§ erneuten ®enu§, ben bte 9Äufter ber claffifd^en 
tBortüelt barreidjen, gefeüt ftd^ in ^otber ©egentüart ber rul^ige 
©enuJB befriebigter Siebe, unb biefer leitet tüieber ben 2)id^ter, 
bem fid^ jcber Slugenblid be^ reid^en 3)afein^ ju einem fdjönen 
©anjen geftaltct, unmerHid^ jur Sunft f|inü6er. ®o fliegen 
Seben unb Äunft in einanber, unb am ©d^Iuffe toirb ba^ ®ebid^t 
getneil^t burd) bie teife Erinnerung an bie 5ßoeten beö Sllter:* 
tf)um§, mit beren tautem 5ßrei^ e^ begonnen i)atk. 

3n geredetem ©elbftgefül^I burfte ®oett)e e§ tragen, bie 
®eftalten ber römifd)en 2;riumüirn au§ ber claffifd)en SSortnelt 
mit freunblidiem 3öuberfprud^ ^eranjurufen. SBereitttjidig finb 
fie feinem 9iuf gefolgt ; traulid) begrüßten fie ben fpäten Äunft* 
genoffen, ber fid^ fo unerttjartet ju il^nen fanb unb liefen e^ 
fid^ rool^tgefaHen in feiner SRäl^e. Unb er burfte fid^ biefer er= 
l^ebenben ®efellfd^aft um fo unbefangener Eingeben, je fefter il^m 
in biefem SSerfel^r feine ©elbftänbigfeit gefid^ert blieb. Äeinem 
t)on il^nen ttjar er gleid), öor feinem ftanb er jurüdC, unb feinem 
l^at er fidö in bienenber ^iad^al^mung angefc^Ioffen* Qtüax nannte 
i^n ©d^iüer, balb nadjbem bie ©legien l^erau^gegeben tuorben, 
ben ,,beutfd)en 5ßro^)erä",*) unb er fefbft beginnt bie Stegie 
^ermann unb Sorotl^ea ®) mit ber §intt)eifung auf biefen 2)id^ter, 
ber il^n begeiftert l^abe. 3m (£rnft ttjirb jebod) n^eber ©dritter 
nod^ er felbft geglaubt l^aben, baß in biefen ©ebid^ten ber alte 
9flömer n^ieber auferftanben fei. S)iefer fo ttjenig ttjie einer feiner 
Äunftt)ertt)anbten ift l^ier nad^geafimt tDorben. SBir finben l^ier 
Weber augfd^Iiefelid^ bie leibenfdtjaftlid^ uorbringenbe Äraft, ben 
fedEen SBi| be§ SatuHu^, no^ bie fd^meljenbe SBeid^l^eit be^ 

*) eoren 1795. 3n)ölftc§ ©tücf. ©. 44. 

•) et t^eiltc fie ©Einern am 7. S)ec. 1796 mit ; am 26. S)ec. roarb 
fte on gr. 3lug. SBoIf unb um biefclbc Seit an fiörncr ßefanbt. SSgl. 
Äbtner an ©d^iüet 15. See. 1796. 



240 3ut üafftWen 3eit bcr bcutf*en Sitteratur 

XiiviU, toeber ben glänsenben, oft fo lieblid^en unb ftet^ ge* 
tDanbten 9iebeflu§ be^ Döib, noä) bie geleierte gülle unb ben 
ftarfen ntäd^tig gebrungenen 3lu§brud beö ?ßroperj, unb e§ ift 
nKiJ^rtid^ eine öerfel^rt angetoanbte äWül^e, au^ ben ©legten biefe§ 
{e|tern bie ©teilen ängftlid^ jufammenjuHauben, beten SRad^^ 
bilbung ber 2)i(f)ter ettoa öerfud^t l^aben mag. ©oetl^e ift aucf) 
ijier ganj nur er felbft, ber beutfd^e Did^ter; er i)at niemafö 
ber grembe angetjört, ift ftetö nur feinem eigenen ®eniu§ unter* 
tl^an getoefen ; er f)at and) f)kx, loie eö fein großer greunb il^m 
bezeugte, fein Snbiuibuum rein unb öoH auögef^)rod)en.') SBie 
^ier bie SBettftabt mit il^rer Vergangenen §errli(f)feit majeftätifd^ 
ernft l^ereinblidt in bie genufeüoHe ©egentpart, fo fd^toeben bie 
lid^ten @d)atten ber alten S)i^ter leidsten ^ugö burd§ biefe 
SSerfe. Sn jarten fernen 2In!Iängen loerben bie 2;ontoeifen biefer 
S)id)ter Vernommen; aber fetbftänbig, in eigentpmtid^er Äraft 
unb ®röJBe, fielet ber beutfdje ?ßoet ber römifd^en SIegien neben 
ben J^riumvim 2Imorö. 



') ©*iact an ©oct^c 20. gebr. 1802 : ,3* j^abc bicfcr Sage S^te 
©(egien unb Sb^Hen toiebct Qclefen, unb fann 3&nen nicfet au§brü(!en, roie 
frifd^ unb innig unb Icbcnbig tnicfe biefer edjte poetifcfee ©eniug berocgt unb 
ergtiffen l^at. 34 weife nicfetg barüber, felbft in Sitten eigenen SBerfcn; 
reiner unb uollcr l&aben ©ie 3^r Snbibibuum unb bie SBelt nic^t au§s 
gefprocfeen." 



3tt ISnv^avbtB flaffifc^cn JSinMitigcn. 

(1*75.) 

Seit geraumer Qtxt befd^enft un§ ß. 31. |). Surffiarbt mit 
getialt^ unb umfangreid^en äKtttl^eilungen, bte jumeift au§ bem 
fd^rifttid^en Siadjlaffe be§ Äansler^ öon SKüHer ftammenb über 
^erfonen unb SSerl^ältniffe be§ SBeimarifd^en Sttteraturfretfeö 
t)ielfad^ ein erttjünfd^teö Sid^t Verbreiten unb un§ über mand^eö 
einjelne jener 3"f*änbe erfreutid^e 2luff(ärung bieten. Söfit 
^ed^t bejeidinet ber ^od^gefd^ä^te Strd^iüar bie ©d^riftftüdfe, bie 
er unö l^ier Vorlegt, aU „Haffifd^e ^inblinge." Sm neueften §efte 
ber ®ren5boten *) ttjerben un§ abermate einige foldjer tDiüfommenen 
®aben gereicht. SBir erl^atten jnjei SBriefe ©oetl^eö Von beträc^t:« 
lid^er Slu^bel^nung, beibe bem ^cii^re 1812 angel^örig; njir er== 
l^alten ferner einige Socumente, bie un^ be§ genaueren belel^ren, 
toie ©d^iüerö ©r^ebung in be§ l^eiUgen römifd^en 9ieid^ö 2lbel= 
ftanb Vorbereitet unb vollzogen toarb. 

S8ei forgfältigem SBefd^auen biefer ginblinge minbert fid) 
jeboct) bie greube, bie ber erfte Slnblidf l^eröorrief. SSon bem, 
toa^ SBurf^arbt gefunben, ift ein Sl^eil fd^on längft an§ ßid^t 
gebradjt; über ba§ neue aber, baö er un§ fpenbet, regen fid) 

bebenflid^e ß^^if^^- 

2)er erfte ber beiben ©oetl^efd^en S3riefe (Vom 31. SRärj 
1812) ift an Caroline ^id)ler gerid^tet; ber ätneite (Vom 
30. Sluguft 1812) bef^äftigt fid^ mit biefer in breiter pUe 
fid^ ergiejjenben ©d^riftfteöerin unb einer il^rer anfe]^nlid)ften 



') 3)ic ©rcnjboten 1875, «Rc. 13. 
Scrna^S, ©ddriften in. 16 



242 3"^ üaffifcfecn 3fit ber beutf(!tcn Sittcratur 

5ßrobuctionen, bem 2Igat]^ofIe§ *). 2)urd^ eine mätterlid^c greunbin, 
grau t)on 9SIie§, toax ©aroline — fo berid^tet fte felbft itt ben 
©enfipürbigfeiten an^ xS)xtm fiebert 2, 209 — angeregt morben, 
bie Stutograpl^enfammlung ®oet]^e^ burd) einige fc^ä^bare ©tüde 
ju bereichern; im erften jener ©riefe entrichtet ®oetl^e feinen 
S)anf. SBurf^arbt läjjt ftd) burd^ eine ungenaue Erinnerung 
täufdjen, ttjenn er meint, bie SBaronin t)on ®öfele§, ©c^ioägerin 
ber grau 5ßid^Ier, l^abe biefe beftimmt, ftd^ ber fiieb£)aberei 
©oetl^eö gefäUig äu ern^eifen. 2)ie SBaronin (S^fele^ wax ferner 
nic^t, tüie Surf ^arbt f d^reibt, (gd^tDügerin ber grau ^\6)kx ; fie 
ftanb t)ie(mef|r ju ber ^rau t)on SSliefe in einem fold^en öer^ 
Ujanbtfd^aftlid^en SSerl^ältniffe. Unb auö biefen unfic^eren 3ln= 
gaben entfpringt nun ein tüeiterer Srrt^um, ber in bem folgenben, 
ettüaS unbeutlic^ gefajjten ®a^e öerftedEt liegt: ,,greunblid^er 
Ujar ber stDeite 99rief ©oetl^eö an bie SBaronin (£^fele§, bie, 
unterbejj Uerftorben, fid^ einge^enber mit bem Slgat^oHeö ber 
Caroline ^ßid^Ier befd^äftigte." — 3Rit nid)ten! 3)er jttjeite, in 
S'artebab gefd)riebene S3rief ift feineöttjeg^ an bie Saronin 
@ö!ele§, fonbern an ^rau t). SSUefe gerid^tet; unb nicf)t bie 
SBaronin S^fele^ ttjar ,,unterbe^ Derftorben", fonbern grau 
t). 9Slie§ tüar fdtjon abgefdjieben, atö ®oet^e^ Sörief in SBien 
anlangte; er tnarb be^fialb ber ©d^njägerin ber SSerblid^enen, ber 
Sßaronin S^fele^, jugefteüt, aug bereu Rauben ^rau ^id)(er 
il^n em^)fing. 

So tt)ären benn bie SBegie^ungen jtüifd^en biefen brei S)amen 
inö flare gebrad^t. 33er erfaf)rene 5lrd^it)ar ttjirb gettjijj nidE)t 
ol^ne Säd^eln auf biefe nun g(üdElicf) gefd^Iid^teten SBirrniffe ^in^^ 



^) «©0 mit bie beutfcbc S^M^ reicht, tüirb tt)oI)( feine ?5rau, tein 
ajläbcfeen ^Infptüd^c ouf bie @^re I)öbcrer Silbung tüaflen, roenn i()nen 
r,2(flal]bo!(eg" unb bie ,,^raueniDÜrbe" fremb Qfblieben fmb." liefen 2(uä' 
fprucö eines „ö^öcfeteten ^ritifer§" tonnte bie 58er(aö§anftalt citiren, alö fte 
im 3al)rc 1844 bie breiunbfünfsiöbänbiße ©ammlung bet ^id^Ierfcften 
SBerte anpries. Sie tüftiöe SBerfafjerin wax am 9. ^uli 1843 aul bem 
Seben gefd^ieben. 



j 



3u IBurf^arbtg flaffiMen ginblinfien 243 

fd^auen. 9Bte leicht fönnen fid^ bei rafd^er 2Irbeit fold^e ^axm^ 

lofe Sttt^ünter etnfdjteid^en ! Srnfter unb bringcnber ift bte 

grage: ^ann ber S3rief öont 31. Söfärj, ben Surfl^arbt nn§ 

öortegt, berfelbe fein, ben Garoünc 5ßid^Ier empfing unb ben fie 

in iijten S)enftt)ürbig!eiten burd) bie Söeitüörter „fet|r l^öffid^, 

aber biplomatifd^ fteif unb umfid^tig" d^arafterifirt ? 3luf ben 

mitgetfieilten SBrief, in bem fid^ eine gutmütl^ige Ironie un^ 

betDunben au§fprid£)t, fd^eint biefe Seäeid^nung faum ju paffen. 

Smmerl^in modjte jebod^ ßaroline in jenen ironifd^en SBenbungen 

eine abmel^renbe ©teifl^eit ttjal^rnel^men. STu^ innern ®rünben 

— ba^ ift fid)er — lie^e ftd) jene ^rage nid£)t entfd^eibenb be== 

anttDorten. Slud^ mir n^äre e§ unmöglidE), eine fold^e SlnttDort 

JU ertl^eifen, ttjenn nid^t ^irjet, ba id^ eben in Seipjig tDeile, 

mir an^ feinen J^anbfdjriftlid^en ©d^ä^en ben ed^ten 95rief ©oetl^e^ 

lüol^Imoßenb barreid^te. 2)a§ er benfelben befi^t, l^at er fd^on 

feit längerer 3cit ben frommen ©liebern ber füllen ©emeinbe 

öcrratl^en, bie er burd^ SIRittl^eitung be§ Steueften 9Serjeid&niffe§ 

einer ®oetl^e=S8ibIiot]^ef begünftigte. ®o fagt benn audö Söurfl^arbt, 

ber ©rief befinbe ftd^ in ettua^ onberer Raffung in bem Söefi^ 

Don ®. ^irjel. SIber n^ie! ©oetl^e iuirb bod) nid^t feinen 

SBrief in ätoei t)erfdE)iebenen gaffungen ber SBieuer Sd)riftfteHerin 

überfanbt ^aben? 9Son biefen beiben formen lann bod) nur 

eine für zä)t unb beglaubigt gelten. 

Um aUe 3^^ifct ju löfen — l^ier ift ber 83rief, ben ©oetl^e 

mit eigenl^änbiger Unterfd^rift gegiert unb mit eigen^änbiger 

Slbrcffe öcrfel^en ^at: 

3d^ barf meinen lebhaften Sanf nid)t auffd^ieben für 

Sl^re freunblid^e 3wfd)rift unb für bie gefällige Slrt, ttjomit 

©ie meinen SBünfc^en in Slbftd^t auf eine ßiebling^- 

fammlung, bem unmittelbaren Slnbenfen toürbiger SRenfd^en 

getoibmet, fo t^ätig entgegenfommen. 9luc^ S^r lieber ©rief 

foH al§ foldieö Socument, jttjar n^ie bie übrigen alp^abetifd^, 

aber boc^ mit befonberer Steigung eingefd)altct n^erben. 

SBenn oon ber eignen §anb be^ öortrefflid^en SRojart 

16* 



244 3ui^ flaffifcben ^tit bct bcutfcftcn Sittcratur 

fid) 3f|ren emftgen Semül^ungen feine QäU barbot^, fo 
toirb mir baö Uebrige befto lieber, unb id) ttjerbe um befto 
eifriger fammeln, toeil un^ biefe§ Sße^fpiel jeigt, tDie gerabc 
ha^ 9?aci^fte unb ©igent^ümtic^fte be§ 9Äenf(i^en fobalb nad^ 
feinem ©d^eiben tierf(f)tt)inbet unb üon feinem ßiiftanbe, njie 
t)on feinen SSerbienften nur ein Slügemeineg, gleic^fam 
Äör^)ertofe^ übrig bleibt. 

2)iefe Sßetrai^tungen fül^ren ung bal^in, ba§ tüir un^ 
befto mel^r an biejenigen öerbienten 5ßerfonen l^alten, mit 
benen un§ ba§ gute ®Iüd in irgenb ein Iebenbige§ 9Ser== 
l^ättnijj l^at bringen njoHen. ©e^n @ie öerfic^ert, bafe id) 
ju ttjieberl^olten malen an 3^ren 5ßrobuctionen Stl^eil ge= 
nommen, ja id^ n^ill nur gefte^en, ba§ id^ einigemal in 
9Serfud|ung geratfien bin, Sinnen über @id) felbft unb 3t|te 
lieben 2)eutfc^en ©d^n^eftem in 3I^)oH ein l^eitereö SBort ju 
fagen, bod^ gelten fold^e gute Sßorfä^e be^ mir gar oft in 
9?aud^ auf. 

S)efto bauer^after ift bie l^ol^e 9ld^tung unb jarte 
Steigung für ßl^arafter unb SSerbienft mit ber id^ mid^ aud^ 
bie^mat Sinnen jum fd)önften empfel^te. 

9Äit ttjieberl^otten SBünfd^en für 

S^r aBol)Ierge]^en ©oetl^e. 

aSeimar, ben 31ften SRärs 1812. 

S)er grau ßaroline öon ^id^ter 

®naben 

nad^ aSien. 
S)iefer S3rief, beffen Slnfang in §irjefö Steueftem SSerjeidinife 
®. 216 abgebrudEt tporben, ift unätDeifetl^aft berfelbe, ber burd^ 
grau ö. aSlie^ in SaroIinen§ |)anb [gelangte.' Unb baö öon 
SBurfl^arbt mitgetl^eitte ©i^riftftüdC? — Seiber l^at e^^ bem ge= 
eierten ginber nid^t beliebt, un§ bie äußere S8efd£)affenl^eit feinet 
gunbeö genauer auäujeigen; id^ mufe mid^ bal^er mit ber aSer= 
mutl^nng begnügen, ba^ tt)ir ^ier ben au^fül^rlid^ern @nttt)urf 
be^ S3riefe§ t)or un^ fiaben, ben ©oetl^e l^ernac^ in§ enge jog. 



3u a3ur!6arbtg tlaffifcfeen ginblitiöen 245 

unb tijin baburd), üiellctd^t uttabfidjtlid), jene fteifere Haltung 
gab, burd) toetc^e ber tt)et6Iid)e Sliitor, gctDöijnt an bie retdjttd^cn 
fiobeöergüffe ber greunbe unb greunbinnen, fid^ einigermaßen 
üerle^t füllte. 

?lber ttid^t einmal eine SJermutl^ung ift un^ über bie 95e^ 
fd^affenl^eit beö jttjeiten ©riefet geftattet, über ben fid^ Saroline 
in il^ren ©enfmürbigfeiten, tok SBurf^arbt fagt, ,,furj Verbreitet". 
3tDar tt)irb ein p^ilologifc^er Solid im 2;ejte mandjeö ®6)ab^ 
^afte tt)af|rne]^men, nnb fein aufmerffamer Sefer fann an bem 
©a^e, ber oben auf @. 483 fd^tiefet, ol^ne §lnfto§ öorübergel^en. 
S)ennod^ mufe un^ biefer S3rief, fo tnie er l^ier Vorliegt, toitt* 
fommen fein. Sn l^eiterer ©tunbe niebergefd)rieben, fprid^t er 
bcl^aglid^ ben ©inbrud au^, ben ©oetl^e Von einer ber fieröor^ 
ragenbften Seiftungen feiner öfterreid)ifc^en ©d^ttjefter in 2l^)oII 
empfangen. Äann unö aud) ber ^id^lerfd^e 3lgat^of(eö eine 
emftlic^e 2;^eilna]^me nid^t mefir abgettjinnen, fo mögen boct) 
®oet^e^ fritifd^e SIeufeerungen eine gettjiffe SWeugier nac^ bem 
faft üerfd^oHenen SSud^e ujad^rufen, SBenigftenö mufe mon ben 
9?oman jur ^anb l^aben, um Slnmutl^ unb ®et|a(t biefer 
Sfeufeerungen gang ju fdf)ä|en. ©oetl^eö £ob ift aufridjtig ge* 
meint, toenn if)m aud) bie Seimifdjung ironifd)er SBürje nidE)t 
gänjKd^ fel^It. 

2lud^ l^ier bel^auptet ©oetl^e ba^ SRedfjt feiner Snbiöibualität, 
bie n)of|Ibegrünbete greil^eit feiner Slnfd^auungen. 3Barum er 
fein 8Ser]^äItni§ ju feiner „^eibnifc^en ©ippfd^aft" l^ier fo nad)-- 
brüdHid^ betont, baö ttjirb erft beutlidj, toenn man erfätirt, bafe 
ber Slgatfiotteö feinen Urfprung ganj eigentlid) ber Seetüre be^ 
großen ®ibbonfd)en SBerfeö Verbanft. Der ergreifenben S)ar* 
fteHung Vom SSerfaH unb Untergang beö römifd^en 9ieid§e§ ent== 
nal^m Saroline bie gefamtc l^iftorifd^e Unterlage ifireö in ©riefen 
abgefaßten 9ioman^. Slber ben SReinungen, bie ber englifdje, 
franjöfifd^ gefd^ulte §iftorifer über ©ntftel^ung unb SBefen beö 
Sfiriftentijum^ Vortragt, njiberfegte fie fidf) au^ volter Ueber* 
jeugung. 3£)r Sftoman foHte bartl^un, — fo betel^rt fie un^ 



246 3ut tIoffif*en 3eit bet bcutf*en gittcratur 

felbft über tl^re Stbfid^ten in ber SBorrebe jut jtDetten SlufCage 
— „baJB bie 2)ajtüif(f)enfunft bt^ (Sf|riftentf|umö eine 9tnftalt 
ber SJorficf)t jum Srofte unb jur SeglüdEung ber leibenben 
3}Jenfd^]^eit, öon fegenreid^en 5*^Iflen für Sultur unb äKenfdjen^ 
tt)crtf|, unb enblicf) feine SSerbreitung in ber ?iatur, ben SSer= 
l^ältniffen, unb bem ©taube ber bamaligen SBitbung ober 9Ser= 
bilbung be^ 9Äenf(^engefd)Ied)tg tief gegrünbet unb notl^tüenbig 
tuar." ®oetf|e nimmt nun l^ier, in ©d^erj unb @rnft, gartet 
für bag untergel^enbe ^eibentl^um, baö er gttm^)flid^er beraubet! 
ttjünfd^te. Sluf ä^nli(f)e SBeife l^atte er in feden Sugenbjafiren, 
tpenn er ber ebeffrommen 5l(ettenberg erbaulicfie SIRiffionöberici^tc 
öorlaö, fid^ auf ©eite ber tuilben SSößerfd^aften geftellt, benen 
man bie §eiföbotfd^aft beö Sl^riftentf|umg genjaftfam beibringen 
tDoltte. 

9l(§ id) beim erften flüdjtigen Ueberblid beö ©riefet an bie 
©teile f am, ttjo ©oetl^e feinen „®ro§of|eim §abrian unb feine 
Seeld^en" ertpöl^nt, tt)itterte \ä) alöbafb einen geiler. SBa^ 
foHen f|ier bie ©eeld^en im ^lural? ©oetl^e^ Sluöbrud erl^äft 
nur bann einen ®iun, tDenn man annimmt, er ttjotte auf bie 
3Serfe fiinbeuten, mit benen ber fterbenbe §abrian feine ©ccle 
anf^)ra(f), unb bie in neuerer ^oefie fo uielfad^e 9iacl§al)mungcn 
gefunben unb bie SBiberlegung d^riftlic^er 2)td^ter l^erauögeforbert 
l^aben. Sleliu^ @))artianug in feinem Seben §abrian^ (25, 9) 
berichtet: Et moriens hos versus fecisse dicitur: 

Animula, vagula, blandula, 
Hospes, comesque corporis, 
Quae nunc abibis in loca 
Pallidula, rigida, nudula, 
Nee ut soles dabis iocos. 

©in SBlidE in ben 9ioman überzeugte mid), baß ®oetf|e in ber 
Sttiat nur biefe 2lnfpielung im Sinne ^aben fonnte. Snt neunten 
©riefe beg erften Sanbe^ fdjreibt 2lgat^ofIeö an 5ß^ocion (©. 74 
ber Stuögabe t)on 1820): „(£ö ift gar ju traurig, meldte büftere 



3u 5)uTn)nTt)t§ !rnfrif*cn ?JinbIinflen 247 

entnerüenbe SSorfteKungen öon unferm g^^^t^ä^^^" i^ ^abt^ 
[\ä) bte metften, felbft Vernünftigen 3Kenfd^en mad^en. SBenn 
§abrtan fein ©eeldjen bleid^ unb nadft in unbefannte Drte l^in* 
tt)anbelnb benft, n)0 fein Sd^erj, feine greube mel^r ift/' u. f. tu. 
Unb um feinen ß^^if^t übrig ju laffen, giebt bie SBerfafferin, 
bie fid^, tük man fielet, mit ©rfolg in ba^ ©tubium beö römifc^en 
SHtert^umö öerfenft f)at, in einer geleierten STnmerfung bie eben 
citirten SSerfe naä) i^rem üoHen SBortlaut. 

®a iä) einmal ba§ läftige ©efdjäft ber Serid)tigung über 
mid^ genommen, fo mag ^ier aud) nod) einer ber altern ginb* 
linge Don einem l^ä^Iidfien glecfen gereinigt tuerben. (Sin tüertl^* 
öoHer ©rief ©oetl^eö an 9So§ öom 6. 2)ecember 1796, ben 
SSurf^arbt im Sa^re 1873 ben ©rensboten (9?o. 42) sum S)rucf 
übergab, entl^ält einige STnbeutungen über ^ermann unb Sorotl^ea 
unb bie Slegie, njeld^e bie§ (£po§ anfünbigen foHte. S)a lefen 
n)ir ben ©ag: „Sc6 tuerbe nid)t öerfd^njeigen, tt)ie Diel id^ be^ 
biefer §(rbeit unferm Sßolf unb Sinnen fdfjulbig bin." Unferm 
58o(fe unb Sinnen? — ®ett)i§ toax ©oetl^e feinem 9SoIfe Diet 
fd^ulbig genjorben. 3lu§ ber 3^iefe be§ beutfd^en SSoIf^gemüt^e^ 
tüaren bie f öftlid^ften feiner Sieber entfprungen ; auf bem Söoben 
be§ beutfdien SSoIf^^tebenö ttjaren mand^e feiner größten ^id^tungen, 
ttjar Dor allen ^ermann unb Sorotl^ea ertuad^fen: 

35eutfd^en felber fül^r' ic^ euc^ ju, in bie ftiKere SSol^nung, 
SBo fi(^, nal^ ber 9?atur, menfc^Iic^ ber a)?enfd) nod^ erjiel^t. 

Stber fid)erlid[) ttJoHte ©oetl^e l^ier nid)t auf unfer 9SoIf, 
fonbern auf einen großen SKann unfere^ Sßolfeö l^inbeuten, ber 
mit 9So§ bie ©l^re tl^eitt, ben Siebter auf bie Söal^n be^ reinen 
©poö l^ingelenft ju l^aben. Unb tt)em fonft gebüf)rt biefe STn* 
erfennung, al§ bem großen 9t^nf)errn unferer 5ßf)itotogie, bem 
©d^öpfer ber ^omerifc^en S^ritif, griebri^ Sluguft SBoIf ? SBa^ 
ber S)id^ter be^ ^ermann bem mächtigen 5ß]^iIoIogen fd^ulbete, 
fprad^ er banfbar au§ in bem S)iftid^on: 



248 8ur tfafrtfc^en Seit ber beutfc^en Sitterntur 

@rft bie ®cfuitbt)cit bc^ ÜRannc^, bcr, enblid^ t)om SWamcn 

^i)n un^ bcfrcicitb, unö au6) ruft in bic boHere Söal^n. 

3n ber ©ntcitung ju ben SBricfcn ©octl^cö an SBotf ^abc 
idE) ben gef^id^tU^cn Kommentar btefcS S)t^tertt)ortc^ ju geben 
öerfucfit. 

SSermögen njtr nun au^ in bem SBriefpaar t»om 3a^re 1812 
feine böKig juberläffigen ©ocumente ju erbliden, fo lüirb un^ 
hod) in il^m ettüaö UnbefannteS geboten, baö ju eingel^enber 
SBetradE)tung aufforbert. 

Sin bem jttjeiten ber bieömaügen ginblinge jebod^ getoaf)ren 
toir gar ju tooijH befannte Süqit. 9Son ben l^ier abgebrudten, 
auf ©dE)iIIerg ©tanbeöerl^öl^ung bejüglidjen ©^riftftüden finb bie 
toertt)t)oIIften tängft, unb jtüar in reinerer ©eftalt, afö fie l^ier 
erfdEieinen, ben greunben ©oet^el nnb S^iüerö jugänglicfi ge== 
tüorben. durchblättern tt)ir Dtto 3at)ng öorjügü^e, bieHeid^t 
nie nad^ il^rem ganjen SBertt) gefdE)ä^te Stu^gabe ber ©riefe 
®oett)eS an SSoigt, fo finben toir im Stnl^ange ©. 467 — 470 
nid^t toeniger ate fünf, ©d^illerö Slbelung betreffenbe 
©ocumente äufammengefteHt ; toir finben bort bie tjon SSoigt 
entnjorfene, t)om S)idE)ter fetbft bur^gefel^ene Sebengffijäe ©dEiiHer^, 
in toel^er beffen SSerbienft um Äaifcr unb 9teidE) angegeben 
unb na^ ©ebü^r get)riefen toirb; toir finben Sari Sluguftö 
©^reiben t)om 16. 9?ot)ember 1802, ferner ©(^iQer^ ©anfe^toorte 
t)om 18. 3uü unb 17. 9?ot)ember, unb enblid^, in autl^entifd^er 
gorm, baö ©ebidjt, mit n)ddf|em SSoigt ben SReugeabelten be- 
grüßte. 

Äein SSortourf treffe l^ier ben t3iettf)ätigen unb t)iett)erbienten 
Slrd^itjar, ber, feinen eigentüd)en ernften Slufgaben treu fid^ 
njibmenb, t)tenei^t nur njenige SRebenftunben biefen anlodenben 
©tubien gönnen barf. 3luf Slnlaß eine^ fotd)en SSorfommniffe^ 
mag jebod} t)ier ber natürlid)e SBunfd) fräftig au^geft)rod^en 
njerben, baß man bei S5efanntmad^ung ^anbfdjriftlid^er S)ocumente 



3u »urftarbts flnfftWen ^nblinftcn 249 

ctoaö jögernber ju SBerfe getie. SBir muffen boc^ tüol^t erft 
mit einiger • Umfid^t untcrfud^en, ob ba^ öenneinltid) unebirte 
©d^riftftüd, ha& bem Sieb^aber angenet)m überrafdienb in§ Stuge 
Ieud)tct, bem njciterblicfcnben Äenner nxä)t fd^on längft befannt 
unb Vertraut fei. 

3J?an burdimuftere 3^i^f^i^iftcn, litterarl^iftotifc^e 3[rcf|it)e, 
neue Slu^gaben unfrer nationalen Sfaffifer! 333ie oft ftö^t 
man l^ier auf angebHd^ unbefannte ©riefe ober fonftige 3[cten= 
ftüde äur @ef(^i(^te unfrer Sitteratur, bie fd^on längft, unb 
nid^ feiten in boHfommenerer ®eftalt, ben ©tubiengenoffen 
öffentlid^ mitget^eift ttjorben! SBie oft tt)irb man l^ier S^n%t 
beg öergeblid^en Semül^en^, mit bem eine längft burdigefül^rte 
unb äu fieberen (Srgebniffen gebiel^ene UnterfudE)ung t)on neuem 
angefteHt tt)irb! @o erhielten bie Sefer beö Slrc^iöö für 
2ittcraturgefcf)id)te bor einiger Qtit ba^ ßoncept eineö Seffing== 
fd^en SBriefeö an Srneftine SteiiSfe: biefer Sörief follte afö un- 
befannt gelten; ba§ Original tvax aber fdjon bor einigen 
Salären öoUftänbtg, mit meinen au^fü^rtidien ©rtöuterungen 
üerfei^en, an bie Deffenttidifeit gelangt. Unb ebenfo ^at ein 
SKitarbeitcr an ber §empclfdf|en Slu^gabe ber SBerfe ©oetl^e^ 
fid) bie unnöt^ige SKül^e aufgelaben, nod^ einmal ben umftänb== 
lidEien 9?adf|tt)eiö ju liefern, bafe bie SRebc be^ jungen S)id)ter^ 
jum ©l^afefpearetag nidE)t ttjä^renb be^ ©trafeburger Slufent^alte^ 
üerfa^t fei. S)em emfig arbeitenben SKanne ttjar unbefannt ge^^ 
blieben, bafe xä) burd) eine Söemerfung, bie Dtto Sal^n 1866 
in feine biograp^ifc^en Sluffä^e l^inüberna^m, auf ba§ fiber^ 
jeugenbfte bargetl^an l^atte, bie SRebe fönne nur für ben 
©l^afefpearetag beftimmt gett)efen fein, ben ®oet^e furj nad^ 
feiner JRüdfe^r in bie 93aterftabt feierte, nämlic^ ben 14. Dctober 
1771. 333ie manigf ad^e Söeifpiele äfintic^er Sßerfel^en unb SSer:= 
fäumniffe liefen fid) ^ier anhäufen! 

S)ag ©tubium unfrer großen Daterlänbifdien Sitteratur ift 
in einem fc^önen Slufblü^en, in einem t)ieKeidE)t alläu fdjleunigen 
SSad^öt^ume begriffen. SJJöge eö oor ber üorbringtid^en ©e- 



250 S^x floffifcben Stit bcr bcutfd&en Sitteratur 

fd^äftigfett ber Unberufenen berfdiont, öon ber Sßtelt^uerei ber 
Äfeinfrämer ungefä^rbet bleiben! S)teö ©tubium ntufe ber ge* 
rect)ten SOJtfead^tung ernfter gor[d^er unrettbar verfallen, tüenn 
ntd)t jeber, ber ju fernerer 9lu^bilbung beffetben mttttjtrfen ttJtll, 
fid^ bie" ftrengften gotberungen p^tIoIogtfd)=^tftorif(^er SSäiffen^ 
fc^aft gegenttJürtig erhält. 



QäfiüevB ttlaitefetr. 

(|$66.) 

Sn beu 9J(taItefern ^attz ©d)tller fid) einen SBoben gefcfiaffen, 
auf beut nur er, er aUetn, mit ©td^er^eit, ol^ne ju ftraudjetn, 
ein^erfcfireiten fonnte, unb auf beut jeber anbere ben fd^mä^Iid^ften 
%dil erleiben mü^te. Sn ©d^iHerö SBefen njaren bte gdtiigfeiten 
beö tiefen unb fü^nen S)enfer^ mit ben Sigenfdiaften be§ an^^ 
f^auenbcn unb f(i|öt)fcrtf(i| bitbenben S)id^ter§ in einer n)unber== 
baren Harmonie öerf c^mofäen ; bie milbefte SÄenfd^Iid^feit, bie 
Sartefte (£m))finbuncj erfüllte unb leitete i^n unb befeelte feine 
SBorte ; aber mit bief er SKilbe unb ßöttl^eit tuar auf baö innigfte 
ber unbeugfame §elbenfinn üerbunben, ber im unerfd^ütterüc^en 
®c^orfam gegen ba§ fittlic^e ^flid^tgebot bie fitttid)e greifjeit 
beö 3Wcnfd^en fäm))fenb unb bufbenb betl^ätigt. 93ei i^m ging 
ber ®ebanfe in bie tebenbigfte Slnfc^auung über; bie freie (£nt== 
faltung aller fdjönen unb fanften ®efü^Ie njarb bur^ bie gange 
Strenge be^ fittlid^en ^eroiömuö e^er beförbert afö geftört : unb 
nur ein fold^er ®eift fonnte ben $ßlan ju ben SRaltefcrn ent= 
tt)erfen, nur ein fold^er @eift fonnte ^offen, biefen 5ßlan ttjürbig 
au^jufü^ren. 

©iefer 5ßlan entftanb in einer 3^^*/ ^^ ^^^ S)id^ter noä) 
mit öoHer ©eele feinen ))]^iIofo))^ifd^en ©tubien anl^ing unb feine 
ganje ©eifte^ric^tung nod^ burd^ fie beftimmt njurbe. SBenn er 
fid^ aug b^m ®ebiete ber Sbeen in bie gülle bc^ finntid^=)joetifd^en 
Seben^ öerfe^en ttJoKte, fo mufete er gleid^fam nod^ ben ganjcn 



252 Sut ffaffiftften Seit ber beutfcften Sitteratur 

®el^alt jener Sbcen unöerffimmcrt mit ^tnübernc^tnen ; er mu^te 
einen ©toff ergreifen, in bem jene Sbeen fid^ tüie bur^ einen 
natürlid^en SJorgang öerförperten, an bem fie if)re er^ebenbe, 
läuternbe Äraft betoä^ren tonnten. SBie er bie^ auf bem ®e^ 
biete ber bibaftifd^en S^rif boQbradjt ^at, jeigen un^ bie @e* 
biegte, burd) njel^e er fid^ in biefer Q6i ben Uebergang bahnte 
auö ber SBelt be^ freien ®cbanfenö in baö enger umgränjte 
JReidE) ber barfteHenben Sunft. 3J?an fann ben „©t)asiergang" 
unb „3beal unb ßeben" afö bie gül^rer biefeS ^errlid^en 
I^rifd^en Sieigenö betrad^ten; ber tragifd^e Steigen fofltc burd) 
bie äWaltefer angeführt ttjerben. 

SWod^ njar ©dritter mit ber ?lu8arbeitung ber ©riefe über 
bie äft^etifdje ©rsie^ung befdE)äftigt, nod) toar bie föfttid^fte 
grud)t feinet S)enfen^, ber 3Iuffa^ über naiöe unb fentimentalifd^e 
©id^tung, n\ä)i jur 9ieife gebieten, afö er mit 3«^^i^fi^t bie 
Hoffnung auöfpradE), bie SRaltcfertragöbie balb öoHenbet ju feigen. 
3m Dctober 1794 glaubte er, baö SBerf würbe gegen @nbe be§ 
SBinterö fertig vorliegen. 5)iefe 3Iu^fid^t tuarb Vereitelt. S)ie 
^^itofot)t)ie gab i^n nod^ nid^t fo balb frei unb tou^te i^n mit 
neuen Sieisen ju feffeln, nai^bem fie ben eigent^ümttd^en 95unb 
mit ber S^rif eingegangen njar. Unb aU er fidE) enblid^ mit 
©ntfd^ieben^eit bem S)rama juttjanbte, mufete ber ©toff be^ 
SBallenftein, ber freilidE) nodE) n)ie eine unget)eure, ungeftaltete 
9Kaffe bor il^m tag, ha^ UebergeU)id)t bet)aupten. 3mmer benno^ 
tauften Suft unb Steigung ju ben SRaltefern roieber auf. ©ie 
tonnten i^n t)on neuem toieber anloden, afö er in ber 85e* 
toälhgung be^ SBaHenftcin fd^on anfet)nlid| öorgefd^ritten wav 
(an ®oetl^e 18. 9?ot). 1796); ttjenn er ermfibet t)on ber mäd^tigen 
Slnftrengung biefer Slrbeit auöru^te, fanb er Sr^olung bei ben 
SRaltefern (8. S)ecbr. 1797); e§ erfreute i^n, in feinem ®eifte 
biefeg ®rama auöjubifben, beffen gabel, im ®egenfa^ ju ber 
beg SBaHenftein, fo einfad^ ttjar, unb ba§ ba^er eine burdjau^ 
einfad^^ti^cnge S5e^anblung nad| bem SSorbifbe ber gried^ifd^en 
Xragöbie ju f orbern fc^ien. @egen Snbe beö Sa^reö 1799 gab 



©*iaet§ ajlaltcfcr 253 

fid^ bte langgehegte SSorKebe abermate funb ; er brad^te um jene 
3eit bie äftern 5ßläne utib ©ntttjürfe in eine überficf|tncf|ere 
Orbnung; unb enblid) ntetbete fid^ nod^ einmal im Saläre 1803 
bie lebhafte Steigung, ben fo üietfad^ burd^bad^ten ©toff unöer^ 
äügüd) äu bearbeiten. Sben njar bie S5raut öon 9Re[fina jum 
2IbfdE)Iu6 gebrad^t; ber S)id^ter glaubte fid^ l^ier ber gorm ber 
griedjifd^en S^ragöbie bemäd[)tigt ju l^aben; er glaubte, e§ njerbe 
i^m bal^er um fo entfd^iebener gelingen, bie SRaltefer mit n^al^r^^ 
^aft antifem (Seifte ju erfüllen unb fie ju ftrenger SBürbe unb 
ibealer §o^eit em^jorjul^eben. 

2)ie be^arrlid^e SSorfiebe, tueld^e ©diiller biefem ©toffe 
fd)enfte, ^at nid^tö auffaKenbe^. S)er ®runb biefer SSorliebe 
mufe un^ beut(idf| ttjerben, fobalb n)ir unö üergegentDärtigen, in 
tDetc^em ©inne er bie ©reigniffe, n^ie fie i^m Sßertot^ ®efd)id)te 
be§ SRalteferorbenö überlieferte, für bie Sragöbie frucl)tbar 
mad^en njoHte, fobatb n)ir bie 5DZitteI erfannt l^aben, burdf) meldEie 
er bie tüidfjtige .^anblung Don innen ^erau§ ju beleben gebac^te. 
Unb biefe ©rfenntnife ift un§ ni^t Derfagt. SBir entbel^ren baö 
üoKenbete SBer! ; aber ber 5ß(an ift un^ auf betoal^rt ; er ^at burd^ 
törner längft fdfjon ben üerbienten $ßta^ unter @d)iller§ SBerfen 
ermatten, ©päter finb aug bem Sfadjlaffe be§ S)id)terg aitc^ bie 
Ottern Stufjeidönungen unb bie au§ öerfdfjiebenen ß^iten ftammen* 
ben ©ntnjürfe an§ Sid^t gebogen toorben^), fo bafe un^ für uttfere 
einfielt in bie STnlage be§ ©anjen nid^t§ njefentlic^eö mangelt. 
3Ba^ @d)iller tu o Ute, ergiebt fid^ auö biefen Stufseic^nungen 
menigftenö ebenfo beuttid^, afö e§ au^ bem Doüenbeten SBerfe 
fjeröortieten ttJürbe. SBir Derne^men l)ier, n)ie ber 2)ic^ter mit 
fi^ felbft äu 9tatt)e gel^t ; er beleud^tet mit unermübeter ®ebulb 
t)tn ©egenftanb Don aßen Seiten; er beftimmt mit ber größten 
S^ärfe bieSbeen, bie i^n bei ber Se^anblung leiten foüen; er 



*) S)a§ ilSicfetirtÜe fiubet man sufammenöefteÜt in S)offnieifter§ 
%\d}W\z ju e^illcrS ©erlen 3, 5—23, bn§ üoaftänbifle aJlaterial jcljt am 
Oeften bei Slettncc, ©cbiücrS Dramatiker S^ad^Iafe 2, 1—63. 



254 3«^ flnfftfc^en S^xi bcr bcutfcften Sittcrotur 

fegt immer t)on neuem an, um fotüol^f baö ®anje tüte jeben 
einjelnen %f)z\l erft t)or feinem SSerftanbe inö flare ju bringen, 
e^e er bie eigentlid) bid^terifdie 3;i^ätigfeit beginnen läfet. 3lucf| 
in biefen ©elbftgefpräd^en, bie mit flüchtiger geber auf bem 
5ßat)icre feftgel^alten tDurben, in biefen 6ebäcf|tigen ©rmägungen 
unb fdjarfen Söeftimmungen, in biefem fü^nen Sntioerfen unb 
auöl^arrenben S)enfen, — überaß finben n)ir ^ier ben ganjen 
©d^iüer toieber. 

©anj au^fcfinefeUd) auf bie Ttaä)i ber ftttttd^en Sbee follte 
bie 3;ragöbie öon ben SRaltefern begrünbet njerben. ©otiman 
l^at §eer unb glotte gegen bie Snfe( entfanbt; er ttjiH biefe^ 
^oütütxt ber d^riftüct)en §errfct)aft jerftört feigen; er tüiH bem 
Drben, ber e§ üert^eibigt, ben unöermeiblid^en Untergang be^^ 
reiten. 3n biefem SSert^eibigung^fampfe ift ber Drben, tpie e§ 
fd^eint, auf feine eigene Straft allein angetoiefen; tnenigftenö 
äögert Spanien, bie Derfprod^ene unb burd)au^ not^tuenbige §ülfe 
äu leiften. 

Slber nicf)t auö bem SSiberftanbe, ben bie bebro^ten Drbeng- 
ritter einer furd^tbaren Uebermacf|t entgegenfegen, foHte baö 
tragifd^e Sntereffe ^erüorgel^en : ber äußere Stampf njirb üor* 
ne^mtid^ baburd) bebeutenb, ba^ er einen lange gä^renben 
S?ampf im Snnern be^ Drben^ jum 2lu§bru(^ unb jur @nt* 
fdieibung bringt. 2)er Drben ift längft bem Oeifte abtrünnig 
geioorben, in bem er einft geftiftet tourbe unb burd) ben allein 
er fortbefte^en fann. @r ^at feiner ®elübbe fotuo^I njie feinet 
erhabenen 3^^^^^ Dergeffen; irbifc^e S5eftrebungen ^aben bie 
einjelnen SRitter bem S3erufe entf rembet, bem fie genjibmet finb ; 
bie Söanbe be§ (Se^orfam^ finb getöft, eine njeltlidie ©efinnung 
be^errfd^t bie ®eifter, unb bie Drben^brüber, bie jeben Singen- 
bfid bereit fein foüten, in gefc^Ioffener ©d^ar einträchtig für ben 
©tauben ju fdmpfen, finb unter einanber burd) fd)nöbe Seiben^^ 
fcfjaften entätueit unb in feinblidfie $ßarteien gefpalten. SSon au^en 
loäiät fid) bie ®efa^r an fie ^eran, gerabe ju ber Q^xt, ba fie 
am njenigften tüdjtig erfd)einen, fie abäutue^ren. 3^^^ ^^^ 



©^iOerg ajlaltefct 255 

3Kutl^ ift in t^rer SBruft m6)t erlofd^cn ; nod^ immer f önnen fic 
bcr ©d^redfen feinblidier §eerc fein; aber bie 3;a))f erfeit, bie fte 
jeigen, ift ni(^t buri^ bie SBeil^e ber ^Religion geläutert, ©etbft 
toenn eö if)nen gelänge, bie SRadit ber Ungläubigen iuxM^ 
pfcflfagen, fo njäre baburd^ ber gortbeftanb be§ Drbenö bod) 
nic^t gefidfiert ; benn er bro^t, fidE) in fid^ f elbft aufjureiben ; unb 
möd^te er aucf) äu^erlid) fortbauern, er ttjürbe bodf| nur ate ein 
trügerifc^eö ©c^einbilb feiner felbft baftel^en: ber ®eift, ber i^n 
beleben foü, ift auö i^m gen)id[)en. 

Sm orange biefer S)ot)pe(gefa^r geigt fid^ ber SRetter. 9ln 
ber ©pige ber t)ertt)eltlid)ten Streiter S^rifti fte^t ber ®rofe* 
meifter Sa SSalette. (Sr ift unberüfirt geblieben öon ber 3ln== 
ftecEung, bie ben gefamten Drben ergriffen ^at; unöerrücEt 
bleibt fein ©inn auf bie ^o^en 3^^de gerid^tet, für bie ju fämpfen 
unb fid^ aufäuot)fern ber Drben burd) bie ^eiligften ®e(öbniffe 
verpflichtet ift. ®ie ruf)ige ^ol^eit be§ §errfd^er§, bie 3;apferfeit 
be5§ Siitterö unb bie S)emutl^ beö ß^riften, ba^ ftrengfte 5ßffid)t== 
gefügt unb eine barauö entfpringenbe unbeugfame (Sntfd)Ioffen== 
l^eit, falte Ueberlegung neben ber märmften S5egeifterung, mifbe 
9Kenfd|H(i|feit neben bem g(üt)enbfteu ©faubenöeifer — biefe 
Sigenfd^aften, beren fettene ^Bereinigung an i^m ju benjunbern 
ift, machen i^n njert^ be§ ^o^en unb gefä^rlicfien 5ßtage^, auf 
ben er geftellt ttjorben. Sn i^m lebt ber Drbenögeift in feiner 
urfprünglidEien Steinzeit; er ift ber ebelfte, er ift ber Iieben^:= 
JDürbigfte Siertreter biefeö ®eifteö. 

Unb biefer tüafir^aft c^rifttidfie §elb unternimmt e^, ben 
t)on feiner S5a^n fo n^eit abgefommenen Drben ju feiner SSe- 
ftimmung äurüdäufü^ren. SSor allem mufe er ba^ faft erftorbene 
®efü^I biefer Söeftimmung tt)ieber erttjeden. Sinem ®eiftc ge* 
loö^nlid^er SIrt njürbe für ein fotc^e^ Unternehmen ber 3[ugen= 
blid fo ungünftig mie mögtidE) erfd^einen. ä?on aufeen brid)t 
untoiberfte^lid) ha^ SSerberben l^erein ; ber Drben mu§ ben legten, 
oerjjoeifelten Äampf für fein S)afein toagen: unb biefen 
SWoment ernjä^tt ber ©ro^meifter, eine innere SBieber^erfteHung 



256 3ur flafrtfct^en Seit bec beutfc^en Sitteratur 

be^ Drbeng ju betoirfen utib tl^m äße bic cfiriftltd^-ritterfid^cn 
Sugenben tüieberjitgebcn, bcrcn SBurjeln, tüic e§ fd(cint, in bcn 
©cmüt^crn ausgerottet finb ? — Slber gerabe biefe anfdEietnenbe 
Utigunft ber SSerl^äftntffe lt)ci^ ber überfd^auenbe unb ein* 
bringenbe @eift Sa 9SaIette§ feinen ^o^en ?lbfi^ten bienftbar ju 
mad^en. S)ie äußere ®efa^r toirb i^m ein SD?itteI jur SBernid^tung 
ber fd^äblid^en SIemente, bie im Snnern beS Drbenö um fid^ 
gegriffen l^aben. 3)er mäi^tige SBille beö SReifterö bejtüingt bie 
Ieibenfcf|aftlid)e SBiKfür berSKtter; feine lautere SBeiöl^eit erließt 
il^ren Sinn. @r bringt ben gelualtfam 333iberftrebenben bie 
Ueberjeugung auf, ba^ jeber t)on it)nen erft lieber boKfommen 
§err über fid) felbft tuerben muß, e^e er im Zeitigen Äampfe 
gegen bie Ungläubigen würbig mitftreiten fann ; bie SRitter muffen 
erft fi(^ fetbft befiegen, mit ttjiffiger S)emut^ baS Sod^ beS ®e* 
^orfamS auf fid^ nehmen, menn fie beö Siegel über ben geinb 
fidler fein looHen. ®er ©ro^meifter fie^t fein 2Ber! gelingen. 
S)ie ftrengen J^ugenben, bie auS bem Streife be§ DrbenS öerbannt 
waren, werben njieber in if)re 9ied)te eingefe^t. S)er Siitter er* 
!ennt njieber bie ^o^e Slufgabe feinet S)afein§ ; er njirb ertt)ärmt 
üon ber reinen stamme reügiöfer unb fittlid^er öegeifterung ; 
er fielet ber 5ßfIidE)t in§ Slngeftd^t unb erfüllt mit freier Steigung 
il^r ®ebot. S)er 333iberftreit jttjifd^en SeibenfdE)aft unb ®efe| ift 
gefc^Iid^tet ; bie fittlidie 9?ott)n)enbigfeit ^at gcfiegt. — 2Bie nun, 
unter bem Slnbrange üon 9?ot^ unb Sßerberben, biefe §crftcllung 
im Snnern be§ DrbenS fid) DoQäie^t, tnie biefcr Äampf jn)ifd)en 
$ßflicf)t unb Steigung gefämpft unb tt)ie er entfd^ieben tt)irb, baS 
mar eS, maS @dE)iIIer in feiner Stragöbie jur Slnfc^auung bringen 
moüte. (£in bemunbernömürbiger Sntmurf! SJettJunbern^mürbig 
aud) bann noc^, menn man bei tieferer ©infid)t befennen mufe, 
ba§ bie bramatifc^e SluSfüf)rung beSfelben ben bebcnffid^ften 
@dE)tnierigfeiten unterliegt, benen felbft ein @c^itlerfd)er @eift 
t)ieUeid)t nidjt überall getuadifen tDar. 

Sn ©(^iUerS Söerfen ift eö üieffad^ bejeugt, mie gern feine 
©inbitbungSfraft bei ben rittertidjen ®enoffenfd)aften ücrttjeilte. 



©ctiöcrg ajloltcfer 257 

in toeld^en bic ftrengc Sntfagung be§ Höftcrlic^en Scbenö mit 
beit tl^atfräfttgen ^^ugenben be§ Äriegeö [id^ öcrbinbet. 3)?an 
fenitt ben gel^altteidien Sluffa|, mit tüeld^cm er Sßcrtotö 
©efd^td^tc beg SD?aItcferorbcnö in S)cntf(i|Ianb einführte; man 
erinnert fid^ be^ (Spigramm^, in toelctjem bie SBrüber ber ©d^Iadit 
gepriefen ttjerben, bie jngleid} am Slranfenbette bie niebrige 5ßflid)t 
d^riftlid^er 3)?ilbe Vollbringen*); unb allen ift bie ®eftalt be§ 
Sünglingö gegennjärtig, ber l^elbenmüt^ig ben ©rad^en über* 
toöltigt, aber l^ernadf) ben härteren fi'am))f befte^en unb ben 
eigenen SBiUen bänbigen mufe. ©cf)illerg ®eift toax ftet^ auf 
bie pdjften fittlid)en gorberungen gerid^tet; unb mit biefen 
gorberungen fcf)ienen bie ®e[e^e DerttJanbt, tueld^e über bem 
mönd^ifd)=^ritterlicf)en Staate tpalteten. Ueber bie n)idE)tigften 
ängelegenl^eiten ber ftttlii^en SÄeufd^^eit [oüte ba^er in biefer 
2:ragöbie gleid^fam öer^anbelt njerben, unb befonbcr^ njar ber 
6^or baju au^crfe^en, atö begeifterter Sprecher für ^Religion, 
5ßfli(^t unb ®efe|, in feinen SBorten ha^ Söilb ber ebelften 
9Jienfd[)^eit aufäufteKen, bie reinften* ®efü^Ie tuacfiäurufen unb 
bie ®eifter ju ben ^öc^ften Slnfd^auungen ^inaufjutragen. 

S)er S^arafter beö ©r^abenen mußte burc^au^ in biefem 
SBerfe öorl^errfd^enb fein. S)a§ ber SJlenfd) burc^ rüdEfid^t^Iofe 
Eingebung an feine ^öc^fte 5ßflid)t, burc^ ©elbftaufopferung 
unb ©elbftübertt)inbung ficf) über jebe ©c^ranfe be§ 3rbifd)en 
fiegreid^ ^inauöfcfitpinge, bafe t§^ in feiner SÄad^t fte^e, fid) 



*) 3n bie weniflcn 3cilcn biefeS ßpiörammS, ba§ im ÜHufcn=2lImanacb 
für 1796 erf*icn, ift ber Jin^alt jenes 1792 flcfcfctiebenen Sluffa^eg 
!unftt)oU aufammenQebtängt; ja, bie l^eroorraflenben Sußenben be§ DrbenS 
loctben l^iet wie bort faft mit ben nämlid^en SBorten bcjeic^net. Sie^c 
©cftiaetS SBerfe 11, 314. — 2Bie ©dfeiUer al§ $I)ilofop^ über ben f*tt)ärme« 
*tif(()en DrbenSgeift backte, ber mit einfeitig leibenfc^aftlid^em (Sifer ein be» 
fiimmteg Sbeal ber 58oU!ommen^eit ju bernjirflicben trachtet, ift in ber 
Slbbanblung über Slnmut^ unb SBürbe (11, 366) mit fcfearfen SBorten an« 
gebeutet, ^n roeld^eS SSerl^ältnife ju ben prnttifcfecn (Sefe^en ber SJloral 
biefer DrbenSgeift geratl&en mu6, ^atte ©4iUer fcfton frül)er in ben ^Briefen 
über S)on SarloS on bem ^öeifpiele beg ÜHarquiS $ofa geaeigt. 10, 353. 



258 8wt flaffifc^cn 3«it bcr bcutfcftcn Sitteratut 

bcr §crrfdE)aft bcr finnltd^cn SWatur ju cntiie^cn, jur uitbcfd^ränftcn 
grcil^ctt bcö ©etfte^ öorjubringen unb fi(^ bcn ß^S^^Ö ä^^ 
einem SRetdie f)öl^erer SBefen ju bal^neit, inbem er aUe^ austilgt, 
lüQö t^m t)on irbtfdier Setbenfd^aft unb SJegierbe anl^aftet, bafe 
er burd^ bte Äraft feinet ftttIidE)en SBiHenö jeben SBtberftanb, 
ber t)on au^en bro^t, übertütnben, jeben Eingriff auf feine ©et6:= 
ftänbigfeit jurüdfcf|lagen fönne, — biefe erhabene unb er^ebenbe 
SBa^rl^eit foHte au^ jebem 3;^eile be^ ©d^aufpiel^ ]^ert)orIeud)ten. 
— S)er ©rofemeifter befielet barauf, unb jtüar mit gutem (Srunbe, 
bafe ba^ gort ©t. ©Imo mit unnadigiebiger §artnädRgfeit bi§ 
auf^ äufeerfte öertl^eibigt tüerbe; bie 9Ktter, benen bie ^flid^t 
biefer SBert^eibigung jufäHt, finb einem unüermeiblid^en Unter* 
gange preisgegeben; benn unmöglid) ift eö, ba§ gort gegen bie 
Uebermacf)t ber Spürten auf bie S)auer ju bel^aupten. S^on 
finb bie SBäHe jerftört; fd^u^Ioö müßten bie 9titter fic^ bem 
geinbe gegenüberfteKen. SKan toiberfe^t fid^ bem Slnftnnen beS 
9WeifterS mit Ungeftüm. Slber Sa SSatette be^arrt auf feiner 
gorberung ; bie 9tettung beS DrbenS er^eifdE)t ein foIdE)eö D))fer. 
Tlan toirft il^m entgegen: „SEäir finb ÜRenfdE)en." — „Sl^r follt 
mel^r fein", ift bie Slntttjort beö ©roßmeifterS. Sn biefem 
mäd^tigen 3Sorte ift ber ©runbton beS ganjen SBerfeS angegeben, 
^ie jur SSert^eibigung auöerlefenen SRitter ge^en mit freiem 
.^elbennjiHen in ben Xob. Unb tük in biefer J^ragöbie überaß 
bie SÄac^t ber Sbee gefeiert wirb, fo jeigt fidE) am ©d^Iuffe 
berfelben auc^ nur bie Sbee beS Siegel. 5)aö gort iji erftürmt, 
bie SSertl^eibiger finb bis auf ben legten SKann gefallen. ?lber 
toie ber ^elbentob beS SeonibaS unb feiner ©enoffen bie S8ürg=^ 
fc^aft gab, baß §eIIaS nic^t unter baS Sod) ber ^Barbaren 
finfen tt)erbe, fo eröffnet fid) aud| burd) ben Xob ber SBer* 
t^eibiger Don @t. Slmo bie fid)ere Hoffnung auf ben enblid)en 
Sieg über bie Ungläubigen. S)enn ber ed^te ©eift beS DrbenS 
ift ttjieber aufcrftanben, ftarf unb unübertoinblic^ .... 



©n alter Mffati ^viebviäf ^äfk^els. 

3m btcrtcn SBanbe fetner fämmtüdien SBerfe (2Sien 1822) 
f)at griebrii^ ©diregcl neun Stuffäge äufantntengefteHt, meldie metft 
auf bic Slnfänge feiner Itttcrartfd^en 3;i^ätigfett äurüdtoeifen. 
Sie ftnb unter einanber öerbunben burc^ ben allen gemeinfamen 
SBejug auf ba§^ claffifd)e Stltert^um; il^re SBeftimmung ift, ju 
einer tieferen ©infid^t in bie toeltgefd^ic^tlid^e ©ntnjidlung ber 
©riechen unb 9tömer anjuleiten. 

Sntftanben ftnb biefe Sluffä^e jtDifd^en ©rfjlegefe jtDeiunb* 
ättjanjigftem unb fed^gunbjmanäigftem Sebenöja^re (1794 — 98); 
fie erfc^einen afö Sßorläufer unb ^Begleiter ber jtüei großem 
Slrbeiten, benen er fid^ bantafe toibmete, ber ©djrift „Ueber 
ba§ ©tubium ber griec^ifc^en 5ßoefte" (1797) unb ber „®efct)icf)te 
ber 5|Joefie ber ©riedjen unb 9iömer" (1798), bie nai^ einem 
üielöerl^eifeenben Slnfange nur aHju balb für immer abbraci^. 

3n jenen 2luffä|en geringeren Umfangt äußern ficf| ^tiebrid^ö 
Stuf d^auungen minbeften^ ebenfo beutlic^ toie in biefen umfaff enberen 
SBerfen, beren erftgenannte^ burd^ feine genjagten @ä^e, bie jur 
^arobie ^crau^äuforbern fi^ienen, bem übernjöltigenben SSige 
ber ©c^iHerfc^en Xenien öerfiel. 3ene fleineren Slb^anblungen 
jätllen bat)er ju ben mic^tigften ß^ugniffen für bie Sßorgefc^ic^te 
unb bie erfte 5(Jeriobe ber Siomantif. 

Tlit too^Ibered^tigter Steigung burfte ©dilegel auf biefe 
jugenbti^ften feiner Slrbeiten jurfidtblicEen, ttjetd^e bie in ben 
größeren (Sd^riften niebergelegten fü^neren Slnfid^ten vorbereitet, 
erläutert unb begrünbet Ratten. 9Kan begreift, ba§ er biefen 

17* 



260 3ur tlafftWen 3cit bcr beutf*en Sittcratur 

Srftlingen in ber ©amtnlung fetner SBerfc einen l^erüorragenben 
5ßla^ einräumte unb fte ju einem ©anjen jufammenfteKte. 
STu^ biefem foHte man ernennen, tt)ie frü^ fd)on ber Sänger 
$ßIaton§ nnb SBincfelmannö bamad^ getracf)tet, fid^ bie SBelt 
be^ Slltert^umö in i^rer SBirflic^feit ju üergegentoärtigen. Unb 
in ber %^at genjQl^rt man ^ier menigftenö baö JBeftreben,') 
„ba^ Slltert^um nad) feiner eigenen 3bee ganj fo auf äuf äffen, 
trie eg njirHid) gen^efen ift". 

©^ genügt bem jugenblid)en gorfdier nicf|t, fid^ mit bem 
®eifte Vertraut ju mad^en, ber au^ ben fünftlerifd^en 3;i^aten, 
au§ ben njiffenfd^afttic^en Seiftungen ber Sitten unö anfpridit. 
©ein SBunfcf) unb ©inn reidjt njeiter. @r toiK, burd^ ben 
Slebelglanä ber 3;rabition l^inburd^blidenb, eine beuttic^e 2ln== 
fd^auung t)on ben ß^^f^änben genjinnen, bie ben ©ried^en unb 
SRömer inl tägüd^en Seben, in Staat unb ©efeHfd^aft, in §auö 
unb gamilie umgaben. Sn ben Srfc^einungen, bie er ^ier 
beobachtet, njiK er ba§ SBalten berfetben ©eifte^art erfennen, 
bie fid^ in ber Sitteratur, in SJunft unb aSiffenfd^aft öer* 
fünbigt. @r möd^te mit feinem S5Kdte ba§ gefamte S)afein ber 
Sitten umfpannen unb bie aSec^fetnjirfung jttjifd^en äußerem 
unb innerem, geiftigem unb finntidE)em Seben toal^rne^men. Sr 
ttjilf bie antife SBett ber neueren at^ ein ©anje^ gegenüberftelten, 
in njeldjem fid) alfeö befonbere natürlid^ unb gefe^mä^ig 
äufammenfd^lie^t. UeberaH njill er — fo tautet bie f))äter t)on 
i^m aufgeftellte formet — in ber Äunft ber ©ried^en ba§ 
©d^öne, in bem Seben ber SRömer ba^ ©ro^e at§ ^errfd^enbe^ 
5ßrinci)) nad^tpeifen. 

©0 begegnet un^ benn in jenem Dierten Sanbe ber 333erfe 
eine SRei^e Don Slbl^anbtungen, bie nur i^ren 3;itetn nac^ njeit 
au^einanberäufte^en fdieinen, burdE) ©e^att unb Qtozd unter 
ftdfi berbunben finb. 9?eben 8luffä^en über bie ©ernten ber 
gried^ifdfien 5ßoefie, über ben !ünftterifcf)en SBert^ ber atten 



^) SSorrebe jum üicrten )öanbe bcr SBerfe, ©. VII. 



©n alter «uffa^ JJricbric^ ©Riegels 261 

griec^tfdien Äomöbie unb über bie alte Siegte finben tütr eine 
^iemlic^ ^altlofe Unterfud^ung über bie ©ränjen be^ ©äjönen; 
ber Ueberfe^ung unb Söeurt^etlung ber beut S^ftaö jugefdiriebenen 
epitap^tfd^en Siebe unb ber öon ®ton^fto§ enttt)orfenen Sfiarafteriftif 
be^ Sfofrateg folgt bie ,,tt)eIt^iftorif(^e SSergIeid)ung" jnjifc^en 
Säfar unb 3Kejanber, melcfier einft @cf|iller ben erbetenen $ßla^ 
in feinen „§oren" ftüglicf) üerfagt l^atte. Unb mitten jnjifdien 
biefen Slrbeiten erfdieint ein 5ßoar ganj na^e üernjanbter Sluf= 
fä|e, ber S8etracf)tung ber gried^ifd)en grauennatur gettjibmet. 
®er eine foH un^ über bie 2)arfteIIung ber treiblicfien Sl^araftere 
in ben gried^ifcfien 2)id^tern belehren; ber jnjeite, ber, nad^ 
©d^Iegete eigner STngabe, jur ,,©ittengefd^ic^te be^ toeiblid)en 
©efd^Ied^tö im gried^ifd^en Stltert^um" einen 95eitrag liefert, 
^anbeft über S)iotima. Slfe biefer im fiebenten unb ad^ten 
§efte ber S5eriinifc^en SKonat^fdörift 1795 erfcfjienen n)ar, 
empfal)! i^n Sluguft SBil^elm ber 3lufmerfamfeit @(^itler§ afö 
ba§ Steiffte, tt)a^ fein SBruber big ba^in ^ab^ brudten laffen. 
^riebridE) felbft n)iö ber ©d^rift, inbem er fie an @d)iller fenbet, 
freitid^ nur ein !arge§ Sob gönnen.*) gür jeben, ber baö 
?lltcrt^um in öoKer S)eutlid^feit anfd)auen looKe, ^abe ber ^ier 
bel^anbelte ®egenftanb tooi)l feinen SBert^ ; bie Söe^anbtung felbft 
aber fei alläu ttjeit entfernt öon ber fdjönen gorm, bie f)ier er* 
reid^bar gen^efen, in ber Slu^fü^rung bemerke man Süden unb 
bie Slnorbnung erfd^eine nic^t fehlerfrei. 

9Jiit biefer ©etbftfriäf toar eö tooijl m6)t fo ernft gemeint. 
SBenigftenö ^inberte fte ben Slutor nidE)t, bie üon feinem 2;abel 
fo l^art betroffene ©c^rift bem beutfd)en Sefer atebalb lieber 
öorjufü^ren. Sie erfd)ien im ©efotge ber I)iftorifd^*fritifcf)en 
Söetrad^tung „Ueber ba§ ©tubium ber griedf|ifd)en 5ßoefie," toelcfje 
ben crften SBonb ber „©riechen unb Siömer" jum großen S^eil 
augfüüt. Site STn^ang ift ber Sluffa^ „Ueber bie S)arfteaung 



«) Sricbri* an e*iaer, 12. ©eccmber 1795. $rcu6if4c ^a^rbüc^cr 
IX. 2, 225. 



262 3ut IlaffiWcn 3cit bet beutf*cn Sittcratut 

ber SßJetblid^fett in ben griec^tfd^en S)td^tent" betgegeben, ber 
bann im öierten 95anbe ber SBerfe unter leidet öeränbertei» 
2;itel tüieber jum SSorfdöein fommt. 

SSon ben bi^l^er genannten jugenblid^en Sluffä^en laffen 
ftd) in faft aßen gäöen bie erften S)rud£e nad|tt)eifen. §ier 
aber bient bie Senntnife be§ erften ©rudeö nid|t Uo% jur S8e* 
friebigung ber Sleugier be^ Sibliograp^en ; fie bilbet üielme^r 
eine unentbe^rlid^e Omnblage für bie ©nfic^t in bie (Snt=^ 
tt)id£Iungögefd|id|te beö @d^legelfd|en ®eifte^. S)enn mit aßen 
ßrjeugniffen, bie ber erften 5ßeriobe feiner Xl^ätigfeit entftammen, 
mu^te ber alternbe gricbridi eine Umarbeitung öornel^men, burc^ 
tüetdie il^nen eine fdieinbare Uebereinftimmung mit ben 9ln^ 
fdiauungen, bie il^n nun au§fd|Iie§enb be^errfd^ten, oft gewaltfam 
angeätDungen toarb; bann erft fonnte er fie ber Slufnal^me in 
bie Sammlung feiner ©d^riften tDürbig eradjten. 

©0 tDie fie in ber fpätern ^^ff^^fl crfd^einen, !önnen 
biefe Sluffä^e bal^er nid)t afe unüerfölfd^te ßeugniffe für ßl^arafter 
unb ©inne^meife beö jungen ®d)riftftellerg gelten, ber balb afö 
Häuptling ber romantifd^en ®d£)ar bie neue 'Soctrin öertünben 
foüte. (Srnfte gorfd^er, wie Äob erft ein unb ^a^m, waren 
bemnad^ überaß beftiffen, auf bie erfte gorm jurüdEjuge^en. 
9iur in einem gaüe mußten fie barauf öerjic^ten. ®er Drt, 
tDo bie SBetrad^tung über bie toeiblid^en Sl^araftere in ber 
griedE|ifd§en ^oefie juerft erfc^ienen, liefe fid| nidE|t au^finbig 
mad£)en. 3^^^ befi^en wir ja einen SDrud au^ bem Sa^re 1797; 
aber nadE| ©d^Iegefe eigner Slngabe ^atte audE|' biefer Stuffag 
gleid^ ben übrigen feinen erften 5ßla| in einer ß^^^f^^f* 
gefunben.^) ®g lohnte fid^ bod^ ber SKül^e, biefer erften ©pur 
nad^juge^en. Slber Wo^in foKte man fid^ wenben? SBeber in 
ber „SBerlinifd^en SKonatöfd)rift," nod^ im „3JZerfur'' ober im 
,,3lttifd£)en SJiufeum" fonnte man fid^ 9ftatl^ö erholen. 

©ewiffen^aft, wie immer, betennt benn aud^ ber trefflid^e 



SSö^- l^i« Stil^altlQtigabe üor bem mcrtcn Sanbe ber 3Bcr!e, ®. 10. 



©n alter «uffaj ^icbri* Spiegels 263 

S'oberftein, er fei l^ter rat^Io^; fragtoeife beutet er auf ben 
•Sa^rgang 1795 ber SBerltntfd^en SKonat^fd^rift, ber t^m ntd^t 
jur §anb n?ar, in tDeld^em er aber ben erften 3)rud£ öermut^ete 
(2, 1864). §at)m üermocftte in beut §aupt= unb ©runbtüerf über bie 
romantifd^e ©d^ule (@. 184) eine beftintmte 2tu§!unft ebenfo= 
n)enig ju ert^eilen ; bie SSermutl^ung feinet SSorgängerö jebod) 
!onnte er beftimntt jurüdlüeifen. @ö barf ba^er tüunbernel^men, 
ba% ber Herausgeber beS Ä^berfteinfti^en SBerfeS brei 3a^re 
nad^ bem ®rfd|einen be§ i^m tüol^Ibefannten ^a^mfd^en 95udE|eg 
jene SSermut^ung mit unüeränberten SBorten treulid^ njieber^olt.*) 
Unb ^atte nid^t überbieS ^at)m in feinen reid^^attigen (Sr^^ 
gänjungen unb SBeridE|tigungen einen beftimmten gingetjeig 
gegeben? (£r bemerft (®. 907): auö einem Sätiefe griebridE|§ 
an SBil^elm t)om 17. Sluguft 1795 erteile, jener Sluffag fei 
juerft im (September unb Dctober beö „'©amen^Sournatö" öom 
3at)re 1794 gebrudEt. Slber nad| biefem Soumal fpäl^te §a^m 
»ergebend, unb fo blieb bie gelüonnene 9?otij fürS erfte frudjtlog. 
3Kir tDar eine ju §alle erfdE|ienene „SKonatSfd^rift für S)amen" 
einmal in bie §änbe gefommen; idf) erinnerte mid£) jebod), baJ5 
fie einem frühem Sal^täe^nt angel^örte. 

aSor furjem erhielt man einen neuen SQSinf. SKan üerbanfte 
il^n bem Srieftüed^fel gmifd^en ^ioöaliS unb ber ©d£)legelfd§en 
gamilie.*) Sn einem ©djreiben an griebridi, baS offenbar in 



*) Äobcrftcin bcfennt au6), nid&t ju loiffcn, toann unb loo bie beibcn 
Sonette griebtic^S auf ©amoenS unb Salberon juerft gebrucft loorben 
(3, 23, 47); fein ©erauggeber finbet ficb ^ier gleicbfallS mit il^m in Ucber» 
cinftitnmunö (4/ 745). S)ocb toar ber ^unbort nic^t fo gat abgelegen. 
Wlan btaucbte ficfe nur nocfc bem betannten S)ici&ters®arten ju menben, 
ben ein JBtuber üon ^ovali^, oerftedt unter bem ^Pfeubon^m Sloftorf, 1807 
erfd^einen liefe, ©ort trifft man ®. 18 unb 19 bie beiben Sonette, mol^I 
bie beften, bie griebrid^ je feinem miberfpenftigen S)icbtergeniu§ abgerungen. 
3n ber legten 3eile bei Sonetts auf „ßolberone" finbet fic^ eine f leine SSariante. 

*) 9floüaIi§' JBriefmed&fel mit Sriebri* unb Sluguft SBilbelm, 
ß^arlotte unb Caroline ©d&Iegel. iperauggegebcn oon Dr. S- 2)1. SÄaicfe, 
maini 1880 S. 14. 



264 3ut flaffiWcn 3cit Der bcutf^cn Sitteratut 

bcn ©d^IuB beg Sa^rcö 1794 fäOt, bertd^tet SWoüattg: ,,S)etn 
2luffafe in ber äRonatöfd^rift für^ toeibltdie Oefc^led^t t[t erft 
jc^t ^crau^gefommen." S)aäu liefert eine 9?ote be^ ^erau^* 
jjeberg ben SRad^rociö, ba§ in ßeipjig 1794 nnb 1795 eine 
„äJionatöfd^rift für Samen" erfti^iencn ift. Sr üermut^et, [ie 
enthalte ben erften S)rud£ be^ Sluffa^eö über bie 2)arfteßun9 
ber aSeiblid^feit. SIber er fann e^ nur öermutl^en. 3)enn ba§ 
3ournat toax nid^t ju entbeden. Sogar in ben beiben großen 
Söibliotl^efen ßetpäigö fehlte bie SKonat^fdirift. 

SBoHte man toeiter fuc^en, fo mufete man öor aQem ben 
Xitel in genauem SBortlaute fennen. griebrid^ fpridf)t öon einem 
2)amen*Sournal, 9?oüaIi^ öon einer ÜÄonatgfd^rift furo njeiblid^e 
®ef(^Ied§t. SBelc^er 9?ame ift ber richtige? darüber fottte ic^ 
ettDa im Seginne be^ öorigen Sa^re^ belel^rt merben. Sei) 
blätterte in einem SBudje, in ba^ man nid^t blidEen fann, ol^ne 
eine Heine Sele^rung baöonjutragen. @^ ift ber S5rieftt)edE|fe[ 
jn^ifd^en ®df)ilfer unb Sotta, in beffen erfc^öpfenber ^Bearbeitung 
SBill^elm SSoItmer ein bauernbeä äJiufter für äße Seiftungen 
äl^nlic^er Slrt aufgefteHt l^at. Snbem id) mir einige 2;^atfad^en, 
auf bie äufeere ®efd)ic^te ber „§oren" bejügüdi, toieber üergegen* 
tDärtigen tüoCte, ftiefe id) auf Sotta^ »rief t)om 21.3Rai 1795, 
ber fotgenbe ^iad^fd^rift geigt (@. 90): 

„©d^Ieget l^at öon feiner gött[id)en ßomöbie einen X^eil in 
ber Seipjiger 3)?onatgfd}rift für 3)amen abbrufen taffen, id) 
l^abe bife toegen ber ^oren nid^t gerne gefe^en, ber Beitrag ober 
öielme^r bie §oren Vertieren ettüa^ t)on i^rem SBertl^, tüenn ein 
gleid)er in einem fe^r unbebeutenben Journal fielet." 

2)er ®d)legel, über beffen SSerfa^ren Sotta fidö l^ier be:= 
fd§tt)ert, ift natürlid^ Sluguft SBitl^elm, unb unter feiner „gött* 
ticken Somöbie" ift bie mit (Sriäuterungen begleitete Sßad)bi^tung 
S)anteg ju öerf teilen, bie bem erften Sa^rgang ber „§oren'' jum 
ernften ©d^mude gereidE)te. 

Unb ba^ Sournal, baö tjier f o geringfd^ä^ig ertoä^nt toirb ? 
SRufete eö nid^t ba^fetbe fein, bem SBil^elmö jüngerer SBruber 



@in alter äuffafc gricbri* Scblcßelg 265 

[einen Seitrag gegönnt ^atte? gerner burfte man annel^men, 
bcr Sucf)l^änbler ^abe, genauer afe bie ©d^riftfteller, ben tDtrf* 
tid^en 2'ttel be§ Soumatö genannt. Uebrigenö feilten aud^ 
SSoQmer, tüie feine 9iote merfen tie§, ba^fctbe nur auö biblio* 
gra:t)l^ifti^en SSerjeid^niffen ju fennen. 

9?un tt)anbte id^ mid^ mit ber Slu^fic^t auf beffern (Srfolg 
abermals an bie äRünd^ener §of* unb ©taat^bibliot^e! , öon 
beren ©d^ä^en ber ®ud£)enbe fo fetten unbefriebigt l^intüeggel^t. 
2lföbalb tagen mir öor Slugen bie öierunbjtpanjig §efte ber 
,,fieit)äiger SRonatöfc^rift für Damen".«) 3m Slprit^eft 1795 
finbet fid§ ba^ gragment auö 3)ante^ göttlid^er Äomöbie, ba§ 
ßotta fo ungern bort erblidte.') griebric^ö 9tuffa^ aber ift 
fd^on im erften 3al^rgang (1794) enthalten unb ätt)ar in ben 
^eften öom Dctober unb ^ioöember; ber 2;itet tautet l^icr: 
„Ueber bie tüeibtid^en Sl^araftere in ben gried|ifd^en 3)id£)tern.'' 

S)aö äußere Slnfel^en toie ber innere ©e^att ber ß^tfdfirift 
fd^einen bie 3JZi§ad£)tung einigermaßen ju redE)tfertigen, mit ber 
Sotta öon ber §öl^e feiner Unternel^mungen auf fie l^erabfal^. 
Sie ift ein ©d^öfeting jener SSeiber* unb Ätnber==Sitteratur, 
beren übertt)ud£)ernbe gülle ben ^roteft ber Xenien l^eröortocEte : 

3mmer für SBeiber unb Sinber! 3d^ bäd|te man fdf)riebe 

für SÄänner, 
Unb übertieß bem SKann Sorge für grau unb für Sinb.®) 

•) Seipiig bei SSo6 unb Sompaönic 1794, 1795 je atoölf 3Monat§= 
ftüde. mt S3änb*en. 

') Sic »üfeutiggroelt. 28. ©efanö- <B. 69. Söcfinö ^at biefem 
S5tu(6ftüc! im brittcn Sanbe ferner StuSgabe ©c^legel« ®. 353 ben ge* 
bü^rcnben $Iafc angehjiefcn. @r §attc aber nic^t ben S)ruc! in bcr 3Monat§* 
fc^rift, fonbcrn bie ©anbfc^rift be§ Ueberfc^cr« üor fic^. SieS crgiebt fid^ 
au§ bem Sn^altSoerjeicfeniffc jum brüten 93anbc unb roirb übcrbieS burd^ 
einige ajarianten beaeußt, bie fid^ fomo^I in ber furjcn profaifd&en ©n- 
leitunö als in ben Werfen felbft (14, 17, 73) bcmetlbar machen. 

*) lenion 150, ba§ sufammcn mit bem üor()eröeI)enbcn betitelt ift: 
„Schriften für S)amen unb ^inber." %1. 3£enicn=ÜÄanufcript ©. 133 (unb 
jejt ©Triften ber ®octöe=@efellf*aft 8, 40. 156). 



' " ^ . 



266 3uT flaffif^en 3eit bcr bcutfd&cn Sittetatut 

Site Herausgeber erf d^eittt @ r ti f 1 90? ü 11 e r. gür ben Sefe* 
gefci^mad ber mittlem klaffen l^atte er fd^on mandjeö annel^m* 
bare 5ßrobuct jubereitet.*) Sr burfte fid^ tüo^l einige ®unft 
üon feinen bilbungöluftigen SanbSmänninnen öer)))reci^en. 9Rit 
tDürbiger geierlidifeit begiebt er fic^ anö SBerf. „'^m ©effi^t 
ber innigsten Sld^tung, bie baö tt)eiblid^e @efci)Ieti^t üerbient/' 
tritt er mit feinen ®enoffen öor S)eutfd^IanbS Söti^tern auf, 
benen er monatlid) einige ©tunben ber äRujse nü^Iid) unb 
angenehm au^äufüHen ^offt. SSielfadi, unb ätt)ar nid^t o^ne 
<SJrunb, ftage man, ba§ tüeibIidE|e ®efd^Ied)t lefe ju öiel. SBei 
ber .je^igen Sluöbilbung beö ^öuSlid^en unb gefellftf)aftlic^en 
SebenS fei jebodEi eine lüol^Igeorbnete ßectüre bem grauenjimmer 
unentbe^rlidE|. „Ueberbem", bemerft entpfinbungööoH biefer SBitbner 
beS njeibtid^en ®eifte§, „überbem finb bie SBeiber SKenfd^en.'' 
(Srnft SÄüHer tüiH ba^er il^nen ebenfotDol^I afö ben größten 
^l^ilofopl^en bie ^ftidE|t unb baS 9ted|t jufpred^en, über ben 
3tüed i^reS 3)afeinS, über UrfadE|e unb SBirfung, über SBelt 
unb SSorfe^ung, über ®egentt)art unb 3^^"^^ natf)jubenfen. 
S5ei biefer ernften Sefcftäftigung foHen ,Jid)tt)oIIe ©d^riften'' fie 
leiten. Unb ben SSerfaffern biefer SKonatSfd^rift liegt e§ am 
^erjen, il^ren beutfd^en ©d^tüeftern ju einer f otogen t9of)U 
georbneten Seetüre ju üer^etfen. S)em einen Steile ber 3)ameu 
tPoHen fie erfe^en, tüaö beim frül^ern Unterrid^te öerfäumt 
iDorben; einem anbern iT)ünfd^en fie getüiffe, frül^jeitig ein= 
ge))rägte, aber unter ben raufd£)enben greuben unb ß^^ftreuungen 
ber SKäbcEienia^re tüieber entfallene SBa^rl^eiten in l^eilfame 
Erinnerung ju bringen. ®teid^ nad£) biefer falbungSüoüen Sin* 



^) @cit 1789 ^Qttc et eine bebcnüidfee 5ru*tbatfcit enttoicfcit. SBir 
befi^en au§ feiner ^eber tomantifc^e ©emälbc ber SJorrocIt; ein 93ilberbu(b 
für bie nad^bcnfcnbe Sugenb; einen ^iftorifc^en S3eitraö gur jittlid^en 
6;i^Qrafterifti! bei SRenfc^cn unter bem 3Ramcn gemanbo; Äollmar unb 
^laire, eine mterlänbifc^e ©efc^icfcte; eine 93ibIiotl()et ber grauen SSormelt, 
unb mand&eS anbere, ba§ fcfcon burd& feinen Sflamen bie liUcrarifc^e Slcßion 
t)errät^, ber c§ angehört. (^qI (Soebefe, ©runbrig 2. Slufr. 5, 517.) 



@in altet «uffaj Sticbrid^ ®*Icflcl« 267 

Icitung, bie üon fo tüarmer S^eilnal^me an bcr ®eifteöbilbung 
ber ©amen jeugt, tritt SB. @. 95 e der mit einem Stractat über 
toeiblic^e Seftimmung l^erüor. Sin ®ebi(^t über ben SBertl^ 
beö SBeibeö, ein ©efpräcf) über latente unb 95e[timmung be§ 
3Beibc§, ein gragment über bie tDeiblid^en Oott^eiten brüden 
bem erften ^efte burtf)tüeg einen femininen Sl^arafter anf. 
©iefer tüirb anä) in ben folgenben §eften nid^t üertüifdit. 
©ie bringen eine 3i^f^rift an bie SKütter, eine anti== 
quarifci^e SSorlefung über bie Slugenbrauen ber ©rajien, einen 
85erici)t über bie grauenjimmer^SIrbeiten im fädififd^en ©rggebirge, 
93etrad|tungen über bie @d|tDa^^aftigfeit ber grauenjimmer, au^^ 
ffi^rlidie Säemerfnngen über bie Sl^e unb eine grünblidie @r== 
örtemng beö Unterfd^iebeö ätüifdien fc^ön unb ^übfc^. 

®elegentlid| njirb ein 2luffa§ auö äRöferö „^atriotifd^en 
^l^antafien" eingerüdft. Sin ©rjäl^Iungen ift fein SKangel, 
t^rifd^e Oebici^te feilten nid^t; SB. ginf liefert bramatifd£)e ©cenen 
auö ber ©efc^ic^te 9Sirginienö, ©c^röer eine bialogifierte ,,@e' 
fd|idE)te Vergangener Q^it'', genannt ber äRäbd^enraub. 

Sn ben legten ©tüdEen beö erften Sal^rgange^ fdjeint fid§ 
ber S;on etn^aö ^eben ju njoHen. 3Rit griebridEi ©d^Iegete 2luf< 
fa^ beginnt baö DctoberftüdE; im SRouember finbet fid£) eine 
S^arafteriftif 9tobeö))ierreg, im 2)ecem6er eine Dbe SJopftodEö 
aug ben jüngft erfd^ienenen grammatifdien ©efpräd^en. (Srnft 
SJiüHer haltete nid^t met|r afe Seiter ber 5D?onatöfd^rift; erfe^t 
^atte il^n SB. ®. 83eder, ber für fein „Safdjenbud^ jum gefeüigen 
SSergnügen", fon?ie ^ernad^ für feine „Srl^olungen", bie an* 
gefe^enften ©d^riftf teuer in (Kontribution ju fe^en njufete.^**) 
@o l^atte er benn aud^ ^ier eine ftattlid^e @d^ar i)on 9JZit= 
arbeitern um fid^ öerfammett. Unter SBeipIfe öon SlKännern 
n?ie SBeifee, 2'iebge, Sretfd^mann, SKanfo, Sangbein, äRart^ni* 

*®) S)ie bcibcn genannten petiobifcfeen ©cferiften entQingcn bem ©pottc 
ber lenicn nicfet. ©pätcr l^at ©exilier felbft cS nicftt berfcbmä^t, ba3 
Safcfcenbucti mit einigen !öftlici&en ®aben au^auftatten. (SSgl. ©d^nortS 
„%x^xx> für SittcratuTgef*i*te" 4, 275.) 



268 3ur flnffifcfccn 3^\i ber bcutfcfccn Sittcratur 

Saguna, 95ürbe fud|te er bem Sa^rgang 1795 einen bebeutfameren 
@cf)ait ju öerlei^en. 216er ber 5!Bonatöfci^rtft tt)ar fein längerer 
Seftanb öergönnt. 'Surtf) ben 2^td, bem fie auöfd|Iie§enb 
bienen f oöte, fül^Ite fid^ ber Herausgeber in ber SBal^t ber 2luf= 
fä^e aQjufe^r befd^ränft. 3m SJecember beS genannten Satire^ 
nimmt er öon ben S)amen tDÜrbig unb gemeffen Slbfd^ieb, inbem 
er jugfeid) eine neue „SSiertelja^rSfc^rift für ©tunben ber Sr*» 
£)oIung" anfünbigt. 

3)a§ Seipjiger S5amen*SournaI, beffen ®efd^idEe fiel) fo rafdi 
erfüllten, forbert faft ju einer Sßergleid^ung mit ben §au§== unb 
gamitienfd^riften auf, bie fidi in unferer Qdt fo reid^Iid^ ^er* 
üort^aten unb julüeilen itjre SBirfungen über bie gange Dber= 
fläche beS litterarifd^en SageSlebenS verbreitet l^aben. 5)a§ 
SBeftreben beS tüeibtidien ®efci^Ied^t§, fid| in bie Siegionen l^ö^erer 
Sitbung em^jorju^eben, finbet gerabe je^t grofemütl^ige Unter* 
ftü^ung; e§ toirb gebilligt fetbft oon benen, bie nicf)t jugeben 
mögen, ba§ in frül^ern SD?enfcf)enaItern bie grau ber nja^ren 
SBilbung ermangelt unb bie 5ßflici^ten i^rer (Stellung in §aug 
unb ®efellfd^aft öer!annt ober ungenügenb erfüllt ^abt. SBäre 
eS bal^er gerabe je^t nid^t todenb, an einzelnen Seifpielen |)rüfenb 
nad^junjeifen, burd) tüeld^e SRittel njo^Igefinnte 5!Ränner einft bie 
litterarifd^e SBilbung unferer Urgroßmütter ju förbern badeten? 

S)odf) id^ muß biefer SSerfuc^ung auö bem SQSege gelten unb 
mid) nod) für einen 9lugenblid bem Sluffage jumenben, beffen 
erfte gorm nun enbfid^ toieber anS Sidf)t gebrad^t tt)orben. 

3)ie Seipjiger SKonatSfd^rift für S)amen befi^t, n?ie fid^ 
nun ertüiefen, ein gegrünbeteS Slnrec^t auf ben Üiu^m, ©d^legel 
in ben SreiS ber beutfd^en ©d^riftfteller juerft eingefül^rt ju 
l^aben. (£r felbft giebt an, feine titterarifd^e Saufba^n ^abe mit 
ber Slbl^anblung oon ben Schulen ber griec^ifdien 5ßoefie 1794 
begonnen. ^^) 2)ie „SBerlinifd^e 3JZonatSfd^rift" bradjte biefelbe 



11 



) ©ämratlic^e SBerfc 4, 5. 



ein alter Äuffa^ gricbri* ©c^lcöcl« 269 

im 9?oüember,^*) aber fd^on einen äRonat jubor toax er im 
Seipäiger Sournal aufgetreten. 

®ie ältefte Oeftalt be§ 9Scrfu(f)e^ über bie toeiblidien S^araf* 
tere jeigt nici)t nur beträcf)tlid|e Slbnjeidftungen tion ber gorm, 
toelc^e i^m fci^tie^Iid^ bei ber Slufnal^me in bie fämmtlid|en SBerfe 
ertl^eitt tüorben; eö fteQt fid| je^t l^erauö, bafe ©d^Iegel fc^on 
für ben jtüeiten S)rucl (im Slnl^ang ju.ben 1797 öeröffentlid^ten 
„®rierf|en unb Siömern") tiefer eingreifenbe SSeränberungen t)or= 
genommen. SSir fönnen bie Heine Sti^rift burd| brei t)erfd§iebette 
^Bearbeitungen Verfolgen. ®ine genaue, äße Sinjel^eiten um- 
faffenbe SSergteid^ung mufe ber fritifd^en 9Iu§gabe ber SBerfe 
griebrici^^, bie tüir üon ber näcftften 3^^^^f^ erwarten, öor* 
bel^alten bleiben, ^ier beute x6) nur auf einige umfangreid)ere 
©teilen, bie bem erften S)rucfe eigentl^ümüd^ finb unb in ber 
golge befeitigt tüurben. 

©d^on ift ber ^^fontmenl^ang ätDifd£)en ben beiben Sluffägen 
über ®iotima unb über bie tüeiblidien S^araftere l^erüorgel^oben 
n)orben.^*) S5ort seidEinet ©erleget bie ©teüung unb Sebeutung, 
toeld^e bie grau im gried^ifdjen Seben einnahm; er jeid^net 
Silbung unb S^arafter ber Sürgerin tüie ber §etäre; er t)er== 
gleid^t attifc^e unb borifdie ©itte. ^ier entwirft er baö 
bid§terifd)e ®egenbilb; er fül^rt bie öerfdjiebenen S))od^en ber 
gried^ifc^en 5ßoefie unb bie t)erfdE|iebenen ®id£)tung§formen an 
unö öorüber, um barjulegen, \vk in einer jeben ber fc^affenbe 
SSoIfögeift ober ber ®eift ber einjelnen, i£)r 3eitalter üertretenben 
Äünftler ba^ SBefen beg tüeiblid^en K^aratterg erfaßt unb in 



") 3ft bieg ber felbe Sluffa^;, ben ©exilier, loie er an Körner melbct, 
ocm ©erauSßcber ber „93erlinifcl^en OJlonatSfcbrift" übcriaffen (19. S)ecember 
1794), ober bcaiel)t ficft ©cfeiHerS Sleufeerung auf bie im S)ecember er* 
fdbicnenc Slbl^anblunfl oom äft^etifcbcn 2Bertö ber griccftifd^cn Äomöbic? 
(Auf biefc Ic^tcre, »ie wir jefet lüiffcn. ©iel^e 8Baljcl§ 3Rote in gricbric^ 
©*IeflcI§ ^Briefen an feinen »ruber Sluöuft SBilbelm ©. 187.) 

") ©*IcöcI felbft IS)cbt i^n l&erüor: ©riecben unb SÄömer ®. 304, 
aSerfe 4, 132. 



270 3ut Haffifd&en 3cit ber bcutfc^cn Sittcratut 

finnltd)cr S)ar[teIIung ausgeprägt f)at S5tc ^omerifd^en ©efänge, 
bte atttfd^e S^ragöbic, fotote bte atte unb neuere Somöbie tiefem 
il^m bte 3^9^ h^ ^^^f^^ öerfd^iebenen SBifbern ber btd^tertfcii 
angefd^auten grauennatur. 

Sit ber „TOonatöfd^rift für Tanten" bereitet ©einleget ftd^ 
ben aSeg ju feiner ©arftellung burd^ eine Sieil^e öon SSor* 
benterfungen, bte junt 3;^eit bem Äreife ber Seferinnen gelten, 
üor beut er £)ier auftritt. @r empfiel^lt bie Sefc^äftigung mit 
bem ©eifte anbrer Stationen unb anbrer 3^^^^^*^^ ^^^ ^^^ 
fici^erfte 5!RitteI, bie S)enfart toie ben ®efd^mad£ t)on (Sinfeitigfcit 
5U befreien, fo bafe man fid^ ju einem rein menfc^Iid^en ®efü^le 
ergebt unb ju einem ebenfo geläuterten toie umfaffenben Ur* 
tl^eite gelangt. SluS bem Sonflict ber SÄeinungen tt)irb afebann 
für ben 9KenfdE|en bie bleibenbe SBal^r^eit l^ert)ortreten unb baS 
edjte ®ute unb ©c^öne, baS unberänberlid^ beftel^t, fid^ il^m 
offenbaren. 

3Ran fie^t, ber pfjitofop^ifdf) geftimmte Slutor fdf)eut fi^ 
nid^t, tDeit auSju^oten; aber mit einem fül^nen Sprunge öerfe^t 
er fid^ afebalb in bie 9lä^e feinet ®egenftanbeg. @r fül^rt auS, 
bafe fid^ jener öon i^m angebeutete grofee 3^^^ ^^^^ p^ifo- 
fopl^ifd^en StubiumS ber ©efd^id^te aud^ auf einem IeidE|tern 
SBege vorbereiten laffe. Sine ,,äi^^ anftänbigen Sßergnügen" 
beftimmte Seetüre toürbe l^ier fd£)on förberüd^ eingreifen. 3Äan 
fenne ja ben 9teij treuer ©ittengemälbe, bie, o^ne in§ ©d^ttjer== 
fällige ju gerat^en, bennoc^ betel^ren. „5)ie Seetüre be§ tt)eib^ 
lidien ®efd^Ied)tS" lautet e§ toörtlid^, „fann l^ieröon feine %n^^ 
nal^me machen, n)enn eS anberö audEi feine öeftimmung ift, frei 
unb rid^tig ju ben!en, befonberS über fid) felbft unb feine näc^ften 
unb njid^tigften SJer^ältniffe." 3n einer für 3)amen beftimmten 
Sammlung bürfen ba^er, toie ber SSerfaffer barlegt, ©itten* 
gemätbe beS ttjeibtid^en ®efd^Ied^t§ njo^I einen 5ßla^ finben. Sft 
man nur bei ber 2Ba^I ber Stoffe met|r auf ba§ fc^öne unb 
bebeutenbe afö auf bag neue unb feltene bebadjt, fo barf man 
ben ÄreiS ber ttjeiblid^en Seetüre gar njol^I über bie l^erfömm* 



©n alter 5(uffaJ griebri* ®*lcöcl§ 271 

tid^en ®reitäen l^inauS ertDeitern.^*) Unb tüo bietet fid) ein 
aitäie^enberer ©toff für fotd)e ©cfiilberungen afe im gried^ifd^eit 
Slltertl^unt ? 95et)or er aber barfteQt, toie ba^ SBeib in ber 
^eQenifd^en ^ßoefie erfd^eint, mu^ ©(f)legel bie 3)amen erft in 
ber Äürje über jene^ SSoH unb beffen Sichtung belehren. @r 
fagt ifinen atfo, bie Söilbung ber ©ried^en fei burdf)au§ einfadf) 
getoefen, il^r ®eift l^abe fiel) ganj frei an^ eigener 9?atur ent= 
tDidEelt unb üoHenbet, i^re ©efci^id^te fei bie ©efd^id^te ber menfd§= 
lid^en Statur. 2)ie $ßoefie aber, bie bei i^nen ein^eimiftf) ge* 
toefen, erfd^eine ate ein S^eil il^re^ K^arafterg fetbft, afe tüidEjtigeö 
aBerfjeug il^rer Säilbung unb aU fdjarfer SIbbrudE ber öffentlichen 
Sitten. SSon ber treueften 9?ad^at|mung ber 9iatur fei fie au^:= 
gegangen, um i^re Siid^tung auf bie ©d^ön^eit ju nehmen, tüeld^e 
fie erreid^te, aber nidf)t bewatiren fonnte. 

9tad^bem biefe einleitenbe SSerftänbigung mit feinen 
Seferinnen erfolgt ift, fann ©d^Iegel i^nen feine SKitt^eitungen 
auö bem Steid^e ber griedE)ifd^en $ßoefie öorlegen: er toenbet 



") OJlancfeet Scfer toirb mit bicfen Slcu^crungen nid&t ungern ffiielanbg, 
ungefäl^r gleicfejeitiße, Slnficfetcn über hjeiblid&c SBilbung jufammen^alten ; 
bicfelben finb baröelegt in ber SSorrcbe jutn crften, 1786 erfd&ienenen 93anbc 
ber von Sleinl&olb t)erau§öe0ebenen „S)amen*SibIiotlE)cl"- ®ic finben il^re 
©rfiäujunö in ber oom „Sieutfc^en OJlerfur" öebrac^ten 5lnseiöe beS 
„Öiftorifcöen ealenbcrg für S)amen für ba§ ^abr 1791", in bem ©cbiüer 
Don feiner ©efd&icfete be§ breifeigjä^riöcn Krieges ba§ erfte unb smeite fön^ 
mitt^cilte. ©ruber ^at ba§ wefentlid&e au§ beiben Sluffäjen unter bem 
Sitel ,,SBeibIici&e Silbunß" sufammenöeftellt in feiner 5(u§öabe 2BieIanb§ 
49, 100—118. 3n ber Slnjeige be§ galenberS betont fflielanb bie 5^otb' 
»enbicjfcit, hti „®crmanien§ lödiitxn" SSoterlanb^Iiebe unb mterlänbifd&en 
Sinn burcb eine mol^löeroäblte l^iftorifcfee Scctüre ju medcn unb ju pffeßen. 
Suflleicb bellaflt er, hai, ban! bem täglich june^mcnben SuyuS unb ber 
täglidt abnel^menben aRößlicfefeit, feinen gorberungen im feäuSlid&en ©tanbe 
genua su t()un, ba§ ©eirat^en immer fcfewerer unb feltener merbc. So 
marb üor 91 galten geflagt. SBielanb lä^t in biefen Sluffä^en manches 
SBort fallen, ba§ nod^ für ben heutigen 3^og feine ©ültigfeit \)at unb ben 
t()eilne^menben SJeobad^ter unfrer gefellfcfeaftlid&en Swftänbe au bergleicfeenben 
öetradfctungen anregen mag. 



272 3ur flaffif*cn Seit bcr bcutfcfecn Sittcratut 

fid^ äum l^etoifdien 3citalter unb ju ben §omcrtfd^en ©itfitungen, 
mit beten SBetrad|tung ber Stuffa^ in ben fpätern ©rüden 
beginnt. 

3ln bie 9Kufterung ber ^omerifd^en granendjaraftere reiben 
fid^ auöfül^rtic^ere Slnbeutungen über ba^ ß^^Iter, in tDeld^cm 
bie I^rifci^e 5)id^tung jur SSoIKommenl^eit gebie^, unb jene 
©ried^en, bie frül^er „tüenig mel^r afe Iiebengtt)ürbige SBilbe" 
gelpefen, fidt) mit ertoad^ten ®eifte^fräften ®efd^id£Iid|feiten, 
Äenntniffe, Silbung aller Slrt eroberten. S)ie 6nttt)icttung beö 
©taatöleben^ toarb bon ber gefeUfd^afttidien Kiöilifation begleitet. 
Sn aQem, tDa§ biefem ßcitalter eigentpmlid^ angel^ört, offenbart 
fid) unferm Slutor ,,md(^tige SBilbung unb freunblid^e §o^eif' . 
@r gebenft be^ ^inbar unb ber „göttlid^en" (S>appf)o, bie auö 
einer „großen Slnja^t berühmter ©id^terinnen" l^erüorragt. 
3nbem er ben ^elbentanipf gegen bie perfifdE|e Uebermad^t 
erloäl^nt, ^)reift er bie Stt^enienfer afe ein 9Sotf, „bem an tiefer 
Sleiäbarfeit unb SBirffamfeit aQer menfd^Iidien ^äfte fein 
anbere^ gleidigefommen ift." 2)er errungene ©ieg fteigerte 
i^re jj^ci^eitöliebe unb Sl^ätigfeit jum „erl^abenften ©^rgeij". 
Sn ernftem (Snt^ufiaSmuö, getüaltfamem Streben unb harter 
®röfee üerfünbigte fid§ i^re ®eifte^art. SSor feiner eignen 
))Iö^Iid§en ©röfee fd^ien ber SKenfd^ ju erfdireden. Sluö bem 
®eifte eineg fo(d|en SSoHeö mu^te bie tragifc^e ^unft geboren 
toerben. 

S)iefe gefamten ®rörterungen lüerben unö nur in ber 
3Ronat^fd|rift geboten (©. 18 — 20). SKand^e ber l^ier öor- 
getragenen ®ä^e tourben balb in ber „S)iotima" grünbtid^er 
ausgeführt; mand^e anbere mod£)te ber Sßerfaffer fetbft atebalb 
belädjeln. ©ie üerfdjnjanben ba^er au§ ben folgenben S)ruden. 
2tn i^re ©teOe tritt (®riecf)en unb ^Körner @. 340, SBerfe 4, 
75) ein furjer Stuöfprud^ über bie I^rifd^e Äunft, unb fofort 
tüirb bie 93etracl|tung auf bie Sragöbie ^inübergefenft, bie unl 
baS gried^ifd^e ®tf)öu^eitgibeat beö toeiblidien ßl^arattcr^ 
erfennen lä^t. 



öin oltcr äuffaj gricbric^ ©*lcöcl3 273 

aSaä er ben Samen über Stefd^tjlug unb ©op^ofleg mit^ 
t^eilt, blieb ^crnaci^ im großen unb ganjen unöeränbert.^*) 
3m folgenben jeboi^ toarb bie ©arftellung abermatö um ein 
beträci^tlici^e^ öcrfürät. S)enn urfprünglid^ ^atte ©djiegel, beöor 
er jn ®uri|)ibeö überging, öon ber Oröfee unb ©injigfeit ber 
©o))^oHeifc^en Slunft eine umfaffenbe @cf)ilberung ju geben 
öerfud^t. (Sr btidt auf ben öoHenbeten SKeifter ber attifc^en 
2;ragöbie mit jener unbebingten SBetüunberung, bie er aud^ 
fonft in feinen gleiti^jeitigen ©d^riften fo nad^brüdliti^ bejeugte, 
unb ju tüeld^er er fid§ treulid) befannte bi^ an§ Snbe feiner 
Sage, uadibem er öon fo mand)en ©egenftänben feiner jugenb* 
lid^en SSerel^rung ftti^ ^atte loöfagen muffen, golgenbe @ä|e 
feien l^ier aug faft neunjigiä^riger SSergeffenl^eit tüieber ^ert)or«= 
gebogen : 

,,S)ag |)oetifd§e Sbeat beö tDeibIitf)en Sl^arafterö f)at bei 
ben ©ried^en im ©o^^ofle^ feine SSoHfommen^eit erreid^t. 
©eine SBerfe finb überl^aupt ber ©tanbpunct, öon tüetd^em man 

") 3n ben bciben crftcti Sruden fcfeliefet bie ©l^araftcrifti! ber Sejanira 
mit ben ®ortcn: ,,36t tü^tenbeg 3MitIcib mit ber Sole, toclcfecS balb fc^tecf« 
lieft auf fic fclbft jutücffcfttcn fofl, unb il^r %oh, melcftcr ben tiefftcn ©cftmcts 
mit ber l^öcftftcn 2Bonnc bcrciniöt, gel^ört ju bem, maS nur bcm ©op^otle« 
eiflen ift" — unb in ben 2Berten 4, 7 fg. fiiibcn mir ben Sufa^- nvoa^ 
nur bem 6op^otIeS eigent^ümlicft ift unb ftcft in biefem HRage uon fittlicfter 
©cftönftcit unter aüen alten S)icfttern nur bei i^m pnbct". — 3n ber ftar! 
au^flefprocftenen SRciflung- su ben S^racftinierinnen, bie ficft ber @unft ber 
^P^ilöloöen nur in fleringcm ÜKafee ju erfreuen pflegen, trifft ©cftlegel mit 
©(ftiüer jufammen. S)iefer berichtet an ©oetl^e am 4. 5(pril 1797, er \)abt 
foeben bie >£racftinierinnen mit befonberiS großem ffio^lgefaßen gelefen, unb 
ergebt ftcft bann lobpreifenb über ben Sl^arafter ber Sejanira. ©cbiQer 
empfing au§ einer mangelhaften Ueberfe^ung be§ ffierfeS nur ben ßinbrucf. 
beg großartigen ©anjen, mic ber ©icftter e§ in fd&arfen Umriffen öingeftellt 
ftatte; für ifen loaren bie änftbfee nicftt üorI)anben, auf bie ber p^ilologifcfte 
gorfcfter gerät^, menn er bag einjelne miffenfcftaftlicft erfaffen unb burcft* 
bringen miU. 3u ©cftiUer unb ©d?legel gefeilt ficft al« Sritter ®. ©übern, 
ber in feinem ^ucfte über ben 9BaQenftein (1800) ba§ oielfacft angefochtene 
Srama mit auSjeicftnenber 3SorIiebe bel^anbelt. 

8crna^8, Schriften lU. 18 



274 3ut flaffiWcn 3fit bcr beutf(ften Sitteratur 

aüc übrigen poeäfd^cn SBerfc ber ®riccf)en 6etrad)ten mu^; ber 
3Bert£), ber Sl^arafter cine^ griec^tfd^en S5iti^ter§ tft, fönnte tnait 
fagen, ntc^t§ anberö afö fein SSerl^ältnife jum ©opl^offeg. 3n 
biefcm 90?ittel|)uncte öeretnigt fic^ aöe^, toa^ etnäeln über aQe 
übrigen $ßrobucte ber gried§tfcf)en äWufe jerftrent tft. SBei bem 
©op^offeö mufe man aQental ftel^en bleiben, um ju beftimmen, 
tDie tDeit grieci)ifc^e 5ßoefie überhaupt ober in einem einjelnen 
Stüde ge!ommen ift, unb toie fie fid| ju unfrer 5ßoefie t)er- 
^ält." (@. 103.) 

©0 gelangt @ci)tegel ju bem ^aupttl^ema, ba§ feinen 
titterarl^iftorif(f)en ©tubien bamat^ bie Stid^tung gab, ju ber 
(SrtDägung ber innern ©egenfä^e, bie ben t)erf(f)iebenen Sl^arafter 
ber alten unb ber neuern 5ßoefie bebingen. @inft biefe fel^r 
l^äufig äu einer blofe angenel^men Äunft l^erab ober bient aud^ 
gelegentlich einem pl^itofop^ifd)en 3^^^^^ ^^ bel^auptet jene fic^ 
a(g reine Äunft beö ©d^önen. Seine anbere gorberung at§ bie 
ber ©d^önl^eit braudjt fie anjuerfennen ; biefer gorberung aber, 
bie fid^ auf bas ®anje unb auf bie einjelnen %f)eiU gteidf)mä§ig 
erftredEt, mufe fie aurf) öollftänbig ®enüge leiften. $Radf|bem 
ber 8Iutor bie K^aratter=Sd6önl^eit .al§ „SrfdEieinung ber S£)ara!ter* 
®üte" erllärt ^at, fud^t er barjutfiun, bie ®üte ober SSoüfommen* 
l^eit beö S^arafterö ^abe brei Streite : 3ieidE|t£)um, Harmonie unb 
SBoKenbung. QexQt ein S^arafter bie SSereinigung biefer brei 
Zf)tiU unb toerbe berfelbe äugleid^ üoütommen bargefteHt, fo 
entftel^e ba§ ^öd^fte ©c^öne beö ©l^arafterö. S)iefer ®rab .aber 
fei im ©op^oHe^ erreid£)t ttjorben, unb jtoar fotoof)! in mann* 
lid^en al^ in loeiblid^en S^arafteren.^*) 

'Siefen ctnjaö öertoorrenen 2)ebuctionen, au^ benen aber 
'Cä)tt ©djtegetfd^e Orunbgebanfen £)eri)orfd|einen, folgen S5e* 
merfungen über baö äufeerfte Qki ber fd^önen Äunft, bie fic^ 

") OJlan üergleicöe ben 2lbfci&nitt über ©op^ofleS in ben ©riechen 
unb 5Ri3mctn (®. 144—153) unb ben ©cfelufe bet erften SSorlefunß über 
©efd&ic^te bcr alten unb neuen Sitteratur (SBerle 1, 43—45), wo ©op^ofle« 
als „Sid&ter bcr ©ormonie" gefeiert lüirb. 



ein alter Sluffaß gricbri* ©cftlcßelS 275 

fcinc^ioegö immer mit öoHfommen treuer Sopie ber 9?atur 6e* 
gnügen bürfe. 2tucl^ fie tourben in ben fpätern 2)ruden bi^ 
auf bie le^te ©pur getilgt. SBie mag aber bie ßeferin i)or 
neutiäig Sauren fid| in biefem Sdjlegelfci^en ©ebanfenfreife 
juretf)tgefunben ^aben? 

Sn ber geiftboHen ®ct)itberung be§ Suripibeifd^en Äünftler^ 
c^arafter^ gemalert man feine tüefentlid^en Slbtüeid^ungen unter 
ben üerfd^iebenen 5)ruden.^') dagegen tüurben bie SBetraci)tungen 
über bie neuere Somöbie, bie ben 9luffa^ fd^Iießen, fel^r inö 
Sttfie gejogen. 3n ber SRonat^fdirift ^atte i^nen ©ci)legel einen 
lueitern ©pietraum gegönnt unb fid| über SBilbung unb gefeö* 
fd^aftlirfie ©teHung ber ^etären umftänblicf)er au^gelaffen. 

Unätüeifet^aft gebül^rt ber Slb^anblung, bereu Sn^alt tjier 
flüchtig ffiääi^rt tDorben, unter ben Sugcnbarbeiten ©d^Iegelö 
nur ein befd^eibener ^ßlag. ®erabe neben bem öielfac^ an* 
regenben Sluffa^e über 'Siotima^®) erfd|eint fie nur Mrglic^ 
auSgeftattet, obgleid) man sugeftel^en tüirb, ba^ fie in ber erften 
gorm ein reid^ereö unb üoQere^ Slnfel^en geigt. 3n bem Slreife 



*') fdei ßrroä^nung ber hjeiberfcinblic^en ©efmnunflen beS S)ici&tcr§ 
(»©riechen unb Stbmer" ®. 353 unten) l^atte ©cfclefiel juerft folflcnbe 93e= 
mcrfung einöefdfcaltet: ;,S)iefe ^igentWinlicftfeit wäre an ficfe fe^r unbebeutenb, 
aber bafe überl&aupt bie fcbiJne Äunft in @uripibe§ fic^ fo etnwS erlaubte, 
ba§ ift äufeerft d^arafteriftifd^ unb in ber ganjen ©eftfticöte ber griecbifcfeen 
$oefie beinahe einjia; benn in biefer ift fonft nicbt§ sufättig unb inbioibuell. 
S)er @runb biefel ge^lerS liegt in bem ^beal unb 6l)aratter be§ S)id&ter§; 
benn natürlich mad&te i^n allgemeine ©efe^lofigfeit auc^ gegen feine perföns 

lieben ^igentöürnlicbfeiten nachgiebiger." @§ bieten fic^ mancberlei 

intereffonte SSergleicfespuncte gmifd^en ben frül^aeitigen Änbeutungen, bie 
griebricb ^ier über bie Äunftmeife be§ @uripibe§ giebt, unb bem fcbarfen 
Urt^eil, mit bem Sluguft 2Bill)elm ctma üierjel^n S^^re fpüter in ben 
bramaturgifcben SSorlefungen ben ©id^ter beg ©ippolgtoS faft in bie @eifte§s 
region eine§ ^o^ebue l^erabjubrücten ficb bemübte. 

^') ^n ber Siotima l^atte auc^ SBiU^elm oon {>umbolbt S^eube, 

beffen Sluffäje in ©cfeiHer§ „?)oren" einen gemiffemiafeen Derroaubten 

©egenftanb bebanbelten. (»rief an Äörner, 23. S^oüember 1795 ; Stuficbten 

über Sleft^eti! unb Sitteratur, @. 52.) 

18* 



276 8ur flaffiftften 3cit ber beutfcfecn Sittctatur 

jener jugenblicfieit SBerfud^e bürfte fie fidierüd) nid^t fel^fen. 
@d^on burci^ bie 3Ba^I be^ Stoffel bejeugt @ci)legel anä) i)ki 
feinen frifcl^en felbftänbigen 93Iid£. (Sr tS)at bal^er 9iecf)t, ba§ er 
biefe anfd^inenb fo geringfügige 2lrbeit feinen SBerten fpäter 
einverleibte, üon benen er bod) fo mancf)e toeit gel^altoollere 
unb gtänjenbere ßeiftung feiner frühem unb frül^eften Scil^re un^ 
erbitttic^ auöftf)IoJ5.^*) §luf aöe gäöe Ratten bie S)amen, benen ju 
9?u| unb frommen fie einft gefi^rieben n?orben, guten ®runb, 
fid^ ju freuen, bafe ein ^ü^rer n?ie griebridi ©c^Iegel, beffen 
lebenbige ®inficf)t mit jugenblidier Äunftbegeifterung gepaart 
mar, e§ nict)t öerfd^mäl^te, i^ren ®eift jur 95etrad)tung besJ 
Slltertl^umg anguleiten. 

SBar e^ aber nöt^ig, ja aud| nur ftatt^aft, toirb man fragen, 
für biefe ©c^rift ®cl|legete, beren erfte gorm tüieber aufgefpürt 
tDorben, bie Slufmerffamfeit beö Sefer^ fo lange in Slnfprucf) ju 
nel^men? — So gefc^cil^f bamit auc^ aug biefeht SJeifpiele 
beutlid) erließe, bafe griebricf)^ STrbeiten auö ber erften ©pod^e 
feinet SBirfenö tiur in il^rer urfprünglici^en ®eftalt afö unber* 
fälfd)te 3^W9^^ffc für bie @nttüicflungggefd§icf)te feinet ®eifteö 
gelten bürfen, 6r felbft aber tüar befliffen, biefe ß^ugniffe ben 
^iad^Iebenben au^ ben Slugen ju rüdEen. 

Sinem jeben ©d^riftfteHer, ber fid^ öor ber SKitn^elt in 
üoHer ©elbftänbigfeit gejeigt ^at unb bei ber ^iad^tüelt fort* 
juteben tt)ünfdE|t, ift baö ®tüd£ ju gönnen, bafe er üor bem 
©djtuffe ber Saufba^n in einer ©ammtung feiner SBerfe felbft 
bie @umme feiner ST^ätigfeit jiel^e. Sine foId£)e Sammlung 

^•j 5RatütUc6 mu^te audfc ^icr, loic in allen Slrbcitcn jener frühem 
Sa^te, für ben fpätetn Stucf bec eingelne SBortlaut l^äufiö umgebilbet 
werben. %on ber 9ltobe be§ ^efcb)?lu§ föatb bexmutl^et, ber S)ic^ter 6abe 
in i^r ein 93ilb göttlid&en Uebermut^eS entrpotfen; — fcfeon 1797 toat ber 
SluSbtucf öcmilbett; ftatt be§ „ööttlid&en" pnben ton \)\tx nur einen „er« 
babenen" Uebermutb- 58on ber Slntißone bi^fe c^ in ben erften S)ru(fen: 
^3br ßbarafter ift bie ©öttlicbfeit.'' S)ag roirb in ben SBerfen (4, 79) 
änöftlicb umfcbrieben : „3^r (5:^arafter ift ber einer ipelbin üon flötter= 
^leicber ®üte." 



gin alter «uffo^ fjriebri* ©d&IcgelS 277 

nnrb ein geiftige^ Stbbilb be^ Slutorö, in bem er \xä) felbft mit 
Öe^agen erblicft unb erfennt. 

S^ff^^^flf §erber, ®d)iüer l^aben auf biefeö ®IüdE uerjid^ten 
muffen. SBenn ®oet^e in fpätern Sauren bie ftattlid^e SSänbe= 
rei^e ber Seffingfdjen Schriften überfc^aute, fo bebauerte er ben 
trefflichen, ber einest foldjen 9lnbIidEö nid)t me^r fro^ gelDorben, 
unb banfte im ftitlen bem überlebenben SSruber unb ben 
greunben beö ^ingefd^iebenen, bie forgföltig ju erl^alten ge= 
trad)tet, ma^ ber einjige 5fftann felbft nid^t me^r ^atk fammeln 
fönnen. 

3lxä)t immer jebod^ befriebigt eine 9tuggabe le^ter §anb 
bie gorberungen be^ Sitterar^iftoriferö. S)iefer tüiß überall in 
ba§ ©e^eimni^ be§ geiftigen 3Berben§ einbringen, fo toeit tüie 
e^ fterblidjen Sfugen fid| erfc^Iiefeen !ann. Sr toitl bal^er aud^ 
ben ©c^riftfteüer afe einen ttjerbenben anfc^auen unb erfaffen. 
9luö ben ©djriften felbft toxSl er ba§ ®efe^ erforfd^eu, nad) bem 
bie Slu^bilbung i^re^ Url^eber^ fid) uoCjog, er toill biefen burd) 
alle 3BanbIungen feinet ®eifte§ ^inburd) begleiten, unb bie 
©d^riften foüen fidj babei atö bie juüertäffigften gü^rer 
ben^äliren. ^urj, ben tüiffenfd)aftlid)en Qto^dm be§ Sitterar* 
^iftorifer^ entfprid)t nur eine foId)e Slu^gabe, in ber bie 
Sdjriften jugleid) ate Urfunben für bie ®efd)id)te be^ Slutor^ 
be^anbelt toerben. 

S)er Slutor inbefe tüirb meift ju einem burdt|au§ anbern 
SSerfaljren geneigt fein. @r tüiH in bem ®anjen feiner ©dEjriften 
bie (ginl^eit unb ©anjtieit feinet 3Befen^ äur Slnfd^auung bringen 
unb ben 3wf^"^"^^^^^^^9 ^^^ ^^^ golgerid^tigfeit feiner S8e= 
ftrebungen bart^un. (Seinem 2öunfd)e gemäfe foll bie ©efamt^eit 
feiner Seiftungen beuttidti mad^en, nid)t tüie er tüarb, fonbern 
tu a ö er geworben. S^m liegt baran, ba% jebe^ Sluge ba^ 3^^^ 
er!enne, ju bem er gelangt ift unb an bem er au^ru^t. (£r 
fü^lt nidtjt bie SSerpflidtjtung, äum frommen fünftiger gorfdtjer 
aud^ bie ^fabe nadtjäuttjeifen, bie il^n bort^in geleitet. Site bie 
Sorberung erfjoben marb, ®oet^e möge feine 33Serfe in d^rono== 



278 3uT flafftWen Seit bcr bcutfcfcen 8itteratur 

logifdier ^olge borlegen, erflärte fid^ biefer mit Sntfd^iebenl^eit 
gegen ein berartigeö Slnfinnen; er berief fid^ barauf, ba^ bie 
äReJ^rja^I ber Sefer bie ©d^rift unb nic^t ben ©d^riftfteHer 
Derlange.^*^) Unb tüer möchte benn einen 3(utor, ber für fid^ 
unb baö feinige bie öerftänbnifeuolle J^^eilnal^me ber 9Rit* unb 
9?ad^Iebenben forbert, tüer mödjte il^m ba§ SSerfügung^red)t über 
feine Slrbeiten beftreiten ober befdjränfen ? @r barf , ja er mufe 
fidE) üerftatten, bie SßorfteHung, bie er t)on fidj unb feinem S^un 
im ®eifte trögt, aud^ burd) bie Ert, ttjie er enbgüCtig feine 
©d^riften orbnet unb be^anbelt, gum beftimmteften Slu^brudE ju 
bringen. Sr tüirb ©rjeugniffe, bie burd^ toeite 3^itftredEen bon 
einanber abftanben, nadj innern Söejügen in eine ununterbrod^ene 
^Reihenfolge bringen; er tt)irb mandE)e§, toa^ \f)m auf einer 
frühem ©tufe feiner 3(u§bilbung gelungen, nad) ®runbfä^en, 
bie er fid) fpäter auf einem ^öl^ern ©tanbpuncte angeeignet, 
öerbeffern ober t)on innen ^erau§ umgeftalten. Sl^n braud£)t e§ 
nid)t ju fümmern, ba^ burd^ fold^e Umgeftaltung bie ©d£)rift 
eben ba§ Gepräge einbüßt, baö aU ^iftorifd)eö 9J?erfäeid^en bem 
Kenner befonber^ midjtig fein mufe. @o mag eö gefd^e^en, bafe 

«°) SKotöenblatt 1816. ^x. 101. 26. Slpril. Ueber bie neue S(u§= 
flabe ber ©oet^efcben 2öer!e. S5gl. ®oetl&e§ 2Ber!e (6ottQ 1819) 20, 391. 
S)iefer Sluffa^ enthält einige ber roid^tiöften ^Inbeutungen, bie ©octl^e jemals 
über- ben (Sang feiner IBilbung unb bie %xt feiner S^^ötigfeit gegeben. @r 
blicft auf bie bamal§ eben boüenbete 5(u§gabe ber (BcfciUerfdben SBerfe, für 
bie Körner eine c^ronologifdbe Orbnung geroäl^It f)atte. ©iefem SSorgange 
au folgen, le^nt er ah. Unb marum? (Sr antwortet überjeugenb: „53ei 
einem fe^r weiten @efic^t§treife ^atte ©cfciller feinen 2lrbeit§!rei§ nicfet über- 
mäßig au§gebel)nt. S)ie ßpocfcen feiner ^ilbung fmb entfcbieben unb beut* 
lic^; bie 2öer!e, bie er ju ©tanbe gebrad^t, mürben in einem furjcn ^tiU 
räum boHenbet. ©ein geben war leiber nur ju furj, unb bet iperauSgebcr 
überfaf) bie noübracbte Söal)n feinet äutorg. Sie (5Joetl)efd&en Slrbeiten 
hingegen fmb ©rjeugniffe eine§ Slalente§, ba§ fid? nid^t ftufenroci§ cntmicfelt 
unb aud^ nicfct umf)erfd&tt)ärmt, fonbern gleid&^eitig, au§ einem geroiffen 
9JlitteIpun!te, ficb nacfc aUen Seiten ^in oerfucfct, unb in ber S^äl&e fowo^I 
loie in ber gerne ju roirfen ftrebt, manchen eingefcblagenen SJeg für immer 
berlftfet, auf anberen lange befjarrt" 



Sin alter Sluffa^ SrieDrid^ ©d&legelS 279 

felbft ein Slutor, ber bie rebltdie 3Ibficf)t Ijegt, fid^ üoQ unb 
gattj betn Solide ber 9tad)tt)elt barsufteÖen, aB ©aminler nnb 
^eran^geber feiner eignen 3Berfe bem fpätem gorfc^er fein 
©enüge tl^ut. 333ie ernftlid^ ttjaren SBielanb unb ©oetl^e bemül^t, 
in abfdjlie^enben (Sammlungen ben Sn^alt i^re§ Utterarifd)en 
SebenS bor un§ au^jubreiten I ^eute jebod^ ttJä^nt niemanb, 
burd^ bag ©tubium biefer Stuögaben allein jur gefd^idjtlid^en 
6infid)t in ba§ S33efen unb 3Berben SBiefanbö unb ®oeti)eg Dor- 
bringen ju fönnen. 

©ne bebenüid^ere ®efa^r aber bro^t bem gorfd^er bon 
fold^en ©d^riftfteüern, bie in il^ren Slu^gaben le^ter |)anb bon 
gehjiffen ^erioben il^re^ £eben§ unb SBirfenö lein aHju beut== 
Iid^e§ Söilb überliefern ntöd)ten, um nidtjt in einem aUju fdtjroffen 
3wiefpalte mit fid) felbft ju erfd^einen. @ie laffen unö nid^t 
nur unbefriebigt, fie leiten un^ irre. 

griebrid) @dE)IegeI getjört ju biefen ©d^riftfteHern. 91I§ er 
jur Sammlung feiner 323erfe fdjritt, tnar er jum ®egner feiner 
eigenen 9SergangenI)eit geworben. ®r burfte fid^ laum jumut^en, 
fie unbefangen ju beurtl^eilen ; er burfte nid^t tnünfc^en, ia^ Sln= 
beuten aÖer feiner jugenblic^en X^aten aufäufrifd^en. 9luf 
mandEje feiner frül^ern Slrbeiten fonnte er nur mit SKifebel^agen, 
ja mit ®d)eu jurüdbliden. S)ie einen mußten i^m burd^ i^ren 
Sn^alt jum Stergemife gereidjen; bei anbern mußten ifim gorm 
unb 3lu§brud öertoerflid) erfd^einen. Qu greQ tt)iberfprad^en fie 
ben ©efinnungen, bie er nun be!annte unb für tt)e(d)e bie 
©efamtauggabe ein bauernbe^ ß^^S^^fe ablegen foßte. S)iefer 
fd^neibenbe 3Biberfprud^ liefe fidt| nid)t au^gleidtjen. S)ie öer- 
tuegenen ©pröfelinge feinet 3ugenbgeifte§ ttjaren aud^ burd) bie 
fd^onungölofeften Umbitbungen unb 93erren!ungen nidt)t ju 
jo^men. S)a blieb feine S33a^I. Sie mußten gänälid) au§^ 
gefdjieben, i^r Slnbenfen mufete, tt)o möglidtj, getilgt n)erben. 
Unb fo bermiffen Ujir benn in ber Sammlung ber @d)riften 
eine beträd^tlidEje ßa^I gerabe berjenigen Slrbeiten, mit benen 
griebrid^ einft am fedften in bie litterarifd^e SSetüegung ber 



280 3"^^ flaffifc6en 3fit bcr beutid^en Sittcratur 

3eit cittgegriffen unb bie unö jene bornel^mftcn Sl^araftetjüge 
be§ tüerbenben SRomantiferö in fdjärffter Stuöprägung geigen. 
SBir üermiffen bie Beiträge ju 9fiei^arbt§ ,,S)eutfd)Ianb" (1796) 
unb jum S^ceum bcr „fdjönen fünfte" (1797); toir üermiffen 
bie 9iecenfion beö Don 9?iet{|amnier l^erauögegebenen ptiilo- 
fopI)if(^en SournaI§, fortjie bie Fragmente, bie bem ,/ätf)en&nm" 
bie ftarfe SBürje ert^eilten; unb öergeben^ fud^en Ujir narf} ben 
gel^altöoHen Stuffä^en, bie ben breibänbigen Slugjug au§ ßeffing^ 
©d^riften begleiteten. Slßerbingö l^at griebridi bie ©antmlung 
feiner 3Berfe unterbred)en muffen; njüre fie aber oud^ narf} einem 
urfprünglid) feftgefe^ten ^lane t)on i^m ju ®nbe gefül^rt Sorben, 
fo l^ätte er e^ bod^ faum über fid^ t)ermodE)t, ben SSann ju löfen, 
ber auf biefen Verpönten Srjeugniffen frül^erer Saläre laftete. 

®o graufam ging er gegen fid) felbft ju SBerfe. Slber 
bamit tüar ba^ Tta^ nod^ nid^t erfd^öpft. 

Siic^t alle§, tt^ag er aU Unbefeljrter gefd^rieben, fonnte unb 
njoßte er ber SSergeffen^eit anl^eimgeben. Unb bodE) geigte aÖeS 
bie milfälligen ©puren feiner frül^ern ®eifte§art. Um biefe 
nun JU t)ertt)ifd^en, entfd)Io^ er ftd§ ju einem grünblid^en 
Sfieinigung^öerfal^ren. 

Sebeö SBort, ha^ einem ängftlid)en, argtt)ö]^nifd|en ober 
böswilligen ®emüt^e Slnfa^ gu SKi^beutungen geben fonnte, 
marb gemilbert ober burd^ eine öorfidjtige Slaufel unfc^äblid^ 
gemad^t. Sr, ber fid) el^ebem barin gefallen, burd§ !ü^ne 5para== 
bojen unb fd^arftönige röt^felDoEe @ä^e ben 2efer ju fpannen, 
IierauSjuforbern ober ju üertnirren, er trad^tete nun batnaä), 
aßeS JU erKären, ju begrünben unb ju begrenjen. (£r miH 
feinen ®l'auben§brübern jeben Stnftofe au§ bem 323ege räumen; 
er tüiU für feine fpäter gewonnenen Slnfic^ten fdjon bie frül^ern 
©Triften geugen taffen unb audt) über biefe ben milben ®Ianj 
religiöfer 9Ser!(ärung ausbreiten. S)urd) übertriebene S8e{|utfam=^ 
feit raubt er feiner SRebe bie @d)ärfe unb einbringtidEje SSeftimmt* 
^eit; er öerlei^t i^r bafür eine gebunfene güHe, bie befanntlic^ 
nid^t auf ©efunbl^eit beutet. ®r ^^ertiüCt unb öertufd^t; er 



@in alter Huffa^ Stieb rid& Scfelegelg 281 

dnbert baö SBort unb fud^t audE) ben @inn umjubeuten. Siad^- 
bem er biefeö Sßerfal^ren mit einer 95e^arrlid)feit angetoanbt, 
bie balb ©taunen, balb SRitleib erregt, feiert er fc^Iie^Iid^ bert 
traurigen Xriuntj)^, ben alten ober öielmel^r ben jugenblid^en 
griebrid) ©d^Iegel aug feinen eigenen ©d^riften l^inauögetrieben 
ju feigen. 3Ber alfo in ben /ämmtlic^en 3Berfen ben edjten 
Jejrt ju befi^en njäljnt, tüirb 6iö ju gänjlid^er 95errt)irrung ge- 
täufd^t. Saum ift e§ ä(tern Sitterar^iftorifern ju öerargen, 
bafe fie biefer $:äufd^ung herfielen unb i^re Sefer in biefelbe 
l^armloS l^ineinjogen. 

®d)on t)or meljr afö jtüölf 3ci^ren tt)ieö id) nad)brüdEIid^ 
ouf ba§ SSerpftnife ^in, ba^ jttjifc^en ber urfprünglidien unb 
ber geföuberten gorm ber altern 2lrbeiten griebrid)^ obtüaltet. 
Sd^ öerfudjte an mehreren einIeudE)tenben Söeifpieten jeneö 
Sßer^ältnife barjulegcn. ^inbeutenb auf 95öding§ SSe^anbhmg 
ber ©d^riften Sluguft SBill^elmö äußerte id^ ben SBunfdtj, aud| 
für J^riebric^ möd^te ein Herausgeber erf teilen, ber mit ber 
gleidEjen geujiffen^aften Strenge unb tt)iffenfdt|aft(id^en 9J?et^obe 
feineg S(mteS toaltete.^^) 3Rit gutem gug.burfte id) bie gorbe- 
rung auSfpredjen, bal^ ber junge griebrid^ ©d^Iegel für bie 
Sitteraturgefd^idjte lieber getüonnen U)erbe. 

^a^m ^at in feiner „Siomantifd^en @dt|u(e" aUeS, tt)aS jur 
ftaren (Sinfid^t in JJi^iebrid^S 93ilbung unb in bie erfte @pod)e 
feiner "S^ötigfeit bienen fann, fo genau unb grünblid) erörtert, 
toie eö fid^ mit bem ®efamtämede feiner umfaffenben ®ar= 
fteQung nur irgenb ju vertragen fdtjien. 33SiI^eIm ®iltt)el) ^at 

^^) 2lllerbin0§ jeigt aucfc biefe Sluggabe, beten 3JiäuöeI un§ oHma^Uc^ 
immet fii^Ibatct toetben, beflagenSwett^e Sücfen. Oetn fönbe man bott bie 
SBeiträge ju tJtiebticfeg „Seutfcfcem OJlufeum" üoUftänbig gefammelt, foroie 
bie Äuffä^e ber Snbifd^en 93ibIiotl()e!, untet bcnen bie meifterlic^c Slb^anb« 
luiiQ „8ut ©efcfcicfcte be§ @Iepl)antcn" befonbet§ bemctfenStoettt) l^etüotttitt. 
3cb batf aud& rool)! an bie ftü^jeitige 93eutt]^eilun0 be§ 93ütgetfd&en ^o^en 
2iebe§ etinnetn, bie id^ juetft al§ ^luguft 2BiI]&elm§ 5(tbeit nad^gewiefen. 
Unb roic manc^e§ ^Insie^enbe liefee ficfe nod^ au§ ben Ijanbfd&tiftlicfc et» 
^altenen SSotlefungen fleroinnen! 



280 3ur flaffifc6en ^ * ^.t/mtut 

3ctt cingr* * ^^^"1^'^^ teid^ftcn unb tiefften 

bc§ tocrt .^ V. '-•^"'*''!^^^ rühmen tonnen, ba^ öilb 

SBir üer " . ., v'.i^^^'J/t'eÄric^^ in f^arfen Untriffen 

unb äu ' . ' ^''^^'^''''f^^^^^' ^^^^^ gorberung aber ift 

bie SF ■• ■■;;^-'^;-'Ji'^^^^ 

j:op^i * . '\ i'^'^fijiit öerftärftem Siad^brude roieberljolen. 

bie . ,.V^')^f^ $öff^"' ^^fe ^^^ ^^^^ Dergeben^ laut 

gef V*'^'^^"^// 5ö^Q^^^^ ^^^^" ""^^^^ litterar^iftorifd^en 

^ » • y /»•/^'^ afu^breitung mdd^tig gett)onncn, in i^rem 

i -ivfff ifliä) i>^^ lüiffenf d&aftlid)e ©ruft jur unbeftrittenen 

^^iii ''^ *"', ^^/; mag man l^ie unb ba nod) einige Unfid^er^eit 

jyf^^^ ^ eiibunä ^^^ toal&rl&aft {jiftorifc^en SRetl^obe fpüren, 

,7/ ^'' * .^ ntemanb mel^r bie unerläfelid^e Siotl^toenbigfeit 

(0 ^t^hobe fefbft ju leugnen. Unaufl^örlid^ ift man befliffen, 

'"^'^'^^v^if CueHen aufjubedfen unb au§ juf d^öpf en ; t)on allen 

luirb ba^ ur!unblitf)e SWaterial in fd^toer gu betoältigenben 

^ikn herangeführt: e^ foH ber gorfd^ung neuen eintrieb, ber 

natfteÜ^^Q bie juüerläffig bauernbe ®runblage geben. ?IIIe 

.^^geren ©enfmöler älterer Sitteratur^Spod^en tüerben un^ 

t)et '3t^^¥ "^^ ^" erneuerten 5)rudEen auf baö genauefte Ujieber* 

negeben; feltene ©djrifttüerfe beö fedEjse^nten , fiebjel^nten unb 

ad^tjel^nten 3a^rl|unbert§ toerben bequem erreid^bar. S)a foßte 

man aud^ nidjt länger jaubern, bie unöerfälfd^ten Urfunben jur 

@efd^id)te unfrer neuern Siomanti! tüieber an§ SidEjt ffi jiel^en 

unb für ben gorfd^er bereit ju legen. Qn ben tcid^tigften biefer 

Urfunben aber jäl^Ien tüir mit 9ted)t bie ©d^riften be^ jungen 

griebrid) @d)legel. 

SSor allem rid)tet fid^ unfer SSerlangen auf eine mit j)f)iIo* 
logifd^er (Sorgfalt ^ergefteüte Sammlung aller berjenigen altem 
Wrbeiten, benen griebrid) fpäter einen 5ßla^ unter feinen aSerfen 
uerfagen mufete. §ier l^ätten tvxx bie Srjeugniffe ettDa eine« 
Sa^rse^ntö beifammen (1795—1804). 2)er gorfdjer fäl^e ^ier 
mit Söetiagen in dtjronologifd^er golge foftbare ©ocumente an* 
einanber gereift, benen er bi^^er üergeben^ nad^fpürte ober bie 



@in alter Sluffa^ Stiebri« @*leflcl§ 283 

er au^ ber 3c^fti^c"^J^9 mülifam l^erbeifdjaffen mu^te. 323er 
über, ol^ne (itterartfd)en Qto^d^n nad^äugel^en, im SSerfel^r mit 
einem bebeutenben ©djriftfteQer feine 9lnfd)auuttgett beleben unb 
feinen ®eift erfrifd)en toxU, ber mag jut)erftd)tlid) ertüarten, I)ier 
eine öielfac^ reijenbe ©eifte^unterl^altnng jn finben unb mancf)e§ 
äu üernefimen, toa^ fein ®ebanfenleben in erfrifd^enbe 93ert)egung 
fe^en mufe. 3Kan t)ergegentt)ärtige fid^ ben ^ni)ait einer foId)en 
Sammlung! 9?eben ben S^arafteriftilen gorfter^ unb 2efftng§ 
bie Fragmente! Dber neben ben Stuffä^en über Sonborcet, Sant, 
^erber, ©djloffer, ®d|Ieiermad|er, über ©djiHerö äRufenalmanad^ 
unb ^tietl^ammer^ pI)iIofop^ifd)e^ Sournal bie Siecenfion be§ 
3acobiftf)en S33oIbemar, ba^ föfttidie 9)Zufterftüd einer Söe== 
urt^eilung, bie burdj alle blenbenben füllen l^inburd^ in ba§ 
innerfte beg 2Serfe§ unb t)on ba in ba^ innerfte be§ 2(utor§ 
fiegreid^ t)ernid|tenb einbringt.^ ^) Sielteidit fänbe man e§ nad^ 

*^) S)ie Sejer ©dbeHingg roiffen, roic crbarmunfl§lo§ ber $^iIofopl^ 
tioc^ im Saläre 1812 bicfe Kecenfion geflen Sacobi jur ©eltung brachte. 
S)a l^ier einmal griebrid^g ältefte 5(rbeiten jur Sprache fommen, fo fei 
boc^ eine§ S3riefe§ oom 7. ^pril 1797 Qebad&t, in bem ber junfte ©d^rift» 
fleHer ber „fo foliben unb glnnjenben" ß^ottofd^en 93uc6l)Qnblung eine 
©ammlung p^ilofop^ifd^er 5(uffä^e jum SSerloße anträgt. 21I§ bie beiben 
tüid&tigften 2lb^anblungen bejeic^net er: 1. r/Äant§ ©c^/reibart. (Segen 
Älopftod"; wag ber 5litel angiebt, fei aber nur SSeranlaffung; ber Snl&alt 
»ütbe eine l)iftorifd^e Sl^arafteriftif be^ Äantfc^en ®eifte§ fein, bie auf 
biefem ffiege nocb nie uerfudbt toorben (ügl. bie Pon SBinbifcfemann l^erauS» 
gegebenen Supplemente ju ©dblegelS 2Ber!en 4,411); 2. ^^Ueber ben (Seift 
ber gidjtefcben 2Biffenf4aft§Iebre" (bgl. Supplement 4, 420). gerner 
tooüte er eine „©^arafterifti! ber ©ofratifd^en Sronie" unb bie fcfcon fle= 
brucfte Kecenfion be§ 3BoIbemar, jebodb nic^t o\)m SlenberungeUr in bie 
©ammlung aufnebmen. Seine Sluffä^e, fo berfic^ert er bem SSerleger, 
foHen nic^t au benen geboren, bie fo leicfet unoerfauft liegen bleiben; er ift 
uielmel)r überjeugt, bafe fie aucb bei bem großen Siublico ©enfation machen 
toerben; ^at er bocb fein 3}löglic^fte§ getban, ben 5(u§brucf nicbt nur fo 
leidbt, fonbern audb fo untetbaltenb unb roijig su bilben, mie in feinen 
Gräften ftanb. SaS (Sanje biefer 5luffä^e foU an Popularität alleS über» 
treffen, roa§ nod) über bie fritifd^e 5^l)ilofopbie gefcbrieben loorben. Seine 
iBefäl)igung für ba§ pbilofopl)ifd&e %a6) fann, roie er meint, bie SRecenfion 



284 3uc tIaffiWen S^it ber bcutfcfccn Sittetatur 

einiger Srtüägung nidjt unangemeffen, biefer glänjenben SRei^e 
jugenblid^er StaftftüdEe bie Stecenfionen an^ ben ^eibelberger 
3al)rbüd^ern folgen ju laffen. 5)urd^ biefe jie^t aöerbing^ fd)on 
ein anberer ®eifte§^auc^ , unb ber bon ber UeberntadE|t be§ 
Satl^olici^muö fd^on ganj l^ingenommene Stomantifer mu^ in 
anbem Jonen feine Ueberjeugungen öerfünben ober anbeuten. 
Slber ©c^arffinn nnb SBi^ finb bei i^m nod) unüerf el)rt ; ber 
Slu^brudE öermeibet bie ©d^roff^eiten be§ frül)ern ©tifö, o^ne 
bod) In bie jerfloffene SBeid^l^eit beö fpätern ju gerat^en; unb 
nidjt iu t)er!ennen ift ber Srnft einer ©efinnung, bie burrf} ba§ 
Unglüdt beö SSatertanbeö gleidifam neue Äraft gewonnen ^at. 
SWir ift ^ier bie STnjeige ber Sßorlefungen 3lbam äRüÜer^ jumeift 
gegentüärtig (^eibelberger Sa^rbüd^er 1808 @. 226—244). 
S)ort njirb ber öegriff einer öermitteinben unb üerföl^nenben 
^txt, bie SWüQer jur I)errfd^enben ®eltung bringen tcoUte, afö 
^o^t ober öerberblid^ mit Dornel^mer Sronie jurüdEgettjief en ; bann 
aber tüirb, im §inblid£ auf bie gro^e Qdt unb ba§ felbftgefäüige, 
ben ernften §Iufgaben be^ SSoßeö abgetoanbte litterarifd^e J^reiben, 
bie ergreifenbe SKa^nung au^gefprod^en , öon ber äftljetifc^en 
"Träumerei unb ber gormenfpielerei fid) lo^jufagen unb ben 
@inn nad^ oben unb in bie $;iefe ju rid^ten. griebrid^ giebt 
un^ ba 3Borte ^u üernel^men, tvk fie ein 'J)eutfd)er ju jeber 
3eit feinem SSoHe jurufen barf: „3KödE)ten bod) unfere Sanbö* 
leute, befonber^ bie t)on ber je^igen jüngeren ®eneration, nid^t 



t)c§ 9^ietI)Qmnierfc6cn ?|OutTtaI§ be^cuöen; er irünfd&tr bafe ein gefc&macfbDÜer 
Sreunb ber $^ilofopl)ie, toie etwa ber ©ofratl) ©dbiller ift, um fein Urt^eil 
befragt werbe. Sufl^cic^ bemertt er. ba6 er fcfeon cor ac^t Saluten ^antfd&e 
^^ilofopl&ie ftubiert unb fie feitbem nie au§ ben klugen uerloren l^abe. 
©d^Iiefelicl) rücft er mit einer 93itte l)exa\x§, bie für bie Kenner feiner nod) 
erhaltenen 93riefe an ßotta unb SJeimer nid&tS überrafcfeenbeS bat: er 
njünfc^t, ber SBerleßer möge il)m al^balb jroölf big fiinfje^n ßoui^borl auf 
t>a§ i>onoxax abanciren. S)a§ Unternel^men, üon bem griebrid^ l^itx fo 
juberficbtlicfc rebet, blieb unau§öefül)rt, wie fo mand&eS feiner litterartft^en 
^rojecte, non benen er in ben I)äufigen 9Jlomenten be§ (^clbbebürfniffeS 
feine SBerlegcr anmut()ig lodenb ju unterhalten pflegte. 



©in alter Sluffa^ griebri* ©Riegels 285 

burtf) ein falfdjeg ©treben nad^ Uniöerfalität unb öielfeitiger 
Söilbung herleitet, fo oft bie eigentlidje Siatur unb ben Söeruf 
beö S)eutfc^en üerfennen! SJiid^t in ber SKitte, nodj auf ber 
Dberfläd^e ift bie ©pl^äre beö beutfdjen ©eifteö, fonbern bie 
Siefe ift feine eigentlidtje 9fiegion, in ber t)on jel^er er l^errfd^t 
unb aUe anberit fiegreid} ju übertreffen öerntag." SSerbient 
©d^Iegel nic^t, ha^ toxx ha^ ©ebenfen fold^er SBorte unb ®z^ 
finnungen erneuern? 

§aben toir nun eine fold^e ©ammlung erft in Rauben, ^^) 
bann niufe autf) ber anbere SBunfcf) SSefriebigung finben, ber 



^') Siefcr Sammlung müüte aucfe ba§ ©ebid&t ipcrfulcS SKufageteg 
cinüerlcibt locrbcn, unb stoar in ber iJorm, in ber e§ suerft am ©c^Iuffe 
be§ 3luffa^e§ über Seffmg erfc^ienen ift. (S^orafteriftifen unb Äritüen 1801. 
S5b. 1, 271—281.) ©cfton in ber erften ®eiamtau§öabe ber ©ebid^te (1809) 
©.246 — 250 roarb biefe bibaftifcfee Plegie mit ^ßeränberungen auggeftattet, 
welche burt^ bie ueränberte 3(nfc6auung unb £eben§fteflung be§ Sid^terS 
nöt^ig geworben, ^m ^al^re 1801 l^atte er bie OJleifter gefeiert mit ben 
Serfen: 

wSeffing unb ©oetl^e, bie l&aben bie Silbung ber Seutfc^en gegrünbet, 
SBürbiger Duell marft bu, l)eiliger SBinfelmann, einft!" 

3m 3al&re 1809 mufe e§ lauten: 

»Seffmg unb ©octl&e, bie l^oben bie Äunft ber ©eutfc^en erneuert, 
OJläd^tiger Ouell warft bu, roürbiger Sßinfelmann, einft!" 

^Jicfete, ber frütjer ;,göttlid^ bewustlos bernicbtenb bon oben gefommen 
war", mufete liemadj gänsUc^ berfcbtoinben. 2Bie banfbar ^atte griebric^ 
auerft bie greunbe gepriefen, SRitter, ©cfcleicrmacfcer unb $Robali§: 

„3)enn in ben greunben nur leb' id&, uerbunben auf eroig mit jenen, 
Sie icfe bonfbar genannt, göttlicher SRitter! mit S)ir 

@in§ ju roerben gefmnt, wie \6) fd^nell ©id& liebenb umfo&te, 
Kebner ber Religion, früher 5loüali§! au* S)id&." 

Umgcmobelt erfd^einen bie ©iftic^en im fpätern Srucfe: 

„S)enn in ben greunben nur leb' icb, oerbunben auf eroig mit jenen, 
Sie id^ bonfbar genannt, gbttlid^ begeiftert mit euc6 

Sing ju roerben gefmnt, bie id) frül^ fcfeon liebenb umfaßte, 
Seren mir öinen ber Sob, anb're bag Seben geraubt." 



286 3ut flaffifc&cn 3eit bcr bcutfcfecn Sittcrntur 

SBunfd^ naä) einer Irttifdien Slu^gabe berjenigen altern ©dirtften, 
bie eine ntel^r ober minber burc^greifenbe SBearbeitnng erbutbet 
l^aben, el^e fie in ben gemeil^ten Äreiö ber fämmtlid)en S33er!e 
ßutritt erhielten. §ier mü^te bie urfprünglid^e gornt in i^r 
SRed^t eingefe^t, jebe fpätere Stbrtjeid^ung Don berfelben genau 
tierjeid^net werben. So erfd)ienen ber jüngere unb ber ältere 
©ci^Iegel j\rt)iefpältig ober einträd^tig neben einanber. S)ie 
Sammlung ber SBerfe aber, bie toir oom Slutor felbft georbnet 
unb bearbeitet empfangen ^aben, bliebe afe ein ®anje§ unan* 
getaftet beftel^en. 

^k ®efd^id|te ber romantifc^en ©d^ule ift abgefdiloffen. 
S)ie 9?ad^tt)irfungen ber neuern SRomantif finb jeboc^ nic^t er^ 
lofd^en; in mand^en Seben^f reifen macf)en fie fid| nod) fü^tbor. 
3Barb {|ier ber SBunfd) au^gefprocf)en unb begrünbet, ba§ Sugenb* 
bilb griebrid) ©c^Iegefö in einer ed)ten Slu^gabe feiner ©rfiriften 
erneuert ju feigen, fo foU bamit toeber ber einen 5ßartei SWu^en 
geftiftet, nod| ber anbern Stergernife bereitet werben, griebric^ 
@d)legel l^at ein Siedet barauf, gauä gefannt ju fein; unb er 
njirb babei nid^t öerßeren. SBir aber ^aben ba^ SRedit, aud^ 
^ier nad^ ber öoßen SBa^r^eit, fo tüeit fie ber aBiffenfdjaft 
erreichbar ift, ju Verlangen. @d)Iie^Iid^ mufe jeber Partei, bie 
auf ettna^ Srftrebenötüert^e^ gielt, bie 3Ba^r^eit ju gute fommen. 
Unb foßte fie aud) ^ie unb ba üerle^enb berühren — mir tüiffen 
\a, bie SBa^rl^eit fdEjIägt nur foId)e SBunben, bie fie felbft njieber 
JU feilen bie 3Rad)t l^at. 

J)ic gorberuTtö, bie fjier mit fo guter SBegriinbung außgefprod^en toirb, 
feat üofle ©rfiiüunß ßefunbcn in bem mufterl)aften SJerfe: ?Jriebric6 6cfeleacl 
1794—1802. (Seine profaifcfeen Sußenbfd&tiften. 4>etau§0efieben t)on 
3. minox. 2Bien 1882. 3tt)ei S3änbe. S)ort ift au* (1, 28—45) bie 
2lbl)anblunfl „Uebet bie roeiblicfcen 6;i)ara!tere in ben griedbifd^en Siebtem" 
nac^ bem erften S)rucfe wiebetgegeben. J)er Sluffa^ üon löernopg crfd^ien 
am 4.-6. 3uli 1882, roäfirenb 5Ulinor§ $8otrebe jum erften löonbe bom 
3. mäxi 1882 batirt ift ®. 2Ö. 



IIL 



Cgarafiterfftiften* 



3ur (Erinneirttng an Johann IDU^elm Coebell. 

3n bcr 9tebe, bie SoebeU am 3. Stuguft 1859 in bcr Stula 
ber Bonner Uniüerfität jur ©ebäd^tntfefeier beö Äöntg^ ^^ebrid) 
SBifl^elm III. I^telt, fd^ilberte er betüegten ^erjeng bie 3^itf ^^ 
bie berliner §oci)fd|ule gegrünbet njorben, gebad)te ber großen 
Scanner, bie bamate lel^renb auftraten unb in bem begeifternben 
Sinflufe auf i^re jünger bie Stuft edjter 323iffenfcf)aft betDül^rten, 
unb fc^Iofe feine ©arfteHung mit ben ergreif enben 3Borten: „Sin 
^albeg Söi^rl^unbert ift feitbem öerfloffen unb mein §aar ift 
\m^ genjorben, aber noc^ immer toe^t ba^ ©eiftei^Ieben jener 
Sa^re micf) an mit unöergdnglidier Sugenbfrifd^e." SBiH man 
firf) in il)ren ^auptäügen SoebeHö 5ßerfönlid^feit uergegentDürtigen, 
fü mag man gern biefer SEäorte gebenfen, in benen er felbft fie 
fein unb fdjön bejeic^net ^at; benn nid)t nur ben Solaren nad) 
— er toar 1786 geboren — in feinem innerften 3Befen, in 
feinem 2)en!en unb in feiner 3BeItanfd)auung, t)or allem aber 
in feiner Sluffaffung oon Äunft unb SBiffenfdiaft gehörte er ber 
Generation an, bie unter ber unmittelbaren Gintüirfung unfrer 
frifd^ erftanbenen claffifdjen Sitteratur emporgetüadifen toar unb 
in ber Qtit eine^ allgemeinen geiftigen 3Iuffd)tt)ung^, tt)etcf)e ben 
grei^eitöfriegen boranging, fid) l^erangebilbet l^atte. SSKit toe^* 
mütl^igen ®efüt)(en fe^en njir biefe Generation attmäl^Iid) unter 
unö auöfterben, unb einen toürbigen unb lieben^JDürbigen 
Oenoffen berfelben ^aben ttjir in Soebeü berCoren, ber jüngft öiel^ 
betrauert au^ bem Äreife feiner greunbe gefd)ieben ift. 

©ein Seben öerflofe unter einfachen, i^m burdjauö gemäßen 

Sernal^S, @(^rif(en IIL 19 



290 ß^arafteriftifcn 

SBerl^ältniffen. 2)a6 e§ i^m erft fpät gelimgen rtJar, fidö ben 
aSeg ju ben ftreng geleierten ©tubien jn bafjnen, gereidite tpeber 
feiner SSilbung nod^ feiner SBirffamleit junt SRad^tl^eil. @d^on 
in SSre^Iau, too er 6ig junt Saläre 1823 an ber fönigtid^en 
SSrigabefd^nle ©ef^id^te lehrte, geigte er fid^ in erfolgreid^er 
SEIjätigfeit. ^aü) ^einrid^ ©teffenö' juöerläffigem SSerid^te muffen 
feine Sßorträge fid^ fd^on bamalö burc^ IidE|tt)oIIe Slnorbnung, 
gefd)madft)oIIe, fein abgerunbete gorm auggejeid)net ^aben, — 
@igenfd)aften, bie andE) fpäter bei iljnt in ?litbz unb fdEjriftlid^er 
^Sarfteßung ftet^ ttjo^lt^uenb l^erbortraten unb bie er forgfältig 
5U pflegen unb auöjubitben nid^t mübe toarb. 9SoE lebenbiger 
^^^eilnal^me an aßem, ttja^ ^oefie unb ^unft berührt, fonnte 
er für bie manigfadtjen Slnregnngen, n)eld)e bie litterarifd^en 
Äreife Söre^Iau^ ju jener 3^^^ barboten, nid^t unentpfänglid) 
bleiben. 3n biefen Satiren, in toeldtje ber 9lnfang feiner fd^rift- 
fteHerifc^en Sil^ätigfeit fäQt, befd^äftigte i^n lebbaft unb an* 
gelegentlid) bie ttJal^rfdeeintidE) im SSerfe^r mit 9J?anfo oft an== 
geregte ^rage nad^ ber beften SRet^obe ber ®^mnafial6ilbung. 
©ein Söuc^: „S)ie ®^mnafial6ilbung in i^rem 9Ser^äItniffe jur 
gegenJüärtigen Qdt" (1821) läfet un§ rtjal^rnelimen, toie forgfam 
unb tief einge^enb er biefe Unterfud)ung geführt unb tt)ie er mit 
reid^er Sinfid^t bie SKöngel unb SSebürfniffe be§ l^ö^ern Unter=^ 
rid|t§ erfannt ^at 

Um für feine ungett)öt)nlid|en Se^rgaben einen toeitern 
3Birfung§freiä ju fdtjaffen, berief man i^n 1823 nad^ ©erlin 
jum Se^rer ber ©efdiid^te in ben oberen Slaffen ber 6abetten== 
SInftalt. ©ort begann er (1824) bie Bearbeitung ber SöedEerfd^en 
äSeltgefd^id^te unb lieferte fo bem beutftfjen ^ublifum ein Sud), 
tt)eldee§ üerbient, ha)ß i^m eine aüfeitige $:^eilnal|me aud^ fortl^in 
ungefd^mälert erhalten bleibe. S)enn unter allen ben 3Berfen, 
tt)eld)e bie fdt|tt)ierige unb üieHeid^t unlösbare 3Iufgabe einer ,,für 
ba§ SSoH" beftimmten SBeltgefd^id^te ju löfen unternehmen, 
behauptet bie SoebeHfd^e Slrbeit einen entfdjiebenen Sßorrang 
burd) tt)eife 9lu§tt)a^I unb überfid^tlidie ^wfammenfteHung ber 



3ur ©rinncrunQ an ^obann 2Bin)elm Soebell 291 

%f)at]aä)^n, fotüie boräüglid^ burd^ bie urtgefudite gein^eit unb 
ben anmutliigeit gfu^ ber Srjäl^Iung. ®ie ©c^ilberungen ber 
grofeen SBettemgntffe finb boit einer milben SBärme belebt, unb 
ber Stuffag über ®()afc[peare (im acf)ten SBanbe) mag betueifen, 
tt)ie öortrefflid) Soebeß e§ tjerftanb, in furjen, lebenbig ein^ 
bringenben SBorten bie Söebeutung ber großen (£rfd)einungen ber 
Sitteratur auä) bem tt)eiteften Seferfreife ju eröffnen. 

ßnbtid^ ttjarb er an bie ©teile berufen, bie er fd^on feit 
langem einjune^men befähigt tt)ar: im Saläre 1829 erhielt er 
bie aufeerorbentlid^e, jn^ei Seigre barauf bie orbenttic^e ^rofeffur 
ber ®efd^icf)te an ber bonner Uniüerfität. §ier lebte er öon 
nun an in einer ununterbrod)enen, öielfad) lo^nenben, i^m fetbft 
immer erfreulid)er tüerbenben "Stjätigfeit. SBä^renb fonft and) 
bie l^eröorragenbften UniDerfität^Iel^rer im l^ö^ern Sitter er= 
fahren muffen, bafe bie Sugenb fid) gleidigültig öon i^nen ab^ 
ttjenbet unb fid) ben jungem, mit frifd^en Gräften ^ert)or= 
tretenben ©ocenten juneigt, fo blieb if)m biefe Erfahrung nid^t 
nur erfpart, er fonnte fid) öielme^r überjeugen, bafe gerabe 
mä^renb ber legten 3^^* feinet 3Birfen§ bie St^eilnal^me ber 
SdEjüIer tüudjg unb bie jüngeren fidE) immer öertrauen^öoüer 
i^m anfd^Ioffen. Unb bie^ gefd^a^, Ujeil er felbft in feinem 
2l^un unb Se^ren bi^ anö Snbe fic^ rüftig unb jugenblid) frifd) 
erhielt. Seinem fonnte e§ Verborgen bleiben, bafe er fort unb 
fort tüie in ben "Sagen ber Sngenb in ber regen Slu^übung 
feinet eblen Serufeg feine reinfte SSefriebigung fanb. 33Ser im 
Saufe ber legten Sa^re i^m na^e geftanben unb fein SSertranen 
genoffen, ber toeife, toeldie unabläffige ©orgfolt er ftet^ aufö 
neue feinen SSorlefungen angebei^en liefe, unter meieren i^m 
tt)ie feinen ^w^örern fpäter bie „Einleitung in bie Sritif ber 
alten ®efd^id)te" unb bie SarfteHung ber beutfd)en Sitteratur im 
18. So^t^unbert bie liebften tourben. Wxt jugenblidjem (Sifer 
mar er barauf hzbaä)t, ba^, tt)a§ er gab, ftet^ DolHommen ju 
geben; noä) im Sommer beg vorigen Sci^re^ äußerte er eine^ 
2ageö im t)ertraulid)en ®efpräd^e mit unoer^o^lener g^eube, 

19* 



292 S^arafteriftifcn 

bie^mal cnbltd^ glaube er bie öicibeutige ^erfönlic^fett .§erbcr§ 
in i^rem ÜRittelpunct ergriffen unb feinen ^i^^ß^^^^ ^^^ «i^t 
ungenügenbeö Söilb öon ber öielumfaffenben SBirffamfeit biefe^ 
au^erorbentlic^en ®eifte^ enüDorfen ju ^aben. ©elbft in ben 
3eiten, too bie über^anbne^menbe Stanf^eit, tt)elcl^er er enblid^ 
mä) langem Sampfe erliegen follte, eine gleichmäßig feftgefe^te 
S^Stigfeit nid^t me^r geftattete, fonnte er eö nur äußerft feiten 
über fid| gewinnen, bie SSortefungen ju unterbred^en, unb tuirf^ 
Iid| fc^ien e§, atö ob er auf bem Sat^eber im SSerlaufe be^^ 
S?ortrag§, ber ni(^tg öon feiner geiftüoHen ©gent^ümlii^feit 
nerlor, neue (Srquidung unb ©tärfung gett)änne. 

Unb tüenn Soebelt fo — ba§ §öd|fte, toa^ bem äWanne 
getüä^rt tüerben fann — im Greife feiner SBeruf^t^ätigfeit fidf) 
bcfriebigt füllen burfte, fo flofe i^m aud| öon auJBen manc^e!?^ 
tüünfc^en^tt)ert^e ju, tt)a§ bem Seben jur Qmi^ gereidjt unb 
feinen innern 3Bert]^ fteigert. ®r l^atte fid^ öielfadtjer 93etx)eife 
fürftüdier ®unft ju erfreuen; feine gefeQfdiaftlid^e ©teHung 
Xdax bie e^renüoCfte unb erfreulid^fte. %kd rühmte ijon i^m, 
er fei ,,mit einem ©inne für eble greunbfdjaft begabt, tt)ie er 
nur tt)enigen 9J?enfd)en ju J^eit getüorben"; unb e§ blieb i^m 
Dergönnt, biefen @inn ju pflegen unb öielfeitig ju entlüideln. 
Gr füllte fid| beglüdt in bem l)erälid)en SSerl^ältnife ju öielen 
ber auögeäeidjuetften äRänner, bereu frü^ getüonnene greunbfc^aft 
i^n treu burc^^ Seben begleitete unb bereu beftimmenber Sinflufe 
auf ben ®ang feiner Silbung nidljt ju üerfennen ift. 9ll§ erfter 
unb üere^rtefter biefer greunbe ift ^ier XiedE ju nennen; fein 
SSer^ältnife ju i^m, tuelc^em ber SDid)ter in ber SBibmung be^ 
fedj^ten S5anbe§ feiner Sdjriften ein S)en!mal gefegt ^at, red^nete 
SoebeC ,,äum fdjönften ©djmude feinet Sebenö". 3)urd^ ®emein= 
fdljaft ber ©tubien unb ber ©efinnung toaren i^m öor anbern 
na^z i^erbunben griebric^ t)on Staumer, ©djuaafe, griebrid) 
Don Uedjtrig, benen fid) fpäter manche ber bonner Sollegen an= 
fdjtoffen. 

SoebeC ^atte feine Stubien gleic^ertoeife ber @efd)id)te 









3ut Erinnerung an 3o()ann SBill)elm Soebeü 293 

unb ber Sitteratur jugetuaubt ; hoä) offenbar übertüog bie SJJeigung 
p litterar^iftorifc^en gorfdjungen, tüeld^e burd) bie gattje 
Stttlage feiner 9?atur begünftigt ftjurbe unb unter ben 9Serl^ätt= 
uiffen, bie feine geiftige (£nttt)idttung beftimmt Ratten, ftet^ neue 
9?al^rung erl^alten mufete. 3mmer beutlidjer gab fid^ biefeg 
Uebergetüidit !unb; ja, man barf e§ aU ha^ d^arafteriftifd^e 
Äenngeid^en feiner tjiftorifd^en Slrbeiten J^erüor^eben, ba^ fie 
fömnttlid^ einen litterarifdjen 3Iu§gang§punct ^aben unb, mel^r 
ober njeniger entfc^ieben, eine Utterarifd^^^l^iftorifc^e gärbung 
tragen. SoebeQ erfaßt nid^t unmittelbar mit feftem ®riff beit 
an^ ben Duellen gefc^öpften tjiftorifd^en Stoff, um i^n nacf) 
ben ©efe^en ber SBiffenfdiaft ftreng ju bearbeiten unb al^banu 
ba§ GrgebniJB biefer 2lrbeit in fetbftänbiger ^orm barjulegen; 
er jiel^t eö öietmel^r i^or, tt)enn er eine gefc^id^tlidie 93egeben^eit 
barfteöen, gefd&id)tlic^e ß^^ftö^^^ fdjilbern toiQ, ben Sefer felbft 
an bie DueCe ju fütjren unb t)on ber S8etrac£)tung unb !ritifd[jen 
aSSürbigung ber Slutoren au^gugel^en, benen toir bie Ueberlieferung 
ber S^l^atfadien t)erbanfen; al^bann täfet er aud) bie neuern 
SdEiriftftetter gu SBorte fommen, tüdä)t benfetben ©toff t)or if)m 
bel^anbelt, fo ha^ man glauben foQte, er ^ab^ e§ mel^r mit ben 
®efd^id^tfc^reibern ate mit ber ®efc^id|te ju tl^un; aber au0 
bem SBiberftreit, ber SSerbinbung unb SSergleid^ung ber t)er= 
fc^iebenen SBerid^te unb äReinungen mufe it)m aHmätjtid^ bie 
rid^tige Slnfdjauung ber ©l^araftere, ber %i)akn unb ©reigniffe 
^eröorgel^en. Sn biefer 3Beife finb aQe feine l^iftorifd^en Slrbeiten 
beiianbelt, baö @c£)riftd^en über ©aHuft (1818), ber freifinnige 
Sluffa^ über ben 5ßrincipat beö Sluguftu^ (1834), bie i)ortreffIid)e 
„3BeItgefd)id)te in Umriffen unb 5luöfü^rungen'' (1846), bereu 
gortfegung ungern üermi^t ttjirb, unb enbti^ „®regor öon 
Xourö unb feine ßeit" (1839), feine bebeutenbfte unb loirffamfte 
ßeiftung auf ^iftorif^em gelbe, bereu SSerbienft boppelt grofe 
erfd^ien äu einer 3eit, ftjo bie toiffenfdiaftli^e gorfd)ung fid^ 
nod^ nidt)t fo eifrig auf bie ®efd^id)te be§ frühem 3KittetaIter§ 
gerid^tet ^atte. Sn ber SSorrebe ju biefem 93u^e, toeldieg im 



>> 



r 



294 GbaTatteriftifcn 

^Infd^tuB an baö SBcrf be§ SJif^of^ öon Jourö unb unter 
forttDä^rcnbcr SBcrücffic^ttgung ber neuern Sc^riftttcller bie 
®efc^ic^te unb ben Gulturjuftanb beö fränKfc^cn Kcid^eö, öor= 
ne^mlic^ im fec^eten Sa^r^unbert, umfaffcnb barftellt, fprid^t )iä) 
Socbeß Mar unb genügenb über bie SWet^obe au^, bie er befolgt. 
^SBielleic^t/' fagt er, „ttjirb man e§ mir öormerfen, baß iä) in 
einem SBerfe, toelc^eg fid^ eng an eine beftimmtc Quelle 
anfd^Iie^t, fo öiele Stücffid^t auf moberne ©d^riftiteller genommen 
l^abe. Sd^ ttjeife hierüber ju meiner Sted^tfertigung nic^t^ ju 
fagen, afö baß eö für mic^ feinen fid^erercn unb erf ofgreid^eren SBeg 
giebt, ju befriebigenben Slefuttaten ju gelangen, ate ben beö 
©efprädE)^, toenn id^ fo fagen barf, ober ber S)ebatte mit ben 
Vorgängern ; unb ba e§ in biefen SDingen nid;t bloß auf lieber* 
Seugung anfommt, fonbem aud^ auf bie SWet^obe i^rer @m)erbung, 
ja, ba beibe geteifferma^en ineinanbertoad^fen, fo ^abe i^ 
aud) bie (entere öon ber SDarfteltung nid^t au^fd^liefeen ju bürfen 
geglaubt.'' SBer auf biefem 3Bege ber Slufgabe be§ §iftoriferö 
JU genügen ftrebt, mu§ fid^ tebl^after alö anbre ©enoffen 
feinet gad^eö angetrieben fügten, ben ^Begriff ber gefd^idjtüd^en 
SBatjrl^eit ju beftimmen, SBefen unb ©nttoidEfung ber §iftorio= 
grapfiie ju erforfd^en unb ba§ SSer^ättnife ber ®efdE)id^te jur 
^$oefie feftäufe^en. @dE)ä|enön)ert^e S3rud|ftüd!e foldier urf)3rüng= 
lid) toeit angelegten Unterfud^ungen l^at SoebeE mitgetl^eilt in 
ber Slbl^anblung : „lieber bie (S|)odE)en ber ©ef^i^tf^reibung 
unb if)r 9Ser^ättni§ jur $ßoefie" (1841), unb in bcm S)iatog: 
„5)a§ reale unb ibeale Slement in ber gefd^ic^tlid^en lieber* 
lieferung unb ©arfteüung" (1839). SBon fold^en Unterfud^ungen 
ober öon bem 9Iuffa^ über bie @efd|id)tfc^reiber ber franjöfifd^en 
9iet)oIution (1854) njar ber Uebergang jur eigenttid^en Sitteratur* 
gefd^id^te leidet gemadtjt. ®§ barf un^ batier nid^t befremben, 
njenn SoebeH fidE) in feinem legten SJBerfe, ba^ er teiber un= 
öoQenbet jurüdtaffen foHte, ate Sitterar^iftorifer, unb ^toax auf 
bie t)ort]^ei(^aftefte SBeife geigt. 

3n ber „SnttoidEIung ber beutfdjen ^oefie üon ÄIopftodE^ 



3ur ßrinnerutifl an 3ol)ann SSiIfccIm Soebett 295 

erftem Sfuftreten U§> gu ®oet^e§ Sobe" (2 öänbe, 1856—58) 
l^atte er einen ©toff getüä^tt, ju beffen gtüdEtid^er SBe^anbtung 
er öor ben meiften ber ^^itgenoffen burd) feine ganje ©eifte^- 
rid^tung berufen toax. S)en frül^ern ©pochen ber beutfc^en 
Sitteratur l^atte er nur t)orüberge]^enb feinen geletjrten gtei^ 
genjibmet, unb ber grojgartigen @nttt)icflung, njeld^er ®rintm unb 
Sad^mann ha^ ©tubium unferer alten ©prac^e unb SDid^tung 
entgegengefüljrt, tnar er fremb unb fern geblieben. Um fo 
fidlerer burfte er fid^ bagegen im ©ereid^e be§ ad^tje^nten 
Sal^rl^unbertö ^eimifc^ fül^Ien. §ier tüar i^m alleö Vertraut 
unb t)erftänblid^, Äunft unb Seben, aSeltanfcCjauung unb gefeU- 
fct)aftlid^e Silbung ; in ber S)enf^ unb ®mpfinbung§tt)eife, in bie 
toir un§ auf bem SBege beö ©tubium^ jurücEüerfe^en muffen, 
njar er aufgenjad^fen. 3)ie großen 9(utoren, tnelc^e ben ®runb 
ju unfrer nationalen Söilbung gelegt l^aben, tüaren in einem 
gonj anbren ©inne, ate lüir ©pätgeborene e§ t)on unö au§== 
fagen bürfen, bie bilbenben Se^rer feiner Sugenb gemefen, unb 
gleidEifam perföntid^ befreunbet blieben nod^ bem ©reife bie 
I|o^en ®eftatten, bie für unfren Solid fd^on in bie gerne ber 
SSergangenl^eit gerüdEt finb. Sn baö innerfte SBefen biefer 
9Jieifter einzubringen, ba§ ©igentpmlid^e if)rer ®eifte§mer!e, 
aud^ in ben unfdjeinbarften QüQtn, ju erforfd^en, barauf njar 
er mit auöbauernber S3e]^arrlid)!eit, mit liebeüoHer Eingebung 
bebadEjt; jebem rafd^ jugreifenben SSerfatjren ab^olb, fammette er 
forgfam alle ©injel^eiten, fidjtete fie mit ^jrüfenbem SöticEe, 
orbnete fie mit be^utfamer Srtt)ägung unb liefe au§ i^nen aü^ 
mä^tid^ ha^ ©anje äufammentt)adE|fen, bem e§ bann an innerer 
geftigfeit nid)t fehlen fonnte. ©ein Slugenmerf njar nur auf 
bie 3nbimbualität be§ Äünftler^ unb auf bie Sräeugniffe feiner 
fc^affenben Äraft gerii^tet ; er toax fort unb fort beftrebt, feinen 
®eift frei ju erl^alten öon aßen ©inflüffen, tt)eld)e bie Un= 
befangenl^eit ber Unterfud)ung ftören, bie Steinzeit ber Slnfd^auung 
trüben ober baö Urtt)eil öerfälfc^en fönnen. @ö blieb ba^er 
unöermeibtid^, bafe er fid^ ju ben SCenbeuäen unb 5ßrinci|)ien, 



296 G^atafieTiftifcn 

tueldEje burd^ ®erötnuö in bie ®efc^td^tfct)rei6unä unfrer Sittcratiir 
cingefül^rt iporben^ in einem betüu^ten ©egenfa^e befanb. Sn 
bem gett)ei^ten 83ereicf)e ber $ßoefte njollte er nur ber ^oefie 
felbft §errfc£)Qft unb SRid^teramt jugefte^en, unb nid^t fd^arf 
genug f onnte er bie Slnma^ung berer tabeln, tücld^e, bie Slutonomie 
ber Äunft üerfennenb, fic einer frentben Oerid^t^barfeit unter* 
werfen tt)oIten. 3n fotd^en ©eftnnungen jeigt er fid^ atö ben 
getreuen ©o^n einer ßcit, toeld^e in ber Äunft allein bie 93(ütl^e 
ber SJZenfd^^eit erblidte, obgleid^ er tüo^I taum geneigt tüor, mit 
©d^ilter ju befennen, bafe ber ®id^ter ber einjige tüal^re äRenf d) 
unb ber befte 5ßf)iIofopl^ nur eine ßaricatur gegen il^n fei. 
(9tn ©oet^e, 7, Januar 1795.) 

2)ie eben bejeic^neten Sigenfc^aften Soebellö finb eg nun, 
tüe(dE|e bie d^arafteriftifd)en SSorjüge feinet legten SSerfeö 6e== 
grünben. SDie 9KetI|obe, bie er in feinen ^iftorifd^en 2(rbeiten 
befolgt ^at, giebt'er aud^ ^ier nid^t auf; inbem er bie Slutoren 
unb i^re 3Berfe fdE|i(bert, jie^t er aud^ bie 93eurt^eilungen, 
tüetd)e fie öon frühem unb fpdtern Äritifern erfal^ren, in ben 
Äreiö feiner Setrad^tung ; ,,einer ®efdE|id^te ber ^oefte/' fagt er 
im SSortüorte, „o^ne 9fiüdEftc£)t auf bie fie begteitenbe, betüunbernbe, 
jtüeifetnbe, üertüerfenbe Sritü, fd^eint mir eineö ber ttjefenttidiften 
©tüde äu fef)Ien." öegünftigt burd) bie freiere g«^^^ feinet 
Söud^e^, tf)ut er manchen Schritt in bie ©ebiete ber romanifd^en 
5ßoefie unb ber engtifc^en Sitteratur unb läfet beuttidE} genug 
tt)a^rne^men, bafe er l^ier fi^on feit langem l^eimifdE} ift. S)ie 
in einem langjährigen ©tubium ber großen ©id^terttjerfe 
getüonnene tiefe Äenntni^ öerbinbet ftdE| auf bie liebenötoürbigfte 
9lrt mit ber f rifd^ empf unbenen, in ebler gorm ftd) au§fpredE|enbeu 
Segeifterung, tt)eld)e ber Stnbfid unb ®enufe be§ §od^t)oIIenbeten 
immer üon neuem ertüedEt. Unter öielem trefflid)en Ieud|ten 
im än)eiten Süanbe bie Sluffä^e -über Sert)ante^ unb ©terne unb 
über bie SDarfteQung ber finnlid^en Siebe in ber $ßoefte l^eröor ; 
unfre fritifdje Sitteratur, tt)ie fie fid) in ben festen Sa^rjelinten 
enttüidelt ^at, bietet nur toenige^ bar, ttjagj ftd^ i^nen an SReife 



3ur ßtinnetuTifl an ^obann SBill&cIm Soebell 297 

be§ Urtl^cit^ unb ®ebiegenl^cit ber gorni tiergleici^en licfee. 
SBirb man nid^t leugnen iDoKen, bafe SoebcH fic^ mit SSorüebe 
in ben Stnfd^auungen betuegt, bie im beginne unfrei Sal^rl^unbert^ 
t)on ben Äreifen ber 9?omantifer ausgegangen toaren unb bie 
in feinem 9Serfet|re mit 2;iecl ftetö neuen SReij für if)n getüinnen 
mußten, fo njirb boä) ber Äenner eingeftel^en, ba^ fte auf.^i^n 
nur anregenb unb nid)t beengenb tt)irften. SJBö^renb fein 
©efd^mad überaus^ fein burd^gebilbet unb leidet ju t)ertegen tüar, 
blieb fein Urt^eit frei unb unbeftod)en. 3ebe Srfd^einung 
fud^te er auö i^rem eignen SKittetpuncte l^erauS ju begreifen. 
S)en jarten gormenfinn, ber it|m unöeräufeertid) eigen tt)ar unb 
ben er in ber SBeurt^eilung ber großen SBerfe ber ^oefie fo 
oft betod^rte, lä^t er aud^ in feiner ©d^reibart nirgenbö i)er= 
miffen ; ftetS bleibt fie rein unb ebel, unb nur fetten fd^eint bie 
Sorgfalt, mit ber er bie 3Borte toäi^lt unb ba^ ©a^gefüge 
bilbet, bie freie Äraft be§ SfuSbrucEö ju beeintröd^tigen. S)ie 
gefdEjilberten SSorjüge finb beiben Jl^eiten beö aSerfeS gemeinfam ; 
bennodE) ttjirb ha^ Urtl^eil ber (£infid)tigen ber im jtüeiten ©anbe 
entijaltenen S)arfteßung 3Bie(anb§ ben $ßrei§ äuerfennen; biefe 
SRonograp^ie ift, njie bie le^tc, fo aud^ bie getungenfte üou 
Soeben^ großem fc^riftfteHerifd^en Seiftungen. SSortrefftic^ ^at 
er eS öerftanben, bie, loie ®oet^e eö einmal bejeid^net, „^eitere 
9?ad^giebig!eit unb jöl^e §artnädEigfeit, jttjifdEien benen SBielanbS 
SBefen fid^ bis in bie fpäteften Sa^re betoegte", nid^t fotoo^t 
unmittelbar baräufteCen, als auS ber unbefangenen, Kar 
gel^altenen ©djUberung überall l^eröorbliden ju laffen, fo bafe 
bie einjelnen 309^ f^^ ^^^ ^on felbft ju einem ©efamtbitbe 
beS Sl^arafterS äufammenfügen. ®ie SSerfuc^ung lag i^m na^e, 
ben über ®ebü^r öernadiläffigten 2lutor, ben er in ber ttjeit^^ 
greifenben SBebeutung feines SBirfenS fdjtifeen gelernt unb in 
ber föigentl^ümlid^feit feines SÖBefenS tieb getoonnen ^atte, nun 
auc^ über ©ebü^r ju ergeben; aber mit bem glüdlid^ften Xacte 
^at er biefe ©efal^r t)ermieben unb feiner Sarftellung baS 
fd^önfte ®(eid^gett)id)t betoa^rt. Unb fo fann man biefe Söönbe 



298 dftataftertftifcn 

ate bie ebte grud)t ettteö innerlid^ reid^en, Dom ©tubiunt ber 
^oe[ie erfrischten Sebenö betracfiten ; auö i^nen fprid^t ein ©eift, 
ber im liebeöoHen SSerfe^r mit ber $ßoefie bie ©infidjt in i^r 
SJBefen unb il^re ©efd^id^te erlangt f^at, ber in bie verborgenen 
"Jlbfidlten ber fiünftler einjnbringen öermag nnb mit öielfeitiger 
©mpfänglid^feit bie (Srfd^einnngen erfaßt, in benen ftd^ ®etoaIt 
nnb SBürbc ber Snnft offenbaren. 

2)a§ e§ Soeben nid^t t)ergönnt toar, bie ©arfteKung 
Seffing^ jum Slbfd^InJB jn bringen, bleibt beflagenömertl^ für 
i^n tüie für nnö; bie Sßorbereitnngen jn biefer Slrbeit l^atte er 
in ben legten So^ren mit einer burcli bie Seiben ber Äranf^eit 
nngebrodienen Snft betrieben. 9?od| lebl^after üielleid^t ift eö jn 
tebanern, ba^ er, afe ber Ännbigften einer, feine Sräfte nict)t 
an eine an^fü^rlid^e ®f)arafterifttf ber §än|)ter ber romantifdjen 
@d)nle gen)anbt ^at. ®er fragmentarifd^e Slnffag über 51. 333. 
©d^Iegel (1847), reid) an bele^renben SBinfen unb feinen 
öemerfungen, ift nur geeignet, bieje§ Sebauern ju öerftärfen. 

SBie in aßen 5Raturen, beren Söilbung eine l^armonifd^e ift, 
fo toar aud) in SoebeQ ber ÜÄenfd} öom ®ete^rten nid^t 
getrennt, unb aU ©djriftfteHer tt)ä]^tte er ftd^ fot^e Slufgaben, 
bie er mit feinem öoHen menfd)Iid^en Sntereffe umfaffen fonnte. 
Slber njenn aud| bie ©igenttjümlid^feit feinet SBefen^ in feinen 
Schriften ju erfennen ift, fo trat fte bod| noc^ freier, bebeutenber 
unb getüinnenber im @efpräd)e l^erüor; nur biejenigen l^aben 
i^n ganj gefannt, bie fid^ im t)ertraulid^en Söeifammenfein 
toieber^olt unb oft feiner lebenbigen Unterl^attung erfreut ^aben. 
S)enn Ijier entfaltete fid) baö (£ble unb Sieben^njürbige feiner 
9?atur Ieid)t unb ungeän)ungen, unb alle^, tt)a§ fein ®eift, fein 
®emütl^ in fid^ fd^Iofe, fam gern jum 9Sorfd)ein. 3n einem 
ungett)öf)nli(^en ®rabe befa^ er bie ®abe ber Unterl^altung, unb 
bie greube an geiftiger äRitt^eilung öerliefe il^n nid)t bi§ in bie 
testen S^age feinet Sebenö. ©tetö aufgelegt ju lebl^aftem STuö* 
taufd^ ber ®eban!en, ttjufete er au^ ber güQe ber ©rinnerungen, 
.au§ bem 9fieid)tl|um ber Erfahrungen bem ©ef^jräd^e einen 



3ur ßrinnerutifi nn 3oI)ann 2Si(bc(m Soebed 299 

manigfudi n)ec£)fe(ttben unb immer tDiHfommenen Stoff äuäit== 
führen. SSieüetd^t nur in foldjen Unterhaltungen lernte man 
ben Umfang unb ha^ in unfern 3^^^^^ fo fettene ®Ieid^mafe 
feiner 93ilbung üoQfommen fc^ä|en; äugleid^ erfannte man, tüie 
bie Siebe ju ben ©egenftänben feiner ©tubien unb tmffenfc^aft- 
lid^en Steigungen fein ganje^ SJBefen innig burc^brang unb 
erfüllte. Unb bieg mar e§ aud^, tüa^ i^m unter ftetö n)ieber== 
fel^renben Dualen, in unöerfennbarer 9tä^e be§ S^obe^, bie 
geiftige grifc^e erl^ielt. 3Biffenfcl^aftIi(^e Slnregung, ®enuJ3 an 
eblen Äunfttt)erfen blieb if)m big jule^t ©ebürfni^, unb nic^t 
o^ne 9?ü^rung öernimmt man, bafe ^ermann unb SDorot^ea bie 
legte S)id^tung getnefen, an ber er fid) mit berebter Setnunberung 
erfreute, unb bafe er noc^ furj öor feinem (Snbe, in Erinnerung 
an ben greunb, ber il^m ftetg fo tf)euer geblieben, eine ©teöe 
aug SÜedg 3)i(f)terleben ju ^ören Verlangte. 

SBie Soebeü unter unö lebte unb tüirfte, fo toirb er im 
9lnbenfen ber greunbe unb ©d^üler fortleben, unb nod) lange 
werben njir fc^merslic^ i^n öermiffen, ben geiftöolten Se^rer 
unb ©elel^rten, hm fein== unb ebelfinnij^n greunb ber Äunft, 
ben tl^eilnel^menben görberer ber aufftrebenben Sugenb. 



3u Bvkbviä^ ®ottUeb XOeläevs a^^tjiöpem 

®ern unb mit Siedet rühmen tütr un^, baß ber beutfd^e 
®eift bie SBitbung ber antifen SBelt frei in ftd| aufgenommen 
i)ai, o^ne fic^ feiner felbftänbigen (£igentl^ümlid)feit ju begeben. 
5)er frifc^e 9(uff(i|tt)ung ber Hafftfd;en ©tnbien ^at bie (£nt^ 
toidlung unfrer Sitteratur begleitet unb geförbert; an Seben 
unb Äunft ber alten SSölfer l^at unfer Seben, unfre Itunft in 
öertraulid^er SJ?äl^e fict) ^erangebilbet. 9lber bie freie Steufeerung 
ber urfprüngtid^en @ä^6pfer!raft, bie in unfrem SSoIfe njaltete, 
ift baburd^ nid)t öerfümmert njorben, ftjä^renb anbere SSöIfer 
äu beflagen ^aben, ba^ ber 2)rudE, mit tüetd)em i>a§> §Infe^ei> 
ber antifen äJiufter auf i^nen laftete, ben aufftrebenben ®eift 
barnieber^ielt unb bie grei^eit be§ geiftigen ©d^affenö l^emmte. 
gür unö ift bie @intt)ir!ung beö Slltert^umö nur fegen^reid^ 
gelDefen, benn unfre SBenjunberung ging au^ ber Srfenntnife 
l^erüor. SBir er!annten bie gefdtiiditlici^en SBebingungen, unter 
benen ha^ ®rofee unb Unerreid^bare entftanben ift unb allein 
entfte^en fonnte; ia^ Sidjt, ha^ t)on bort^er ftra^Ite, erleud^tete, 
aber blenbete nic^t. SSir fallen ein, toa^ ber äWeifter unfrer 
S!unft auggefprodjen, ha^ bort „ganj allein für bie l^öl^ere 
9Kenfd^f)eit unb 9J?enfd|Iid^!eit reine 95ilbung ju tjoffen unb ju 
erttjarten ift". SSiele^ t)on bem ebetften, t)a§. in un§ lebenbig 
ift, toaxb burd) bie innige Söerül^rung mit bem Slttertl^um l^er= 
öorgerufen, unb bie großen Se^rer ber 5lltert^um§tüiffenfd^aft, 



3u gricbri* ©ottlieb 2BeIcfcr§ acbt^iöftcni ©eburtstagc 301 

t)ie ftc^ unter iin§ crl^oben, finb in SBal^rl^eit bte Seigrer be§ 
tBoIfe^ geiporben. 

©eit beu S^agen ®eöner§ unb §e^ne^ ^aben bebeutenbe 
Oeifter in ununterbrochener 9?ei^e biefe 2Biffenfd)aft unb bamit 
bte 93itbung unfrei Sßotfe^ öorujärt^ geführt. Unter biefen 
Se^rern aber, toeld^e rul^müoß il^r ^ol^e^ Slmt Dertüaltet, öer== 
bient feiner, in ber banfbaren Slnerfennung ber 3^i^9^"öffen 
^ö^er ju ftel^en aU griebrid^ ©otttieb 3BeIcfer. S)afe U)m eine 
erinünfd^te Seben^bauer befdjieben ift, ha% me^r afö ein l^atbeö 
Sa^rl^unbert l^inburd^ fein ®eift ungel^emmt in ber frutl^tbarften 
J^ätigfeit fid^ äußern tonnte, ba^ fd^ä^en toir ate eine ber 
günftigften gügungen für bie SBiffenfi^aft, inir fdEjä^en e§ afö 
ein f)of)e^ @lüd für alle,, benen er burd^ SBort unb @d)rift 
ein Se^rer genjorben. Slöen biefen mag eö gejiemen, fid^ am 
heutigen S^age baö S3i(b be^ tl^euren SJZanneö öor bie Seele §u 
rufen. — 

3iur au§ ber ^Bereinigung, aug bem einträd^tigen ßi^f^mmen* 
lüirfen aller Gräfte ertt)äd)ft ba^ au^erorbentlidie. 3n aBelderö 
9?atur beftel^t biefe SSereinigung. Sr ift nie mit einer gefonberten 
Ätaft tl^ötig; fein SSer^ältnife jur SBiffenfd^aft ift tt)ie ein perfön- 
Iid)e§, on bem ber ganje äWenfd) fid^ bet^eiligt. 2lu§ ben SBurjeln 
feineö SDafeinö ge^t if)m bie Stütze ber njiffenfd^aftlid^en ©r- 
fenntnife l^erüor; unb barum bleibt fic i^m aud^ nid^t blo^ ein 
<jeiftigeö 93efi|t^um: er tt)irb t)on biefer ©rfenntnife ganj erfüllt 
unb belebt; fie tt)irb i^m jur Seele feinet SBefen^. 

SBelcEer t|at fid) felbft bie 5ßfabe feiner ©nttoidtlung gebahnt; 
aber feine Seftrebungen ftanben im innigften ©nflange mit ben 
gorberungen unb Sebürfniffen ber 3^itgenoffen. 9Kit bem Sn- 
ftincte bebeutenber ®eifter erfannte er a^nenb ba^ rechte 
unb baö notf)tt)enbige unb fanb eö auf ben SÖBegen, auf 
benen er juerft einfam ging, aber nic^t lange einfam bleiben 
fotlte. Snbem er nur unbefangen bem S)range feiner SRatur 
ÖJenüge t^at, griff er äugleid) auf ba^ too^lt^ätigfte in bie fort= 
fdireitenbe SBiffenfc^aft ein, unb toa^ er i^r gab, ttjar tim ha^, 



302 61&ata!tcriftifen 

toaS fte beburfte. Sitte ®efcl^idE)te feinet Sötlbung^gange^, bon 
i^tti felbft aufgeäeid^ttet, ttiüfetc uttg bie ttefften Sötide eröffnen 
iti ha^ ®et[te§(eben jener 3^^*^^^ ^^ ^^^ bantaligen 3^ffö^^^ 
ber SJBtffenfd^aft. @te ttjürbe in ber einleud|tenbfteti SJBeife bar^^ 
tt|un, tt)ie er feine SRatur in il^rer fetbftönbigen Slrt toalten lie^ 
unb bod^ mit jugenblid^er Siegfamfeit adeö in ftd) aufnahm, 
n)ag bie mächtige Söetüegung ber ®eifter, bie bantafe bei un§ 
eine neue (Spoc^e ber SBiffenfd^aft begrünbete, bem ftrebenben 
©inne entgegenbract)te. 

SBöIirenb be§ ä^^^^^^^^^^r ^^ tneld^ent er aU Seigrer unb 
©d^riftfteHer tl^ätig gen)efen, ^at 3BeIder auf bem Gebiete ber 
aSiffenfd^aft bie bebeutfamften UmlDanbtungen erlebt. SSiele i^on 
btn ©infid^ten, bie er juerft getDonn^n unb öerfünbigt, finb ba^ 
®emeingut oHer getüorben; bie gefd)id)tti(i)e Senntnife i)at eine 
ungealinte ^ereidjerung erfal^ren, bie SKetl^obe ber ^itif i)at 
ftd| bi§ ju einer erftaunlid)en @ic|er^eit au^gebilbet; eö jeigt 
ftd) gä^igfeit unb Suft, Don aCen (Seiten in ha^ innerfte be§ 
2(Itert^um§ einjubringen, bamit e§ afe ein ©angeS in feiner 
Sin^eit erfanut tt)erbe. Snmitten biefer ntäd|tig treibenben Se- 
tt)egung ber SJBiffenfd^aft ift SBetdEer, obgleid) tl^eilnelimenb an 
aüem, toa^ im SBerlaufe ber ©nttnidEIungen fid^ neue^ l^ert)ort|at, 
bod^ bem eigentpmlid^en feiner Statur unb Sitbung untüanbel= 
bar treu geblieben. @r ift einer t)on ben tüenigen, bie mit einer 
beftimmt au§gefproc£)enen , entfd^eibenben ^erfönlid|feit in ber 
©etefjrtentüelt bafte^en; — alle§, \va^ öon i^m auöge^t, mu^ 
ba^ ©epräge biefer 5ßerfönlid)!eit auftüeifen; — er ift einer üon 
ben tüenigen, bie noc^ nid^t jum ®efd|Ied^te ber (Spigonen gepren. 

aSetcter umfaßt in feinen Slrbeiten ba^ g^ifüge Seben be§ 
^eüenifc^en 9SoI!e§, tt)ie e^ auf ben ©ebieten beö ®(aubett§, ber 
S)id^tung unb ber bilbenben Äunft fic^ !unb gegeben unb in 
unfterbtidjen ©d^öpfungen fid^ felbft öer^errtid^t l^at. Sßon Sln- 
fang an tüar er beftrebt, ben öticE auf bie ©efamt^eit ber 
örfd^einungen ju ridEjten unb unter ber reidjen %nüt ber ®e= 
ftatten bie i^erbinbenbe geiftige Sinl^eit ju erfennen. Slber nur 



3u gricbti* ®ottIicb 38clc!er§ adbtsiöftcm ©eburtstagc 30S 

auf bem ficf)erften SBege tooHte er gut Slnfd^auung, sunt Sßer- 
[tättbni^ biefer Siitl^eit Vorbringen. Unterftü^t t)on unermüb== 
Itd^er Strbeit^fraft unb t)on ftet§ reger gorfdjung^tuft getrieben^ 
tDoßte er ben ganzen 9?eid)t^uttt beö ©injetnen besmingen unb 
fid^ aneignen. Srft nad^bem bie§ t)oßbrad)t n)ar, !onnte er 
prüfen, ob ha^ ®rgebniJ3 ber n)iffenfd)aftlid^en Unterfud)ung gu^ 
fantmenftimme mit ben STnfc^auungen, bie il^n geleitet. @o 
bilbete ftd) i^m ba§ SlCgemeine nur au^ ber beut(id)en Sr!ennt== 
nife atte^ Sinjetnen, unb eg fonnte i^m nic^t fd^toer toerben^ 
ein grofee^, manigfaltig geglieberteö ©ange^ ju umfpannen, 
mit beffen öeftanbt^eilen er fo tt)of)l t)ertraut ftjar. 5Iuf aüen 
©ebieten bal^er, benen er fidö jutoaubte, ^at er grofee^ au^- 
gerid|tet unb grofee^ angeregt. ®urc£) feine umfaffenben litterar* 
^iftorifdjen gorfdjungen i)at er einer gefd)id)t(id^en ©arfteltung 
ber griedE|ifd)en ^oefie auf ba§ tpirffamfte Vorgearbeitet. Ueber 
3Befen unb öebeutung ber brei §auptformen, in toeldjen bie 
S)id^tung ber §ellenen fid) au^gefproc^en , l^at er un§ bie 
tDid^tigften STuffd^Iüffe gegeben. Sr juerft unternal^m e§, au§ 
hm fpärlid^en Sirümmern, bie un§ ' von ber überreichen S^rif 
ber ®riedE)en übrig geblieben, bie ©eftalten ber einjelnen 2)ict)ter 
gleid^fam l^erVoräufuc^en; feinem tiefen S3IidEe erfdjlofe fid) bie 
5ßoefte beö STefdi^Io^; i^m üerbanfen mir bie @infid|t in bie 
®efd^id|te unb innere Sntmidfung ber ooHiommenften Sunft- 
form, meldte ba^ Stltert^um gefd)affen, ber Siragöbie; unb ben 
jerftörten 95au ber epifdE|en S)idE)tung ^at er Vor unfern Singen 
neu aufgefüf)rt. 2lu§ allen biefen 2lrbeiten fprid^t unö ein ®eift 
an, ber bem f)ellenifd)en vermanbt unb biefer Sßermanbtfd^aft fi^ 
freubig beton J3t ift; ein bid^terifd)e§ ©lement burditoel^t unb be== 
lebt fie. 2)enn um fid) ber Srfdjeinungen, bie un^ auf bem 
55oben ber IjeHenifd^en Sunfttoelt entgegentreten, gang ju be= 
mäd^tigen, mufe audE| bie fi^öpferifi^e 5ßf)antafie aufgerufen 
merben unb i^re §ülfe leiten. Sr fd)altet im Slltert^ume mie 
in feiner §eimat^. 3f)m ift esJ verftattet, fid) htn „er^abenften 
aller Sunfttoerfe" ju nähern, benn i^m ift, mie er e§ fetbft fo 



304 efearaftcriftücn 

fd^ön au^brüdt, „bic Stiefe unb SnnerUdE)fcit be^ ©innc^ üer* 
Kellen, o^ne tüdc^e ba^ Sr^abene nici^t empfunbcn tüirb". — 
Unb tüie ber 2)id^tung, fo fte^t er aud^ ber bilbenben Sunft 
gegenüber; nid^t ate ber grembting, ber fid^ ängftltd^ um i^r 
SSerftänbnife abmüht, nein, ate ber SSefreunbete, (£tngcn)ei^te, 
bem fie liebreid^ fid^ nütt^eilt; er bebarf feiner ^ebel unb 
©d^rauben, um it)r ba§ ®el^eimnife i^re^ SBefenö abäUätoingen, 
fie fefbft mag e§ i^m gern unb tt)inig offenbaren. Unb nad^== 
bem er nun fein Seben lang für bie Srfenntnife l^ellenifd^er 
^oefie unb Äunft, toie ttjenig anbere, getoirft, toaxb eö il^m, 
bem ha^ SJBefen be§ Wlt)tf)o^ aufgegangen, lüie feinem anbern, 
enbtid) noc^ Vergönnt, in ber ,,gried^ifd^en ®ötterle^re'' bie 
<SIauben^tt)eIt ber §ellenen in einem aHumfaffenben S3ilbe bar- 
aufteilen. Slud) ^ier, tt)ie überall, burd)bringt er ba§ ©inäelne, um 
ber Slnfd^auung t>a^ ©anje üorjufül^ren, unb au§ ber großartigen 
Ueberfid^t be^ ©anjen ergiebt fid) if)m bie einfadje 5Ratur ber S)inge. 

S)oc^ öon ber Söetradljtung beffen, tt)aö er gefd^affen unb 
gettjirft, tnenbet fic^ ber SBlidf auf il^n felbft jurüdE; benn ba^ 
©rofee, tt)a§ i^m gelungen, läfet fid) bod) nur au§ feiner ^ßer^^ 
fönlidjfeit begreifen. 3n i^m ift gorfdjen unb SBiffen auf ba^ 
innigfte mit feinem 3)en!en unb ßmpfinben bereinigt; ba finb 
bie (glemeute nid)t mef)r ju fonbern, ber äJienfd^ unb ber (Se- 
lehrte finb ganj unb untrennbar ein§ getnorben unb bie ©ac^e 
ber SBiffenfd)aft ift i^m |)eräen^fa^e. Unb iDeil er bie SBiffen^^ 
fc^aft mit fo tDunberbarer 3nnigfeit ergreift, l^at fie i^m aud^ 
i^re fdjönften ®aben nid)t üorentl^alten. (Sin §aud^ be§ 
f)ellenifd)en Äunftgeifteg ift tief in fein SBefen eingebrungen unb 
f)at bort bie Slüt^e ebelfter menfc^lid^er ©ilbung ^erüorgetrieben. 

@o fte^t er unter un§ ba, in bem einfad)en Slbel feiner 
Statur — untierge^lid) allen, bie i^m je genagt, bie je feinet 
SBefenö 9Kilbe erfafjren, bie fein tt)eiö^eit^tiolle§ SBort gehört 
unb feine begeifterte SRebe; unb mit gerührter ©eele bliden mir 
auf ha^ geliebte §aupt, über bem fort unb fort freunblic^e 
(Sefd^ide toatten mögen! 



Ufflanb als Sovfä^ev Qcvmanifäfcv 6age 

um) 

Dft unb lebhaft, in 5ßrofa unb SSerfen, tft t)on ben 3ett==' 
genoffen Ul^Ianbg baö attju frü^e SSerftummen be^ S)td^terö be« 
flagt Sorben. 21I§ er im Sa^te 1862 anö bem Seben fd;ieb, 
Ratten feine Sanb^Iente fd^on feit me^r afe Dier Sal^rje^nten 
ein beftimmte^, in fid^ abgefd^toffeneö Söilb feiner $ßoefte öor 
3lugen, in beffen QÜQtn tr)öf)renb biefeS langen ^eitraumö feine 
iDefentlic^e SSeränberung toaf)xntf)rnbax gettjefen. 3^^^^ ^^^^ f^ 
rafd^ n)ie man ju ipä^nen pflegt, ging bie ©onne feiner 
SHci^tung ju Sififte. S^ad^bem er 1815 bie bi^ ba^in jer* 
ftreuten ©ebid^te, gleid^fam afe ein fertiget ®anje^, ber SRation 
gefammelt vorgelegt l^atte, toarb nocf) mand)e Siebe^frui^t ge* 
jeitigt, bie ju ben ebelften unb erquidEIid^ften gel^örte. S)ie 
folgenben Sa^re fallen bie öatertänbifi^en ©ebic^te entftel^en, 
in njeld^en bie S^rif ber grei^eitöfriege einen öoßfräftigen Jiad^- 
ftang fanb unb bie, n)enn aud^ meift buri^ bie innern Äämpfe 
unb SBirren be§ njürttembergifd^en ©taate^ l^eröorgerufen, hoä) 
ben toal^ren S)eutfd^en aller Stämme ju ^erjen bringen mujgten. 
S)iefelben ®eftnnungen unb ®efül^Ie, t)on benen fie lebenbig 
burc^brungen finb, fprai^en frdftig unb ergreifenb aud^ auö ben 
beiben ®d^auf|)ielen, tüeldie ber 8Sert|errIic^ung ^eimifd^er S!ugenb 
unb ©itte gett)ibmet fi^ienen; unb bafe ber ^oet aud^ fernerhin 
im SSoHbeft^e feiner fünft(erifd|en 9J?itteI blieb, bejeugten biö 
jum Sa^re 1835 bie neuen 5(uflagen feiner ®ebid|te; ja nod^ 
in ben testen öierjiger Sö^ren fonnte er feinen äJomanjenfi^a^ 
nm jtoei tt)ert]^t)otte ©tüdte t)ermel|ren; gerabe unter biefen 

9ecnat)8, @(^riftcn UL 20 



306 e^arofteriftiten 

fpätern ßwflö^en finben ttJtr mel^rcrc ber reifftcn, ju gleiii* 
ntäfetger SBoöenbung erijobcnen Ocbitbe feiner Sunft. 

3)enno(^, blicftc man auf baö lange, mit fd^öner SKufee reid^ 
gefegnete Seben bcg 3)id|ter§, fo mufete bic S)auer ipie ber 
äußere Umfang feiner ?^^attgfctt, toenn man an6) nod^ fo freubig 
bie gebiegenc gülle bed innem ®el^altö anerfannte, nur gering 
erfcfieinen. ®id) ber 9?u^e ^injugeben in ben langen 3^if^^"* 
räumen, in benen ber poetifc^e ®eift i^n unbefud^t Iie§ ober bie 
üaterlänbifc^en Sfngelegen^eiten il^n nid^t ju unmittelbar ein* 
greifenber 2:^eilna^me aufforberten, baö entf^jrad^ nid^t ber Slrt 
bcö t^atfräftigen, fi^affenöfreubigen ÜÄannc§. SKan ttjarb alfo 
gebrängt ju ber grage: toie ^at Urlaub ben 9?aum feinet S)a* 
feim^ t^ätig aufgefüllt? 

9?un fonnte man freitid) tniffen, ba^ ber S)id^ter aud^ 
ein emfter, emfiger gorfdlier tnar. ®d)on in feinen 3ugenb= 
jal^ren, toäljrenb be^ furjen Slufentljalteö in 5ßariö (öom 3Rai 
1810 bi§ äum 26. Sanuar 1811) l^atte er burd^ ba^ müf)^ 
fame unb öielfad^ beengte ©tubium ber §anbfd^riften einen 
Haren unb tiefen Solid in baö 3Befen be^ altfranjöfifdEjen @po^ 
erlangt, tüie i^n bamalö nod| niemanb befa§; au§ bem Sluffa^e, , 
in toeli^em er (1812) bie gemonnene Sinfid^t mittl^eilte, Ratten 
parifer 5ß^ilologen nod^ mand^e^ Sa^r l^ernad^ bie grünblidifte 
iöele^rung fd)öpfen fönnen. Slfebann jeigte er burd^ bie ©djrift 
über aSalt^er öon ber SSogetoeibe (1822), tnie feft er ftd) in 
ber 5ßoefie unfrei SD?ittelalter§ angefiebelt l^atte, er fd£)ilbcrte 
bie SDid^tung unb auö biefer ha^ Seben jeneö männlid^ften unb 
öielfeitigften unter ben äßeiftern unfrei SKinnefangg; SJBalt^er^ 
liebenött)ürbig eble unb fraftüoHe ®eftalt trat l^ier beutlicf) au^ 
ber umgebenben ©ängerfd^ar jener 3^^^ ^ert)or; bie ©runbjüge 
feinet menfd^lid^en unb bid^terifd)en ß^arafter^ tüurben ^ier für 
immer feftgefteHt unb jugleid^ iparb ein anjiel^enber Slu^blidE in 
bie poetifd) oerflärten ftaatlid^en unb gefeÜfdiaftlid^en ßi^ftänbe be^ 
9Kittelalter§ eröffnet. Später griff Ul)lanb mit ber Slb^anblung 
über ben Donnergott (1836) fidjer unb mäd^tig in bie ger* 



Ul)Ianb als gotfcfecr ßcrmanifd^cr ©age unb ^icfetung 307 

manifdie (Sagenforfdiung ettt; unb burd) bte ©atitmlung ber 
alten ^od)- unb nteberbeutfd)en SBoIfölteber (1844) ertPteä er fid) 
afe ben funbtgften Sel^errfd^er eineö ®e6iet§, ba§ nad^ aüen 
Seiten {|tn ju burdjarbeiten unb frud)tbar ju beleben ber f orfd^enbe 
Siebter ganä eigene berufen fd^ten. 

S)urd) btefe Setftungen l^atte fid) Ul^Ianb ben äKetftern ber 
in Jräftigent 3Sad^§t]^unt erblüljenben üaterlänbifd^en 3Utertf|umö= 
tüiffenfdiaft tüürbig jugefeüt. 2tber tüäl^renb feineö Sebenö ift 
bie S'unbe Don biefen STrbeiten ober üielntel^r bie Sinfid^t in 
ben 3Sert]^ berfelben üielleid^t nid^t tpeit über ben Äreiö ber ntit^ 
arbeitenben ©enoffen l^inauögebrungen. Unb aud) biefe njoßten 
l'id^ an bent, n)a§ il^nen l^ier gegönnt njarb, nid^t genügen laffen. 
S)enn eben fie mußten am beutfid^ften erfennen, ba§ jebe biefer 
3lrbeiten, ntod^te fie in il^rer fünftterifd^ abgerunbeten g-orm 
aud) nod) fo entfdtjieben ha^ ®e^äge ber (Selbftänbigfeit auf= 
weifen, bod) nur ein 93rud^ftüdE njar, forgfältig lo^gelöft au^^> 
einem tüeit reid^ern, umfaffenbem ©anjen. S)aß bie§ ©anje 
nie jum üößigen 2tbfd)Iuffe gebrad^t tt)arb unb unö bal^er fo 
fange entjogen blieb, bafür bietet fid) eine jureid^enbe (Srflärung 
nur in ber peinlidf)en ®en)iffenl^aftigfeit beö gorfd^erö, ber, 
freubig bereit jur STnerfennung jebeö fremben Sßerbienfte^, an 
feinen eignen Seiftungen nur bie unüermeiblid^en äKängel unb 
Süden njal^rjunel^men fd^ien. 3Sie oft brangen bie greunbe in 
ben ernften befd)eibenen 3D?ann, um il^n jur Verausgabe beffen 
JU benjegen, toa^ fo lange fd)on für bie öffentlid^e SRittl^eilung 
reif njar! Umfonft; nur ttjenigeS mod^te er gelegentlid^ auö bem 
öerfd^foffenen SSorratl^e barreid^en. Srft mit feinem SCobe ttjarb 
baö ©iegel t)on feinen Sd^ä^en gelöft; erft je^t tiermögen n)ir 
ben gefamten Umfang feiner burdf) fein ganjeS Seben ftill unb 
be^arrlid^ fortgefe^ten 5^^ätig!eit ju überfdtiauen unb il^ren (Sr- 
trag ju genießen. 

3n fieben gelüid^tigen Sänben, benen ein ad^ter abfd^Iiefeenb 
folgen foü, tüerben nun Ul^IanbS @d)riften jur ®efd^id)te 
ber 2)id^tung unb (Sage bem beutfd^en SSoIfe Vorgelegt. Set, 

20* 



308 eftaraltcriftifcn 

ganj cigctttl^ bem beutfd^en SBoHc. S)enn mögen ttt bicfcn 
©d^riftcn auä) überaß für bcn etngclüet{|teTt unb felbfttl^attgen 
gorfdjer mantgfad^e Äetnte ber STnreguttg uttb SBclcl^rung au§* 
geftreut fein, fo barf man bod^ B^^^f^^ biegen, ob biefe 9Irbeitcn 
bei tl^rem je^igen, in gctpiffem ©inn üerfpdteten ^erüortrcten 
ber fd^on fo tpeit gebiel^enen unb ftetS ]\d) fortbilbenben SBiffen- 
fd^aft nod^ einen Wftigen Slnftofe geben !önnen. @ic tourben 
meift enttüorfen äu einer Qtit, ha bei nod^ ungenügcnber Slu^* 
beutung ber Dueßcn aud^ ber forgfältigften unb umfid^tigften 
gorfd^ung — unb mx l^at je bie gorfd^ung forgfältiger unb 
umftd^tiger betrieben alö Ul^tanb! — mand^e einjelne (Sr!ennt== 
nife üerfagt bleiben mufete. Slber njenn aud^ einige biefer 
©d^riften, bie, jur rechten ©tunbe erfd^ienen, Mftig unb l^eil- 
fam bie (SnttoidEIung ber ©tubien beförbert unb beren 9tid)tung 
beftimmt l^ätten, je^t ber gad^tüiffenfdtiaft feine tt)efenttid)e S8e* 
reid^erung me^r jufü^ren, fo erteibet baburd) ber SBertl^, ber 
SBorpg, ben tt)ir il^nen bettjunbernb äuerfennen, aud^ nid)t bie 
minbefte (Sinfdiränfung. Unb biefen SBertl^, biefen SSorjug 
!onnte nur ein Slutor n)ie Ul^Ianb il^nen jutl^eilen. 9iur er 
!onnte ba^ öJemälbe ber beutfd^cn Sage unb ©id^tung, ba^ er 
in biefen ©d^riften auffteHte, fo geföttig anjiel^enb unb fo ge^ 
gebiegen au^fül^ren unb e^ mit garbenreij unb gormeufdEjön^eit 
fo tiielfad) auöftatten, bafe man bie itjeiten, für eblere SBilbung 
empfänglirf)en Streife unfrei Sßolfg mit gutem SSertrauen auf= 
forbern barf, an bieg ®emätbe l^eranjutreten unb an ben mäd^^ 
tigen ®eftalten, ben regfam njed^felnben ©rfd^einungen, bie l^ier 
bem 2tuge begegnen, in aufmerffamer Setrad^tung, in innigem 
3lnf(i)auen ju üernjeiten. 

Ul^tanb liebte unfer üaterlänbifd^eö Slltert^um. S)ort, tpie 
in einer traulichen ^eimatl^, ttjar feine S)i(J)tung ertt)arf)fen unb 
erftarft; bortl^in blieb unabläffig feine gorfdEjung getoanbt. 
Slber biefe SSorliebe, ol^ne tt}el(i)e tüeber feine 5Di(i)tung nod^ 
feine gorfd)ung benfbar toäre, mvtt nirf|t irreleitenb auf feine 
ißarfteüung. Uf)Ianb ift fein ^Parteigänger, er toxü ung baö 



U^Ianb al§ gorfdbcr ßermanifcfccr Sage unb ©icfetung 309 

9KttteIatter tttd)t anpreifen, um unö ju ben Slnfd^uungen ber 
ritterlidien Sßorfal^ren äurücfjuIodEen, um unö ju ben ©itten 
unb Sa^ungen, bic bamat^ galten, ju 6e!el^ren. 2)ie SSer* 
gangenl^eit ift il^m ein üötlig Sßergangene^; unb eben 
be^l^alb fann er mit Karem, rul^igem Sluge in fie jurücf Miefen ; 
nur tnaö fie Don unüergänglidiem, etüig gültigem ©el^alte in 
fid^ birgt, nur ba§ foll für un^ mieber lebenbig ttjerben, foÜ 
t)on neuem in unfern 93efi^ gelangen. @r fa^t unb fd^ilbert 
bie S)ici^tung beö 3KittetaIterö mit ber fd)önen, ttjürbeüoüen 
Unbefangenl^eit beö ed)ten Oefd^id^t^forfd^erö unb mit ber Siebe- 
beö Slünftlerg. (£r l^at ju üiel S^rfurd^t öor ber üaterlänbifd^en 
SSorgeit, afö bafe er ni(i)t ftreben foHte, fie im l^eHften Sid)te 
gefd)id)tlid^er SSal^r^eit, fo beuttid^ afe eö unferm Singe nur 
Dergönnt fein mag, ju erblidfen ; aber er ^at aud^ ju Diel natür* 
lid^e Sieigung unb tnarme 3lnl^änglid)feit für bie lebenbige 
©egentoart feineö SSoMe^, afö ba| eö il^m je in ben ©inn 
fommen bürfte, biefer ba^ 3ted)t eigentpmlid^er ©elbftänbigfeit 
öerfümmern ju inoßen. Sluö feiner 5)arfteIIung, für tneldje nur 
baö (SJefe^ ber SSal^r^eit gilt, tritt gerabe bie unau^gleid^bare 
SSerfdE)iebenl^eit ber ßeiten auf ba^ anfc^aulirfifte l^eröor. 3SiII 
ein fold^er 3Rann un^ in bie Stegionen beö mittelaltertid)en 
®eifte2J=' unb Äunftlebenö fül^ren, in benen fo mand|e fi(^ fläg^^ 
lid^ öerirrt l^aben, fo barf man il^m mit freubigem SSertrauen 
folgen. Unb fo mag benn ber 5)eutfd^e fid^ an ber treuen §anb 
eineö feiner Sieblinge jurücfgeleiten laffen in bie SSereid^e feiner 
SJorgeit. SBaö bort l^errlidieg entfprungen ift, lebt and) nod^ 
für unö, fott feine belebenben SBirfungen aud| nod^ auf unfer 
©afetn au^ftrömen. 2)a§ gro^e, baö in unfren Sagen jur 
Entfaltung fommt, foH un§ gegen bie §errlid^!eit früherer 
Sage nid)t gleidfigültig ftimmen; eö foßte öielmel^r baö Sßerlangen 
toecfen, unö be§ großartigen ßi^f^^^^^^^ng^, ber tro^ aüem 
SBanbel ber 3^^^« ^^ ^^^ ®efd)id|te be§ beutfd)en ®eifteö 
waltet, nur um fo flarer unb inniger betnufet ju tnerben. — 
Ul^Ianb^ ©diriften fönnen, ttjie fie un^ je^t vorliegen, bei 



310 S^arnftetiftifcn 

aücr SBertoanbtfdiaft bc^ 3n{|altg bocf) feine burd^toeg gteid^* 
artige gorm auftocifcn. Sieben ben längft gefannten unb öiet 
fad^ gerül^mtcn 9lrbetten finben tPtr fcfbftSnbige njiffenfi^afttic^e 
3)arfteUungen, benen ju üolKomntner Sluöfül^rung faunt nod^ 
l^te unb ba bie le^te ^anb ju feljfen fdietnt. SlIö SRufterftürfe 
auö biefem ^etfe mögen bie 9lbl^anbtungen über ben SD? i n n e* 
fang unb über ba^ Sßotfglieb gelten. (Sine anbre §lrt ber 
2l6faffung getüal^ren n)ir in ber ©agengefd^id^te ber germanifd^en 
unb romanifdfien SSöÜer, fowie in ber bi^ in ha^ fed^jeljnte 
Safjrl^unbert fid^ erftredenben S)arfteüung unfrer altem ^oefie. 
SBeibe toaren für afabemifd^e Sel^rüorträge beftimmt; fie finb 
ein ebteö B^^fl^^fe ^^^ ^^^ ftjürbigeö S)en!mal ber aHju furjen 
S33irffant!eit, bie bem S)idf)ter an ber 3;übinger Uniuerfität öer* 
gönnt njar. SBenn toir in biefen @d)riften eine gleid^ntäfeige 
S)ur(i)arbeitung öermiffen, fo leiften fie für biefen Sfiangel, ber 
il^ren Urfprung üerrätl^, reid^Iid^en ®rfa^, inbem fie einjelne, 
unb jttjar bie bebeutfamften unb getjaltboÜften Streite be§ Diel* 
geglieberten ©anjen in tiebeöoH forgfältiger 2(u^fü^rung bar^ 
bieten. 

STtö Ul^tanb in reifen Sauren (1839) enblid^ ju bem er^^ 
fel^nten Sel^ramte berufen tüarb, tonnte er fd)on auf eine Steige 
umfaffenb angelegter Slrbeiten jurüdbliden, in benen er bem 
Sntftefien unb SBad^fen fotüie ber aHmäl^Ud^en fünftlerifd^en 
91u^36ilbung ber l^eimifd)en 5ßoefie forfd^enb nad^gegangen tüar: 
ben Stoff für feine SSorlefungen fanb er jum großen 2;i^eit 
fd)on bereitet baliegen. S)er S)rang jur Srgrünbung unfrei 
9(Itertl^umg l^atte fid| in i^m faft ju gleid)er ^zxt mit ber 
t^ätigen Steigung jur ^oefie geregt, gorfd^ung unb 3)id)tung, 
beibe gingen auö bem gemeinfamen ®runbe feinet SBefenS l^eröor 
unb geleiteten il^n burd|^ Seben H)ie jnjei natürlid^ 9?erbünbete, 
benen im Sunbe bie ^äfte H)ad)fen. Offenbar l^at juerft 
— feine eignen STeufeerungen in frül^en Sugenbtagen jeugen 
bafür — ba^ poetifclje Sebürfni^ feinen 93Iid in bie 2)irf)tung^* 
freife ber frul^ern Q^xkn äurüdgelenft. ®r üermifete, — freilid^ 



Urlaub als ^orfd^er öermanifcfecr ©agc unb Sid^tung 311 

in einem anbern ©inne afe fd|on Stopftod einen öl^nlid^en JKangel 
empfunben unb ju Vergüten geftjünfd^t l^atte, — er üer^» 
mifete, toaö er eine „öaterlänbifd)e SW^tl^oIogie'' nannte, 
ba§ Reifet, eine äufantmenl^ängenbe Sieil^e (ebenbig im Sßolfe 
erl^altener ober in ©d^rift niebergelegter Ueberlieferungen, 
au^ toeld^er bie ^oefie il^re tüd^tige 9?a^rung jiel^en fönne. 
S)en gried)ifd^en S)ramatifem unb ebenfo i^rem großen 
britifdien ftunftgenoffen flofe eine fold^e DueÖe poetifd^er Äraft; 
auä) für bie ^oeten feiner Q^t tüünfd)te Urlaub einen fold^en 
93orn beö frifc^en bid)terifd)en Sebenö eröffnet ju fefjen. ®r 
lüieö auf baö Seifpiel ®oetl^e^, ber aüeö, toa^ xi)m üon t)oIfö= 
mäßigen Stoffen unb 2tnfd)auungen erreid^bar gen^efen, mit 
feiner barfteüenben Äraft ergriffen unb baburd^ fo mand^em 
feiner Äunftwerfe bie gebiegenfte Unterlage bereitet l^atte. S^m 
fd^ien e§ ein bebenftid^er 3Rifeftanb, ba§ in unfrer 2)id^tung 
fo üielfad^ nur ba^ innere Seben jum Stu^brudE fam, ba§ bie 
(Sm|)finbung in il^r ju entfd^ieben öorroaltete ; er Verlangte, bafe 
fie aud) ben ganzen SReid^tl^um be^ gefd)id^tlirf|en S)afein§ fid^ 
aneigne, bafe fie an mäd^tigen X^aten fid) erl^cbe; er moüte 
marfige, finntid^ fräftige ©eftalten burd| bie öon ber ^oefie 
gefd^affene SBett bal^infd^reiten feigen. 

©0 njarb er burc^ ben 3119 fünftlerifdier ©el^nfud^t unfrer 
^eimifd^en Sßorjeit jugefül^rt, beren S)id^tung t)on nod^ unge* 
fd^n)äd)tem finnlid^en Seben üoÜ gefättigt toar. 5)ie gewiffenl^afte 
©trenge aber, bie er öor aßem gegen fid^ felbft unb auf fein 
eignet X^nn unb ©d^affen njanbte, Hefe il^n in einem ober* 
ftäd^Iid^en ober jerftüdelten 9lnfd^auen fein ®enüge finben. @r 
mußte auf ben ®runb gefjen. S)ie^ SBelt, bie mit ifjren ^alb 
nod) Der^üHten Sieid^tl^ümern auö bem S)un!el ber SSergangenl^eit 
aufftieg, er burfte fie nii^t bloö mit ber regen @mpfänglid)feit 
beg S^ünftlerfinne in bämmernber gerne af)nung§üoII erfpäl^en, 
er mußte fid^ freie 95af|n fdjaffen, um i^r ganj na^e ju f ommen ; 
er mußte fie nad) allen 9iic^tungen l^in buri^meffen unb burc^* 
forfd^en. 3nbem er an ber güHe bilbfamen ©toffe;^, bie il|m 



312 66ata!tcriftitcn 

^cr entgegcnbrang, feine geftaltenbe Äraft übte, mußten biefc 
©toffe fclbft i^n ju einbringenber Setrad^tung reijen ; er mufetc 
ftd^ öerbeutlic^en, tüte fte entftanben toaren, iDte fie bann, un* 
öemüftüd) burd^ Sal^rl^unberte fortgetragen, öon ber toec^felnben 
3cit »cc^felnbe ®eftalt unb garbe annal^men, ja in i^rem 
inncrftcn Äern batb gefc^äbigt, balb ^eitfam umgefd)affen tourben. 
©d^on frfifi (1812) l^atte er fic^ in ben ®eban!en eingelebt, bafe 
bie ©rjeugniffe ber gefamten, über Suropa verbreiteten 
gemtanifd^en unb auö germanifd^en Ouellen entfprungenen ober 
genäl^rten ^oefie in einer innern gömilienberbinbung fielen; 
unb fobalb il^m bie Sßorftellung biefe^ großen ßwföntmen^ang^ 
aufgegangen tüar, ertoa^te aud^ ber SBunfd^, il^n bur^ forg* 
fältige Unterfui^ung überall ju erfunben unb ju beglaubigen. 
Sn eine nod) frühere Qdt fallen bie SBemü^ungen be^ jugenb* 
Kd)en S)id^terg, ha^ SBefen beö 9?omantifd)en — bamafe für fo 
Diele nur ein leerer 3Bortfd^aö — in beutlid^ent JBegriffe ober 
toenigftcn^ in ftdfterer ©nt^jfinbung ju erfaffen; jugleid^ rid^tete 
er ha^ nod) ungeübte gorfd^rauge auf baö grofee ®ebirf)t öon 
9?otl^ unb Untergang ber 9?ibelunge, beffen madf)tige Umriffe 
aöntä^Iid^ beftimmter fid) geigten, beffen innere SSebeutung aber 
ben meiften norf) t)erfd|(offen blieb ober burd| falfd)e Auslegung 
öerbunfelt n^arb, njeil man baö Sßer^ältnife be^felben ju ber 
©efamt^eit unfrer e^rifd^en Sßolföbid^tung nod) nid^t ju erfennen 
öermod^te. 

2)urd^ bieg frü^jeitige unb anl^attenbe SSertoeiten im ®id^* 
tung^bcreid^e beö üaterlänbifd^en SKtert^umö betoa^rte Urlaub 
feiner 5ßoefie eine energifd^e ©elbftönbigleit. 2)ie neuere 9io* 
mantif !onnte il^m nid)t biet angaben, ba er ber ed^ten alten 
fo Vertraut genjorben. @inen nja^rne^mbaren, beutlid^ üon i^m 
empfunbenen ©influfe f)at er nur Don ©oetl^e^ S^rif empfangen^); 

') ^oc6 im 5lnfan0 be§ 3a()re§ 1865 erjagte mir ©uftau (Scbroab§ 
cbriDürbiße ©ittroc in \\)xtx ßeiftboll ansiel)enben SBeifc, bie bctanntcn f)erbcn 
Seu^erunoen @^oet^eiS bitten eben be^balb Ul^Ianb um fo tiefet beiübten 
muffen, meil biefet in @oetbe ftet§ t>a& böcbfte bicbtetifcbe ^otbilb Detebrte. 



U^lanl) als Sotfcfect flerraanif<öer Sage unb Sicbtung 313 

baneben mag aud) SRoöali^' tief fe^nfnd^töoHeö uitb bocf| t)on 
feiiger SBefriebigung burd^brungeneg Sieb mit feiner lautem, 
^erjrül^renben @infad)f|eit baö ertüad^enbe 2)id)tergemütl^ an^ 
geregt l^aben. 916er nie liefe er fid^ burd^ irgettb einen feiner 
bid^terifd^n ßei^fl^^^ff^n jur 5lb]^ängig!eit jttjingen. 2)ie atte 
5ßoefte l^atte il^n gefeit gegen bie t)erfül^rerifd)en 3Räd)te ber 
Oegentoart. Qtoax fonnte bie romantifd^e (Sdf)ule auf i^n, tüie 
auf jebe l^erüorragenbe Sünftlernatur, bie in bem erften SSiertel 
bc§ Sal^rl^unbert^ jur Sluöbilbung gelangte, i^r guteö 3?ed^t 
gettenb mad^en; bafe er Don itirem Äreife ausgegangen, bafür 
geben mand^e feiner frühem ^ßrobuctionen, befonberö in il^rer 
urf|)rünglid)en, J^ernad) leife beränberten gorm unttjiberfpred)' 
lid^eS 3^^9^ife- ©eine Äünftlerfraft jebod^ bahnte fid^ ben 
eignen 3Seg, eroberte fidf) baS eigne ®ebiet. @inen 9ioman* 
tifer fann man il^n red)tmäfeig nur infofern nennen, alö er, 
gleid^ bem ®rimmfd£)en SBrüberpadr, einjig unb aKein baS 
ebelfte, ba§ axi^ ben Seiftungen unb Slnregungen ber ©d^ule 
ju gewinnen tt)ar, rüftig unb felbftt^ätig fid) aneignete. 3BiUig, 
mit freubiger ©mpfängtid^feit, liefe aud) er feinen ®eift be= 
frud^ten üon bem neuen Sebenöl^aud)e, ber bamate bie 3Biffen= 
fd^ft mit frifd)en Sugenbfräften ju erfüllen fd|ien. (£r gefeüte 
fi(^ JU ber Meinen ©c^ar ber ©rtüäl^Iten, bie ernften ©inneS, 
mit auSl^arrenber Slrbeitöfraft baö üoKbradjten, tüorauf bie 
toeitblidenben gü^rer ber 3?omantif nur mit bebeutfamem 
gingerjeig l^ingetoiefen l^atten. 2Bie öiele rebeten unb lauten 
bamate öerjüdEt üon ben ©el^eimniffen unfrer bidf)terifd^en 
SBorjeit! 3Rit l^od^getriebener Segeifterung rühmte man ©ieg== 
friebS ^elbentl^um unb 5ßarjiDate Xieffinn ; mit bem berebteften 
Sobe tüarb Ärieml^ilbenS Streue ober Sfolbenö unb ©igunenS 
Sieblid^feit gepriefen. SIber biefe SSegeifterten üerrietl^en ^b^n 
burd^ bie SIrt, tüie i^re Senjunberung laut njarb, ha'^ fie jenen 

Unb in ber £6at, roo ift bn§ innige Slnextennen ©oet^cS ju einem fo 
hafttjoü eblen fünftlerifcfeen 5lu§bTU(f ftebrac^t rootben wie in ber ^^Äünfter» 
fage", bie jc^t mit ocrftärlter ©eroalt un§ iu ©erjcn fpric^t! 



314 (£I)aTaftcnfti!en 

®rfd)einungett, benen i^r tönenbe^ Sob gelten foKte, ttie üer* 
traulief) nal^e gefontmen toaren, unb bafe fic im ®runbe nid^tö 
beftimmteö Don i^nett au^äufagen tpu^ten. U^Ianb l^ielt ftd^ 
fern Don bem Greife ber njortreid^en Sober. (Semeffenen, fid^ern 
@cf)ritte^ begab er ftd^ äurüd in bie 3^^^^ ^uf ben ©oben, too 
jene ®eftalten l^eimifcf) gen^efen. ®ort l^aufte er mit i^nen, 
unb i^r innere^ Seben n^arb il^m offenbar. SBaö bie anbem 
Don §örenfagen ju n^iffen glaubten, ba^ lonnte er Derfd^mä^en, 
er, ju bem bie ®eifter ber SSergangenl^eit felbft ftd^ l^erabliefeen. 
®aö Stuge tüarb i^m aufgetl^an für bie Dergangene beutfd^e 
®eifte^l^errlid^feit ; unb biefe ^errlid^feit tüieber ju ertoeden, 
unb nicf)t bIo§ für bie 3Biffenfcl^aft jU erttjeden, — bie^ toaxb 
xf)m ein 3^^^ be^ innigften SSeftreben^. 

Unb l^ierin mu^te er fid^ burrf) bie Steigung, ja ben leiben- 
fdiaftlic^ gefteigerten 3Siüen ber 3^it9^^offen mäd^tig geförbert 
füllen. 3®enn S)id)ter unb' gorfd^er fid^ inö nationale Sllter- 
t^um jurüdEtDanbten, fo fanb fid) ber ®eift aller treuen SBater- 
lanb^föl^ne in biefelbe SRid^tung gen^iefen. 5)aö 3od| be§ 
gremben laftete auf S)eutf d^Ianb ; um fo entfd^Ioffener ergriff 
ter beutfd^e (Sinn ba§ l^eimifd^e, ba§ er fo lange gering ge=^ 
üd^tet. SRan burfte glauben, bie ©d^mad^ ber ©egentoart 
leidster tragen ju !önnen, n^enn man bie ®röfee, ben 9iu^m 
ber SJergangenl^eit, toenigften^ im 9?adf)genuffe fid^ ju eigen 
mad^te. 2)ie Derbunfelten 3al^rl^unberte foHten fidti erhellen, 
unb au^ ben Kar beleudf)teten Gebieten foHten in fd)öner Steige 
t)ie 3^^9^^^ fii^ ^^^ angeborene Sraft bes ©ermahentJ^umö l^er- 
t)ortreten. S)er beutfd^e ®eift, gelöft Don 95ann unb ^ffel, 
foüte fidt) ftolä unb freubig feiner felbft bettju^t toerben; er 
follte feine eigne SSergangen^eit überfctjauen, foHte erfennen, 
tüie er l^eiHräftig fdiaffenb unb l^eilfam jerftörenb in ben SBelt* 
gefd^iden genjaltet, um bann au!§ biefer @r!enntni^ bie Siraft 
JU neuen njeltbenjegenben X^aten ju getoinnen. Unb ba bie 
gegenloärtige SBirüidifeit, Derbüftert unb umnad^tet tt)ie fie toar, 
noä) feine tröftlic^e ^eüe ^offen Iie§, fo mußten fid^ bie toeiten. 



UWanb aU Sorfc^cr öetmanifcfecr Ba^t unb Sid^tung 315 

in farbigem ©lanje fd^immernben fallen ber 95oräeit auftl^un; 
bort, in ber Sid^tregion unfrer dtl^eimifd^en 5ßoefie belebte fid^ 
bie Hoffnung auf ben STnbrud) eineö neuen STage^ beutfd^er 
§errlict)feit. ®enn jene atten 2)id)tungen tüurben unfrem 
9Sot!e ju neuen Urfunben unüerlüetöid^en 9tu]^me§. greilid^ 
fonnte ben SSerfucfjen, ben Sn^alt berfelben unmittelbar in bie 
neuere ^oefie überäufül^ren, ein- fünftlerifdieö ©elingen nid^t 
befd^ieben fein; überaus frud^tbar erujieö fid^ bennod) biefe 
lebenbige Serü^rung beö ß^i^^tterö mit einer 5)id^tungölt)elt, 
in toeldier fid^ ein frifdf)er Duett Daterlänbifct)er unb poetifd^er 
Söegeifterung eröffnete. Slu§ if)m ju fd^öpfen mod^te fid) nie^ 
manb Derfagen. ©elbft ber 5ßoet, ber, tüie man tüäf)nte, feinen 
®eift faft au^fd^Iie^enb einem milb üeröärten §ettenent^um be- 
freunbet l^atte, felbft ®oetf)e liefe bamalö (1810) in einer feiner 
finnüottften ®elegen^eit^bid)tungen bie Stiefen^ unb SBunber* 
geftalten ber romantifd^en 5ßoefie auftreten, feine balb feft^ 
gefct)Ioffenen, balb fanftbetüegten SSerfe erfd)ienen tüie Don einem 
^(bglanä mittelafterlidEjer ^rad^t beleud)tet, jebeö SBort mufete 
bartl^un, n)ie liebeüott er ba§ (Sigentl^ümlidtie aud^ biefer SBelt 
erfaßt l^atte, bie il^m feit ben klagen feiner Sugenb nie üöttig 
fremb geujorben tt)ar. 

@ü ^atte bie 3®iffenfdf)aft unfrei Slltertl^um^ in i^rem 
l^offnungöfreubigen ©ntftel^en gleidtjfam bie üaterlänbifd^e 3Beil^e 
erl^alten. Unb aud^ al§ ber S)eutfc^e, geftärft im 9Ser!el^r mit 
ber SSergangenl^eit, t^atfräftig in bie ®egenn)art jurüdEgefdiritten 
ujar, ate man ben ^ßflid^ten, ttjeldfje biefe auferlegte, t)oH unb 
gang genügt l^atte, ate ba§ frembe Sod) abgefrfjüttelt unb bie 
nationale ©elbftänbigfeit ttjieber errungen njorben, auct) ba toarb 
baö fo leibenfdiaftlid) angefnüpfte SSerl^ältnife ju unfrem Sllter- 
t^um nidE)t aufgel^oben, eö tuarb üielme^r burrf) bie in fteter 
©ntfaltung mäd^tig umgreifenbe SBiffenfdf)aft geregelt unb in 
fefte formen gefügt. Site biefe ©tubien ftd^ in i^ren erften 
Slnfängen l^erüortl^aten, mußten bie görberer unb @d)ü^er ber- 
felben t)or attem ba^in trad)ten, il^nen eine ttjeitüerbreitete 5luf=^ 



316 e^arafteriftiten 

nter!fam!ett unb Xl^eitna^me ju gelDinnen; foHte ba§ crftorbene 
Slltcrtl^um tütcber ertüad^en, fo mu^te juerft ein üertrauenö* 
öoHer ®Iaube an bie bort Verborgenen ©d^äge ernjedt njerben. 
S)tefe ol^ne Unterfditeb anjupreifen fd^ten ertaubt; man burfte 
ficf) in einem freubigen ©taunen gefallen, man mod)te fetbft 
ben geringfügigeren ©rfd^einungen eine unbebingte JBetüunbe* 
rung nid)t üerfagen. 9Äan mufete fid) ber Don allen ©eiten 
äuftrömenben ©toffmaffe erft im ganjen bemäcf)tigen unb ber 
neu entbedten SBefi^tpmer erft mit ungel^emmtem JBe^agen 
fro^ ttjerben, el^e man baö minber erfreulidie, aber unabn^ei^* 
lirf) not^tt)enbige ®efd)äft beö ©onbern^ üornal^m, el^e man bom 
Setounbern jum @r!ennen fortfcf)ritt unb fo ben 93oben bereitete, 
auf bem bie SBiffenfc^aft ben rid)tigen SBeg einfd^lagen unb ju 
il^rem Qkk njanbeln fonnte. 

©0 mufete eö benn biefen Stubien jum fd^önften ^eil ge* 
beil^en, bafe balb nad^ ben Salären ber greil^eitölriege bie Orunb- 
fd^e, tüeldie für alle n^al^re gefd)ic^tlidf)e ^orfd^ung mafegebenb 
finb, aud) in il^nen jur ®eltung famen. S)ie ©rammatif tt)arb 
aufgebaut, bie läuternbe S!ritif ber überlieferten S^efte begann; 
bie SBiffenfd^aft jog il^re feften, fid)ern ®eleife, njo biöl^er eine 
üielgefd)äftige Siebf)aberei, mel^r jum ©ammeln ate jum ©id^ten 
geneigt, rul^eloö unb oft aurf) giettoö umfjergefd^tüeift toar. 

Ul^tanb mufete biefe SBenbung inö ftreng njiffenfd^aftlid^e 
afe ertüünfdf)t unb tüillfommen begrüben; benn fie begegnete 
einem feiner SRatur tief innenjol^nenben Sebürfniffe. SBie fel^r 
er audf) aU 2)id^ter baö 5)un!elflare lieben mod)te, ate gorf^er 
gefiel er fic^ nid)t im hiebet unb in ber 2)ämmerung. (£r 
tooßte feinem gefunben SBIide eine n^eite, aber Iid)te Stu^fic^t 
bieten; fein lüal^rl^aftiger ©inn fonnte nur burd^ foId)e Sin* 
fd^auungen befriebigt ttjerben, bie in fd^arfer SBeftimmtl^eit Dor 
feinem S5Iicfe ftanben. ^i)m toar eö bal^er ein leic^teö, mand^em 
freunblid^en SBal^n, an bem er aud^ fid^ früfjer ergebt l^aben 
mod^te, äu entfagen unb man^e fd)meic^etnbe Sll^nung aufju* 
geben, um bafür bie minber gefällige, aber jubertäffige ©r^ 



UWattb al§ ^otfdbcr öerrndnifd^cr ©age unb Sidfetung 317 

Icttntntfe eittäutaufd^en. Seben ^i^^od^ö, jebe ©meiterung ber 
5Biffcttfd)aft fonnte er aU feinen petfönltd^en ®ett)tnn etacf)ten. 
SBöl^renb Socob ®rimm entbedEenb unb erobernb öorfd^rttt unb 
mit {jelbenfül^nent ^tei^e, bem natüriid)en ®efäl^rten ed^ter 
Genialität, befeftigte unb fixierte, tDaö er erobert Ijatte, n^ar 
Ul^Ianb ftiß gefdiäftig, ben ©rtrag biefer ftaunenöttjürbigen 
Seiftungen in feinen 93efi^ ju bringen; bie SBerfe beö l^err= 
lid^en 3)?eifterö blieben il^nt bie tl^euerften ©eiftc^genoffen ; auf 
feinem Slrbeit^tifd^e mußten fie il^m beftänbig t)or Singen fein, 
3Rit gleidiem (Srnfte folgte er ben 6ebäd)tig gefül^rten Untere 
fud^ungen SBill^etmg, ber bie Sebeutung beö erforfd)ten nod) 
burd^ ben Sieij einer faubern, mafeöoß unb ebe( gel^altenen 
®arftellung ju lieben tonnte; unb er öerfdjlo^ fid) ni(i)t gegen 
bie ©rgebniffe, bie Sad^mann mit orbnenbem, in fritifd)er Snä)i 
erftarftem ®eifte unb mit toeitbringenbem ©d^arffinn einem 
fpröbcn, erft burdtj il^n gebänbigten ©toffe^abgelüann. 

Ul^Ianbö Statur toar fo glüdflid^ angelegt unb au^geftattet, 
ba§ i{|m nid)t nur baö unabtäffige gortlernen jur ernften Suft 
töarb, fonbem ba% er aud) ©elbftöerleugnung genug befafe, um 
ba§ fo Diel muffeligere Umlernen nid^t ju fd^euen. SIber lüenn 
er unter ben erften lüar, toetd^e bie SRotl^tDenbigfeit erfannten, 
bafe au§ ber liebeüoKen SBefd^äftigung mit unfrem Slttert^um 
eine fetbftänbige, nur i^re eignen ßnjede üerfotgenbe SBiffen== 
fd^aft {|ert)orge]^en muffe, fo wax er eö aud^ üor allen, ber fid^ 
bie urfprünglidEje Snnigfeit erl^iett, mit loelc^er einft baö iugenb== 
tirfie ®emüt]^ ftd^ erttjartungöüoll unb üerlangenb ber nod^ t)er== 
bedten SSorjeit genäl^ert l^atte. 5Der Srnft ber metl^obifd^en gor^^ 
fd^ung ftörte nid)t baö lebenbig ttjarme ^erjenöüerl^ältni^, baö 
il^n an biefe Stoffe, an biefe burd^ Sang unb Sage fort== 
gepflanjten Ueberlieferungen feffeUe. ^^m blieb ia^ rege ®e= 
fütjt t)on einer unlösbaren ©emeinf^aft ber SSorjeit unb ©egen* 
toart; mit fein auff)ord^enbem O^x Dernal^m er bie ^eimatlilaute, 
bie aus entfd^tounbenen Sal^r^unberten l^erüberbrangen. SBenn 
er in fpäten Salären mit jugenbfrifd^em 3Bort ben ©el^alt ber 



318 e^arattcriftücn 

{jetmifd^cn S)tcf)tung bartegt unb ausbeutet ober baö eigentpm^ 
tid^e i^rer formen funftfinntg fd)itbert, fo flingt immer nod^ 
ettüag t)on bem freubtgen (Srftaunen burd), tüeld^eö bie Suft ber 
©ntbeduttg, be^ erftcn SBa^rnel^men^ ju begleiten pflegt. 

3Äit DoÜem 3leci)t burfte fid) ber S)?antt, bem ju bem 
t^ätigen JJotfrfiungötrieb, ju ber rüftigen Slrbeit^freubigfeit bie 
bid^terifdie ©inbilbungöfraft unb eine ebenfo garte lüie t)iel^ 
umfaffenbe Smpfinbung üerüel^en tDar, — mit üoHem 3Jed)te burfte 
e r fid^ ben 95eruf jutrauen, bie Äunbe unfrei |)oetifd|en 2ttter^ 
t^um^ feinen 3^i*9^^^ff^^ ä^ uermitteln. @in biefem eblen 
3tt)edEe gettjibmeteö, in njeiten Umriffen angelegte^ 3Ser! be= 
fd)äftigte il^n bauernb n^ä^renb ber ättjanjiger Sa^re. §ätte er 
eö bamafö über fid^ öermod)t, ha^ forgfam Vorbereitete in 
rafd)em Qmq^ jum 3lbfd)tu§ ju bringen, fo loürbe er in ben 
toeitern Greifen ber Jil^eilnel^menben bie gefunbefte Slnfid^t 
t)on Äunft, Slrt unb Sitte beö 3D?itteIaIter§ begrünbet unb bie 
^Verbreitung einfeitiger unb unj^ulänglid^er Stnfd|auungen 
auf ba§ toirffamfte berl^inbert l^aben. SBeld^e anregenbe unb 
beftimmenbe Sraft bamatö Don foCd^em 3®erfe l^ätte auögel^en 
muffen, ba bie 3Biffenfd^aft nod) im betoeglid^en SBerben, nod) 
im erften unftd)ern Sßorfdjreiten begriffen n^ar, ba§ Dermag 
nod) jeber einjelne an ftd^ felbft ju ermeffen, toenn er nun, 
ba fie unerfd^ütterlid)en Söeftanb unb innere geftigfeit erfangt 
^at, auf jene in frül^er Qtxt entworfenen 2)arfteHungen Ul^tanb^ 
äurüdblidt. 

3d) beute l^ier üor aßem auf bie S)arfteHung unfrer aue 
SR^t^u^, ©efd^id^te unb lebenbiger SSoItefitte l^erüorgetoadifenen 
^elbenfagen, njeld^e Urlaub 1830 feinen acabemifd)en ^i^^örern 
Vortrug unb bie nun ben erften Sanb ber nad^gelaffenen 
Sd^riften fußt. 

Site eine bem ureignen Seben unfrei Sßolfeö entftiegenc 
SdEjöpfung l^ält Ufjlanb ba§ l^eimifd^e @po§ öorjügüd^ ujert^. 
ßf|e er in bie SBetrad^tung beffetben einführt, öerfe^t er unö 
in ben Sugenbsuftanb !raftt)oIter unb ebler SSöHer, in bem allein 



Ul^Ianb als %ox\(bn öermanifcftcr ©age unb ©id^tung 31 & 

folc^e ©d^ö^jfuttgen in bte SBtrfltc^feit treten fönnen. 9Ktt 
öoKem Sel^agen atl^met er bie ßuft jener 3^^^^^^^^ ^^ tüeld)en 
baö nod) ntcf)t entbunbene S)enf Vermögen bie getüaltig fd^affenbe 
unb fül^n uml^erfditüeifenbe ©inbilbung^fraft noä) ungeftört 
tüalten lä^t, in ttjelrfjen ber äJienfd^ ftd^ nod^ überall mit ber 
©efamtl^eit feiner in ungebrod)enem ©inHange erl^altenen Gräfte 
t^ätig jeigt. Unferm forfd)enben 2)id)ter ift e§ fein leeret 
SBort, ba§ bie SßöHer biegten. SBie il^re ©efd^ide njed^feln, toic 
fie äu neuen X^aten fortgeriffen ttjerben unb neue Seben§:= 
öerl^ältniffe fic^ erjeugen, l^äufen fie t)on Sai^rl^uuberten ju 
Sa^rl^unberten ben reid^en, üieCartigen Stoff an, auö beut jene 
übermäc£)tigen ©eftatten ertüad^fen, tüelcf)e bie SBelt beö @po^ 
beüöüern, unb ju benen fpätere ©efd^Ied^ter, mit matterer @in= 
bilbung^fraft begabt, in fd)euem Staunen ^inanbliden. 

SRadibem er fo bie auö ber unermeffenen Straft beö jugenb^^ 
Iid)en SSolfögeifteö frei l^eröorftrömenbe 9laturfüüe beö @po^ 
anfdiaulid) unb überjeugenb gefd)ilbert l^at, tierjeici^net er in 
bünbiger Äürje mit fc^arfer §ert)orf)ebung bebcutfamer Sinjel^ 
l^eiten ben gefamten Snl^alt ber §elbenfage, tüie er au§ aä^n 
biefem Greife angel^örenben ©ebid^ten, bie gleic^fam afö ©in 
grofeeg epifd^e^ ©räeugnife gefaj^t tüerben, ju gelüinnen ift. (Si> 
erl^atten n)ir einen 93Iid über bie 9D?affe ber Sreigniffe unb 
S^fjatcn, bie fid) in unfrem @po§ äufammenbröngen, ober bie 
Dielmel^r bie fefte ©runblage bilben, auf tt}elcf)er bie epifd)e 
3BeIt fid) auferbaut. Unb njenn un§ nun neben ber beutfdien 
®efta(t ber Sage aurf) bie öielfad) abtt)eid)enbe gorm, n)etcf)e 
un§ ber f!anbinat)ifd^e 9?orben überliefert, üorgel^alten njirb, fo 
erfennen toir nic^t nur, toie fid^ ber gro^e ßi^fontmen^ang aßer 
gcrmanifrfien Stämme aud) im @po§ urfunblid^ bezeugt; toir 
begreifen ebenfo beutlid), n)ie bei bem öerfd^iebenen SBerfifel ber 
Seben^bebingungen, ben bie einzelnen SSöIfer erful^ren, auct^ 
©toff unb ®e^alt ber Sage einer me^r ober minber burdt|== 
greifenben äußern SSeränberung unb innern Umbilbung fid^ 
unterwerfen mufeten. 



320 S^arafteriftifcn 

SSJic Uf|Ianb btc ©d^ttbcrung bcr ^elbenfage mit ctitcm 
Uebcrbfid be^ Sn^attö berfetbcn fc^tdüc^ eröffnet, fo fc^Uefet er 
fic, nadibem SSortragötoeife, Sßerg unb ©tit be« cptfd^en fiicbcg 
in genaue Setrad^tung gejogen iDorben, mit einer SWufternng 
ber einselnen ©ebid^te, unter meldte jener reid)e ®e^alt fid^ ocr^' 
t^cilt. 

Sm äKittelpuncte ber 2)arfteltung aber erfd)eint bie au§* 
fü^rlidie ©rörternng über Urfprung unb fortfd^reitenbe^ SBa^^ 
tl^um be^ SBoIföepO!^. Sft biefe^ einjig unb aüein au^ gefd)id^t* 
Iid)en Ueberlieferungen l^erüorgebilbet? Söefi^en toir in il^m eine 
l^iftorifc^e Urfunbe, abgefaßt in beutlic^en ©d^riftjügen, bie nur 
aHmäl^tid^ im gortgange ber ß^^ten ^ie unb ba bi^ jum Untefer* 
lid^en uertnifd^t tnorben ? Unb bürften ton ^offen, bie @ntfte{|ung 
beö @po^ ju ergrünben unb feine Umn^anblung fidlem S5(idEe§ 
t)erfoIgen ju fönnen, toenn e§ nur gelänge, bie ^Begebenheiten 
au^finbig ju mad^en, beren öerbunJelte ©rinnerung un§ l^ier 
aufbelt)a]^rt ift? — Ober tüar bie epifd^e S)id^tung nur ein 
?lu§flufe beö religiöfen ®Iauben^ unfrer 8Sorfaf|ren? ©inb 
l^ier nur STnfd^auungen niebergetegt, bie einft bie beutfc^en 
©tSmme über SBefen, 2;i^un unb ©d)idEfat ber ©ottl^eit unb ber 
Oötter {jagten unb bie in il^rem frommen Sinne feftgett)urjelt ttjaren ? 
Unb !ämen toir bem SBerben beö @poö auf bie ©pur, toenn 
tüir üermöd)ten, bie ®ötter, bie einft au^fd^Iiefeenb in ber 
epifdien 3SeIt gefd)altet, unter ber fpäter il^nen aufgejttjungenen 
§elbenma§fe n^ieberjuerfennen ? — STuf biefe fragen giebt Urlaub 
eine ebenfo grünblid^e tt)ie bel^utfam abwägenbe 9lntn)ort. @r 
fammelt auö bem ©anjen unfrer §clbenfage bie gefc^id^tlid^en 
S3eftanbt]^eile, bie in ben tt)eiten, bel^nbaren SreisJ beö ®po§ 
eingebrungen finb unb bie nod^ unter ber bid^terifd)en Uml^üßung 
fid) erfennen laffen. 9Kit gleid^er Sluöfül^rtid^feit legt er bie 
ebenfalls unüerfennbaren m^tl^ifd^en ©lemente bar, bie fid^ mit 
ber lebenbigen Ueberlieferung fo innig üerfd^moljen l^aben. 
S)a§ gefc^id^tlid^e ttjirb, inbem eö auf ba§ epifdf)e ®ebiet l^in* 
übertritt, bid£)terifd) üergeiftigt ; bie bem gläubigen ©inne ent^ 



Urlaub als Sotfd^er getmanifd^et Sage unb Sid^tung 321 

fprungenen Änfd^auungen iDcrben im @pog finntid^ gcftaltet. 
®cfd^id^tlid^c unb rcitgiöfc Uebertieferuitflen treffen l^ier not^^ 
njenbtg jufammen, iDcil ja baö Sßolf in bem @po^, ba§ e^ äug 
feinem Snnem ^erau^ geftaltet, fein ganje^, nod^ ungetrennteö 
3)afein tt)ie in einem ©piegelbilbe auffaßt. SBie bürften nun 
QUO bem Umfreife biefeö 2)afeing (Sefd^id^te unb ®Iaube, biefe 
mäd^tigen unmittelbaren Steufeerungen beg SßoIMeben^, auö* 
gefc^Ioffen fein ? 2tber in §iftorie unb 3R^tl^ug gel^t bie epifd^e 
Sichtung fo menig auf, tüie fie auö einem bon beiben aÖein 
l^eröorgegangen ift. ©n 5)ritte§ mu§ ^iuäutreten, tt)enn fie 
in üöKiger ©efunbfjeit ju bauember Seben^fäl^igfeit erblühen 
foß: bie Äraft ber et^ifd)en ©igent^ümlid^feit, bie burd^ ba^ 
SSoIf tt)altet, bie gleid)fam im innerften Äeme feineö S)afein§ 
befd^toffen unb beptet ift unb im (£po^ burd) unöergängtidie 
Oebilbe jur Srfd^einung fommt. 

S3ei ber Setrad^tung unb ®ntn)idttung bc^ (Stl^ifdien, mie 
eö unfre §etbenfage burdf)bringt, üernjeilt Ufjtanb am längften 
unb offenbar am liebften. ^ier Ujirb man aud^ feine ^av^ 
fteüung am ergiebigften unb anjie^enbften finben. (£r toeift bie 
©runbüer^ältniffe nad^, ttjctd^e ba^ germanifd^e Seben in ©taat 
unb gamilie bebingten. ®erabe in ber 3^^*, in n)eld)er ba^ 
@po^ am reidiften mit gefd^id)tlid)en Söeftanbtljeiten t)erfe^t 
morben, behaupteten biefe Sßerl^äftniffe nod) il^re öode 3Kad^t 
über bag ®efamtbafein be^ SSoIfe^. Sßon bem etl^ifd^en ®e^alte, 
ben fie in fid) bargen, ift bal^er unfer ^etbengefang erfüllt. 2l(ö 
befonberö n^id^tig für bie Srfenntni^ ber ßi^ftönbe, bie im @po§ 
äu bid)terifd)er SSerflärung gelangen, fd)ilbert Ul^Ianb ba§ SBefen 
ber ®efeltfcf)aften, in tüeli^en ögräüglid) ftd) bie Xreue betüä^rt, 
„ber ®runbtrieb be^ germanifd)en Seben^ unb barum audf) bie 
©eete biefcr Sieber". @r lä^t un^ begreifen, tpie au^ bem 
^elbent^um baö tönenbe, geftaltenreid^e ^elbenlieb ^eröorfteigt. 
SBie aber bie eiujetnen Srfd^einungen beö germanifd£)en gelben«' 
lebend fid^ in ber 2)id[)tung ausgeprägt ^aben, bai^ n^irb unS 
bii^ jur Harften 2lnfdE)auIid[)!eit t)erbeutlid)t, toenn er bie 

Serna^S, (Schriften UI. 21 



322 S^aratteviftifen 

©cftaltcnrei^e, tote fie burd^ biefe ßtcber fid^ l^tnburd^betoegt, 
mit fidlerer §anb un^ öorfül^rt. 3ebe bicfer ©eftatten ift 

öleid^fam ein rebenbc^ B^i^S^ife fö^ ^^^ fittlid^eit 3*tftä^i>^f fö^ 
bie Seben^t)eri)ältmffe, au^ bcnen aUein fie fid^ l^erau^bitben 
fonnte — benn bie tebenbige 3BirfIid^feit toar bamate ber ®runb 
unb bie ClueHe aüer 5ßoefie; — jebe biefer ©eftatten ift aber 
aiid^ ein mit fetbftftnbigem S)afein au^gerüfteteg, bid)terifc^ 
befeette^ 3Befen, hervorgegangen au^ bem fd^affenben SSotfögeifte 
jener 3ugenbjeit, ba aüe geiftigen gä^igfeiten be^ SSolfe^ noc^ 
unter SBotmäfeigfeit ber bid[)tenben Sinbitbung^fraft ftanben 
unb t)on ber 5ßoefie regiert unb beftimmt tourben. — 

S)ie ßönige unb bie 3J?eifter, bie SRedEen unb bie §eer= 
gefeHen, ^etbenmänner unb ^elbenfrauen, ja fetbft bie SSaffen 
unb SRoffe, bie ben Steifigen, ber bamalö nod^ einer „toanbctuben 
95urg'' ju öergteid^en toat, in bie fturml^arte Äam^fe^not^ 
geleiteten, — fie aüe tt)erben ^ier mit ben finnlid^=^fräftigen 
ßügen gefd^übert, bie burd^ bie gefamten S)ic^tungen beö großen 
beutfd^en ©agenfreifeö üerftreut finb. S)ie bem germanifd^en 
©tamme^d^aralter eingeborenen Sigen^eiten unb ©igenfd^aften 
werben l^ier in ben üerfd^iebenften formen, unter öietfad^ 
toedifetnber 95eteud)tung fid)tbar. ^etbenjorn unb §elbenfd)erj, 
•Jreue big in ben 2^ob unb unauöIöfd^tidEie 9iadE)begier, bie au§ 
ber 3Burjet ber Streue fetbft furd^tbar emportoäc^ft, l^eimtid) 
tüdRfd)er SSerratl^ unb flammengteid^ auöbred^enbe Sam^fe^ttJUt^, 
bie fonnige Seben^freube, bie ftd^ über eine t^atenerfüttte SBett 
breitet, unb baö ®rauen be§ Unterganges, in ben bie ftra^tenbe 
^errtid^!eit öerfinft, — aUeS, ttjaS in unferm @pog mit 
gigantifdE)er Slraft un§ fd^red^b ergreift ober mit ttnberer 
(Setüalt rü^renb beioegt, aUeS n)irb unS begreiflid), ja Vertraut, 
n)enn n^ir ben ©eftatten, n^ie beS 2)id)terS §anb fie t|ier nad)== 
SeidEinet, redE)t tief in§ innere btiden. 5Denn aUerbtngS l^at 
ber S)id)ter, toetdier baö nur il^m offenbare ®e^eimni§ ber 
finnlid) lebenbigen S)arfteIIung burd^fd)aut, ^ier überatt bem 
Sluge beS gorfd)er§ bie 9iid^tung gegeben unb auf jeben teifen. 



Ubianb al§ gorfdjet flermanifcfecr Safle unb Sid^tuna 323 

f^ali öetborgenen Quq l^tngetüiefen. 3Rag aud) ber grimme 
§agen ober Stübtger, ber SSater aHer 2:ugenben, ber Reiter 
fräfttge ©pietmann ober firiemJ^Ubenö lieblid^ l^eiire^ 3Bunber* 
bilb — mögen fie öor unfrer 5ß^antafie ein nod) fo befummlet 
Seben gewonnen fjaben: fo tüie U^fanb fie un^ ^ier jeigt, 
fd)einen fie un^ i^r innere^ ©ein bod^ nod) beutlid^er ju offen= 
baren. SBir bemunbern oor aHem bie ungeftörte, bi^ in bie 
fteinften ©injel^eiten betua^rte gotgerirf)tigfeit, mit n)eld^er ber 
©ic^terfinn biefe ®efta(ten, gteid) al^ feien e§ ©rjeugniffe ber 
gefe^mäßig fd^affenben Statur, au^gebitbet t)at. Unb toie !räftig 
unb einbringlid^ fpred^en fid) bie ®egenfä^e in ©efinnungen 
unb St)arafteren au§ ! 3Kan blide auf 3BoIf fjart, in bem notf) bie 
alte SöerferfertDut^ nac^tobt, unb bann auf SRübiger, über ben 
fci)on ber milbere ©(anj d^rifttid^er Sitte ju ftreifen f(f)eint, 
obgleich in feinem reinen ®emütt|e nur bie Urtugenb ber 
©ermanen i^ren feften ®i^ aufgefc^Iagen fjat. 

?lber feine^toeg^ tä^t Ul^Ianb burdC) biefe ben einjetnen 
©rfd^einungen liebeöoE gen^ibmete öetrad)tung feinen ©lid£ öon 
bem ©anjen beö @po§ abjie^en. Sr beutet mit 9?ad)brud auf 
ben ®eift, ber bie^ ©anje h^kU unb in allen Xt)eiten be^fetben 
fid^ fpüren tä^t. 3^^^ ^^^f ^^ ^^^ K^riftent^um einen Sin* 
f[u§ auf bie ©dnftigung ber S^araftere, auf bie 9D?itberung 
unb Umbitbung ber äßotiöe n\ä)i aberlennen, bod^ fie^t er üor* 
ne^mlid^ germanifd^e Sigenart nod^ unüerlefet burd^ biefe 
S)id)tungen toalten. ®on ben beiben ©agenireifen, bie in 
unfcrm @|)o^ jufammentreffen, bem got^ifd£)en unb bem 
fränfifdi'burgunbifd^en, bringt i^m jener me^r bie Wlaä)t ber 
Xreue, biefer öortoiegenb bie jerftörenbe Untreue jur @rfrf)einung. 
6ine „SRofe ber Sreue'' ift il^m unfer ^elbenlieb. 3Iu^ bem 
95ereid)e ber S)id£)tung tt)enbet er gern ben SBIidt ^inauö auf 
ba^ fieben beö SSotfö, ba^ ii)m bie 5Did)tung, mit ber e§ fo 
eng öermadifen ift, erft erläutert unb beglaubigt. 3J?an fielet, l^inter 
bem beutfdEien 9SoIföe|)oö ftef|t immer baö 33oH felbft, ju bem er Don 
ber ©etrad^tung ber 5ßoefie mit ftet§ gfeid^er Siebe äurüdfe^rt. 

21* 



324 6&ara!tetiftifcn 

3loä) itäfier unb inniger jeigt fid^ fein Sßer^ättnife jum 
SSott, äu beffen Seben unb Sitte, tuenn er über ®efd)id^te unb 
SBefen ber beutfc^en ßtiri! f^jrid^t. SDie Äunftitirif be§ aRittet 
altera l^at il^n, nad)bem er i^ren 3Reifter SBalt^er öon ber 
8?ogeftt)eibe eingeln ^erau^ge^oben, ju einer umfaffenben 3)ar== 
fteQung angeregt. SBie loeit a\xä) bie SBiffenfd)aft ben ©tanb= 
punct hinter fid^ gelaffen ^at, ben fie bamate einnatjm, alö 
Urlaub feine Slbfianbtung über ben SKinnefang (1828) öerfa^te, 
unb obgleid) mand)e (£rfd)einung biefeö Sunftgebiet^, tt)ie j. SB. 
9?eib^art^ S)id)ttDeife, ju jener Qtit nod) ni^t im redeten Sid^te 
gefe^en n^erben fonnte, fo ift bod) felbft je^t nod^ feine ®d)rift 
ju nennen, bie bentjenigen, tt)eld§er gorm unb SBefen unfrer 
dten S^rif erfaffen tuiö, eine pöertciffige 95etef|rung in fo 
gefälliger 9lrt barböte. 2)ie l^eröorfted^enbftert ß^S^f tneldie ber 
3Kinnef ang auftt)eift, tt)erben ungejlpungen au§ bem Seben be^5 
SJitterftanbeö abgeleitet, bie feftfte^enbe gorm, in tneldie bie 
fünftlerifd^e SRanigfaltigfeit fid^ fügte, mirb in i^rer öoüen 
Sebeutung er!onnt unb borgelegt; forgfättig bemerft ttjerben 
bie au^ bem SBed^fel ber 3^^*^^ ^^"^ 3"f^änbe, tok au^ ber 
©inne^art ber einjelnen S)id)ter entfpringenben 9?erfd)ieben* 
l^eiten in biefer anfdE)einenb fo gleirf)förmigen Sunftübung; unb 
obgleid^ Ut)Ianb nidt)t öerfd^meigt, ba^ biefe ^oefie in einen unöer^ 
föl^nlid^en @egenfa| ju natürtirf)er @infadt)l^eit unb unöer* 
fünftetter Sitte geratl^en mu^te, fo toeibet er fid^ bod^ mit un- 
geftörtem SBot)IgefaHen an jebtoebem liebtid^en, ba§ ber SKinne^ 
fang bietet, ber ettoa^ öon feinem eignen grül^tingöreije biefer 
anmut^ig ben)egten ©arfteßung mitjutl^eiten fd^eint. SKit 9Sor* 
tiebe ricf)tet ficf) bie forfd^enbe Slufmerffamfeit bai)in, too eine 
SBerül^rung jtoifd^en bem lebenbigen SSoIf^gefang unb bem nad^ 
Iünftlerifdt)er ©a^ung auögebilbeten Siebe nja^rjunel^men ift. 
3ur öotfömä^igen S^rif füt)tte fid) be§ S)id^ter^ ®emütf| am 
mädt)tigften iiingejogen, bie öoH entfaltete Stütze feiner gorfd^ung 
reidjt er un^ in feinen Stb^anbtungen über ba§ SSotfölieb. 
®ie Strbeit am SSoIfötieb toar gleidt)fam ein t)on ber 



U[)Ianb al5 gorfcfecr ßermanifctiet Sage unb ©icfetunft 325 

SJotnantif il^m übex!ommeneg @rbe. Slmim unb ©rentano Ratten, 
me^r jur Setebung unb 9Ser6rettung eine§ für öoHötfiümltci^e 
S)id)tung empfänglid^en ©inne^ ate gut görberung ftreng 
tmffenfd^aftltd^er Qtotd^, ben Steberfd)afe il^re^ SSunber^orn^ 
gefammett unb tuo^t aud) gelegentlid^ fetbft subereitet. Uf|tanb 
burfte ba^ SKuftertuerf feiner ©ammtung nur nad^ ben ftrengften 
n)iffenfci^aftlt(i^en Orunbfä^en anlegen unb au^fü^ren, o^ne 
jebod) baö bid^terifd^e Sntereffe jurüdEtreten ju taffen. SBie 
f räftig aber bei 9lu^tüaf|t unb Slnorbnung beö Stoffe^ ber tebenbige 
S)id^terfinn ben |)rüfenben gorfdE)ergeift unterftü|t ^at, ba§ 
Vermögen n)ir im ganzen Umfang erft je^t ju erfennen, nadE)bem 
un§ enWid^ bie Unterfud^ungen öotgetegt finb, bie urf|)rünglid^ 
ber ©ammtung jum fd)önen faft unentbe^rtirf)en ©eleite bienen 
follten. 

greilid^ ^aben loir aud^ je^t nur ein SBrud^ftüdE öor unö. 
9Id^t Slb^anblungen follte ba§ SBerf über bie SSottetieber um:= 
faffen, nur öier finb öoUftänbig aufgearbeitet; aber jebe biefer 
Stbl^anblungen bitbet ein fierrtid^e^ ®anje^. 2)ie erfte „Sommer 
unb SSinter'' tä^t unö in bie 9?aturft)mboIif be^ germanifd)en 
Slttert^umS jurüdbtidCen, bie „gabellieber" führen un§ in bie 
Siefe be^ grünen SBatbe^, njo fo fettfame 3Bunber funb tuerben 
an allertei Spieren, bie bem 9Äenfd^engefdE)ted^t nod) nxä)t gänj^^ 
lid) entfrembet finb; bie „SBett^ unb aSunfdE)(ieber" gehören 
bem regen gefeEfd)aftlid)en Seben an, in bem §eiterfeit unb 
erfinberifd[)er SBi§, ©pott unb pfiantaftifd^er Uebermutf) in 
ber ben unb tiebtid)en Sönen fid^ äußern muffen; bie „Siebet* 
lieber" enbüd^ öerfünbigen oft mit fd^üd)ternen Stangen, baö 
©e^eimnife be§ in SBonne, ©e]^nfud)t unb ©cf^merj rafttoö 
ben)egten ^erjen^. 

Siner breifad)en Setrad^tung untertt)irft U^tanb ba^ SSotfe^ 
lieb. @r fd^itbert beffen 3^f^^^^^^<^^9 ^^^ unfrer alten 
ein^eimifd^en S)id)tung; e§ ergiebt fid), ba§ faft jebe Gattung 
unfrer öoH^mä^igen St)ri! einer in unfrer ättern ^oefie 
gültigen gorm entfprid^t, unb ba§ ber oft unfd^einbare Sn^att 



326 ©^atafteriftifen 

unfrer Skbcr ipeit jurücfbeutet auf uralte bid^tcrifc^ S(n= 
f^uungen unb fagen^afte Ucbcritcferungcn. ferner fpürt Ul^Ianb 
bie JBejtei)ungen unfrei SSoIfögefang^ ju bem ber anbern 
Stationen auf; unb mit Iroft unb @ri)c6ung t)ernc^men toir 
ben unjerftörbaren ©nttang, in bcm bie angebornen (Jmpfinbungen 
aller SBötfer jufammenftimmen unb bct auö ben fd^üd^ten 
^erjenöttjorten i^rer fiieber un^ nod^ je^t fo rüi)renb anfprid^t. 
(Snblic^ ergrünbet ber 5Keifter baö SScrl^ältniß be§ SSofföliebe^ 
ju bem Seben unb ber Sitte be^ SSoKcg, in beffen SJiitte e^ 
erflingt. 

Sei biefer le^tem Setrad^tung beloäiirt fic^ n)icber auf 
baö öolltemmenfte bie ©in^eit be^ gorfc^erö unb Sid^ter^. 9Son 
jel^er l^atte U^tanb bie Steigung gehegt, über bie im S33ort ge* 
fafete unb aufbewahrte 2)id^tung jurüdEjugreifen auf bie aüer 
Sitteratur öoranliegenbe Urpoefie, bie nodC) in bem SBoIföteben 
innigft öerfenft unb t)erfd)tungen ift. S)iefe für baö Siid^ter^ 
gemütt) fo begeidbuenbe Steigung mu|te tl^m ^ier öorjüglidE) ju 
ftatten fommen. S)enn nur in S8rud)ftüden, in jerfprengten 
3;^eilen ift un^ baö SSotföUeb erhalten ; f oü eö für unfcre an* 
fcf)auung unb Smpfinbung ergdnjt tt)erben, fo muffen toir eä, 
n)ie in feine §eimat^, in bie 3^it jurüdgeteiten, ba nodC) ba^ 
Seben burd^brungen toar öon jener Urpoefie, bereu Slni)aud^ 
aüein ba^ erftarrte ober gefdE)äbigte SBort beleben unb J^erfteQen 
!ann. §ier mufe fid^ ber a^nenbe 2)id^terfinn bet^ötigen; ^ier 
mu^ ber gorfd^er bie §ülfe ber 5ß^antafie anrufen, nid^t ber 
jügelloö nad^ SBilHür ftdt) regenben, fonbem ber gefe^mäfeig 
n)ir!enben, burc^ baö ber 95etrad)tung bargebotene Dbject be* 
ftimmten unb geleiteten $ßt)antafie. 

Unb fo (ä^t benn Urlaub in föfttid^en ©d^ilberungen ba^ 
Seben t)or unö aufblühen, au^ bem tuie eine nott|n)enbige 
©eburt baö Sßolfölieb ijeroorfprang. S)ie tac^enbe, teud^tenbe 
grü^ting§n)ett toirb öor un^ ausgebreitet, tt)o aHeS Hingt unb 
buftet. 3Bir fönnen eS mitempfinben, tvk beim Sluferfte^en 
beö Seuäeö bie burd^ ben SBinter jurüdEgel^altene S^anj* unb 



Ul^Ianb al§ gorfcfcer flerinanifc6eT: ©age unb Sichtung 327 

(Sangeöfreube fid^ neu bete6t, tote baö ®effit|t, ba§ au§ bem 
§erjen toed^fetub ^eröorfteigt, einftimmt in ba§ Seben, ba§ in 
cnbtofer SÄantgfatttgfeit unb hoä) be^errfd^t burd) ettJig gletc^ 
®efe^e bte Slatur burd)brtngt. S)em 2^on, ber au§ ber Se^te 
ber 9?ad^tigall fd)allt, mu| baö ßieb anttoorten, ba^ auö 6e* 
toegter üRenfd^enbruft ^eraufflingt. Sit bem ®efü^I öon ber 
ßufammenftimmung ber Sftatur unb be^ üRenf d^enlebenö , in 
biefem allumfaffenben ®efüf|I lebt unb totbi ba^ beutfd)e SBotfö* 
lieb. 6^ fc^eint gteid^fam eine brüber(id)e ©inl^eit ätoifd^en 
aßen gefdiaffeneu ^erjuftellen. S)ie laute ^reube be§ 3KenfdE)en=' 
^erjenö finbet i^ren SBiber^aH in bem aufraufd^enben 3u6et 
aßeö lebenbigen, unb ein SKitgefü^I mit ben ßeiben beö 6e* 
brängten ©terblid^en burdigittert aüe Kreatur. SÄit jartem 
unb bettjegtid^em ©inn, mit bem Sßermögen jener burd) Iiebe= 
öoHe ©mpfinbung nodf) gefd^ärften SBa^rne^mung, n)etc^er aud^ 
ber leifefte Saut nid^t entfdf)tüpfen !ann, öerfenft fid^ U^tanb 
in bie bid^tenbe SSoIfefeete, bereu innere^ Seben fidt) in bie um^ 
gebenbe S'iatur ergießt. SSie fe^r aud^ bie 3Kü^e einer nad^ fo 
üerfd^iebenen 9tict)tungen l^in fid^ erftredEenben Unterfud^ung 
feinen ®eift in SlnfprudE) nel^men mag, ftet^ bleibt if)m ba^ 
lebenbige ®efül^l, tuie er e^ felbft einmal nennt, „für bie feinere 
©eele im 9Sol!". Unb toenn mir un^ l|ier überall be^ fo glüd£* 
lid^ öolläogenen öünbniffeg jtüifcfien 5ßoefie unb SBiffenfd^aft 
erfreuen, fo mag un^ jugleid^ jebe^ SBort fjier bejeugen, bafe 
ber gorfdier Uf)lanb fid) bem ^erjen feinet SJolfeö fo innig 
na^e fül)lte tt)ie ber 5Did)ter. 

@^ ift ein au^geid^nenber SSorjug ber größten unfrer 
5ßoeten, ba§ neben ber bid)terifdl)en aud^ bie SJJufe ber 3Biffen= 
fd)aft fid) gern ju iljuen gefeilte. Sind) Uljlanb tonb öor 
unfrem 2luge fortan in biefem ^errlidl)en 2)oppelgeleite er- 
fd^einen. SBer mit ber 9)Zufe feiner SDic^tung Vertraut ift, 
tüirb in ber toiffenfd^aftlid^en, bie il^m au^^arrenb jur Seite 
blieb, beren ©d^toefter nidl)t öerfennen. 2^at finb il^re ßöfl^ 
ernfter, gehaltener i^r ®ang, bebödf)tiger ifjre ®eberbe. 9lber 



328 g^aTattehftifen 

aud^ tiircr ©rfdieinung fel^It nid^t bic getpinnenbe ?lnmut^, milb* 
fräftifl ertönt i^r 9Bort, unb toic öon öcrttärenben ©tral^Ien 
ergtänjt i^r Sttttltg, loenn fie öoit bcr burd^ aHe Söl^tl^unberte 
bcjeugtcit ©eiftc^l^errtici^fett be^ beutfc^n SBoffe^ rebet, toäl^renb 
t)or t^rem ©liefe bte loeiten ®efilbe bcr SJorjett fid^ erl^eHen. — 
S)em funftbegabten 5ßoeteit, bem baö retd^e, in ber S)id^* 
tung njunberfam geborgene SSotfö* unb Seelenleben fid) tüiQig 
erfd)tie|t, unb ber fein 3Bort mit tebenbigem Steij ju fd^müdEen 
öermag, — il^m fann mit ©rfotg nur berjenige nad^ftreben, bem 
ä^nlid)e ®aben befd^ieben tt)orben; n^a^ aber ben gorfd£)er 
Ul^tanb au^jeid^net, ba^ fönnen n)ir aHe unö aneignen unb 
bewaiiren: getpiffcnl^afte Xreue, felbftöcrieugnenbe Eingebung, 
unbeugfamen 3Bal^ri)eit^finn. 



Hebe auf 6(^effeL 

um) 

SBon bem S)enlmat, baö tüir bem S)i^ter aufgeriditet, foH 
batb nun bte §ülle fin!en. (£r, in allen ®auen ©eutfd^tanb^ 
Ijeimtfd) unb geliebt, tuirb toie gu einem neuen, bauernben, öer- 
geiftigten 2)afein öon feinen 8?otfögenoffen in ben Umfrei^ ber 
Sßaterftabt gurüdgefüfirt. 2)a^ 9lntti§, bem bie fidler bitbenbe 
Äünftlerl^anb bie fprec^enben Qü^t beö Sebenö aufgeprägt, toirb 
Don ben Süften ber §eimat^ umfielt, ber ^eimatl^, bie il^m 
ben na^rungfproffenben Soben für baö IraftöoHe ©ebeil^en 
feiner S)id^tung getoäfjrte. Unb n)ie ba^ ^aupt, auf bem freubig 
ftolj unb ttjel^mutpöoü unfre Stide toeiten, öon freier Iid)ter 
3lnf|öf|e fid^ emporhebt, fo fällt aUeg öon i^m ab, toaö ber 
irbifd^en ©rfd^einung anfiaftete, unb tebig toirb er aQe§ beffen, 
toaö bem Sereid^e be§ üergängtid^en entftammt. Sn ber ur^ 
fprünglid^en ungebrod)enen Xüd)tigfeit feineö SBefen^ fte^t er 
öor nn^ ba. 9?id^t mit anmafetid^em Urtijeifefprud^ foHen tüir 
l^ier bie ©renjen feftfe^en, bie feinem Streben unb können 
gejogen n^aren; nid^t tooHen toir erörtern, n)ie innere (£rteb=« 
niffe, n)ie äußere ©reigniffe fein ©d^affen bebingten, feinen 
fünftterifd)en S)rang erregten, leiteten ober befd^ränften ; nein, 
öergegenn)ärtigen ttJoHen tüir unö i^n, ipie er, bem toanbel* 
baren ©rbenbafein enthoben, in gefefteter ®eftalt ber Jiad^mett 
fid^ Seigt. 

9lber f|at benn aud) toirttid^ für i^n bie Stad^ttjett fd)on 
begonnen? S)ie meiften berer, bie fid^ bereinigen, il^n ju 
feiern, füllen fie fid) i^m gegenüber nid)t ate 2Rittebenbe? 



330 (Sbarafteriftifen 

^oä) Hingt ti)ncn feine marfig einbringltc^e Stimme, no^ ift 
ifjnen ber Stid öertraut, in bem 6atb bie §erjlid^!eit n^armen 
SRitempfinben^ fid^ !unbgab, auö bem balb bie ©d^atf^eit geift* 
reicf) ttd iieröorbrad); nod) erneuert fic^ ii)nen ber (SinbrudE 
feinet ®efpräd^^, baö burd^ fein anfci^autid)eö SBort fid) fo 
eigenartig Mtbit; fie glauben nod) feine gemütl^öolle 6rjä^* 
lung ju öerne^men, bie fid) untt)illfürtid^ ju einer faft bic^= 
terifd^en S)arftetlung umbilbete, in ber fi^ ber Urheber be§ 
(Sflefjarb, ber ©änger beö ©aubeamuö nid^t öerteugnete, unb 
in ber, tük in feinen SSerfen, bie ©egenfä^e Don ©d^erj unb 
@rnft teid)t in einanber überfpielten, fo ba| man aud^ ^ier un== 
mittelbar bie SBal^rl^eit be^ Stu^fprud^ö erfannte, mit bem er 
We eintieittid^e S)oppetnatur feiner 5ßoefie begeid^nete: feine 
Äomi! fei nur bie umgefei)rte gorm ber innern 3D?etandE)otie. 
Unb tüie manche unter benen, bie fein Slnbenfen toexti) 
unb ttieuer Ratten, fönnen ganj eigentlid^ aU feine Seben^genoffen 
gelten, benen nod^ in tebenbiger (Erinnerung üorfd^toebt, tuie er 
feinen Srbengang burd^ma^. Sie fe^en i^n a(ö ben burdtj 
vielerlei greife au§gejeidE)neten ©d^üler beö üaterftäbtifdEien 
€>t|mnafium§, ba^ fdE)on bamalö ber 5ßflege ber ebelften ©tubien 
ficf) erfotgreidC) beflife; unter feinen Äameraben t^at er fidC) afö 
ber erfte l^eröor. @dE)on regt fidf) in il^m ber bid^terifd^e 
(Seift, ber, tt)ie er in finbtid^er 3ätttid^feit behauptete, it|m öon 
t)er poetifd) geftimmten unb befafjigten 3J?utter alö föftlid^fte^ 
<^nt angeerbt n)ar; bod^ übermäd^tiger nod^ ot^ ba^ bid£|terifd)e 
©treben bef)errfd)t if)n ber §ang jur bitbenben Äunft. ^n^ 
befe n)eber ber 5Didf)tung nod^ ber SKalerei barf er fid) ju eigen 
geben. 9Äit jenem ^flid^tgefül^t, ba§ er at^ einen ber ®runb*= 
3Üge feineg 3Befen^ feft^iett unb ba^ er fpäter aud) ben t|öi)ern 
Slufgaben ber bid)terifd)en ^unft gegenüber betoäl^rte, fügt er 
fidf) bem öätertidf)en SEBiUen: ber jur Äunft berufene ergiebt 
fid) ben ftrengen 3Keiftern beö römifd^en 9ied^t§. 9lber tüeber 
Oaiug nod^ Utpianu^ unb am n^enigften ber Ä'aifer Suftinianuö 
lönnen ben SRutf) i^m n^irren ober ben 2)ämon ber Jßoefie 



Sebe auf 64effe( 331 

bannen. @o fie^t if|n 90?ünd)en, ^etbetberg, Sßertin unb bann 
tDteberum baö t^eure §etbetberg aU l^eitern unb ertieiternben 
©tubenten. S)od) barf man au§ manctien frifd^ übermüt^igen 
Sleu^erungen cineS SBett*, Snnft* unb 9?atur*froi)en Sugenbfinneö 
feineötoegö fd)Itefeen, bafe er einer allju Ieid)ten Sluffaffung be^ 
Sebenö unb ber Sebenöforberungen fid) jugeneigt. ®erabe feine 
iugenbtid)en SSere^rer, benen fein Sieb immer öon neuem bie 
Snft am S)afein toedt unb ftärtt, gerabe fie mögen ertt)ägen, 
bafe, tüenn ber tt)ibern)illige Surift gleid^ feinem Sung-SBerner 
in getüiffem Sinne fid) ^ernad^ feinet corpus iuris entäußerte, er 
biefen immerfjin bebenflid)en ®d)ritt boä) bann erft n)agte, nad^* 
bem er eg grünbtid) burd^ftubirt t|atte. 

©eftü^t auf bie Srgebniffe biefer ©tubien, mad^t er fid^ 
eben bereit, ben orbnungögemä^en SSeg be§ nad) t)ö^erer 
Stellung ftrebenben ©taatöbiener^ anjutreten, ba finbet )iä) ber 
breiunbän)anäigjä^rige einem untertDüi)tten, im tiefften Snnern er* 
fd^ütterten Staats^ unb ®efellfd)aftg(eben gegenüber. SBei bem 
3ufammenbrud^ alt überlieferter 3iiftönbe blieb er fein ttieit* 
natjmlofer ß^f^^uer. SDurd^ bie ©türme, bie mit mäd^tigen 
©d^tuingen über bie SSötfer ©uropaö, bie aud^ über unfer Sßater- 
lanb ein^erfut)ren, liefe er fidf) nid^t blinbtingg in ba^ ttjogenbe 
©etriebe ber Qdt fortreißen. SBaö er beobadf)tete, ftja^ er er== 
lebte, fonnte bie Unbefangenheit feiner Slnfd^auungen nid)t be* 
einträdf)tigen ; fidf)er(id^ ging er au^ biefen Semegungen mit neu 
beftärftem öaterlänbifd)em ©inne ^eröor. Unmut^ö* unb l^off* 
nung^öoQ äugteid^, l^ie unb ba ton einem ®efü^t ber öitterfeit 
übermannt, blidfte er l^inauö in eine Qtit, ba unfer S)eutfd^* 
lanb burd^ eiferne X^at toieber jung toerben foßte. 

3njtt)ifd)en, tt)äf|renb bie üaterlönbifdien ®efd)ide nod^ im 
ungetoiffen fd^ttjanften, follte fein ®efd)id fid^ glüdöerl^eißenb 
entfdE)eiben. 2)ie üRufe, bie fid^ einmal i^n erforen, gefeilte fid^ 
eben bann ju i^m, ate bie ©d)ranfe ber SBirHid^feit fid^ trennenb 
jttjifd^en i^m unb i^r ju erl^eben bro^te. oben ber Drt, ftjo 
ber SKeifter Sofepl^uö öom bürren Slft ate armer ©d^reiber 



332 e^araftetiftüen 

— fo nennt er fid) loo^I fetbft — getmffenfiaft feinet erften 
befdieibenen Sltnte^ im S)tenfte be^ Staate^ toaikk, eben biefet 
Ort tüarb ii)m, tote burd) bie (Sintoirfung be^ ^eiligen gribolinuö, 
bie getüei^te Statte, auf ber tf)m wie öon fetbft ber ©toff ber 
erften S)id)tung entgegentüud^^, burd) bie er afebatb fo öieter 
SÄenfd^en ^ergen gewinnen foüte. 

3Bie überaß, Wo^in er fein Sluge wanbte, ba^ gering* 
fügige SBebeutung erf|ielt, ba^ unfd^einbare bejeici^nenbe ®eftatt 
annafim, — wie er aller Drten fid^m @djritte§ ben ©puren 
nad^ging, bie auö einer me^r ober minber öerbitbeten ®egen* 
wart in bie güße be^ freien unb bod) gefe^ntäfeigen SRatur* 
lebend, in bie tebenbige SSa^r^eit ber ®efci^id)te jurüdleiteten, 
baö bewief en feine ©ädinger SBriefe, bie ©d)ilberung be^ §auen* 
fteiner ©djwarjwatbe^ unb jene SBerid^te au^ ben rf|ätifd)en 
Sllpen, ju beren Slbfaffung er fid^ mit Subwig §äuffer öer* 
einigte — wie gern ergreift man jeben Slntafe, beg tl^euren 
9?amen^ äu gebenfen! — 3Bäf|renb er aber fo fd^on l^alb un* 
beWufet öon ber Sßora^nung feineö erften großen ©ebid^te^ um== 
fangen war, fd^ien bie bilbenbe Äunft il^n enbgültig für fid) 
gewinnen ju woßen. 9Iuö ben bebrängenben ß^^if^'f^^ ^^^ 
benen ber SBiberftreit ber beiben fünfte in feinem Snnern i^n 
peinigte, fonnte er nur burd^ eigne fünftterifd^ ertöfenbe 3;^at 
befreit werben. 2Bar er inö Sanb 3tatia gepilgert, um bort 
unter ber gü^rung beutfd^er 3Keifter mit l^ingebenbem ftrengem 
gteife fid) bie ted)nifd^en SÄittel ber malerifd^en 2)arfteIIung ju 
erringen, fo Warb i^m bort, Wie in ptö^tid^ aufftral^Ienber Vixa^ 
leud^tung, ba^ 3^^1 beutlid^ erfennbar, bem fein fünftlerifd^eö 
©innen unb Xrad)ten in SBa^rl^eit juftrebte. Site er in frol^er 
3rüf)ting§==3If)nung auf Sapriö Stippen ben ©ang öon ber ftillen 
©d^WarjWalb^Sieb' anftimmte, alö er mit bem beginnenben SWai 
1853 ba^ Sieb öon SSerner unb SKargaretl^a üoHenbet l^atte, 
ba widmen aße Qmx^d: er Wu|te nun, wet^e ^olbfeüge ßunft 
fortan alö teitenbeö ®eftirn über il^m unb feinem Seben Watten 
foßte. 



Scbe ouf ©c6effel 333 

S)ag öüttbnil mit ber S)td^tun9, ba^ in bcr grembc fo 
fd^öit Befiegett tuorben, lonnte nun in ber §eimat^ fid) nid^t 
mefir todern. SÄod^te er in bie SSorbereitungen ju einer red^t^^ 
gefd^id^tlidien 9l6l^anbfung fid^ Vertiefen, bnrd^ bie er ben 3^^ 
gang jur afabemifd^en Sel^rtiiätigfeit ftd) eröffnen tooÜte, — 
umf onft ! er tüarb in anbre liefen gejogen, ju anbern §ö^en 
^iiiangefü^rt. 3nbem er ben Siec^t^äuftänben ber SSergangen- 
^eit nad^forfd^te, gelpann ber ©efamtgeift ber SSergangen^eit 
URad^t über i^n; ober öietmel^r, er befreunbete fiel) in innigem 
©nöerftänbnil mit bem (Seifte, ber einft ben öietgeftattigen 
fiebenöreid^t^um entfd^tounbener SRenfc^enalter erjeugt. SBie 
unter ber Seitung biefeö ®eifteö fügten fid) im @f!e^arb bie 
©injelerfd^einungen ju einem mit fünftIerifdE)er SBei^^eit gc* 
orbneten ®anjen jufammen, ein ßeitenbilb, in feften, tuenn 
aud^ nidf)t eng umfdE)tiefeenben Stammen gefaxt: ha^ Seben be^ 
sehnten 3a^r^unbert^ fd)eint fidC) bem neunjel^nten ju offenbaren. 

®o früli — ber S)icf)ter ftanb nod^ üor feinem breifeigften 
Sa^re — tt)ar fo l^o^e^ erreid)t n^orben. ©ein ©d^affen auf fotc^er 
§ö^e ju erfiatten, empfanb er atö S?erpfücf)tung gegen fid) unb 
feine Sunft. SBenn er abermate Italien burditoaubert, tüenn 
er auf fübfransöfifd^em Soben ba§ SBe^en beö ^etrarcafd^en 
^id^tergeifte^ empfinbet — e^ fei an bie belebte ®d)ilberung 
beö in SSaucIufe öerbrad^ten Sage^ erinnert ! — menn er öater== 
länbifd^e gluren burd^ftreift, ober ttjenn er im 9Ser!e^r mit 
«bei ftrebenben Sünftlern ben Sinn erfrifd^t unb ba§ Sluge 
ftärft, immer begleiten il^n bie öorJDört^treibenben ©ebanfen 
<in öielumfaffenbe (Snttt)ürfe, in beren Sluöfüfjrung er öon 
neuem bie gä^ig!eit |ätte ben)äf)ren muffen, bie ®eftalten unb 
^uftänbe üerf unfener ßeitalter, in benen baö Seben ber SÄenfd^^ 
^eit in folgenreid)er Entfaltung fi^ mad^tüoH ou^gebreitet, 
i^urd) bid^terifdie %i)at an^ Sid)t ber ®egenn)ort tieranjul^eben. 
5)a n)arb baö näd^fte in ba§ entlegenfte öern)cbt. S)er 
©d^merj um bie eben entriffene l^errlic^e, aud^ fünftlerifd^ oer* 
ioanbte @d)n)efter fam in bem büfter ergreifenben Silbe be^^ 



334 S^atattetiftifen 

§ugibeo jum Sludbrutf, baS und nod^ um ein fyiib Sa^rtaufenb 
leintet bctt ©ffel^rb jurücfüerfe^t. S)ann ttJtrb er tietmgefudit üon 
ber UeberfüIIe bei Srfdietnungen, bte auö bem Screid^e bcö jttjölften 
unb brcijc^nten 3ai)r^unbertd auf i^n einbrangctt, unb btc, 
wie um einen f|od^ragenben @i$;, um bie 3Bartburg fi^ fammeln 
füllten, ©ie umfd^toärmen ii)n, fie bringen i^m ge^eimnifeüoHe 
STOären, n)o^l aud^ öertpirrenbe Äunbe ju, felbft tüäl^renb er in 
ber fürfttidien 95ibliott)et ju S)onauef(i)ingen jeneö 9Serjeic^ni| 
ber attbeutfd)en ^anbfd^riften ^erfteQt, baö allein f^on, gleid^ 

einem el^renben 3^i^Ö"^6^ "^^ ^^^ 3*^^fc f^^^^^ 3Biffend tt)ie 
feine n)iffenfd)aftlid)e Sorgfalt öerburgen fönnte. 3[nneri)alb 
xodä)tx ttjeitgefd^njungenen Umriffe fid^ bad profaifd)e SESartburg^ 
©ebid^t auögeftalten follte, — eine SBorfteHung baöon mag ber 
3uniperud in und tüad^rufen. SDie Äteinobien erlefener ß^rif, 
tüefdie bie fd^mudreidie 2lu§ftattung ber gefd^id^tU^ bid^terifd^en 
S)arftellung bilben foQten, ^at und ^xan Slöentiure glücßid) 
aufbehalten. S)ie tiefen Xöne biefer Sieber erfaffen bad ©emütl^ 
mit um fo größerer SRad^t, toenn toir bebenfen, bafe fie bem* 
felben 2)id^termunb entfdE)tüe6en, ber alle ^ö^en unb 2lbgrünbe 
ber bid ind gigantifdt)e antüodt)fenben germanifd^en 3^^c^onncn 
fo f|inrei§enb überjeugungdüolf ju befingen tpufete. SBol^t barf 
man bem SDid^ter bie Ätage barüber nid£)t öerargen, bafe mon 
über jenen Siebern, toeldfie ben allerfonnigften (3onnenftf)ein 
über ein genufefrol^ed Seben ju breiten fd^einen, nur aßju Ieid)t 
foIdt)er mefobifd^ gebämpften @ct)merjendlaute öergifet, toie fie 
aud^ feiner ©ruft entfteigen, tüenn bed ^afeind unentloirrbared 
©el^eimni^ ifju anftarrt, tuenn ber SBIid ber ©eliebten if)m er* 
löfd^en toiß: 

SRur tuer fe^nenb in ber Sonne 

Untergel^nbe ®(utf|en fpäi)t, 

Sennt bie fdt)merjendbittre SBonne, 

3)ie aud fofd^em ©tief ertüefjt. 

SBar S)idt) finben, S)id£) öertieren 

?lidf)t tüie furjer Sonnenfu^? 



• / 



Met)c auf ©cbeffcl 335 

Sluci^ S)etn ©d^eiben glid^ bem i^xen, 

S)enn fie fd^etbet, tüdl fie mu^. 

ßäutet, ®toden, bumpfen ©d^aüeö 
©inem armen äRann ju ®ra6: 
§ier tüar^ö, o mein Sin^ unb Sllle^, 
3Bo id^ 2)id^ öertoren i)aV\ 
@o, nadE)bem ex in abgettärtex goxm feinem SSotfe fein 
Sefteg baxgegeben, fammetten fid) au^ ben Äxeifen bex Station 
unb über bie ©xengen 2)eutfdE)(anb^ ^inau^ in immex feftex 
gefd^toffenen SRaffen bie ©d^axen bexex, bie feinex tiefexnften 
S)idf)texxebe Eingegeben taufc()ten, bie an feinen l^eitexften Sängen 
JUX Sebenöfxeube fid) begeiftexten. Sagexte fidC) aud^ umfd^atten- 
be§ S)unfel übex fo mand^e feinex 2^age, fo blieb bod^ an jener 
fiebenöfxeube, bie ex fo öieten fd^uf, if)m fetbft ein xeid)e§ 9Äa^ 
gefid)ext. Unb mufete ex, bex bem Seben be^ alten Sieutfc^tanb^ 
mit bex Siebe beö iiünfttex^ fo emfig nad^gefpüxt, mu^te ex e^ 
nid^t mit innexex ©x^ebung toal^xue^men unb mit lautem gxeuben* 
ruf begxüfeen, afe bie öatextänbifdEjen ®efdf)ide fid) enbtid) gtox=^ 
xeid^ exfüüten unb aud) fo mand)ex feinex Sugenbl^offnungen 
bie unexnjaxtete SxfüHung bxad^ten? Unb öexna^m ex in bem 
3ujiaud^äen bex Swgenb nid^t ben tt)eitl^in foxtgefe^ten SSibex^^ 
l^aÖ feinex eignen 3ugenbluft? 

Sn feinex n)aExi)aft männlid^en SBefd^eibenfjeit — geloi^ 
blieb ii)m jebe ®etbftübexfd)ä^ung fxemb — fjätte ex fid^ bem 
geräufd^öoHen Slnbringen ber SBelounberer f)ie unb ba n)of|t 
lieber entjogen; bod^ burfte ex mit i)eitexex SBefxiebigung bie 
gel^äufte S^xentaft txagen. 3n tt)ie tiebeöoHex ©xinnexung 
^egen alle, bie fid^ in ben legten Scil^xen i^m nä^exn tonnten^ 
bag SBilb beö el^xenfeften beutfd^en üRanneö, bex auf bem @tüd 
^eimifdCier ©xbe, ba§ ex fxeubig fein eigen nannte, ttjixt^Iid^ 
toaltete. ^axtnädfig, abex niemals bögn)illig, ^ielt ex feft an 
bem, xoa^ ex einmal ate xed^t exfannt ^atte. 3?extxaut mit 
ben alt ^exgebxad^ten Sebeng3uftänben be§ SßoIIe^, öexfd^mä^te 
ex ben 5ßxunf, öexad^tete ex bie Q\^x^m. ©x fetbft, ein au^^ 



336 S^atattetiftiten 

bauernb treuer g^eunb, crful^r fein ganje^ Seben ^inburd) 
an ebten greunben bie beutfd^e SKanneötreue. Unb banfbar 
empfanben unb empfinben toir mit i^m, bafe fein S)ici^terle6en 
gehoben unb burd^leuditet toarb öon ber ^nlb be^ l^oc^ftnnigften 
unb getiebteften gfirftent)aare^, ba^ burd^ feine Änerfennung 
allein beut loo^ren SBerbienfte bie fc^önfte ber Äronen reicf)t. 

können toir ober ben S)id^ter öor unfer geiftigeg Sfuge 
rufen, o^ne bafe unnjifffürfid) bie ®eftalten um il^n fic^ fammeln, 
bie feine ^nftlerfianb geformt, benen fein ®eift ein fetbftänbigeö 
fieben einge^au^t? ©elbftSnbig Überbauern fie il^n, toie gänj* 
lid) lo^gelßft öom S)afein il^re^ Url^eber^ ; unb bod^ untrennbar 
bleiben fie il^m Vereint. S^^n fd^uen tüir in biefen ®eftatten; 
in il^nen tl^ut fein eigenttid)eg 3Befen fid^ unö auf. S)er 9leid^= 
tl^um . feinet innem ßeben^ ift in fie ^inübergeftrömt ; fie 
tragen in fidE), tt)a§ er fann unb fd)aute. SBetd^e einbrudC^^ 
t)oIIere unb be^ S)id^terö toürbigere 3«ier fönnten loir erbenfen, 
afö tt)enn n)ir, ftatt über i^n ju reben, — immer ein getüagte^ 
Unterfangen! benn baö ©runbge^eimnife alleö S)id^tenö bleibt 
unau^beutbar — n)etd)e fd^idHic^ere geier alfo fönnten tvxx xi)m 
bereiten, nU toenn n^ir il^n fetbft burd^ bie ®eftatten, mit benen 
er feine S)id^tungötDeIt beööüerte, ju un§ reben liefen. ®anä 
anber^ atö toir e^ öermöc^ten, toürben fie, jebe^ in feiner 
©prad^e, ba^ Sob if)re§ ©d^öpferö unb Silbner^ auötönen. 
SBerner unb äJJargaretfja, ^abtüig, (£f fe^arb unb ^ßrajrebi^ mit i^rer 
ganjen ^öfifd)en unb Höftertid^en, friegerifd^en unb bürgertidE)en 
Umgebung, ba^ au^ tiebtic^ Ünblid^er Söefangenl^eit jum Seben 
unb jur t^ätigen Siebe aufbtü^enbe 5ßaar Slubifaj unb ^abumotl^, 
3uni))erug unb SRotl^traut öon Sltmi^^ofen, unb jeneö in an^ 
tifer SDiarmorfd^önl^eit IeudE)tenbe ©d^toefterbitb SBenigna ©erena 
— unb bann jene anbere SReifie, au§ ber neben bem 3J?önd) 
t)on 95ant^ unb ben fal^renben Seuten SReinmar, SBoIfram unb 
^einrid^ öon Dfterbingen l^eröorrogen. — 9Iber munberfam! 
tt)äl|renb öor bem mufternben SBüde biefe ©eftatten toie im an- 
muti)igen ^Reigen ba^erjie^en^ überfommt unö bie SBetrad^tung : 






Meb« auf ©*effcl 337 

fie alle entftammen ber S?ergangenf|eit. 3Bag l^aben ftc ber 
(SegentDart ju fünben? SBie gelang eö il^nett, fid^ fo innig 
einjuleben in bie ^Infci^auungen , in bie ®efüf|tett)ett biefer 
@egentt)art, bie in ber ^unft nur il^r eigene^ ?l66ilb fud^t, bie 
in allen Sejirfen ber Äunft nur ftd) felbft tüieberfinben tüiH? 

5)en ^oeten binbet feine ßeit. Sm freien ^luge über* 
fd^tüebt er mit feinem ©eifte bie SBettatter. S)urd^ allen 
323anbel ber Qtxim ^inburc^ bernimmt er bie etpig tebenbigen 
Stimmen ber 3Renfd)^eit, unb n)o fie mit üeblid^er ®mali 
Der^ei^unggüoH il^n loden, ba, tpie in einer neu gefunbenen 
*^eimat^, Iti^t er fid^ nieber. 3Bie mit feinem ©gentium 
fc^attet er mit bem SSorrat^ ber ®eifte§fdE|ä^e, bie frül^ere 
9Kenfd^engef(^Ied^ter gefammelt: ba bietet ftd) if|m ber gefügige 
Stoff, auö bem er feine @cf)öpfungen erfte^en lä^t. • 

Slber ber S)idE|ter ift auc^ ber ©ol^n feiner ^dt ?(u^ 
i^rem gefamten Sein l^erau^ f^cifft er; ju i^r aUererft mu§ er 
reben, unb foHte fie aud) ni^t gteic^ i^n ju faffen Vermögen. 
Sinb eö nicf)t eben bie größten, beren SSort nie üeraltet, beren 
(£intt)irfung auf bie SRenfdil^eit burd) feine Orenje üon Qext 
unb Crt bef darauf t erfc^eint, — ©eifter \vk Stefc^^lo^, 5)ante, 
Gerüanteö unb tper nod^ gteid^bered^tigt i^nen jur Seite tritt, 
ffnb fie nxä)t aucfi bie etüig rebenben ßeugen i^rer Q^ii, 
beren lebeboUfte SSerf örperung fie un^ in i^ren SBerfen bieten ? 
2)iefer Qtit, auö ber fie l^erüorgegangen, angel^örig unb nur 
burdf) fie üerftänbüd), greifen fie l^inauö inö fünftige, tt)enben 
fie fid) rüdmärt^ inö Vergangene. S)ie 9Kenfd)f|eit fte^t Dor 
ifinen tt)ie ein gro^e^, nur f d)einbar in fid^ gefd)iebeneg SBBefen, 
beffen ®efamtbafein fie mit aüumfaffenber ©mpfänglic^feit 
burc^Ieben. S)ie innere (Sin^ett aUeö menfdE|Iid^ ®ett)orbenen 
fteüt fid) t)or if)rer ©inbilbungöfraft ^er. I)er ®id^ter, fagt 
\m^ ein großer 5ßoet, lebt ben Xraum beö äebenö aU ein 
2ßad)enber, unb ba« feltenfte, maö gefdE)ie^t, ift i^m jugieid) 
^-öergangen^eit unb ^iifunft. So bett)ä^rt er fid^ al^ ber auö== 
föl^nenbe SBermittter ber 3ßiten. Unb tpar nidE)t Dome^mlid^ 

8crna^8, ec^riftcn lU. 22 



338 (Edatattettftiten 

ber 3)tc^ter be^ ©ffe^arb ju einem foldjen SScrmittteramt 
erf oren ? 

aSic öiele^ unb öiclartigc^ mu§ borf| jufammentreffen, 
bamit ein fiun[tn)erf t)on ed)tem ©e^alt entfte^e! SIIS im 
95eginn be^ Scil^tl^nnbert^ ber S)rucf frember ®ett)alt auf 
2)eutfrf|Ianb erniebrigenb laftete unb innere Spaltungen längft 
bie SBoItefraft jerfplittert l^atten, ba fuc^te ber beutfc^e ®eift in 
ber (£rforfrf|ung be^ baterlänbifc^en Slltert^umg baö ©ett)UBtfein 
ber angeftammten ®röfee n)ieberjugett)innen. 5)aö SBiffen 
t)om beutfciien 3tltertf)um tpar eben jur gebiegenen SBiffenfd^aft 
herangereift, al^ unfer S)ic^ter emporn)ud|ö. Qtoci 3a^re nac^ 
feiner ®eburt traten Safob ®rimm^ S)eutfd|e 9ied)t^altertpmer 
^erbor, aui^ benen feine ^ßoefte ^emad^ tDa^re iJebengna^rung 
jie^en foHte ; ein Sal^r barauf folgte 3Sil^etm ®rimmö ©eutf^e 
§elbenfage. Um bie Q^xi, ba er feine afabemifc^en ©tubien 
begonnen, erfd^ien in erneuter Sfuöarbeitung Satob ©rimmö 
S)eutfrf|e 9KQtf)oIogie, bie i^m ben a^nungs^öoHen Slaturftnn ber 
SSorüäter, toie bag uralt finnbilbtic^e in ©itte unb S3rauc^ 
beutete unb i^m bie religiöfe 2lnfct)auungön)elt ber ©ermanen 
eröffnete. 3n ber großartigen Sammlung ber SRonumenta 
jeigte baö 3KitteIaIter fein ttjal^re^ Stntli^, baö früher biö jur 
SSerjcrrung entfteßt ober üon Slcbeln pl^antaftifd^en 3Ba^ne§ 
ber^üHt tt)orben. 

@o fprad) au^ unberfälfc^ten Urfunben unmittelbar ju 
il^m bie SSorjeit; unb neuere gorfd)ung Iid|tete unb erleud^tete 
i^m ben ^fab, auf bem er jum 2Inblic! ber SSergangen^eit 
Vorbringen n)oIlte. Unb toie üerfenfte er fid) in biefen gleidifam 
eroberten Slnblic! ! 5)urci)Iieft man bie bem ©Rel^arb beigefügten 
gelehrten Dueßenangaben, fo fönnte mon too^I irrt^ümlid^ 
glauben, ber Stoff ^ätte bem S)ict)ter bereit öor Stugen gelegen, 
eö f)ätte nur eineö fecfen 3^8^^if^^^ beburft, um il^n ju er^^ 
faffen unb ju betoältigen. 2lber man toenbe fid) boc^ einmal 
felbft unmittelbar an eine ber ^auptqueHen, auö benen er für 
feinen ©ffe^arb fo reid)Iid) fd)öpfte, an bie ®efd^id|te ber 



»cbc auf Steffel 339 

SSorfäHe im Ätofter St. ©allen, bie casus Sancti Galli üon 

Sffe^arb IV., bie in beutfd^er Uebertragung nun einen jeben 

be(et|ren fönnen, ber üor mittelalterlid^em Slofteriatein jurüd- 

fdiredt. 5)a toirb man fiel) überjeugen: frf)on baö ginben beö 

Stoffen toar eine entfd)eibenbe bid)terifrf|e S^at. (gl^e unter 

einer n)irret)oIIen SRaffe üon ©njd^eiten ber gorfd^erblid braud)^ 

bare Seftanbttjeile einer bici)terifd^en 2)arfteüung entbeden 

fonnte, mu^te ber leuc^tenb einbringenbe S)id)terblid baö ©anje 

fd)on ergriffen unb berftärt fjaben. @o au^ innerer 9iot^= 

tpenbigfeit ^erau^ fc^Io^ fid^ ber Sunb jtüifdien gorfd^ung unb 

S)id|tung. 

Oänjlic^ fonbert ftd^ ber S)ic^ter beö Sffe^arb üon ber 

3unftgenoffenfd)aft berer, bie unö in graue Safjrtaufenbe jurüd 

ju täufc^en tt)äf|nen, tüenn fie bie fd^tüäd|Iid) gearteten 2ageö== 

gefd)6pfe, bie i^rem t)on ber ©egentrart befangenen ©inne 

entfprungen, mit altert^ümlid} fabenfd^einiger ©etüanbung 

fümmerlid) umhängen; unb ebenfo getrennt l^ätt er fid^ t)on 

benen, bie üon ber bannenben ©etoatt ber gefd)id^ttid)en Ueber* 

lieferung fo unterjodit unb geldfjmt tuerben, ba§ fie ben freien 

@d|ritt in bie ©egentoart nid^t mefjr jurüdt^un fönnen unb 

i^nen jebeö ©efül^I für gorberungen unb Sebürfniffe i^rer Qdi 

fd)tüinbet. (£r üielme^r -^ unb babei fam il^m bie iuriftifd)e 

®d)ulung tt)o^I ju ftatten — er fielet bie 3^[tänbe ber 

SJergangen^eit in f d)ärf fter Umgrenjung ; äugleid^ fielet er inner= 

^alb biefer ®renjen aßeö in (ebenbiger gefd)meibiger SBetüegung; 

nid^t^ bleibt ftarr; im 93ereid^ ber SSergangen^eit regen unb 

tummeln ftd) biefelben Sebenöfräfte, bie aud^ unfrem 5)afein 

(Sd)tt)ung unb ©rfjebung berleifjen, e^ mit ®enu§ unb SSonnen^. 

mit |)erjenött)ef| unb ®eifteöqualen überfüllen. ®o (ä^t un^ 

ber I)id)ter unfre SSertoanbtfd^aft mit bem getüefenen empfinben. 

S^m brol^t nid)t bie ©efal^r, ba§ bie ®efd)id)te bie 5ßoefie über= 

meiftere. 3Rod)te aud) fpäter^in bie aUp enge 9iad)barfd^aft 

beö ®elet|rten unb bes; 5)id)terg bem Äünftler ju l^emmenber 

JBebrängniß gereid^en, — fo lang it^m feine SSoHfraft un« 

22* 



340 e^ataftcriftifen 

gefdimälert blieb, bejtoattg er bie ®efci^trf)te, anftatt fif^ t)on 
i^r in SBaubc fdilagen 5U taffen : er Verfügte über i^ren ®ef|alt, 
alö ob er il|n nidit bem ©ud^e, aU ob er i^n bem Seben ent== 
nommen. (£r gleid)t ben ©egetifa^ ber Sal^rl^unberte burd) 
birf|terifd^e Siermitttung am, otjite bod) bie fd^roffen @igent^üm== 
lici)feiten ber alten, längft gefd|tt)nnbenen, ja löngft nnmögtid^ 
gen)orbenen 3wftänbe absufd^toädien. S)ag ttnffenfd^afttid) er*= 
grünbete toirb jum birf)terifd^ gefrfiauten. SSerfprengte S^rümmer 
fügen fid^ an einanber, tüie jnm 333ieberauf6au einer alten 
3Be(t, nnb über i^r Ienrf)tet eine ettjig junge ©onne, njeld^e bie 
9J?enfcl)f|eit, bie unö l^ier begegnet, mit Seben^ttJärme unb 
Sugenbfrifc^e burdiftrßmt. Sa, fo na^e tritt fte in ^ßanjer 
ober Sutte, in l^öfifc^er 3^^^ ^^^^ bäuerlid)er @d^Iirf)t^eit ju 
if)m ^eran, ba§ er, toie in einem mütjelofen 8Serfef|r, mit il^r 
umgeben mag. I)a ^at er 2Ici)t auf xi)x X^un im großen, auf 
\i)x ©el^aben im fleinen; ba üerrät^ fid^ it)m i^r ©innen unb 
gütjten; er ertauf d)t bie eblen Siegungen toie bie fleinlid)en 
©ebanfen. SlRu^ ba nid)t ungerufen ber fic^ einfteUen, ber 
im ®eifteögebiete unfrei S)id^ter^ fid) gleid)fam ein eigene^ 
Sieid) gegrünbet ^at, ber §umor ? Sr fd)n)ebt öerbinbenb über 
ben ©egenfäfeen, löfenb über ben SBiberfprüdien, bie im 3RenfdE|en= 
bafein aneinanberfto^en unb fid) burd)freuäen. Sn faft un* 
bemerfbaren Uebergängen leitet er oom toürbigften jum aU= 
täglid)en, öom g^reubenjubel jur l^erjjerfdEineibenben Xrauer; 
unb inbem er bejeugt, ba§ ber fefte S)id^terfinn unberührt 
bleibt t)on ber fränflid)en ®el|nfud)t nad^ Vergangenen ßebenä- 
unb ®efeIlfd)aft^formen, verbreitet er burct) ^arfteUung unb 
®prad)e eine SBürje, bie ben attertpmlid)en Snl^alt bor bem 
3SeraIten ben}a^rt. 

Unb bod^ — toenn aud^, tt)ie vor bem Solide eine§ 
rüdtoärt^getoanbten ©e^er^, bor bem 2)id|ter ba^ 93ilb jener 
fernen 3Kenfd)t)eit in Seben^fütte unb Seben^farbe ^eU empor= 
ftieg, bennod) toäre e^ il^m !aum geglüdt, biefe untoieberbringlid^ 
entfd^munbene SBelt über bie Äluft ber Sa^r^unberte aud^ ber 



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SRebc auf Steffel 341 

empfättglidiften Ginbilbungöfraft fo beuttid) entgegettjubrtngen, 
trenn er feinen ®eftalten nic^t in ber bertrautid^ften ^eimatf|= 
üd^en 9?ä^e ben SBoben bereitet ^ätte. |)ier erfennen tüir eine 
gett)i§ l^alb unbetuu^te SKeiftert^at beö S)irf)terg, bie babnrd) 
nic^t^ t)on i^rer Sßebeutung, gefd^hjeige benn t)on ifjrer SBBirhmg, 
einbüßt, bafe fie burc^ bie SBal}! beö Stoffel fd^on geforbert 
ttjarb. aBa§ in ber ^^^tenferne gefd^at), tüirb un^ im 9?aume 
naf)e, ganj nat)e gerürft. S)a^ 2l|un unb 5)urben ber tängft 
Dom 3^i*^"ft^^^^I t)erfcf)Iungenen SRenfc^en, if)r Slnfämpfen 
gegen ben äußern ^einb unb gegen ben gefä^rIidE)eren, ber im 
Snnern ftd^ aufbäumt, ifjre 2IIltag§forgen unb i^re aujser^ 
orbentlid^en SBagniffe, ifjr Striump^iren unb Unterliegen, ba§ 
alleö n)irb angefnüpft an bie Datertänbifdien Sejirfe, bie fd)on 
mit i^reg Jiamenö ftlange in allen S)eutfd^en ebenfo (iebtid)e 
9(nfd^auungen tüie tfjeure Srinnerungen fjeröorrufen, unb über 
bie unfer 2Iuge ergebt unb entäüdtt l^infd^hjeift. ®a liegt eö 
uor unö ^ingebreitet, ba^ fd^öne ®tüd£ beutfcf)er (£rbe, ,,tr)ag 
bort äh)ifdE)en @d)tt)arätüalb unb fd£)n)äbtfd)em SKeer fid) auftaut" 
— ba njaüt ber @ee, ia ^tbi fid^ ber §of|enttt)ieI — balb 
blinft t)on ferne bie Si^eine^tDeHe, balb trägt t)or unfren 9(ugen 
ber beutfd^e ©trom jttjifd^en Uferfete unb bebufd^ten §öf|en 
feine 3Sogen mädEjtig ba^er. I)er ©änti^ ragt auf neben feinen 
^oc^gipfIidE)ten ©enoffen — unb glur unb "Jrift, SBalbe^bunM, 
SCdterfelb unb fd^attige §albe — ba ^aben fie gefjauft unb 
getDaltet, bie urDäterlid^en ®ef d^Ied^ter ! SBarum f oHen fie nic^t 
jurürffel^ren auf biefen ^eimifd^en 95oben, ber ftd^ unüeränbert 
Dor unfren Surfen ba^inftrerft? 3m ^allenben Moftergang 
fammetn fid^ bie SRönd^e, bie arbeitfamen unb bie befrf)aulid^ 
ftillen; bie tjeilige Sinftebterin pfatmobiert uub fafteit fid) in 
i^rer ummauerten Q^U^, bie SBalbfrau in i^rer fteinernen 
glitte am fteilen gel^ treibt ifjr fieibnifd^eä SBerf. §abn)ig 
]^en:fd)t auf il^rer 85urg, tuo öon ben Sippen beö ^eimlid) 
beliebten unb unfelig Siebenben bie berürfenbe SSerömetobie be^ 
feetenüoHften ber römifd)en ©id^ter tönt: 



342 ©fearafteriftifcn 

Infelix Dido, longumque bibebat amorem ! 

3eitenferne — räumUdie 9?äl^e — au^ ber SSerbtnbung 
beiber entspringt bie ftnnüd^e Säufd^ung, auö ber bie fünftlerifc^e 
aSa^r^eit fiegenb l^erüorge^t. S)a finft gänjlic^ bie @d)eibetüanb, 
bie fonft bie 9Äenfd^enaIter üon einanber abtrennt. %oIqU 
ber ®ict)ter bod^ fetbft feinen ®e[talten unmittelbar an bie 
Stätten, h)o fid^ baö begeben, tüa^ er in fün[tlerifrf)er 3lugfü^rung 
njieber^olte. (£rft fiebelt er am ^ol^enttüiel [ic^ an, bann am 
3Batbfird)(ein beim ©änti^. 3Baö er einft in ber bilbenben 
Sunft fo gern geleiftet l^ätte, baö überträgt fid) auf fein 
bilbenbeg 3Bort, fo balb er bie 9?aturerfd)einung erfaßt unb 
tüiebergiebt. Segleitet man in ®eban!en |)abumüt]^ auf if|rer 
3Sanberfa^rt, auf ber fie ®ott bertrauenb bem geraubten 
®efpieten enblid) ujieber begegnet, fo njirb man nad)fül|Ien, tt)ie 
bie tt)ed)felnben ©egenben, bie fie burdiäie^t, fid) beteben, ja, 
mitfianbeln unb mitfpred^en. SSor i^m, in bem rege 3SanberfeIig* 
feit unb ftrenge gorf d)ung§Iuft fid) einen, lag baö 95ud^ ber ®ef d)id)te 
unb baö S5ud) ber ?Jatur auf gefd^tagen : nid)t tobte Öud^ftaben, nid^t. 
unbelebte formen fanb er in i^nen; an^ beiben üerna^m er tebenbige 
Saute, bie toedenb unb erl^ebenb an ®eift unb Seele brangen. 
SBenn er ber offenfunbigen ©d^ön^eit unb SJiajeftät ber 9?atur 
preifenb unb ^utbigenb ftd) ^ingiebt, fo lodt e^ ifju bod) 
t)ielleid)t mit noc^ tebl^afterem Sieij, Sinn unb 3l^nung^= 
Vermögen in baö geheime 3Beben, in baö teife SBirfen ber 
Srbenfräfte ju berfenfen. Sr ift e^, 

S)er ju fjören tüeife in frommem ßaufd^en, 
SBie, l^errlid)er afö Sieb unb ilunftgebid^t, 
Sn ftunbenlangem, leifem 3SipfeIraufd^en 
2)e^ aSatbe^ Seele mit ftd^ felber fpric^t. 

Slber nid^t nur auö bem, toa^ er erlernt, erlaufest 
unb ertüanbert, fügt er bie Stemente feiner ©id^tung. 5)ie 
©eftalten unb 9tnfd)auungen, bie er öon aufeen unb auä ber 
gerne empfängt, tüerben bod^ nur baburd^ fein eigen, bajs er 



Webe auf ©d&effcl 343 

fein innere^ Seben — foH id^ fagen — in fie einarbeitet ober 
getinb in fie einflößt. Unb fo tpirb i^m baö eigene ©ein 
Snm Urquell feiner SDid^tung. „(£^ tarn alleg Don innen 
^erau^'' — fo erßärt er felbft in fpätern Sauren bie ©ntfte^ung 
feiner ®ebitbe; ober, toie er e^ bem 5ßaräit)aI=S)id^ter in ben 
mnnb legt: 

2)e^ eignen «^erjen^ rätl^felbunfle QkU 
(£nttt)irren fid) im ^öfifd^^bnnten ©piete. 

3lug feinen eigenen Stimmungen ergebt ftd) 3Bernerö 
fräftiger ©ang unb fein ©el^nf ud)t^tieb ; fetbfterlebteö fül^rt ju 
ber fdimerälid^^^ernften, aber nid^t unmänntidjen Ergebung, toetd)e 
bie Sieber be§ ftiüen SKanneö atl^men; ber 3ta(i)i)aü fotdier 
eigenen ©timmungen jie^t njol^I aud^ burd^ bie mfirrifdie, ftetö 
jur Äriti! bereite SBeltttjei^^eit be^ ftnnfd^toeren Äater^, beffen 
©tammbaum man nid)t bei altern Sitteraturfatern fudEjen 
barf, ber t)ielmel^r teibfjaftig auö bem Seben fid) tourbeboU in 
bie 5ßoefie ^inüberbegeben l^at. ®er 5)id^ter felbft leibet, ber* 
ätoeifett unb läutert fic^ mit feinem Sffel^arb. Sr ift eh, ber 
mit bem Siegen^burger Sifd^of in bie Sergeöeinfamfeit l^inauf* 
fteigt, njo er im erfjabenen ©turme§ungett)itter, ba§ il^n umtoft 
unb in bem nod^ erhabeneren ©rfitoeigen, baö auf bem erbüber- 
fd^auenben unb fjimmelanftrebenben ®i:pfel lagert, fein eigene^, 
t)on ©türmen burc^toü^ttes ®emüt^ jur Siu^e fdE)tt)id^tigt unb 
im SInblidt biefer ragenben ©d^öpfung^tuunber ben fdjtoer 
toud^tigen geier:pfalm ju bem em:porfenbet, ber bie 3;iefen ge=^ 
grünbet unb in unnal^barer §ö^e übex etilen Srben^ö^en thront. 
©0 tritt ber ©id^ter aud) in ein burd^au^ :perfönlidE)e§ SBer^ättnift 
jur grau 8lt)entiure, ber fpröben Ün^olbin, um bereu ®unft er 
mit ben ge^altreidE)ften unb au^gebilbetften feiner Sieber n)irbt 
SBol^l l^at er ganj unb tief fid) eingelebt in bie ®emeinfd^aft 
ber 9Äeifter mittelalterlid)er ©id^tf unf t ; toa^ in 9Jitterburgen unb 
an gürftenl^öfen gefugt unb gefungen njorben, tt)a^ im SBalbeö* 
grün unb auf lichter §aibe erftang unb fid^ mit ben 9?atur:= 



344 (Etotatteriftiten 

toutcn bcr bcfditotngten SBalbe^fäitgcr mifc^tc, ba^ toax il^m, 
feinem eigenen 3Sorte nad^, tt)ie ein Slbgtanj her unfterblicf)cn 
Sugenb unfrei SBoHe^. lieber biegen Seben^* unb ©id^tungö^^ 
Äreiö jebod^, in ben Sitteraturgefcfiid^te unb fititif i^n ein* 
geführt l^attcn, n)ie balb fd^toingt er fid^ unabhängig über il^n 
em:por! Sieinmar, 3BaIter, teolfram unb, ben er au^ ©agen* 
bunfel juerft hervortreten löfet, §einrid^ Don Dfterbingen, — fie 
alle tüerben i^m brübertidie Sangeögenoffen ; burd^ il^ren Sieber= 
munb maä)t er un^ Vertraut mit feinem ®emüt^, mit feinem 
®efrf|id — finb beibe nid^t einö? Slu^ ben jarten, auö ben 
erfd^üttemben Xönen ber alten SReifter muffen tuir erfahren, 
mie er mit ben ^öd^ften Sfufgaben ber Äunft, balb ^offenb, balb 
in büftrer SSerjtDeiftung, ringt: 

Sm fturmburd^brauften Senje 

5a^r^ id^ ba^in unb furf|e meinen Stern. 

®enn^, ha^ treuefte Slbbilb feinet Snnern jeidinet er un^ 
in ben Siebern, in benen I^rifd^e ©timmung mit epigrammatifd^ 
gefdt)drftem 3luöbrudt auf eigene, oft überrafd^enbe, niemals be* 
leibigenbe SBeife jufammentrifft. — Unb niemate barf il^n bie 
I^rifd^e ©timmung in^ Unbeftimmte, inö gorm= unb §aItfofe 
f|inein Verleiten. 9?ur ®efta(tete^ unb geftgefügteö barf Von 
il^m auöge^en. Untoiberfte^tid^ brängt il^n feine Äünftlernatur 
ju ®efd^id^te unb ©age,- h)0 fci)on ba^ innere Seben fic^ Ver* 
bid)tet unb vcrförpert ^at, fo ba§ eä ber finntid^en Slnfd^auung 
fapar genjorbcn. ©o erblül|t felbft feine St)rif, bie 3;rägerin 
feinet ©eelenlebenS, am günftigften auf c:pifd^:=fagen^aftem SBoben. 
Sel^ält man biefen epifd|en |)intergrunb im Sluge, fo verftefjt 
man VieIIeid)t, njarum ber 3i^Ö^«9 5"^ 35rama i^m ftetö ver= 
fdt)loffen blieb unb feine ^oefie auf bie 93ett)eglid^!eit bramatifd^er 
6^ara!terenttüirf(ung Veräid|ten mu^te. (£r bebarf für feine 
©id^tung gang eigentlid^ feften ®runb unb SBobeu. Sm ©ädingcr 
®ebi^t unb im Sffe^arb bot firf| ifjm biefer Von felbft, ivie ^hen 
nur bem gebornen 2)idf)ter ftdEj fo ettoaö bietet. SBergeben^ 



Mebc auf ®*cffel "845 

ftrcbte er, ü^n für feine Sßiota, für fein profaifd^e^ (£po§ Don 
bcr SSart6urg ju finben. Unermüblicö farfd^enb tpanberte er 
am 9Jl^ein, an ber S)onau awf ben Sßibelungenpfaben ; umfonft! 
S)ie SBelt, bie ®eftalten, bie l^ier üor ifjm fd^tuebten unb fdinjanften, 
fte njoHfen fid^ nirf|t t)erbid)ten. S)er getoiffen^afte Jtünftler 
jebod^ — gteidEi jebem ed^ten Äünftter näl^erte er fid^ ber fünft- 
lerifd^en Slrbeit mit ftrengem (Srnft unb üerfd^mä^te jebeö Spielen, 
mit ber Äunft — ber gen^iffenl^afte Äünftler modE)te feinen 93au 
nur auf gefd)irf|tlid^ gefid^ertem SBoben errichten. Sn SBafir^eit, 
er fonnte nid^t e^er ru^en, ate big ade Slbftraftion in einen 
bilblid^en SinbrudE üertüanbelt tüorben. 5)er 9J?Qt^u^ tvädift i^m 
fo ju fagen unter ben Rauben; feine auögelaffenften ©d^erje 
fteiben fid) in ^iftorifdE)eg unb m^ttjifd^eö ®eh)anb, — mag er 
nun, in graue ®d)öpfung^bämmerung jurüdEblirfenb, ben 95afalt 
unb ben erratifdE)en fSiod, ober in bi(bung§f|eller ©egentoart bas^ 
§eibelberger ga§ befingen, ba^ für bie germanifdie SKenfd^fjeit 
leiber nid^t me^r fprubelt. Slud| bie 3^^^"ft ^^^f ^i<SE)t im 
2lbftracten üer^arren. Stu^ if)r ertt)äd^ft im Siobenfteiner bie 
foloffal ^croifd^e SSerförperung eine^ S)ßrfer berfc^Iingenben unb 
bennod^ unftißbaren, 3^^* "^^ ©toigfeit tro^ig überbauernben 
S)urfteg. 

UeberaU ift eg beutfd^e ®efd)id)te unb ©age, benen @dE)effeIfd^e 
5)idE|tung fid^ anfrf|tie§t, mit benen fie äufammenh)ätf)ft. Äaum 
mag man fid^ benfen, bafe fie in einem anbern al^ bem üater- 
länbifc^en ©oben ttjurjetn fönnte. 5)urdE) einen ©toff, ber i^n 
in bie grembe locfte, n^ie Ji^ian unb ^rene bi ©pielimbergo, 
fonnte er tot)i)l auf lange l^inauö gefeffelt tverben, aber nid^t 
fonnte er mit bicf)terifdt)er Sraft i^n befruchten. 9iur f|eimifd)e 
©itte, ^eimifd)e^ ^elbent^um, fjeimifdje ®eifte^tf)at fann feinen 
®eift JU fdjöpferifd^ geftaltenber Stl^ätigfeit entjünben. Unb 
fc^eint ftd^ nid^t etttja^ t)on bcr fernl^aften ©efunb^eit ber beutfd^en 
§elbenbid)tung feinen Sunftgebilben mitjut^eilen ? 3Ran barf 
e^ betonen — unb baöfelbe gilt üon ben Sräeugniffen feinet 
alemannifd^n Äunftgenoffen, beö einjig unt)erglcid)baren §ebel,. 



346 ei^araftcriftifm 

ju bem @d)effet fo HcbeboU aufbüdEte unb bcn er in beffen 
eigenen S^önen fo anmut^ig ju rül^men n)uJ5te — man barf e^ 
betonen: nie fjat fid^ eine unlautere 3^^^ fct)änbenb in feine 
3Berfe eingefd^tid)en. 5)ie^ toal^r^afte ßeben, boö er im Silbe 
Dor un§ au^einanberfattet, ift gefäubert bon ben @^tadEen ge* 
meiner SSirHid^feit. S)ie Suft toe^t rein, n)o er fciiafft. Un^ 
Derl^ol^Ien blieben i^m bie ©d^äben, bie je|t am Äörjjer ber 
SJienfd^l^eit nagen unb je^ren. S)er 5tt)eiten Sluflage feinet 
SugenbgebidE|teg gab er bie Geleitworte mit: 

5)ie SBelt üon ^eut ift bienftbar fatfd^en ®ö^en, 
S)ie 3Sal|r^eit fd^tpeigt, bie @ct)önl^eit feufjt unb flagt, 
9iur Unnatur unb Süge fdftafft ©rgö^en, 
®ott ift üergeffen, SRammon^ ©tanbbilb ragt. 

•Um fo l^öl^er ift bie fittticf)e Xüd^tigfeit biefer 5ßoefte an* 
gufd^Iagen, ba ber 5ßoet bie unbebingte grei^eit feiner Äunft 
unt)erringert behauptet unb fid^ in feinem ©d^affen unb Silben 
niemals burd^ bie SiüdEfid^t auf anbre, n)enn aurf| nod^ fo ebte 
3toede beengen ober beirren Iäf;t. 9iid^t an einen parteimäßig 
abgegrenzten SCfieil be^ SBotfe^ tt)enbet fid) biefe I)irf|tung; jum 
ganzen 9SoI!e fpridjt fie. ®anje 9)?enfcf)en fteüt fie t)or unö 
i^in, t)on bereu Urfraft eine einfeitige Sitbung nod^ nid^tö ab^^ 
gebrörfelt ^at. Sn il^r ergebt eine milbe griebenSbotfd^aft an 
eine in troftlofem 3^^fri ^it fid^ felbft ringenbe, in fiegtofen 
kämpfen fid^ aufreibenbe SKenfd^fieit. 

2(1^ eine ©enefung fpenbenbe |)eifögöttin, fo tritt bie 5ßoefie 
felbft in ben SSerfen unfrei S)id|terg auf. SBon fe^nenber 
SSerän)eifIung 5ßein mufe Sffel^arb genefen, ba er ben ©räflang 
beö germanifdien |)elbenliebe^ t)om SBalt^arius; in SSirgiUf^en 
SKaßen nad)tönen läßt. Sfuf ä^nlid^e 3Seife foHte in jenem 
größten unt)oIIenbeten SBerfe §einrid^ bon Dfterbingen bon be* 
brängenber Dual fid^ erlöfenb befreien, inbem er bag 8ieb bon 
ber SZibetungen ^otf) ju feiner enbgültigen ®eftalt auöbilbet. 
2I(^ entfd^Ioffener SSorfämpfer beutfd)er ©id^tung toax er ben 



Mebc auf ©cfceffcl 347 

fünftlerifd) überlegenen SRetftem ber nciä) franäöfifd^em SRufter 
enttüidEdten ^öfiff^en 5ßoefie ju gefä^rUd^em 3Bett!am:pf entgegen* 
geftellt tporben. 3Bie einen frfimäl^Hd^ Uebemunbencn treibt man 
il^n babon; aber Seben, 3*^^^ ^^^ ^unft finb il&m nod^ frifd^ 
geblieben. I)er ®Iaube an beutföie S)id)tung ^ält i^n aufredet. - 
Sn orbeitfeliger ©nfamfeit n)äd^[t er, geneft unb erftarft am 
bid^terifd^en ©d^affen. 3;rium:pl^irenb feiert er jurfidt auf ben 
®d^au:pta^ ber frül^ern 9?iebertage. 9D?it ftrf| bringt er alö 
l^ödEifte ®ab^ ba^ etoigc Sieb bon beö ftra^fenben ©icgfrieb^ 
S^ob unb S!riem^itbenä rad£)e^eifd^enber Siebe, t)on ©ietrid^ t)on 
SSern unb Siübiger öon Sed^erorcn: 

S)er Stauen ®eifter fteigen auö ben ®rüften, 
(£in raul^ ®efci)Iedf)t, erprobt in ©renjmarf Streit; 
9?oc^ raufet i^r ®rf)Iact)truf mäd)tig in ben Süften, 
S)ie (£n!et ma^nenb alter Xapferfeit. 

So tuar ba^ breije^nte 3al|t^unbert, ba^ unfer 9?ibetungen* 
lieb entfielen fa^; ba^felbe Sal^rl^unbcrt, in bem aüe beutfctie 
S)id^tung ju fo tüunberfamer ©lütl^e gelangte, baöfetbe Scttir* 
l^unbert, baS unfer 5)idE|ter im Seginn ber Slöentiure mit bem 
SBeifjefprud^ begrüßte: 

@d)n)ingt ©ud^ auf, 5ßofaunen*S^öre, 
®afe in fternenft'arer 9?ad)t 
©Ott ber §err ein Sobtieb ^öre 
SSon ber Stürme l^o^er 3Bad^t; 
©eine |)anb fü^rt bie Planeten 
©idiern Saufg burdEi 9Jaum unb ßeit, 
^ül^rt bie ®ee(e nadf) ben get)ben 
S)iefer SBelt jur ©toigfeit.' — 

©in Sa^rfjunbert tvxU serrinnen, 
Unb ein neue^ ^ebt \xä) an — 

STudf) roh l^arren einem neuen, aUgemad^ aufbämmernben 
Sa^r^unbcrt entgegen. 2lte ein Sebenbiger n^irb unfer S)id^ter 



348 ebataftetiftiten 

btc ©c^tDCÜe cine^ neuen 3^^<^fterg überfd^reiten, im ®cfolge 
jener gettjaüigen unb reinen ®enien, beren 5Dcutfd^Ianb, o^ne 
fi^ fe(6ft aufjugeben, nie bergcffen barf, unb benen er, feiner 
öoöen @eI6ftänbigfeit in feinem Äreife fic^ 6ett)u§t, eine toaf)x^ 
fiaft männlidie SBere^rung lüibmete. SBir njagen ju erl^offen, 
baJ5 er in ber fommenben Qtit ®eifte§genoffen tt)eden niirb, nic^t 
fül^e, bie in fnec^tifd^er SRac^a^mung untüirffam tüieber^olen, 
toa^ er ttjirfung^boQ gefagt — möge bie trübfelige Steige feiner 
9?acf)al^mer abgefd^Ioffen fein für immer! — fotdie öietme^r, bie 
feinem ®inne gemäfe, aber o^ne bie t)on i^m erborgten Äunft* 
mittel, auf baö ett)ig menfd^Iid^e geriditet unb beö götttid^en 
eingeben!, in il^ren SBerfen fetbftänbig beö beutfcf)en ®eifte$^ 
immer neu erftel^enbe ^errfid^feit befunben unb ®eutfd^tanb§ 
etüig ftrebenbeö 9So(f mit ^ergergreifenben Ätängen an feine 
Zeitigen 5ßflirf|ten mal^nen. 

SBaö l^ier me^r unboHfommen angebeutet afe funftgered^t 
auögefü^rt njorben, foß feineötüegö afö ®ebädE)tni§rebe gelten. 
®a^ ®ebäc^tniJ5 beffen, ber unter un^ auö eigner ^aft fort* 
lebt, bebarf feiner 3tuffrifci)ung burd^ ungenügenbe JRebe. S)a^ 
befdieibne 3Sort, baö ^ier Vernommen tt)orben, foüte unS nur 
t)or bie ©eelc führen, toa^ fein bcibifc^eö Sanb, baö er fo geliebt 
unb liebenb berl^errlid^t, toaö fein ganjeö gro^e^ I)eutfd^tanb, 
ja n)a^ jeber, ber burd^ beutfd^eö 5)idf)termort bie SRad^t be^ 
beutfdien ®eifte^ an fic^ erfahren, unferm ®id^ter innig ju 
banfen ^at unb audE) in B^^f^i^ft treulirf) bauten tt)irb: 



Bcgiptcr. 



mb-bott, tS. 51. 173. 
^IcIiuS ©partianuS 246. 
2lefc6^Iu§ 273, 276, 337. 
^leyanber b. ®r. 261. 
2lntoniu§, aJlarcuS 236. 
SCrbcn 34. 
2lrbcn, max\) 21. 
3lrbcn, Stöbert 21. 
tÄriofto, S. 178. 
^riftotelcg 4, 209. 
^rnim, Subwifl tjon 325. 
5lfnnfl. SubmiDa 229. 
Slubre^, 3ol)anncS 6, 14. 
mufiuftuS 293. 

iBacon, grancig, 2orb SlJerulam 69, 

181—183. 
«nl)rbt, Ä. g. 219. 
23ale, 3ol)n, 93if4of ü. Offor^ 39, 

57, 58, 66, 85. 
«ame, ffl^cfcarb 42- 
öatteuy, e. 209. 
^eder, Äarl gricbri* 290. 
a3cctcr, ffl. ®. 267. 
^eetbooen, $?. d. 170. 
^cn Sonfon 14, 51, 95, 97, 114, 

166. 
»ettcrton, a^onm« 6, 14. 
IBlanfcnburö, g. %. tjon 209. 
IBIunt, ©ir ©btiftopöer 69. 
Äobcnftcbt, gricbridj üon 140. 
«ödinfi, ßbuarb 265, 281. 



iBoIinöbrofe, ©enrg ®t. 3o()n 80. 
öoSmeü, 3amc§ 90. 
öraunfcbrociö, Äarl I. tj. 187, 210 

—218. 
33rautifc6ioeiö, Äarl SBiÜ^cIm gerbi« 

natib t)on 218, 219. < 
Brentano, Siemens 325. 
93ütbe, ©amucl ®ottl. 268. 
Öutbaböc Samcg 53, 54, 89. 
93urbaöe, Kicbarb 165. 
SJurgble^, Sorb 42. 
Öurf&arbt, ß. 2(. ?>. 241-250. 
93nrnet, Gilbert 85. 
S5utler, 6öarle§ 5. 
f&tixon, Sorb 178. 

Sacfar, SuHuS 236, 261. 
Galbcton bc la ^arca 47, 263. 
(Eallot, 3acquc!g 235. 
gambcn, SBiHiam 32, 69. 
6amo6n§ fiuij bc 263. 
Lampion, ßbmunb 38, 86—88. 
eatuüuS 227, 239. 
gatocnbifö, btnxx) 86, 87. 
gcroanteg, gKiflucI bc 47, 205, 296, 

337. 
G^^alnterd, @corge 19. 
ßbapman, ©corßc 140—142. 
(£l)ettlc, $cnrp 97. 
golcribflc, ©amucl Saplot 131, 141. 
eoÜicr, 3. ?5a9nc 7, 16, 17, 27-29, 

40, 42, 54, 58, 70, 79, 90, 116. 



350 



Slcflifter 



gonborcet, JRarie Scan Äntoinc 283. 

ßomciUc, ?5icrrc 175. 

Gomiftc 24. 

6otta, 3. ®. 238, 264, 265, 278, 

283, 284. 
©oubcfl, ©cnr)^ 165. 
Granmcr, Sftomag 38. 
eraffu«, aWarcu« 2iciniu§ 236. 

S)'«Icmbert, ^crni HO. 

S)anicl, ©. 7. 

S)ante «Ufll)icri 101, 111, 238, 264, 

265, 337. 
S)aöieg, Mcöerenb Mict^arb (nic^t 

Saoib) 8—14. 
ScHu«, «Rifolau« 12, 61, 103, 112 

—126, 148, 149, 157. 
ScnniS,.3o^n 63. 
S)e QuinceQ» Sboma^ 18. 
^ttm. ©ifliam 32. 
S)cücnQnt, ©ir SBilliam 14. 
S)ict, m 174. 
S)icj, griebri* 178. 
Silt^et). eUbelm 281. 
Sion^^fio^ t)on ()ali!aTna^ 261. ^ 
SowboH 6, 18. 
2)ra!e, 3flat()an 19, 77. 
Sra^ton, Tlxd^ad 14. 
Stäben, 3ot>n 79, 103. 
S)üntcr, ©einri* 229, 236. 
S)^ce, ^leyanber 12, 28, 41, 42, 86, 

142, 157. 

ßflcrton, Sir %[)oma^ 7. 

einfiebcl, giicDri* ?>. ü. 224. 

ßUcSmerc, 2orb 7. 

enflcl, 3. 3 205. 

etiölanb, Gbroarb VI. d. 19—21. 

englanb, glifabctl) t). 7, 8. 11, 21, 
22, 35, 37, 38, 43, 44, 49, 55, 
69, 80, 83, 84, 90, 91, 95— 
98, 157. 

ßnflianb, ©einrieb IV. t). 70. 

©nglanb, ©cinridö V. d. 65. 



önglanb, ©einrieb VI. u. 56. 
englanb, ©einri* VIII. u. 20, 21, 

89, 91. 

(Jnölanb, 3atob I. ö. 7, 55, 83, 

90, 97. 

ßnfllanb, S^Ö^"" »• ^ö» ^^* 
enfllanb, üJlaria Subor 20-22, 38. 
enfllonD, gii^arb IL ü. 69, 79, 83. 
(Jnölanb, Micbarb III. o. 4, 38. 
ß((ftenbur0, 3ol&önn 3<><i4int 145,. 

208, 209, 221. 
ßefcleg, »aronin b. 242. 
effcr, @rQf 8, 69, 80, 81, 83. 
euripibe« 273, 275. 

@t)QnS, ©it ©ußlb 10. 

garmcr, ©ußo 79, 92. 

gidjte, 3ol)ann ©ottlicb 219, 220, 

285. 
ginf, ffi. 267. 
gictcfeer, 3o^n 95. 
gorman, ©)jmon 79, 80. 
gorfter, ©coro 283. 
SreiUflrat]^, gerbinanb 141. 
goy, 3ot)ti 94. 
guHcr, 3:l)oma§ 64. 
gulman, fflittiam 9, 12. 
Su6. 3- S- 236. 

0crüinu8, ©eorg ©ottfricb 4, 143, 

296. 
@e§ncr, 3o^ann ÜJlattbia« 301. 
©ibbon, abwarb 245. 
©ilbcmciftct, Otto 178. 
©leint, 3. SB. 221. 
©oebcfe, Äarl 266. 
©oct^c 3, 4, 13, 49, 76, 104, 111, 

121,129,155,164,181, 205- 

209, 224, 227, 229, 234—241, 
252, 265, 273, 277—279, 295, 
311—313, 315. 

©oeje, 3. m. 212, 215. 
©reflor von %o\xx^ 293. 
©reflor XIII. 46. 



Wcßiftet 



351 



©riinm, Safoblßl, 313, 317, 338. 
©Timm, ffliIMm 313, 338. 
©ruber, 3- ®. 271. 
©uljraucr, ®. ©. 213. 

©abrion 246, 247. 

©äuffer, 2ub»iö 332. 

{)aQam, ()enrt) 6. 

(>aaikDea. $^iltpp$ SiameS D. llr 

18, 28, 29, 64, J50. 
^alpin, % 3- 33. 
()ami(toti. ^ntbon^ 7. 
t)art)enbcrfl, gricbric^ toon 263, 264, 

285, 313. 
©arbenbcrfl, ©corg 3(nton öon 

263. 
t)arjcnbuf(^, 3uan @uflcniu§ 47. 
^axv^X), ©abricl 67. 
(>atf)airQ^, ^nna 19. 
©Q^m, Mubolp^ 262, 263, 281. 
?)ai)roarb, ©ir 3obn 83. 
©ebelr Sodann $etcr 345. 
t)eblcr, 6. 123. 
©eöcl, ©corg fflil^. gricbr. 4. 
©cmcmann, O. oon 208. 
t)cminflc, Sol^n 165. 
©crbcr, Sobann ©ottfricb t). 222, 

237, 277, 283, 292. 
^crrig, !i!ubmi0 228. 
^er^bcrg, ©uftao 5ricbri(^ 152. 
©e^Un, ^tttx 15. 
©c^nc, S^riftian ©ottlicb 301. 
©irgcl, ©Qlomon 243, 244. 
©offmann, Q. £. 21. 235. 
©offmciftcr, Äarl 253. 
©olingbeb, Mapl^acl 61, 72, 85-88, 

121, 123, 133. 
feomcr 3, 138, 140, 141, 272. 
©oraj 209. 
{)ooper, 9it(barb 142. 
(>ougbton, £orb 141. 
(>okDcg, @bmonb 89. 
t)umboIbt, fflilbelm ü. 206, 275. 
©unter, Sofeplj 11, 13. 



Snfllcbp 7. 

Sfotratc« 261. 

Sacobi, %. &. 13, 227, 283. 

3abn, Otto 234, 248, 249. 

3amcs, Micbarb 64. 

Scan $aul Sricbri* Siebter 235. 

Scrufalem, Ä. ffl. 209. 

3;erm§, Sw^nfen 157. 

3ot)nfon, 14, 72, 146. 

Sol^nfon, SBißiam 54. 

3ona§r ?5ropbet 41. 

Sofepb n. 224. 

Äant, Immanuel 283, 284. 
ÄcatS, 3obu 141, 142. 
tettncr, ©uftaü 258. 
Älcttcnbcrfl, ©ufanna Äatbarina t>. 

246. 
Äünflcmann, ßrnft 5(ufluft 178. 
^lopftocf, gricbri* ©ottUeb 267, 

294, 311. 
Änebcl, ^arl Subroiö u. 237. 
^niöbt, 6()arlc§ 125. 
Äoberftcin, Äarl Slufluft 262, 263. 
tölbing, ßuflcn 142. 
Äömcr, ©briftian ©ottfricb 239, 

253, 269, 275, 278. 
Äojcbue, 5lufluft ü. 275. 
Äretfcbmann, Äarl griebri(!^ 267. 
^ur}, ©ctnrid) 96. 

Sa S3rui)6re, 3can be 175. 

2a Fontaine, Scan bc 175. 

Satbmann, Ä. 221. 

Samb, e^arlcS 141. 

Sambcrt, (SömunD 22, 24. 

Sambcrt, 3obn 31. 

Sanflbein, ^rnft 267. 

San^am, ^obn 54. 

2a SHocbc, ©opbie ü. 227, 228. 

2a Slotbcfoucaull), gran^oiS 175. 

Satimer, ©ußb ^8« 

2amtcr, Sobann ^aSpar 229. 

San), DWat^cro 81. 



352 



Gegiftet 



Seibnii. 0. ®. 207. 
Seiceftcr, Mobcrt ©ubfe^ 33, 51. 
Sens, ?{. !ro. Mcinbolb 229. 
£epibud, Warcud Hemiliud 236. 
Seffinfl. ©ottbolb evbraim 4, 103, 

104, 187-222, 229, 249, 277, 

280, 283, 285. 298. 
lÖeffmö, St. 207, 211, 216, 218. 221. 
fiidjtcnbcrß, ©corfl Sbriftopl) 229. 
Sinbemann, $. 128. 
Sinönrb, 3oI)n 11. 
SittT6, tWnyimilien %. (S. 102. 
fiobec!. (Ebriftinn 2lufluft 175. 
Soeben, Sc^ann SBilbefm 237, 289 

-299. 
fioejjcr, ®uftnt) ü. 155. 
Sopc bc ajefln 47. 
Sorfin, Sboma« 80. 
Sucan 96. 

Suci). eir Sboma§ 9, 27. 
fiutbcT, aWartin 174 209, 212, 214. 
29fm§ 261, 

lUlalonc, (Jbmonb 20, 64, 79. 90 

—92, 120, 150. 
^nl^abn, ®enbelin, Sreiberr t). 187. 
SRnnninflbrtm, 3;obn 120. 
tU^nnfo, Sobann ÄaSpar griebricb 

267, 290. 
Tlaxlom, Gbtiftopb 41-43, 56. 
tlRartpni'gaöuna, ^ob. aioi§ 267. 
ÜWnffmfler, WliVV 147. 
tUleier uon Änonau 229. 
3}lenbcI§fobn, %amX} 155. 
tmcrd, ?{obann ipeinricb 222-233. 
9Kere8. granci§ 119, 166. 
mtxid, ®ir @inp 69, 79, 80. 
tIReufel, 3. ®. 221. 
2Ricbcl Stngclo öuonarroti 101. 
miton, 3obn 51, 53, 133, 166. 
aJlinor, Safob 286. 
IRöfer, 3unu5 267. 
HJloIiere, 3ean «aptifte 175. ' 
^ontaflu, f&afxi 69. 



SWontaiane, Wd^l ßi^iuem be 124. 
OWofclp, TOnurermeiftet 19. 
^oiart. SJoIfannfi Hmabeud 243. 
WüOer, ^bam 284. 
aWüHer, ernft 266, 267. 
aWüIler, 3. uon 13. 
OTüner, Äanjier v. 241. 
OJluretud. SJlarcud Antonius 46. 

^ated, SRobett 158. 
5?eitbatt üon Kauentbol 324. 
9«colQi, e^riftopbSnetJticb 187,221, 

229. 
ißiet^Qmmer, Sriebr. 3. 280, 283, 284. 

OctauianuS 236. 

OfterbmQen, ^einrieb t). 344, 346. 

OlDcQftle, 6ir 3obn, £orb Eobl^am 

62, 65—68. 
Otto, @. &)x. 235. 
OüibiuS 124, 238, 240. 

Vascal »laife 175. 

^Jecle, ®eorge 42. 

?Jerfr)n, 3obn 54. 

?^etTarca, SranccSco 238, 333. 

$biHp«r Stufluftine 70. 

m^iV^f ebroarb 53. 

^idjler. (Earoline 241—245. 

?Jinbar 272. 

^laton 260. 

$Iutarcb 123. 

$ümpeju§, 0näu§ 236. 

$ope, Slleyanbct 157. 

?Jrcu6en, griebridj SBil^elm III. t>. 

289. 
^JropertiuS, ©ejtu« 237—240. 

Slacine, ^tan be 175. 
mi 212. 
Kafael ©anti 170. 
iÄtticb, 3- 3)1. 263. 
9{aumer, ^riebrict) Don 292. 
Weeb, 3faac 111. 
Meflel, i>. m. 142. 



SJcgiftet 



353 



Megnier, 2(b. 175. 

Me^betö, ^lufluft ©il^elm 229. 

SRcid&arbt, 3- S. 280. 

SReimatu«, eiif« 216, 217, 219. 

SReimarug, n. 216. 

MeimoruS, ©.211, 214, 215. 

9leimer, ©cora Änbrcag 284. 

SReinl^olb, ^avl Scon^atb 271. 

SHeinmat 344. 

9lci8!e, emcftine 243. 

Werner, 212-214. 

Miblcg, 9HcoIaS 38. 

»iebcl, 3. S. 221. 

Micmer, Sriebri* SBil^icIm 237. 

9«o. «. g. 3, 4, 7, 9—11, 14-16, 
18, 20, 21, 23, .24-27, 29, 
31, 32,34—43,51-55,57-63, 
65-68,80,82,84-88, 91-96, 
98-101. 

Mitfon, 3ofep]& 42, 65. 
Mittet, «)emri* 285. 
StobeiSpieTte, ^a^milten 267. 
Mome, 9li(JoIa8 63, 64. 
WotDle^, ©amuel 92, 93. 

©ablet, ^amnet 36. 

©Qbicr, Subitl^ 36. 

©abier, Moflet 24. 

©afluft 293. 

©appl^o 272. 

©caliget, Sofepl^ 237. 

©djcffel, SBictot oon 329-348. 

©Delling, Sriebrict) 9BtIbe(m 3* von 
283. 

©ctiUet 3, 4,^235, 239, 240, 241, 
248, 251-258, 261, 264, 269, 
271, 273, 277, 278, 283, 284. 

©«legel, ^uguft 9BiIbe(m 10, 11, 
13, 52, 108-110, 136, 137, 
140, 142, 143—147, 149, 
151-155, 164, 177,238,261, 
263, 264, 269, 275, 281, 298. 

©cbleflel, Satolme 145, 263. 

©cblegeU e()aT(otte 263. 

eerna^«, ©(Reiften lU. 



©*leflel, Sriebricft 205, 238, 258 

—286. 
©cblcicrmactier, ?Jricbrid& gnift 282, 

283, 285. 
©cbloffer, 3obann ©eorg 283. 
©cfemibt, ^llejonbcr 109, 110, 142, 

143, 150-152, 155, 156, 159, 

161, 165, 170—176. 
©c^mibt, Seopolb 47. 
©cftnaafe, Äarl 292. 
©d&non oon Eorotefelb, granj 267. 
©(gröber, Sriebticb Subtoig 132. 
©*rbcr> Sobiag ©ottfrieb 267. 
Bd^mh, ©uftab 312. 
©cott, ©ir SBaltct 103. 
©eoern, ß^arlcS 15—17. 
••©bafefpcatc, Anna 23. 
©bofcfpeate, Soljn 19—32. 
©l^afefpeare/ 3Marp 19 
©l^atcfpeare, Wicbatb 21. 
©Mcfpeare, SBiOiam, 3-183, 194, 

205, 209, 291. 
S\)xtw&huxt), (Sari bon 54. 
©i(t)e» 3:i^oma§ bon ^rleiScote 21. 
©iliu« 3talicu§ 96. 
©impfon 10, 11, 27, 36. 

©olöer,^arl3B«beImgcrbinanb 164. 
©ometbiQe, 9BtIbeIm 35. 
©opi&otleg 111, 205, 273, 274. 
©outl^ampton, &xaf 7. 
©penfer, ©bmunb 133. 
©pielimbergo, ^tene bi 345. 
©tQl&r, a. 205. 
©tarf, Äarl 128, 129, 132. 
©taunton, {)on)arb 138. 
©tccoeng, ©eorgc 6, 64, 94, 111, 

150. 
©teffcnS, t)einri* 290. 
©tcrlinö, öarl b. 124. 
©temer Satorence 296. 
©tolberg, 8ricbri(J fieopolb 13. 
©toto, Sol^n 89. 
©tuart, 3Jlaria 47. 
©üoern, ^Bil^elm 273. 

23